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Full text of "Velhagen & Klasings Monatshefte 19.1904-05, Band 3"

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ca Velhagen & Klalings s&s 


MONATSHEFTE 


Jahrgang 1904/1905 | 


esoses 92, Band su su s9 


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Berlin, Bielefeld, keipzig und Wien ° 
Verlag von Velhagen & Klaling 


LOAN STACK 






Geite 
Romane, Novellen und Verwandtes. 


Auerswald, U. von: Der Steinmeß. Novelle 291 
Erdmann Jesniher, Celma: Belenntniffe 
eines jungen Mannes . . 162 
Höder, Paul Däfar: Dodi. Roman 113, 
251, 361, 473, 
Kyber, Carl Manfred: Cisgang. Roman 425, 
Rangau, Adeline Gräfin zu: Hans a 
Roman (Schluß).. 1 
Schnitzer, Manuel: Agathe Frohlich. Novelle 7 


Sommer, Anna: Die ——— Sonne. 
Eine Kindergefchichte ; . . 665 
Gedichte, Sprüche, 
Börner, Julius: Frihlingswandern . . 346 
Brandt - Caspari, Alfred: „Komme bald...” 304 


Bulle-Ralma, Georg: Das — vom nr 
ſchuh 


38 
— — Sanft in den Schlaf. 


. 155 


— — Romantijdhe Nadt . . 290 
— — Mein Frühlingslied . . 346 
— — Attijder Park. . 407 
— — Oftfee-Lieder . 698 


Cefftein, Ernſt fF: Unbefriedigt . F 54 


Erdner, Fritz: Erſter drũhlingstag . 272 
— — Leßzte Lebenskunſt. . 463 
— — Nädtlicher SOME: . 540 
— — Eommernadit . . 682 
— — Ein Wort . . 682 
— — Piet Menfdjen . 682 
Falke, Guftad: Verfrüht . . . . 208 
Glaß, Luije: Frühlingglaube . . 347 
Harder, Agnes: Narzifien . . . 450 
Havemann, Julius: —— . 440 
— — Fremde Seelen . . 704 
Heffe, Hermann: Julikinder. . 612 
Hoffmann, Hans: Lebensmut . 192 
Hüdinghaus, Karl Auguft: Das Lächeln . 697 
an Karl: Heddy Holden . .. .423 

auſe, Helene v.: Warten. 2 . . . 572 
Langewieſche, Wilheim: Die — . 404 
Lauff, Sojeph: Schiller ; 233 
Qiining: Die Mutter . 617 


Münchhauſen, Borrics, Schr. von: Daheim! 347 


XIX. Jahrgang 1904/1905. 
Bweiter Band. 
— Die illuftrierten Beiträge find mit * bezeichnet. — | |) 


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Inhaltsverzeichnis. 4 Pye 


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AV LUA 


Seite 
Nifalf, G.: König Ortler . 48 
PRuttfamer, Wlberta von: Die poeſie 681 
Ned, Grete: Novelle . 424 
Ritter, Grid: Bruchwandering. 69 
— — Lofomotivenpfiff . . . 384 
*Römer, Alwin: Vom Bonner Friedhof. 
Ein Schillergedembiatt. Schmuck und 
Schrift von H. Wieyn— 2. 2. 2... 82 
Schafer, Gerhard: Vorfriihling . . 271 
Schanz, sia Singe, Nachtigall! . 347 
— — Im 496 


En ® v.d.: Golſteiniſcher Früh⸗ 
3 


lin 7 
Strauß und Torney, Lulu von: : Chrouit 55 
— — Mutter Erde . . . 345 
Tielo, U. KR. T.: Waldweg . ede we at ADS 
Bitlop, Philipp: Am Nedar . . 176 


Vom Schreibtiihi und aus dem Htelier. 


* Gärtner, Kapitän Karl: In Gefangenſchaft 
bei den Sapanern. Mit dem Bildnis des 
Verfafierd . . —— 77 
Grieg, Edvard: Mein erſter Erfolg 
Lignitz, General von: General Sfobelew . 402 
— — Gan Etefano und der Berliner Kon- 
greß im Jahre 1878 . 
Mündomw, Bernhard: Vou Fürften Bismard. 
Bum 1. April 1905. une an 
Friedrichsruh. 2 2... it 


Kunit und Literatur. 


Bufle, Carl: Neues vom va 102, 223, 
348, 459, 573, 699 
*Engels, Conard: Wnfelm Senerbach. Mit 
drei Einfchaltbildern und fiebzehn Text— 
illuftrationen in Tondrud . . . 137 
* Sleihen-Rußwurn, Mlerander Sehr. don: 
Sdhiller-Wndenfen. Ein Blid in das Mu— 
jeum zu Greifenftein. Mit zwanzig Ab— 
bildungen nach Originalaufnahmen . . 357 
*Heyck, Prof. Dr. Ed.: Das Meer in der 
Bolkjeele und in der Kunft. Mit fiebzehn 
Abbildungen in Tondrud a un 


gemälden . . . 4 Ein 


IV 


*Odjfner, J.: Die Frauen in Schillers Le- 
ben. Mit einundziwanzig Abbildungen 
* Keffer, Dr. Hermann : Volfsfunft und Drama 
in der Edyweiz. Mit zwanzig Abbildun— 
gen nad) Originalaufnahmen 
*Rleefeld, Dr. W.: Jungdeutſche Bühnen- 
fomponiften. Mit achtzehn Abbildungen 
*Madowsfy, Dr. Haus: Tie Medaille der 
Renaiſſance. Mit zwei Einjchaltbildern 
und fiebenundzwanzig Tertabbildungen 
*Rieticdh, Pros. Ludwig: Perjönliche Erinne- 
rungen an Adolf von Menzel. Mit Bild- 
nis und vier Driginalzeichnungen des 
Künstlers . . . 
*Rhenanus, Georg: Aus der Blütezeit der 
Silhouette. Eine funft- und fulturgefchicht- 
lihe Studie. Mit zwei Einfchaltbildern 
und einunddreißig Tertilluftrationen . 
*6., H. v.: Glluftrierte Rundichau 107, 227, 
393, 464, 578, 
— — Bu unſeren Bildern 107, 227, 353, 
464, 578, 
Wegener, Dr. Georg: Dichtung und Bar: 
heit einer Südſee-Geſchichte. . . 


Sonitige Auffätze. 


"Buß, Georg: Badeleben in alter Zeit. Mit 
fiebenundzwanzig Abbildungen . 
Fred, W.: Indiſches Leben . ; 
Wolg, ©. Frhr. v. d.: Karl von Slaufeiwit 
* Srevenftett, Heinz: Vas Freiluftmuſeum 
Sfanjen. Mit dreiundzwanzig Abbildungen 
in Tondrud nad) Originalaufnahmen 
* Heffe-Wartegg, Ernft von: Benares. Meine 
RWalifahrt nach dem indiihen Olymp . 
*Hend, Prof. Dr. Ed.: 
Portugals. 
nahmen . 
* Meyer, Dr. Me. Wilhelm: Rieſen der Vor— 
welt. 
in Tondruck von W. Kuhnert 
*— — Das Zeißwerk und die Glashütte i in 
Sena. Mit zwei Einichaltbildern und 
neunundzwanzig Abbildungen in Tondrud 


Die glückliche Zeit 
Mit jechzehn Driginalauf- 


*Othmer, B.: Die Farnfräuter. Eine bo» 
taniſch-gärtneriſche Plauderei. Mit ein- 
unddreißig Ylbbildungen, zum Teil in 
Fakſimiledruck 


Plehn, Dr. Hans: Drei Stegouten des briti- 
ihen Weltreihd . . . 

*Raimund, F.: Nelken. Mit neun Wana: 
rellen in Fakſimiledruck von Curt Agthe 

Sendling, Dr. Hans: Maijitte und Mai- 
Ichen —— care ae ts ee ee oes a, 

*Qincenti, Carl Frhr. von: Schönbrunn. 
Cpaziergänge durh Schloß, Park und 
Geſchichte. Mit jechzehn Originalaufnah- 
men in Tondruck 

Wegener, Dr. Georg: Ver Chineje ‘als hem- 
der Arbeiter . . 

* Weißhaupt, Arthuͤr: Die großen stagen. 
Mit elf Originalaguarellen von W. Kuh— 
nert in Fakſimiledruck. 

*Dobeltig, Hanns von: Bei den Schweizer 
Uhrmachern. Mit zwanzig eer 
nad) Originalaujuahinen . 


Mit zwanzig Originalzeichnungen 


Seite 


2 


633 
39 


. 618 


. 193 


. 497 


635 
325 


. 409 
. dil 


NOT 


. 209 


Inhaltsverzeichnis. 


Seite 
Neues pom Bichertifch. 
Beyerlein, Franz Adam: Similoe Hegewalt 104 


Blüthgen, Victor: Yur Kinderparadieje . . 350 
Bujd, Wilhelm: Bu guter Lege , . 351 
Enfing, Ottomar: Patriard) Mahnke . 460 


Ernft, Otto: Asmus Gempers Jugendland 102 
Fiſcher, an. Hans HBeinzlin.. . 703 
Flaiſchlen, ajar: Joſt Cevfried . 703 
Fontane, Theodor: Briefe an feine Familie 223 
Franzos, Karl Emil: Neue Novellen . 106 
Hegeler, Wilhelm: Flammen : . Di6 
Herzog, Rudolf: Das Lebenslied . . 461 
ae Hugo von: Das Marcher der 
672. Nacht und andere Erzählungen . . 106 
Kreger, Mar: Familienfflaven . 0 
Rriiger, Hermann Andreas: Gottfried Kämpfer 462 
Kurz, Iſolde: Neue Gedichte . . 349 
Langewiefde, Wilhelm: Planegg . . 352 
Müller, Hans: Der Garten des Lebende . 352 
Nora, u. de: Stiirmijdes Blut . 359 
Oftint, Frig von: Arme Seelen 463 
Ploch, Ludwig von: Das Jauchzen der 
Beigen. . . 977 
Bolenz, Wilhelm von: - Glüdliche Menſchen 460) 
Presber, Rudolf: Dreiflang 351 
Puttfamer, Alberta von: Jenſeits des Lärms 349 
Reuter, Gabriele: Wunderliche Liebe . . HTH 
Schaffner, Yafob: Srrfahrten . . 577 
Schnitzler, Arthur: Die griedyische Tängerin 225 
Schönherr, Carl: Caritas . . . 702 
Stray, Rudolph: Yd) Harr’ des Slücs . 701 
Thielo, U. 8. T.: Thanatos . . 352 
Viebig, Clara: Naturgewalten ; — 
Villinger, Hermine: Mutter und Tochter . 226 
Viereck, Georg Sylveſter: Gedidjte . . . 352 
Wilbrand, Adolf: Erinnerungen 699 
Kunitbellagen. 


Bradt, Prof. Eugen: Hochmoor in Norwegen. 


Olſtudie. Fakſimiledruck. zw. 1201. 121 
— — Letzte Triebe (Motiv aus Norwegen). 

Elſtudie. Fakſimiledruck. .3w.1251.129 
Ende, Hans am: Waldesdunfel. Olftudte. 

Faiſimiledruck . 310.472. 473 


Feuerbach, Anjelm: : Studientopf. Zeichnung. 
Fakſimiledruck. . . . .3w.1361.137 
Kuehl, Prof. Gotthard: Im Vorraum eines 


Lübecker Patrizierhaujes. Gemälde. Fak— 
ſimiledruck .. . atv. 360 u. 361 
— — Der Stallhof zu Dresden. Farbige 


Zeichnung. Fakſimiledruck . 3W.3681.309 
— — Aus dem Arbeitszimmer des Künſt— 

lers. Gemälde. Fakſimiledruck. 3w. 376.377 
— — Am brauſenden Waſſer zu Danzig. 

Farbige Zeichnung. Fakſimiledruck zw. $84 1.385 
Liebermann, Prof. Max: Holländerin. Aqua— 


rell. Fakſimiledruck. . . 3w. 8 FAL DSO 

— — Wirtshausgarten. Paſteliſtude. Fak— 
ſimiledruck. . aw. 592u. 093 

— — Wm Strande von Scheveningen. Pa— 
ſtellſtudie. Fakſimiledruck. 3w. 600 u. 601 

— — Bildnis. Aquarell. Fakſimledruck 
aw. G08 u. 609 

Mar, Prof. Gabriel: Frühling. Gemälde. 
Fakſimiledruck . . zw. 232u. 233 


Inhaltsverzeichnis. v 


Seite 
Mayer, Prof. Rudolf: Der Philoſoph. Pla- 
fette. Saljimiledrud . . 30.104 u.105 
Ceiß, Otto: Der Gelehrte. Gemälde. Yal- 
ſimiledruck. . . .3w.112u.113 
Vogeler, Heinrich: Abendjonne im Moor. 
Gemälde Yakjimiledrud . Titelbild 


Cinichaltbilder. 


Balmer, Wilhelm: Die vier Brüder. Ge- 
mälde. Tondrud F 3w.72u.73 
Bilbao y Martinez, Gonzalo: Sigennerfami- 
lie. Gemälde. Zondrud. . 3w.208u.209 
Böcklin, Arnold: Eich, e3 lacht die Au. 
Gemälde. Tondruck . tv. 264u. 265 
Buſſe, Hans: Ausklingender Tag. Gemälde. 
Tondrud- . . .3W.68U 0.681 
Butterjad, Bernhard: Der Mai ijt gefommen. 
Gemälde. Tondrud . iv. 272. 273 
Dorjd), Ferdinand: Träumerei von Eu» 
mann. Gemälde Tondrud zw. 336 u. 337 
Edelfelt, Albert: Alte Frauen gu Ruokolax. 
Gemälde. TZondrud . . . . 3w. 48u. 49 
Engelmann, Rihard: Im Wind. Skulptur. 
Tondrud . . . 3w. 664 u. 665 
weiner + Brehmer , 9.: Aus der Gommer- 


friſche. Gemälde. Tondrud . 30.440 u.441 
Feuerbach, Anjelm: Iphigenie. Zeichnung, 

Tondrud . . 3w. 144 u. 145 
— — Melancholie. Zeichnung. Tondrud 


3.152 u. 153 


Tlorentiner Meifter: Filippo Strogzi. Me- 
daille . . . . gv. 632 0. 633 
Gocbel, D.: Waldwieje bei Daly Gemälde. 
Tondrud . . . . 30.640 u. 641 
Gottheil, 4.: Aus Danzig. Photographie. 
Tondrute . . zw. 446u. 497 
Graner⸗Anufi, L.: Heimkehr von der Arbeit. 
Gemälde. Tondrud . . . 3w.16u.17 
Herrmann, Prof. Hans: Vor Ankunft des 


Dampfers. Gemälde. Tondrud ziw.648u.6-10 
Hod), Franz: Die Dorjfirde. Gemälde. 

Tondrud . zw. 32u. 33 
Hochmann, Franz: Bauer ans Ditfriestand. 

Gemälde. Tondrud . . z3w. 56 u. 57 
Hollyer, Frederick: George Meredith. Bhotoe 


graphie. Tondrud .. 3w. 552.553 
Junghanns, Julius Paul: ym Baumicat- 
ten. Gemälde. Tondrud . 30.704.705 


Kuhnert, Wilhelm: Der Triceratops, die Drei— 

horneidechje. Originalzeichnung. Tondrud 
zw. 392 0.393 

— — Riejenhirjdh. Driginalzeichnung. Tone 
drud. . . . z3w. 400 u. 401 

Lavery, John: Erſte Kommunion. Gemälde. 
Tondruck .3w.176u.177 


Leibl, Wilhelm: Väuerin mit Kind. Gee 
mälde. Tondruch.. . . .3w. 456 u. 457 

Mayer, Prof. Rudolf: Schiller-Medaille. 
Tondrud . «tv. 3521.35 


Menzel, A. vow: Zujchauer beim Einzug des 
Rronpringenpaares in Berlin im Sahre 
1858. Gemälde. Mit Handichriftlicher 
Notiz des Künſtlers. 

Mesdag, 9. W.: Stille vor dem Sturm. 
Gemälde. Zondrud . . . 30. 2851.25) 


Tondrud zw. 192u. 193 | 





Ceite 


Müller, Being: Heimfehr. Bronze. Ton- 
dbrud . . . 3w. 424 u. 425 


Overbeck, F Jin Mai. Gemälde. Tondrud 
3w.304 1.305 
Perſcheid, N.: PBrofeffor Mar Klinger. Pho- 
tographic. Tondrud . . . .3W.520u.521 
Futmann, Julien: „Es jhneit.” PBhoto- 
grap i Sondrud. . . . .30.572u.573 
Puyo, C.: Bei der Lektüre. Photographie. 
Tonbri . 30. 576u. 577 
Renoir, Firmin Auguſt: In der Loge. 
Gemälde. Tondrud . . zw. 8u.9 
Schmidt⸗Keſtner, Erich: Nor dent Melfen. 
Bronze. Tondrud . . zw. 160u. 161 
Schmidt-Michelſen, A.: Blühende Sajtanien. 
Gemälde Tondrud . . . . zw. 328u. 329 
Seymour, Edward: Chryjanthemen. Photo- 
graphie. Tondrud. . . giv. 044, 545 
Somojf, Conftantin: Ter Regenbogen. Ge- 
mälde. Tondrud . . zw. 616u. 617 
Sperandio: Giovanni II. Bentivoglio. Me- 
Dalle . . . . zw. 624 u. 625 
Spitzer, Dr. Friedrich: Holländerin. Photo⸗ 
graphie. Tondruck.. . 3w. 5336 u. 337 
Steichen, Eduard: Auguſt Rodin. Photo⸗ 
graphie. Tondruck. zw. 488n. 489 
Stud, Prof. Franz: FHorentinerin, Ge⸗ 
mälde. Tondrud 3.24 u.25 


Tomec, Heinridy: Win Praterftern. Gemälde. 
Tondrud . . . . 3w.312u.313 

Turner, William: Aus Venedig. Gemälde. 
Tondrud . s gv. 80u. 81 

Volkmann, Prof. Hans von: Wälder und 
elder. Gemälde. Tondrud . gw. 432u. 433 

*.* Goethe vor der Büſte der Frau von 
"Stein. Silhouette . . . zw. 881.89 

+ * Minifter Boſſe als Student. Silhouette 
zw. 96.97 

*.* Der Schwanenteich von Sfanfen. Photo- 


graphie. Tondruck. . giv. 408 u. 409 
** Der Schwanenteich von Skanſen im 
Winterkleide. Photographie. Tondruck 
giv. 416u. 417 
+ * Montierhalle des Zeißwerkes fiir aſtro— 
nomijde Inſtrumente. Photographie. 
Tondrud . atv. 560 u.561 


— Landſchaftliche und aſtronomiſche Ste⸗ 
* reoitup- UNE Ris oe aaa Tone 
vrud . . + 3Ww.568 1.560 


Selbitändige Abbildungen, Studien- 
und Skizzenblätter im Text. 


Ende, Hans am: Auf der Landſtraße. Ol— 
ftudie. Fakjimiledrud . 477 
— — Ym Moor. Stftudie. Fatſimiledruck 481 

— —- Worpsweder Gehöft. Olftudie. Fak— 
ſimiledruck. 484 

Fink, Prof. W: Frühling (Motiv aus lenge 

gries in Oberbayern). un eat. 
fimiledrud . u 

| — — Waldwieje bei Tl. Dubie Fak—⸗ 
ſimiledruck. . 256 

— — Studie aus Sonthofen in Oberbayern. 
Fakſimiledrukee... .. 257 


VI Inhaltsverzeichnis. 


Seite 
Fink, Prof. A.: Ym Moor bei Bichl. Ol- 
jtudie. Falfimilcdrud . — 260 
Liebermann, Prof. Mar: Studienzeichnungen 
589, 592, 596 


Kunit, Kunitgewerbe und anderes. 


*Achenbach, Prof. Oswald FT. . . . . 227 
*Baader, Johannes: Maufoleen . . . . 578 
Ball, U. S.: Möbelausftellungen . . . 464 
*Bembé, A: Rauch- und Echreibzinmter 

für einen Dampier . : tae & AOD 
*Berufsjdyule in Rinterthur: Echmiede- 

eijerne Arbeiten. . 353 
*Beumers, C. A.: Kunſtgewerbliche Arbeiten 705 
* Botticelli, Sandro: Die „Heilige Familie“ 578 


* Braith, Prof. Auton T. . 107 
* Sellin, Benvenuto: Goldreliefs im Raijer 
Friedrih3-Mufenm zu Berlin . . ...835 
*Cranad, Lucas von: Gemälde . . . . 227 
*— —  Samiltenbildnis” . . 10d 
*Defregger, Franz von: Zum 70. Geburts- 
tage. . ö . 359 
*Englider Bücher, Ausſiatiung ie 
* SF wald, Prof. Ernjtf . . ne ee 
*Xaltin, Eisbeth: Stidereien . 2 2 1. 227 
*Finzelberg-Wislicenus, Lili! „Frü au 
Erwachen.” Gtatuette . . . 578 
*Füger, H. F.: Miniaturbitdnifie bgt a Bee 


* Wladenbed, vorn. %., A.G.: Kartenſchalen ‘05 


Ecite 
*Goijen, J. V. van: Landfdjaft. Gemälde 227 
*paujdild, Walter: Wandbrunnen . 353 
*Reppler, Wilhelm: QYnnenrdume . . 578 
* Koller, Prof. Rudolf F. ; . 107 
*andhaus-Hallen, Moderne . 353 
*Lingg, Hermann fF... . 705 
"Mayer, Prof. R.: Neue Medaillen . . 107 
*Meißner, Mar: Das HenleineDenfmal in 
Nüruberg ES ee a a ies es AD 
*Mejfel, Prof. A.: Der neue Wertheimban 107 
* Meunier, Conftantin fF. . 2 20.20.20. 464 
* Molin, Pieter: Landſchaft. Genwilde . . 227 
*Moltfe, Graf H.: Grouland-Gemadlde . . 107 
* Mosler, Julius: Korbmöbel . . 353 
*Müller, Albin: Berrenzimmter REN, 
* Münchener Kaufhäuſer, Neue. . . 464 
"Nationalgalerie zu Berlin, Neuerwerbungen 
Der .. 464 
*Pannwitz, Dr. von: Aus der Privatjanım- 
fung desjelben 3 : . 464 
*Reter, Victor: Tierplaterten j . 70d 
"Reimann, Albert: Kleinplaftifen.. . 578 
*Rembrandt: Dalila. . . 705 
*Sparre, Graf Louis: Kunſtgewerbliches . 705 
*Starck, Conſtantin: Plaketten. . . 227 
*Stuͤdelberg, Ernſt: an „Withehn 
Tell” . O04 
*Ticpolo: „Neopatra“ 107 
*Tuaillon, Louis: Kaifer Friedrich) - Neiter- 
ftandbild in Bremen . . <a DES 
*Wernetind, ©.: Goldfiſchbehälter 353 


Gratisbeilage : 
Velhagen & Klafings Romanbibliothek. XV. Band, Nr. 7 bid 12: 


Cine Welle von drüben. Roman von Fedor von Bobeltig. Cette 193—-100. 














— — 








ea Velhagen & Klalings wa 


MONACTSHEFTE 


Herausgeber: 


Theodor Hermann Pantenius und Hanns von Zobeltitz, 


XIX. Jahrgang 1904/1905. Heft 9, Mai 1905. 





—— eae — 


9 


Vor hundert Jahren! — Mailich rings die Lüfte, 


( 


N\ Ein Blütenraufch ums junge Grün fich fpann; | 
IN Jedoch für Dich — die zarten Sliederdüfte 

N Wie Todesahnung wehten fie Dich an. 

N Dir galt nicht mehr die ausgetane Spende, 

i Nicht mehr, was rings die Menichenbruit bewegt, 
(| Denn der Erlöfer hatte feine Hände 

i Mit fanftem Kuß Dir auf das Herz gelegt. 

MN Ins ew’ge Licht fich Deine Schwingen wandten, 
N Ä Zur ſteten Jugend, zur erträumten Ruh’; 

\ Dem fernen Reich, dem großen, unbekannten, 

\) Trieb Deine Seele unaufhaltfam zu. 

y Wenn auch befreit von allen Kümmerniffen, 


Dem Himmlifchen, dem Géttlichen fo nah — 
Zu früh wardit Du dem Irdifchen entriffen, 
Das zukunftsfroh Dir noch ins Auge fah. 





Wie ftand die Welt im Bann der Ideale, 

Wie lag das ‚Heute‘ morgenfrifch umglänzt, 
Als Dir ein Gott die heil’ge Nektarichale, 

Den Becher der Uniterblichkeit kredenzt! 

Es ging Dein Ruf gebiet’riich in die Weiten — 
Und gläubig hat die Menichheit ihm gelauicht, 
Als unterm Zauber Deiner goldnen Saiten 

Im deutichen Hain der Lorbeer noch geraufct. 





Belhagen & Klaſings Monatshefte. XIX. Jahrg. 1904/1905. II. Bd. 16 














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fo. Hat fick dem Kranze der erlauchten Mufen 





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Nicht fteht der Tag mehr unter Deinem Scheine, 
Dein großes Erbe hüllt ein trüber Dunit; 
Den Leidenichaften paart fich das Gemeine 








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Und wettert ans Palladium der Kunft. Nf 
Denn rauhbefchurt, mit frech enthülltem Bufen, A 
Aufs Schlagwort ‚nackte Wirklichkeit‘ geftellt, ars‘ 


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N 
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Die zehnte Mufe kurzerhand gefellt. 


Vom Bild zu Sais zerrte fie den Schleier, 

Sie, die doch ftets die lautre Wahrheit mied — 
Und es veritummt Apollens goldne Leier, 

Wo fie das Land mit Beckenichlag durchzieht. 
Bei ihrem Nahn birgt ängitlich fich das Schöne, 
Die wahre Kunft hüllt klagend das Geficht; 

Die Mufe fiegt, die lächelnd ums Obszöne 

Mit frevler Hand die Tollkirichkränze flicht. 


Entrückt biff Du nach weiten Sonnenfernen, 

Ein Meer des Lichts ift dort um Dich gefprengt . . . 
Du fel’ger Geift dort über jenen Sternen, 

Mach’ Du zu nichte, was das Herz bedrängt. 

O iteige nieder, großer Zaubermeilter, 

Im tiefen Leid wir fehnen uns nach Dir; 

Im Kampfgewühl, im Schlachtenruf der Geilter 
Beichirme das gefährdete Panier. 


Dann reißt der Slor — das Dunkel wird fich klären, 
€s muß zu Sall, was fittlih morich und hohl — 
Es ftürzt von den entheiligten Altären 

Der Aftermufe gleißnerifch Idol. 

Es wird das Edle jubelnd Dich umdrängen, 

Vom toten Lorbeer ringt fich Zweig um Zweig, 
Und wieder raufcht auf mächtigen Gefdngen 

Der alte Wohllaut durchs befreite Reich. 


> 
B 
> 


Jofeph Lauff. 


I 








> Die Frauen in Schillers keben. ss 





Von 


J. Höffner. 


Mit einundzwanzig Abbildungen. 


Un den Frauen, die bildend und han- 
delnd in Gchillers Leben eingegriffen 
haben, gebührt die erjte Stelle ihr, die ihn 
uns gab. Sind es auch überaus zarte, oft 
faum erfennbare Fäden, „die fich leife und 
unmerfli um das Herz der Mutter und 
des Kindes fpinnen”, wijjen wir auch, daß 
das Werden eines Dichters ſich nicht nach 
Gejegen der Natur berechnen läßt und daß 
in Schiller ein viele Gejchlechter hindurch 
ang Licht drängender Genius zur Snfarna- 
tion fam — jo find wir doch, wenn wir 
einmal ,,verwegen fragen und ahnen“ wollen, 
zunächjt an die Eltern, vornehmlich an die 
Mutter gewiejen. 

Eine jener ftarfen, urjpriingliden Na- 
"turen, wie Luthers Mutter hervorgewachjen 
aus dem regenerierenden Boden unerjchöpf- 
ten, unverbildeten Deutjchtums, hat jie dem 
Sohne das Belte 
gegeben, das er 
jein eigennannte: 
den Adel und 
Die Keuſchheit der 
Seele. Auc der 
hohe Flug des 
Weijtes, der ihn 
über Die Niede- 
rungen des Lee 
bens emportra- 
gen jollte zu den 
Gefilden Hoher 
Ahnen, ijt an den 
ſchüchternen Flü— 
gelſchlägen, mit 
denen die Mutter 
an der Seite eines 
ähnlich gearteten 
Mannes über den 





(Abdruck verboten.) 


Zwiſchen Sinnenglück und Seelenfrieden 
Bleibt dem Menſchen nur die bange Wahl. 


Ohne dieſen Idealismus, von Vater 
und Mutter als ein Erbteil, das er zu 
mehren habe, übernommen, wäre Schiller 
nicht der große, hinreißende Dichter. Seine 
Kraft liegt in ſeiner ſittlichen Weltanſchau— 
ung. Dieſe und die Art wie er ſie zu 
vertreten und durchzuſetzen wußte, hat ihren 
Grund im elterlichen Hauſe. 

Es iſt durchaus nicht ſo zufällig, daß 
in das Neſt der Bäckertochter aus Marbach 
ji ein „Adler verirrte“. Man hat aus 
des Vaters gereimten Andachten die frühe 
Freude des Knaben an dichteriicher Form er- 
klären wollen. Poetiſcher aber als der Vater 
icheint die Mutter gejtimmt gewejen zu jein. 
Es lebte in ihr eine Art unbewußt dichte- 
rischen Gejtaltens, die fich in der gemütvollen 
Ausstattung der Hauslichfeit, in dem jchlich- 
ten, treuen Walten des Weibes betätigte, aber 
auch) wohl bin 
und wieder über- 
raſchend zumAus— 
druck kam, wie 
auf jenem Oſter— 
ſpaziergang, auf 
dem ſie die Ge— 
ſchichte der Jün— 
ger von Emmaus 
ihren Kindern ſo 
ergreifend zu er— 
zählen wußte, 
daß jie an ihrer 
Seite mit gefal- 
teten Händen nie- 
Derjanfen. Dazu 
finden wir in 
ihren leider nur 
in geringer An- 
zahl erhaltenen 


geringen reis Briefen eineüber: 
derihrgewiejenen rajchend gewandte 
Lebensiphäre hin: Ausdrudsweije 
ausſtrebte, Deut- und jcharfe Bee 
lich nachzumeifen. Jugendbildnis der Mutter Schillers. Gemälde. obachtungsgabe. 


16* 


= pes EZ 3 4 


236 


Aufgewadhjen inmitten des ſchwäbiſchen 
Pietismus, bejtimmt zu einer entbehrungs- 
und forgenreichen Che, hat fie — aud 
Darin als Schillers Mutter erfennbar — 
ein reiches, tiefes Innenleben geführt, mit 
einem leijen Hang zur Schwermut eine warme 
Herzensfrömmigfeit und die unerjchütterliche 
Zuverſicht auf ein bejjeres Leber „mit taujend 
Gnaden und Seligkeiten“ verbindend. 

Eine unermüdliche Gehilfin ihres in 
heißem Kampf erprobten und vorwärts 
jtrebenden Mannes, ijt fie in der Erinne- 
rung an den finanziellen Zuſammenbruch 
des väterlichen Haufjes darauf bedacht, in 
weijer Sparjamfeit „den Gewinn zu meh- 
ren”, ohne von ihrer reinen Herzensgüte 
etwas einzubüßen, die auch gegen Menjchen, 
„die ihr nichts angingen, unerjchöpflich war, 
und ihr überall Liebe erwarben“ y. Wir 
veritehen, daß es einer Frau von ihrer 
Art unerträglich jein mußte, etwas, das 
irgendwie nad) Almojen ausjah, anzuneh— 
men, und wenn e3 aus der Hand des 
Sohnes fam, oder die Füße unter einen 
fremden Tijch zu fteden, und wenn es der 
der eigenen Tochter in Cleverjulsbach war. 

Alle ihre Eigenſchaften find Eigenjchaften 
großen Stils. hr ganzes Leben ift ein 
jtilles Heldentum. Cs ijt mehr als bloß 
„ſtille Refiqnation” *), e3 ijt eine fajt antif- 
chrijtlihe Ceelengrife, mit der jie ihr 








1) Schiller an Lotte 31. 12. 1789. 








en Er El — J 
Chriftophine Shiller. 
Gemälde von Ludovite Simanowit. 





J. Höffner: 


| 
| 
| 





Luife Shiller. 
Gemälde von Ludovife Simanowik. 








„leidenvolles Schickſal“ ) trägt und die am 
erhabenjten in den lebten Tagen ihres 
Lebens jich offenbart. 

Unjchwer läßt fic) aljo bei Liebevoller 
Betradhtung in dem Charafterbild der 
Mutter, wenn auch in ſchwachen, oft faunt 
angedeuteten Linien Das des Sohnes er- 
fennen, während die Ahnlichkeit in der äuße- 
ren Erjcheinung geradezır überrajchend ijt. 

Es war ein überaus zartes und inniges 
Verhältnis, in dem Schiller zu feiner 
Mutter jtand. Machte fie mit Milde wie- 
der gut, was des Waters wohlmeinende, 
aber doc oft Teidenjchaftlih zufahrende 
Strenge an dem leicht einzujchüchternden 
Knaben fehlte, jo öffnete diejer ihr rüdhalt- 
{oS jein Herz, das jelbjt in jpäteren Seiten 
noch dem Water gegenüber fo trogig und 
verjchlojjen fein fonnte. Sie wachte über 
ihm, als er dreizehnjährig die Karljchule 
beziehen mußte, und in der Stuttgarter 
Periode juchte fie durch „ihre im weichen 
Liebeston gehaltenen Warnungen“ 7) den 
jugendlichen Leichtſinn in Schranken zu 
halten; fie allein kannte und verjtand, jelbit 
temperamentvoll, das Temperament ihres 
Sohnes und wußte um feinen Fluchtplan. 
Und wenn in der Folge Hinter den Forde- 
rungen, die Genius und Welt an ihren 
Sohn ftellten, ihre Ansprüche zurüctreten 


1) Schiller an Lotte 31. 12. 1789. 
*) Karoline dv. Wolzogen. 


Die Frauen in 


mußten, fo war fein wachjender Ruhm ihr 
Erjaß und Genugtuung, für feine fleinen Be- 
Diirjnifje zu jorgen, ihre liebjte Bejchäftigung, 
das Wiederjehen in ihren alten Tagen ihr 
legter Sonnenschein, der Kuß auf fein Por- 
trätbildchen in der Todesjtunde und ihr 
Seufzer: „Ach, jo gibt es nur einen Sohn 
in der Welt,“ der lebte ergreifende Wus- 
drud ihrer tiefen Liebe. 

Und Schiller — auch darin edler als 
andere Große unjeres Volkes, die des Lor- 
beers betäubender Duft ein jchlichtes Eltern- 
haus und findlide Dankbarkeit vergejien 
machte — hat mit der Zärtlichkeit des Knaben 
die geliebte Gejtalt der Mutter bis an jein 
Ende umfangen und verehrt. Mehr nod 
als des Vaters graues 
Haupt wird ihm 
der Mutter gebeugter 
Rüden ein Sporn zu 
unermüdlichem Schaf- 
fen, damit jeine Sonne 
den Abend ihres Lebens 
vergolde. Daneben fühlt 
er, zumal nad) des Ba- 
ters Tode, Die heilige 
Berpflichtung, die wirt- 
ichaftliche Lage der Mut— 
ter zu bejjern. Und weit 
über jeine Kräfte hin- 
aus und immer mit 
rührendem Zartgefühl 
hat er, der Dod) wahr- 
lid) nie an Überfluß 
litt, Dieje Pflicht geübt; 
Die Höhe der Unter- 
ſtützungen verjchweigt fein Kalender in echt 
Schillerſcher Bejcheidenheit. — Da er aud 
in jeinen Dichtungen feiner Pietat Ausdrud 
gibt und überall, wo er die Mutter und Haus- 
frau jchildert, auf das Bild der eignen Mutter 
zurüdgreift, brauchen wir unjeren Lejern 
nicht erjt nachzumweijen. 


* * 
* 


Die Mutter ſchreibt einmal an Schillers 
Gattin (22.6.1794): „Eine glänzende Erzie- 
hung habe ich meinen Kindern nicht geben 
fünnen; aber ihr Herz zu bilden, jie zur Tu— 
gend und Rechtjchaffenheit, zu Fleiß und Spar- 
jamfeit angubalten, halte ich vor die erite 
Pflicht, und dieje wird troß aller Verachtung 
und Verlachung der jegigen aufgeklärten Welt 
mid) niemal3 reuen.“ Wir dürfen jagen, 





Manette Sdhiller. 
Gemälde von Ludovife Simanowitz. 


Schillers Leben. 237 


jie hat durd) ihr Beifpiel dem Sohne 
mehr gegeben, Großes, das fie jelber nicht 
ahnte, und das uns überhaupt Schiller als 
Dichter erhalten hat: die ehrfürchtige, alt- 
germanische Scheu vor dem Weibe. 

In einer Beit, in der franzöſiſche Fri- 
volität das Familienleben untergrub und 
feichtfertige Dirnen die Fürjten beherrichten, 
in der die „Ehe fein Band der Seelen“ 
(WB. dv. Humboldt) war und das „Weib 
jehr wenig galt”, hat fte das Herz ihrer 
jungen Töchter vor dem zerjegenden Hauch 
des eitgeijtes zu hüten verjtanden und 
Frauen herangebildet, die ihres großen 
Bruders würdig waren: Chrijtophine, Die 
Gejpielin feiner Kindheit und Bertraute 
jeiner Jugend, jpäter 
die tugendhafte, pflicht- 
treue Gattin eines 
wunderlichen Mannes, 
die mit gelajjener Bor- 
nehmbeit ihr hartes Los 
ſchweigend erträgt, Die 
weniger begabte Luije, 
die geachtete und tüch- 
tige Frau des Pfarrers 
von Eleverjulzbach, und 
die in der Blüte ihrer 
Sahre  Ddahingeraffte 
Nanette, ein hochver- 
anlagtes Mädchen, des 
Dichters Liebling. 

Die ſittenſtrenge, 
reine Atmojphäre des 
Elternhauſes war für 
Schiller von unerjeß- 
lidem Wert und nachhaltigitem Einfluß. 
Hier hat des Kindes und des Jünglings 
Gemüt unbewußt in ji aufgenommen, 
was der Mann mit der ganzen Kraft feiner 
Überzeugung vertritt, wenn er das Weib 
als die Hüterin der Sitte preift und das Haus 
al3 das Heiligtum, unter deſſen Schwellen 
die Waſſer entjpringen, aus denen Kunſt und 
Kultur, Gefundheit und Siedhtum, Ehre 
und Schande der Gemeinden und der 
Staaten quillt. 

Schon verhältnismäßig früh nährt er 
den Gedanken, eine „bürgerliche Erijtenz“ 
zu gründen, um ein Glied in der großen 
Mette zu werden, die in goldenem Cimer 
der Nachwelt die Schäße der Vergangenheit 
reicht. Bei jeinem jtarfen Bedürfnis, jich 
anzulehnen und hinzugeben, malt er es ji) 


t—u= BEE 


238 





Gemälde. 


Franziska von Hohenheim. 


als die höchſte „Wonne des Lebens“, „an 
eine Perſon, die mit ihm ſeine Freuden 
und Leiden teile, gekettet zu ſein; an ihrer 
Bruſt die Seele von tauſend Zerſtreuungen, 
tauſend wilden Wünſchen und unbändigen 
Leidenſchaften abzuſpannen und alle Bitter— 
keiten des Glücks im Genuß der Familie 
zu verträumen“.“) 

Bei Schillers impulſiver Natur, ſeiner 
glühenden Phantaſie, der Unerfahrenheit 
und Harmloſigkeit, mit der er in die Welt 
trat, bedeutete das Weib für ihn eine große 
Gefahr. Suchte er auch in ihr immer die 
verwandte Seele, den Reſonanzboden für 
die Schwingungen ſeines künſtleriſchen Em— 
pfindens, ſo hatte, wie er ſelber einmal 
klagt, jede Kokette eine unfehlbare Macht 
auf ihn durch ſeine jugendliche Eitelkeit 
und Sinnlichkeit. ”) 

Heiße Kämpfe, bei denen es fich um 
Sein oder Nichtjein handelte, waren für 
ihn unausbleiblid. Er hat fie bejtanden. 
Und es ijt ein erhabeneg, für unfere heutige 
Jugend mehr als bejchämendes Beijpiel, 
wie er dort, wo er in Gefahr jteht, fic 
in niedere Sinnlichkeit zu verlieren, in 
männlichem Ningen den Sieg zu gewinnen 








1) Un Zumſteeg 19. 1. 1754. 
2) An Körner 19. 11. 1787. 


%. Höffner: 


und feine Ehre zu bewahren weiß. Es ift 
vornehmlich dieſe, Seite des Schillerjden 
Charafters, die einen Goethe mit einer ge- 
Heimen Wunde im Herzen zur Bewunde- 
rung zwang: 

Und hinter ihm in mwejenlojem Scheine 

Lag, was uns alle bändigt, das Gemeine. 


* * 
* 


Schillers Liebesleben iſt nicht leicht zu 
verſtehen. Ihm fehlt hier die Unbefangen— 
heit. Ehe er ſich zu einer reinen, ſtillen 
Herzensliebe läutert, ſteht zwiſchen ihm 
und dem Weſen, dem er ſich zuwendet, 
neben einer, faſt möchte man ſagen, medi— 
ziniſchen Selbſtbeobachtung und Seelen— 
analyſe eine Gedankenbegeiſterung, die ihn 
zu Vorſtellungen und Stimmungen hinreißt, 
hinter denen ſeine wahren Gefühle oft kaum 
zu erkennen ſind. Wir können dieſe Vor— 
gänge im Innern Schillers nicht beſſer 
kennzeichnen, als mit den Worten ſeines 


Freundes Körner, der mit dem Verſtändnis 


des reiferen Geiſtes ihm Klarheit über ſich 
ſelbſt geben will, wenn er ihm ſchreibt: 
„Du glaubſt zuweilen unvereinbare Dinge 
vereinigen zu können. Daher der geringe 
Widerſtand, den jede aufſteigende Leiden— 
ſchaft bei Dir findet, und eine vorüber— 
gehende Grille wird durch Deine lebhafte 
Phantaſie leicht zur Leidenſchaft. Kampf 
dawider ſcheint Dir oft kleinliche Angſtlich— 
keit. Du biſt Dir bewußt, Kraft dazu zu 
haben, aber Du willſt ſie auf die Zeit auf— 
ſparen, da Du ihrer bedarfſt. Unterdeſſen 
iſt Dein Geiſt geſchäftig, den Gegenſtand 
Deiner Leidenſchaften zu veredeln und einen 
begeiſternden Geſichtspunkt daran aufzu— 
finden.“ (23. 11. 1787.) 

Wm deutlichjten tritt wns dieſe Art zu 
lieben naturgemäß bet dem jugendlichen 
Schiller entgegen, zum erjten Male, als er 
in Stuttgart mit feinem Venuswagen jo 
tragifomijch entgleijt, indem er die verblühte 
Erjcheinung der Hauptmannswitwe Bijcher 
mit allen Neizen der Mujen und der Gra- 
zien umfleidet und mit der Waberlohe einer 
unbändigen Crotif umgibt. 

Schon für Franzisfa von Hohenheim, 
die mit dem Herzog faft täglich die Karl- 
ichufe bejuchte, empfand der junge Akademiker 
mehr als nur danfbare Verehrung, wenn 
er fie als „hohes Himmelsbild“ in jeinen 
überjchwenglichen Huldigungsgedichten feierte. 


Die Frauen in Schiller’ Leben. 


Sie mag al3 das einzige weibliche Wejen, 
das in jenen Räumen jichtbar ward, in 
feinem Herzen zuerit die Sehnſucht nad) 
Liebesglüd, das jenfeits der Mauern auf 
ihn warte, angefadht haben. Um fo bitterer 
wird die Enttäufchung gewejen jein, als ihm, 
dem Ritter von der traurigen Gejtalt, mit den 
unbeholfenen Manieren und dem lächerlichen 
Ausjehen, die großjtädtiiche jeunesse dorée 
überall den Rang abläuft, wie 3. B. Staud- 
lin bei Wilhelmine Andreae, jeiner Minna. 

Uber was bedeutet für einen Schiller 
der Gegenjtand? Er vermag aus Cindden 
und Wüſten Paradieje zu fchaffen. Konnte 
er feine der vielummorbenen Schönheiten 
jein eigen nennen, fo war auch feine Wir- 
tin, die Viſcherin, die durch die Tine ihres 
Spinett3 ihn in feiner geiftigen Arbeit 
anregte, die ihm Späßle buf und ihn pflegte, 
wenn er fic) einmal des Guten zu viel 
getan hatte, es wert, das erjte Berjuchs- 
objeft in der ars amandi zu werden, wenn 
wir gleich dem Dichter, der in der Glocke 
das Erwachen der erjten Liebe jo lieblich 
gejchildert hat, einen befferen Gejchmad 
hätten zutrauen mögen. 

Sie, die fade Blondine, wird dem neuen 
Petrarca zur Laura, in deren wafferblauen 
„Augen Sonnenaufgangsgluten brennen, aus 
deren Klavierſpiel Sonnen, vom SchöpfungS- 
fturme aufgejagt, funfelnd durch die Nacht 
des Chaos fahren, der zumeilen auch der 
Cocytus mit verlornem Heulen folgt, deren 
Kuß Purpurflammen auf feine Wangen geußt, 
und hinter der, wenn fie walzt, die trunfnen 
Fichten jpringen“. 

Ob und wie weit den fogenannten 
Laura-Oden wirkliche Erlebnijje zugrunde 
liegen, ijt nicht feftgejtellt. Sicher aber ift, 
daß die Viſcher in jener Beit fi) nod all- 
gemeiner Achtung erfreute, wenn fie and) 
jpdter durch die Flucht mit einem jungen 
Dffizier der Welt das Recht gegeben hat, 
über fie den Stab zu brechen. Bon Mann- 
heim aus fandte Schiller ihr noch „ein 
Marktprajent” und feine Silhouette. 

Für uns ijt diefe Epifode injofern höchſt 
interefjant, als fie uns zeigt, was für un- 
flare und überhigte Borjtellungen in dem 
Herzen des Dichters auf und nieder wogten. 
Die Parorysmen, von denen er gejchüttelt 
wird, verraten eine ſchwere Störung des 
jeeliichen Gleichgewichts. Wir ftehen der 
erften bedeutungsvollen Krijis in Schillers 


239 


Entwidlung gegenüber. Cine Frau, Hen- 
riette von Wolzogen, die Mutter feines 
Mitichülers und Freundes, wird ihm der 
Arzt feiner Seele. — . 

Vergegenwartigen wir ung, um ihr Ver- 
dienst nach Gebühr zu würdigen, die Lage 
und den Zuftand des Dichters. 

Durch den ungeahnten Erfolg der Räuber 
in jeinem Selbjtbewußtjein ing Ungeheure 
gejteigert, als Herausgeber der Anthologie 
und Mitarbeiter an dem Württembergijchen 
Repertorium ſich als den Diktator des guten 
Geſchmacks fühlend, von einem peinigenden, 
nervöſen Ehrgeiz ergriffen, um jeden Preis, 
ähnlich wie Goethe einjt, über Nacht be- 
rühmt zu werden, wurden ihm die Zwangs— 
jace eines wider Willen ergriffenen Berufs, 
die Dejpotenlaune des Herzog und Die 
Würdeloſigkeit einer untergeordneten Stellung 
immer unerträglicher, wobei die Stimme 
des Genius von der Stimme der Eitelkeit nur 
jehr fchwer unterjchieden werden fann. Eine 
Rataftrophe war unvermeidlid) und trat 
ein, als der Herzog ihm jede fdhriftftelle- 
riihe Tätigkeit ftreng verbot. Das be- 
deutete für Schiller den geijtigen Tod. Die 
Umftände der Flucht find befannt. Bekannt 
auch, wie teuer er feine Gedanfenfreiheit 
bezahlen mußte. Aufs jämmerlichjte fieht 
er jih in all jeinen Hoffnungen betrogen. 
Ein ficheres Brot, die Frucht jahrelangen 





grau Vifdher, Schillers Laura. 
Stidh von H. Kräutle. 


240 


Studiums, hat er aufgegeben, den Born des 
Herzogs auf fich geladen und die Exiſtenz 
jeiner Eltern gefährdet. Dafür fchreitet das 
Gejpenjt einer für feine Verhaltnijje gewal- 
tigen Schuldenlajt drohend an jeiner Seite; 
Heimat und Elternhaus find ihm verjchlofjen, 
Selbjtmordgedanfen umlauern ifn... 

In diefer höchjten Not ergreift er Die 
rettende Hand Frau von Wolzogens. 

Sie war jeit langen Jahren Witwe. 
Shre vier Söhne ließ der Herzog von 
Württemberg, ihre einzige Tochter Char- 
lotte der gothaijde Hof erziehen. Das 
Leben hatte ihr die Rolle einer verarmten 
Freifrau zugedadht. Yn welchen Kämpfen 
jie jich damit abgefunden hat, wiffen wir 
nicht. Jedenfalls tritt 
jie uns im Licht einer 
tiefen,  leidverflärten 
Frömmigkeit entgegen, 
als eine Ehrijtin, die für 
die Dinge der Erde den 
rihtigen  Wertbegriff 
gefunden hat und mit 
einer gütigen, überlege— 
nen Ironie allen Bitter- 
feiten den Stachel zu 
nehmen weiß. Shr hoch— 
herziger Sinn, der frei 
von jedem Borurteil fich 
gegen alles Unnatiir- 
lihe, Unmwahre und 
Hergebrachte einer abge- 
jtandDenen Zeit auf- 
lehnte, mußte in den 
Raubern den Herzichlag 
des verwandten Geiftes 
jpiiren. Cie verftand, 
was in der Bruft des jungen Dichters tobte, 
und war gliiclich, ihm jchon in der Stutt- 
garter Zeit mit mütterlicher Liebe beijtehen 
zu fünnen. Sie juchte auch die Befanntichaft 
von Schillers Eltern, und die Vermutung 
liegt nicht fern, daß die Sorge der Mutter 
den Sohn nocd) mehr ihrem gütigen Schuße 
anbefohlen habe. Sie war es, die ihn zu 
der zweiten in ihren Folgen jo verhangnis- 
vollen Reife nach Mannheim bejtimmte und 
mit der Vijcherin zuſammen ihn jelbit dort- 
hin begleitete. Sie verriet durch unbedachte, 
harmloje Außerungen das Geheimnis, gab 
dadurch Schiller dem Herzoge preis und 
mittelbar die Veranlaſſung zur Flucht. 
Schillers Vater hat es ihr lange nicht ver- 





Henriette von Wolzogen. Fafiell. 


J. Höffner: 


geben finnen, daß „fie auch eine von den 
Perjonen gemwejen ijt, die den Sohn zu 
jeinem Derangement veranlaßt haben“. *) 

Es ijt nicht bloß ein Aft der Grop- 
mut, jondern auch der Gerechtigfeit, wenn 
jie dem vom Schidjal fo arg Umbergewor- 
fenen auf ihrem weltentlegenen, bejcheidenen 
Beji zu Bauerbach ein trautes und ficheres 
Aſyl bietet. 

Bon der Welt jo gut wie abgejchnitten 
und der drücdendjten Sorgen vor der Hand 
enthoben, erlebt Schiller in Bauerbad eine 
Beit der Vertiefung, des Sichbefinnens und 
Sammelns. Unter dem Einfluß der Liebe- 
vollen, im Ton einer Mutter gehaltenen 
Briefe Frau von Wolzogens wird er ein an- 
derer: Die jugendliche 
Überschwenglichkeit und 
Eitelkeit beginnt ſich zu 
mildern; der Schmerz 
über Die enttäujchten 
Hoffnungen jchläft ein; 
die religiöjen Eindrüde 
aus dem Elternhauje 
werden wieder deutlich, 
und unter dem Trojt 
feiner Wohltaterin, daß 
Wott die verborgenen 
Fäden des Menjchen- 
lebens in Der Hand 
halte, ſöhnt er jich all- 
mählich mit jeinem Gee 
{chic und der Menjch- 
heit wieder aus. Es 
ijt feine Ubertreibung, 
wenn er jeiner „zärt- 
lichjten, liebjten Freun- 
din“ Schreibt: „Wie 
viel, wie unendlich viel haben Sie nicht 
ſchon an meinem Herzen verbeffert. Fühlen 
Sie ihn ganz den Gedanfen, denjenigen zu 
einem guten Menjchen gebildet zu haben und 
noch zu bilden, der, wenn er jchlecht wäre, 
Gelegenheit hatte, Taufend zu verderben.“ ?) 

Die Lichtpunfte in feiner Cinjamfeit 
waren die Bejuche Frau von Wolzogens, 
die auf fein Betreiben einjt mit Böller- 
jchiijjen und Ehrenpforten der Eingeborenen 
in einer Weije fejtlich empfangen wurde, 
die lebhaft an den berühmten Einzug Arel 
von Nambows in Piimpelhagen erinnert. — 

Selbjt in diejer friedlichen Stille muß 

) An den Sohn 19. 2. 1784. 

2) An Frau dv. Wolzogen 11. 8. 1783. 


Die Frauen in Schillers Leben. 241 


jih Schiller mit feinem 
jo leicht verliebten Her- 
zen herumfchlagen. Dies- 
mal ijt es die Tochter 
jeiner Wohltäterin, die 
mit einem Herrn von 
Windelmann fo gut wie 
verjprodjen war und mit 
der Mutter im Mai 
nach Bauerbadh fam. 
Schon öfter hatte 
er Charlotte gejehen, 
aber nie war fie ihm 
jo lieblich  erjchienen 
wie jebt, im Glanz des 
Frühlings und einer 
jungen Liebe. Wieder 
jpielt ihm die Phantaſie 
einen Streich. Der Mai, 
ein Brief Wilhelms von Wolzogen, der — 
dem Freier nicht geneigt — Schiller zum 
Ritter feiner Schweiter bejtellt; die Ent- 
Dedung, „daß eine anjehnliche Proving ihres 
Herzens dem bewupten Götzen nod) nicht 
erb- und eigentümlich angehöre“ 7), die Uber- 
tragung der Danfbarfeit von der Mutter 
auf die Tochter, die Tragödie der Luife 
Millerin, mit der er damals beichäftigt 
war — das alles wirkt zufammen; der ge- 
fürchtete „Schritt von Achtung und feurigem 
Anteil zu anderen Empfindungen“ war in 
der Tat „überrajchend jchnell getan“, und 
in faum drei Tagen jteht das Herz des 
Sünglings, „der alle Fehler der übereilten 
Hive fürchten gelernt hat“ *), in Brand. 
Er will in Bauerbady bleiben und „an 
Lottes Seite auf Die 
Dauer jeine Glück— 
jeligfeit gründen“, 
„leine tragische Mufe 
der Frau von Wol- 
zogen als Stallmagd 
abtreten”; „zeritörte, 
wilde Phantafien 
fliehen Durch ſein 
Hirn“, und mit feiner 
Leonore möchte er 
iprechen: „Laß in den 
Staub uns werfen Fer 
al dieſe prahlenden — a, 


1) An Wilh. v. Wol- 
zogen, Juni 1783. 

2) An Wilh. v. Wol- 
gogen 25. 5. 1783. 











Charlotte von Wolzogen. Paſtell. 


ei —/u4 
MIs ı ANP ea, . 


Nichts. Lak in roman- 
tiichen Fluren ganz der 
Freundſchaft uns Leben. 
Unjere Seelen, Klar, 
wie über uns das hei- 
tere Himmelsblau, neh- 
men dann den jchwar- 
zen Hauch des Grams 
nicht mehr an. Unjer 
Leben rinnt dann me- 
lodiſch wie die flitende 
Quelle zum Scöp- 
fer.” — 9 

Lotte ahnte von 
dem allen nichts. Die 
Mutter, die ihren 
Schiller nur zu gut 
kannte, ſah ein, daß 
er wieder in die Welt 
zurück müſſe, zumal er auch zu krankhaften 
Träumereien Neigung zeigte. Sie eröffnete 
ihm auf einem Waldſpaziergange die Not— 
wendigkeit einer vorläufigen Trennung. 

Schiller hatte ein neues Trauerſpiel 
vollendet, ein zweites entworfen. Dalberg 
winkte, und am 20. Juli 1783 fuhr er 
nach Mannheim. Die Reiſe endete mit 
ſeiner Anſtellung als Theaterdichter. Er 
ſollte Bauerbach nicht wieder bewohnen, 
außer bei einem kurzen Beſuch 1787, wo 
freilich die alte „Magie wie weggeblaſen 
war“). Lieb behalten hat er es fein Leben 
lang. Bejonders in den legten Jahren 





1) 30. 5. 1783 an Frau dv. Wolzogen. 
*) An Körner 8. 12. 1787. 


Turmes 
eta 


Dall 


ee ANTE Arve 


i Alu Jub 





Das Schillerhaus in Bauerbad. 





242 





feines Lebens hatte er 
große Sehnfucht, e8 wie- 
der zu jehen. 

* 


* 

Die Frauen, denen 
Schiller in Mannheim 
näher trat, gehörten zu- 
nächſt und naturgemäß den 
Schaujpielerfreijen an. 

Im Haufe der jung- 
verheirateten und glän- 
zend veranlagten Raro- | 
line Biegler, der Gattin 
des Schauspielers Bed, 
verlebte er viele anre- 
gende und angenehme 
Stunden. Dort arbeitete 
er auch oft bei einer Tafje 
ihwarzen Kaffees bis jpät in die Nacht 
hinein. Als die gefeierte Künstlerin, infolge 
eines unglüdlichen Sturzes auf der Bühne, 
nad) faum einjähriger Ehe ftarb, Tieß er 
jeine Dankbarkeit und feinen Schmerz im 
einem Gedicht ausklingen, das uns leider 
nicht mehr erhalten ift. 

Ihre Nachfolgerin, Katharina Baumann, 
durch Schönheit und Anmut im Spiel gleich 
entzücdend, hätte, wenn fie gewillt gewejen 
wäre, dem Herzen des Dichters gefährlich 
werden können. Schiller war jedenfalls 
drauf und dran, die fleiichgewordene, Tieb- 
liche Amalie feiner Näuber mit feiner Liebe 
zu beglüden, fie aber verjtändig genug, auf 
jeine faft fnabenhaft ſchüchterne Liebeserflä- 
rung, al er ihr auf einer abendlichen Heim- 
fehr vom Theater jein Miniaturbildnis in 
die Hand drüdte, mit 
geheuchelter Naivität zu 
fragen: „Was foll id) 
denn damit?“ Beichämt 
mußte Schiller entgeg- 
nen: „Sa, jehet Sie, 
i bin a furiofer Rau;, 
das fann id) Ihne nit 
jage.” Verlegen läuft 
er davon, und damit 
jcheint dieſe Herzens— 
angelegenheit ihren we— 
nigſtens für den einen 
Teil befriedigenden Ab— 
ſchluß gefunden zu 
haben. 

Ernſtlicher war ſchon 
die Neigung zu Marga— 





— — — 





Katharina Baumann. 


— — 
— 





Margarete Schwan. 


rete Schwan, der Tochter 

ſeines Verlegers, in deſſen 

kunſtſinnigem Hauſe er 

bald aus- und einging. 

Schön, ſtolz und kokett, 
| weit gereift und Ddurd) 
ihren Vater zu einem 
gewifjen literarijchen Ber- 
ſtändnis  herangebildet, 
{chon feit einigen Jahren 
— feit dem Tode der 
Mutter — den Haus- 
halt führend, der Huldi- 
gungen von Gelehrten 
und Künftlern gewohnt, — 
forderte fie auch von 
Schiller den ihr ſowohl 
alg Dame des Haujes wie 
al3 anerkannter Schönheit guftehenden Tri- 
but. Schiller war fich feiner Zuneigung nicht 
gewiß,. wenn er auch unter dem Drängen 
des Vaters, um feine Verhaltnifje zu ord- 
nen, an eine Verbindung mit ihr dachte und 
von Dresden aus allerdings vergeblich bei 
dem alten Schwan um ihre Hand anbielt. 

Durh Schwans Vermittlung machte er 
aud) Die Belanntichaft der Großmutter 
Clemens Brentanos, der Staatsrätin von 
Larode, die in Speier und dann in Mann— 
heim den Mittelpunkt des jchöngeijtigen 
Lebens bildete, wie einft in Köln, wo der 
jugendliche Goethe zufammen mit den Brü- 
dern Jacobi, Herder, Wieland u. a. ſich 
von Ddiejer „mwunderbarften Frau, der er 
feine zu vergleichen wußte“, angezogen fühlte. 
Auch Schiller rechnete fie unter die ange- 
nehmſten Erjcheinungen 
jeines Lebens ;er fonnte 
in jeinem jugendlichen 
Uberſchwang der „janf- 
ten, guten, geijtvollen 
Frau, zwiſchen 50 und 
60, mit dem Herzen 
eines 19 jährigen Mäd- 
chens“ jeine „Bewunde— 
rung“ nicht verjagen, 
und war „jtolz, wenn 
fie mit ihm zufrieden 
war".*) Unjtreitig hat 
fie damal3 auf jein 
fiinftlerijch - ajthetijches 
Gefühl Täuternd und 


1) An Frau v. Wol- 
zogen 13.11.1783. 








Die Frauen in Schillers Leben. 





belebend eingewirft. 
Auf der Höhe feiner 
Entmidlung freilich 
fieht er nicht minder 
wie Goethe Hinter der 
beitechenden Ronverja- 
tion die Unmwahrhaf- 
tigfeit vorgetäuſchter 
Gefühle, die ihm auf 
Die Nerven fällt. Was 
beide in den Tagen von 
Sturm und Drang als 
twohltätige Harmonie 
empfunden haben, er- 
fennen fie in den Jah— 
ren der Abgeflärtheit 
alg „drüdendes und 
einengendes Nivellie- 
ren“.*) In höchſt de- 
ipeftierlihem Ton re- 
den fie von dem Bee 
juch der einftigen Ge- 
liebten Wielands als 
von dem Heraufziehen eines Gewitters und 
wünschen fich in dem falbungsvollen Ton, 
in den fie fich hineingerettet hat, „zur Ar» 
beit allen Segen“.?) 


* * 
* 





Es iſt eine dunkle, verworrene Zeit in 
Schillers Leben, aus der dieſe Frauengeſtal— 
ten nur verſchwommen hervortauchen und 
an die er mit bittrer Reue und Wehmut 
zurückdenken mußte. 

Hatte er ſich eingebildet, die Freund— 
ſchaft Frau von Wolzogens, mit der er 
in fortgeſetztem Briefwechſel ſtand, werde 
ihm ein „allmächtiges Gegengift gegen 
alle Verführung der großen Welt fein“ *) — 
jo machten die Verhältniffe und fein un- 
berechenbares Temperament alle Ermah- 
nungen der mütterlichen Freundin und alle 
Vorſätze feines allzu ficheren Herzens nur 
zu bald zufchanden. 

Mannheim war ein teures Pflafter. 
Sein Gehalt und die ihm von Frau von 
Wolzogen bejorgten 540 Gulden reichten 
nicht weit, wie wenig er ,auch fürs 
Maul aufgehen“ *) ließ. Schlimmer als je 
jteft er bald in Schulden und Wirr- 


1) Goethe an Schiller 24. 7. 1799. 

2) An Goethe 17. 8. 1799. 

3) An Frau v. Wolzogen 11. 9. 1783. 
4) Un Frau dv. Wolzogen 13. 11. 1783. 





Staat3rätin Sophie de la Rode. 
Stih von Sinhenich. 








243 


nifjen. Böſe Gerüchte 
dringen ins Eltern- 
haus: er habe ſich 
mit einer Komödiantin 
„verheurafjelt“, jet ein 
Spieler und Wer- 
ſchwender und wegen 
gefälſchter Wechjel ins 
Gefängnis geworfen. 
Die Gläubiger drän- 
gen ihn von allen 
Seiten; auf der Bühne 
wird er öffentlich ver- 
jpottet; und ſchließlich 
erjcheint die Rorpo- 
ralin Fri, ein übel- 
beleumundetes Weib 
aus Stuttgart, umihre 
Schuld einzufajjieren. 
Nur die Großmut 
Anna Hölzels, jeiner 
Wirtin, Die für den 
„guten jchieler“ ihre 
ganzen Erſparniſſe Hingibt und fid) da— 
durch den Dank des deutjchen Volkes er- 
worben hat, wendet das Äußerſte ab. Das 
einzige. Mittel, fid) zu rangieren, {chien 
damal3 wie heute eine Heirat. In diefer 
Beit hält er bei Frau von Wolzogen um 
Die Hand der Tochter Halb verjchleiert an; 
wie zu erwarten war, vergeblich. Auch an 











Charlotte von Kalb. 


244 


die „Itolze Schwanin” denft er; aber er 
findet begreiflicherweife damals nicht den 
Mut, ſich zu offenbaren. 
* * 
* 

Schillers Elend ſchien keiner Steigerung 
mehr fähig zu ſein, und doch war das 
Schlimmſte ihm noch vorbehalten; die erſte 
und einzige große Leidenſchaft, die ihn auch 
innerlich faſt zum Bettler gemacht hätte: 
die unglückliche Liebe zu einer verheirateten 
Frau, Charlotte von Kalb. Vor den Flam— 
mengarben dieſes wild hervorbrechenden Ge— 
fühls verlieren alle anderen Herzenserlebniſſe 
des Dichters ihren Schein. Zugleich aber 
ſollte er in dieſer Zeit die Wahrheit er— 
kennen, daß Gott die 
verborgenen Fäden 
des Lebens in der 
Hand halte. Während 
die dämoniſche Ge— 
ſtalt Charlotte von 
Kalbs wie der un— 
heilverkündende Si— 
rius in ſchwüler 
Sommernacht ſeinen 
Himmel beherrſcht, 
werden am Rande 
des Horizontes die 
ſchwachen Spuren 
eines neuen Tages 
ſichtbar: die Sen— 
dung der Stockſchen 
Damen aus Leip— 
zig und der Be— 
ſuch der Lengefeld— 
ſchen Herrſchaften in 
Mannheim. 

* 








* 

Aus dem reich— 
begüterten, glänzenden Geſchlecht der Mar— 
ſchalk von Oſtheim entſproſſen, frühverwaiſt 
und nach einer trüben, einſeitig geleiteten 
Jugend einem ungeliebten Manne verheiratet, 
der bei aller Ehrenhaftigkeit ihrer Eigenart 
kein Verſtändnis entgegenzubringen vermochte, 
ungewöhnlich ſchön und mit einer großen 
Kraft künſtleriſchen und dichteriſchen Em— 
pfindens begabt — ſo tritt Charlotte von 
Kalb dem Dichter entgegen. Sie war mit 
ihrem Gemahl, dem Major eines franzö— 
ſiſchen Regiments, auf der Reiſe nach Lan— 
dau, ſeiner Garniſon, und kehrte, weil ein 
Aufenthalt dort gegen die Sitte war, ſpäter 
allein nach Mannheim zurück. 





* Minna Körner, geb. 
Kajtell von Dora Etod. 


J. Höffner: 


Sie ijt unftreitig eine der interejjan- 
tejten und rätjelhaftejten Gejtalten der Lite- 
raturgeschichte. 

Mit dem entjegten Ausruf der enttäujch- 
ten Großmutter: „Du jolltejt nicht da jein“, 
in diejer Welt begrüßt, jcheint fie zu den 
Wejen zu gehören, über deren Leben ein 
Fluch hängt. So ijt denn auch eine er- 
greifende Schwermut verbunden mit einem 
jajt krankhaften Gefühl für die dämoniſchen 
Gewalten der Natur, der Grundzug ihres 
Charakters, aus dem zugeiten mit un- 
widerftehlider Wucht ein verzweifelter Lebens- 
hunger hervorbricht. Obwohl ſich in ihrem 
alten deutjchen Gejchlecht fremdes Blut nicht 
nachweifen laſſen 
dürfte, hat jie doc) 
etwas von der Art 
der jarmatijden 
Ebene, von der tie- 
fen, hoffnungslojen 
Melancholie der war 
tenden Steppe und 
Der verborgenen, lau— 
ernden Wildheit der 

Itarftreibenden 
Ströme, die zur 
Srühlingszeit mit 
jehnfüchtiger Gier 
das Leben der Ebene 
an ſich reißen — 
ein (Slementar- 
geichöpf, deren dum- 
pfes Triebleben nur 
durch die Sitte in 
Schranken gehalten 
wird. Das Bolf 
hat jein richtiges 
Gefühl für jolche 
fremdartige Naturen, die in dieſer Welt 
nie Frieden finden können, in den fagen- 
haften Naturwejen der Meerfrauen und der 
Saligen niedergelegt. 

„Du bijt dem Meer verwandt. Das 
ijt Das Grauenvolle, und aud das 
Grauenvolle in Dir. Auch Du jchredit ab 
und ziehjt an“ (bien). ... Gleich nach der 
erjten flüchtigen Begegnung mit Schiller 
erklingt in den Tiefen ihres Herzens, ver- 
langend und jchwer, wie Wagnerjche Tine, 
vorjpielartig: Weld) ein Tag — o alte 
des Mords, triübes Gewölf vom Sturme 
getrieben! — der Lüfte Schärfe hab’ ich 
Euch nur allein gefühlt? Schauer der Nacht 





Stod. 


— o Dunfelheit — bift Du 
nur in Seele und Gemüt? 
Die Sonne ftieg am hellen 
Horizont, die Aue erglühte von 
ihrem Glanz, dod) inneres 
Gewölk zu erhellen vermag fic 
nicht! Das Leben erblühte 
— heut Erjtorbenes ... 
Wie die Leidenfchaft zum 
rajenden Sturme wuchs, wie 
Schiller von der Achtung und 
Dankbarkeit gegen die Frau, 
Die auch im jener böſeſten 
Beit feines Lebens in ihm 
den Genius erfannte, die thin 
durch ihre Weltfenntnis zum 
Titel eines Weimarijden Rates 
verhalf und dadurch den 


Grund zu feiner jpäteren Exiſtenz legte, 
die ihn gejellichaftlich bildete, der er rüdhalt- 
los jeine Gedanken gab, jede Stimmung zart 
und weich, wie er jie empfand — wie er zu 
den Gefühlen einer fiindigen Liebe für fie 
fortjchritt, wie fie mit ihrer melujinenhaften 
Natur den blinden Dichter immer tiefer in 


ihren gefahrdrohenden 
Bauberbann lodte: dar- 
über gibt „Don Car- 
108” — hier fajt das 
einzige HZeugnis 
dem, der zu leſen verjteht, 
reichlichen Aufſchluß. 
Schiller konnte 
dieſer ehebrecheriſchen 
Leidenſchaft nicht er— 
liegen, er fonnte es 
nicht, er hätte denn 
jelbjtmörderifch die an- 
geborene Hoheit feines 
adligen Geijtes ſchänden 
müſſen, der mitten unter 
dem hoffnungslofen 
Elend mit divinatorijcher 
Gewißheit das Gottes- 
gnadentum feiner Be- 
jtimmung fühlte. In 
zwölftägigem Kampf, den 
jeine Gedichte „Frei— 
geijterei der Leidenschaft“ 
und ,Refignation” nur 
annähernd widerſpie— 
geln, bringt er mit einer 
jittlichen Kraft, die leuch- 
tend wie nie zuvor her- 


_—— 


Die Frauen in Schillers Leben. 


a 


Wugufte SCegadin, 
die Guftel von Blafewig. 
Silhouette im Körnermujeum. 


Herzogin Anna Amalia. 


245 


vorbricht, und den fünftigen 

Geiſtesmenſchen ahnen läßt, 

der „Tugend“ das verlangte 

Opfer dar. 
x ri * 

„Bott“ gibt ihm einen 
Ausweg, ſich „aus dem Wirr- 
warr zu reißen und der ehrlid)- 
Mann zu bleiben“ 9: er fen- 
det ihm 
den jeltnen Mann, mit reinem, 

offnen Herzen, 
mit hellem Geift und unbefang- 

nen Augen 
entgegen, Körner, Der auf jei- 
nen Notjchrei: „ich fann nicht 
mehr in Mannheim bleiben, 
der Hiejige Horizont liegt 


ſchwer auf mir, wie das Bewußtſein eines 
Mordes“ *), nicht bloß jeine Schulden be- 
zahlt, fondern ihn auch in den folgenden 
Sahren über Waller hält. 
in dem Leben des Dichters eine ähnliche 


1) An Frau dvd. Wolzogen 11. 9. 1783. 
*) An Körner 22. 2. 1784. 


Dresden jpielt 





Gemälde. 


246 J. Höffner: 


Ftolle wie Bauerbad. Was von Frau 
von Wolzogen gejagt ift, gilt in nod 
höherem Sinn von Körner und feiner 
Familie, feiner gemütvollen, energifden 
Gattin Minna und der humorvollen, male- 
riſch bochbegabten Schwägerin Dora, den 
ihönen Töchtern des Leipziger Kupferſtechers 
Stod, die al3 Kinder Schon Goethe lebhaft 
interejiiert hatten und auf deren Urterl 
Schiller zeitlebens Wert legte. Eine un- 
eigennüßigere und treuere Freundſchaft hat 
die Welt nicht gefehen. Unter dem beruhi- 
genden und bildenden Einfluß Körnerd und 
der liebevollen Fürſorge der Frauen fchrei- 
tet in Dicjer Zeit der ,, Selbjtverjtindigung” 
die dichterifche und fittliche Läuterung des 
Dichters fort. Unter dem Zauber der ge- 
mütlichen Häuglichkeit Körner? und in dem 
Wunſch fi) aud) eine folche Stätte ruhigen 
Lebensgenuffes Schaffen zu können, hat er dann 
wohl um Margarete Schwan angehalten. 

Bor den Augen des erfdjredten Kür- 
ner wird Schiller, Anfang 1787, nod) ein- 
mal von einem afuten Liebesanfall heim- 
gejucht. Die Schönen Augen Henriette von 
Arnims, einer gutartigen Kofette, die die 
Mutter leider auf den Männerfang drej- 
fierte, „brachten ihn“ eine Zeitlang „aus 
dem Konzept“. Er Hatte fie auf einem 
Mastenball fennen gelernt und traf fie 
bald in ihrer eignen Hauslidfeit, bald in 
dem Salon der berühmten Schaufpielerin 
Wibrecht. Neben Schiller bewarben fid 
ein jüdilcher Bankier und ein Lebemann, 
Graf Waldftein- Dur, wie Minna Körner 
herausbelommen hatte, nicht ohne Erfolg, 
um die Gunft des Schönen Mädchens. Als 
aud) diefe Entdefung Schiller nicht Heilte, 
brachte man ihn im April zwangsweiſe in 
die etwas verfrühte Gommerfrijde nad 
Tharandt und überließ ihn mit Werther 
und den Liaisons dangereuses den kühlenden 
Einflüffen der Witterung, die ihm zunächit 
einen tüchtigen Schnupfen, dann aber unter 
Mitwirkung der jehr energijchen Ermahnung 
aus Dresden: „Wie Heißt Dein großer Ge- 
nius? Schüttle Did) zuſammen, zum Henker! 
Lulle Did) in die Tage Deiner Kraft“ 2) 
— eine heilfame Erkenntnis eintrug. Jeden— 
fall3 vermochte ein Beſuch der Mutter und 
Tochter in Tharandt die roftende Licbe 
nicht mehr aufzufrischen. 


1) Huber an Schiller. 


Che wir mit Schiller nad Weimar 
ziehen, mag noch der munteren Auguite 
Segadin aus dem Blajewiger Belannten- 
kreiſe Körners gedacht werden, der er in 
feinem „Wallenjtein” eine heitere Unjterb- 
lichkeit verliehen hat. 

* 


* 

Am 21. Juli 1787 kam Schiller in 
der thüringiſchen Reſidenz an und wurde 
als berühmter Dichter und herzoglicher Rat, 
der ſich mittlerweile wenigſtens notdürftig 
rangiert hatte und immerhin einen ſehr 
erheblichen Wechſel auf die Zukunft beſaß, 
alsbald in die Reihe der Heiratskandidaten 
aufgenommen. Körner hatte allen Grund, 
eine „Verplemperung“ zu fürchten. Denn 
{don hatte der finderreide Wieland Schiller 
alg willfommenen Abnehmer einer jeiner 
Töchter augserjehen. Wud) in der Mitt- 
wochsgeſellſchaft ruhten die Augen der Wei- 
marer jungen Damen, wie der Demoijelle 
Schmidt, mit prüfendem Wohlgefallen auf 
der gugereiften Partie. Gelbjt aus der be- 
rühmten Stadt Schweinfurt wurde ihm im 
Laufe der Heit eine Frau mit dazu ge- 
höriger Ratsherrnftelle angeboten. Schiller 
war aber vorjichtig geworden. Er hatte in 
Körners Haus gejehen, daß zu einer Che mehr 
gehört alg nur ein Herz voll Liebe und 
die Ausjicht auf Ruhm. Außerdem impo- 
nierten ihm die Weimarer Frauen fehr 
wenig, die damals ſchon ftark verwielandete 
Herzogin Anna Amalia nicht ausgenommen. 
Überhaupt war er in feinen Urteilen ziem- 
lid) ſcharf: Corona Schröter fcheint ihm 
ein jehr gewöhnliches Geiftesproduft zu fein, 
wiewohl er viel mit ihr verfehrte; eine 
Frau von Schardt fommt noch bedeutend 
ichlechter weg. Nur die ruhige Würde der 
Frau von Stein madjt auf ihn Eindrud. 

Heiraten will er um jeden Preis, aber 
nidjt unter 12000 Talern — ein mä- 
Biger Saß für einen Klaſſiker. „Es bleibt 
dabei, daß ich Heirate,” fchreibt er Anfang 
1788 an Körner; „ich führe eine elende 
Erijtenz, elend durch den inneren Zuftand 
meines Wejens. Ich muß ein Gejchöpf um 
mich haben, das mir gehört, das id) glüd- 
lid) machen fann und muß, an deſſen Da- 
jein mein cignes fic) erfriichen fann. Du 
weißt nicht wie verwiiftet mein Gemiit, wie 
verfinitert mein Kopf ijt (nicht durch äuße— 
res Sdhicfjal) durch inneres Abarbeiten mei- 
ner Empfindungen. Wenn ich nicht Hoff— 


Die Frauen in Schillers Leben. 247 





nung in mein Daſein 
flechte, Hoffnung, die | 
jajt ganz aus mir ge» 
ſchwunden ift; wenn 
ih die abgelaufenen 
Rader meines Den- | 
fens nicht von neuem 
auffinden fann, ift es 
um mich geschehen.“ 
Die Urjache jol- | 
cher düjteren Anfchau- 
ung war Charlotte 
von Kalb, mit der er 
in Weimar wieder zu— 
jammengetroffen war 
und die ihn durch ihre 
Verbindungen im die 
Weimarer Geſellſchaft 
eingeführt Hatte. | 
Wenn Schiller 
auch die Leidenschaft 
in jeinem Herzen ge— 
brochen hatte, jo war | 
jie doch keineswegs 
gejonnen, ihn aufzu- 
geben. Sie will fic) 
icheiden laſſen und 
Schiller heiraten, ein 
Gedanke, der in die» | 
fem Fall nod) ver- | 


ftandDen werden fann, — — — ; u 
Charlotte von Stein. Gemälde von Karl Frhrn. von Imhoff. 


aber jpäter in jeiner 
Wiederholung bei 
Sean Paul mehr als abjtoßend ijt. Der 
ewigen Abwehr müde, fieht Schiller die 
einzige Möglichfeit, einem zweiten Mann— 
heim zu entgehen in einer Heirat. Der 
Himmel ſchenkt ihm in Charlotte von Lenge- 
feld die fo fchmerzlich gejuchte Gefährtin 
fürs Leben. 

Es fann nicht die Aufgabe diejes kurzen 
Aufjages fein, das Werden und Wachen 
diefer Liebe bis ins Einzelne zu jchil- 
dern — das ijt zur Genüge von berufener 
Seite gefchehen. Wir miiffen uns auf einen 
jehr gedrängten Umriß beſchränken. 

* os 


* 

Ym Herbſt 1787 erneuert Schiller bei 
Gelegenheit die flüchtige Bekanntſchaft mit 
der Lengefeldjden Familie in Rudolſtadt 
jelbjt. Er findet, wie er an Körner fchreibt 
(27. 7. 1788), eine ftille, häusliche Ein- 
fachheit und in den beiden Schwejtern, der 
an einen Herrn von Beulwig verheirateten 











temperamentvollen Karoline und der jtille- 
ren Lotte, „zwei nicht gerade ſchöne, aber 
jehr anziehende Wejen, deren Hang zur 
Schwärmerei dem Verjtande fubordiniert 
und durch eine nicht gewöhnliche Geiftes- 
fultur gemildert war“; bei Lotte außerdem 
„eine gewiſſe coquetterie d’esprit, die aber 
durch Bejcheidenheit und immer gleichblei- 
bende Lebhaftigfcit mehr Vergnügen gab 
als drückte”. 

Ein Sommeraufenthalt in der lieblichen 
Umgebung des Städtchens erjcheint ihm 
höchjt angenehm. Bei dem allerdings nur 
furzen Wiederjehen Lottens in Weimar zur 
Fafchingszeit, gewinnt diefer Gedanke Ge- 
ftalt und fommt im Frühlingsmond 1788 
zur Ausführung. 

Lotte, von einer unglüdlichen Liebe zu 
dem Engländer Heron noch nicht völlig ge- 
heilt, ahnt mit einer Gabe, die Frauen 
in Diejem Fall eigen zu fein pflegt, in dem 


4 


* 


— — — 


see we — — = 


248 J. Höffner: 


„einfachen guten Schiller” den Mann, der 
ihr das Gleichgewicht und die Ruhe des 
Herzens wiedergeben wird. Cs ift mehr 
als bloß das Gefühl wohltätiger Abwech- 
lung, das fie bejtimmt, dem in praftiichen 
Dingen höchſt unerfahrenen Dichter in dem 
nahen Bolfitädt eine Wohnung zu bejor- 
gen, in die Schiller mit der Gewißheit ein- 
zieht, daß dieje Gegend ifm, dem von den 
Eumeniden Umgetriebenen, ein Hain der 








nicht gewöhnlichen Lurusgegenjtand, von 
Lottens Klavierjpiel janft umſchmeichelt, 
holden Träumereien nachzuhängen; bald 
wandelt er gegen Abend nad) ange- 
jtrengter Arbeit aus dem pfauenumjchriee- 
nen Häuschen des Kantor Unbehaun an 
den Wafjerdamm, die Fajtanienbewachjene 
via sacra Nudoljtadts. Die Schweitern, 
jedesmal in Furcht, er finne fie bei jei- 
ner Kurzſichtigkeit verfehlen, eilen ihm 























Diana {don 
und Die ent» 
beiden gegen, 
Schwe- um Dann 
ae on 
wohltä- men Na- 
tigen tur zu 
Göttin- jchwar- 
nen fein men, den 
würden, Sonnen: 
ihn vor | unter- 
oy = | | gang zu 
en Un- ewun— 
terirdi⸗ dern und 
ſchen zu danach 
be⸗ den 
ſchützen Abend 
und ſein unter 
eigenes bilden— 
Herz der Lek— 
wieder⸗ türe wie 
findenzu Homer, 
[afjen*). | Oſſian 
Es ent— u. a. und 
jpinnt anregen: 
ih ein dem Ge- 
harmlo⸗ ſpräch 
ſer, in— daheim 
niger zu ver— 
Verkehr, bringen, 
wie er oder 
in heuti- Shiller und Lotte. auch in 
gen Ver- Beul- 


hältniſſen ohne die Verdächtigung der großen 
Menge mit „den rohen Sinnen und den 
unedlen Augen“ kaum möglich ware. — 
Bald juht Schiller ſchon vormittags 
das Haus in der Neuen Gafje auf, um 
an Lottens Schreibtifch unter dem Geijtes- 
fluidum der Schwejtern etwas für die Un- 
jterblichfeit zu tun, oder auch in ſüßer 
Ruhe auf dem Kanapee, einem in Rudoljtadt 


1) An Lotte 26. 5. 1788. 





wigens Garten in Gefellfchaft  befreun- 
Deter Familien bei Mondjchein „ſchunkelnd“ 
das „Lied an die Freude“ oder Höltys 
„Roſen auf den Weg gejtreut” zu fingen. 
Freitag abends bot die Franzöſiſche Gejell- 
ichaft erlejene Geniijje. Aber auch die Kir— 
mes und das Vogeljchieben wurden nicht 
verachtet. Kehrte Schiller dann fpat abends 
unter dem Gefühl: ach, wie war der Tag 
doc) labend, in jein Tuskulum zurüd, jo 
fam ihm der bejorgte Kantor wohl jchon 


Die Frauen in Sehillers Leben. 


mit der Laterne entgegen. Briefe flogen 
hin und her, befonders wenn Schiller, der 
ih Leicht erfaltete, and Bimmer gefejjelt 
war. Bisweilen mußten die Schweitern den 
von feinen Arbeiten ganz eingenommenen 
Dichter durch die verführerifche Ausficht auf 
nitarfen Kaffee“ oder „Thüringer Klöße“ 
aus feiner Einſamkeit herausloden. 

Allmählich und unaufhaltfam wadft 
ihre Liebe: Lotte horcht auf Schillers Tritt; 
fie forgt fic) um ihn wegen ded Windes; 
fie vermeidet die Wörter, die er nicht gern 
hat; fie lernt „Die Götter Griechenlands“ 
auswendig: fie überſetzt „Don Carlos” ins 
Englifche; fie zerbricht — nicht zufällig — 
da3 mit einem H. gejchmüdte Glas, das 
ihr der galante und langweilige Knebel zur 
Erinnerung an Heron gejchenft Hat; bei 
einem Gewitter ijt ihre größte Yurcht, 
e3 finnte in Volkſtädt cin- 
geichlagen haben; und wenn: 
fie einmal auf kurze Beit ver- 
reift, wie zu Frau von Stein 
nad) Kochberg, zittert fie bei 
dem Gedanken, Schiller finnte 
ih an ihre Abweſenheit ge- 
wöhnen. 

Als der Dichter im Herbit 
notgedrungen nad Weimar 
zurüdfehrt, ijt er, ohne fic 
jelbft darüber ſchon völlig 
far zu jein, ein gebundener 
Mann. Ein Stödchen „bren- 
nende Liebe“ ijt die lebte 
Gabe Lottens beim Scheiden. 

Es Handelt ſich jebt für Schiller nur 
nod) um eine geficherte Exiſtenz, um 
das geliebte Mädchen heimführen zu kön— 
nen. Sie wird ihm in der nicht ertwarte- 
ten und nicht gewünschten Profejjur in 
Sena vom Herzog angeboten. Frau von 
Stein, die hohe Proteftorin des Verhalt- 
niffe3, hatte mit gejdidter Hand die Faden 
gelenkt, die ihn binden jollten. Es bedarf 
der ganzen Überredungsfunft der Schweitern, 
ihn zur Annahme de3 Amtes zu bewegen. 
Die Aufgabe, nunmehr dem fjchüchternen 
Dichter zu einer Erklärung zu verhelfen, fiel 
der umfichtigen Karoline zu. Sie löſte fie 
unübertrefflich in Lauchjtädt und wußte auch 
die Mutter, eine treffliche Frau, mit der Schil- 
fer ftet3 in mujterhafter Einigkeit lebte, einige 
Beit jpäter zur Einwilligung zu bewegen. 
Am 7. Auguft 1789 fann ſich Schiller mit 


Belhagen & Klafings Monatshefte. XIX. Jahrg. 1904/1905. II. Bb. 





Karoline von Wolzogen. 
Silhouette im Körnernufjeum. 


249 


jeiner Lotte, dem überrafchten, etwas pifierten 
Körner, der noch immer auf der Suche nad) 
einer fapitalfraftigen Partie für den Freund 
war, als glüdlicher Bräutigam präjentieren. 

Die äußeren Verhaltniffe ordneten fich 
befjer, alS man gehofft. Die chére mere 
bewilligt einen jährlichen Zuſchuß von 150 
Talern, der Herzog ein fires Gehalt von 
200 Talern und verleiht durch den Hofrat- 
titel der bevorjtehende Ehe einen bejcheidenen 
Glanz. Wm 22. Februar 1790 nachmittags 
5 Uhr verläßt Schiller die Kirche von 
Wenigenjena als junger Ehemann. 

* * 


* 

Damit verlieren die Frauen für Schillers 
Leben ihre Bedeutung. Jn Lotte ruht 
jeine Sehnfuht aus. Bor dem ftillen 
Frieden des Hauſes entfliehen die Cume- 
niden, und wo fonft die verzehrenden 
Slammen einer unrubigen 
Glut fladerten, leuchtet jebt 
das heilige Feuer einer reinen 
Liebe. Karoline ift Lange 
Beit am Himmel diefer Ehe 
alg Nebenfonne  angefehen 
worden, al3 habe Schiller fie 
geliebt und Charlotte gehei- 
i ratet. Es fann fo fcheinen, 

» wenn man nidt Schillers 
* leicht überſchwengliche Gefühle 
und ſeine Art, „gern die Ge— 
liebten ſeines Herzens zu ver— 
wechſeln“ (an Lotte 4. 12. 
1788) in Rechnung zieht. Er 
liebte in Karoline den Geiſt, 
in Lotte die Seele. Die ſchönen und reinen 
Worte, mit denen er die bangende Braut 
über ihre Zweifel beruhigt, können auch 
uns genügen. 

Auf der andern Seite hat man Lotte 
mit einem Strahlenkranz, den ſie gar nicht 
nötig hat, umgeben zu müſſen gemeint, 
wenn man die mit den Jahren fortſchreitende 
Verklärung Schillers, in der fein innerer 
Menſch immer ſchöner die irdiſche Hülle 
durchbricht und überwindet, durchaus ihrem 
Einfluß zuſchrieb. Schiller war nicht der 
Mann, der ſich durch das Ewig—-Weibliche 
hätte hinanziehen laſſen müſſen; das an— 
nehmen, heißt die ungeheure ſittliche Kraft 
verkennen, die dem Dichter eingeboren war 
und aus widrigſten Verhältniſſen heraus die 
Höhen reiner Geiſtigkeit gewonnen hätte. 
Es iſt im Gegenteil das Verdienſt Schillers, 
17 


250 


das empfindjame Madden zu der harmo- 
nischen Geftalt, die uns jetzt vor Augen ſteht, 
der würdigen Gefährtin feines Strebens 
herangebildet zu haben, die auch nach feinem 
Tode, wie fie jelbjt jagt, durch Mut und 
edle Nejignation zeigen fonnte, daß fie ihren 
Geiſt an Schillers Beifpiel zu ſtärken verftand. 

Kaum ift je eine glüdlichere Che ge- 
führt worden. Beitlebens hat er die Mutter 
feiner Kinder, den guten Geift feines Haufes, 
die treue Hiiterin feiner Gejundheit mit 
einer tiefen, fchonenden Zärtlichkeit umfaßt 
und auch in ihrer Pflege feine ohnehin 
ſchwachen Kräfte freudig geopfert. 

Das Tiefite, was die Gattin dem Gatten 
als Freund zu bieten vermag, ihm zu geben, 
lag nicht innerhalb von Lotte geiftigem 
Vermögen. Cr begehrte e3 aud) nicht von 
ihr. Seine Freunde waren Männer, die 
ifm das reichlich ſchenkten, worin Lotte not- 
wendig verjagen mußte: Körner, Humboldt 
und vor allem Gocthe. Dieſe Freundichaft 
bei einer andern Frau zu fuchen, wäre ihm 
bei jeiner hohen Vorftellung von der Heilig- 
feit der Che als geiftige Untreue erjchienen. 
Smmer aber hat er für die weibliche Be- 
gabung die tiefjte Ehrfurcht gehegt. Für 
die Staél, die Bohlin, die geijtvolle Anmut 
der Königin Luife, die heroijche Seelengrüße 
der vielverfannten Gattin Karl Auguft3 und 
die fürjtlich-unbefangene Hoheit der jungen 
Erbprinzeß-Großfürftin Hatte er verjtändnis- 
volle Bewunderung, wie denn aud) feine 
dichterichen Frauengejtalten, gelöft von „der 
Angſt des Irdiſchen“, faft jämtlich durch 





%. Höffner: Die Frauen in Schillers Leben. 


den heldenhaft-ehrjurdjtgebictenden Zug 
deuticher Urzeit von den Scharen der Staub- 
gebornen fich entfernen. 

Schiller hat, obwohl er gerade die beiden 
geijtig hochſtehendſten Frauen, die in fein 
Leben traten, in ihrer tiefften Erniedrigung 
hat jehen müſſen — Charlotte v. Kalb und 
Karoline v. Wolzogen —, doch eigentlich die 
Ydealgeftalt der deutjchen Frau als eriter 
nad) Walther von der Vogelweide neu belebt. 
Er hat das Weib auf ein Piedeftal erhöht, 
von dem herab fie, erhaben über die Kämpfe 
und Schlachten der Männer, mit dem ge- 
lajjenen Lächeln einer Heiligen herabblidt. 
Es widerjtrebte feiner tiefen und zarten 
Nitterlichkeit, fie im Staub und Gewühl 
des Kampfplatzes, tüdlihen Wunden aus- 
gejeßt, zu erbliden. Ihr Plaß foll außer- 
halb der Schranken fein; ihr Beruf, mit 
„Ihönen Händen, den Preis dem Gieger 
auszufpenden“. Bei den Frauen hat er „der 
männlichjte Mann“, von jeher das gliihendjte 
Berjtändnis gefunden. Und mie jein Wort: 
„Wiffet ein erhabner Sinn fegt das Große 
in das Leben, und er fucht es nicht darin“, 
einer edlen Fürftin in trüben Stunden zum 
Leitftern diente, jo Hat jeine ideale Auf- 
fafjung die reine Frau, die Gefahrtin des 
Mannes, die Mutter des Menjchen, der 
niedrigen Auffafjung einer entivethenden 
Pſeudokunſt zum Troy 

hod) auf des Lebens 

Gipfel geftellt. 

Sie ſchließt blühend den Kreis des Schönen, 

Mit der Mutter und ihren Söhnen 

Krönt fid) die herrlich vollendete Welt. 





Die Kirdhe in Wenigenjena. 





Roman von 
Paul Oskar Söcker. 


(Bortfegung.) 


0 auf dem Waffer verlebten eine 
wundervolle Stunde: Olfers und Krofta 
mit der Kleinen Dodi. 

Der Wind blies tüchtig, aber die Nacht 
war flax, der Himmel fchien jest ganz wolfen- 
1038. Man befand fich in der Beit der Stern- 
Ichnuppenfäle. Das flimmerte und blihte 
am Firmament, e8 war oft ein wahres 
Feuerwerk. 

Da ſie vorläufig „mit raumer Schoot“ 
fuhren, brauchte ſich Olfers zunächſt nicht 
mehr um die Segelſtellung zu kümmern. 
Er kroch alſo zu dem ungleichen Paar hin— 
über. In dem kleinen, windgeſchützten, 
zeltartigen Raum zwiſchen Haupt- und 
Gaffelfegel jaßen fie dann jehr gemütlich 
zu dritt beijammen, die Herren unterhielten 
fic) über nautifche Dinge, und Dodi, die 
linfZ die Hand ihres Waters, rechts die 
Banklehne fejthielt, hörte zu, andächtig zum 
Nachthimmel emporblidend, an dem e8 dann 
and wann leuchtend aufzudte. Ein paar- 
mal beugte fie fid) zu ihrem Papa und 
füßte ihn, wenn er fich gerade etwas vorn- 
über geneigt Hielt, auf die Wange, oder 
aud) nur auf den Rodärmel. Dann preßte 
er fie immer an fih. Mehr und mehr 
wich der Troß in ihm einer großen Weich- 
heit, den Fleinlichen Arger über die Ver- 
wandten ftreifte er ganz von fic) ab: die 
Marinejtimmung hatte ihn wieder erfaßt. 
E3 war nur eine tiefe Trauer in ihm dar- 
über, daß Mia ihn wieder einmal fo gar 
nicht verjtanden hatte. 

„Mädel — ift Dir's aber auch warm 
genug?“ fragte er plößlich beforgt. 

Die Kleine beteuerte es, genau wußte 
fie’ 3 aber felbft nit. Ihr Stimmchen 
zitterte leicht, mwahrjcheinlich nur von der 
Aufregung über das Abenteuer; er wollte 
jedoch fogleich feinen Rod ausziehen, um fie 
einzuhüllen. Das duldete Krofta indefien 
nicht; er hatte einen Plaid mit, den er 
flug3 aus dem Kaften holte Als Dodi 


(Mbdrud verboten.) 


wie ein Feines Bündel auf der Bank Hodte, 
meldete fic) in beiden das Mitleid: jest 
fiel e8 ihnen erft fo recht auf, wie winzig 
fie doch noch war. 

„aber jtolz bin ich trogbem auf Dich, 
Du Krabbe!” fagte Dlfers, das Heine Plaid- 
bündel gerührt hätfchelnd. 

Auch Krojta Lobte fie, fie fei ein tapfe- 
rer Heiner Ramerad. Krofta war ein lang- 
aufgejchoffener, grauhaariger Fünfziger mit 
freundlicem Gefiht, aber einem feltfam 
melandolifden Ausdrud in den Augen. 
Cr mußte ziemlich heftige Schmerzen in der 
Hand empfinden, denn das Gelenk war, 
wie Offers feititellte, ſtark angeſchwollen. 
Uber davon wollte der Sciffsbaumeifter 
fein Wejens gemacht wiſſen. Ym Geſpräch 
taute er mehr und mehr auf. Seine Ge- 
fährten am Nachmittag — fliidjtige Hotel- 
befanntichaften — Hatten den Zauber des 
Segelnd gar nicht begriffen. Jetzt fühlte 
er fic) erft recht in feinem Element und 
er freute fic) lebhaft, einen Gefinnungs- 
genofjen gefunden zu haben. 

Während die Wellen, die raufchend 
hereinbrachen, von der fic) wiegenden Jacht 
durchichnitten wurden und das Wafer, das 
an den Kiel fchlug, einen originellen Rhyth- 
mus ſchuf, in den fic) das Singen des 
Windes mijchte, erzählten fie einander, — erft 
allgemeines aus der maritimen Sphäre, in 
der jie beide lebten, dann, al3 fie mehr 
und mehr in Stimmung famen, auch dies 
und das aus ihrem Leben. 

Krofta hatte eine bewegte Laufbahn 
hinter fih. Er war der Sohn eines Fiſchers 
vont Stettiner Haff. Bon früh an war 
ein großer Tatendrang in ihm gewwefer. 
AS junger Burjche hatte er auf dem „Vul— 
fan” gearbeitet, dann war er in eine hol- 
ländiſche Werft eingetreten, hatte neben der 
praftifdjen Tagesarbeit nod) abendliche Bei- 
chenkurſe und Theorieftunden beſucht, um 
in die Schiffsbautechnik einzudringen. Er 


17* 





252 


war dadurd) feinen beiden Chefs aufgefallen, 
befonders Mynheer ten Hoge hatte fich feiner 
angenommen, Schritt für Schritt war er 
jo innerhalb der Firma emporgeriidt, und 
jeit dem Tode des alten Gonderlings war 
er Ptitbefiker der befannten Amſterdamer 
Werftanlage von VWanderlips & ten Hoge. 
Bon jeinen Verwandten lebte niemand mehr 
am Haff, er felbft war Junggeſelle geblie- 
ben, aber aus alter Anhänglichkeit zog es 
ihn dod alle paar Sabre wieder einmal 
nad der Oftfee. Diefe völlige Losldfung 
von Dem inzwifchen jehr ausgedehnten Ge- 
{aft ward auch durch Gefundheitsrüdfichten 
bedingt: feit einer Reihe von Jahren war 
feine Herztätigfeit nicht mehr in Ordnung. 

Bol Intereffe, hernach in wachfender 
Bewunderung verfolgte er die nächiten Segel- 
manöver des jungen Offigiers. Um mit 
guter Fahrt beim Landungsiteg von Mis- 
drop anzulaufen, mußte man eine Strede 
weit freuzen. Das zu den Wendungen er- 
forderliche Halfen der Segel führte Olfers 
mit folder Verve und Knappheit aus, daß 
man in den neuen Kurs fam, ohne daß 
das Boot merflih ing Schwanken geriet. 
Krofta bedauerte e3 Iebhaft, daß fie einan- 
der nicht früher fennen gelernt und ein 
paar größere Touren mitfammen ausgeführt 
hatten. Am zmweitnächften Tag mußte er 
nun jdjon der Gefdhafte halber nad) Amfter- 
dam zurüd. Er hatte einen Werftangeftell- 
ten fommen lafjen, der ihm mit der Yacht 
folgen follte. 

„Das müßte eine prächtige Fahrt fein 
— fo im Boot an Rügen vorbei und dann 
um das Rap Skagen herum!” fagte Olfers 
voll Feuer und Begeifterung. „Hätte ich 
nod Zeit — ich fäme auf der Stelle mit! 
— Uber leider ift mein Urlaub ſchon a 
Sonntag zu Ende.“ 

Kaum hatte er das ausgefprochen, fo 
fühlte er das Blut zu feinem Herzen drän- 
gen, er dachte an Mia — an den Abfdhied. 
Seine Redhte taftete ängftlih nad) Dodi. 
Er rip fie ftürmifch an fid, nahm fie auf 
den Schoß und preßte fein Geficht für ein 
paar Augenblide gegen ihre Schmale Schul- 
ter. Sie wollte ihn umfchlingen, befam 
ihre Armchen aber nicht frei, weil das 
Plaid fie einfchnürte. 

Raſch näherte fid) die Facht dem Lande, 
der Lichtſchein des großen Badeort3 wirkte 
zuerjt mur wie ein ungewiſſes Ylimmern 


Paul Osfar Hider: Dodi. 


von Leuchtfäfern, beim Näherkommen unter- 
{ied man dann die einzelnen Lichtfreife 
der Hotels, der Strandhallen, der Rur- 
promenade, aus deren Pavillon abgeriffene 
Walzertatte übers Waſſer Hangen. Schließ- 
lid) Hob fic) aus dem Lichtmeer die Sil- 
houette der vereinzelt am Strand ftehenden 
Billa ab, die die Konfulin inne hatte. Es 
waren Darin nur wenig Fenster erleuchtet, 
die ganze Familie fdien unten im Speife- 
zimmer noch bei Tifch verfammelt zu fein. 

Etwas bänglid war e3 Olfers doch 
zumute, als er fich von feinem neuen Be- 
fannten, der im Strandhotel Togierte, ver- 
abjdiebdet hatte und mit Dodi den Heim- 
weg antrat. 

Die Kleine taumelte zuerſt, nachdem 
man gelandet war. Cine Strede weit nahm 
Olfers fie daher auf den Arm. Wber Dodi 
wollte lieber marjchieren, fie war zu ftolz 
auf ihr Erlebnis mit den Großen. Da 
fie an Bord teild aus Refpekt, teil® aus 
Bangigkeit folange gejchtviegen hatte, drängte 
ji jegt ein wahrer Strom von Fragen 
und Beobachtungen aus ihrem Herzen. 

„Mutti — Mutti!” unterbrach fie fich 
plöglih und ftiirmte davon, der Ankom— 
menden entgegen. 

Mia war auf dem Weg zur Landungs- 
briide, um nad ihnen auszufchauen. Jubelnd 
jprang ihr Töchterhen an ihr empor, fie 
mit wahrer Leidenschaft umarmend. Bis 
zum Haufe war die Kleine dann die Wort- 
führerin. Sie z0g aber auc) den Vater 
immer wieder ind Geſpräch; er mußte das 
bejtätigen, was fie der Mutter erzählte. 
Olfers amiifierte ſich über ihre temperament- 
volle Eindrudsfähigkeit, meinte dann aber 
dod), nun wäre genug geplaudert, und fie 
miiffe raſch zu Bett gebracdt werden. Er 
ging aud) jelbjt mit binauf. Dodis Dante 
barfeit war rithrend. Artig tranf fie die 
heiße Milch, die Chriftiane ihr brachte, und 
ließ fich entkleiden. 

Bis jet hatte bas Ehepaar noch fein 
Wort direft miteinander gewedfelt. Als 
Dodi im Bett lag und ihr Wbendgebet 
ſprach, ſchon Halb im Schlafe und mit ge- 
ichlofjenen Augen, fabte Olfers nach der 
Hand feiner Frau. Sie ließ fie ifm, er- 
widerte den Drud aber nicht. So blieben 
fie denn ſtumm nebeneinander ftehen. 

Dodi gähnte mächtig, wühlte noch ein 
bißchen in den Kiffen, legte den Kopf zur 





Aus unserer Studienmappe: 




















Frühling. (Motiv aus Lenggries in Oberbayern.) 
Dlftudie von Prof. U. Fink: München. 





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254 


Seite und ſchlief fofort ihren feſten Kinder- 
ſchlaf. 

Auf den Zehen verließen ſie das Zim— 
mer, Mia nahm das im Zugwind flackernde 
Licht mit. 

In gutmütigem Tone, indem er auf der 
Treppe ſtehen blieb, ſagte Olfers: „Hör' 
mal, das ſoll nun doch nichts zwiſchen uns 
tragen, wie?“ 

Sie blieb gleichfalls ſtehen, zuckte aber 
matt die Schulter, ohne etwas zu erwidern. 

„Weißt Du was, Mia? Wir ſetzen 
die Chriſtiane in unſer Zimmer, ſie kann 
auf das Kind acht geben, — und wir bum— 
meln noch ein bißchen aus. He — willſt 
Tu?” Da fie ſchwieg, fam er an fie 
heran, löſchte das Licht und jebte es weg 
und nahm ihre beiden Hände „Du, das 
Geſicht will id) gar nicht erjt jehen. Mädel 
— was ijt denn geichehen, ums Himmels 
willen? Cei vernünftig, machen wir Schluß 
damit, — und komm!“ Cr fonnte ihre 
Miene nicht erfennen, ſehnſüchtig wartete 
er auf ein Wort von ihr. „Das ift übri- 
gens ein prächtiger Menſch, der Kroſta,“ 
fuhr er nach einer furzen Pauſe in etwas 
leichterem, jlotterem Ion fort. „Wir haben 
uns mächtig angebiedert. Gehen wir dod 
noch für ein Stiindden ins Strandhotel, 
im Nejtaurant treffen wir ihn — er wollte 
ih mur zuerſt noch die Hand regelrecht 
verbinden laſſen — es wird ihn rielig 
freuen. Du, Mädel, Schidjale hat der 
erlebt 1“ 

Aufs Treppengelauder ſich aufjtüßend, 
jeßte fie zögernd den Weg fort. „Nein, 
fiir Gejellichaft tauge ich heute nicht mehr, 
id) bin zu elend.“ 

„Wir werden Did) fehon aufheitern, 
Tu Komm mur, — Motabene: id) hab’ 
natürlih Hunger. 

„Es it für Vid) noch drinnen gededt.“ 

Verſteckt lachte er auf und ſchob feinen 
Arm im den ihren. Sie famen jest in den 
Lichtkreis der Flurlampe. „Und dabei tront 
Die ganze Liebe Verwandtſchaft und wirft 
mir mipbilligende Blide zu. Mein, Mia, 
heute will ich mich nicht mehr ärgern. 
Somnt, jeien wir mal leichtfinmig. Wir 
füpfen mit Koſta zuſammen em Fläſchchen 
Rheinwein und ſind fidel.“ 

„Wenn Du noch ausgehen willſt, mußt 
Du allein geben. Mach dem, was ich durch: 
gemacht babe...“ 





Paul Oskar Höcker: 


„Mia,“ unterbrach er ſie, ſie loslaſſend, 
„Du tuſt ein ſchweres, ſchweres Unrecht!“ 

„Ich kann nicht anders. Du — Du 
liebſt mich ja nicht. Du biſt ſo — — ſo 
egoiſtiſch, ſo lieblos ...!“ 

Sie brach in lautes Schluchzen aus. 
Als er ihr beſtürzt die Hände vom Antlitz 
nahm, um ihr forſchend ins Auge zu ſehen, 
wandte ſie den Kopf von ihm ab. „Laß 
mich — ich muß das erſt überwinden!“ 
ſtieß ſie aus. 

Nun ließ er ſchlaff die Arme ſinken, 
ſchwer enttäuſcht. Für eine Sekunde zitterte 
das Bildchen vor ſeinem geiſtigen Auge: 
wie Dodi im Boot, trunken vor Glück, zu 
den flimmernden Sternen emporgeſchaut, 
wie ſie dem daherpfeifenden Wind ihr keckes, 
kleines Näschen ſo trotzig entgegengeſtreckt 
hatte. Er konnte gar nicht begreifen, was 
er denn eigentlich verbrochen haben ſollte. 
Langſam ſchritt er die Treppe hinunter. 
Als er im Flur angelangt war, wandte er 
ſich nach ihr wieder um. 

„In fünf Tagen geht mein Schiff, Mia. 
Denkſt Du auch daran?“ 

„Du liebſt mich ja nicht — Du liebſt 
mich ja nicht!“ ſchluchzte ſie. 

„So. So.“ Es zitterte alles in ihm. 
Plötzlich fuhr es ihm in ſteigendem Born 


heraus: „Deine Verwandten — nein, die 
liebe ich allerdings nicht — die haſſe ich 


ſogar! Weil ſie unſer Glück vernichten 
wollen — darnum haſſe ich ſie!“ 
* * 
— x 
An diejem Abend wanderte er nod 


lange unjtet am Strand entlang, ſchließlich 
durch) den Fchon till gewordenen Badeort. 
Ans Strandhotel ging er nicht mehr. Er 
ſuchte cine Wirtichaft im Dorfe auf, wo er 
bis gegen Wiitternadt bei einer Zeitung 
ligen blicb, im der er aber kaum eine geile 
wirflich las. 

Bet der Heimkehr jah er ſchon von 
weiten, daß in den beiden Giebelſtuben der 
Billa noch Licht brannte. 

Chrijtiane fam Yofort die Haustür öff— 
nen, als er ſich bemerfbar machte. 

„Ach, Herr Leutnant,“ jagte Das Mäd— 
chen in angeſtrengteſtem Flüſterton, „die 
Kleine iſt gar nicht ſo richtig!“ 

„Dodi?!“ 

„Ja, ſie hat die Milch ausgebrochen 
wid fiebert — und Die qua’ rau jagt, pe 
müſſe Schmerzen haben, — der Doktor iſt 


Dodi. 255 


eben gegangen — ich war ſchon im Strand— 
hotel, um den Herrn Leutnant zu holen ...“ 

Immer ein paar Stufen auf einmal 
nehmend, ftiirmte er Die Treppe empor. 

Mia hörte ihn fommen und trat ihm 
in der Tür entgegen. „Still, jtill! Grade 
jcheint fie einzujchlafen !* 

weer Arzt war da? Was hat er 
gejagt?” 

Auch Alwin und Clijabeth famen her- 
aus. Sie wollten ihn beide bejchwichtigen. 
(3 [aq aber etwas jo Vorwurfsvolles in 
ihren Bliden, dak das innerliche, gereiste 
Sittern fic) in ibm wieder meldete. 

„Das Fieber ijt nicht mehr fo Hoch, neun- 
unddreißig,“ Derichtete Mita, „es brauche 
nur eine Magenverſtimmung zı ein, meint 
er, aber vielleicht auch eine Erkältung . . .* 
Sie weinte plößglich und wandte ji) ab. 

„Wenn ſich nicht etwa eine Unterleibs— 
entzündung daraus entwidelt!“ fiel Cliya- 
berh ett. 

Völlig niedergeichmettert twiederhofte er 
Das Wort, nod) ungläubig, entjegt jtarrte 
er dabei auf die Bimmertür. 

„Sie war eben zu dünn angezogen — 
gewarnt haben wir Sie ja genug!” 

„Lisbeth!“ Flehte Mia ganz verzweifelt. 

Boller Haß Leudjtete es in Llfers’ 
Zügen auf, als jein Blid den jtrafenden 
Mienen begegnete, die Schwager und Schwä— 
gerin aufjegten. Es war, als wollte jid) 
all jein Groll jest in einem wilden Aus— 
bruch entladen. Aber eS war mir cut 
Stöhnen, was aus jeiner Kehle drang. Er 
ri} am feinem Kragen, der ihn einengte, 
und wandte fid) ab. Auf den Fußſpitzen 
trat er in die Krankenſtube ein. Lauſchend 
biteb er am Bettchen Tteben. | 

Draußen beichwor Mia den Bruder, 
jie jeBt allein zu laſſen. Sie war gay 
aufgelöjt in Tränen. 

Todi ſprach im Halbſchlaf ein paar 


Worte — thre Wangen waren ghilend- 
heiß — fortgeießt jtrichen ibre nervös zit— 


ternden, Fleinen Händchen über die Vettdecke. 
Ein paarmal zuckte ihr Körper wie im 
Schmerz zuſammen. Dann fan ein leijes 
Wimmern aus ihrem beigen Munde. 

Die Kniee knickten ibm plößlich ein, 
er mußte Sich haſtig niederſetzen. Verſtört 
ſtarrte er die kleine Kranke an, ſeine Hände 
krampften ſich ineinander, und er ſtammelte 
faſt tönlos: „Dodi, ſtirb mir nicht! — 


Um Gottes Barmherzigkeit willen! — Ach, 
Dodi, meine kleine Dodi!“ 

Mia fürchtete, daß er ſie aufwecken 
könnte. Sie trat zu ihm, wagte aber nicht 
zu ſprechen. Seine Zerſchlagenheit — mehr 
vielleicht noch die Grauſamkeit der andern, 
die ſie ſelbſt nicht minder tief getroffen hatte 
als ihn, — drängte ſie plötzlich zu einer 
Annäherung. Sie ſank lautlos neben ihm 
in die Kniee, umſchlang ihn und preßte 
ihr Geſicht an ſeine Bruſt. 

„Sprich nicht, Mia!“ flüſterte er. „Trifft 
mich eine Schuld, dann bin ich geſtraft 
genug.“ 

Sie ſchüttelte heftig den Kopf, ohne ihr 
Geſicht zu erheben. „Ach, ſo grauſam — 
ſo grauſam kann ja der Himmel gar nicht 
ſein!“ 

Lange blieben ſie darauf in ſtummer 
Umarmung. Angſt und Vertrauen führten 
ſie in dieſer Stunde zuſammen. Er glaubte 
nun doch wieder an ihre Liebe: da ſie 
nicht wie ihre Verwandten die Gelegenheit 
ergriff, um ihm Vorwürfe zu machen. 

Wieder kam ein Anfall, unter dem die 
Kleine ſich vor Schmerz krümmte. 

Bei ihrem Achzen preßten ſie einander 
in ſolcher Verzweiflung, daß ſie den Atem 
verloren. Graue Bilder jagten durch feine 
aufgeregte Phantaſie. Der Schiffbruch der 
„Undine* fiel ihm wieder ein, es war ifm, 
als hörte er ganz deutlich das jammervolle 
Geſchrei der Schiffsjungen, die ſich ſchon 
verloren glaubten und aneinander klammer— 
Cs | 4 

Die Kehle war ihm wie zugejchnürt, er 
fühlte einen würgenden Drud. Weit aller 
Macht pregte er die Zähne aufeinander, 
Die Lippen zuſammen — ſonſt hätte der 
Schmerz ihn übermannt. 

* de * 

Aber der Grund von Dodis Erfranfung 
ward zum Glück nod) in der Macht erfannt 
— und er war weſentlich anderer Art, als 
Mangelsdorffs in ihrem Eifer, dem Schwager 
alle Schuld beizumeſſen, angenommen hatten. 

Nach einer Stunde tüchtigen Quälens 
entleerte die Kleine noch einmal den Magen, 
dann jchlief fie ruhig, ohne jede Unter- 
brechung, bis zum Morgen. 

Degen zwei Uhr gingen auch ihre Eltern 
zu Bett. Freilich lagen beide noch lange 
wach, jedem Atemzug des Kindes lamichend. 

Es war furz vor Morgengrauen, als 


a ee — — 


-earımm ses 


— — — — — — — — — m gg ———— ———— EE ur — — — —— — —— — — — 


256 


man aus dem in der mittleren Ctage der 
Villa gelegenen Schlafzimmer von Alwin 
und Elijabeth ziemlich jtarfe Unruhe ver- 
nahm. Gleich darauf ward Chriſtiane 
wieder geholt. Mia ging nad) der Urjache 
fragen und erfuhr, daß Clijabeth unter 
ähnlichen Erjcheinungen erfranft war, wie 
Dodi am Abend zuvor. 

Und morgens erhob fic) auch die Kon- 
julin nicht. Es war ihr jo übel, daß fie 


Paul Oskar Hoefer: Dodi. 


Der Milch felbft gelegen haben — oder an 
dem Topf, worin jie abgefocht worden war. 

Das legtere wollte Elijabeth, die wachs— 
bleich war, unter feinen Umjtänden zugeben, 
denn Sie hatte gerade gejtern abend das 
Milchkochen eigenhändig bejorgt. 

Lächelnd 30g der Badearzt mit nach der 
Küche, wo fich die Rajjerolle noch vorfand. 

ALS fie zurückfehrten, lächelte der Doktor 
noch immer. Aber Elifabeth war womig- 


Aus unserer Studienmappe: 








Waldmwieje bei Tölz gegen Wadersberg. 
Olſtudie von Prof. U. Fine. 


den Kopf faum auf den Schultern balan- 
cieren fonnte. 

Um acht Uhr ftellte fich der Arzt ein. 
Dodi hatte gut ausgejchlafen; fie fam ihnen 
zwar noch ein bißchen blak vor, aber von 
Sieber war feine Spur mehr vorhanden. 

Bei den nun etwas gründlicheren Nach- 
forichungen des Doftors ergab fich darauf 
dDiejes: Diejenigen Familienmitglieder, Die 
abends nad) der Heimfehr Milch getrunfen 
hatten, waren erfranft. Es mußte aljo an 


fih noch bleicher geworden. „Nun, das 
fann ja auch der beiten Hausfrau einmal 
paſſieren!“ tröjtete er fie. 

So endete das Begebnis, das alle Ge- 
milter aufgewühlt, auch joviel Leidenschaften 
qewedt hatte, mit einer tragifomijden Pointe, 
und man hätte der Sache, die ja noch 
glimpflich genug abgelaufen war, eine leich- 
tere Seite abgewinnen fünnen. 

Uber zwijchen Clfers und den Ver— 
wandten jeiner Frau blieb der Riß beſtehen. 


Hus unserer Studienmappe 





7 





— ——— 











onthofen in Oberbayern. 


© 


Bon Prof. U. Fink. 


tudie aus 


Fond 
S 


298 


In den nächjten Tagen beteiligte er ſich 
an feinem größeren Spaziergang mehr. Wud) 
zu den Mahlzeiten erſchien er nicht. 

Er hatte Nrofta feinen Beſuch gemadt, 
der ermiderte ihn und bat ifn zu Tijche. 
Darauf {ud Offers ihn jeinerjeits ein (unter 
der Ausrede, dag die Konjulin noch etwas 
Icidend fet, gleichfalls in ein Nejtaurant), 
hiervon fonnte fic) Mia nicht ausjchliehen, 
und es ward dann eine ganz bebagliche 
Sitzung daraus. Krofta, deſſen Koffer Ichon 
gepadt waren, gab darauf noch zwei Tage 
zu, und am Sonnabend unternahmen Die 
beiden Herren mit günftigem Wind eine 
Segelpartie in der Nichtung auf Kolberg. 

Montag Mittag mußte Olfers in Stiel 
eintreffen — Mia gedachte mit Dodi nod) 
cine Beitlang bei der Großmama zu Gajte 
zu bleiben. 

Ganz unerwartet ordnete ihr Gatte aber 
an, da jie ihre Koffer gleichfalls paden 
jollte. Er fagte es jo bejtimmt, daß jie 
gar nicht erjt den Verſuch eines Einwandes 
machte. Ubrigens fiel ihr feine bejonders 
gehobene und zuverfichtliche Stimmung auf. 

Am Grunde war es ihr jelbjt eine 
wahre Erlöfung, freizufommen und wenigiteng 
den Legten Abend ganz allein mit ihm zu 
verleben 

Sn ihrem Heim fam dann auch — 
zugleich mit dem Trennungsweh — die alte 
Stimmung wieder über jie. 

Es war reichlich ſpät, als fie eintrafen. 
Der Matroje, der fitch auf dem Bahnhoy 
zum Empfang einjtellte, Hatte auc) erjt einen 
Teil der Wohnung "bezugsfertig gemacht. 
Va das Dienſtmädchen noch beurlaubt war, 
mußte Mia alfo Küche und Haus allein 
bejorgen. Wielleiht war es gerade das 
Hausfranliche, das ihrem Weſen Heute den 
bejonderen Reiz für Clfers gab. Im Cpe 
zimmer ſah es noch ungemütlich aus, denn 
Die Gardinen fehlten. Sie ſpeiſten alſo in 
Mias fleinem Salon. Mter hatte Olfers 
jelbft Die Lampen angezündet, auch Die 
Nerzen am Klavier und in Den beiden 
Ampeln: es yollte recht feſtlich ausſehen, 
Damit jie ein freundliches Andenfen an dieſe 
ernſte Stunde bebielten. Dodi durfte ein 
bißchen länger als ſonſt aufbleiben, ple war 
sartlich und folgſam, half der Mutter über— 
ans geſchäftig den Tiſch decken, Die reichlich 
verivelften Blümchen, Die tte noch am More 
gen in Misdroy gepflückt hatte, mußten in 


Paul Oskar Höcker: 


einem Waſſerglas natürlich auch mit Platz 
auf der Tafel finden. 

Als die kleine Mahlzeit beendet war, 
erhob ſich Olfers, ſah ſich mit geheimnis— 
voller Miene überall um, bat im Flüſterton 
um „silentium strictissimum“ (das ſeltſame 
Kommando imponierte ſogar Dodi, der 
Heinen Wflaudertafde,) und ging auf den 
Fußſpitzen, leiſe vor fich Hinjummend, auf 
den Balfon. Dahin Hatte er vor Tiich 
vom Burjchen heimlich einen Weinfühler 
mit Gis und einer halben Flaſche Seft 
bringen laffen. 

„D Du Leichtſinn!“ rief Mia, die Schon 

etwas ängſtlich geworden war, ihm zu, als 
er damit anfam. 
„Mäuschenſtille, Kinder!“ flüſterte er. 
Ubertricben heimlich, ſcheu wie ein Ein» 
brecher jic) umfchend — vielmehr, al ob 
er jeden Augenblick fürchtete, Daß Mangels- 
dorffs oder die Großmama als Geiſt er- 
icheinen fünnten — entforfte er die jchäu- 
mende Flaſche, goß ein und darauf ſtieß 
er mit ihnen an. 

Auch Dodi befam einen Fingerhut da- 
von, mit Eelters gemiſcht; fie ſchlürfte ſtolz 
und begeijtert und mit geſchloſſenen Augen. 
„Wie ein Alter!” fagte Olfers lachend. 

AS jie das Gläschen immer wieder an 
Den Mund ſetzte und daran jog, trotzdem 
fein Tropfen mehr drin war, rief er: „Ne, 
Sie, alter Herr, -— Sie, Herr Schulze! — 
kommen Sie wieder zum Vorſchein!“ 

Sie wollte ſich über den Namen Schulze, 
den der Papa ihr gab, totlachen. 

„So, Kinder, und jetzt will ich eine 
Rede halten!“ ſagte er mit humoriſtiſcher 
Feierlichkeit. 

„Au ja!“ rief Dodi und wippte auf 
ihrem Stuhl. „Väterchen poll Leben doch —!“ 

„Das Mädel Hat wahrbaftig einen 
Schwips!“ 

Nun begann Dodi ſo herzhaft zu krähen 
vor Lachen, daß ſie huſten mußte. 

„Werden Sie den Redner nicht immer 
unterbrechen, Sie, Herr Schulze?!“ polterte 
er. Darauf haſchte er nach ihr, legte ſie 
übers Knie und gab thy lachend cur paar 
Klapſe. 

Während ſie noch in der Luft ſchwebte, 
rief ſie drollig entrüſtet: „Aber Väterchen, 
was machſt Du mit dem Herrn Schulz?!“ 

Nun lachten ſie im Terzett. Es dauerte 
eine Weile, bis die Eltern ſich ber den 


Dodi. 


komiſchen Zwiſchenruf des Dreikäſehochs be— 
ruhigt hatten. Endlich legte Olfers los. 
Aber er hielt keine feierliche Rede, ſondern 
er nahm links ſeine Frau, rechts Dodi aufs 
Knie und preßte ſie an ſich, und dabei 
wälzte er ſich das Allerdringlichſte vom 
Herzen. 

„Alſo, Kinder, in der Hauptſache ſteht 
die Sache feſt: ich werde mich künftighin 
nicht mehr von Euch zu trennen brauchen. 
Nur dieſe eine Reiſe mache ich noch — 
wenn ich wieder lande, dann bleibe ich bei 
Euch, dann atmen wir dieſelbe Luft, dann 
ſind wir beiſammen immerzu, alle Tage!“ 

Sofort kletterte Dodi um eine Etage 
höher, ſtellte ſich auf ſein rechtes Bein und 
umhalſte ihn. „Au, Väterchen!“ jubelte ſie. 

Anfangs hielt es Mia nur für einen 
Scherz; dann glaubte ſie, er habe irgend— 
eine Nachricht über ein Kommando, das ihn 
für eine Weile an Land ließ, — wie z. B. 
Hohenegg, der nach Berlin zum Marineamt 
gekommen war. 

„Nein, Mia, mit dem Dienſt hängt das 
nicht mehr zuſammen. Ich habe einen 
großen, ſchönen, wunderſchönen Plan. Die 
Sache macht ſich natürlich nicht von heute 
auf morgen, es will zuvor noch manches 
überlegt und geordnet ſein. Sch werde auch 
jelbjt noch genaue Erfundigungen über alles 
einzichen, obwohl ich perjönlich nicht den 
qeringjten Zweifel habe. Heute mur das 
Eine: Krojta will mir helfen.“ 

In wachjender Spannung lauichte Mita. 
„Wie helfen — worin helfen, wozu? Sag' 
doc, fag’ doch, Schatz!“ 

„Über kurz oder fang zieht ev fich vom 
Geſchäft zurück. Seine Firma ſchafft dann, 
um ihn zu erjeßen, einen Direftorpoyjten — 
eine ſehr rejpeftable Stellung mit einem 
tiichtigen Haufen Arbeit natürlich, aber auc) 
mit vorzüglichem Fix um und Tantieme — 
und diefen Bolten will er mir verschaffen.“ 


„Dazu nuipteyt Du aber doch — quit- 
tieren?“ 
Er nidte. „Sobald meine Penſions— 


berechtigung feitjteht, veiche ich das Abjchieds> 
geiuch ein. Dann gilt es freilich etiwa cin 
Jahr lang ernſte Vorſtudien zu machen, um 
mich ins Techniſche einzuarbeiten — ein 
bißchen Zeichentalent hab’ ich ja von Papa 
geerbt und daneben muß ich mich mit 
den kaufmänniſchen Geſchäften vertraut 
machen. Wher darauf kommt die Beloh— 





259 


nung. — Kinder, Kinder, ach, ich kann Euch 
ja gar nicht ſchildern, wie ich mich immer 
nach Euch ſehne, und wie mich jetzt der 
Gedanke an ſpäter drängt, laut hinauszu— 
jauchzen —!“ 

Wie Sonne lag es in ihren Mienen. 
Mia erſchien das Ganze freilich noch immer 
etwas fremd und in der Luft ſchwebend, 
ſo etwa wie ein ſchönes Märchen. 

Als Dodi zu Bett gebracht war, plau— 
derten ſie weiter In Mia meldete ſich 
allmählich aber doch wieder Ängſtlichkeit 
und Herzklopfen. Sie dämpfte den Ton, 
trotzdem ſie ganz allein waren. Daß zwi— 
ſchen ihrem Gatten und Kroſta ein Über— 
einkommen beſtand, das hatte ſie ſchon beim 
Abſchied der Herren bemerkt. Auf ſo große 
Umſturzpläne war ſie indeſſen nicht gefaßt 
geweſen. 

„Ja, hör' mal, Schatz, aber dann müß— 
ten wir doch auch Kiel verlaſſen?“ fragte 
ſie ſchüchtern. 

„Freilich!“ rief er lachend. Er hielt 
ſie umſchlungen und an ſich gepreßt, während 
er mit ihr durchs Zimmer wanderte. „Für 
zwölf Jahre wenigſtens müßten wir in 
Amſterdam bleiben, denn auf ſo lange würde 
der Kontrakt lauten müſſen, ſchon der for— 
mellen gegenſeitigen Sicherheit halber.“ 

„Ja, aber — aber Großmama — die 
wird ja außer ſich ſein, wenn wir Kiel 
verlaſſen?“ 

„Anfangs gewiß. Aber ſie wird ſich 
hineinfinden wird ſich hineinfinden 
müſſen. An mir frißt's ſchon lange. Vo— 
rigen Winter hoffte ich, ich würde Hohen— 
eggs Kommando bekommen. Nun, ſo iſt 
es jedenfalls ausſichtsreicher. Geht alles 
gut, dann wird unſre Dodi einmal eine 
glänzende Partie. He — was ſagſt Du?“ 

Sie lächelte gerührt. Ganz verträumt 
ſtand ſie da dabei etwas atemlos. 
Glückſelig erregt zog er ſie wieder in ſeine 
Arme und ſah ihr in die Augen, die ihn 
vertrauensvoll und doch ſo flehend anblickten. 

„Wir dürfen uns von nichts hindern 
laſſen, Mia. Jetzt können wir uns unſer 
Leben ſelbſt ſchaffen — wir müſſen unſere 
Liebe, unſer Glück verteidigen, Schatz. Aber 
ich habe die Gewißheit: dort werden wir 
einander finden, dort in der Einſamkeit, 
und Da werden wir uns ſo feſt aneinander 
klammern, daß nichts, nichts uns mehr 
trennen kann.“ 


— 





260 


Paul Osfar Höder: 


Aus unserer Studienmappe: 











Sm Moor bei Vidsl in Oberbayern. 
Dlftudie von Krof. U. Fink. 


Sie fchluchzte in feinen Armen. 
Gott gebe das!“ 

Als fie fich wieder gefaßt hatte, be- 
jprachen fie noch all die Einzelheiten, jo» 
weit jte ſich heute Schon überjehen ließen. 

Mar Olfers hatte feinem neuen Freund 
jeine Verhaltnifje rücdhaltlos dargelegt, hatte 
ihm auch aus der Gereiztheit fein Hebhl 
gemacht, Die im jeinen Beziehungen zu den 
Verwandten feiner Frau bejtand. Irgend— 
ein materielles Opfer konnte und wollte er 
von der Ronjulin nicht annehmen. Da 
mit feinem Eintritt in die Firma eine Ka— 
pitaleinlage erforderlich war, fo jollte nur 
die Kaution, Die bei feinem Abjchied von 
der Marine wieder frei ward, in Anſpruch 
genommen twerden. Sie follte aber fo ficher 
geftellt werden, daß Frau Kaupiſch vollauf 
befriedigt war. 

Sie ſtießen mit den letzten Glajern auf 
das neue Glick an. Der Schlud Wein 
machte Mia wieder Mut: Man lebte dann 
in einer großen, glänzenden Stadt, in 


„Ach, 


einem neuen, ſchönen, ſonnigen Heim, in 
dem man am alten Glück weiterbauen konnte! 
Freilich ward ihr Mann nach der nächſten 
Rückkehr noch vor eine ſchwere Aufgabe 
geſtellt — er mußte ſich auf die Schulbank 
ſetzen, mußte eine Zeitlang ſogar praktiſch 
arbeiten. Aber dann war doch wenigſtens 
keine Trennung zwiſchen ihnen mehr nötig. 
Am beſten war's vielleicht, ſie gaben ihre 
Wohnung hier auf, ſtellten die Möbel auf 
einen Speicher und mieteten ſich in Berlin 
in einer billigen Penſion ein, ſolange Max 
ſeine Studien auf dem Polytechnikum dort 
feſthielten. O — ſie wollte ſchon ſparſam 
ſein, um es ihm zu erleichtern. Das war 
vorläufig das einzige, wodurch ſie an 
ihrem Glück mit bauen fonnte. Es gab 
zuvor ja ficher noch einen tüchtigen Kampf 
mit den Verwandten — denn das war 
ihnen alles neu, unerwartet, eS ging über 
Das Ubliche, das Alltägliche hinaus. 

„Und dod) — e8 ift jo die beite Lö— 
jung!“ fagte ſie tief aujatmend. ,C3 


Dodi. — 


waren eben zwei Welten, die nicht zuein- 
ander paßten. Und ich ftand dazwiſchen 
und fonnte nicht vermitteln. Hier band 
mid) die Pietät — dort zwang mich die 
Liebe — einmal fiegte die Vernunft — 
ein andermal das Gefühl. Und wo immer 
id) landete: der andere Teil grollte mir. 
Lieber Schab, glaube mir, ich hab’ e3 hier 
jehr, ſehr ſchwer gehabt.“ 

„Das weiß id), meine arme, fleine 
Mia. Und drum eben werde ich Dir jeht 
heraushelfen!! Er preßte fie wieder an 
fi und flijterte: „Seht müſſen wir 
glidlid) werden miteinander! — Ad, Kin- 
der, Kinder, was brauchen wir denn von 
der ganzen Welt, wenn wir drei uns haben!“ 


Fünftes Kapitel. 

Die Entjcheidung follte im Frühjahr 
des folgenden Sabres fallen. 

Mar Olfers wußte fid) eins mit feiner 
Frau — mit Krofta, der fic) ihm als ehr- 
lider, wahrhaft väterlicher Freund bewies, 
war mündlich und ſchriftlich alles bis ins 
Detail verabredet, auch die zum Überfluß 
nod) eingezogenen gejchäftlichen Crfundi- 
gungen über die Amjterdamer Firma lau- 
teten vollauf befriedigend — nun gab es 
für ihn alfo feine Schranken mehr. 

Ganz felbjtverjtändlich erjchien e3 ihm, 
daß er vor Mias Verwandte erjt mit dem 
fait accompli hintreten durfte. Die Schwie- 
rigfeiten, die fie ihm in ihrer philiftröfen 
Überängjtlichfeit fonft ficher bereiten würden, 
meinte er am promptejten dadurch aus dem 
Weg zu fcaffen, daß er fich felbft die Rück⸗ 
zugslinie abfchnitt. 

WS fein Schiff zu Oftern, um Kohlen 
einzunehmen, auf der Heimfahrt von Süd- 
wejtafrifa in Wilhelmshaven vor Anker ging, 
war das Abfchiedsgefuch bereits genehmigt. 

Sein Kommandeur fah ihn ungern 
ſcheiden. Auch die Kameraden bedauerten 
herzlich jein Gehen. Als Olfers feinem 
Chef aber darjtellte, welche Ausfichten ihm 
in der ihm angebotenen Bivilitellung wink- 
ten, gab diefer jeden weiteren Verſuch, ihn 
von dem verantwortungsreichen Schritt zu- 
rüdzubalten, auf. 

„Einmal im Leben podt an jedes 
Menſchen Schidjalstor das Glück, Tieber 
Olfers,“ fagte der alte Seemann bei dem 
Liebesmahl, das die Offiziere bem fcheiden- 
den Kameraden gaben. „Viele Halten die 


261 


Tür fortwährend offen, um den rechten 


Augenblid nicht zu verpafjen. Denen wirft 


ein tiidifder Bugwind im entjcheidenden 
Moment die Tür aber ftet3 vor der Nafe 
zu. Man muß ftil bei der Arbeit fiten, 
feinen Lärm fchlagen und mit ganz feinem 
Dhr aufs Pochen hören. Nur fo fann man 
herausmerfen, ob e3 das richtige ift. Sit 
man feiner Gade aber wirklich) ficher — 
dann flugs die Tür auf und das Glüd 
am Schlafittchen gepadt. Sonſt fragt es 
wieder aus, bas Quder.” 

Die derben, dabei nachdenfliden Worte 
ftimmten Olfers ernft. Er meinte dann 
aber tief aufatmend: „Es ſcheint mir dies- 
mal doch der rechte Augenblid zu fein.” 

„Ich will's Ahnen wünſchen, Olfers. 
Notabene, das richtige Pochen, das meldet 
ſich gar nicht an der Außentür, glaub' ich. 
Wahrſcheinlich erlauſcht man das bloß ſo 
in der eigenen Bruſt.“ 

Olfers nickte ſtumm. Die Stimme des 
Herzens war es ja eben, die ihn trieb. Ihm 
ſtand ein Glück als Mann, als Bürger, 
als Hausvater vor Augen, nach dem ſich 
alles in ihm — jedenfalls das Beſte in 
ihm — ſehnte. Einſam war er durch die 
erſte Hälfte des Lebens gegangen — er 
ertrug dieſe Verlaſſenheit jetzt nicht mehr. 

Inzwiſchen hatte fic) aber in Riel ein 
für ihn peinlicher Ronflift vorbereitet. 

Doktor Mangelsdorff hatte noch vor 
dem Eintreffen feines Schwagers Kenntnis 
von der Allerhöchſten Kabinettsorder erhal» 
ten: die Beitungen bradjten die trodene 
Notiz, die in das Schidfal des Hauſes Ol- 
fers fo fcheinbar ganz unerwartet einjchnitt, 
unter anderen Nachrichten über Abichieds- 
bewilligungen und Benftonierungen inner- 
halb der Kaiferlihen Marine. 

Am erften Schred vermutete Alwin, 
der Schwager Hätte fi im Dienft etwas 
zufhulden kommen laffen. Er war ge- 
rade im Begriff, wie ftets Sonntags, fid 
mit Clijabeth auf den Weg zur Ronfulin 
zu machen, bei der das gemeinjame Fami- 
lieneffen ftattfand. Eilends begab fid) das 
Chepaar zu Maria; fie hatte mit ihrem 
Töchterchen die Wohnung aber jchon ver- 
laffen. 

Yin Beijein des Yuftizrat3 fand dann 
in der Villa der Konjulin ein fürmliches 
Verhör der Armiten jtatt. 

Das Entjegen aller Anweſenden darüber, 


262 


daß fie um eine foldje Tollkühnheit ihres 
Mannes gewußt, daß fie ihnen feinen aben- 
teuerlihen Entichluß bid zu diejem Wugen- 
blid verfchwiegen hatte, war fo groß, die 
Vorwürfe, die auf fie von allen Ceiten 
niederregneten, twaren jo heftig, daß Mia 
fi) nicht anders zu helfen wußte, als daß 
fie in bitterlidjes Weinen ausbrad. 

Die erfte Begründung, die der weit- 
ausfchauende Plan ihres Gatten fand, ftand 
nun Schon auf Schwachen Füßen. Irre ge- 
worden, verivirrt und ratlos, wehrte fie fic) 
nur matt gegen die ſchwarzſeheriſchen Folge- 
rungen. Die rechten Worte zur Erklärnng, 
auch nur zur Verteidigung fehlten ihr: fie 
war auf einen derartigen Anfturm nicht 
gefaßt geweſen. 

Als Olfers, der von Wilhelmshaven 
aus nach Amsterdam gefahren war, um fid 
von Rrofta auch defjen bejahrtem Rompag- 
non Mynbeer ten Brahe vorjtcllen zu laſſen, 
in Kiel eintraf, fand er den Boden un- 
günftig für feine Pläne vorbereitet. 

Die Schmerzlichjte Enttäuſchung war für 
ihn die: auch Mia Hatte alles Vertraucn 
verloren. 

G3 fam im Schoße des Familienrats 
zu Auftritten von ciner Heftigfeit, wie fie 
bisher im Haufe Kaupifch unerhört geweſen 
Ivaren. 

An der vielleicht unnötigen Verſchärfung 
der Tonart — und damit der Gegenjäße 
überhaupt — trug Olfers jelbjt eine Haupt- 
ſchuld. Temperamentsmenfd durh und 
durch, als ChHolerifer am meijten gereizt 
gerade durch die fühle Sachlicfeit und iro- 
nische Ruhe, womit fihd Schwager Alwin 
wieder ausgeriiftet hatte, lich er fi) zu 
einem Ausbruch feine® ganzen, jahrelang 
aufgefpeidjerten, immer wieder aus Rück— 
fiht auf Mia zurüdgedämmten Grolles 
verleiten. 

Mia war bei diejer Auseinanderjeßung 
nicht zugegen, voll Angft und Sorge war 
jie daheim geblieben, zitternd vor dem Er- 
gebnig, das ihr Gatte Heimbringen würde. 

Es war natiirlid) ein negatives. 

Und dabei blieb es. 

As er foviel Sammlung und Ruhe 
gefunden hatte, daß er einjah, mit feiner 
temperamentvollen Heftigkeit gleich beim 
eriten HBulanımentreffen weit übers Biel 
hinaus gejchoffen zu Haben, machte er den 
Verſuch, die Konjulin allein zu fprechen. 


Paul Osfar Hider: 


Er fam ein zweites, ein drittes Mal, aber 
immer vergebend. Großmama Kaupiſch litt 
für ihn von Stund an derart an Migräne, 
daß die alte Chriftiane ihn nicht vorließ. 

Biwijden den Ehegatten Herrjchte tiefe 
Berftimmung Mia war gleich beim erjten 
Sehlichlagen völlig entmutigt. Sie machte 
jegt allerlei fchüchterne Verſuche, um ein- 
gulenfen, zu vermitteln. Aber von RKlein- 
beigeben wollte ihr Mann nichts wwijfen. 
Da aud fie in den nddjten Tagen von 
der Großmama nicht empfangen wurde — 
jelbft Dodi nicht, die fie mit dem Mädchen 
hinfdidte — begann fie die Zukunft in 
genau denfelben ſchwarzen Farben zu jehen, 
in denen die Verwandten fie ihr auggemalt 
hatten. 

Heimlih, ohne daß ihr Gatte darımı 
wußte, juchte fie ihren Bruder auf. 

Mod ſchwankender in ihren Anfichten, 
wenn nicht gänzlich befiegt, jedenfalls recht 
deprimiert und hoffnungslos, fehrte fie von 
dem Beſuch zurüd. 

Alwin Hatte fid) nicht weniger als 
hart und graufam gezeigt. So war es ja 
jtet8 gewejen. Solange fie ihm gegenüber 
jap, von feiner ruhigen Art ſelbſt bejänf- 
tigt, folange fie feinen ruhigen, Elaren, vere 
nünftigen Worten laujchte, empfand ſie 
jedesmal: der Bruder meinte e3 wahrhaft 
gut mit ihr, feine gereifte Welt- und 
Menjchenfenntnis wollte fie und ihr Kind 
— und and ihren Gatten — nur vor 
Ungemad) fchügen. Sie begriff nicht, wo— 
her Mar das Recht leitete, immer und 
immer zu behaupten, ihr Bruder wollte nur 
das Ungfüd ihres ganzen Haufes. 

Gerade in diefem Falle fchien ihr dic 
eigenfinnige Redjthaberei wirklich viel mehr 
auf jeiten ihres Mannes. 

„Und die Koften diefes unfeligen Strei- 
te3,“ fagte Alwin, „ſollſt Du nun tragen, 
arme Maria. Du folljt eine jichere, ge- 
adjtete Pofition aufgeben, folljt ohne einen 
jtihhaltigen Grund in ein ungewiſſes Los 
gehen. Weshalb? Ich frage blop: wes— 
halb? — Einer Marotte wegen! — G3 
find Tauſende von deutſchen Ceeleuten 
unterwegs, wie er. Den Beruf Hat er dod) 
jetbjt gewählt, freiwillig, Als er die Che 
mit Dir einging, kannte er die Konfequenzen. 
est plößlih durchaus und durdum den 
Abſchied zu nehmen, das ift direft Wahn- 
wif. Wir wiirden ja nichts jagen, wenn 


Dodi. 


Shr feine Familie hättet. Du Liebft Deinen 
Mann — gut, es ehrt Did, dak Du ihm 
aud) in Gefahren folgen willit. Aber dar- 
über darfft Du nicht vergefjen, daß Du ein 
Kind haft, deffen Wohl und Wehe mit von 
dem Deinen abhängig ijt. Mar ijt ein 
ſehr fähiger Menſch, er ift talentiert, flei- 
Big, das geben wir ja alles zu, — aber 
wie in feinen Averſionen, fo jagt er aud 
in feinem blinden Enthuſiasmus Bhantomen 
nah. Und denen will er jeine Stellung, 
Dein Geld, HOttiliens Erbe zum Opfer 
bringen? Maria, hier fett zum erjtenmal 
in Deinem Leben eine große, ſchwere Auf- 
gabe für Did) ein. Sei Stark, Halte die 
Augen offen, verteidige die Zukunft Deines 
Kindes. Die heiligfte Pflicht, die Mutter- 
pflicht, ruft Dich.“ 

Mod am jfelben Abend beichtete Mia 
ihrem Mann, daß fte mit Alwin ausführ- 
lic) über alles gejprochen hatte. 

Er jah ihrer bleichen Miene, ihrem fajt 
jeu zu Boden gejchlagenen Blick fofort 
an, daß e8 dem Schwager gelungen war, 
das legte Reſtchen Selbitändigfeit und eig— 
nen Willen feiner ſchwankenden, nie ent- 
Ihlußfähigen, immer von Zweifeln Hine und 
bergezerrten Mia auszureden. In der 
Brwijdenzeit war der Juſtizrat bei ihm gee 
wejen, der in jeiner verbindlichen, fait 
jovialen Art zunächſt noch einmal verjudt 
hatte, auf ihn einguwirfen, um dann mit 
dem zögernd, noch immer in fordial be- 
dauerndem Ton vorgebradjten Auftrag der 
Konfulin zu fchließen, zur Hergabe der 
Kaution könnte fie fid), falls er bei feinem 
Plan verharrte, natürlich nicht verjtehen. 

„Ufo — bin id — ganz allein!“ 
jagte Olfers ſchmerzlich bewegt, noch bevor 
jeine Frau dazu gefommen war, ihm Al- 
wins Meinung zu übermitteln. 

Sie wollte die Arme ausbreiten, fid 
Ihluchzend an feine Bruft werfen, mit einem 
lebten Aufgebot von Zärtlichkeit und flehent- 
fihen Bitten ihn weich machen, ihn um 


jtimmen. 

Wher er wid) fajt fremd vor ihr 
zurüd. 

„Du Haft mich nie verftanden, Mia!“ 
jagte er. 


„Lieber, lieber Schab, jo höre dod) auf 
mid)! Wenn mein Gefühl als Mutter mir 
doch jagt, daß ich ein fchreiendes Unrecht 
begehe, wenn ich untätig zufehe, wie Du 


263 


Dich in eine ſo waghalſige Spekulation 
einlaſſen willſt!“ 

„Laß nur, laß nur. Es hilft jetzt nichts 
mehr. Du machſt es uns beiden nur un— 
nötig ſchwer. Und bitter.“ 

„Ja, mein Himmel, wie denkſt Du Dir 
denn die Zukunft?“ 

„Ich werde Dodis Zukunft ſicher ſtellen 
auch ohne die Unterſtützung Deiner Ver— 
wandten. Heute nacht fahre ich zu Kroſta.“ 

„Max —! Du gehſt nicht zurück — 
nicht zum Kommandeur? Mar, Onkel 
Juſtizrat will morgen zu ihm, er hat ihm 
ſchon geſchrieben, Du brauchſt nur ein ein— 
ziges Wort zu jagen —!“ 

„Und das Wort heißt?“ fragte er, ſie 
finſter anblickend. „Sol ih Dir ſagen, 
wie es heißt? Es heißt: Bch) bin ein er- 
bärmlicher Feigling !“ 

Sie jchluchste ganz haltlos. „Ah — 
nun ijt e3 ja nur Dein Trop, Mar, das 
weiß ich ja.” 

„Es ift etwas Beſſeres als Trog, Mia. 
Es ift Stolz.“ 

Wenige Stunden Später ſaß er auf der 
Bahn. 

* ‘ * 

Als er von ſeiner Reiſe zurückkehrte, 
war die alte ungebrochene Kraft und Feſtig— 
feit in ihm. 

War es das perfönfiche Yntereffe an 
Dlfers, die Buverfidt, daß von feinem ſpä— 
teren Eingreifen Vorteile für die Firma zu 
erwarten waren, trieb ihn dad Verantwort- 
lichfeitögefühl, da er den jungen Freund 
nun einmal zu dem erjten entjcheidenden 
Schritt gedrängt hatte, oder ſprach der ge- 
frinfte Ehrgeiz mit, der Koller darüber, 
daß diefe Fremden der hinter ihm ftehenden 
großen Werftanlage das gejchäftliche Ver— 
trauen nicht fchenfen wollten: Rrofta war 
fofort fein Bundesgenofje geworden. 

Olfers follte ganz wie abgemadt ohne 
Zögern feine Studien beginnen, jobald als 
möglih dann als Volontar in eine deutjche 
Werft, darauf in die der Firma Vander— 
lips & Brahe eintreten. 

„Zunächſt werden Sie meine rechte Hand 
fein, Olfer3. Wie wir und miteinander 
einrichten, das hängt von Ihnen ab, Ihrem 
Willen, Ihrer Intelligenz, Ihrem Fleiß, 
Ihrem Charakter. Vor all dieſen Ihren 
Eigenſchaften habe ich Reſpekt — alſo 
kann's nicht fehlen. Der Poſten eines Di— 


264 


reftord muß gejchaffen werden — und bald. 
Freund Brahe ijt etwas flapprig geworden, 
er fühlt das felbft, und ich fann wohl nod 
ab und zu mit Plänen und Ydeen zur 
Hand fein, aber die Ausführung muß einer 
jüngeren Kraft überlaffen bleiben. Ein 
Mann ein Wort, Dlfers: e8 Hat fic) in 
unjern Verabredungen nichts geändert. Be- 
fommen Sie vorerjt fein Cinlagefapital von 
Ihren Verwandten, fo zeichne ich für Sie. 
Da joll mir Brahe nicht3 dreinreden.- Der 
Verftand irrt — das Gefühl nie.“ 

Krofta wollte den jungen Freund, den 
er nun mit nur nod verftärktem Sntereffe 
Iancierte, auch mit einem Barvorſchuß für 
die Studienzeit unterftiigen. Davon wollte 
Dfferd aber nichts wiſſen. Bei einiger 
Sparſamkeit fam er perjönlich ja mit feiner 
Penſion aus. 

Allein fein Wlan, Weib und Kind fo- 
gleich mitzunehmen, fonnte vorerft bod) nicht 
zur Ausführung gelangen. 

Die Konjulin erklärte, daß fie Mia nicht 
nur den bisher bewilligten Zufhuß ent- 
ziehen, fondern daß fie aud) ihr Teftament 
ändern würde, fall ihre Enkelin mit dem 
Kinde Kiel verließ. 

Noch für ungefähr ein Jahr war feine 
Samilie auf dies Gnadenbrot angewieſen. 
Wie er fi) auch drehte und wenbdete: dar- 
über fam man nicht hinweg. Gein fefter 
Borfad war e8 aber, das Geld mit Bing 
und Zinſeszins abzutragen, jobald jeine 
Pofition e3 ihm nur irgend geftattete. 

Er bezog nod) in derfelben Woche die 

Charlottenburger Technijche Hochichule. 
- Wenn in feinem Studium, bas ihm 
ſchwer genug fiel, fein Eifer einmal er- 
lahmen wollte, fo brauchte er fi) nur den 
Triumph vorzuftellen, den er Später über 
die Angehörigen feiner Frau davontragen 
würde: fofort erreichte fein Troß, was da 
Intereſſe an dem erften, trodnen Teil der 
technischen Wiſſenſchaft allein noch nicht zu- 
wege gebracht hätte. 

Lange Ferien madjte er nicht. Wäh- 
rend die Hochſchule gejchloffen war, arbeitete 
er als Bolontär an derſelben Stätte, an 
der Krojta feine Laufvahn begonnen hatte: 
auf dem Stettiner „Vulkan“. 

Natürlich verjudjte es Mia bei jedem 
Bejud), ihren Mann zu überreden. Aber 
das bradjte immer nur Bitterfeit, ohne 
irgend etwas zu fruchten. Ihr Leben war 


Paul Osfar Höder: 


Schwer, abhängiger und freudlofer als je 


zuvor. Solang ihr Gatte in Kiel weilte, 
war jeder Verkehr mit den Verwandten 
unterbrodjen. Kam es dennoch zu einer 
zufälligen Begegnung, fo blieb Olfers fremd 
und falt, obwohl Schwager und Schwä- 
gerin fic) fo freundlih zu ihm zu ftellen 
judten, al3 ſich's nur irgendwie mit den 
Berhältnifjen vertrug. 

Hinterher mußte Mia es ihren Ange- 
hörigen felbjt zugeben, daß der größte Teil 
der Schuld an diefem unerquidlichen Bue 
jtand auf feiten ihres Mannes lag. 

Olfers feinerfeits empfand e3 am quä- 
lenditen, daß Mia mehr unter feiner Ab- 
trünnigfeit al3 unter der Abhängigkeit litt, 
in der fie fich jebt befand. Das war es 
eben, was von einem Beſuch zum andern 
die Kluft zwijchen ihnen vergrößerte: fie 
befaß feinen Stolz. 

Wie meiſt in folden Konflikten waren 
Schuld und Nidtiduld auf beiden Seiten 
ziemlich gleich groß. Sie beobachteten ein- 
ander jchärfer, nahmen Kleine Fehler oder 
Verfehlungen fchwerer, fie mißverftanden 
einander, weil das rechte Wort zur rechten 
Beit fehlte, fie waren oft beide "gereizt, 
ohne es doch fein zu wollen, fie taten ein- 
ander weh, wenn ſie's gar nicht beabfichtigt 
Hatten. Und beide litten fie darunter. 

Auch Dodi litt darunter — denn mit 
ihrem feinen Kindesinſtinkt fühlte fie die 
große Veränderung bald Heraus. 

Das Verhältnis zwiſchen Olfers und 
feinem Töchterchen trübte ich dabei am 
wenigften, troßdem — oder vielleicht ge- 
rade — weil ihn das Kind fo felten zu 
jehen befam. 

Je mehr er ſich in die fremde Materie 
hineinfand, je näher er damit feinem Riele 
riidte — namentlich als er fein Studenten- 
quartier in Charlottenburg aufgeben und 
nad) Amfterdam überjiedeln konnte — deito 
lihter und leichter ward es ihm zumute. 
Seine Hoffnungsfreudigfeit, die Befriedigung 
an der Arbeit, fein temperamentvoller Ehr- 
geiz, feine ftolze Zuverſicht brachten dod) 
immer etwas Sonne und Wärme ins Haus. 
E3 war das einzige bißchen Sonne und 
Wärme, bas Dodi in dtefen Zeiten zu fühlen 
befam; Ddarum war fie auch fo dankbar 
dafür. 

Wenn Väterchens Beſuch zu Ende war, 
dann ging’s recht, recht traurig daheim zu. 


(usgpunwg u uoiun ua*P]iqdesBojogg sap BunBiugeuey 1) 
“UIIP LA PLOULH uoa apewag “ny sip yet so ‘qais 


+ 








Dodi. 


Die Mutter weinte viel, ſah kaum einen 
Menſchen bei ſich, auch Großmama und 
Onkel und Tante waren immer ſo ernſt, 
ſo bekümmert oder ſo feierlich, es gab kein 
Lachen, kein fröhliches Spiel, kaum ein 
helles, lautes Wort mehr. 

Faſt ſchien's, als ob ſie ſelbſt ſchon 
etwas vom ſtillen, ernſten Weſen ihrer Um- 
gebung angenommen hätte. Als ſie in die 
Schule geſchickt wurde, fand ſie zuerſt gar 
nicht mehr den rechten, kindlichen Ton, um 
ſich Freundſchaften zu erwerben. Sie war 
den andern zu ſcheu, zu gedrückt, zu wenig 
luſtig. 

So ward aus der lebenſprühenden, 
ſchelmiſchen, kleinen Dodi mit der Zeit ein 
einſames Kind. 

* 


* 
* 

Da brad das Verhangnis mit folder 
Wucht über Olfers herein, daß es ſchien, 
fein Trog follte und müßte jest endlid 
weichen. 

Grojta ſtarb —! 

Das erjchütternde Ereignis trug ſich in 
Olfers’ Beifein zu. Sie waren von der 
Werft gefommen, um im Kontor eine ge- 
ſchäftliche Angelegenheit gründlich durch- 
gufpredjen. Seit ein paar Tagen fühlte 
ih Krofta etwas unmohl, er hatte mehr- 
mals leichte Schwindelanfälle gehabt, flagte 
auch über Beflommenheit. C3 wäre Zeit, daß 
er ausfpannte, fagte er. Sobald der junge 
Hoge, der feinen im Sommer verjtorbenen 
Cheim als Bevollmäcdhtiger der Erben in 
der Firma erjegte, von feiner Gefchäftsreife 
aus England zurüdkehrte, tvollte Rrofta 
eine längere Seefahrt antreten, denn das 
blieb immer nod) das Einzige, was ihm 
wirkliche Erholung brachte. Nod) vor feinem 
Weggehen follte dann auch endlich der Kon- 
traft mit Olfer3 abgefdjlofjen werden. Krofta 
hatte mit den verjchiedenen Erben feiner 
beiden früheren Rompagnons, deren Gelder 
im Geſchäft nod) mit arbeiteten, manchen 
Strauß deshalb Schon ausgefochten, fchließ- 
lid) waren fie aber doch einig geworden, 
Olfers als Teilhaber zuzulafjen. Das dazu 
erforderlihe Kapital gedachte Krofta, durch 
Reverje gededt, feinem jungen Freund vor- 
zuftreden. Sie fpraden im Anfchluß an 
einen Brief des Banderlipsichen Erbichafts- 
vertvalters gerade über die Ordnung diefer 
Angelegenheit, als Kroſta ſich plöglid) er- 
hob, ängſtlich nad) Olfers' Arm taftete und 


Velhagen & Klafingd Monatshefte. XIX. Jahrg. 1904/1905. II. Bd. 


265 


nad) Atem ringend ausftich: „Ich weiß 
nicht, mir iſt's mit einemmal fo jchwind- 
lig...” Gleich darauf ſank er ächzend 
zufammen und riihrte fich nicht mehr. 

Der Arzt wurde gerufen: er fonnte 
nur den Tod feititellen. Ein Herzſchlag 
hatte Kroſtas tätigem Leben ein furzes, 
jähes Ende bereitet. 

Was Half nun alles Klagen — was 
half jedes Wenn und Aber? 

Hätte Krofta nur ein paar Tage länger 
gelebt, fo wäre das gejchäftliche Verhältnis 
von Olfers zur Firma Vanderlips & Hoge 
gejidjert gerwefen — und damit feine ganze 
Zufunft. Mehrmals, wenn feine Gejund- 
heit zu wünſchen übrig ließ, hatte Krofta 
Ihon daran gedacht gehabt, für feinen vor- 
zeitigen Todesfall tejtamentarijde Beftim- 
mungen zu treffen. Überbürdung mit andern 
Gefchäften Hatte immer wieder eine Ver— 
Ihiebung des wichtigen Aftes eintreten 
lajjen. 

Nun ruhte Krofta im Grabe — und 
mit ihm die große Hoffnung von Dlar 
Olfers' Leben. 

Der junge Hoge befaß nur ein Amt, 
feine Meinung, und konnte dem Schüßling 
des Berftorbenen in nichts nüben, als die 
Erben fic) meldeten — meitläufige Ver- 
wandte, die Kroſta nie von Angelidt ge- 
jehen. Der gerichtliche Apparat der Erb- 
Ichaft3regulierung trat in Tätigfeit, das 
Konfortium, das fih aus den verjchiedenen 
Gruppen der Yntereffenten bildete, beſchloß 
berna die Ummandlung der Firma in 
eine Handelögejellichaft. 

Mehr als eine moralifde Verpflichtung 
erlegte der Briefwechſel, der in Olfers' An- 
gelegenbeit bisher jtattgefunden Hatte, den 
Bevollmächtigten der Erben nicht auf. Im— 
merhin fonnte ein Antrag, feinen Eintritt 
in die Firma auch jebt noch zu genehmigen, 
in der erjten Auflichtsratsfigung auf Unter- 
ſtützung rechnen, weil Olfers von Krofta noch 
felbjt in bie fpeziellen technischen Verhältniffe 
eingeweiht worden war, weil er alfo ge- 
wiljermaßen das geijtige Erbe des Bere 
ftorbenen befaß. 

Eine Einigung darüber Hing aber 3u- 
nächſt von der Möglichkeit feiner pefuniaren 
Beteiligung ab. 

Olfers nächſte Fahrt nach Kiel Tieß fic) 
fomit als fchwerer, deprimierender Bittgang, 
wenn nicht Bußgang an. 

18 


266 


Er fand taube Ohren, gejchlofjene Türen. 

Das Alpha und Omega der Forderung 
von Mias Angehörigen lautete: er follte 
wieder in die Marine eintreten. 

Darauf folgte eine böfe, böje Zeit. 

Die beiden Direktorpoften, die zur Lei- 
tung der Girma Vanderlips & Hoge ge- 
{chaffen worden waren, hatte man Fachleuten 
gegeben, die Eramina beitanden hatten, die 
zudem auf einen regelrechten faufmännijchen 
Bildungsgang zurüdblidten. 

Noch immer ſchwebte Olfers das leuch⸗ 
tende Beifpiel feines alten Freundes vor, 
der fic) aus Heinften Anfängen emMpor- 
gearbeitet hatte. Go beichied er fich denn 
zunächſt mit einer untergeordneten Stellung 
auf der Werft. Da er das meifte Gejchid 
im Beidnen befaß, nahm er ohne Bögern 
den ihm angebotenen Poften eines techni- 
{den Hilfsarbeiter8 des Direftoriums an. 
Die freie Beit, die ihm blieb, verwandte er 
darauf, die einfache und doppelte Buchfüh- 
rung zu erlernen. Langfam fonnte er fo 
feine Einflußfphäre vergrößern, feine Stel- 
lung verbeffern und im Gehalt jteigen. 

So demütigend es für ihn zu Anfang 
fein modjte: er hatte fic) nun einmal fejt- 
gebiffen — er wollte und mußte fic) durch- 
ringen! 

Sobald fein Cinfommen nur einiger- 
maßen augsreidjte, um die Koften eines be- 
ſcheidenen Haushalt3 zu deden, wollte er 
feine Familie nadfommen lafjen. Bis dahin 
gab es aber nocd) harte Kämpfe, äußere und 
innere Kämpfe. Und mehrmals wollte er 
verzagen. Immer niederdrüdender wirkte 
die Cinjamfeit auf ihn, immer verzweifelter 
rang fein Ehrgeiz mit der Sehnjudt. 

Es fam das Weihnachtsfeft — er mußte 
e3 allein verleben, weil er die Roften der 
teuren Reife zu fürchten hatte. Es galt 
jebt ja die Heller wie ein Geizhals bei- 
jammenzubalten, um möglichſt rafd ans 
Biel zu gelangen. Dem ungeduldigen 
Wandervogel, der um die ganze Welt 
herumgefommen war, waren die Schwingen 
gefeffelt. 

Go fonnte er nicht einmal feine fleine 
Dodi fehen! 

An dem Sylvejterabend, der diejer trüb- 
jeligen Weihnacht folgte, ſchlenderte er läſſig, 
vergrämt, gänzlich illuſionslos an den 
Gradten der alten Handelsitadt entlang. 
Nebel legte fih aufs Wafler, dann begann 


Paul Osfar Höder: 


e3 müde gu regnen. Er gelangte in Hafen- 
ftadtteile, in denen wüſtes Matrofenvolt 
lärmte. Da fühlte er fich heruntergefom- 
men, Ddeflajjiert. Viel fehlte in dieſer Stim- 
mung nicht mehr, daß er einen Strich unter 
fein verfehltes Leben machte. | 

Nicht einmal der Gedanke an Dodi 
fonnte ihn halten. 

Was war er dem Kind denn überhaupt? 
Hatte e3 denn einen Vorteil davon, wenn 
er noch lebte? 

Seht umgab ein großes, wohnliches 
Heim, jet umgaben fogar Luxus und über- 
ängftliche Sorgfalt fein Töchterchen. Und 
welche Ausficht winkte ihm giinjtigftenfalls 
bei feinem Vater? 

Ein Heines, befchränktes Heim, in dem 
man fic) befcheiden, ach fo beicheiden ein- 
richten mußte! 

Er blieb mitten auf der Straße ftehen 
und preßte die Hände gegen die Schläfen. 
In feiner Kehle wiirgte e8, fajt fam ihn 
das Schluchzen an. 

... Uber hier hätten fie einander doch 
ihre Liebe geben können, fo rief e3 in ihm, 
bier hätten fie ein friedliches, harmoniſches, 
zärtliches Familienleben führen können, wenn 
fie auch nicht im Luxus lebten ... 

Tief jtöhnte er auf und ftarrte in den 
grauen, ſchweren, undurdhdringlichen Winter- 
nebel, der über dem Waffer bing. 

Bei wen lag die Schuld, daß es fo 
troftlos, fo boffnungsleer geworden war, 
— bei went lag die Schuld? 

* * 


* 

Bald nad Oſtern fas er einmal in der 
Fremdenliſte der Zeitung, daß Myrach, der 
ehemalige Gardejäger, fein alter Stuben- 
famerad aus dem Kadettenforpg, im Palace- 
hotel abgeitiegen mar. 

Den flotten, Eleinen Hohenegg Hatte er 
unlängjt flüchtig auf dem Bahnhof gejehen 
— er war ihm aber ausgewiden. Warum, 
wußte er felbjt nicht. 

Anfangs wollte er auch nicht zu Myrach. 

Allein dann entjann er fid), wie fein 
Bufprud damal3 dem armen Teufel wohl 
getan hatte, alg der im Unglüd fab. Er 
brauchte heute ein gutes Wort, das ihn 
triftete. Oder vielleicht richtete ihn allein 
fdon der Anblid des Kameraden, der ja 
auch nicht verzagt hatte, wieder auf. 

Myrach fah fein Ausharren, jah feinen 
Lebensmut jedenfalls belohnt, er hatte mit 


Dodi. 


dem Hotelunternehmen fein Glüd in Deutſch⸗ 
fiidwejtafrifa gemacht. Außer Verbindung 
waren fie nie gefommen. Er Hatte ihn 
zweimal in Swakopmund bejucht, hatte Miy- 
rachs Kindern, den Bwillingen, Nürnberger 
Spielzeug aus ihrer Heimat gebracht, die 
fie damald noch im Tragefleidchen verlafjen 
hatten. Wie oft Hatte er Dodi von den 
„beiden Leinen Wfrifanerinnen” erzählen 
miiffen. Myrachs Frau Hatte ihm für fein 
Töchterchen „Bampa, die Negerbraut”, mit 
den funfelnden Glasaugen und den blih- 
blanten, weißen Zähnen mitgegeben, die 
Dodi forgfältig alle Tage mit ihrer eignen 
Heinen Zahnbürſte bearbeitet hatte. 

Er jehnte fih danach, von glüdlichen 
Menfden und einem fonnigen Heim zu 
hören, und fchidte dem Mitarbeiter an jenem 
wunderfamen Gedicht, worin fie al3 jtür- 
mifche Tertianer die dunfelblauen Rätjel- 
augen der blonden Mia bejungen hatten, 
jeine Vifitenfarte. 

Uber er traf feinen glüdlichen Men— 
jgen an — denn aud in jenem fonne- 
durchleuchteten Heim auf der fremden Erde 
war es falt und düſter geworden — er 
traf einen verhärmten Witwer, der wander- 
müde aus der weiten Welt zurüdfam. 

* * 


* 

Als Olfers — wenige Tage vor Dodis 
adtem Geburtstag — die beiden Briefe 
nad) Kiel fchidte, worin er feinem Sind 
eine neue Heimat verjprad), worin er feine 
Frau um ihren Beiftand, ihre Ramerad- 
{haft in der Stunde diefer ſchweren Ent- 
fcheidung bat, zweifelte er nicht daran, daß 
Mia diejem lebten, dringlichiten Rufe folgen 
würde. Denn nun braucdte er fie ja: 
das Hotelunternehmen, deſſen Pacht ihm 
Myrach anvertrauen wollte, rechnete zu 
allernädjft mit der Frau — der deutfchen 
Hausfrau! 

Er wartete von Tag zu Tag, von einer 
Poſt zur andern, er telegraphierte einmal, 
ein gtveites Mal. Dann endlich fam die 
Depeiche feines Schwagers: , Hierherfommen 
überflüffig, Maria und Dttilie zur Bade- 
fur, Antwort unterwegs.” 

Nach diefer Antwort gab e8 für ihn 
feine Familie mehr. 

Modten fie die Scheidungsflage ein- 
reihen — feelifd) getrennt war er von 
feiner Frau nun ganz und gar. 

Aber wenn er vorläufig auch von Dodi 


267 


icheiden mußte: ihre Seele Tieß er ihnen 
nidt. Eines Tages gedadte er heimzu—⸗ 
fehren und den Kampf um da3 Herz des 
Kindes aufzunehmen. Dann follte das Kind 
Richter fein, dann follte e8 den wahren, 
den einzig gültigen Gchiedsfprud fällen: 
Wer trug die Schuld —?! 

... „Morgen geht das Schiff, das 
mid) in die Welt Hinausführt,“ jo hieß e3 
in feinem Abfchiedsgruß an feine fleine 
Dodi, „es nimmt einen vom Sturm zer- 
zaujten, armen und unglidliden Mann mit. 
Wiederfehren wird er, wenn er fich durd 
eijernen Fleiß, harte Arbeit und ein ehren- 
Haftes Leben das Recht erworben haben 
wird, in die blauen, treuen, forjchenden 
Augen feines Kindes ftolz und aufrecht und 
ohne Erröten zu bliden. Bis dahin, Heine 
Dodi, bewahre Deinem Väterchen ein treues 
Undenfen. Halte Liebe und Stolz in Dei- 
nem Herzen, Heine Dodi, damit aud) Du 
Deinem Vater, wenn er Dir wieder gegen- 
übertritt, rein und flar ind Auge Schauen 
fannft. Gott fet mit Dir, meine fleine 
Dodi. Bh küſſe Dih zum lebten Mal 
zärtlih und Heiß, lege meine Hände auf 
Deine Stirn und feh’ Dir lange, lange, 
lange in Dein gutes, kluges, treue Rinder- 
auge. Und fage zu Dir: Auf Wiederjehen, 
meine Kleine Dodi!” ... 


Sechſtes Kapitel. 

Es war etwas Fremdes in Dodis Leben 
getreten, etwas Geheimnisvolles, das fie oft 
beängitigte. Bejonders in der Dämmerung 
und bei Regen, wenn man auf die beiden 
Heinen Schlafzimmer im Sanatorium an- 
gewiejen war, wo alles auf leilen Sohlen 
ging. 

Dodi hatte gejauchzt, als es hieß, fie 
follte mit Mutti und Tante Lisbeth ver- 
reifen. (Cine Reife, eine große Reife, das 
war ihr wie ein Felt erjchienen nad) dem 
langen, traurigen, einfamen Winter. Man 
war faft immer daheim gejelfen, Mutti 
hatte fich viel krank gefühlt, — und wenn 
Onfel oder Tante fic) einftellten und fo 
heimlich und leife und dringlid auf Mutti 
einſprachen, dann war ihr's allemal fo furdt- 
bar bang zumute geworden. Mit Vaterden 
war früher {tet8 ein Sonnenjtrahl in’ Haus 
gefommen, e3 hatte bid zum Augenblid, wo er 
in die Tür trat, noch fo trüb und grämlich zu 
gehen finnen. Als er fie das lebte Mal in 

18* 


268 


Riel befuchte, hatte fie fic) voller Sehnfucht, 
nein, voller Angſt an ihn geflammert, fie 
hatte ihn bet feinem Abjchied gar nicht 
mehr aus ihren Armen laſſen wollen. Und 
in der böfen, einfamen Beit hernach — wie 
oft fie nach ihm gefragt hatte, wie bitter 
enttäufcht fie gar zum Weihnachtsfeſt ge- 
weſen war, bas man ohne ihn Hatte feiern 
müffen. Vielleicht fuhr man nun zu ihm? 
Yn einem geheimen Winkel ihres Herzens 
hoffte fie e8. Aber zu fragen wagte ie 
nicht, denn zu ihrer Mutti ließ man jte 
nicht, und Tante Lisbeth war fo ernft und 
abweijend, während fie den Reijeforb und 
die beiden Koffer padte. Dabei hatte die 
Haft, mit der alles vor fid ging, etwas 
ehr Wufregendes. Dodis Neifefieber aber 
war gewiß noch größer al’ das der andern. 
Als man endlid) das Haus verließ, jtieg 
eine felige Erinnerung in ihr auf — an 
jene ftürmifch-[hönen Wochen an der See, 
wo fie mit Väterchen Hatte ſchwimmen 
dürfen, wo er fie bei Nacht und Wind im 
Boot mit hinaus genommen hatte. 

Auch auf der langen Eifenbahnfahrt 
befam fie nicht zu hören, wohin e8 nun 
eigentlich ging. 

Als fie Mutti fragte, während Tante 
Lisbeth in der Coupéede ſchlief, ward ihr 
feine Antwort: Mutti weinte nur wieder 
jo laut und berzzerbredend, wie fie’s von 
ihrer armen Mama, die in den lebten 
Zeiten ja viel, viel meinte, noch nie gehört 
Hatte. Und fogleih fuhr Tante Lisbeth 
aus dem Sclafe auf, fah fie ftreng an, 
nahm fie an die Hand und führte fie auf 
den Gang, der an den Coupe3 entlang 
führte, und hielt ihr vor, wie häßlich es 
von ihr wäre, ihre arme Mutter fo zu quälen, 
die jebt Schwer Teidend wäre und feine Auf- 
regung vertrüge, und fie müßte von nun 
an ein bejonders artiges, befonder3 folg- 
james Rind fein. 

Dazu gab fic) Dodi ehrliche Mühe. Aber 
leicht ward ihr's nicht. 

Das Bad, in dem fie weilten, hieß 
Alerandersbad, und die blauen Berge, von 
Denen das Heine, waldige Tal eingefchlofjen 
war, hießen das Fichtelgebirge. Dodi hatte 
li) unter einem Bad etivad ganz anderes 
vorgeftellt. Es gab bier nur Wannenbäder, 
gerade wie zu Haufe, die See war hier 
nit. Sie fand Alerandersbad nicht Schön. 
Darüber bradjte fie aud) die Mitteilung 


Paul Osfar Höder: 


der Tante nicht Hinweg, dak Hier im Ge- 
birge der Main entfpränge, der ein großer 
Nebenfluß des Rheinſtroms wäre. Einmal 
wollten fie auch zu feinen Quellen gehen, 
und das hätte fie ja fchon intereffiert, denn 
Zante fagte, e8 gäbe einen roten und einen 
weißen Main, aber dann ward nichts aus 
der Partie, denn e8 regnete. 

Es regnete hier fajt immer. 

Morgens mußte fie fehr lange ftill im 
Bett liegen bleiben, aud) wenn fie langft 
wad) war, weil Mutti nicht geftört werden 
jollte. Aber Mutti felbjt fchlief auch nicht 
mehr; manchmal fagte fie, fie hatte faft die 
ganze Nacht fein Auge zugetan, von eins 
bis fünf hätte fie alle Vierteljtunden fchla- 
gen hören. 

Endlih fam Tante Lisbeth und Half 
Dodi beim Anziehen. Das ging bei der 
Tante immer jehr flint, aud) abends das 
Ausziehen, denn jeitdbem fie Kiel verlajjen 
hatten, wurden ihr die Locen nicht mehr 
eingewidelt, fie mußte bas Haar vielmehr 
glatt gefcheitelt und aus der Stirn ge- 
ftriden tragen, genau fo, wie e3 die Tante 
trug. Es gefiel ihr aber durchaus nidt. 
Gie durfte fi) auch nicht mehr wie daheim 
morgens unter die Doude im Badezimmer 
jtellen und abbraufen, wie es Väterchen 
wollte und twas ihr immer fo großes Ver- 
gnügen gemacht Hatte. 

Überhaupt durfte fte faft nie das tun, 
was ihr Vergnügen made. 

Bor dem Sanatorium war ein Garten. 
Darin follte fie fpielen — vormittags, 
während Mutti badete, nachmittags, wab- 
rend fie ruhte. Aber fie müßte leife fpielen, 
befahl Tante Lisbeth, weil hier viel Kranke 
wären, die Ruhe brauchten. Leiſe Spiele 
gab e8 eigentlih wenig Sie fann fid) 
eines aus, das man allein jpielen fonnte. 
E3 hieß Gartner. Das wurde ihr aber 
jofort verboten, denn Striche in den Mies 
zu ziehen und Kleine Sandhügel abzuteilen, 
war nicht erlaubt, und Eleine Zweige oder 
Blümchen abbrechen durfte man fdon gar 
nist. Yn den Schulpaufen Hatte fie mit 
den andern Kindern öfter „Murmeln“ ge- 
jpielt. Das war nod das leiſeſte Spiel, 
das fie fannte. Schade, daß Tante ver- 
gejien Hatte, ihre Spielfachen mit einzu- 
paden, die fie zu ihren Schulbüchern gelegt 
hatte, weder „Pampa“ nod) das Cadden 
mit den Murmeln nod „Jimbo“ waren 


Dodi. 


mitgenommen worden. Auch der Reifen 
nicht. Uber Reifen war ja fein leifes Spiel, 
weil man dabei laufen mußte. 

Go fette fie fic) denn auf die Bank 
in der Laube und las in der Biblifchen 
Geſchichte. Im Lejebuch hatte fie jon alle 
Stüde mehrmals gelefen. Freilich fagte 
Tante Lisbeth, fie miiffe fie noch gründ- 
lider fefen. Aber fie fannte ein paar davon 
dod) fchon Halb auswendig. Am beiten das 
Gedicht vom „Eleinen Hydriot”, das am 
Schluß des Buches ftand und bei dem fie 
immer an die Bootsfahrt mit Väterchen 
denken mußte. Gerade das mochte Tante 
Lisbeth indeſſen nicht leiden. 

Sprang fie einmal auf und eilte ang 
Gitter, um den Dorffindern zuzujehen, die 
draußen auf der Straße jpielten, dann 
zantte die Tante fie aus. Cinmal befam 
fie fogar für zwei Tage Stubenarreft, weil 
fie zu den Rindern binausgelaufen mar 
und mit ihnen gefpielt hatte. Saß fie aber 
ftil da und las, dann fagte die Tante, 
fie wäre gar nicht wie die anderen Kinder, 
fie hätte fo etwas Trogiges und Verjchloffe- 
nes, und aus folden Kindern würde nie 
etwas Gutes. 

Ach, wären fie doch wieder nad) Haufe 
gefahren! 

Seufzte fie einmal auf, fie ware viel 
lieber in der Schule al8 Hier, dann hieß 
e3, fie wäre unbdanfbar, fie hätte es nod 
taufendmal befjer als „andere Kinder im 
gleichen Halle”. | 

Bu erwidern wagte fie ja nicht, denn 
fie hatte grenzenlofe Furcht vor der Tante. 
Aber wenn fie wieder jo mutterjeelenallein 
im Garten bei den paar Büchern faß oder 
bei der kleinen Häfelarbeit (fie follte für 
alle Verwandten Seifenläppchen häfeln, für 
Gropmama, Grofonfel, Onkel Alwin, Onfel 
Dröfe und Mutti, bloß von Vaterden hatte 
Tante Lisbeth noch nichts gejagt), dann 
fah fie doch recht ſehnſüchtig durchs Gitter 
den Rindern zu, die draußen fo luftig {piel- 
ten, und fie konnte eS gar nicht begreifen, 
daß die e8 weniger gut haben jollten als fie. 

Manchmal, wenn die Kinder aus dem 
Dorf Hinausgezogen waren, ſummte fie leiſe 
vor fic) hin. Uber immer wieder brad fie 
ab. Sie begann fic) vor der eigenen 
Stimme zu fürdten. Bei Sonnenjchein 
war's hier im Garten jo drüdend till. 
Nod Schlimmer war's aber bei Regen. Der 


269 


prafjelte auf dad Blechdach der Laube, dazu 
pfiff der Wind, und das Hang ganz fchauer- 
lid). Oft Stahl fic) ihr das Waller in die 
Augen. So bang war ihr, fo bang. 

Ihre Mama fah fie tagsüber fat nur 
bei den Mahlzeiten, die man mit den an- 
Dern — meijt waren e8 Damen — im 
großen Saale nahm. Dabei war e3 aber 
aud) recht einfirmig. Plaudern durfte fie — 
nicht, Die Damen Sprachen nur immer über 
Krankheit und Wetter, fie mußte ganz Still 
dafigen — und vor allem aufrecht. Allein 
traf fie ihre Mama in den erften paar 
Woden gar nidt. 

Aber einmal überrafchte die Mutter fie, 
alg fie fo allein in der Laube fag. Es 
dunfelte fdon und war ſchwül; irgendwo 
gewitterte e3. Mutti lehnte fic) mit dem 
Kopf gegen den Arm, den fie emporgehoben 
und gegen bas Holzwerk der Laube gejtübt 
hatte. So Stand jie eine Weile und fah 
lie traurig an. Endlich fragte Mutti, was 
ihr denn ware, warum fie denn immer jo 
ftil dafäße, an was fie denn immer dächte, 
zum Beifpiel eben jet? 

Muttis Stimme war fo matt und weich 
und zärtlich. Bei diefem Klang war ihr’s, 
als ob fic) ihr die Kehle zufchnürte. Sie 
wußte nicht? zu jagen als: „Ah Mutti, 
weißt Du, wenn dod) Väterchen bei uns 
wäre!“ 

Da zudte Mutti aber gujammen, gleid 
darauf brach fie vor ihr nieder — mit 
einem jchluchzenden Auffchrei — und dann 
fant Mutti3 Kopf auf Dodis Schoß — 
und ihre Schultern zudten, ihr ganzer 
Körper... 

Dodi rutihte von der Bank hinunter, 
ichlang ihre Arme um ihre Mama, gab 
ihr zärtliche Namen, liebe, zärtliche Namen, 
die fie die ganze Zeit über bor der Tante 
niemal3 ausgefproden hatte, und fo hodten 
fie in der Laube bei einander, die Ellbogen 
auf die Bank geftügt, und meinten. 

Das war jo jchmerzlidh, fo ganz fchnerz- 
lich, aber dabei fo feltjam ſüß. Ihre Trä- 
nen liefen ineinander, und fie Füßten ich, 
füßten fich wie nie zuvor. 

Plötzlich aber fchredten fie beide empor, 
denn man hörte Tante kommen. 

Mutti z0g das Taſchentuch und wifdte 
fih die Tränen aus den Augen. Dodi 
ſuchte und fuchte, fand das ihre jedoch nicht, 
fie hatte es wahrſcheinlich wieder vergeffen. 


270 


Sept befam fie aber feine Schelte dafür, 
Mutti zankte ja nie. 

Hernadh, während Mutti beim Doktor 
war, fam e8 wieder zu einem ftrengen Ver- 
hör: die Tante wollte jedes Wort wiffer, 
das fie zu Mutti gejagt Hatte. 

Da beichtete fie denn. 

Ein paarmal ging die Tante auf und 
nieder, dann blieb fie am Eingang zur 
Laube ftehen und begann in fehr ernitem 
Tone: „Nun will id) Dir einmal etwas 
jagen, Ottilie Du bift ja fchon ein ver- 
ftändiges Kind. Alfo höre: Du follft zur 
Mama überhaupt nichts mehr über Vater 
jagen. Hört Du? Dein Vater ijt fort- 
gegangen, weit fort. Nicht jo wie früher 
immer, wo er zuweilen wiederfam. Nein, 
für immer. Gr will nits mehr von 
Mama, von Großmama und von ung allen 
wiffer. Und von Dir aud nidt. Du 
wirft erft {pater einmal erfahren, wie groß 
das Unglid ijt, das er über Deine arme, 
gute Mama gebradt hat. Bis dahin darfit 
Du aber nie von Deinem Papa fpreden. 
Niemald. Denn jedes Wort, dad Du zu 
Deiner Mama über ihn fagft, tut ihr fo 
weh, ald ob Du ein fcharfes Meffer nähmit 
und ihr damit in die Bruft ſtoßen wollteft. 
Stelle Dir dag einmal vor, Ottilie. Nicht 
wahr, das willft Du dod nit? — Nun 
fet alfo ein artiges Rind, nimm ein gutes 
Bud und lies. Hört Du? Oder fpiele.“ 

Zu Beginn ihrer Rede hatte Tante Lis- 
beth die Kleine angefehen. Uber e8 lag 
etwas in bem ftarren Bli des Kindes, 
das fie zwang, das Geſicht abzumenden. 
Shre Stimme war ziemlich unficher gewor- 
den. Sie wollte dann noch in beitimm- 
terem Ton etwas Hinzufegen, mußte aber 
plötzlich ſchlucken. Bei den letzten Worten 
hatte fie fich auch verfprochen, was ihr fonjt 
nie paffterte. ALS fie ind Haus ging, nidte 
jie dem ftil und ftarr daftehenden Kind 
nod) einmal zu und hob warnend den 
Zeigefinger. 

So erjchroden, nein, entfebt Dodi war, 
fie jah das alles haarſcharf. Sie fab es 
hernach noch oft, wenn fie fid) daran zurüd- 
erinnerte: dad fteife Yächeln der Tante, das 
zu den ernften Worten, dem faft furcht- 
jamen Blid und den hochgezogenen Wugen- 
brauen fo gar nicht pafjen wollte. Und 
der Tonfall ihrer harten Stimme zitterte 
in ihrem Ore nad. E3 war ihr dann 


Paul Oskar Höder: Dodi. 


auch ftet3, al8 ob fie den gebrannten Kaffee 
riche, deffen Duft damals gerade aus der 
Küche in den Garten gedrungen war. Und 
das Verschen, das die Kinder auf der Straße 
draußen gefungen hatten — e3 war eine 
leirige Melodie, die fie quälte, weil fie des 
Dialeftes wegen den Tert nicht recht ver- 
ftand — das fiel ihr dabei auch immer 
wieder ein. 

Solange die Tante jprach, hatte fie fei- 
nen Laut hervorgebradht. Bei einigen Wor- 
ten war ihr das Weinen nahe gewwefen. 
Uber fie bezwang fih, jo jehr es ihr auf 
die Kehle drüdte Sie fühlte es dabei kalt 
über fich Hinftreichen, und fo angftvoll ward 
ihr’3, fo wie beim Neifefieber oder wie da- 
malg, als fie im Seebad auf der Brüde 
ftand und zum erftenmal ins Wafer follte. 

Mechaniſch griff fie nach dem Buch, wie 
die Tante ihr befohlen Hatte. 

Uber fie las nicht. 

Es war ihr fo weh zumute, daß fie 
laut Hätte aufjchreien mögen. 

Dabei Hatte fie gar nicht begriffen, was 
die Tante mit dem meinte, twas fie da zu 
ihr gejagt Hatte. 

Warum follte BVaterden nicht mehr 
wiederfommen? Warum wollte er nichts 
mehr von ihr wiffen? War fie denn garjtig 
geweſen? Und Väterchen hatte doch grade 
gefagt, nun würden fie bald für immer bei- 
ſammen fein, ja, Das Hatte er gejagt, das 
legte Mal, als er fie fo „doll“ geprept 
und gefüßt und geherzt Hatte... 

Das Bud glitt aus ihren Fingern. 
Bon dem Fall fchredte fie empor. Verwwirrt 
jah fie fid) um. 

Sie war ganz allein im Garten. €3 
war {con faft dunkel geworden. 

Plöplih fam ein wahres Grauen über 
jie. Sie jagte ins Haus. Dabei wandte 
fie fich fortgefegt um. Es war ihr, als 
ob ihr irgend jemand folgte — etwas 
Bwerghaftes, Haplidyes, eine fchredliche 
Mißgeſtalt, die ihr aus einem langvergef- 
jenen Märchen wieder einfiel. 

„Mutti! — Mutti!” ſchrie fie angit- 
erfüllt im Hausflur. 

Da rannte fie gegen den Herrn Doftor 
an, der foeben bas Haus Hatte verlaffen 
wollen. Der Hob fie zu fic) in die Höhe 
und fragte fie, warum fie folchen Spcttafel 
machte. 


Gerhard Schäfer: Borfrühling. 


Sie konnte nicht? anderes hervorbringen 
alg: „Da draußen — da draußen .. .!“ 

„Was ift denn da, Kleine? Hat Did 
wer erjchredt ?“ 

Um nachzuſehen, wollte er fie mit fid 
hinausnehmen, aber fie fträubte fid) und 
flammerte fid) an die Tür. „Nein — nicht 
— nicht!” flebte fie. 

Tante Lisbeth war nur ein paar Schritt 
weit gewefen. Bom einen Salon, von 
Deffen Fenfter aus fie das Kind beobachtet 
hatte, fam fie nun eilends Hinzu, ſprach 
befchwichtigend auf Dodi ein — drauf 
wechjelte fie mit dem Doktor ein paar Worte 
auf Engliſch. 

„Hm. So, fo.” Der Doktor pätjchelte 
der Kleinen noch immer die Wangen. „Na 
ja,“ jagte er, etwas verlegen, „Das wird 
ja fchon alles anders. Nur Rube. Nicht 
wahr, Dttilie? Du heißeſt doch Dttilie?” 
Dhne rechten Bufammenhang damit jah er 
nad der Uhr. Zerſtreut fuhr er Dodi 
dann Über die Schulter. „Ja, ja, dad 
wird jchon alles anderd. Adieu, Feine 
Ottilie So — Patſchhand. Und nicht 
mehr fo wild fein, hirft Du?” Er grüßte 
lächelnd und ging ziemlich raſch fort. 

Beim Whendbrot, das fie im Bimmer 
ferviert befam, wollte Dodi heute nichts 
anrühren. Die Tante drang auch nicht 
darauf mie fonft: Dodi follte vielmehr 
möglichjt bald zu Bett. 

Bisher hatte ihre Mama noch immer 
mit ihr gebetet. Aber Mutti war heute 
umquartiert worden, Tante Lisbeth fchlief 





271 
in ihrem Bett. Darüber war Dodi fehr, 
jehr traurig. Als fie Gutenacdhtjagen ging, 
lag ihre Mama fchon zu Bett. Der Arzt 
hatte e8 fo angeordnet. 

Dodi betete noch immer ihr altes Kinder- 
gebet: „Müde bin ich, geh’ zur Ruh’, Schließe 
beide Augfein zu, Vater, laß die Augen 
Dein über meinem Bettchen fein. Hab’ ich 
Unredt Heut’ getan, fieh es, lieber Gott, 
nidt an. Amen. Gute Nacht. Lieber 
Gott, erhalte Väterchen recht gefund und 
Mütterchen recht gefund und Oma und Groß- 
onfel, Onkel und Tante, und gib Grof- 
tante die ewige Rube .. .“ 

Oft war fie, als fie noch Heiner war, 
gähnend dabei eingejchlafen. 

WIS fie heute das Verschen beendigt 
hatte und gu der Privatbitte für Väterchen 
fam, fagte Tante Lisbeth: „Damit ijt’s 
genug, Ottilie. Du bift jet ja groß genug, 
veritehit Du... Und nun fei ein Tiebes 
Kind und fchlafe artig. Die arme Mama 
ift jehr, jehr Frank. Zeig’, daß Du fie lieb 
Haft, und fet folgjam.“ 

Dann ward das Licht ausgelöfcht, und 
Dodi blieb allein. 

Sie warf fidh plöglich herum, preßte 
ihre Hände gegen die Augen und fchluchzte 
ind Kiffen. 

... eden Abend ftodte fie beim Amen. 
Einmal fuhr fie aus Gewohnheit weiter 
fort und merkte es erjt, al8 Tante Lisbeth 
fih rdufperte. Da brach fie fcheu ab, als 
ob fie auf einer fchweren Sünde ertappt 
worden wäre... Gortſetzung folgt.) 


Vorfrühling. 


Fink beginnt vom kahlen Alte 

Schon fein helles Lied zu fingen ; 

Dod) er ftuft und [dyweigt und [tammelt, 
Denn nod) will’s nidjt recht gelingen. 


Und die Amfel traumverloren 
Flötet zaghaft ein paar Töne, 
Leife, wie ein fdyeues Ahnen 
Don des nahen Frühlings Schöne. 


Leife aud) in meinem herzen 
Fangen Reime an zu klingen, 
Und id) laufche voll Erwartung : 
Den wohl werden fie befingen ? 


Gerhard Schafer. 








Eriter Srühlingstag. 


Müd lief fich der junge Srühlingstag 

Durch die Wiefen, durch den braunen Hag. 
Und nun wirft er freudefatt und warm 
Seiner Mutter Nacht fich in den Arm. 
Ach, das war ein Lachen heut’ und Glihn! 
Hinterm Dorn fah er ein Veilchen blühn ! 
Seit das Sduftchen um den Primelitrauß 
Pfiff ein Büblein fich vom Wald nach Haus. 
Und als er entlang den Graben ging, 

Slog vor ihm ein gelber Schmetterling! 
Lächelnd hört die Mutter Nacht ihm zu, 
Sliftert: „Süßer Junge, geh zur Ruh!“ 
Streicht ihm aus der Stirn das Abendgold, 
Hätichelt auf dem Schoß ihn weich und hold. 
Dann die dunkle Decke zieht fie facht 
Über ihn und all die junge Pracht, 

Haucht ein Liedchen in den leifen Wind, 
Bis die Augen fchließt das müde Kind, 
Und fie fummt und raunt in fich hinein: 
„Morgen erit, welch Sreuen wird das fein! 
£upf' ich früh den Slor vom rof’gen Ohr, 
Weckt mein Séhnchen Ofterglockenchor. 
Heller Lerchengruß, wohin Du fchweifft! 
Und ein Blumenmeer, wohin Du greifft! 
Weiße Kirichenblüte, Krokus bunt, 

Und von Veilchen blau der Erlengrund! 
Und die Bienen all vom Bienenhaus, 

Und die kleinen Mädchen fchwärmen aus, 
Werfen Ball und werfen Blick um Blick, 
Und die Burfchen werfen fie zurück. 

Wo am Weidenbuich die Kätschen wehn, 
Siehft Du bei der Gret’ den Haniel ftehn! 
Wunderdinge follft Du fchauen, gelt! 

Rings von Wundern trieft die ganze Welt!“ 
Ab und zu im Schlafe lacht der Knab’, 
Träumend, was es geffern Schönes gab, 
Was es Schönres morgen geben mag — — 
O Du fel’ger junger Srühlingstag ! 


Sri Erdner. 
































Der Mai ijt gekommen. Gemälde von Bernhard Butterfack- München. 





Naub der Galathea. 
(Mad) einer Triginalphotograpbie von Gebr. Alinart in Florenz.) 


Gemälde von U. Caracci im Palazzo Farneje zu Kom, 


Das Meer in der Volkieele und in der Kunif. 


Profeiior Dr. Ed. Heyck. 
mit siebzehn Abbildungen nach Originalgemälden. 


Zen hört man jagen oder liejt, das 
jet der fundamentale Unterjchied der 
See vor jeder anderen landjchaftlichen Ein- 
wirkung auf den Menjchen: ihre bejtändige 
Veränderung, ihre Rubelofigfeit. Wer jo 
jpricht, Der fennt die See nur über die 
Rampe hinweg als die Primadonna der 
Natur, im buntgewechjelten Rollen, etwa 
als mordende Medea, als lächelnde Rleopatra, 
als einer priejterlichen Jphigenie ruhevolles 
Schinheitsbild. 

Es gibt nichts in der elementaren Um- 
welt, was mit jo tiefem Eindrudf von Treue 
und Unveränderlichfeit, von immer gleichem 
Gutjein und Großjein fich in die Seele 
jenft, alg das Bertrautjein mit der See, 
feine Form, Durch die die Natur eine 
vergleichbare, wahrhaft heimatliche Sta- 
bilität in des Menjchen buntgewirktes 
Schidjal hineinträgt. Wenn wir die altern- 
den guten, zarten Hände der Mutter halteır, 
wie dann alle Ausbiegungen der Lebens- 
linie von Kindheit her in unjerem Gedenken 
weich und janft werden, jo auch, wenn wir 
zurückkehren an die See. Wenn wir auf 
demjelben Strande wieder jtehen, wo un- 
jere jpielenden Kinderfüße das Verrinnen 
der Wellen am Sande necte, wo wir erit- 
mals als Knaben die Brujt dem praffelu- 


(Abdrud verboten.) 


Den Niederjturz der weißgemähnten Bran- 
Dung entgegengeworfen haben, und wo an 
der ewig gleichen Linie fern da draußen, 
wo die Himmelsglode fich auf die Wafer 
jenft, unjer Auge mit einem unjagbaren 
Sinnen und Träumen hing. 

Für das Kind fchliegt an Ddiejer Linie 
der Kimm die Welt der Wirklichfeiten ſich zu 
und nur nod die Phantafie wohnt zart 
und gewaltig in unausdenkflichen Räumen 
und Höhen auch diejer Yenjeitigkeit. Natür- 
lih hatte man als Sertaner gelernt, daß 
drüben irgendwo Dänemarf und Schwe- 
den jeien. Aber das fieht das Kind nur auf 
Dem Atlas, feinem Leben bleibt es im Unter- 
bewußtjein. Was man jah, das war das 
fern und jtill mit jchimmernden Segeln 
ziehende Schiff, unbefannt woher und 
wohin, und der langnachbleibende, lang- 
jam in Lüften verjchwebende dunkle Strich 
des Rauchs. Damals Symbole abgelöjter, 
jelig unbejtimmter Weiten; erjt Dent von 
menschlicher Sehnſucht fonfret gequalten 
Herzen werden foldhe Schiffe im Horizont 
zu jchmerzlich faum ertragbaren Cinnbildern 
des Entgleitens. — Und über dem Rande 
diefer kindlich empfundenen Unendlichkeit 
hoben fic) ferne und feine Wolfeninjeln auf, 
jo far und zart geballt, wie Luft über 


274 Prof. Dr. 


dem Lande fie gar nicht haben fann; nad 
ihren goldumflofjenen Gebirgen, ihren Lich- 
ten Firnen und Götterthronen 309 jchwer- 
beladen der Knabenphantafien Leichter bun- 
ter Kahn. Zumeilen aber nächtlih, in 
großen Abjtänden, geſchah's, doch immer 
fehrte eS wieder: da jtieg aus den Träu- 
men des Schlaf3 die jenjeitige Inſel der 
Menjchen auf und die See war dann nicht 
mehr jo groß und fo allein. Die Inſel 
mit flachen Ufern und fremden Adern und 
Gärten, mit der jtillen, bleichen Stadt und 
den jchweigenden Menjchen. Und mit der 
altalten, jteinernen Kirche, die über die 
Dächer ragte und über die Waller jchaute, 
und von der ich) — wenn’s nicht doch bloß 
ein gelefenes Ahnen nur fei, wie ein feltjames 
Wachen jchon mitten in den erlebenden Traum 
hincinjagte! — Die jchwebenden Töne der 
Sloden vernahm. Das ijt de Traumes 


unauslöfchliches Geftalten der unmerfbar 
emporjteigenden Welten, der Vinetaftadte 
und der Lander unter den Waffern, und 





Bewegte Flut. Gemälde von Ruysdael in der Galerie zu Briiffel. 


Ed. Heyd: 


ins größte gedehnt, überall aber jeltfam 
mitgetragen von dunklem Wiffen, der Griechen 
Utlantisphantafie. 

So zieht mit jeglich ihrer Habe die 
Seele des Kindes und findhaft junger Völker 
in die ahnende Weite der Unerforjchlichkeit 
hinaus. Dann aber fommt das Gelernt- 
haben und Erfunden, das Zurechtordnen 
und Unterjcheiden des Mannes und nimmt, 
verichiebt dem Kinde feinen unwillfür- 
lichen Glauben einer gejtadeumfließenden, 
herodotijch weltzufchliegenden See. Da wird 
nun Dieje in gänzlicher Verwandlung die Ver- 
binderin, die jchnelle Vermittlerin, mit der 
ih feine Landfahrt vergleichen läßt, die 
Alleinigerin, die wie der drahtloje Gedanfen- 
flug die Welt ins Unentfernte rüdt. Was 
liegen für Summen an tätiger gejchicdt- 
fiher, geographiicher Mannigfaltigfeit da- 
zwijchen, fahren wir beijpielsweife bloß von 
Berlin über Leipzig, München, über den 
Brennerpaß der Alpen und Verona, Bo- 
logna, Florenz nad) Rom! 





(Photographie und Verlag von Franz Hanfftaengl in Münden.) 





Das Meer in der Volfjecle und in der Munft. 





Bewegte See. 


Wie anders Seefahrt! Noch haftet in 
uns ein Bild von plattdeutjchen, tabaffauen- 
den, friesjadigen Menſchen und von grauen 
Nordjee-Geftaden, wo große ftumpfe See- 
vögel unbeweglid) im Sande jftehen, nod) 
jigen wir bei Hamburger Suppe und Labs- 
faus, da jprühen die hartformigen, bligenden 
Flugſchiffe ums behagliche raſche Schiff, 
und wie uns wieder Boote umringen, find 
bronzebraune oder ebenholzichtvarze Jungen 
Darin, mit irgend einem eben von Kleid 
(auch ein Reft von einem weggetvorfenen 
Kaffeefad tut’s), und unter unjeren Augen 
wirrt's von Affen, Bapageien und Schild- 
fröten, Die wir faufen jollen, ehe wir auch 
nur den Fuß auf den Strand gejeßt haben, 
wo die ſchrägen, Ichopfigen Kofospalmen im 
Sande jtehen. Der Landreijende fährt über 
Ströme und Gebirge, und immer jtaunen- 
der, mit einer Art von wachſender Bedrüdt- 
heit überfommt ihn die Crfenntnis, wie 
ungeheuerlid) viel größer die Erde fei als 
der Atlas, und was wir jchon jo ein bißchen 
fannten davon, Deutjchland und Frankreich 
oder England, Stalien, daß das zwar das 
intenfivft givilijierte, aber eben auch ganz 
winzige Stüdlein fet von ihr. Der See- 
fahrer weiß nichts von geographiicher Re- 





275 








Gemälde von 2. Balhuifen in der Galerie zu Karlsruhe. 


lignation, feine Vorſtellung umjpannt die 
großen Umriſſe der Erdteile und wedhjelt 
jie leicht; das fiihne und gleichmütige Wort: 
„die Welt ijt nahe beieinander“, il mondo 
& poco, hat zuerjt ein Schiffer gejagt. 
Und das ijt, wodurch die Menjchheit 
entivicelt und aller vorangejchrittene Kultur. 
qewinn herbeiholend und hinausjchenfend 
umber getragen worden ijt: Die nähernde und 
leicht verfettende Macht der See. Von Syriens 
Strande verbreiten phönikiſche Schiffe das 
im Stromland der großen Flüſſe entitan- 
dene Sumerier- und Babylonierwijjen durchs 
Mittelmeer. Von Inſeln und Geftaden der 
Ügäischen See ſchwärmen Phofäer und an- 
dere Griechen aus, ziehen die Perlen- 
ſchnur ihrer blühenden Rolonialftadte um die 
Landfiijten der Barbaren herum und wer— 
den, weil fie Seefahrer find, aber jonft 
ichöpferifcher gegenüber den Phönikiern, die 
frühejte der Weltnationen. Seehaud geht 
durch alles hellenifche Leben, feine Schönheit 
und Boefie. Homer, das ijt die griechische 
Wolfsjeele, wie fie in den echtejten und 
hichjten Erftrebungen ihrer Jugend redet 
und denkt, und — jdon der Herameter 
rollt wie Die ewig erneuerte Welle. Welche 
Liebe, welche wahrhaft epiiche Geduld der 


276 Prof. Dr. Ed. Heyd: 








Phantasie eines ſüdlichen Seehafens. Gemälde von Claude Lorrain. 


Hörer entfaltet fich, wo irgend von Schiffen 
und Meerfahrt die Rede ijt, jet es am 
Strande vor Slion, ſei's auf des vielerfun- 
denden Laertiden Fahrt. Mit welcher Sorg- 
falt und Bedachtnahme auf die Hörerinter- 
ejjen wird von dem Redaftor der Odyſſee 
es jedesmal bejchrieben, wie der Unferplag, 
das Ufer, die Bucht bejchaffen jeien; zu 
welchen dichteriichen Wundern gejtalten jich 
in diejen großen Gejangen das Schönheits- 
erleben des Schiffers, aber auch feine Angjte 
und jein Grauen! Das alles erzählt uns 
von den Griechen aus noch gar nicht rich» 
tig gejchichtlicher Zeit. Aber die Seever- 
trautheit dieſes Volfes bleibt und wechſelt 
nur die Bildungjtufen des Schifferjinnes. 
Nur einen nenne ich, aus der Zeit, da das 
Sriechentum aus der Mtythenfindheit her 
längjt durch fein Mannesalter gegangen ijt 
und eintritt in das völkerpſychologiſche Sta- 
Dium der Naturerforfchung und Bhilojophie: 
das ijt zu Alexander des Großen Zeit der 
griechische Maffiliote Pytheas, der durch die 
ſpaniſche See nach Norden fährt, das Pro— 
blem der Polhihe jtudierend und mejjend, 


und der aufzeichnet, wie er Britannien fieht 
und von Dort aus die Waſſer und die Men- 
ihen an der Elbmündung erkundet. 

Ganz anders die Römer. Sie bleiben, 
alles in allem, in Wechjelwirkung Projaifer 
und Landratten. Proſaiker, die ihre harte 
Klugheit, Phantafielojigfeit, Jurifterei, Klein- 
profitlichfeit, Begriffsfrämerei zu der bee 
wundernswerten ſchöpferiſchen Syſtematik 
erheben, die noch heute auf den abendländi— 
ſchen Völkern laſtet. Der Kampf mit Kar— 
thago um die Länderherrſchaft am Mittel— 
meer zwingt ihnen die Nachahmung einer 
Marine auf, aber das Herz des Römer— 
volkes jubelt niemals mit hinaus auf 
die See. 

Dann wieder von den armſeligen Ger— 
manenvölkern an frieſiſcher und heute nieder— 
ländiſcher Küſte müſſen ſie's erſt lernen, 
nordſeetüchtige Schiffe zu bauen. Niemals 
Fröhlichkeit, ſchwellender Mut, niemals Wei— 
tung iſt ihnen das Meer, nur Schrecken, 
Ode, Gefahr. Dem Schiffe vergleicht Horaz 
den Staat, weil er ihm den Untergang 
prophezeit; das war, jo jagt er ein ander» 


Das 


mal, ein Mann mit dem dreifachen Erz 
des Mutes um die Bruft, der zuerjt fic 
dem Meer vertraute; fajt jämtliche Bilder 
des Zornes und der Angſt entnimmt er 
der See. 

Die Germanen haben mit den Griechen 
die Schwungfraft gemeinjam und die Luft 
der See; fie bilden ja auch, wie die Hel- 
lenen, die Eigennamen nad) Begriffen des 
Muts, der Tat, der Schönheit und heißen 
nicht wie die Römer nach Erbjen und Boh- 
nen und anderen nahrhaften Landgemiijen. 
Freilich andere Wege und Küften find ihre, 
als die Lichtumflofjenen, duftumblauten Ge— 
jtade der Hellenen, wo fic) der Lorbeer und 
Die Blütenfträuche über die Salzflut neigen. 
Die Stürme aus Afrika, jo heftig jie das 
Mittelmeer aufwiihlen können, wahren jelbjt 
bei wolfenjagendem Himmel noch jene Klaſſi— 
zität Der Form und der Farben, mit deren 
Bildern Homeros unvergeßlich unjere Er- 
innerung füllt! zoopVoeov péya xvua 
nokAvp4oioßoro Vakaoons! 

Härter graupelt Frojtiturm über graue 
Nordmeerwogen, jhredhafter brüllt aus ihrer 
Ode der Tod, bleicher ftarrt fein nordiſches 








Meer in der Volfjeele und in der Kunit. 


2.17 


Knochengeſicht. Und dann, er ruft gar nicht 
erjt immer den Wind, daß er ihm die Tiefen 
aufreiße; auch wenn des Nebels fchwere 
Schwaden über den reglos ſchwarzen Waj- 
jern brüten, pocht an die Planke jein Fin- 
ger; in den Paufen zwijchen dem Schreien 
der Sirene vernimmt ihn auch des tapferen 
Mannes Leifes Ohr. Unwirſcher, wehren- 
der, trogender jieht den Nordmeermann jchon 
jeine Küſte an, feien es die ebbenden Banke 
und Watten des Flachftrandes, jei es der 
Schären unjagbares Gewirr, die mit den 
Farben abgejchabter gigantischer verjunfener 
Elefantenrüden vielftundenweit hinaus vor 
den nadten Felsjtürzen des zufammenhän- 
genden Ufers liegen, dem Leben tot, ohne 
je das Leben gewußt zu haben . . . . 

Uber freundliches Dajein ift dem Men- 
jen, auch in der Gefchichte, fein beftes 
Geſchenk. An jeinen leblos ftarrenden Klip- 
pen und tauchenden toten Watten ward der 
Germane der Vorzeit zu dem, dejjen Enfel 
heute durch vier Erdteile hin die Welt be- 
herrichen. Der Sinn, der auf der Hallig 


und im fellerlojen, auf Steine gejegten Blod- 
haus der Schäre um ein Dajein warb, der 





—_ a 





Das Shlahtihiff Témeéraire. Gemälde von William Turner. 





(Ehotographie und Verlag von Franz Hanfitaengl in München.) 


278 Prof. Dr. 


gab dem Meergermanen auch dicje größere 
erobernde Kraft und Zabigfeit, feit ihn die 
Woge, der er feine Liebe auftrogte, in ihre 
Weiten trug. Und an diejen jelben jpröden 
Küften formte er feine gewaltigjten, feine 
ftolzejten und lieblichiten Phantafien. Er 
dichtete das Unheil der See, das mit der 
Springflut und mit der Uberfdwemmung 
abwehrlojem Berjchlingen über die Geftade 
fteigt, zu den Gejtalten Grendels und anderer 
riejiger Dämonen um; er wußte, daß fie 
fein Herz hat, die graue, totenbettende Ran, 
und er liebte fie doch; an niederdeutjchen 
Sanden und Dünen fand er den höchiten 
und innigjten Sang von harrender Pflichtnot 
und Treugeduld, das Gudrunlied. Unvor- 
denklih Schon ward er der Mann, der auf 
feinem Wogengänger alle Landlegionen der 
waffenitarrenden Roma zu verlachen ver- 
mochte. Mod) ftand das Imperium in 
Blüte, als fröhliche Seefranfen durchs 
Mittelmeer fuhren, den Willen des Kaijers, 
wo fie jich aufhalten jollten, in die Lüfte 
jtreuend: Ausreißer, die dem Cinfang jpot- 
teten und wo fie Luft hatten, kühnlich im 
römijchen Portus anferten, zum Arger der 


Ed. Heyd: 


Inſtanzen von Zivil und Militär. An 
allen Küsten des Weltreiches erjchienen ver- 
wegene Schiffer der Nordſeeſachſen, „eine 
jährliche unerträgliche Plage”, wie der rö— 
mijche Hiftorifer refigniert erzählt. Yn Bri- 
tannien nahmen Ddiefelben Sachſen, nebit 
Angeln, Diiten und riefen, den Römern 
eine ganze Provinz weg, indem  Dieje 
Sahresraten wifingijdher Ankömmlinge ein- 
fad) Ddablieben. Genau jo, wie fie e8 in 
Rußland, wie fie eS in der Normandie und 
in Unteritalien getan und wie es die Dänen 
und die Männer aus den Bohuslänjchären 
von Gotenburg, aus dem Ranreich (Ränrifi), 
nod) wieder in England, Schottland, Ir— 
land getan haben, Tängft nachdem ihre 
Vettern von der Elbmündung und Schles- 
wig die Angeljachjenreiche gegründet. Die 
Weltgefchichte hat nichts jo unbefiimmert 
Dreijtes und Kühnes als dieje Nordmeerleute, 
die auf denjelben flachen Langjchiffen über 
die Nordjee fahren, womit fie durch den 
Rhein und die Mojel bis nach Trier hinauf- 
gehen, tief ins befriedete Karolingenreich 
hinein. Oder die im tiefen Innern Rup- 
lands ihre Langboote über die Wajler- 





Schneefturm. Gemälde von William Turner. 
(Photographie und Verlag von Franz Hanfitaengl in München.) 


ee 


Das Meer in der Volfjeele und in der Kunft. 





Morwegifdhe Küfte. Gemälde von Hans Gude in der Nationalgalerie zu Berlin. 


(Mit Genehmigung der Photographijden Gejellichaft in 


icheiden tragen und die Wolga, den Don, 
Den Dnjepr hinabfahren; die von Island 
und Grönland immer weiter fuchen, die 
alg die erften von allen, Jahrhunderte vor 
dem Ligurer Crijtoforo Colombo, Amerika 
jehen und von jcheuen fanadiichen Menjchen 
in Leder, Pelz- und Federihmud erzählen 
dürfen. 

Zwar auch tief ins Fejtland hinein haben 
fi die Germanen in den Jahrhunderten 
bor und nach ihrem Gejchichtlichwerden ver- 
breitet. Nachfommen von jütijchen, angli- 
ichen, friefischen, warnijdhen Meeranwohnern 
heißen heute Thüringer, da fie mit Ddiejen 
verjchmolzen find. Urenfel derer, die mit 
dem Cinbaum auf den Haveljeen fijchten, 
wohnen im Schweizerischen Ware- und Emmen- 
tal, unter den Schwarzwaldtannen, im hellen 
Württemberg, oder fie buttern und fajen 
nah römijch-norischer Sennenmanier im 
Hochgebirge von Bayern und Lfterreich. 
Denn alle älteſtdeutſche Geſchichte und Volfer- 
tafel ift Berdehnung und Wanderung vom 
weftlicen Oſtſeebecken und von Niederdeutjch- 
land ber. Aber alle haben fie die alte 
Wafjerfühnheit und Schiffahrtfreude durch 
zwei Sahrtaufende hindurch oder mehr im 
Herzen behalten. Die Gudrunlieder mit 
der Salz und Schneeluft, die in ihnen 
weht, hat ein Bajoware in ihre Literarijde 
Form gegofjen, und jo bleibt allerorten das 
Meer auch des Binnendeutjchen poetijches 


erlin.) 


Gebiet. Vielgeftaltiqite Bilder der deutjchen 
Sprache, von „Wohlfahrt“ bis zum „Unter- 
gang” in Wollen und Schidjal, jind aus 
Urzeit Her entnommen von Wajjer und 
Wind und Schwimmen und Schiff. Wo 
nur Welle ijt, da Dichtet des Deutjchen 
Phantaſie, noch den Fleinen Bootfahrmann, 
den Fergen am Fluß, umſpinnt fie mit 
Sage und mythijdhen Märchen. 

Durch die ganze nationale Literatur- 
geschichte raucht es, bald nahe und ftarf, 
bald ferner, wie Meeresfjang und Wogen- 
prall. Da gibt es feine Binnengrenzen, 
feine Kammgebirge, die ein Nunnichtmehr! 
gebieten; aus dem deutſchen Süden, aus 


Württemberg hat Uhland, längjt ehe man 


von realijtiichen Gewalttendenzen wußte, 
Das padend realjte Bild des Seefturms ge- 
dichtet: Wir find nicht mehr am erjten 
Glas, da denken wir gern an dies und 
das; da Ddenfen wir gleih an das wilde 
Meer und hören die Wogen braujer, 


„Die Donner rollen drüber her, 

Die Wirbelwinde jaujen. 

Ha, das Schifflein ſchwankt und dröhnt, 
Wie Maft und Stange fplittern, 

Und wie der Notjchuß dumpf ertönt, 
Die Schiffer fluchen und zittern!“ 


Landratten gibt es unter freien Deut- 
Ichen nicht, auch wenn es fie in den Aften- 


bureaus genug gegeben Hat. Und nicht 
anders jelbjt das Weib; auch ihre Seele 


280 Prof. Dr. Ed. Hen: 


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Norwegiſche Küſte. 


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Gemälde von U. Normann. 


(Nah einem Kobledrud von Braun, Clément & Cie. in Dornad i. C., Paris und New Vorf.) 


gehört dazu; wie pact eS die feine Weſt— 
fälin Annette Drojte mit jeltjam halbbe- 
wußter Gewalt vor der See, daß fein Mann 
jie ijt: „darf nur heimlich löſen mein 
Haar und flattern lajjen im Winde!“ Und 
welche wundervollen Tine hat die Königs— 
bergerin Agnes Miegel für das Heimweh 
Der Kinder von der See gefunden! 

Der Breslauer. Kopiſch war's, der den 
Schiffern von Capri die blaue Grotte zeigte; 
der Deffauer Wilhelm Müller jang die 
jchönsten feiner Neuhellenenlieder von der 
Mainoten Kühnheit und vom jungen Hydriot. 
Die Fritjofjage Tegners ward jofort zum 
eingedeutjchten Beligtum; nicht unjerem Ur- 
teil, aber unjerer deutjchen Liebe jteht vor 
der Ilias die Odyſſee. Als ein ganz echter 
Yoet Hat Heinrich Heine die Kraft und 
Schönheit der Nordiee empfunden. Er bielt 
Das jedem auf nördlicher See Gereiſten be- 
fannte Bild fejt: 

Am fernen Horizonte 
Erjcheint wie ein Nebelbild 
Die Stadt mit ihren Türmen... 

Er gab mit feinen leichten Worten der 
Fernnähe der See, dem „il mondo & poco“ den 
unmittelbarjten Ausdruck: Am Ganges duftet’s 
und feuchtet’s und Niefenbäume blühn ... 


In Lappland find ſchmutzige Leute — mit 
den Mädchen figt er am Strande, fie fragen, 
er erzählt; im der Berne zieht wie ein 
Schatten ein Schiff durch das Dammern, 
im Leuchtturm werden die Lichter jchon an- 
qejtedt; endlich jpricht niemand ein Wort 
mehr, „das Schiff war nicht mehr fichtbar, 
e3 Dunfelte gar zu ſehr“. Für jein fpott- 
[08 Gigenjtes und Schönjtes hat Diejer 
im Judenhauſe zu Düfjeldorf aufgewachjene, 
am Reichtum einer herrlichen Beit gebildete 
Dichter nur wieder den Vergleich mit der 
See, mit ihrer Blache und mit der Perle, 
die in ihrer Tiefe ruht; und aller jeiner 
Poeſien jchonjten bleiben diejenigen aus jei- 
ner jungen Meerfahrten- und Nordſee— 
bilderzeit. 

Und von Ruysdacl bis zu Böclin, dem 
Bajeler Wlamannen, bis zu Mesdag und 
Bartels jind Deutiche drinnen und draußen 
vom Deutjchen Reich des Mieeres in nordi- 
iher Größe, in ſüdlich klaſſiſcher Ruhe, in 
Tiefe und Stille, in Genre und Mythe 
jeiner Schönheit echte und tiefjt ergriffene 
Schilderer gewejen. — 

Die Meeres- Kunstgeschichte der Griechen 
wire Die Aufgabe einer feinjinnigen Kon- 
jtvuftion. Wir haben außer dem halbmittel- 


Das Meer in der Volkſeele und in der Kunft. 


baren Material der Plajtif und der Vafen 
als jpäte Fragmente einer VBeranjchaulichung 
die Ddyijeelandichaften, die auf dem Es- 
quilin ausgegraben worden find, und die 
Dod) auch den Griechen gutzujchreibenden 
Hafendarftellungen in pompejiichen Male- 
reiten. Wher der fiinjtlerijden Landjchaft 
eigentliche, jelbjtberechtigte Zeit beginnt erft 
mit und nad) der Renaijjance. Und mit 
den Niederdeutjchen der Niederlande und 
Flanderns. In deren  mittelalterlichen 
Biicherminiaturen feimt, wie andere Ent- 
faltung, Feinheit und Größe der Malerei, 
auch der darjtellende Heimatjinn, die Land- 
ichafts- und Meeresliebe der germanischen 
Nationen heran. Was dem taliener immer 
nur erjt Hintergrund, Zugift gewejen war, 
jtellt jich als gleichwertig, als groß, als 
Gegenstand unendlicher Hingabe neben die 
menjchlichen Figuren in den Gemälden der 
van Cyd. Sie, die den Stoffinhalt, die Herr- 
lichkeit, Sorglichfeit und den zarten Realis- 
mus der burgundijch - altniederländischen 
Miniaturen in der jchöpferiich durch fie 
erneuerten Technif der Tafelgemälde furcht- 
bar machen, jind auch die Bahnbrecher alles 
Landichaftlihen. Und nun beginnt das Hin- 
zulernen der reichen Staliener vom neuen 
Reichtum der Niederlande, mit denen fie durch 
hundertfältige Kaufmannsbeziehungen Langit 
verbunden find. Aber der Romane bleibt 





Franzöſiſche Ranalfiifte bei Ebbe. 


281 


immer zuerſt der Mann des Pathos, bis 
in Die erhabenjte Vergeiftigung und Ver- 
edlung hinein. Selbſt aus der Meeres— 
herrichaft Venedigs, das feine Römer-, jon- 
dern Veneterftadt und alte kulturelle Byzan- 
tinerfiliale war, entnimmt der romanische 
Maler- Banegyrifer fic), genau wie der 
Staliener allgemein aus den vom Humanis- 
mus wiederentdedten Poeſien der Griechen, 
nur die Allegorie und die menjchenformende 
Meeresmythologie. Oder er erzählt uns 
in den Negierungspaläjten von Venedig und 
Siena die hijtorijdhen Seejchlachten, das 
fampfverbijjene Gewirr der Galeeren, ihres 
Nudergefittichs und der enterbereiten Sold- 
bemannung. Berglichen mit ihnen war jchon 
in jpätmittelalterlichen Miniaturen burgun- 
disch - niederdeutjcher Chroniken, wenn fie 
Landungen oder Seegefedte erzählten, viel 
mehr Räumlichkeit, Perſpektive, getrennte 
Fahrt gewejen, was freilich mit der nörd- 
lichen Segeltechnif sujammenhdangt; aber daß 
auch Lichte Welle und blauender Meeres- 
glanz darin waren, das hatte doch das 
ganz andere germanijde Schauen gegeben. 

Die Landjchaft ijt mun entdect, fie 
breitet fic) aus in der Malerei jener bur- 
gundiichen und habsburgiſchen Altnieder- 
fande, fie wird bejtändig anziehender und 
vielgeitaltiger, nimmt ihr ganzes Wiffen von 
vielerzählten fremden und hijtorischen Gegen- 


—_ — — ——— 


Gemälde von Auguft Hagborg im Muſeum des Yurembourg. 


Belhagen & Klafings Monatshefte. XIX. Jahrg. 1904/1905. II. Bo, 19 


982 Prof. Dr. 


den Herein. Wir jehen, der Maler, ob er 
nun da gemwejen ijt oder ob er eS nur er» 
fundet hat, der weiß etwas davon, wie es 
in Stalien ausjieht oder in der Tejo- 
mündung von Lifjabon oder an der heiligen 
Stätte des Beſuchs Mariae bei Clijabeth 
und der Wunder- und Leidenstage des 
Heilands. 

Die volle Losfagung der Landjchajt aus 
dem religidjen Bild und aus Der inter» 
nationalen Hijtorie erfolgt dann bei den 
von Habsburg und Katholizismus befreiten, 
in Die geijtige Gejchlofjenheit eines pro- 
tejtantijden und denkbar niederdeutjchen 
Bolfes gewendeten Nordniederländern der 
Generalftaaten, bei den furzweg jogenannten 
Holländern, die ein Mifchvolf aus Friejen, 
Niederjachjen und Niederfranfen find. Noch 
viel mehr als bei Brabantern und Vlaemen 
ijt dieſes neuen, fraftvoll aufgejchnellten 
Staats- und Kulturwejens Schlagader die 
See, deren Beherrider und Zinsempfänger 
jie geworden find, die erjtaunlich rajche 
Verdrängung der Vorjpriinge von Hanjen, 
Spaniern und Portugiejen. Die General» 
ftaaten werden die erfte große neuere Welt- 
jeemacht und Welthandelsmacht, werden das 


—— 


1 


Ed. Heyd: 


Die Neihtümer an ich faugende politische 
Sangarmgebilde, das Land, dem See und 
Seefahrt das Füllhorn all ihrer Gaben in 
den Schoß jchütten müſſen, vom Hering bis 
zur Gewürznelfe der Moluffen und Indiens 
Diamanten. Fn diejem blutüberfüllten Lande, 
Defjen ganzer Lebensodem hinaus- und herein- 
geht mit Wind und See, muß neben der 
Darjtellung der großen bürgergravitätijchen 
Staatsaftionen und der hochbewürdeten, 
Flugen, reichen, luxuriöſen, gejchmadvollen 
oder derb vergnüglichen Menjchen, muß 
neben teppichjchöner Wohnung, neben Bechern 
und Blumen, Stillleben und Frühjtüds- 
tiichen auch ganz voran die Marinemalerei, 
die Schilderung von Seefahrt, Schiff und 
Seegewalt erbliihen. 

Und fie hat's getan, durch zahlloſe 
Namen der niederländiichen Kunjtgejchichte 
vertreten. Ym ganzen doch nie ohne das 
Schiff; noch wird nicht ebenjojehr das Meer 
nur ganz allein um feinetivegen gejchildert. 
Dafür puljt das Faufmannstägliche Leben 
zu reid) und hangt allzu eindrüdlih am 
Schiff, vom großen fanonenjtarrenden Drei- 
deder bid zum Treibnetze ziehenden Kutter 
und bis zu der Tredjchuite auf der Gradht. 





Die Welle. Gemälde von Guſtav Courbet im Louvre. 


Das Meer in der Volffeele und in der Kunft. 





Aus den venezianijhen Lagunen. 


Das Meer in allen Gejtalten und unter 
allen jeinen Himmeln, vom fpiegelnden 
Schlummer bis zum heufenden, mit Wolfen- 
fegen jagenden Sturm. Aber immer aud) 
mit feiner jchwimmenden Staffage und der 
charakteriftiichen Wirkung auf fie: für Augen 
eines Seemannsvolfes und nicht für Poeten 
gemalt. 

Dieje Holländer find dann auch viel in 
Stalien und malen dort italienische See- 
ſtücke. Ganz in dem friedlich - nachbarlichen 
Verhältnis zu der See, die dem italischen 
Leben eigen ijt. Wie viel Spridigfeit ſchon 
der Natur legt fich dem Germanen zwischen 
Landwirtichaft und Meeresverfehr! Wie 
weichen die Städte erjchroden vor der rauhen 
See zurüd, tief in den Fjord, in die Bucht, 
den miindenden Fluß hinein! Bauer oder 
Städter oder Fiſcher heißt e3 bei Nord- 
europäern und Deutjchen. In Stalien 
drängt fic) der filbernde Olbaum bis an 
die Gejtade herab. Derjelbe Pietro oder 
Giuſeppe, der im Dezember feine Oliven 
pflüft und vor dem Café des Städtchens 
den Cittadino jpielt, der Hat jein umge— 
jtülptes Fijcherboot am Strande Tiegen, 
und Frau und Tochter waschen im fteinigen 
Flüßchen, da wo es ins Meer hinabrinnt, 
die Wäjche der Honoratioren. Diejes jee- 


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2 
2. 


— 


Gemälde von “ee | Dill in der Dresdener Galerie. 
(Bbhotographie von F. & O. Brodmann Nadj. wR. 


amme in Dresden.) 


vermengte Stleinbürgerleben ijt es, das 


wir in den italienijden Marinen der Hol- 


länder wiederfinden, den Häfen pittoresfer 
Städtchen. 

Denn das ift das Germanijche, das dem 
Deutjchen, Holländer und Engländer Gemein- 
jame: der tiefromantische Zug, der Hang 
zum Hiftorijdhen, fet eS auch nur in der 
Gejtalt von Ruinen und verfommenen Hau- 
jern. Bis heute. Die Sfandinavier machen 
Darin viel weniger mit. Das Liegt jehr 
mit daran, daß fie ihre älteren Gejchichts- 
zeiten jo wenig fichtbar mehr um fic) be- 
merfen. Denn jo gut wie Alles ijt dort 
aus Holz und brennt von Beit zu Zeit ab. 
Richtig Hiftorisch wird uns in Skandinavien 
nur an wenigen Stätten zumute, in Stod- 
holm, Upfala, Wisby, Bergen. Sonjt tra- 
gen altertümlichjte Verhaltniffe ein junges 
Kleid auf dem Leibe. Das erleichtert den 
Sfandinaviern, die mindejtromantijchen Ger- 
manen zu jein; fie find von ihnen die eif- 
rigiten Franzojenjchüler und Modernen. 

Mit derjelben Borliebe für das Pitto- 
resfe, wie Die Holländer die italijchen 
Küften jahen, jo jah fie auch der große 
franzöſiſche Yandfchafter aus deutjchem Blut, 
Claude Lorrain (F 1682), der Lothringer. 
Und er wird der frühe große Landjchafts- 

19° 


284 


Bewegte See. 


poet, durch Stimmung und durch bewußt 
gewordene Romantif. Der zarte Duft und 
Die warmen, milden Sonnentöne des Lich- 
tes, Die feine Szenerien Ddurchfluten, ent- 
rüden uns, auch wenn wir nur in befannte 
und vertraute Dinge jchauen, in eine wunder- 
jam gejchaute, paradiejijd) ruhevolle und 
jelige Welt. Auch feinen gern gemalten, 
mehr oder minder belebten Hafenbildern 
wahrt er durch weich über die Waſſer fluten- 
des Licht der jinfenden Sonne und durch 
eine zuweilen gefünjtelte, aber jtets jtimmungs- 
volle Architektur dieſen Zauber Tärment- 
flüchteter Romantif. 

Ein ganz germanischer und romantischer 
und wiederum von aller jtarfen Kraft im 
Gegenwärtigen gepadter Engländer, William 
Turner(1775—1851), wird fünf Menjchen- 
alter jpäter der an ganz gejonderter Stelle 
jtehende Vermittler von Claude Lorrain zu 
der modernen Landichaft herüber. Dem 
in Italien befruchteten Lothringer verdankt 
er jetne Ausgänge, um über jie und ibn 
mit einer umerhörten Kühnheit hinauszu- 
jtiirmen. Mus Claudes  jtillwarmendem 
Sonnenfrieden flammt eine heftige Kolo— 
rijtif empor, aus des Lothringers ruhender 
Seligfeit goldener Seiten ein männliches 


Prof. Dr. Ed. Heyd: 





Gemälde von Hans von Bartels in Berliner Privatbeſitz. 


Berlangen nach Rythmen, eine jauchzende 
Freude am Schwung bis in die Wildheit 
hinein. Wie alle Engländer liebt er Heidel- 
berg und die poetijchite aller deutjchen Rui- 
nen, aber was hat er da aus dem guten 
Neckar gemacht, wie hat er den „Hadteufel* 
an Der alten Brüde zu jchiffefchleudernden 
Wogen emporgerijien! Aber feine Nomantif 
jtreift das gejchichtlich Germanijche nur im 
Borübergehen, jie Elebt überhaupt nicht am 
Stoff, ijt ganz nur Die des umjpannenden 
Künstlers; Odyſſeus und Polyphem, Kar— 
thagos Fall ordnen sich ihm zu freien 
Stimmungswundern der Waſſer- und Ufer- 
welt. Die Macht des Cindrucs ijt es, die 
ihn erobert, nicht an ſich das Gejchichtliche, 
jene mag ihn aber auch aus dem Gejchicht- 
lichen anjprechen. Diejen Maler ergreift 
jeine Umwelt, wo fie jtarf und fiihn ijt, 
ganz ebenjo mächtig; fie fann ihm fich 
ſchon begeijtern laſſen, wo die Schönheits- 
empfindung der Übrigen jich verlegt und 
Flagend zurüczieht. Gr hat als erjter den 
Dahinbraujenden, über Briicen donnernden 
Eiſenbahnzug gemalt, er bemächtigt fich des 
zweiten, vielmehr des erjtgeborenen Unge- 
heuers der eijenjchmiedenden und foblen- 
qualmenden Zeit, Des Dampfſchiffs; er jpannt 


Das Meer in der Bolkjeele und in der Kunſt. 285 


mit Der Luft des grellen Kontrajtes den jchau- 
telnden, ächzenden Schlepper vor die hoch- 
bordige Majeſtät des alten jegelmächtigen 
Linienſchiffs. Und geradezu jchredhaft für 
Die im Uberlieferten jtehende Flajjizierende 
Kunſt fener Zeit jucht er eine gänzlich neue 
Schönheit, die Der feffellojen Lbergewalt, 
mit der Energie jeines Wagens feitzuhalten, 
die wildumjchwingende Vermengung von 
Wogen und wirbelndem Schneefturm, wieder 
um ein feuchend modernes, kämpfendes Dampf- 
ſchiff her. 

Das alles find Dinge, die weit voraus- 
eilen: erjt nach Jahrzehnten werden ftaunende 
Schüler vor diejen Offenbarungen jtehen. 

Es war nicht viel Unterjchied des male» 
riihen Denfens gegen die Holländer ge- 
wejen, wenn Yojeph Vernet (1712 bis 1789, 
der Großvater des berühmten Horace) See- 
jtiirme und Schiffbriiche an Gebirgsfüjten 
jchilderte. Nur die mindere Bertrautheit 
des Franzoſen mit der Seefahrt macht 
ſich geltend, ein oberflächliches, unmögliches 
Abenteuererfinden. Und darin wieder Die 
billige Sentimentalität des  feichtfertigen 
Jahrhunderts, diejelbe, die jchließlich ins 
überreizt Berverje umſchlagen und aus lauter 
Humanität und Weltbegliidung ein wahl- 
lojes Menjchenföpfen in Szene jegen wird. 

Es entfernt ſich auch noch nicht grund- 
jaglid) vom XVII. Jahrhundert, wie die 








deutiche Malerei des XIX., in Wuslaufern 
bis an die Schwelle unjerer Zeit heran, die 
Bilder von der Küſte gibt. Man bejit 
eine umfaſſendere Efkleftif, malt etwas an- 
ders, nicht viel, und im Durchjchnitt nicht 
jo gut, man jtrebt diejelbe jchulgerecht ver- 
fleinernde Nichtigkeit in Kompoſition, Zeich- 
nung und malerijdhem Cindrud an. Und 
— man fteht immer mit Skizzenbuch und 
Malfajten auf dem ficheren Lande, fchaut 
von da auf die lächelnde, wallende oder 
wogende Flut; der Himmel, jonnig oder 
wolfenbehangen, überjpannt mit jeinen 
Weiten See und Küſte zugleich und die 
Menjchen, die die lebende und tätige Be- 
ziehung von beiden vermitteln. Aus diejem 
liebenswürdigen, genrebegnügten, im tiefen 
Grunde bejcheidenen Malerverhältnifje zu der 
See ringen fich vereinzelte Künſtler zum 
Anjtreben heroiicher Größe heraus, wie der 
an des alten J. U. Koch klaſſiſch-romanti— 
ichen Landichaften erwachiene Friedrich 
Trefller, der Maler nordijcher Küſten— 
Ihilderungen und Schöpfer großartiger Kom— 
pojitionen zur Odyſſee. Bon der anderen 
Seite her fei als eines der beiten Künſtler 
des Fürzlich verftorbenen in Deutjchland 
lebenden Norwegers Hans Gude, geboren 
1825, gedacht, dejien heimatliche Fjord» und 
Inſellandſchaften mit ihrer Gee, ihren jym- 
pathijden Menfchen und ihren Connen- 


ü—— — —— 








Fliegender Fiſch. Gemälde von Carlos Grethe in der Dresdener Galerie. 


286 Prof. Dr. 


jpielen alle Vorzüge Harer und natürlicher 
Harmonie in Kompofition und Farben, 
kräftiger, tüchtiger Durchführung, fein und 
flar erfaßten Luft- und Lichtwirfungen über 
der See vereinigen. Ihm jei hier noch fein 
Landsmann W. Normann (geboren 1840) 
angeichlofjen, der in Diifjeldorf jtudierte, 
im Winter in Berlin lebt; in jeinen nament- 
lid) in der Wafjerfläche interefjanten Fjord- 
fandjchajten hat er den allmählichen Uber- 
gang in den Naturalismus vollzogen. 
Bathetijcher im Naturell als des Ger- 
manen ift des romanischen Frangzojen Ver- 
hältnis auch zu feinen Küjten. Er variiert 
mit bejonderer Borliebe die travailleurs de 
la mer, um einen Biftor Hugofden Titel 
von jeinem fpezifiichen Inhalt hinweg für 
das Allgemeine zu jeßen. Und abermals 
ganz franzöfiih: noch) mehr die travail- 
leuses. Alſo nicht fo fehr den Sciffer- 
fampf mit Gefahr und Ungemach der offenen 
See, al3 die für Frankreichs Küſten charaf- 
teriftiiche Technif des CStrandfangs. In 
Hunderten von franzöfischen Bildern fehren 
Dieje Hamen- und Harfenfiicher der Ebbe 


Ed. Heyd: 


und mit ihren Körben die hochgejchürzten 
Frauen wieder, denen auch die Sardinen- 
industrie weſentlich zufällt, während Die 
jüngeren Männer gutenteil® draußen auf 
Dem Hochfiichfang find, die pécheurs d’Is- 
lande und von Neufundlands Bänfen. Es 
fonnte in Frankreich nicht fehlen, daß fich 
ein fofetter Amateurjport der Damen- und 
jonftigen Modewelt aus dieſem Crevetten- 
fang der forgenvollen Witwen und Frauen 
von der normannijden und poitevinijchen 
Küste entwicelte. 

Aber inzwilchen ijt Courbet (1819 
bi8 1877) dem Meere mit revolutionärem 
Riinjtlerernft zu Leibe gegangen, der doftri- 
nenjtärfite Organifator des Realismus. Als 
Menſch und Politiker radifaler Heißſporn, 
alg Maler eine fo ftarfe, echte Künftler- 
perfönlichkeit, daß ihm da feine eitelfana- 
tiiche Natur nicht viel anzuhaben vermag. 
Obzwar er fich durch gejucht gemeine Stoff- 
lichkeit mancher Bilder die größte Mühe 
in Diefer Richtung gibt. Mit mächtiger 
Anſchauungskraft padt er die Woge in der 
Brandung, wir dürfen an der unbefiimmer 





TER Gemälde von H. W. Mesdag. 
(Nah einem Kohledrud von Braun, Clément & Cie. in Dornach i, €, Paris und New Vorf.) 


Das Meer in der Volfjeele und in der Kunft. 


falfden Perſpektive 
der Boote, für die 
das linfe Strand— 
eckchen blieb, Leicht 
vorüberfehen. 

Nicht bloß in 
Deutſchland fucht viel 
Kultur der Gegen- 
wart auf dem Waffer 
zu liegen. Schon der 
allgejteigerte Verkehr 
über See und die die 
Stadtplagen weg— 
badende Sommerreije 
führen das Snterefje 
des Publifums und 
die Stoffe der Maler 
mit ganz erheblich ge- 
mehrter Quantität an 
die Kiijten und auf 
die Wellen hinaus. 
orijdhe Männlichkeit 
in Deutjchland, die 
trop allem in Zu— 
nahme jteht, von an- 
deren Seiten ber 
rajchbereite Aufmerf- 
jamfcit für Neigungen 
der allerhichjten Per- 
jon, welche fic) in 
einer ihrer zukunft— 
wichtigjten Betäti— 
gungen auf Marine- 
und Segeljport, über- 
haupt alles Wajjer- 
wejen richten, lajjen die Flotten- und Segel- 
bilder jo jcharendicht wie Graugänje und 
Möwen aufjchwärmen; von den großen Wus- 
Itellungen, die nur ein Bruchteil unjerer 
Landsleute bejuchen fann, bis in die geiltig 
und technifch dürftigjten der Familienblatter, 
die zu Allen fommen, wimmelt’s von Flag— 
gen und Signalen. 

Wir haben viele eifrige Marinemaler 
heutzutage. Und wir haben nicht erft von 
heute etliche Riinftler, welche rein als folche 
und mit allen offenen Sinnen in der Freude 
der Salzflut leben und Werfe unabhängigen 
Ranges der See und dem Menjchenverhält- 
nis zu ihr entnehmen. Hier würden die 
Dramatijden Seejtüde Andreas Achen- 
bads (geboren 1815) und aus der jiin- 
geren Generation an erjter Stelle die großen 
jeefriichen Aquarelle Hans v. Bartels’ zu 





Sonnenuntergang. 
(Nad) einem Kohledrud von Braun, Clément & Cie. in Dornad) i. E., Paris 


TR ie. 
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2. 
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Gemälde von Emile Breton. 


und New Port.) 


nennen fein, wenn wir fie dem Lefer erft 
in die Erinnerung zu bringen brauchten. 
Auch auf den fiinftlerijden Zufammenhang 
mit dem neuen Holland jet an diejer Stelle 
nur hingewiejen, wo 9. W. Mesdag aus 
dem friejijdhen Groningen (geboren 1831) 
der fruchtbare und anregende Schöpfer von 
tiefgründig naturbeobachteten, mit flüjjiger 
Meijterichaft behandelten Seegemälden ift. 

Unjere Abbildungen Lafjen den Mesdag- 
ihen noch eine ftimmungsvolle, abendliche 
Marine des franzöfiihen Malers Emile 
Breton folgen, den man nicht mit dem 
allbefannten Meifter jcharfer Wirklichfeits- 
charakteriftif, jeinem Bruder Jules Breton 
zu verwechjeln hat. — 

Aber wir haben noch von zwei deutjchen 
Künftlern zu fprechen, die das Meer mit 
der ganzen Freiheit des Dichter und aud 


288 


mit jeinem Genius gejehen haben. Der 
eine: Anjelm Feuerbad. So wenig er 
vor dem Maßſtab lerifographijcher Bildung 
eS zu verdienen jcheint, hier anjtatt jo vieler 
„wirklicher“ Marinemaler genannt zu wer— 
den. Wer ein einziges Mal in der Ama— 
zonenihlaht das Meer in tiefer Föhn— 
jtimmung unter Ddiijteren Wolfen hat her- 
überblauen und ans Felsqejtade jchlagen 
jehen, jcheinbar nebenjächlich, fern, ein win- 
ziges Teilchen im Bilde, aber wahrhaft 
epiich und homeriſch in dem, was es auch 





Triton und Nereide, | 
(Fhotographieverlag der Photographijden Union in Munchent.) 


jo in dieje gewaltige Schöpfung hineinträgt, 
der hört nie wieder auf an Feuerbach zu 
denfen, wenn ihn die Schönheitsgewalt des 
Meeres an jüdlichen Vorgebirgen und Fels- 
geitaden umfängt. Nottmann und Feuer- 
bach, dieſe zwei Deutjchen, zwei Pfälzer 
jind es, Die die Klaſſizität des Mlittelmeeres 
mit tiefer Scelenverwandtjchaft am edeliten 
und zauberverklärteiten wiedergegeben haben. 
(53 würde leider zu weit führen, einen Ab- 
ichnitt ,Feuerbad) und das Meer“ aus den 
Briefen, aus dem Vermächtnis, aus den 


Prof. Dr. Ed. Heyd: 


Zeichnungen und Skizzen zujammenzulejen; 
von den jungen Worten aus Antwerpen an: 
„Der Aufenthalt ijt langweilig, monoton, 
bis auf das Seeleben an der Schelde, was 
wirklich etwas Grofartiges hat,“ bis zur 
Freundſchaft mit der Adria Venedigs und 
den Studien von Porto d'Anzio. Wo auch 
die Aphigenie und dann das jchönjte und 
volljte feiner Meeresbilder, jein herrlichites 
Gemälde überhaupt entitand, die Medea. 
Hier wie bei der Amazonenjchlacht tritt 
im Frühplan das Meer noch viel mächtiger 





Gemalde von Arnold Böcklin. 


ins Bild herein, füllt den größeren Naum: 
bei der Schlacht in der Berliner Skizze, 
bei der Medea in den Entwürfen und Unter- 
malungen von Breslau und Berlin. Aber 
von Dieje Anfängen her wächſt ſtufenweiſe 
Das Getragenwerden des Bildes durch feine 
Menjchen, fie gelangen dazu, den ganzen 
Vorgang in fic) zu konzentrieren. Die zer- 
jtreuten Gejtalten am Meere, die bloßen 
Staffagen der eriten Medeaentwürfe formen 
ſich zu der wunderbaren architeftonijden 
Kompojition des abjchliegenden Bildes in 











Stille vor dem Sturm. Gemälde von h. W. Mesdag. 
Nach einem Kobledruck von Braun, Clément & Cie. in Dornadh i. €., Paris und New York. 


Das Meer in der Volfjeele und in der Kunft. 


der Münchener Neuen Pinafothel; breiter, 
figurenreicher, ausfchließender wogt die fertig 
geitaltete Amazonenſchlacht, die Landichaft 
ordnet fic) ein, dad Meer wird zur leiferen, 
nicht ſchwächeren, mitflingenden Begleitung. 
Mit anderen Worten: e8 behält alle Stim- 
mungsiverte, die e8 gegeben hatte, auch noch 
jebt. Das Spiel: wie die ruhige Brandung 
mäßig beivegter See ihre dünnen, lebten 
Wafjerjchleier auf den Sand hinauszieht, 
den einen über den anderen, der jchon zu- 
rüdichlürft, in Harer Scheidung von Vo— 
lumen und Bewegung, und wie das Licht 
je nad) dem zarten Tiefenmefjer Diefer 
verrinnenden Gtreifen ihnen Die fondere 
Farbe gibt, das hat nie ein Künjtler mit 
jolcher Wahrheit innerhalb veredelnder Rein- 
heit feftgubalten vermocht, als wie e3 in 
der feinen Stilifierung des lebten Medea- 
bildes durch Feuerbach gejchehen ift. 

Und nun Bödlin! Hinauffchwellende 
Dithyramben nach ernitgedämpftem Kothurn- 
gang des edelften Schönen! 

Die Woge! Wie hat er fie gemalt. „Im 
Spiel der Wellen” — da verjinft weit, 
weit Dabinten das Land. Wir jelber tauchen 
und Schwimmen tief mit drin im branden- 
den Spiel, fommen nod) gar nicht zur Be- 
finnung umgufdjauen: nad der Meerfrau 
mit den weißen Gliedern und dem wunder—⸗ 
fam in tiefiten Qarben fchillernden Fiich- 
leib, nach dem erfchrodenen Erfchreder, dem 
hineingepatfchten Kentauren, der fi) vom 
bachantiihen Schmaus in die Waller ver- 
{tiegen zu haben fcheint, nach dem Matrojen- 
gejicht des Hoffnungsbiederen Meergreijeg, 
der die Situation erfaßt, dem fürchterlich 
gelungenen gräßliden Stachelfopf oder 
Ichließlich nach der frechfofetten Meeresdirne, 
die fic) im Hintergrunde wiegt. Die Woge 
hält uns in Atem; foeben erjt war der Wellen- 
berg da, breit und wallend, wie fie draußen 
im Meere find, größer und freier, als fie 
an der Küjte fich überfchlagen und hinüber- 
brechen im tofenden Sturz: ein ricjenhaftes 
Hinanwogen unter ung, das uns wehrlog- 
gelind emporträgt, nur mit dem leichten 
weißzüngelnden Kammſtreif uns das Ge- 
jiht iiberfpriiht, und wieder hinmegwallt, 
gleitet, binwegfinft, und im ausbebenden 
Wellental hinterläßt, bis e3 wiederfommen 
wird, bid wir wieder mit feiner Macht 
hinaufichweben werden und fchaufelnd ver- 
jinfen ... 


289 


Und wie ift diefes Wafjer als jolches ge- 
malt! Das ift der grüne oder alizarinblaue 
Leim der vielzuvielen Bilder nicht mehr; 
c3 wird zur Pein, noch an fie zu denfen. 
Das ift die See, ift Meerwaſſer von chemi- 
{der Evidenz: wie e3 den wohlgenährten 
Schedenleib des Kentauren in feine Durd)- 
fichtigteit hüllt, wie e3 auf der Fläche fazet- 
tiert mit den darüberhin noch treibenden 
Schaumfegen, wie es die Farben des 
Schuppenleibes im Waſſer badet und funfeln 
läßt! An diefem einen Bilde zerjtieben alle 
Theorien, daß e3 dem Künitler nie ge- 
fingen werde, dem Meere in feiner Ganz- 
beit gewachjen zu fein. 

Und wieder, zu welchen Kommentaren 
(ofen uns die übrigen realitätgemwaltigen 
Thantafien dieſes meeresmadtigen Wla- 
mannen! 

Das lachende Filchvergnügen des Ba- 
feler Bildes, wo gwijden Müttern und 
Schweitern die Najadenbabies über die 
Klippen faufen, fo fachgemäß, wie das 
Entenfüfen von ein paar Stunden ſchwimmt! 
Oder die Meeresjtillen mit ihrer zinnernen 
Ruhe im flüfjigen Clement, mit ihrer 
figürlichen Ausdeutung bald durch waffer- 
menschliche Todeseinjamfeit, bald durch felbjt- 
zufriedenste8 meermythologijched Gonntag3- 
vergnügen. Die in fteil abichießenden 
Klüften orgelnde Brandung der Berliner 
Galerie, mit der an hoher Harfe lehnenden, 
von feines Menfden Nahen je entdedten 
Meerfrau. Triton und Nereide der Schad- 
chen Galerie, wo unjer Obr den leiblichen 

on vernimmt, der aus dem Mujchelhorn 
des zottigen Meermannes jchwermütig und 
gewaltig, wie Töne aus ihr felber, Hinhallt 
über die Gee! Und die wunderbar ge- 
malten Biegungen und Hautmufter der 
treuberzig blidenden Meerjchlange, welcher 
die Seefrau mit den ſchlimmen Augen den 
Hals frault wie einer glatten guten Dogge! 

Unerjchöpflihes wäre noch zu fagen 
über dieſer Waffer Wellenbewegung und 
Horizontfernen, über ihr Quirlen und Rinnen 
über die Wlgenepidermis des Gejteins. 
Oder in anderen, mehr ufermäßigen Bil- 
dern über die Empfindungsbeziehung des 
Gegenjtandes zu dem Umber des Meeres, 
jet e8 in gypreffenernjten Toteninfeln oder 
in lichten, ſüdlich umbujdten Villen und 
normannenhaft troßigen Schlöſſern an der 
Gee. Uber vor allen Dingen immer und 








290 


immer wieder über die zugehörigen Halb- 
tiermenfdjen und Stimmungsperfonififationen 
der Gee. Genug gefproden hat man von 
Böcklins Humor, der ja breit und oft aud) 
derb vor Aller Augen liegt. Aber das 
willen Wenige: es ift noch ein zweiter Hu- 
mor darin, ein gefondertes Etwas ganz für 
fih, der ganz private Humor des Bödlin. 
Diefer an niemanden ausgefprodene und 
von niemandem zu erjagende zweite Humor, 
der ift leife und fcheu, wie in der „Klage 
der Hirten”; er ift von jener Art, Die, 
wennfdon fie von der heimlichen Sronie 
herfommt, dem innerjten Ergriffenfein viel 
näher fteht, alg dem lLuftigen oder dem 
brutalen Lachen. Bis fie am lebten Ende 
fid) in jene unjagbare Schmerzlichkeit löſt, 
die durch die fchönfte Faffung von „Triton 
und Nereide” geht, diejenige von 1875 in 
Berliner Privatbeſitz. Weiß und jchönheitd- 
bewußt, in ihres leichten Herzens badender 
Luft ftredt fich über die flutpolierten najjen 
Felſen das Weib und blickt ihren Tritonen — 
der richtiger eine Dreigeftalt ijt von See— 
elefant, Schwimmoogelfüßen und Meermann 
— aus Augen an, in denen die Ungeduld nad) 
















Wie gelber Bernſtein augte 

Der Vollmond auf das Land. 

Die Fliedergweige beugte 

Des Nahtwinds fchmeichelnde Hand. 


Für melandolifhe Seelen 
Blof durd) den Mondenfchein 
Aus zitternden Nachtigallfehlen 
Beraufchender Wohllautwein. 






Georg Bujfe-Palma: 


Sie fpraden, fhwärmten und glibten 
Und fchritten finnend und fad, 
Vlondlocfige Lieblingsblüten 

Der blauen, romantifhen Naht .. . 


Romantifde Nadıt. 


neuem beiwunderndem Staunen Harrt. Er 
aber blidt wie vergefjend Hinaus. Alles, 
was jemals durch die Seltfamfeit de3 Men⸗ 
ichenherzend gezogen ijt im Entrüdtjein 
zu höchſter uns hingegebener Schönheit, 
heimliche Trauer des fich erfüllenden Glids, 
bangende Erlöfungslofigfeit von ewiger 
Sehnſucht, das geht aus diejem Blid des 
Mannweſens, der weit von ihr hinweg 
und über fie binweg in die Fernen der 
fliehenden dunfelnden Waller zieht... 


* * 
* 


Bon allen großen Erjicheinungsbildern 
der Natur vermag feine darin dem Wajjer, 
dem Meere verglichen und genähert zu 
werden, wie e8 die Grenzen von Realismus 
und Phantafie wellend überrinnt. Wie es 
beide einzujchliegen vermag in eine gemein» 
jame Welt, in die allumfafjende Einheit der 
mit den Tagen wechjelnden Stimmungen 
über ftetiger und rubender Tiefe. Drum ijt 
es, feit nur gedichtet und gedacht worden 
ift, immer wieder das Meer, mit dem der 
Menjd das Wejen feiner Seele im Sinn- 
bild verglichen Hat. 





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HERA RON 

Queso) 
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—X BEE? 


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RMomantifche Nacht. 


Gif wirr die trunfenen Sinne 
Durchſchwaͤrmten Knaben die Nacht 
Und fpradhen von heimlicher Minne 
Und wie die Mädchen geladıt. 


Cie fpraden von allem Schönen: 
Geftirn, Gefträud und Gras, 
Wo dod) ihr fchmächtiged Sehnen 
Viel ſchoͤner war als das. 





Georg Buffe: Palma. 







we Sams Ce Sot Se eee N x 



















Der 


Ee junger deutjcher Künſtler hatte, em- 
pfohlen von Freunden, in der Nähe von 
ölorenz bei guten Leuten Wohnung ge- 
funden und lebte hier feinen Studien. Von 
feinen genjtern aus Hatte er einen Blid 
auf die fanfte, Schön geſchwungene Hiigelfette, 
die fic) am moeitlichen Horizont Hinzog; an 
Haren, windjtillen Tagen vernahm er mit- 
unter das Läuten der Gloden vom Came 
panile, von Canta Maria Novella und den 
anderen Kirchen der Stadt; eine furze 
Wanderung führte ihn auf Anhöhen, von 
denen er auf das lieblid) im Tal gebettete 
Florenz Schauen fonnte, um fein Auge an 
der Kuppel de3 Domes zu erquiden, die, 
überall gleich unſäglich ſchön, fich in Kraft 
und Anmut wie ein Traumbild über das 
Gewirr der Stadt erhob. 

Seine Wirte waren dem Anſchein nad) 
wohlhabende Leute, die eine nicht eben Heine 
Befigung Hatten, in der ſowohl der Haus- 
herr wie die Frau mit einigen Leuten eifrig 
tätig waren. Zwei fchöne, fraftige Kinder 
in unjdulbigem Alter belebten das Haus, 
ohne zu ftören. Der Maler fah fic) immer 
mit Freundlichkeit behandelt, fonnte aber 
feinen Tag volllommen einteilen, wie e3 
ihm paßte, und feine wenigen Wünfche 
wurden mit viel Cntgegenfommen erfüllt. 

So faß er denn jtundenlang Hinter 
feiner Leinwand, träumte in den unbefchreib- 
liden Sonnenglanz hinaus, der fid) warm- 
dunftig über die Höhen und die mit tiefen 
Schatten gefüllten Täler legte, und ftrebte 
mit einem Gefühl der Gebnjudt, das in 
diefem unvergleichlichen Lande nicht zur 
Ruhe kommen wollte, aus fich heraus zu 
ſtellen, was er innen al3 Schönheit em- 
pfand. Wn anderen Tagen wanderte er auch 
wohl auf den fteingefaßten Straßen unter 
den graufchimmernden Dlivenbäumen nad 
Florenz Hin, trat aus der warmen Sonne 
in die kühle Dunkelheit der Kirchen und 
jtand oft lange vor den alten, jeltjam 
jtillen Fresken, die ein immer ftärferes 


HY 
ZIEL SE 
Sfeinmesg. 


Novelle von 
A. v. Huerswald. 






(Ubdrud verboten.) 


Leben für ihn gewannen. Nach folchen 
Ausflügen fand er fich oft tagelang nicht zu 
feiner eigenen Arbeit zurüd und durchitreifte 
dann wohl, von innerer Unruhe getrieben, 
das ftreng Tiebliche Land in der Nähe, oder 
er fchaute der Arbeit feiner Hauswirte zu, 
lieB fic) ihm fremde Dinge von ihnen er- 
Hären und freute fic) beſonders an der 
lebhaften Kräftigkeit des Mannes, der ihm 
gern und mit der liebenswürdigen Rindlid- 
feit des Ytalieners Beſcheid gab. 

Baltiani mochte ein Mann in der Mitte 
der Vierziger fein. Er Hatte jehr volles, 
nod ganz dunkles Haar, das dicht und fraus 
die gerade, breite Ctirn umgab. Unter 
bujdigen Brauen fahen lebhafte Augen mit 
flugem, energifchem Bligen hervor. Das 
Geſicht war tief gebräunt von der fteten 
Arbeit draußen im Sonnenbrand, feine Ge- 
ftalt für einen Ytaliener ungewöhnlich groß 
und kräftig entwidelt. Der Maler gewann 
bald Freude an der Unterhaltung mit ihm, 
und er ftaunte oft über feine nicht gemeine 
Urt zu denfen und fi) auszudrüden. 

In der Umgegend hieß Baftiani allge- 
mein „der Steinmeg”. Wirklich befaß er 
in der Nähe bes Haufes eine Art Schuppen 
mit hellem, gutem Licht, der mit allerlei 
Steingerümpel angefüllt war, in dem er in 
feinen wenigen Mußeftunden zuweilen han- 
tierte. 

Sn einer müßigen Beit, die ihm feine 
Arbeitsftunden brachte, lockte den Maler 
einmal der Flingende Schlag von gegen 
Stein geführtem Metall nach dem Schuppen 
hin, den er bisher noch nie betreten Hatte. 
Die Tür war nur angelehnt, und als er 
fie öffnete, jah er feinen Hauswirt, in einen 
leinenen Sittel gehüllt, eifrig mit einer 
großen Steinplatte befchäftigt, auf der er 
mit unleugbarjten Geſchick ein zierliches 
Rankengewebe Herausarbeitete. Als der 
Maler ihn anrief, ſchaute er freundlich auf 
und lud ihn ein, näherzutreten. 

„Es ift eine alte Runftfertigfeit, die ich 


292 


übe,“ erklärte er ihm bereitwillig, „ich gab 
fie erjt auf, al8 ich dieje Beſitzung erftand. 
Aber hie und da macht fie mir noch immer 
Freude, und diesmal gilt e3, für das Grab 
eine guten Bekannten den Angehörigen cine 
Platte zu liefern.“ 

Der Maler bewunderte gebührend Die 
Arbeit, die von jener Bierlichfeit und Uber- 
windung des Stofflidjen war, die der mo- 
derne Staliener fo liebt, und meinte dazu, 
Baftiani miiffe in feiner Kunjt ein Meijter 
gcivejen fein. Dann begann er in dem 
Raum, in dem alles ziemlich unordentlich 
lag und ftand, herumzuftöbern, und ergüßte 
jid) an manchem tounderliden, vergeffenen 
Ding, das er dabei fand, jo an einem 
alten Heiligenbild von eigentlich grotesfer 
Häplichkeit, das doch eine gewiſſe plumpe 
Kunftübung nicht verfennen ließ. 

Plötzlich jedoch ftieß er einen halben 
Laut aus, den er, fobald er ihm entfahren 
war, gern wieder hätte zurüdholen mögen, 
und mit einem faft erfchrodenen Blick be- 
fragte er den Steinmetz, ob er ihn ver- 
nommen hätte. Der hielt indes den Kopf 
auf feine Arbeit gejenft, und in kurzen 
Pauſen ertinte immer wieder der Helle, 
Iharfe Klang feines Meißels. 

Go trat der Maler denn dichter an 
feinen Fund, der ihm den Ruf der Uber- 
rafhung entlodt hatte, heran und bemühte 
fih, in feinen Bügen nichts von feinem 
Erſtaunen und Entzüden zu verraten. Sein 
erfter Blid Hatte ihn nicht getäufcht. Was 
er hier vor fid) fab, war ein Meifterwert 
eriten Ranges, eine köſtliche Arbeit aus 
jener wunderbaren Zeit der Frührenaifjance, 
mit Der berben, unfaßbaren LXieblichkeit und 
Lebendigkeit, die allein den Künstlern jener 
Beit eigen war. Es war cin geradezu 
unbezahlbares Stüd, das er hier durch Zu- 
fall in dem Arbeitsraum des einfachen 
Steinmegen entdedt hatte. In einer forg- 
fältig angebrachten und hübſch verzierten 
Niſche ftand ein feiner, zierlicher Kinderkopf, 
aus gelblihem Marmor gearbeitet, von 
Alter und Schmuß fajt gebräunt, fonjt aber 
völlig unverfchrt, von einer feden Lebhaftig- 
feit und dabei verhaltenen Anmut, vorlauten 
Ubermut und Leifer Mädchenſcheu, mit dem 
Ausdrud Hellen in den Tag Hincinlebens, 
und um Stirn und Augen doch Züge fait 
von finnender Traurigkeit, Die in Ddiejer 
Miſchung ebenjo bewegend wie einzigartig 


%. v. Auerswald: 


wirkten. Dabei war. die Arbeit von einer 
wirklich unfaßbaren Zartheit und Reinheit, 
wie ein leiſes Pulfen von Leben ging e3 
durch dies entzückend befeelte Stüd. 

Nachdem der Maler es eine Zeitlang 
regungslos betrachtet hatte, fragte er mit 
möglichft gleichgültiger Stimme: „Sagen 
Sie, Baftiani, woher haben Sie dies Kleine 
Ding hier? E3 gefällt mir, ich würde es 
gerne haben.“ 

Der Staliener hatte fdjon einmal mit 
einem gewifjen Licht in den Augen nad) 
ihm Hingejchaut, jegt ging ein Lächeln über 
jeine Züge, das voll von gutmütigem 
Spott war. 

„sa, jchauen Sie e8 fich nur recht an,“ 
jagte er und Icgte, ſich aufredend, den 
Meißel Hin, „und bewundern Sie es getroft 
ein wenig lauter. Ich weiß genau, Lieber 
Herr, was ih an dem Stüd habe.“ 

Der Maler errötete nun, und dann 
brad) er in ein Lachen aus. Crit jebt fiel 
ihm ein, wie er, faft injtinktiv und durch 
die Art des Kaufs wertvoller alter Gadhen, 
die Hier im Schwange war, verführt, den 
Mann um den Wert jeines Beſitzes hatte 
bringen wollen. 

„Kun hören Sie, Baftiani,” rief er 
aus. „Sie verjtehen es, einen irrezuführen. 
Wie können Sie nur, wenn Sie den Wert 
Diejes unausjprechlich fchönen Kopfes fennen, 
ihn für fic) behalten? Treibt e3 Sie nidjt 
jelbjt, ihm eine wiirdige Stellung zu geben? 
Lodt e3 Sie nicht, ihn etwa im Bargello 
neben Donatello’ Arbeiten zu fehen? Und 
denken Sie gar nicht daran, welde Summen 
man Shnen dafür geben wiirde? Cie 
fönnten Ihren Beſitz um das Dreifade da- 
mit vergrößern, glauben Sie es mir. Laffen 
Sie mir freie Hand, und id) will alles für 
Sie beforgen.” 

Der Staliener war näher getreten und 
jah auf den Kopf, auf den jegt ein fchräger 
Lichtitrahl durd) die Tür fiel, der ihm ein 
wunderbares Leben verlieh. 

„Warum denn alles in den Mufeen ?“ 
fragte er ruhig. „Laſſen Sie aud) dem 
einzelnen die Freude, etwas Schönes zu be- 
ſitzen.“ 

Und als der Maler etwas erwidern 
wollte, machte er eine der unnachahmlich 
ausdrudsvollen und fchnellen Gebärden des 
Italieners und jchnitt ifm das Wort ab. 

„Den Kopf gebe ich nicht Her,“ fagte 


Der Stetnmeg. 


er. „Das ift fiher. Ym übrigen, wer jagt 
Ihnen auc, daß er den Wert befigt, den 
Sie ihm gufpreden? Cs fann ebenfogut eine 
neuere Arbeit fein.” 

Der Maler jah ihn erft einen Augen- 
blid wie erjtaunt an und brad) dann in ein 
helles Gelächter aus. 

„Baltiani, haben Sie Augen?” rief er 
nun eifrig. „Bliden Sie her, fehen Sie 
dieje zarten Rundungen, diefe unnahahmlich 
anfteigende Stirn, die gewölbten Wugen- 
brauen, den Anja der Naſe, das Finn. 
Ich will nicht von der Arbeit reden, nicht 
von der Seele, die fid) unmittelbar unter 
Dent Marmor zu regen jcheint, aber zeigen 
Sie einen ähnlichen Gefichtstyp unter den 
Menfchen, die jest leben. Sie finden ihn 
nicht, er war eben nur jener Beit eigen.“ 

Der Staliener hatte ihm mit Aufmerf- 
jamfeit zugehört. Jetzt ftieß er die Tür zu 
dem Schuppen auf, daß da3 volle weiße, 
heiße Tageslicht Hineinftrömte und rief mit 
ftarfer Stimme: ,@iovanni! Giovanni!” 

Schon nach wenigen Augenbliden fprang 
jein brauner, frdftiger Rnabe herbei. Mit 
einer Liebfofenden Bewegung zog er ihn in 
den Raum, Strich durch fein dichtes, brauncs 
Haar und lehnte feinen Kopf zurüd, was 
das Kind fic) ohne zu fragen gefallen Lief, 
mit einem weichen, ſchelmiſchen Gefunfel in 
den Augen. Bajtiani wandte fid) dem 
Maler zu. 

„Sie find ein Künftfer, Herr,” fagte er, 
„nun Schauen Sie bin, Sie werden bas 
jehen, was ich Ihnen zeige. Sehen Sie dicfe 
Stirn mit dem liebli leichten Schwung, 
fehen Sie das magere, kräftige Geſicht und 
den Bau der Badenknodjen, die Naſe, wie 
jie fed und lebhaft angejegt ift, den Mund, 
der etwas Lieblides in den bubenhaften 
Kopf bringt, das leicht zurückweichende Kinn. 
Denken Sie fic) das alles mit vollem Rea- 
lismu3 ohne Beſchönigung dargeftellt, aber 
etwa mit dem Wusdrud, den der Schelm 
jest hat, und dann gehen Sie und ftellen 
e3 neben die Köpfe im Bargello und cs 
wird ihnen gleichen.” 

Er ließ den Knaben [08 und jagte „Lauf“, 
was der mit einem jilbernen Zachen in großer 
Geſchwindigkeit befolgte. 

Der Maler war den andeutenden Be- 
wegungen der braunen, fraftigen Hand 
mit fichtlidem Staunen und großem Ynter- 


eſſe gefolgt. 


293 


„Sie haben aud) Riinjtlerblut in fich, 
Bajtiani,” jagte er jebt anerfennend. „Die 
Gache ift nur eben die, daß heute feiner 
mehr jo fehen und feiner mehr fo darjtellen 
fann.” 

Baftiani zudte die Achſeln und fahte 
nah dem Marmorköpfchen. 

„Hier hat e3 doch einer gekonnt, hier 
jteht’s dod) da und fpridjt dafür, daß es 
nod) geht.“ 

„Ernftlih, was hat es mit der Arbeit 
für eine Bewandtnis?“ fragte der Maler 
nun neugierig. „Wiffen Sie näheres über 
den Heinen Kopf? Kennen Sie den Künftler 
oder haben Sie fic) nur anf eigene Hand 
Ihre Wnfdjauungen darüber gebildet?“ 

Baftiani lachte. 

„sch fenne den Künjtler, Herr,” ant- 
wortete er. „Er fteht vor Ihnen. Ya, ich 
bin e3. Mit meinen eigenen Händen hab’ 
ich dies Köpfchen gearbeitet, jeden Zug, jede 
Linie, alles nad der Natur, nach der lieb— 
lidjten Natur, die Sie fid) denfen können, 
gegen die dics Stümperei ift. Daher weiß 
id) die Dinge.” 

Mit großer Betroffenheit fchaute der 
Maler ihn an, Augenblide Hindurch nod) 
im unklaren darüber, ob jener fcherze oder 
ob er vielleicht an einer geijtigen Störung 
litte, die fic) in Diejer fonderbaren Weile 
äußerte und mit dem Namen „der Stein- 
meg” in einiger Verbindung ftehen mochte. 
Allein wie er in das nachdenklich heitcre 
Geſicht des Mannes fchaute, da8 in jeden 
Zug gefaßte Klarheit und Klugheit verrict, 
verwarf er dieſen Gedanken fogleid) und 
jab, daß er hier vor irgend etwas Ratiel- 
haften ftand. Mit Vorſicht fagte er des— 
halb: „Sie feben mich in Erjtaunen, Ba- 
ftiani. Nicht allein die Arbeit, fondern aud 
das Außere des Kopfes, der ganze Buftand 
des Marmors verraten ein hohes Alter. Wie 
jol id) da einen Zujammenhang finden ?“ 

Und er blidte feinem Wirt mit un- 
gläubigem Lächeln in die Augen. Der 
ſchmunzelte vor fic) hin in einem wunder— 
lien Gemijd) von Humor und leichter Ver- 
wirrung. 

„Das würde eine lange Gefdidte, wenn 
id) Ihnen dies alles erflaren wollte, Lieber 
Herr,“ fagte er nun behaglid. ,Glauben 
Sie mir nur, id) ſchwindle Ihnen nichts 
vor, und ſchämen Sie fich nicht, daß Sie mit 
der Arbeit hier fich jo haben täuschen laſſen. 


294 


Gelehrteren Herren und aud) größeren 
Künſtlern, weltberühmten Riinjtlern, ijt es 
mit einer andern Arbeit von mir ebenjo er- 
gangen. Yd) Habe früher mancherlei jolche 
Dinge gemacht.“ 

„Nun, weiß Gott,” rief der Malcr jest 
mit hohem Crnft, „wenn das wahr ift, 
Baftiani, was Sie jagen, dann ftehe id 
vor dem größten Riinjtler, den ich noch im 
Leben getroffen Habe. Darum laſſe ich aber 
aud) nicht ab, bis Sie mir mehr von fid) 
erzählen. Ihre ganze Gefdidte. Warum 
arbeiten Sie nicht Tag und Naht? Warum 
ftreben Sie niht dem Hoidften zu? Warum 
verzetteln Sie $hre Kraft mit diejen Steinmek- 
ipielereien? Wahrhaftig, ich gäbe etwas dar- 
um, wenn Sie mir alles erzählen wollten.“ 

„Und ich babe feinen Grund, es zu ver- 
ſchweigen, wenn auch mancherlei Wunder- 
fiche8 dabei zutage kommen mag,” fagte 
Baltiani. „Wenn e3 Sie wirklid) inter- 
ejftert, befter Herr, erzähle ich Ihnen gelegent- 


lid) all die Gachen, wie fie zufammenhängen 


und wie fie fich gefügt haben.“ 

„Nicht gelegentlich,“ rief der Maler, 
„jondern am beiten gleih und Hier.“ 

Der Steinme lächelte über fein Un- 
gejtiim. 

„Das wird fid) nicht machen Iaffen,” 
meinte er gutmiitig. , Der Stein bier foll 
zu einem bejtimmten Tage fertig werden, 
morgen habe ic) auf dem Land cine Arbeit 
zu leiten, da muß ich Schon heute noch fchaffen. 
Zwei Stunden werden es etwa noc) fein 
bis zum Abendeſſen. Danach aber habe id) 
Beit. Sehen Gie fih dann zu mir vor 
das Haus, dann jollen Sie alles hören, 
was Sie interefliert.“ 

Der Maler dankte ihm und ließ ihn 
allein. ALS er Hinausfchritt, folgte ihm 
luftig und fchnell der Klang des Meipel- 
ichlages, der ihn in den Schuppen gelodt 
hatte. Er ſah das milde Land in dem 
abendlichen Feuer der Sonne liegen und 
verbrachte die Stunden, die ihn von der Er- 
zählung feines Wirtes trennten, in einer 
unbejchreiblichen Erwartung und Erregung 
und zugleih in einer tiefen Unruhe, wie fie 
ihn immer erfüllte, wenn er mit Werfen 
einer großen und vollfommenen Kunſt in 
Berührung getreten war. Endlich jank die 
Sonne vollends Hinter den Hügeln, die 
tiefblau und violelt an dem flaren, gelb» 
lichen Himmel ftanden; furge Beit hindurd 


U. dv. Auerswald: 


lag nod) ein vötliher Schimmer auf der 
Ebene, durch die fih das Silberband des 
Arno Hindurdhichlängelte, dann legte fid 
Dämmerung über alle die Farben, und die 
erjten Sterne traten mit ſchwachem Bligen 
hervor. 

Als fid) der Maler und der Steinmeß 
vor der Haustür trafen, war es {don völlig 
dunfel, nur aus den Fenftern des Haufes 
fiel ein Lichtfchein auf die Straße, und von 
innen hörte man die Stimmen der Frauen 
und bin und wieder ein Laden der Kinder, 
die zu Bett gebracht wurden. Der Haus- 
wirt hatte einen Fiasko mit Wein und zwei 
Gläſer herausbringen laſſen. Er lud den 
Maler ein, fich zu feßen, fchenfte ihm ein 
und fagte dann: 

„sh muß mit meiner Erzählung bis 
in meine Kindheit zurüdgehen. Wird Ihnen 
da3 aud) nicht zu lang werden, lieber 
Herr?“ 

„Nein,” erwiderte der Maler, „ich habe 
eine rechte Sehnsucht, alles zu hören, was 
Sie nur irgend zu erzählen haben.“ 

„Mnd mir jelbjt ijt es heute wunderlid) 
gegangen, als Gie fort waren,“ fagte der 
Steinmeh. „Da Hat die alte Beit mir 
feine Rube mehr gelajjen. Bild auf Bild 
ijt mir bei meiner Arbeit wieder aufgetaucht, 
jo daß ich mich ordentlich freute, davon am 
Abend fpredjen zu dürfen.“ 

„Dann fangen Sie nur an,“ fagte der 
Maler, lehnte fid) in feinen Stuhl zurüd 
und atmete die Linde, ftille Nachtluft ein. 

„Die Leute nennen mich hier den Stein- 
meg,” begann der Sstaliener. „Ich habe 
aud) wirklich in meiner Jugend eine Lehr- 
zeit Durdgemadt. Mein Vater war ein 
vom Leben mürber, in tiefer Armut leben- 
der Mann. Er hatte droben in Fiefole in 
einem zerfallenen Haus eine Heine Wohnung 
gemietet und ging Tag für Tag in die 
Steinbrüche arbeiten, meijt nach dem Monte 
Ceceri, dejien Kreuz Sie am Tage hier von 
der Anhöhe fehen können. Für uns Kinder 
war feine Ausjicht, daß uns das Los je 
beffer fallen follte. Wir machten Stroh- 
fledjtereien, liefen barfuß in den Straßen 
herum und bettelten jeden Fremden an, der 
ſich zeigte. : 

Mich als den Alteften nahm mein Vater 
frühzeitig zur Arbeit mit, indes anftatt ihm 
Handreihungen zu machen, flopfte und 
pochte id) an den Steinen herum und fuchte 


Der Steinmep. 


ihnen Formen zu geben, wie fie mir im 
Ginn lagen. Das brachte meinen Vater 
auf den Gedanfen, mich bei einem Gtein- 
me in Die Lehre zu geben. Mit feinen 
beweglichen Bitten bewog er einen ehrlichen 
Mann, mich unentgeltlich zu fic) zu nehmen, 
und ich glaubte mich durch diefen Wechjel 
im fiebenten Himmel. Mein Vater ward 
bald darauf in den Steinbriiden von herab- 
{tiirgendem Gerd erfdlagen, meine Ge- 
ſchwiſter verteilten fic) in alle Welt. Ich 
war bei meinem Meijter fleißig und auf- 
mertjam und jah ihm bald feine Hantierung 
ab. Schließlich fam e3 fo weit, daß jede 
‚ zierlichere Arbeit meinen Händen übergeben 
‘wurde und daß ich einen gewiffen Ruf 
wegen meiner Gejchicdlichfeit gewann. 

Die Sehnfucht, die feit langem in mir 
brannte, war aber damit nicht befriedigt. 
Ich hatte die Marmorgräber in der Kirche 
von giefole gejehen, die Anmut der Ma- 
Douna, der zierliche Crnft des Chrijtusfindes 
hatten mein Auge beraufht, ic) war in 
Florenz gemwejen, im Bargello, in den Mire 
den, meine Hände faßten wie von jelbft 
nad Ton und bildeten und formten menjch- 
liche Gejtalten, menschliche Gefichter, wann 
jie nur Muße hatten. 

Das fah ein deuticher Bildhauer, der 
damal3 oben wobhnte,. und er Hatte Er- 
barmen mit mir, freili nur ein halbes 
Grbarmen. Er löfte mein Verhältnis mit 
meinem Meifter, nahm mich zu fich als 
Gebilfen und gab mir Unterridt. Als e3 
eben jo weit war, daß ic) für den Stein- 
mes zu viel, für den Bildhauer noch nicht 
genug fonnte, padte er ein und reifte nach 
Haufe. Mich ließ er Stehen. 

Es fiimmerte mid) damal3 wenig, mir 
ſchien, ich hätte eine fo ungemeffene Kraft 
und ein fo ungemefjenes Vermögen in mir, 
daß e3 mir nicht fehlen finne. Ich fing 
an zu arbeiten, wie ein Toller, Modell um 
Modell, die wenigiten befriedigten mich, die 
meilten zerichlug ich wieder. Endlich nahm 
id) einen ungen vor, deffen Kopf mir ge- 
fiel, und e3 gelang. Zum erjtenmal war id) 
zufriedengejtellt. 

Nun träumte id) davon, die Arbeit in 
Marmor auszuführen. ch bejaß ein paar 
Erjparnijje, die raffte ich zufammen; ich 
hungerte und darbte, lebte wochenlang von 
Brot, Wafer und Zwiebeln, um ein ſchönes 
Stiid Marmor faufen zu können. Und dann 


295 


begann ich die Arbeit mit einer Andacht, 
die der gleich war, mit der man zu Ojtern 
betet. 

Als fie fertig war, war ich vor Hunger 
und Uberanftrengung völliger Erjchöpfung 
nahe, aber mir jchien damals, ich Hätte ein 
Meiſterwerk gejchaffen, und es könne mir 
an Ruhm und Geld nicht fehlen. So war 
ih unbefiimmert und jchleppte mic) nad 
Florenz, um einen Käufer zu finden. Über 
das Elend, das ich da erlebte, ijt es bejjer 
jtil zu fein. Millionen werden für alte 
Kunſtwerke geopfert, für einen jungen Riinft- 
ler, der noch feinen Namen bat, find indes 
nicht einmal 100 Lire aufzutreiben.“ 

Der Maler nidte Tebhaft. 

„Es ift immer dadsjelbe,” fagte er eifrig. 
„sh fann mir fo gut denken, was Sie 
durchgemacht haben. Ym beiten Fall ent- 
icheidet dann einmal ein glüdlicher Zufall.“ 

„Auch bei mir entjchied ein Zufall,“ er- 
widerte Bajtiani. „Und damit beginnt der 
bedenflide Teil meiner Gefchichte, den ich 
nur jo viel bejchönigen will, als er e8 ver- 
dient, bejchönigt zu werden.“ 

„Erzählen Sie nur alles,” rief der 
Maler, „ich denfe, e8 fol mir nit an 
Berjtändnis, ganz gewiß aber nicht an In— 
tereffe fehlen.“ 

„Als mir jeder Verjud) fehlgeichlagen 
war,” fuhr Baftiani fort, ,fam ich end- 
lid) fo weit, meine Wrbeit in völliger 
Verzweiflung einem Kunfthändler zu über- 
laffen, der alte und neue Gachen vertrieb 
und dem id) die Erlaubnis gab, fie um 
jeden Preis loszuſchlagen. Wochenlang 
blieb ich ohne Machridt. Wenn ih nad 
unten in die Straße jchlih, wo der Mann 
wohnte, jah ich das weiße Köpfchen, das 
mir nod) immer lieblich diinfte, unter all 
den andern Sachen hervorblinfen und mußte 
fo, daß ſich noch fein Käufer dafür Hatte 
finden wollen. Sch war jchließlich in foviel 
Schulden und Not geraten, daß mir mit dem 
wenigiten gedient gewejen wäre. In voller 
Ratlojigkeit überlegte ich mir fchon, wieder 
alg Geſelle bei einem Steinmeb einzutreten 
und mir alle Künftlerträume aus dem Kopf 
zu fdjlagen. Und dod) dachte id) Tag und 
Naht an nichts anderes, ald daran, neue 
Arbeiten in Marmor auszuführen, all die 
Schönheit, die auf Schritt und Tritt er- 
blidte, fejtgubalten, zu einer Welt zu ver- 
ſteinen.“ 


296 


Der Maler jeufzte. 

nasa, Ste werden verjtehen finnen, was 
bas Heißt,“ rief der Staliener, „diejer 
Hunger nach der Arbeit, die man liebt. 

Eines Tages liege ich auf meinem Bett, 
ftarre zur Dede empor und habe feine Ge- 
danken mehr vor Schmerz und Verzweiflung, 
da Hopft e3 an die Tür. Auf meinen 
Ruf tritt ein ältlicher, ziemlich beleibter 
Herr Herein, der die Tür forgfältig Hinter 
ih ſchließtt und mit leiſer, gebaltener 
Stimme erklärt, er fei bereit, meinen Kleinen 
Kopf, den er bei dem Althändler gejehen 
hätte, zu erwerben. 

Der Jubel muß ihm aus meinen Augen 
entgegengejprungen fein, denn er lächelte 
auf eine feine Weife und jagte, er müfle 
jedoch eine Bedingung daran fniipfen, fonft 
habe die Sade für ihn feinen Wert. Er 
bäte mich, meinen Namen, den id) an der 
Seite eingemeißelt Hätte, zu entfernen und 
über meine ferneren Arbeiten gegen Dritte 
nicht zu Sprechen. Ginge id) darauf ein, 
jo würde er, das könne er fo gut wie ficher 
verjprechen, aud) ein Abnehmer für meine 
fünftigen Arbeiten fein. 

Yh jtand verdugt und fragte jchließlich, 
was er zu geben gedddte. Er nannte eine 
Summe, die mir unverhältnismäßig bod 
erihien. Nach einigem Zaudern willigte id 
in feine Bedingungen ein. Das Geheim- 
nispvolle daran ging mid ja ſchließlich 
nidts an, mochte er Nebenzivede damit 
Haben, ich wußte nicht® davon, mir brachte 
er Arbeit und Leben. Noch heute laſſe ich 
auf den Mann nichts kommen. An mir 
hat er immer redlid, ja, ich fann wohl 
jagen durchaus ehrenhaft gehandelt. Was 
wäre id) denn Heute ohne ihn? Gewiß 
ein zerriffener, unfriedliher Mann, der 
vielleicht jchon irgend wann in einem Bee 
rufe, der ihn nicht befriedigte, zugrunde ge- 
gangen wäre.“ 

„Und dod üben Sie heute dicjen Be- 
ruf mit Vergnügen aus, Baftiani,” warf 
der Maler ein. 

Der Ftaliener lächelte. 

„Ih bin ein alter Mann geworden, 
Herr,” erwiderte er, „der fein Stedenpferd 
hat, feine Stedenpferde liebt man immer. 

Kurz und gut, jener Mann und id) — 
feinen Namen nenne id) beffer nicht — 
waren handelseind geworden, und ich fah 
mich im Beſitz einer genügenden Geld- 


A. v. Auerswald: 


menge, um mir nad) Wunfch Material zur 
Arbeit zu beforgen. Mehr als das, ich hatte 
die Ausficht, für das, was ich fchaffte, jeder- 
zeit einen verjtändnispollen Abnehmer zu 
finden. Denn Berftändnis befaß er, wenige 
Bemerfungen Iodten mid) auf die Spur von 
lange Geſuchtem, Tadel und Lob bradte 
er immer an rechter Stelle, und für meine 
ganze Cntwidlung war e3 günftig, daß id) 
für jemanden arbeiten mußte, deffen mohl- 
berechtigte Anſprüche es zu befriedigen galt. 

Sreilih, allgemein befannt zu werden, 
einen Namen zu erlangen, darauf hatte ich 
verzichtet. Merkwürdigerweife machte es 
mir nicht viel. Mein Bublifum war mein 
Auftraggeber, und ich fuchte, das Beſte zu 
geben, was irgend in meiner Macht lag, 
um feine Arbeit hinauszuſchicken, die nicht 
den Stempel des in fic) Vollfommenen 
trug. Darauf ging jet mein Bemühen, 
mein ganzer Ehrgeiz, Cin anderes fam 
nod) Hinzu, das für unjern Vertrag günftig 
war, ja ihn vielleicht erft ermöglichte. Wir 
hatten diejelbe Gejchmadsrichtung. Er ver- 
langte nie eine Arbeit von mir, die nicht 
in meiner Sphäre lag, und meine Stärfe 
waren nun einmal diefe Porträtföpfe, wie 
Sie heute einen in meinem Schuppen ge- 
jehen haben. Hier wußte ich Modelle zu 
finden, die feinem andern aufgefallen wären. 
Seinheit des Knochenbaus, ein gemwiljer 
Eigenfinn der Bildung, Schelmerei mit 
leijer Schwermut gemiſcht, das 309 mid) 
an, das feffelte mein Auge, das trieb wie 
von felbjt meine Hand zum Bilden. 

Es verleugnete fid) nicht, daß ich meine 
ersten KRunfteindrüde duch Mino da Fir- 
fole, durch Roffelli, durch Benedetto da 
Majana empfangen hatte. Aber glauben 
Sie mir, Herr, id) dachte nicht daran, jene 
Meilter nachzuahmen, ich war ihnen eben 
verwandt, id) ſchuf in ihrem Geijte.“ 

Der Maler nidte nur. 

„Dabei war ich felbft ein großer, un- 
qejdladjter Menſch,“ fuhr der Italiener 
fort, „und meine groben Hände erjichienen 
viel zu plump für die zierlichen Arbeiten, 
die unter ihnen Hervorgingen. So hatte 
id) e8 Denn zu einem regelmäßigen, faft 
bedeutenden Einkommen gebradt, zu einer 
Eriftenz, die in ihrem engen reife voll 
von Eifer, Anregung und Arbeit war. 

Bon den andern Menjden, die mid) 
einfach den Steinmegen nannten, Tebte id) 


Der Steinmesg. 


ziemlich abgefondert. Über die, denen ich 
meiner Geburt nach zugehörig war, mar 
id emporgewachien, von den andern unter- 
Ichied id) mich dod) in taufend Dingen, vor 
allem Ddurd) meinen Mangel an Wiſſen. 
Indes vermißte ich fie nicht. In meiner 
Natur lag wohl ein Hang zur Cinjamfeit, 
ich ftreifte viel herum und freute mich im 
übrigen findlich, mit der Freude deſſen, der 
bittere Armut fennen gelernt hatte, an dem 
Anwachſen meines Befiges. 

Da gejdah e3 auf einer meiner Wan- 
derungen, die mich bid nad) Careggi ge- 
führt Hatte, daß ich dort auf der Straße 
ein junges Mädchen jah, eben dem Rindes- 
alter entwachſen, mit jenen etwas hohen, 
ſtolzen Augenbrauen, den zierlich ftillen 
Zügen, dem Traumfinnen auf der Stirn, 
dem rätjelhaft Anziehenden und Abmwehren- 
den, was ich bei Kindern hie und da in 
einzelnen Zügen, nie in diejer Vollfommen- 
heit getroffen hatte. Ich war wie erftarrt. 
Mein einziger Gedanke war: ‚Wenn ich das 
bilden dürfte, es würde ein Runftwerf, wert, 
dag eine Welt e3 beitaunt.‘ 

sch folgte dem Mädchen und jah fie 
in ein ſchönes Haus gehen, das den reichen 
Befiger verriet. Davor ftand ich nun und 
wußte nicht, was ich beginnen follte. Schließ- 
lid) fammelte ich mich foweit, daß ich Er- 
fundigungen einzog. Ich erfuhr, daß das 
Haus einem reichen Florentiner Bürger ge- 
hörte, der hier feinen Sommerjit hatte. 
Daß er Witwer ware, feine Tochter, fech- 
zehnjährig, eben aus einem Penſionat in 
der Schweiz heimgefehrt fei, daß fein ein- 
ziger Sohn im Ausland ftudierte. Gm 
übrigen verjicherte man mir, die Leute lebten 
durchaus zurüdgezogen, und e3 fei beinahe 
unmöglich, Zutritt bei ihnen zu gewinnen. 

Dap e3 für mid) unmöglich fein würde, 
hatte ich gar nicht bezmeifelt, aber der 
Gedanke an das fönigliche Rind, wie id 
Das fremde Mädchen nannte, wollte mid 
nidt mehr verlaſſen. Ich verjudte zu 
Hauje, Diefe unnachahmliche, heiter ſchwer— 
mütige Unmut zu gejtalten. Es mißlang 
natürlich, die Erinnerung verjagte bei jedem 
feineren, individuellen Zug, jo daß ich ganz 
verzmeiflungsvolle Wochen verbrachte. 

Wie e3 mir fchließlih auf Umwegen, 
durch die alte Haushälterin, deren Herz ich 
gewann, gelang, meinen Wunſch zu erreichen, 
ijt zu umftandlid, als daß ich Yhnen das 

Velhagen & Klaſings Monatsheite. 


XIX. Jahrg. 1904/1905. TI. Bd. 


297 


weitläufig erzählen follte.e Genug, eine 
adtwidige Reife, die der Vater Julias 
unternahm, bradjte mich an mein Biel. Sch 
ftand eines Tages mit meinem Arbeitögerät 
in einem hohen, Hellen Raum, und vor mir 
laß die junge Bürgerstodhter al3 mein Mo- 
dell und betrachtete mid) mitunter findlid 
neugierig. Die Heimlichfeit, mit der alles 
vor fic) gehen mußte, der Gedanke, von 
einem Siinftler als darſtellungswürdig be- 
trachtet zu werden, machte diefem Halben 
Rinde entidieden ein großes Vergnügen. 

ch aber ftaunte immer mehr über die Fülle 
liebliher Einzelheiten, die diefem Köpfchen 
einen fo unbefchreiblichen Zauber verliehen. 
Ich fagte mir, daß wenn Seele und Hand 
fein genug wären, died alles unverhüllt 
wiederzugeben, etwas unausſprechlich Schönes 
entjtehen müßte. Crjt im Laufe der Arbeit 
fam mir der entzüdende Gegenfag zum Be- 
wußtfein, der in diefem Menſchenkinde Tag. 
Jn das feine Antliß Schienen die Züge ſchwer— 
mütigen Erlebens gejchrieben, von dem jie 
felbft doch nichts wußte, in den Augen 
dämmerte ein Aufjteigen fünftiger Schmerzen, 
aber in Wahrheit begann eine frohfinnig 
naive Seele fich eben erft taftend mit der 
Welt befannt zu machen. 

In den erften Tagen hatte ich mit vielem 
Ernjt und großer Schweigjamfeit gearbeitet, 
aud) Yulia, halb befangen, halb übermütig, 
hatte nur etwa hie und da mit der alten 
rau, die bei uns fab, geplaudert. Indes 
340g fie ihre Kreife immer enger und mußte 
mic jchlieglih mit ſchelmiſcher Anmut in 
allerhand finblide Torheiten Hineinzuziehen. 
Meine Jugend, die fich felbjt noch nie ge- 
fannt hatte, wurde lebendig, wurde fic) ihrer 
jelbjt bewußt, und während ih an dem 
reifften Kunſtwerk arbeitete, das ich je ge- 
ftalten follte, war ich zu einem fo findliden 
Menfchen geworden, wie nie vorher, der aud) 
ichnell die Kluft vergaß, die ihn von der 
reichen Bürgerstochter trennte. 

Das waren nun Wochen, deren Glüd 
einem erft nachträglich bewußt wird, fo 
jelbjtverjtändlich erjcheint es. Die Arbeit 
gedieh. Je weiter fie vorjchritt, dejto beſſere 
Kameraden wurden Qulia und id, ihre 
Kindlichkeit Tieß mich nie fühlen, wie weit 
jie mir an Erziehung, Bildung, Wiſſen über- 
legen war. Noch war die Büfte jedoch nicht 
völlig beendet, al8 plößlih Nahriht von — 
dem Vater Julias fam, er würde etwas 
20 


298 A. v. Auerswald: 


früher, als er beabfichtigt hätte, zurückkehren. 
Damit wurde der ganzen Holden Beit ein 
unerwartet fchnelle® Ende bereitet. 

Yn der lebten Sitzung vollendete id) 
rajd, was etwa an intimen, zarten Fein— 
heiten noch feblte. Dann padte ich mein 
Geräte zufammen, und nun fdien mir auf 
einmal wieder die alte Kluft zwischen Julia 
und mir zu beftchen, al3 es bicB, einen 
Abschied auf Nimmerwiederjehen zu nehmen. 
Bei meinem geftammelten Dank für ihre 
Freundlichkeit war ich genau fo lintifd) und 
jteif wie in den erften Tagen, fold) armer, 
unbeholfener Steinmeßgejell einer gebildeten 
Dame gegenüber. Das verwirrte aud) fie, 
fo daß faum irgend ein herzliches Wort 
zwijchen ung fiel, und fchließlich ſtand ich 
betäubt draußen auf der im weißen Sonnen- 
brand liegenden Straße und warf einen 
legten Bli€ auf das Haus, auf das der fühle 
Schatten alter Byprefjen fiel. 

Yn meiner armen Behaufung in Ficfole 
erihien mir alles unerträglid. Als id 
meine Arbeit auspadte, fchien mir, fie ent- 
hielte nicht3 von dem geheimmisvoll fühlen, 
in fich jeligen Leben, da8 mir aus Julias 
Bügen entgegengeblüht hatte. ch erjchien 
mir plöglich verarmt, ein Pfufcher, ein un- 
jeliger Mtenfd. Da warf id) mich auf den 
falten Steinboden nieder und brach in ein 
verzmweifelte® Schluchzen aus. WIS ich mid 
dann verwundert fragte, was fic) denn fo 
in meinem Leben geändert hätte, daß id 
mir unglüdlih und beflagenswert erichien, 
fonnte mir die Wahrheit ja nicht verborgen 
bleiben. ch entbehrte Gulia, ich Hatte den 
Wunſch, fie in meine Arme zu nehmen, an 
mein Herz zu prefjen, die Züge, die ich fo 
lange treu und wunſchlos nachgebildet hatte, 
mit Küffen zu bededen, ich hatte die Sehn- 
jucht, mid) vor ihr niederzumwerfen und ihr 
von einem armen Leben zu erzählen, das 
nur in ihr Befriedigung fände. 

Ich war damals noch fehr jung,” fagte 
der Staliener fanft, „und meinte, ein folded 
Gefühl ware niemald zuvor in der Welt 
gewejen. Seine AusjichtSlofigkeit fah id 
wohl ein und beherrjdte mit Gewalt den 
faſt unmiderftehlichen Trieb, der mich zu 
einer Wanderung nach Careggi drängte, um 
wenigitens das Haus zu jehen und an den 
venftern Hinzufpähen. Es war eine Art 
von wohl nicht unedlem Stolz, der mid 
zurüdhielt. As id) nah Mochen dennod 


hinfam, waren die Laden geſchloſſen. Wuf 
meine Fragen fagte man mir, Gulia und ihr 
Bater waren für unbejtimmte Beit auf 
Reijen gegangen. 

Nun blieb mir jene Arbeit. Allmählich, 
al3 das Bild von Aulia nicht mehr in 
völliger Frijche in meiner Erinnerung ftand, 
gewann dieje Biijte für mid) an Leben und 
an Bedeutung. Ach glaubte, jeden Bug ihres 
jüßen Gefichte8 darin miederzufinden, id) 
ftaunte jelber, wie e8 mir gelungen war, 
dieje höchſte Lebendigkeit zu erreichen. 

Einige Beit darauf trat, unangemeldet 
wie immer, mein Auftraggeber bei mir cin. 
Er begrüßte mid) kaum, fein Auge wurde 
jogleid) von dem Marmorkopfe gefejjelt; eine 
lange Weile ftand er fchweigend von mir 
abgewandt und fchaute ihn regung3lo3 an. 
Endlih wandte er fic) zu mir um, ich fah 
in feinen Zügen, die fonft nie viel von feinem 
Gefühl verrieten, einen Wusdrud von tiefer 
Bewegung. ‚Baltiani,‘ jagte er mit einem 
tiefen Atemzug. ‚Welch ein Künftler Sie find! 
Cie haben fic) hiermit den Größten gleic)- 
geitellt.‘ 

O Herr, das fam wie eine Welle von 
Gliidjeligfeit über mich), einen Augenblid 
war felbjt Julia vergeffen, mein Blut fang 
mit Glodenjtimmen in meinen Obren, e3 
war wie ein Raujd, ein Taumel. Der 
Mann umfdlang mich mit beiden Armen 
und drüdte mid) an fich, fo freute ihn die 
Arbeit. Dann rief er: ‚Nun fordern Gie, 
Baftiani. Nennen Sie einen Preis. Dies- 
mal müſſen Sie der fein, der beftimmt.‘ 

Sch fchüttelte den Kopf. Es erfdjien 
mir unmöglich, diefe Arbeit zu verkaufen, 
id) hatte nod) gar nidt daran gedacht. 

‚Dies hier befommen Sie nicht, Herr,‘ 
rief id. ‚Das ift zu fehr mit meinem 
Leben verwachjen.‘ 

Er warf mir einen glänzenden Blid 
zu, in dem noch immer die reine Freude 
funfelte. 

‚sch veritehe,‘ jagte er. ‚Bier Tiegt 
ein ungeteiltes, junges Herz drin. ber 
hören Sie, Baftiant, ich biete Ihnen ein 
Heine3 Vermigen, dann fünnen fte die Braut 
heimführen.‘ 

Und er nannte eine Summe als Preis, 
die mir geradezu ſchwindelnd hoch erſchien. 
Sch wäre ein Narr gewefen, hätte ich es 
ausgefchlagen. Konnte ich auch nicht daran 
denken, daß dies mir helfen würde, die Braut 


———— 


“oom — 


Der Steinmeg. 


heimzuführen, fo fonnte doch der Beſitz von 
joviel Geld in mancher anderen Beziehung be- 
jtimmend für mein Leben werden. So willigte 
id) ein, und das Entzüden meines Auftrag- 
gebers ſchien fic) danad) noch eher zu fteigern. 

Go läderli und unwahrſcheinlich es 
Ihnen vielleicht flingt, aber damals erft 
fam mir der Gedanke, daß er mit meinen 
Urbeiten etwas beginnen möchte, was nicht 
redlich wäre, daß er fie vielleicht für alte 
Kunftwerfe ausgäbe und jene Preije damit 
erzielte, Die Die armen Lebendigen fo felten 
befommen. Indes ginnte ich ihm gern 
jeinen Vorteil, von dem er mir durch feine 
Freigebigkeit einen jo reichlichen Teil anwies, 
und war nad wie vor der Anficht, daß 
Dieje Dinge mid nicht3 angingen. 

Go Hatte ih nun Julias Büfte hinge. 
geben und mir ſchien, ich müſſe auch das 
Bild, das in mir von ihr lebte, zurüd- 
drängen, um einem ausſichtsloſen Traum ein 
Ende zu machen. Über die folgenden Fabre 
fann ich furg hingehen. Sie waren von 
Arbeit angefüllt, die mich zuerjt ablentte, 
auf die Dauer aber nicht mehr voll befriedigte. 
Cin ähnliches Werk wie jene Büfte gelang 
mir nicht mehr, und ich felbft betrachtete fie 
al3 den Höhepunkt meines Schaffens. 

Da trat durch den Tod meines Auftrag. 


gebers eine plößliche Ünderung in meinem. 


Leben ein. Er war meine einzige Abfaß- 
quelle gewejen, andere Verbindungen bejaß 
ih nicht, auch feinen Namen, der mir die 
Türen geöffnet hätte, keine Belannten, die 
Verftindnis für mein eigenes, begrenztes 
Gebiet gehabt hätten. Ich fam mir fürm- 
lid) verwaift vor, ja, die freundliche Anteil- 
nahme des Mannes fehlte mir in unbe- 
ichreiblicher Weife, fie war mir in der lebten 
Zeit die hauptjächliche Anregung für meine 
Arbeit gewejen. Nun blidten mich die Werk. 
zeuge um mich herum unfreundlid) und 
teilnahmslos an. Bon den näheren Ber- 
hältnifjen jenes Mannes habe ich nie etwas 
erfahren, vielleicht war ich der einzige, der 
ihn aufrichtig betrauerte. 

Mittlerweile hatte ich ein ziemlich be- 
trächtliches Vermögen gefammelt, von deffen 
Zinſen ich wohl leben fonnte. Sch dachte 
jegt daran, das Leben zu genießen, auf 
Reifen zu gehen, andere Lander kennen zu 
lernen, Schönheit und Kunſt in mich auf- 
zunehmen. In jenen Jahren bin ich weit 
herumgefommen, fogar bis nad) Deutjichland 


299 


hin. All die Kunjtiibungen der Fahrhunderte 
gingen an mir vorüber und füllten mich mit 
Staunen. Wie hatte jedes feinen eigenen 
Ausdrud gefucht und gefunden, mit welch 
neuen Augen immer wieder die alten Dinge 
gejdaut! Da mußte ich mich wohl ver- 
wundern, wie e8 dann der Natur einmal 
gefällt, einen Menfchen aus dem alten Geift 
zu Schaffen, der wohl irgendwo noc) webt, 
und ihn, einen Fremden, in die neue Welt 
zu jtellen, wie fie e8 mit mir getan hatte. 
Denn mit der modernen Kunjt, die ich da 
jab, hatte die meine ja gar nichts zu fchaffen, 
wie ein Reit aus früheren Sahrhunderten 
ragte fie nur hinein, das fah ich wohl. 

So bin ich damals aud nach Paris ge- 
fommen, ahnungslos, was mir da begegnen 
jollte. Wie gefiel mir die heitere, braufende 
Stadt, wie gern ging ich auf den fonnigen 
Straßen .mit ihrem gejchäftigen Treiben! 
Natürlich führte mein Weg mich auch bald 
ing Louvre. Die unermeplihe Fülle all 
der Kunftwerke übermwältigte mich faft. End- 
lid) fam ih in einen Saal, in dem nur 
wenige Sfulpturwerfe ihre Wufftellung ge- 
funden hatten, und plöglih fah id) nur 
nod eins, einen zarten, lieblidjen, ach, einen 
unendlich reizvollen Kopf, jah ich Julia, wie 
id) fie in feligen Wochen mit unendlicher 
Liebe gebildet Hatte. Es war mein Werf, 
jeder Bug, jede feine Modellierung, all das 
weiche, warme Leben, das den Marmor be- 
feelte, erfannte ich wieder, und ich weiß 
nicht, war meine Seligfeit größer, die lang- 
entbehrten Züge Julias wiederzufchauen, oder 
das Kunſtwerk zu genießen, das ich felbft 
geichaffen hatte. Es war wohl eine wunder- 
lide Mifchung beider Gefühle, die eine 
raufhähnliche Stimmung in mir erzeugten 
und mid) nicht3 weiter fehen oder Hiren 
ließen, fo daß ich eine wohl endlofe Beit 
wie verjunfen gejtanden Habe. 

Als ich mich losriß, war ic) noch wie 
im Traum, nicht3 andere mochte ich mehr 
fehen, ih ging Hinaus und verbrachte den 
Neit des Tages in fernen und entzüdten 
Gedanken. Meine Arbeit war vom Louvre 
angefauft, und ich Hatte feine Ahnung davon! 
Meine Arbeit ftand neben anderen unfterb- 
lichen Meiftertverfen, von Taufenden gefehen 
und bewundert! C3 war wie eine herrliche 
Phantafte. Nur fiel mir jet in der Er- 
innerung der gelblide Ton de3 Marmors 
auf, den meine Arbeit nicht gehabt hatte. 

20* 


300 A. dv. Auerswald: 


Das trieb mich gleich den nächſten 
Morgen in aller Frühe wieder hin, und 
erſt da hatte ich den klaren Blick, mich um— 
zuſchauen, wo meine Arbeit denn eigentlich 
ſtand und wie ſie bezeichnet war. Ja, da 
las id) auf einem kleinen Tafelden die 
Worte: ,Unbefannter Mteijter der Früh— 
renaiffance,“ und unter den wenigen Arbeiten, 
die den weihevollen Raum nod) Ihmüdten, 
befanden fich die beiden Sklaven von Michel 
Angelo, jener Gefeffelte, der in ſüßer Er- 
müdung niederfinkt, died unbefchreiblich köſt⸗ 
lide Werf, aus dem alle Süßigfeit und 
alle Kraft einer reifen Natur fpridt. Und 
in die Nähe diejes Werfes war meine Arbeit 
gejtellt, Herr! 

Mir war zumute, als ob ein unfidht- 
barer, glühender Lorbeer meine Schläfe 
ihmüdte, der mich zugleich entzüdte und 
befdamte. Golde Augenblide find wohl 
Höhepunkte im Leben, von denen nur der 
eine Ahnung hat, dem fie zuteil wurden.“ 

Baftiani fdwieg. Der Maler Hatte fid 
erhoben, er machte ein paar Schritte, dann 
fehrte er um und fehte fich wieder. 

„Mein Gott, mir fprang dod damals 
faft die Bruft vor Jubel,“ fuhr der Er- 
zähler fort. „Und dod) war ic) ein Namen- 
Iofer, von den Lebendigen zu den Toten 
zurüdverfeßgt. In mir aber jauchzte cs: 

‚Nein, nein, fein unbefannter Meijter 
der Frührenaifjane. Ihr alle follt es 
wiffen, daß der, der dies gemacht hat, 
febendig ijt, und fein Name foll durd die 
Welt lingen.‘ 

Mit wahrem Übermut ging ich daran, 
den Betrug aufzudeden, wie ein Bräutigam 
der Braut lief id) dem Ruhm entgegen. 
Gott, der Unglaube, auf den ich jtieB! Diefe 
Gefidjter! Spott, Hohn, Veradtung und 
Dod) eine leife Unruhe: ‚Wenn es nun 
wahr wäre! 

Beweife wollten fie haben, als fie all- 
mählich merften, daß ich nicht närriſch war. 
Sch gab die, die ich geben konnte. Ich 
nannte den Namen meines Auftraggebers. 
Wie es ſchien, war der Kauf aber durd) 
Zwiſchenhändler beforgt, er war ihnen un- 
befannt. Ich beichrieb die Arbeiten, Die 
ih fonjt noch für ihn geliefert Hatte, und 
Iprac meine Überzeugung aus, daß einiges 
davon in Privat- oder öffentlihen Sanınt- 
(ungen zu finden jein müßte Das alles 
genügte ihnen nicht. 


Himmel, wieviel Tinte ijt darım ver- 
fprigt worden, wieviel gejchäftige Federn 
haben Artikel darüber gefchrieben! Sch jah 
wohl ein, wie bitter e3 ihnen werden mußte, 
den Irrtum einzugeſtehen. Es war feiner- 
zeit eine ungeheure Summe für bas Ding 
gezahlt worden, in den Publikationen hatten 
ihre gelehrteften Doktoren haaricharf be- 
wiefen, aus weldjem Jahrzehnt des Duattro- 
cento die Arbeit jtammte, fie hatten erbit- 
terte Fehden darüber geführt, welchen 
Künftler fie zuzufchreiben ware. 

Gejtehen Sie nur, befter Herr, Ihnen 
ift e8 mit dem Köpfchen heute abend nicht 
viel anderd gegangen, und wären Sie ein 
Mann der Feder gewejen, Sie hätten bald 
eine Abhandlung bereit gehabt.” 

Der Maler lächelte kurz, dann rief er 
[ebhaft und mit großem Ernſt: „Ach, Ba- 
Itiani, wenn Gie nur eine Ahnung Hätten, 
wie id) Sie liebe und wie id) Sie beneide.” 

Der Sstaliener jah mit freundlichen 
Augen nad) ihm Hin, fuhr aber, ohne etwas 
darauf zu erwidern, in feiner Erzählung fort. 

„Run, endlid, alg die Schwierigkeiten, 
die man mir machte, immer mehr touchjen, 
alg ih nicht mehr recht wußte, wie id) 
meine Wahrheit beweifen follte, fam mir 
der Einfall, vor dem ich erft erjchraf, der 
mir aber dann mehr und mehr an das 
Herz wuchs. Yoh erklärte den Herren, meines 
Willens lebe mein Modell noch in der 
Nähe von Florenz, Sie wäre die Tochter 
eines vornehmen Bürgerd, der fie feine 
Täufhung zutrauen finnten. Ob es Be- 
weijes genug wäre, wenn jie meine Erzäh- 
fung in allen Einzelheiten beftätige, die 
Arbeit als von mir gemacht anerfenne, und 
zum Überfluß die Herren fic) davon über- 
zeugen könnten, daß der Marmorfopf wirk- 
lid) ihr genaues Porträt ware. 

Augenfcheinlich waren fie ſehr erjtaunt, 
daß ich ein Lebendiges Modell für den Kopf 
gehabt haben wollte. ch weiß nicht, was 
fie dachten, wo ich ihn bergenommen hätte. 
Nach einiger Überlegung nahmen fie meinen 
Vorſchlag an, und einer der Herren und 
id) fuhren zujammen nad) Florenz. 

Wie twunderlid), wie unwahrſcheinlich 
erichien e8 mir, daß id) Julia wiederjehen 
jollte. Sie war mir allmählid fajt ein 
Traumbild geworden, füllte die Befanntichaft 
mit ihr dod) nur adjt Wochen in einem 
nun Dreißigjährigen Leben. 





— Bun 


Der Steinmeg. 


In Slorenz zogen wir Crfundigungen 
ein und erfuhren, daß ihr Vater geftorben 
war und daß fie, noch immer unvermablt, 
mit ihrem Bruder in Careggi wohne Wir 
fuhren nod) denfelben Tag hinaus und 
liegen ung ‚in wichtiger Angelegenheit‘, wie 
mein egleiter beftellte, melden. Man 
führte uns in cin Zimmer, bas ich nidt 
fannte, da id) damal3 immer nur in dem 
hellen Wrbeitsraum gemwejen war, und nad 
furzer Beit trat Julia ein. Ihr Geficht 
war von einer zarteren Blajje al3 damals, 
jonft erfdjien fie mir unverändert, nur daß 
ihre Eeele, wenn man fo fagen fann, in 
ihre Züge hineingewachſen war. Sie be- 
grüßte mich mit einer innigen Freundlich— 
feit, Die mich die acht Jahre, die zwiſchen 
jest und damals lagen, vergejjen Lief. 

Mein Begleiter war fpradlos. Endlich 
jtellte er unter vielen Entfchuldigungen nur 
der orm halber ein paar Fragen an fie. 
Ihre Antworten bejtätigten alle meine An- 
gaben. Da wandte er fich lebhaft, erregt, 
fait faſſungslos mir zu: ‚Hiernach fann ja 
nicht mehr der geringite Zweifel an der 
Wahrheit Ihrer Worte beitehen,‘ rief er aus. 
‚Berzeihen Sie nur, daß wir ihn gehabt haben. 
Wer fonnte aber aud) jo etwas denfen! Und 
nun lajjen Sie mid) Ihnen ein Gejtandnis 
maden: das Louvre fann troß allem nod 
jtols fein, Ihre Arbeit zu befigen. Sie ift 
und bleibt ein Kunſtwerk erften Ranged.‘ 

Es war jchön von ihm, daß er diefe 
Worte fagte, und es hat mich immer ge- 
freut. Meine Arbeit wurde aus jenem 
Ehrenjaal entfernt, fie befam eine andere 
Stelle im Louvre gugewiefen. In den er- 
Märenden Abhandlungen, die über den denf- 
würdigen Gall gejchrieben wurden, fprach 
man Sich anerfennendD darüber aus, wie 
merfwiirdig es dem jungen italienifchen 
Bildhauer gelungen wäre, fich in den Geift 
der Frührenaifjance einzuleben. 

Da haben Sie meine Gefchichte, Herr, 
jo gut erzählt, wie ein einfacher Mann es 
vermag.“ 

Damit fabte der Staliener nach feinem 
Glaſe und trank e3 durftig leer. Aber der 
Maler fuhr von feinem Stuhl auf. 

„Rein, Baftiani, das gilt nicht,“ rief 
er aus. „Sie find nod) lange nicht am 
Ende. Was heißt das, daß Sie fo in der 
Mitte aufhören wollen? Was wurde aus 
julia? Haben Sie fic) nur getroffen, um 


301 


ji wieder zu trennen? Wen jtellt das 
Köpfchen dar, das ich bei Ahnen fand? 
Wie kommt e3, daß Sie hier wie ein ein- 
fader Landmann leben und nur zumeilen 
Ihre Steinmebarbeit treiben ?” 

pun,“ fagte Baftiani ladelnd, „das 
find viele Fragen auf einmal und kaum 
Dinge, die zu der Gefchichte gehören. Aber 
da Sie fo herzlich fragen, müfjen Sie dod) 
Teilnahme für mich haben, jo brauche id) 
nicht zu fürchten, Sie zu ermüden. 

Was aus Yulia wurde? Als id) Ab- 
jdhicdD von ihr nahm, fragte fie mid) mit 
einem ſchalkhaft Lieblichen Lächeln, ob ich 
nun wieder acht Sahre vergehen laſſen 
würde, ehe ich wiederkäme? Da erfuhr id 
erjt, was ich nie geahnt, nie für möglid) 
gehalten hatte, daß des Kindes Seele da- 
malg mein Bild in fich geichlofjen Hatte 
zum unverlierbaren Bejit. Cin einjames, 
menfschenjcheues Leben, das der Vater mit 
ihr führte, verftärfte den frühen Cindrud 
in ein unvorbereitetes Gemüt, vertiefte ihn 
mit den Jahren, machte ihn dauernd. Was 
id) hier fand, war das Geſchenk einer Liebe, 
die über mein Begreifen ging. Sch hatte 
fie nicht verdient, ich fonnte fie nur er- 
widern und jeden Tag von neuem darüber 
ftaunen. 

Der Bruder fette fic) dem Willen der 
Schweiter nicht entgegen, wir fauften diefen 
Beſitz, wir Iebten acht Jahre zujamnıen, 
die ebenfo felig und fchnell vergingen, wie 
jene acht Woden. Meine Träume von 
Ruhm und Erfolg, die fic) an jene Auf- 
nahme im Louvre gejchloffen, gingen aller- 
dings nur in bejcheidenem Maße in Er- 
füllung Qn der erjten Beit ging gwar 
mein Name nod) durch alle Blatter, aber 
für die große Menge war doch etwas da- 
mit verbunden, twas mir weh tat. Als 
ehrlicher, aus fic) und feiner Eigenart her- 
ausgewachlener Künftler erfchien ich ihr nicht 
und wäre ihr auch nie fo erfchienen, da 
ih über die Grenzen meiner Begabung, 
die ja eng genug gejtedt waren, nicht hin- 
aus konnte. Was mich Koch mehr auf mid 
jelbjt zurüdwies, auf meine eigene Freude 
an der Stunft, waren Anerbietungen, die 
mir gemacht wurden, und die nichts anderes 
bezwedten, alg erneuten, diesmal bewußten 
Betrug. Durch foldje Dinge wurde mir 
die Offentlichkeit verleidet, ich arbeitete nur 
nod) zu meiner Luft und für einen Kleinen 


302 %. v. Auerswald: 


Kreis von Kennern, die Verſtändnis gerade 
für die Art meines Schaffens hatten. Ein 
einziges Mal ſandte ich eine Büſte zu einer 
Ausſtellung, wo ſie nur einen ſtillen Erfolg 
errang. 

Mein Glück in jener Zeit lag in meiner 
Häuslichkeit, in dem endlich errungenen Be- 
jig von Weib, Gut und Kind, in der gleich— 
mäßigen, ruhigen, von einem jchönen Wechſel 
belebten Arbeit. Uns war ein Töchterchen 
gefdenft worden, das zum lieblihen Eben- 
bilde von Sulia heranzumachfen veriprad). 
Ich fonnte nicht müde werden, immer 
wieder und wieder das Antlitz jener beiden 
zu bilden. Das Köpfchen, das Gie be- 
wundert haben, war das gelungenjte Bild- 
nid meiner Kleinen. Aus Scherz, zur Er- 
innerung an jenes beftimmende Erlebnis, gab 
id) ihm die Farbung der Ulters, die Sie 
jo verwirrte. Es ift meine legte Arbeit in 
der Art gewefen. Yn einem Jahr verlor 
id) fie beide, die mit dem ftillen, Tieblichen 
Richt, das von ihnen ausging, mein Leben 
erfüllten. Das Hat doch etwas zurüd- 
gelafjen, daß ich feither den Weg und die 
rechte Luft zur Kunſt nicht mehr fand.“ 

Der Erzähler ſchwieg, in Rüderinnerung 
verloren, und der Maler ftörte ihn nicht. 
Mach einer Weile aber fagte er befcheiden: 

„Berzeihen Sie, Baftiani, aber hier 
fann ich Ihnen nicht folgen. Sehen Sie, 
ich denke, gerade nach einem folchen Verluft 
bliebe einem nichts anderes als die Runft, 
um Troft und wicder eine Lebensmöglid)- 
feit zu finden.” 

Baltiani blidte ein paar Augenblide 
ftill vor fich Hin. 

„Als ich nach der erjten Verzweiflung 
wieder zu mir fam, habe ich ebenjo ge- 
dacht, befter Herr,” fagte er dann gelajien. 
„Damals ſchwebte mir vor, ic) müjje nun 
etwas arbeiten, das alles Frühere überträfe, 
etwas, das alles, was ich fühlte, zum Aus- 
druck brächte Und das follte, drüben in 
Gan Miniato, das Grab von Yulia ſchmücken. 
Ich wußte aud) wohl, was ich darftellen 
wollte, eine Madorma mit den Zügen Julia 
und dem Ausdrud, den fie Hatte, als fie 
den Tod ihres Kindes erfuhr. 

Bis dahin, Herr, hatte ich immer glüd- 
lid) und leicht geichaffen, mein Modell vor 
Augen, mit einer Hand, die ficher war und 
nie verfagte. Seht ftand mein Bild mir 
nur vor dem inneren Auge Ich begann 


und ich zerftörte wieder, denn der Arbeit 
fehlte das Leben. Ahr fehlte jene Höchfte 
Individualität, die ich brauchte, an die id 
gewöhnt war, ohne die ich felbjt nicht an 
ihre Wefenhaftigfeit, an ihre Lebendigkeit 
glauben fonnte. Das find oft fcheinbar fo 
fleine Züge, im Grunde ift e8 die Haupt. 
face: bas Leben der Geele, die fic) von 
innen heraus in Form und Ausdrud nad) 
außen geitaltet. 

Yn jener Beit habe ich mie ein Ver- 
zweifelter gerungen. ch habe mein Gehirn 
zermartert, daß es hergäbe, was es nod 
an Erinnerung befaß, und doch wurde das 
Bild in mir immer blaffer, und was id 
ſchuf, immer leerer, immer mehr Stückwerk, 
vor dem ich erfchraf. Sch habe den Kampf 
nicht Teicht aufgegeben, ich Hatte ja das 
Gefühl, daß ich mir Yulia zurüderfämpfen 
müßte, in der Arbeit follte fie für mid 
weiterleben. Schließlich) fagte id) mir: id 
fann nur etwas leiften, wenn ich nach der 
Natur fchaffe, und ich fuchte nach einem 
andern Model. Sch habe auch angefangen, 
zu arbeiten, wenn ich glaubte, etwas Paſſen⸗ 
des gefunden zu Haben, aber e3 murde 
alles nichts. Sehen Sie, Herr, Gulia war 
ja die Verförperung defjen getvefen, worauf 
meine Begabung mich hinwies. Das Hatte 
und guerft zufammengeführtt. Wie fonnte 
es mir nun genügen, wenn ich bie und da 
einen einzelnen Zug von Diefem voll- 
fommenen Bildnis traf? Damals, als id) 
all das erkennen lernte, verlor ich fie zum 
zweitenmal, in einer noch tieferen und er- 
ichütternderen Weife, weil mir nun meine 
Armut, meine Cinjamfeit erft völlig ins 
Bewußtjein drang. 

Und wiffen Sie, was mir da einen Halt 
gab, daß ich mich in das Leben zurüdfand ? 

Es war mir weh um das fable, ein- 
fame Grab da oben, und weil mir nichts 
anderes gelang, habe ich eines Tages den 
Meißel genommen und begonnen, an einer 
Grabplatte für fie zu arbeiten. ch zwang 
die unruhig gewordene Hand zu der lange 
entwohnten Bejchäftigung, und fie gehordte. 
Ein gartes Ornament trat aus dem Stein 
hervor und umſchloß in ftiller und aud) 
reiner Schönheit ihren Namengzug. 

Als die Platte eingelaffen wurde, bin 
id) oben geweſen und habe zugejchaut, wie 
glatt und rein die Ränder fic) in die vier- 
edige Öffnung fügten. Und da Habe id) 





Ler Steinmet. 


einen Rüdblid in mein Lcben getan und 
habe e8 in einer neuen Weife begriffen, und 
eine Stille gefunden, die mich nicht mehr 
verließ. Das ganze Leben, das hinter mir 
lag, mit all feinen Streben, feinem ganzen 
Anhalt von Fühlen und Kunſt —, feinen 
Anfang, feinen Gipfel und fein Ende hatte 
e3 in Julia gefunden. Meine frühe Kunft- 
übung mit ihrer feltfamen Einfeitigfeit war 
wie eine Vorbereitung auf die Begegnung 
mit ihr, ihr Bildni® war der Höhepunft 
meines Schaffene. Das erlahmte in den 
Yahren, als ich fern von ihr war, hob ſich 
zu einer ruhigen Höhe in der Zeit unferes 
Zufammenlebens, als ich fie und immer 
wieder fie bilden durfte, und verjagte nun 
mit ihrem Sceiden. Sie war die Er- 
füllung meines Künftlertraums getvejen. 

Gewip, Herr, ich verftche Ihre Frage. 
Ich hätte noch arbeiten finnen, aber nidjt3 
mehr, das mich befriedigte, nichts, das mir 
gegen das Geweſene nidt wie Stückwerk 
hatte erjcheinen müſſen, fo daß mir felbjt 
die Erinnerung an das Bergangene in 
jteter Qual und verzweifelten Ringen um 
Unerreidjbares vergällt worden ware. Die 
Stunde, die id) da oben erlebte, während 
Sloreng im Sonnenglanz unter mir lag, 
war meine Erlöſung. Ich gab freiwillig 
auf einmal hin, was das Leben ſonſt all- 
mählich aus meiner Hand gerungen hätte, 
und fand fo den Frieden. 

Meine nächſte Arbeit war eine Grab- 
platte für das Grab meiner Kleinen. Ich 
habe fie mit Liebe ausgeführt und eine 
ftille Befriedigung in diefer anfpruchslojen 
Beihäftigung gefunden. Da ijt e8 wohl vor- 
gefommen, daß der und jener mich um folde 
Arbeit gebeten hat, und ich Habe fie gern 
geleijtet. Go tam auch der alte Name wieder 
auf. Dft fcheint einem das Leben ein Kreis- 
fauf, und man durchläuft e3, wie es eben geht. 

Uber aud) mein Belib hat feine Forde- 
rungen an mid) gejtellt. Es ijt wohl gut, 
daß folche ftille Kraft in den Dingen liegt, 
die fih an uns wendet und unjere Arbeit 
verlangt. Das hält feft und gibt dem Leben 
Gewohnheit und macht e3 uns wieder lieb. 
Sie fehen, ih bin nicht einfam geblieben. 
Die Wirtichaft verlangte nad) tätigen Hän- 
den, und id) Habe eine gute Grau gefunden, 
die tüchtig und brav if. Meine Buben 
fennen Sie aud. 


303 


Und nun, Herr, ich denke, Sie verjtehen’s, 
in Diejer Arbeit und jo gleichſam als ein 
anderer, habe ich noch viel Glück gefunden, 
ein neues Glück, das ich noch Herzlich ge- 
nieße. Und das andere liegt dahinten als 
ein abgefchloffener Teil, und mit dem ift 
aud) ber Riinjtler begraben, der Baltiani 
im Louvre.” 

„Und bat es Sie nie gelodt, etwa Die 
liebliden, kräftigen Köpfe Yhrer Jungen 
zu modellieren?“ fragte der Maler nad) 
einer furzen Pauſe. 

Der Steinmeg fchüttelte mit Lächeln 
den Kopf. 

„Es ift nicht mein Gebiet,“ fagte er, 
„die Hand zudt nicht danad. Aber Lich 
hab’ ich fie,“ jagte er dann mit einem tiefen 
Atemzug, ,ehrlid) lieb. Und bas ware 
denn alles, was ich zu fagen habe, und id 
hoffe, e3 hat Sie nicht müde gemacht.” 

„Rein,“ fagte der Maler und erhob 
ih, „ach Baftiani, fehnfühtig hat es mid 
gemacht, unruhig, ja fat vergweifelt. Was 
ijt mein bißchen Gepinfel, das Pfufchen und 
Suchen, gegen das, was Sie konnten, und 
Sie haben davon abgelaffen, al3 wäre es 
nichts, und fein Ehrgeiz ruft Sie. Ich be- 
greife das nicht.“ 

Auch der Steinmetz Hatte fic) erhoben. 
Er ſchaute in die jchweigende, nächtliche 
Landichaft, auf die ſchwarzen Umrifje der 
Berge am matthellen Abendhimmel. 

„Sie werden e3 noch einmal verjtehen, 
befter Herr,“ fagte er gelaffen. „Sch fann 
e3 bejjer fühlen, als Ihnen erklären. Das 
Leben kommt und zeigt, wie alles, auch das 
Höchſte, Schönfte, Liebſte nur ein Teil des 
Ganzen ift und wertlos wird vor dem Not- 
wendigen. Wenn wir dann erfennen, daß 
wir das Notwendige jederzeit leiſten können, 
mit gutem Willen, werden wir fehr jtill 
und fehen friedlich allen Dingen zu, wie 
fie jih fügen. Diejen Weg habe ich gehen 
müſſen, erft gezwungen, dann gern. Und 
auf irgendeine Weife, dent’ id), lernt ihn 
jeder fennen, und fo werden Sie wohl and 
nod) dahin kommen.“ 

Der Dealer fate feine Hand und drüdte 
fie mit inniger Heftigkeit. Dann wandte 
er fih um und ging, nicht in dad Haug, 
in dem die Lichte ſchon erlofchen waren, 
jondern mit einer Welt von Gedanken hin- 
aus in die Nacht und die Stille. 


— — — 













Zee 





Scjatfen fliegen auf und nieder, — 

Schlummerlos die miiden Lieder, 

Rualvoll meine Ruh! 

Baht für Baht in bangem 
Sehnen 

Bic! ih Dich; — dann [ange 
Du 


Aus der Ferne meinen Cranen 
Geifterhaft die Worte zu: 


„Immer leiſer wird mein 
Schlummer, 
Bur wie Schleier liegt mein 
Kummer 
Biffernd über mir. 
Pfft im Craume hör’ id) Pidh 
Rufen drauß vor meiner Gir, 
Biemand wacht und öffnet Dir, 
Id; erwach' und meine bifferlid! 


Ahnungsvoll, ganz Codesgrauen, 

Gilfe ih, Did) noch mſchauen, 

Eh Pein Auge Farr. — 

Dod zu spat! Es farb die 
Blüte, 

Deine Seele, die mir glühfe, 

Die mir Ten; und Liebe war! — 








fone bald...“ \ 
Uon 


a Fred Brandt-Lalpart, £7 


NYG 


Wis ZZ 


SON 


@ 





Weinend an der Cofenbahr 
Irug ich Deine Schwefter leife, 
Pb die ſchwermutvolle Weife 
In den Badhfen ihr erklang? 


Db dies Lied vor Deiner Reife 
Deiner Sehnluct Singen war, 
Was durch Meilen zu mir drang, 
Deiner Seele Schwingen 
war? — — 
Ja, 25 war Pein Schmanen- 
fang!! — — 


Was ich in der Ferne hörte, 
Was mir Baht und Ruh 
zerſtörke, 
Was mir Sinn und Berv 
befirte: 
War dies Lied, Pein leßter Klang: 


» Ady, id; werde ſterben mülfen, 
Eine andre with Du külfen, 
Wenn icy bleidy und Ralf, 

Gh die Maienlifie ween. % 
Gh die Droffel fingt im Wald; | 
Willſt Pu mich nod einmal fehen, 
Komm, o. komme bald!“ 














yj. 





*aprmsdiog = psqirag "LS uoa apjruiag civey wy 








Nemontierende Hangenelfen von einem Bauernhaufe in Sclierjee, 


Nelken. 


von F. Raimund. 
Mit neun Aquarellen von Curt Agthe. 


Ich wand ein Sträußlein morgens früh, 
Das ich der Liebiten jchidte, 

Nicht ließ ich jagen ihr, von wem 

Und wer die Blumen pflüdte. 


Ree und Levfoyen, Nejeden und Nelken 
unter leuchtendem Himmelsblau, an 
dem die fchneeweißen Wolfen wandern — 

Unbejchreibliches Empfinden löſt fich in 
jedem, dem ein leichter Wind dieje Garten- 
Düfte entgegenwebt. 

Roſe, jet gegrüßt und in deinem Sinn- 
bild alles, was eS Feftliches, Zartes im 
Leben gibt! Aber daneben zu allererjt aud 
du, trauliches Sommerfind, uralter, urwüch— 
jiger Volfsliebling, würzduftige Melfe! 

Wie hat es doch gejchehen finnen, daß 
die Nelfe, diefe herrliche Blume, die ſich 
unter den Gärtnern heutzutage jo leidenjchaft- 
licher Verehrung erfreut, eine Zeitlang, nach 
hohem Anjehn, wieder abgejest war? 

Laune und Mode Hatten in den mitt- 
leren Kahrzehnten des vorigen Jahrhunderts 
die Beliebtheit der Nelfe in der Tat jtarf herab- 
gedrüct, aber nur in den Streifen, wo es eben 
Blumenmoden gibt; auf den Blumenbrettern 
fleiner Zeute, junger Mädel und alter Frauen, 
in engen Gajjen alter Städtchen, in Bauer- 
gärten ‚auf den Holzaltanen behäbiger Bauern- 


(Ubdrud verboten.) 


Doch ala ich abends fam zum Tanz 

Und tat verftohlen und jachte, 

Da trug fie die Nelfen am Bufenlag 

Und jchaute mich an und lachte. 
Theodor Storm. 


„Es kommt wie Nelfenduft im Winde — —“ 
(Aus Geibels Minnelied.) 


häufer auf Alpenhöhen, in Kloitergängen und 
Pfarrgärten hat die Melfe ihre frohen Som- 
merlebenstage unbefümmert weitergeblüht. 

Und die Mode Hat fie nun jchon längſt 
wieder Herausgeholt aus dem idyllischen 
Verborgenjein zu Hohen Ehren. 

Gegen Mitte des vergangenen Sahr- 
hunderts machte ſich ein Lyoner Gärtner, 
Herr Léon Lille, zu ihrem Ritter. Seit» 
dem ift die Nelfenkultur zum Lieblingsiport 
einzelner großer Gärtnereien und zu einer 
bedeutenden Einnahmequelle für ihre Gön- 
ner geworden. Wir haben in Deutjchland 
Nelfenzüchter, die e8 auf 2000 Barietäten 
bringen, und nicht nur an der Riviera, 
jondern aud) in Thüringen und im Vor- 
har; fann man den wunderbaren Anblid 
ganzer Nelfenfelder jehen, purpurner, rojen- 
roter, jchneeweißer, feuergelber Gamennelfen- 
felder. Im tiefften Winter, wie im heißen 


Sommer, im Lenz und im Herbjt find 
Melfen ein bochedler Tafelſchmuck. Bn 


welchen Maſſen jie im Winter aus dem 
Süden zu uns fommen, fann man danad) 


306 F. 


ermeſſen, daß eine einzige Gärtnerei in 
Beaulieu durch die Fröſte des letzten kalten 
Winters 75000 Franken Schaden an Ver— 
ſandnelken erlitt. Unſere ſchönſten, moder— 
nen, ſcharfkantigen Kriſtallvaſen ſcheinen 
beſonders für den ſchlanken Wuchs der Nelke 
gebaut, deren ſauberes Laub ſich wie das 
der Roſe ſo reizvoll im klaren Waſſer breitet. 

Dieſes ſchöne grasartige Laub mit ſeiner 
ſpitzen, zarten Schlankheit, ſeinem matt— 
ſilberigen Hauch über dem feinen Grün, 


Raimund: 


Wir ſehen die Nelke auf dem Meiſter— 
werk unter allen Holbeinbildniſſen, dem Por— 
trät des jungen deutſchen Kaufherrn im 
Londoner Stahlhof, Georg Gieße. Aus 
dem dämmerigen Kontorzimmer leuchtet 
zwiſchen Büchern und edlem Gerät die ve— 
netianiſche Glasvaſe mit den blutroten Nel— 
ken auf des Handelsherrn teppichbelegtem 
Tiſch. — Van Cy hat ſeinem blutloſen 
alten Mann im Pelz die lebenſprühende rote 
Nelke in Die nervdje Hand gegeben. In 





„Andre Dacier® (dunfelblutrot) und , Ritter von Robell” (fleifchrofa mit violettbrauner Doudlette). 


Die Energie und Intenſität der Blumen» 
farben, der herrliche Duft und die reizvolle 
Form machen die Vorzüge der jchinen Ge- 
ihöpfe aus dem Haufe Dianthus aus. 
Dianthus — Dios anthos ! — Die Welke 
joll die wahre Götterblume, die Blume des 
Zeus gewejen jein. Sie ijt alſo uralt, dieje 
edle Familie. Ihr deuticher Name Melfe it ur- 
Iprünglich ein Zärtlichkeitstvort, der Diminutiv 
Negelfe, Nägelin, wie man fie wegen ihrer 
Ahnlichkeit mit einem Kleinen Nagel benannte. 


den Blumenſtücken der deutjchen und nieder- 
ländischen Stilllebenmalerei fehlt die fein- 
gezadelte Nelfe nie. Seit Ludwig IX. blühte 
in franzöſiſchen Gärtnereien Nelfenzucht. 
In stolzer Todesverachtung und frivoler 
Lebensgrazie erhoben in der Schredenszeit 
der franzöjischen Revolution die zum Tode 
verurteilten Noyalijten die Nelfe zu ihrem 
Schmud beim Bejteigen des Schafotts. 


Wie heute die Blume des Volkes war 
die Nelfe damals noch die Blume der 


elfen. 


307 





„Fürſt Georg von Shaumburg”, fammetpurpurne Nellen, unicolores. 


Urijtofratie. - So auch in England. Der 
ganze Yarbenbegriff Not heißt dort pink 
nach dem Rot der Nelfe. 

Bei den Stalienern und Spaniern war 
die Nelfe aber wohl jchon von altersher 
Volfs- und Lieblingsblume, die Blume der 
heißen Liebesipradhe. Die Garofili di colore 
di penzo hinter dem Ohr des Ländlichen 
Herzensbrechers, bei der Arbeit des jungen 
Landvolfs in den Vignen üben ihr heißes 





Werben. — Der Torrero trägt die rote 
Nelke als Kampfesſchmuck. Und jeine Schöne 
rajft ich die Mantille mit roten Nelfen, die 
zum Nelkenrot ihrer Lippen jtimmen. 

Der rote Nelfenbujhen am Hiitl des 
agers jagt dem Dearndl Bejcheid. Auf dem 
Betbüchel trägt ſie Sonntags ihre blut- 
roten Nagerle. Auf wieviel Freud und Ver- 
liebtheit nicden die roten Nelken von den 
fleinen Dearndlfenjtern in den Alpenländern 





Schwarzbleiftififarbener „Euftahins“ und „Arion“, violettrofa und Toublette mit purpurbraun. 


308 


herab, Da gibt’3 die ſchönen herzblutroten 
Sorten, die wie ein Schwall hernieder- 
brechen. 

Bon Bauerhaus zu Bauerhaus wird 
Neltenjenkertaufch getrieben, — auch zwi— 
ichen Bfarre und Pfarre. Beim Glodenflang, 
heißt es in den Alpen, joll man Selten 
jden, Dann werden jte reich gefüllt. 

Die Flajjijche Nelke ift Dianthus cargo- 
phillus, die Gartennelfe. Zu den Taujenden 
und Taufenden, die in den Katalogen der 
Nelkenzüchter mit jchönen Namen prangen, 
fommen immer neue. Denn jeder Nelfen- 
freund zieht neue Farbenjpiele und benennt 
jie nach feinen Lieblingen, nad) Prinzej- 
innen und Dichtern, die jeine Gärtnereien 
bejuchen oder die ihm durch ihre Verdienfte 
wert der Patenſchaft erjcheinen. 

Wie der Gartennelfe ijt die Eigenjchaft, 
in Farben zu variieren, Feiner Blume ge- 
geben. Zu dem Reichtum der Einheitsfarben, 
aller Farben in der Stufenleiter des Sonnen- 
untergangs neben der Farblojigfeit des reinen 
Schnees, aller Tine des menjchlichen In— 
farnat3 — incarnations ijt dag moderne 
engliiche Wort für Nelken — dazu Crzentri- 
zitäten, wie jchiefergrau, filbergrau, braun, 
reinviolett, jchwarzbleijtift, aſchkupfer — 


F. Raimund: 


fommt ein luftiges endloſes Yarbendurch- 
einander innerhalb einzelner Blumenblätter. 

Diefe Raprizen haben aber doch ein 
Syftem, pedantijd wie nur eins. Was an 
Sarbenpifanterien aud) ausgetüftelt werden 
mag, die Zeichnungslinien können immer 
nur den Bahnen der Ernährungsgefäße in 
Den Blumenblättern folgen; und jo entftehen 
immer wieder die alten Farbenmale, Die 
die Zwedmäßigfeit, dem luſtigen Faltervolf, 
das die Befruchtung bejorgt, den Weg zur 
Honigjchenfe zu weijen, mit dem Ideale des 
bejeeiten Menfchenblids, der Schönheit, in 
Einklang bringen. 

Nach dem alten Nelfenfyftem, — dem 
Weißmantelſchen, — richten jich nod) heut- 
zutage alle Nelfenbücher und Xelfenfataloge. 
Bei diejem amiijanten Syjtem gibt der Bau 
der Nelfe — Nelfenbau, — die gemwöhn- 
fiche flache Lage der Blätter, — Ranunfel- 
bau, — zurücdgebogene Blumenblätter, — 
Nojenbau, — Auf- und Einwärtsfrümmung 
der. Blätter, — Halbfugelbau, Pyramidal- 
bau — nur Nebenmerfmale Die maß- 
gebende Einteilung aber gejchieht nach Farbe 
und Zeichnung. Da gibt es die Lujtigften 
Namen bei geftrengen Standesunterjchieden. 

Sarbenblumen heißen die Edlen 





„Brinzeh Victoria von Preußen“, weiße Farbenblume mit Rofajmein. 


Nelken. 





„Zubwig Uhland“ (Ounfelpurpurne GFarbenblume) und „Neftor“ (hellorangegelb mit hellpurpurgeiprigter 
Salamander). 


bom reinjten Wajjer, die ganz einfarbigen. 
Wer da glaubt: weiß ift weiß, rot ijt rot, 
der lerne hier in allen Abjtufungstönen der 
reinen Farben jchwelgen! Weiß ijt da: 
jilberweiß, rahmweiß, ſchneeweiß, perlweiß, 
wacsweiß, alabajterweiß, jchaummeiß, atlas- 
weiß, ſchwanweiß, edelweiß. Mot ift: 
granatrot, dunkelſcharlach, hellſcharlach, 
ponceau, purpurn, lackrot, zinnoberſchar— 
lach, hellzinnoberrot, ſamtpurpurn, hell— 
purpurn, roſaſchön, karminrot ujw. Und 
jede Nuance hat für den Nelkenzüchter 


ihre ganz genaue 
grenzung. 

Aber nun erſt das fröhlichbunte Volk 
der gezeichneten! Obenan die alten gemüt— 
lichen, nicht beſonders geachteten Sala— 
mander! Dieſe Art läßt ſich in einer 
kunſtlos geſpritzten Punktierung der Blumen— 
blätter gehn: weiß mit lila, ſcharlachrot mit 
weiß, lilaroſa mit purpurviolett. — Weit— 
aus feiner ſind die Getuſchten; um— 
faſſend die temperamentvolle Sippe der 
Feuerfaxe, — ein Fax hat immer zwei, 


Bedeutung und Be— 


310 


drei verjchiedene Farben ineinander lo— 
dernd, — und die nach dem Rande zu rein» 
farbenen Flamöſen. Gejuchte Feuerfare 
iind Albert Viktor, aurorafarbiger Far 
mit jcharlach und Schwarz, Graf Walder- 
jee und Hamlet, 
von %. ©. Schmidt 
in Erfurt; Schöne 
Schweizerin, 
ichwefelgelber Feuer- 
far mit lachsroſa 
und purpur, Me» 
Dina, hamois mit 
dunfelpurpur, R a 3 - 
par Haufer, hell- 
chamois mit feurig- 
cerija, ladrot und 
violett aus Carl 
Gronemanns be— 
rühmter Nelkenzüch— 
terei in Blomberg, 
Lippe. Unter den 
Flamöſen leuchtet in 
deſſen 2000 Sorten 
umfaſſender Nelken— 
kollektion ein Fr a u- 
fein Löwe hervor, 
zarteremegelb mit 
ganz zartroja Tujd)- 
hauch. 

Eine weitere 
hochwichtige Nelken- 
jippe ijt Die der ge» 
jtridten Blumen. 
Nelfen, deren Strich- 
zeichnung das ganze 
Blumenblatt bis zum 
Nagel jtreifig durch - 
läuft, heißen Band— 
blumen; nur am 
Mande des Blattes 
nad) der Mitte zu 
gejtrichelte Nelken 
benennt die Nelken— 
wiffenfdaft Pi— 
fotten. 

Matiirlich gibt es 
unter Hohen und Ge— 
ringen nun noch be» 
jondre Schönheiten: Geftalt und Haltung, 
ihöne Fülle, reine Färbung und bejondere 
Größe der Blume können auch eine Nelfe 
geringer Herkunft zu einer viclbeqehrten, 
föjtlichen machen. Cin bejonderer Triumph 





Double Pifotte mit gelber Grundfarbe und 
PBurpurrändern. 


F. Raimund: 


moderner Nelfenzucht ijt eine Annäherung 
der Melfenblatt- an die NRojenblattform; die 
Petale müſſen fic) regelmäßig ausbreiten, 
jtumpf und gerundet fein, eine ftarfe ge- 
regelte Füllung ausmachen, ohne den Kelch 
zu zerplaben. Der 
Stengel einer guten 
Nelke muß jich frei 
und luftig erheben. 

Neben den vor- 
nehmen Nelken gibt 
es Nebenlinien, land- 
liche Vettern und 
Bafen von oft be- 
zwingender Lieblich- 
feit. Da ijt die gefüllte 
Zwergnelke, jo- 
dann Die vreizende 
fleißigeFedernelke, 
die in üppigen, dich— 
ten Mengen, die kein 
Blatt ſehen laſſen, 
wie breite weiße 
oder rote Pelzſtrei— 
fen um die Beete 
ſteht und den ganzen 
Garten mit ihrem 
würzigen Wohl⸗ 
geruch überweht. Auf 
den Rabatten ſpreizt 
ſich die Kartäu— 
ſernelke mit ſtren— 
ger Sternzeichnung 
im altmodiſchen 
Dunkelkarmin der 
ſtraußartigen Dol— 
den. Die ſchönſte 
der alten, duftloſen 
Chineſer-Nel— 
ken, noch heute ein 
Schoßkind mancher 
Gärtner, iſt die von 
einem ruſſiſchen 
Gärtner eingeführte 
Haddewigi, Dian- 
thus chinensis impe— 
rialis, eine ungefüllte 
mit fünf ganz tief 
zerſchliſſenen, gra— 
vitätiſch gebreiteten Blättern, ſchlicht karmin 
bis ſchwarzkarmin, mit weißen Saftmalen 
und dunkelſchwarzer Zone. 

Die wilden Nelken der Berghänge, 
der Wieſen, der Halden rufen durch das 


u ae 


„Prinzeß von Koburg“ (zartſchwefelgelbe Rifotte mit bellem Mand), „Brinzei 


) 
i 





Marie” (dunkeleremegelbe Pikotte 


ze 
mit kupferſcharlachnem Rand), „Hertha von Rheeden“ (reinweis) und „Indianer“ (fupferrote Farbenblume, 


übergehend in aſchkupfer). 


312 


brennende Rot ihrer Blumenfrone die ge- 
flügelten, Tanggerüfjelten Freunde und Be- 
jamungsvermittler jubelnd zu Gaft. Wilde 
Nelken find die Poeſie unjerer Wiejen und 
Fluren. In zarteften Schleiern webt die große 
Menge der wie in tiefgezadelten Tanzröcdchen 
im Winde wehen- 
den Wiejenfeder- 
nelfen, Dianthus 
plumaris, ihr leuch— 
tendes Tiefroja ing 
blumige Wiejengrün. 
Zugunjten der ge 
liebtenFlügelfreunde 
hält die Pechnelke, 
die Schweſter der 
Federnelke, die von 
unten ankriechenden 
Schmarotzer mit 
Klebſtoffen fern. 
Am Heideſaum 
in heißer Sommer— 
glut blüht in man— 
cherlei Arten die 
kleine harte Stein— 
nelke mit ihrem 
Purpurauge. 
Trauermantel und 
Pfauenauge umgau— 
keln dieſes bluts— 
tropfenrote eigent— 
liche Nägelin. 
Sind alle dieſe 
wilden, einfachen 
Naturkinder beſchei— 
den und urgeſund, 
ſo wollen Garten— 
nelken dagegen ſehr 
ſorgſam gewartet 
ſein. Sie neigen 
zu Krankheiten. 
Nachtfröſte töten ſie 
leicht, zu ſtarker 
Sonnenſchein ſcha— 
det ihnen, Regen 
tut ihnen weh. Die 
Blätter nehmen ihn zwar nicht an, man 
braucht nicht übertrieben ängſtlich zu ſein. Ich 
ſah im vorigen Sommer in einem alten 
großen Handelsgarten ein Mädchen Hunderte 
großer weißer Nelkenſträuße ineinem Brunnen: 
trog eintauchen und abjprigen, daß die Tropfen 





Cinfadhe Pechnelke. 


F. Raimund: Neffen. 


abjtäubten wie von einem fich fchüttelnden 
Schwan; deshalb ijt auch der Tau auf Nelfen 
jo jhön; aber im engen, fejtgejchlofjenen 
Kelch gefüllter Nelken fammelt fich das Naf 
Dauernder Megenzeiten und bringt Fäule 
hervor. — Ein noch jchlimmeres Leiden, an 
dem gerade Die jchön- 
jten und reichſten 
Sorten leiden, nennt 
ih Hohlkrankheit. 
Es beiteht im An- 
jchwellen des Sten- 
gels und rührt von 
zu rober und zu 
fetter Erde her; da 
hilft Berpflanzen in 
mageres Erdreich! 
— Bu üppigen Nel- 
fen plagen die Kelche; 
der Nelfenvater legt 
derartig Entitellten 
zwängende Gummti- 
ringe um, die ihre 
Fülle zufammenhal- 
ten; bei gejchnittenen 
Kelten verrichtet 
diejen Dienft ein 
ganz feiner Draht. 
So muß Hof- 
art wohl Zwang 
leiden. Und Die 
Ihönen Nelkenkinder 
machen ihren Pfle— 
gern manche Mot. 
Uber es Liegt ein 
Sonnenlachen über 
Diejen Nöten. Und 
es jcheint mir, alg 
ob Sonne troß Eis 
und Nacht in die- 
jem Dajein doch die 
Hauptjache wäre,und 
jet eS nur Die der 
Erinnerung! 

Ein jonnenheller 
Sommergarten in 
einer unbändigen Fülle von Schönheit und 
Srohjinn, über und über voll von Nelken, 
voll glühend roter, roja, weißer, gelber, gold- 
lodernder, duftausjtrahlender Nelken, ein 
echtes rechtes Melfenparadies fchwebte mir 
vor, als ich dieje Zeilen fried! 








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Am Praterftern. Gemälde von Beinrichb Tormec-Wien. 





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Wus dem Entwurf Hans Holbeins für das Haus „Zum Tanz“ in Bafel. 


Mailitte und Ildilehen. 


Uon 


Dr. Hans Sendling. 


Ur alten Vorfahren wußten nichts von 
vier Jahreszeiten. Dieje jind Erzeug- 
nijje römijcher Zeitrechnerei, die ſich, zu- 
fammen mit viel anderer Kultur der ri- 
mischen Stadtmenjchen, zu den Deutjchen 
übertragen haben. Zuvor beachteten die 
Germanen, alS Naturfinder und Land- 
bauern und weil fie viel mehr Empfindungs- 
menschen denn Rechner waren, nur den 
einen großen Naturvorgang im Wechjel er- 
grünender und erjtarrender Jahreszeit, von 
Sommer und Winter. Der Dualismus von 
Leben und Tod in der Natur ward bei 
ihnen, genau wie bei den Griechen und 
anderen Andogermanen, zum Inhalt des 
großen Mythos der unter den verjchiedenjten 
Namen fic) wiederholenden Balder- oder 
Wdonisjage. Der Germane der alten Beit 
hatte noch feinen anderen Kalender als die 
Natur um ihn Her. Aus dem Schwellen 
und Knoſpen der Birken oder Buchen, aus 
dem Wachstum der Saat, je nachdem fic 
die drinjigende Krähe zudedte oder zu des 
Mannes Hüfte reichte, aus Blumen und 
Grad, Ernte und Früchten las er den 
Fortgang des Yahres ab. Und jene ge- 
nauer auf den Tag geitellten Termine, die 
für das Erjcheinen zu Thing und Heerfahrt 
notwendig waren, die las er aus den Phaſen 
des wachjenden oder jchwindenden Mondes 
ab. Ungefähr fo hat's der deutjche Laie 
nod) im Mittelalter gehalten, wenn and 
der Kferifer im Klojter und in der Königs- 

Velhagen & Klaſings Monatshejte. 


XIX. Jahrg. 1904/1905. 


(Abdruck verboten.) 
Der Mai will fid) mit Gunijten, 
Mit Gunjten beweijen, 
Prüf id) an aller Vögelein Gefang, 
Der Sommer tommt, vor gar nicht lang 
Bic fang cect wie ein Gaitenipiel: 
Der Mai bald will 
Ten lichten Sommer bringen 
Und zwingen 
Die Jungfräulein zu Springen und Gingen. 
(Wunderhorn.) 
fanzlei nun längſt mit dem fchriftlichen, 
aus rimijden und firdlicken Normen zu- 
jammengejepten Kalender hantierte. 
Vergebens juht man in dem Lieder- 
Ihate der ſchönſten mittelhochdeutjchen Zeit 
nad) den uns geläufigen Worten Frühling, 
Lenz und Herbjt. Frühling ijt überhaupt 
erjt im XV. Sahrhundert aufgefommen. 
Herbjt ijt ein alter Spezialausdrud für das 
Pflüden des Obſtes und der Reben; das 
Wort deckt fic) fprachlic) in forrefter Laut- 
geichichtlichkeit mit dem lateiniſchen carpere, 
pflüden, und dem griechiſchen zaoros, 
Srudt. Drum meint noch heute der Wein- 
bauer nichts anderes, als das Trauben- 
jhneiden, wenn er vom Herbjten fpricht, 
und verjteht unter Herbjt den Ertrag jeiner 
Nebgärten: ob's ein Mittelherbit oder etwas 
befiere® war. Lenz ijt ein urjprüngliches 
Beitwort, der Ausdrud für das „Längen“, 
Längerwerden der Tage, ,lengizin” nad 
althochdeutjcher Form; auch hier ijt, wie 
bei Herbjt, viel jpäter der Begriff eines 
bejtimmten Jahresquartals mit dem Worte 
verbunden worden. Während Luther nocd 
von dem „Lenzen“ Spricht, dringt um Dieje 
Beit die ftarfe Masfulinform Lenz vor, die 
allmählich allein in Geltung bleibt, weil 
man die Herkunft des neuen Hauptiwortes 
aus einem Anfinitiv vergaß. Das alles 
ijt alfo nicht alt. Wieviel auch Walter 
von der Vogelweide von Jubel und Stlage 
der Jahresgezeiten und des Menjchenherzens 
II. Bb. 21 


314 


in ihnen Ddichtet, fo find e3 immer und 
immer wieder nur Winter und Sommer, 
wovon er weiß. 


Sumer, made und aber frö! 

Du ziereft anger unde Io. 

Mit den Bluomen fpilte ich d6, 
Min Herze frvebte in Gunnen H6 — 
Daß jaget der Winter in ein Stro. 


(„Aber” ift „wieder, abermals”, und 
„18“ ift Buchwald, wie in unzähligen Orts- 
namen auf -loh (Mandelsloh] oder auf -loch 
und lad. Am übrigen braudt man Die 
alte Sprache meift nur laut zu leſen, um 
jie auch Heute noch ohne ängſtliche Gelehr- 
jamfeit ganz gut zu verftehen.) Winter 
und Sommer, darin liegt alles bejdloffen, 
bei Walter wie bei den übrigen Sängern 
de3 Mitterliedeg und denen des Bolfs- 
gefanges: auf der einen Seite Ungemad, 
Lebensnot, untätige Sorge, auf der anderen 
Erwachen, Freiheit und frohe Kraft. Und 
immer ift’8 Der Mai, auf deſſen weichen 
Lüften die „guote Zit”, der Sommer ins 
Land gefahren kommt — 

S6 die Bluomen üß dem Graje dringent, 

Same (al8 ob) fie laden gegen der jpieleden 
Sunnen, 

Yn einem Meien an dem Morgen fruo, 

Und din feinen Vogellin wol fingent 

In ir beiten Mile, die fie funnen, 

Wap Wine mac fic) dä genözen (gleichitellen) zuo? 


Rein 21. März, um den c3 dicsfeits 
der Alpen fröjtelt und der Winterhaud) noch 
aus der Erde gefrorenen Tiefen ftrömt, 
jondern der Mai, das ijt der Empfindung 
unjerer alten Vorfahren die erlöjende Zeit 
und alles Lebens Beginn. 

Der Ausdrud „Mai“ ijt nun ebenfalls 
nidt an dem Landmannsfalender der Blu- 
men und Roggenhalme gewachſen, von dem 
vorhin die Rede war. Wie Form und 
Länge unferer Monate, fo ijt auch da 
Wort Mai römischen Urjprungs. C3 geht 
guriid auf den Namen der altitalijcden 
Naturgottheit Maja, die man nicht ohne 
weiteres mit der griechischen Maia, der 
Mutter des Hermes, verwechleln darf. Auch 
nicht mit der indischen Maja. Zwar ver- 
firpert auch dieſe, ganz tie die römische 
Maja, das feminine Welen überhaupt, und 
Daher ijt Maja insbefondere die Allmutter 
der Erde, der Welt. Wher im miiden Peſ— 
ſimismus der jüngeren Religionsphiloſophie 
diejes Volfes wird das weibliche Prinzip 


Dr. Hans Sendling: 


alg der Trug jchlechthin aufgefaßt, das ver- 
Ichleierte und täujchende Bild. Entiprechend 
wird die aus Majas Schoß entitammte in- 
diihe Welt zu einer bloßen Bortäufchung 
alles Seine. Die altrdmijde Maja hat 
damit nichts zu tun. Sie ift noch ohne 
jede aus Defadenz gefloffene Refignation die 
mythologijde BWertreterin der fraftvollen 
Lebensempfanguis und des Wachstums in 
der Natur. Drum gab fie ihren Namen 
dem Monat Majus, der ein männlicher 
fein mußte, weil mensis ein Maskulin ijt. 
Mit diejer jprachlidjen Bedeutung des fprießein- 
den Lebens, ohne von der Etymologie übrigens 
zu wijjen, übernahmen die alten Deutjchen 
den Namen Mai. Sie deflinierten ihn dann 
auf ihre Weile und verwandten aud) im 
Nominativ gerne die heimiſch flingenden 
Formen „der Meie“ und „der Meien“. 
Denn unferer gebildeten Lehrlingsangit, 
nur ja alles „richtig“ zu fchreiben und 
auszusprechen, von Remilly und Sulmierzyce 
bis nad) Kiautſchou und den Marjhallinjeln, 
entjchlugen fie fic) noch glüdlichen Herzens 
aus dem naiven Nechtsanfpruch, zu fpredjen 
und zu jchreiben, wie ihnen felber der 
Schnabel gewachjen fei; fie verfuhren aljo 
jo, wie bis auf den heutigen Tag die 
Franzoſen, Engländer und andere Bölfer 
bon verfeinerter und ficherer Bildung tun. 

Mit der nahenden Maienzeit erftanden 
nicht bloß die Natur und der mittelalter- 
lihe Menſch vom Winterfdlaf. Es begann 
auch der Austrieb, die Weidezeit, begann 
da3 Hirtenleben der Kinder oder der dafür 
eigens angenommenen Leute. Der nahende 
Mai ward für das ländliche Gejinde die 
Beit des Bugiehens, des Abſchieds von 
daheim, des Cintritts in den Haushalt de3 
Lohnbherrn. Keine Beit im Jahre fiebt, 
beim Beligenden wie beim Knecht, jo viel 
Hoffnungen und ungewifje Fragen zujammen- 
gedrängt, als dieſe. Ach vermeide es, dieſe 
Beit bet zugejpißten Ralenderterminen zu 
nennen; Die Hat fie eben nicht, man gebt 
nicht fo ftrift nad) der Tabelle. Für ein- 
zelnes allerdings, jpesiell für den Gefinde- 
wechjel, empfahl fich bei zunchmender Prä— 
ziſierung aller Verhaltniffe ein feytes Datum. 
Da wird denn der nahe vor dem Maianfang 
gelegene anſehnliche Heiligentag des Ritters 
St. Georg, der 23. April (Georgi), zum 
großen Termin fir jegliche Lohne und Miet— 
verhältniſſe und zum ſozuſagen formellen 


Maijitte und Mailchen. 


Commerbeginn, während der dem HI. Georg 
verwandte St. Michael zu Ende September 
ganz ähnlich den Schlußtermin der Ernte- 
zeit und der Gejindeverträge bezeichnete. 
Nah dem Gejagten ijt es verjtändlich, 
wenn feine Beit im Jahre jo voll ftedt 
von volfstümlichen Feltlitten und Gebräu- 
hen, von aberglaubijd) eingefleideten Wiin- 
jdjen und Bitten, wie die um den Mai- 
beginn. Schon die Erlöjung vom Winter 
begehrt nad) Dank- und Siegesfeften; die 
Hoffnungen für den Ertrag von Weidewirt- 
ſchaft, Ackerſaat, Obſtblüte verlangen nad) 
Zeremonien, um ſich auszuſprechen, die 
Gottheit geneigt zu ſtimmen, die böſen 
Mächte zu bannen; der wieder ausſchlüp— 
fende Menſch mit ſeinen Zukunftfragen und 
ſeines Herzens verjüngtem Sehnen will ſeine 
neuerwachte Lebensfülle ausjubeln, will tan— 
zen und ſpringen und möchte des Übrigen 
durch ein Gutſein von Menſch zu Menſchen 
getröſtet ſein. Hell und fröhlich, dunkel 
und geheimnisvoll mengen ſich die Mai— 
bräuche in unendlicher Vielgeſtaltigkeit durch— 
einander, nicht nur durch Inhalt und Zweck 
kaum überſehbar variiert, ſondern auch 
durch örtliche Verſchiedenheit. Aber ſchließ— 
lich läßt ſich alles auf die gleichen pſychiſchen 
Ausgänge und Grundlinien zurückführen, die 
mit dem Obigen ſchon ausgeſprochen ſind. 
Immer ſo, daß das Materielle und das 
Freudig-Impulſive durchaus überwiegt, das 
abſtrahierend Äüſthetiſche noch unentwickelt 
iſt. Bei aller Lebhaftigkeit, die der mittel— 
alterlichen Naturempfindung zu eigen iſt, 
hat ſie doch erſt in ſehr geringem Maße 
ein bewußtes Erkenntnisvermögen, und zu 
differenzieren vermag ſie gar nicht. So— 
bald ſie ſich poetiſch ausdrücken will, wie— 
derholt ſie konventionell der Vöglein Schall 
und das Sprießen von Blumen und Gras; 
erſt an ſeinen Zeitgenoſſen ermißt man 
ganz, was Walter von der Vogelweide für 
ein echter Dichter und großer Künſtler ijt. 
Nod) heute jtellen die Überrefte der 
alten Maifitten eine bunte Fülle dar, jo 
erheblid) aud) die Stadtkultur und Leje- 
weisheit, die verjtändnislofe Niüchternheit 
überlegener, jpöttelnder Bildung das nur 
Überlieferte zum NRüdjtändigen geſtempelt 
und mit ihm aufgeräumt haben. Nicht 
zuletzt auch die Behörden. Schon im 
XVII Jahrhundert erbliden wir die Bureau— 
fratie im Borgehen gegen die alten zweck— 


315 


loſen Bräuche, die fie nicht in ihren Sche— 
matismen hat und die ihr vom Standpunkt 
des dhrijtlichen Staates gutenteil3 als An- 
ftößigfeiten erfcheinen. Unter anderen haben 
die Behörden des Großen Kurfürſten in 
jeinen weſtfäliſchen Gebietsteilen Verord— 
nungen gegen die Maigebräuche und Bich- 
fegen beim Wustrieb der Herden erlajjen, 
durchaus nad) dem Gutheipen und Willen 
ihres ftrengen, frommen Herrn. Man hat 
damit die Dinge nicht aus der Welt ge- 
Ichafft, man hat fie nur vom Tageslicht ab- 
gedrängt, fie ausgefdloffen von der Weiter- 
entwidlung mit der lebendigen Kultur, die 
aden zwifchen ihnen und dem fich allgemein 
verfeinernden Empfinden zerrifjen, das Bäue- 
rijde darin, das Naive und oft Derbe, in 
halben oder ganzen Heimlichfeiten übrig 
gelaffen. Wie reizend und poetifch die im 
altgermanijden Nlatur- Mythus mwurzelnden 
Bräuche fic) fortentwideln können, wenn 
man fie in ungeftirter Fühlung mit der 
allgemeinen Erziehung und Bildung bleiben 
läßt, dafür fet, al3 nur ein Beispiel, auf 
die jährliche Brunnenweihe am Duell von 
Bopperode bei Mühlhaujen in Thüringen 
hingewiejen, die nicht etwa eine künstliche 
Miederbelebung ijt, fondern in ununter- 
brochener Geſchichte zuletzt auf die alt- 
germanijden Ouellfulte zurüdläuft. Aber 
Mühlhaujen war bis 1802 Neidjsjtadt. 
In diefen fleinen Gemeinwejen da war der 
Beamte einheimifdes Ctadtkind und war 
in unbvergefjenen Knabenjahren, ehe er ſich 
in die Bwedproja des Römerrechtes jtiirste, 
jelber hinausgezogen zu der volfsbeliebten 
Feier. Sicherlich) haben wir es zum guten 
Teil auf das Nichtvorhandenfein oder das 
Vorhandenjein perjönlichen Verſtändniſſes 
für das Wolf bei der Obrigfeit zurüd- 
zuführen, wenn in den ‚größeren deutjchen 
Staaten die altdeutfchen Überlieferungen am 
meijten verfümmert oder dod) aus der ge— 
bildeten Offentlichkeit verdrängt ſind, wäh— 
rend ſie in kleineren Staaten, namentlich 
den thüringiſchen, unter ſelbſtlätiger Aus⸗ 
ſcheidung deſſen, was heute nicht mehr mög— 
lich iſt, ihren poetiſchen Inhalt bewahrt 
haben. Heute freilich ſucht man Landes- 
trachten, Volksbräuche und alles dahin Ge— 
hörige wieder zum Leben zu bringen, nach— 
dem man ſo lange Zeit nur Verachtung und 
Unterdrückung gehabt hat. Unſer Staat, der 
doch erziehen will oder ſoll, begriff und 


— 


316 


begreift jo jelten, daß diejenigen Erzieher, 
die fid) mit den Kindern zufammentun, die 
auf deren Anliegen und Intereſſen eingehen, 
jo jehr viel weiter fommen, als die Eltern 
oder Schulmeiiter mit dem ewigen Das 
darfitdunicht und der Prügelphyliognomie. 

. Je unmündiger das Gemüt, defto hart- 
nädiger widerjtcht e3 dem Verbot; gerade 
die Kinder find e3 denn aud) in eriter 
Linie, die fid) die alten Freudenfeſte über 
da3 Unterliegen des böſen Winters und 
den Cieg des milden Maien bis in die 
Gegenwart erhalten Haben. 

Die Beit diejes Fejtes, auf den römijch- 
hriftlichen Kalender projiziert, ſchwankt von 
der Faftengeit bis gegen Pfingſten. Gn den 
flimatifd) milden Gegenden um Heidelberg 
ijt Latare, der zweite Sonntag vor Tale 
marum, der ,Gommertag”. Bon Lenz 
oder Frühling ijt nicht die Rede, obwohl 
der „Sommertag” ſehr früh in den März 
geraten, unter Umftänden auf den 1. März 
fallen fann. Das Heidelberger Feſt ijt ein 
relativ woblerhaltenes; die fränkischen Ge- 
genden, weil bis and Ende des alten Reiches 
territorial jehr zeriplittert, gehören über- 
haupt zu den bewahrenden in volfstiimlichen 
Dingen. 

Eier und Brezel — Ginnbilder der 
jid) regenden Fruchtbarfeit in Tier und 
eld, ſowie des dem Menſchen daraus er- 
wacdjenden Ertrag —, grüne Sträuße, 
flatternde Blätter und deren uralter Erjaß, 
gefräufelte Hobeljpähne, werden an weip- 
geichälten langen Stöden angebradt, und 
diefe tragend geleitet ein twogender Zug 
von Sämtlihen Kindern der Nedaritadt 
dur die Straßen den fieghaften Commer 
und den Winter, der weichen muß. C3 ift 
wiederum feine moderne Bettelei, jondern 
eine in alten formellen Beitragleiftungen 
wurzelnde Übung, wenn im Vorbeiziehen 
an den Haujern Heine Münzen eingefammelt 
werden. Der Winter wird von einem 
Sungen Dargeftellt, der in einer großen 
groben Strohhülſe ftedt; nur aus Ver— 
fennung wird dieſe neuerdings aud) wohl 
geihmüdt. Den Sommer aber umhüllt fröh- 
liches Tannengrün, von deſſen zuſammen— 
gebundenem Schopf die langen bunten Bänder 
flattern. Dazu ſingt die ganze ſtadtdurch— 
wallende Schar mit den unermüdlichen und 
ergreifenden Kinderſtimmen das folgende 
Lied, deſſen Melodei der pfälziſchen Un— 


Dr. Hans Sendling: 


verzagtheit wenig nachgibt, womit der Text 
den alten Inhalt gleichzeitig wahrt und 
zeitgemäß auffriſcht: 


Strieh Strah Stroh, 

Der Summerdag iſch do! 

Der Summer un der Winner 
Des ſinn Geſchwiſterkinner — 
Summerdag, Staab aas (aus), 
Schlag dem Winner d'Aage aas, 
Strieh Strah Stroh, 

Der Summerdag ijch do. 


36 hör’ die Schliffel Hinge, 
Was werre fe uns dann bringe? 

Rote Wein und Brezel drein, 

Was nod) dazu? Paar neie Schuh — 

Strieh Strah Stroh, 

Der Summerdag iſch do: 

Heit übers Johr 

Do ſimmer widr do! 

O du alder Stockfiſch, 

Wemmer kummt, do hoſchte nix, 

Du gibſcht uns alle Johr nix — 

Strieh Strah Stroh, 

Der Summerdag iſch do! 


Durch das ganze fränkiſche Volksgebiet 
bis ins Schleſiſche hinein war und iſt dieſe 
Form des „Sommergewinns“ bekannt, doc) 
fehlen die Schwaben, Bayern und Nieder- 
jahjen mit ganz ähnlichen Winteraustrei- 
bungen nicht. Bon der Freigebigfcit der 
leichtherzigen Bayern an die Veranftalter 
rührt die dortige Redewendung Her, dal 
jemand, der ſchwer mit allerhand Gaben 
bepadt ijt, zu tragen habe , wie der Sommer 
und Winter“. Bielfach befommt der Winter 
feine Prügel, wenn aud) auf den Strohpelz 
und nicht gleich jo grob, wie ifm in der 
Pfalz verheigen wird. Schließlich wird er 
in den Wald gejagt, wie der friedlos Ent- 
jippte, der „ichweifende Wolf“ (wargs) der 
altgermanifchen Zeit; oder die Strohpuppe 
wird gejteinigt, aufgehangen, im Brunnen 
ertränft. 

Andersivo wiederum wird nur eine 
Figur, der „Sommer“ oder „Maien“, feit- 
lid) eingeholt, aud) hier in Gejtalt eines 
in Grün gefleideten Burfchen oder Zungen. 
Auf ihn werden noch verjchiedene Namen 
übertragen: Maigraf, Mtaifinig (in Süd- 
ichweden Blumenfönig), Grasfinig, grüner 
Mann, Maienröslein, oder mit minder zärt- 
lidjem Vollshumor: Lattidjfinig, Latzmann, 
Pfingſtlümmel. Wie nun diefe urſprünglich 
jehr ernjt genommene Figur den Segen 
verfürpert, den der Sommer bringen foll, 
jo verwendet man in dem bejonderen Fall 


Maifitte und Mailehen. 


der Negenbitte dasjelbe Sinnbild. Bei 
fanganbaltender Dürre wird ein in Grün 
gehüllter Junge umhergeführt und fchließlich 
ing Waffer geworfen oder in den Brunnen 
getaucht: ein fymbolifder Uberrejt urzeit- 
lider Darbringungsopfer an die über das 
feuchte Element gebietende Gottheit. (Nur 
eine den alten Sinn entitellende Uber- 
tragung, jogennnnte Analogiebildung, ijt es, 
wenn aud) der Winter gutveilen ertrdntt 
wird, wie vorhin erwähnt wurde.) Auf 
die Urzeitlichfeit diejer Gorm von Regen- 
bitte fällt ſchon dadurch ein Streiflidt, daß 
die Slawen, unter den Yndogermanen die 
und nächjtverwandte Gruppe, fpeziell Die 
Südjlawen, die am meilten vom Regen 
abhängen, bei großer Dürre das fchönfte 
Mädchen des Dorfes — damit das ehe- 
malige Opfer den Göttern auch wert genug 
jet — in luftiges Grün büllen, mit ihm 
umziehen und e3 gründlich mit Waller be- 
gießen. Auch für den Tatholifchen Prieſter 
fol manchenorts bei Bittprozefjionen um 
Regen ein grünes MteBgewand geboten fein, 
dod) möchte id) den Hinweis nicht unter- 
lafjen, daß in der regenbedürftigen Trini- 
tatiszeit Grün überhaupt die Titurgifche 
Farbe ijt. 

An die Rolle, welche das alte Symbol 
der buntgefochten und bemalten Eier aud) 
außerhalb des Gommertags im Frühling 
jpielt, braucht nur erinnert zu werden. Die 
firchlichen Gejte und Sonntage geben immer 
nur Die geeignete Anlehnung Her. Wie 
denn das Ofterfejt überhaupt jehr viel Fuge 
Anpafjung der chriftlichen Miffionare an 
die germanijden Frühlingskulte in ſich auf- 
genommen hat. Sogar jeinen Namen bei 
uns hat e3 von der Gottheit Oftara oder 
- Auftrö: der früh erfcheinenden Sonne am 
Dithimmel, die mit der italijden Aurora, 
der griechiichen Cos und der indischen Usrä, 
Morgenrdte, litauiſchen auszra, fprachge- 
ſchichtlich zuſammengehört. 

An Sonnenſymbolik knüpft ferner das 
feſtliche „Scheibenſchicken“ an. Glühend ge— 
machte hölzerne Rundſcheiben werden mittels 
hindurchgeſteckter Stöcke wie eine Art Freude- 
raketen von Bergen und Anhöhen ins Tal 
geſchleudert. Die zeitlichen Schwankungen 
dieſes Brauches füllen die Zeit von Faſt— 
nacht bis Johannis oder, was damit ge— 
meint iſt, bis zur Sonnenwende. Alſo die 
ganze Zeit der eindrucksdeutlich zunehmen— 


317 


den Tageslänge und der jungen Lebens— 


ſpende durch die leuchtende Himmelskraft. 
Die meiſten Maibräuche feiern und 
danken nicht nur, ſondern haben einen 
Bittzweck als Inhalt. Soweit ſie mit dem 
Vieh zuſammenhängen, haben ſie ſich meiſt 
an den 1. Mai gehängt, der ein beſſerer 
Termin war, als das von feinem orienta- 
liſchen Paffah-Urfprung her zwiſchen fünf- 
unddreißig Tagen jchwanfende Oſterfeſt. 
Schon das mit dem Viehaustrieb erfolgende 
Reinigen der Ställe bringt viele Zeremonien 
mit fi, wovon das Schwenfen eines Io- - 
dernden Strohwiſches nach den vier Himmel3- 
richtungen hervorgehoben fei: herrührend 
aus heiligenden Handlungen mit der läu- 
ternden, reinigenden Kraft des Feuers, die 
fo mandem Opferbraudje zugrunde Tiegt. 
Das auszutreibende Vieh oder ein erlejfenes 
einzelne® Tier, eine fchöne junge Starke, 
wird mit Nuten gefdlagen, oder e3 werden 
Kämpfe der Tiere veranjtaltet und die 
fiegende Kuh wird als Heerkuh befrangt. 
Das ift ein ins fehr Gelinde abgewandeltes 
Schädigen und Opfern des Viehes, welche: 
nach bdemfelben Gedanfengange wie im 
„Ring des Polykrates“ geichieht, um Schaden 
durch die Gottheit abzulenken, Gejundbeit, 
Fruchtbarkeit zu erflehen. Der Ginn des 
Opfers ijt immer Entjagen und Darbringen 
zugunften jener höheren Gewalt. Daß 
jene3 Nutenftreihen der ſchönſten Starke 
oder jungen Kuh ein abgeichwächtes altes 
Tieropfer ift, ift um fo ficherer, als gum 
Viehaustreib, ganz wie zu den alten Opfer- 
handlungen, Fleiſchſchmauſereien nebjt Tänzen 
gehören, die unter dem Namen Hammel- 
tanz, Kuhtanz hier und da erhalten find. 
Der Hammel als das geringere Wertobjeft 
vermittelt den Übergang zum gänzlichen 
Verziht auf ein Schladht- und Opferfejt. 
Dem Gedeihen der Felder, der Frucht- 
barfeit der Saat gelten die Mairitte, die 
Umritte um die Dorfflur und die Getreide- 
ichläge. Sie find wiederum Überrefte der 
alten Götterprozejlionen und Umfahrten, die 
namentlid) mit dem Bilde der Nerthus 


auf einem fafralen Ochjenfarren — nod) 
die Meroiwingenfinige fahren bet zeremo- 
niellen geierlidjfeiten mit Ochjen — vor- 


genommen wurden. Nerthus, „Terra mater“, 
wie Tacitus jelber überjeßt, ijt die richtige 
Namensform, Hertha nichts als eine ver- 
lejene Tertvariante. Nerthus ift die ger- 


318 


manijde Maja, die göttlih-weiblihde Sym- 
bolifierung der Fruchtbarkeit, des Frühling?» 
erwachens in der gefamten, ſowohl der 
befeelten wie der vegetativen Natur. Daß 
die mit Fahnen und Heiligenbildern um- 
ziehenden chriftlichen Prozeſſionen angepaßte 
Fortſetzungen der alten germanijden Flur— 
umgänge enthalten, darauf jer nur furs 
hingewieſen. — Noch heute werden bei 
jolhen Frühlingsfeiten, 3. B. beim Sechſe— 
läuten in Züri, Puppen auf Wagen um- 
hergefahren. Anjtatt der Puppe tritt nun 
auch wieder der Icbende geihmüdte Menjch 
in die Rolle des Götteridol3 beim Früh— 
ling3fult der Erdmutter Nerthus. Freilich, 
wo man fic) vom Altmythologijchen bereits 
löfte und einfacher an den männlichen Gom- 
mer dachte, da wählte man naturgemäß 
einen Burschen. Wo jedoch die Erinnerung 
an die Erdmutter deutlicher nachwirkte, da 
nahm man weibliche Wejen; daher auch bei 
verwandten mbdogermanifden Völkern. Der 
germanifche Norden fennt neben dem fcho- 
nenfchen Blumentfinig die Majdrottning 
(Maifinigin), und von nicderlandijdjen Gee 
bieten wird aus dem XID. Sahrhundert 
erzählt, daß man zu den Frühlingsfeiten 
eine weibliche Perſon (aliquam ex concubinis 
sacerdotum) mit Purpur und Diadem ver- 
zierte, fie umberfiihrte und „als ein Götter- 
bild verehrte” (tamquam idolum colebant). 
Wir erhalten in diejer lateinisch - dhronifa- 
lijchen Notiz den Fingerzeig, daß die von 
den Städten ausgehende burlesfe Entartung 
des alten Volksbrauchs dahin gewirkt haben 
mag, von der Beteiligung ehrbarer Mädchen 
abzujehen; der ländlicher und harmlofer ge- 
bliebene Norden konnte fie eher beibehalten. 

Mitten in dem fejtlid) frohen Treiben 
fteht in der urjprünglich- alten Zeit der 
Menſch als felber ein völliges Stüd Natur. 
Wejundheit und Wert des Lebens aud) für 
jeine Perjon erhofft er von dem Erjcheinen 
der guten Jahreszeit. Gejundheit und Kraft 
will er gewinnen durch die (nadjmals von 
eınpfindlicherer Gefittung zurücdgedrängten 
oder in bloße Spaziergänge a la Kneipp 
abgewandelten) Maibäder, die die junge 
Graft der Erde in den Mienjchen übertragen: 
indem man fih im Wiejen- und Najentau 
des Maimorgens wälzt oder auc) wohl einer 
den anderen hindurch jchleift. Vie zahl- 
lojen Ubergänge von einem Maibrauch in 
den anderen finden bier wieder ihr Beijpiel 


Dr. sans 


Cendling: 


darin, daß in weftfalijden Gegenden der 
Pferdejunge, der erftmals auf die Weide 
hinausfam, nachdrüdlih durch den Tau ge- 
jchleift wurde, damit dies, noch mehr als 
ihm, den Pferden zugute fomme. Ferner 
befranat man nicht bloß das Vieh, fondern 
ih felber, und ihre Wohnungen ſchmücken 
die Menſchen mit Grün, mit „Maien“, 
was felbjt die großen Städte in Nord- 
deutjchland heute nod) nicht miffen wollen. 
Und mit dem Maienholen wiederum ver- 
binden fih die Maigänge in aller Frühe 
De Maitags (oder and) Pfingſttages), dic 
das junge Volk weithin in Deutichland 
fennt. Wud) den fchönen Umzug der drei 
Jenaiſchen Burſchenſchaften in der Mai- 
naht unter dem Gefang des Geibelfchen 
Liedes fann man hierzu anführen. Alles 
das in feinen modernifierten Formen be- 
rührt fic) dem Urjprung nach mit den ſchon 
erwähnten Maigängen um die Felder und 
mit weiterhin mod) zu nennendem Brauch. 

Man darf nicht Scharf trennen wollen, 
ob der Maigang am Vorabend, in der 
Frühnacht, oder erjt am Frühmorgen ge- 
ſchieht; Hier find e8 einfach der Beruf der 
einzelnen Klaſſen und ähnliche praftijche 
Nüdjichten, die Ddifferengierend eingewirkt 
haben. 

Die Frühlpaziergänge, die Taubäder, 
die Wusfliige von jungen Leuten mit ihren 
Schätzlein zu den Gejundbrunnen wurden 
aud) Maikur genannt. Der Münchener 
Stadtbürger hat das Wort Maifur über- 
tragen auf die große tagtdglidje Bockbier 
figung, der er im Zeichen des Mailüfter! 
ih gewifjenhaft unterzieht, folange der Bod- 
feller Vorrat hat. Befanntlid) wird der 
Bod dajelbjt nicht abends, jondern über 
tags ausgefchenft, und man fängt erſtaun— 
lid) früh an. Der bayerifche Refidensler 
halt’s aljo, auf feine Art, mit dem rheini- 
jden Bedherliede aus Fiſcharts Beit: 

Man jagt, wohl in dem Maien 
Da find die Brünnlein geſund, 
Sc glaub's nicht, meiner Treuen: 
Es ſchwenkt etn’ nur den Mund 
Und tut im Magen jchmweben, 
Drum wil’3 mir auch nicht ein; 
Sch lob’ die edlen Neben, 

Vie bringen ung guten Wein. 

Die Mainacht ijt ja die Walpurgisnadyt. 
Walpurgis, eine um 778 zu Tode gefom- 
mene Heilige aus der Eichjtädter Gegend, 
ijt durch den Zufall, daß der Heiligenfalen- 


Maiſitte und Mailehen. 


der ihren Namen auf den 1. Mai ſtellte, 
zu der Schlimmbheiligen Patronin der Mlai- 
nacht geworden. Eine heimliche Ironie des 
unterdriidten Heidentums hat nun aber ihren 
chriftlichen Namen weniger mit dem frohen 
fidjten Frühlingskult, alg mit dem Spuf- 
wejen der Alben und Heren zuſammengebracht, 
die natürlich ebenfogut, wie der Menſch, 
ihren Meairitt haben mollten und ihren 
Mailiebjten und Maikönig dazu: den Herrn 
der Wanzen, Mäufe und all des fonjtigen 
Ungezieferd, gegen das man zu Maibeginn 
den Flammenſegen durd) die Ställe ſchwenkt, 
jo wie man gegen fie jelber, die Heren, den 
Drudenfuß in der Mainadht an die Stall- 
tür freidet. Doc) nicht von den Walpurgis- 
fahrten wollen wir hier reden, fondern von 
lieblideren Maigängen, deren gejpenftilch- 
abenteuerliche8 Gegenſtück jene nur bilden. 
Mit Gejang und Peitidenfnallen, auch wenn 
man nun nicht mehr ritt — weil man 
ärmer auf dem Lande geworden war, als 
in Beiten der freien germanijden Vollbauern 
und Gehöftherren — zogen in der Maien- 
nadt, am Abend vor dem erjten Mai, die 
Burjden und Mädchen auf eine Anhöhe 
oder einen Hügel, wo dads Maifeuer 
entzündet ward. Weil die Feuerlohe auch 
hier wiederum Opferfinn hat und Darbrin- 
gung ijt, wird das Holz und Stroh dafür 
in den Gehöften erbeten, und gerne werden 
in ihr beſonders gefuchte und finnvolle Kräu— 
ter verbrannt. Das Maifeuer fpendet einen 
Teil feines Segen fogleich durch die reini- 
gende, gejundheitgebende Kraft. Dies ift 
der nddjte Sinn davon, wenn die Paare 
im juchzenden Sprung durch die Lohende 
Glut jaufen, beim Meaifeuer jo gut wie 
beim Sohannisfeuer, das nur ein ans lebte 
Ende gelegted Frühlingsfeuer ift. 

Beim Maigang, ſei's am Abend oder 
Morgen, wurden aud) die Maipaare ge 
bildet, die für den Sommer zueinander ge- 
hören follten. Wie nun aber das Mittelalter 
duch das Lehnsweſen feine Verfaſſungs— 
und Wirtichaftsformen insgejamt erhielt, 
jo daß der Lehnbegriff auf alle möglichen 
jozialen Verhaltnijje zur Anwendung fam, 
jo fam and) für jene Sitte, die an fid 
uralt, frühgermaniſch ift, im Mittelalter der 
Ausdrud Mtailehen auf und erhielt fic. 
Tie Baare wurden durd) Loswurf oder durch 
das uralt volfstiimlide Kabeln (am Kabeljtod 
mit den übereinander greifenden Fäuſten) 


319 


beitimmt: fchidjalsfiindende Formen, die in 
der alten Zeit für vieles, insbejondere aud) 
die Verteilung der Acker-,Loſe“, angewendet 
wurden. Aber begreiflic) ijt, wenn gerade in 
diefem Falle das Herz gern jelber des Schick— 
jal Stimme fpredjen laſſen wollte. So 
ward denn, als fich in nachheidnifcher Beit 
die Ehrfurcht vor dem dunklen Götterwillen 
verfliichtigte, vielenort3 üblich, daß die Paare 
durch ein Verjteigern der Mädchen zujam- 
mengeftellt wurden. Deshalb verjteigert 
man bei den heutigen Pfingſttänzen in den 
Dörfern um Jena die von den Mädchen 
an den Maibaumfranz gejtifteten fjeidenen 
Bänder. Oder aud) das leichter zu be- 
einflufjende Schidfal, mie man fic) am Mai- 
morgen zufällig guerft begegnete, entjchied 
über die Zujanmengehörigfeit der Mailehn- 
paare. Dieje gingen und tanzten dann den 
Sommer über nur miteinander, und ficher- 
lid) gar manches Mal behielt das fräntische 
Dialeftipriihlein (mit dem weggelaffencn 
Schluß⸗n) recht: 
Heut zum Lehe, 
Übers Jahr zur Ehe! 

Andernfalls endigt das Mailehenverhält- 
nis im Hochjommer, gewöhnlich wenn die 
großen Bohnen blühen. 

Da das Mailehen an fich viel älter 
als das Lehnswefen ijt, kennen es auch die 
Angelfachjen, die ums Yahr 400 herum 
nah Britannien ausgewanderten deutjchen 
Bewohner von Gegenden um Hamburg und 
in Schleswig Nur ift in England der 
Tag, wo das Mtailehen ausgemacht wird, 
in die erjte Beit der fidjtbar zunehmenden 
Tage Hinaufgerücdt worden, auf den Valen- 
tinstag (14. Februar). Auch Hier wurden 
einft die Baare ausgeloft; heute haben fi) 
die , Valentines” verflücdhtigt zu Brief- 
den, Geſchenken und Nedereien am Balen- 
tinstage zwiſchen Zeutchen, welche, mindejtens 
einerjeit3, gerne ein Baar fein möchten. Im 
ganzen ijt e3 England cigentiimlid, daß die 
altgermanijden Bräuche, eben in angepaßter 
worm, gejellichaftsfähig geblieben find. 3 
fällt die Periode der bureaufratijden Viel- 
regiererei aus, von deren Wirkjamkeit in 
Deutichland vorhin gejproden wurde, und 
aud) die deutjche Neigung fällt fort, das 
Cinheimijd-Volfstiimlidje als etwas ohne 
weitere3 Unvornehmes zu betrachten. 

In Deutichland verbindet fich der Mai- 
verfehr der jungen Leute mun wieder mit 


320 


dem frühlingsgrünen jungen Laubjdmud, 
dem „Maien“. Nicht bloß ein allgemeiner 
riefiger Maibaum, gewdhnlid) eine Tanne, 
mit Frühlingfymbolen und Fröhlichkeiten 
aller Urt geſchmückt, wird mit feftlidem Um- 
zug auf dem Dorfplag aufgerichtet. Sondern 
nod einen bejonderen Maibaum, eine Birke 
oder anderen jungen Laubbaum, jtellt der 
Burih dem Mädchen vors Fenfter oder be- 
fejtigt ihn, al3 guter Sletterer, gar auf 
dem Giebel. Und fie befchenft ihn mit 
einem Kränzlein oder Schapel. Neuerdings 
weiß man freilich nidjts mehr davon, daß 
dieſe gewundenen Kränze und grünen Scha- 
pel (wovon aber die Strohhüte und das 
Wort chapeau herrühren!) einſtmals Kopf- 
bededung waren; fo verehrt denn heute das 
Mädchen dem aufmerfjamen Liebhaber einen 
Blumenstrauß und ftedt ihm den an den Hut. 
Die gejdentten Kränze und Sträuße werden 
ſchlechtweg „Maien“ genannt, und in Vorarl- 
berg heißt der Tag vor der Hochzeit, an dem 
die Freundinnen zum Rrangwinden fommen, 
Mainete, obwohl für ländliche Hochzeiten der 
vorratſchwere und arbeitfreiere Spätherbit 
viel beliebtere Zeit ijt als der Mai. 

Nicht bloß in Tangen und ausgelafje- 
nem Hoppeldei unter dem Maibaum, auc 
in Wettfimpfen und Wettjpielen tollte das 
ichwellende Maiengefühl ji” aus.  Wett- 
rennen der Mädchen, von denen e3 fchwer 
fiel, Nederei und Poſſen fern zu Halten, 
fennen wir aus dem Schwäbiſchen fo gut 
wie vom medlenburgichen Dars; natürlid) 
laufen jte über den Unger nicht im langen 
Städterinnenrod, und das Ganze fommt jel- 
ten über eine fcherzhafte Improviſation hin- 
aus. Ein felbjtbewußter Bauernburſch da- 
gegen, der ftellt fchon etwas anderes vor, 
al3 das Schürzenvolf, vollends im früheren 
Mittelalter, ehe die ſchwerſte Beit über den 
Bauernftand fam. Daher halten die jungen 
Bauern Ringelftehen und Turnier, jo wie 
man’s den Rittern abgegudt Hat. Der 
Sieger wird vielfah „Maikönig“, „Mai- 
graf”; er braucht dann nicht zu loſen, 
wählt fich fein Mailehen ſelber. Da in 
den Städten die Patrizier mit ihren Tur- 
nieren und Artushöfen eine ſpäte Ritter- 
romantit fir ſich mit Befdlag belegten, 
blieben der wehrhaften Bürgerjchaft andere 
Formen für das Maienjpiel übrig, fo mie 
jie zu ihren Waffen am beiten paßten. Aus 
der BVergildung diejer biirgerlidjen Mai— 





Dr. Hans Sendling: Maifitte und Mailehen. 


ipiele — denn in den Städten wird alles 
verzunftet und vergildet, fogar der Gefang 
— find die Armbruſtſchützengeſellſchaften, 
die Vogelihießen und Echügenfefte hervor- 
gegangen, und aus dem Maikönig der Stad- 
ter ijt der Schützenkönig geworden. 

Dem mittelalterlihen Menfchen mit 
feiner tatlos-dumpfen Winternot, der Freud- 
Iofigfeit der kurzen Tage und falten Monate 
in den lichtlos qualmigen Burggemäcern 
und ftidigen Bauernhäufern ijt der Mai 
eine jubelnde Erlöfung gewejen, von der 
die ganze Augen- und Geelenlujt unferer 
Frühlingsfreude Heutzutage dod) nur ein 
Ihmwächlicher Abglanz ijt. Er „it wol 
halb ein Himmelride” jagt Walter vom 
Mai. Und nur eines unter allen Dingen 
der Welt weiß der ritterlihe Minnejänger, 
was er vor dem Mai noch preifen müßt. 
Das ijt eine edle, fchüne, reine Braue, wenn 
diefe unter die Leute tritt, wohl gefleidet 
und gebunden — mit der Gebände, der 
züchtigen Binde, die das Geſicht umrahmt 
und auf der über den Haaren dad Schapel 
ruht. Man muß fih erinnern, daß die 
von den Romanen entlehnte, mittelalterlid 
gute Sitte denjenigen Frauen und Mädchen, 
die auf den Begriff Herrin, „frouwe“, An- 
jprud) hatten, nur bei bejonderer Feſtgelegen— 
heit erlaubte, aus den Remenaten und Spinn- 
fammern bervorzufommen „zuo viel liuten“ ; 
ein Jahr Yang läßt das von einem Kenner 
höfiihen Anſtandes redigierte Nibelungen- 
lied den König Siegfried am Wormfer Hofe 
barren, ehe er Krimhilden fieht! So hielt’3 
die Beit gegen 1200; weiter im XIII. Jahr- 
hundert hat die Sitte von ihrer Strenge 
nachgelafjen und überhaupt gegen das un- 
ſichere Alamodeweſen des entjtehenden Rit- 
tertums reagiert. Wher vor dem Gidht- 
barwerden einer foldjen Herrin, jagt der 
galante Ritter, verblaßt jogar der Mai; er 
bring uns alle feine Wunder, es ift doch 
nichts jo Wonnigliches darunter, al3 ihr viel 
minniglicher Anblid; „wir laffen alle Blu- 
men ftahn und gaffen an das werte Weib”. 
Und wenn der Dichter wählen müßte zwi— 
ichen des Maien Hochgezite mit all ihrer 
Macht, oder der edlen raue, der er dient, 
— freilid), e3 wäre fchlimme Wahl und mit 
Owe leitet er’3 ein, aber dennoch finnt’ 
fein Schwanfen fein: 

Her Meie, ir mücjet Merze fin, 
E id) mine Frouwen da verlüre! 


Vom Bonner Friedh of. 


Gin Schiller: Gedenkblatt von 


Alwin Römer. 
Öchmuck und Schrift von FH. Wieynk. 
ss. 


Tech fuhr vom heil’gen Céln den Rhein flromauf. 
(Wie flüssig Silber glomm des Stromes Lauf, 
Und fern verfchwamm im frühen Abenddun ft 
Das hehrfte Denkmal deut/cher Bildnerkunft; 
Der hohe Dom voll flolser Majeflät, 
Das keufche fleingewordene Gebet, 
Cor dem auch machtlos heil’ gen Schauern wehrt, 
(Wer seinen Gott in Tempeln nicht verehrt! 
Der Spiten und Fialen reicher Wald 
Verwirrten sich vor meinem Auge bald; 
Und ganz zulett, als ich vor Bonn fehon war, 
Sah ich nur noch das macht ge Türmepaar. 
Und ob der Qualın des Tages dichter kroch 
Ilm jedes Dach: Die Türme sah ich noch. 
je zwei Giganten ragten sie ins Blau 


Und überblickten fernhin Strom und Au. 








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Da klang’s in mir: „Wie Du die Türme fchauft, Vo 
Dock nichts mehr von der lauten Stadt am Rhein, LA 
So fchaun wohl einft dencSchöpfer unsres ,, Fau ft 
Und den vom Schagen „Tell“ und ,,Wallen flein“ LAX 
Die späten Enkel noch — sonfl keinen mehr! Vd 
oo ward mein Hers, Aonen sugewandt, \/| 
Im Sang und Klang der frohen Rheinfahrt fchwer, V 


Und ganz verträumt flieg ich su Bonn ans Land. 
Das liebe Teft durchftreift’ ich ohne Biel 

Don Tor su Tor, juft wie's dem Tuß gefiel - 
Und hatte doch ein Geift mich bei der Hand - - 

(Dis ich vor einem alten Triedhof fland. 
Tloch war er offen. Loegter Sonnenjchein 

Bog warm auf dichtumrankten Gräbermalen... 
Und wieder fiel das Bild des Doms mir ein: 

Hier gab's wie dort wohl Steinwerk und Fialen, 
Jandkörnchen mehr noch, doch keinragend Haupt 

Derblichnen Ruhm, im Wehn der Beit verflaubt; 
Manch feinen Kopf, den hoch die Witwelt pries, 

WManch eitlen Cropf, der einff „unflerblich“ hieß; 


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Manch Böh’ren auch, der noch in goldnen Bügen i 
Auf Ruhmestafeln ferner Tage fleht: N 
Grnft Mori Brndt, der Sturmpoet von Rügen, 
Und Robert Schumann, Deutjchlands Tonpoet ! NB 
Tloch welkt kein Blatt von ihrem grünen Kranz, T 
Und doch wird mählich bleicher ein ff sein Glanz, 
Blatt flieht um Blatt dahin im Grdenlauf, II 
Die Nebel des Vergessens fleigen auf Vn 
Und machen alles gleich, ein bleiern Meer -— I 
Tur noch die Türme ragen drüber her... ZN 
Wenn lingft sich hier der Bandmann wieder regt, 
Und Ahren die verjingte Scholle trägt, yA 
Sofern nicht Bau an Bau den Grund beengt — 


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N Und Menfchenhaft durch laute Gassen drängt: Kr Sy 


A > Steht unversehrt, was Deut/chland auch erfuhr, 7 en 
/ Tock jene Gruft auf Weimars ftiller Flur, iN 
any, Die treu behütet, was ein ft flerblich war, A 
UN Zan unsres Volkes größtem Führerpaar! a 
NL ... Der Pförtner sah mich traumverloren ftehn. N 
IR „s Ift Bert zu fehliefen, Herr, Sie müssen gehn!“ AE 
J— (Rief er mich an. Jch fehritt dem Tore zu. * N 
' Dur Seite [chlurrten mir des Alten Schuh’, IN 
<p Bis er mich ploglich feff am Arme halt AN 
N Mnd in Respekt sein dünnes Stimmchen bebt: WA 
ay, „Dier [ehlummert auch Charlotte Loengefeld, Ar 
\ Die Wittwe Schillers, die in Bonn gelebt Ae 
Bei ihrem ‘Jing ften, der dort neben ihr N 
Gefunden dann sein flilles Grabguartier I sf 
Und auf zwei Gräber an der Mauer Rand ‘i 
| (Wies sitfernd seine dürre Greisenhand ... | 
a Yan diesen Gräbern hab’ ich lang geftanden 
' Und leise Wehmut krampfte mir die Bruft. ae 
— War nicht sein Bers geknüpft mit tausend Banden 
| Zan ihres ein ff, das mit ihm Leid und Luft 
AN Dis an den Tod geteilt? nd ruht nun weit, IN 
| So weit von ihm in alle Gwigkeit!... 
A Von ihrem Grab ein Bweiglein pflückt' ich sacht, DK 
i Loegt’s in mein Merkbuch, dankte meinem Alten, Ki 
Und hab’ dann auf den Heimweg mich gemacht. EAS 
a Des Abends Stimmen tönten und verhallten .. . N) 
AN Vom Rhein herauf drang fchrill ein Schiffsfignal: yy 
i (Dann war's Musik, die sich ins Ohr mir ftahl, Pp > 
px Ich laufchte fill... Da sangen flotte Jungen N 
~~ Thr brausend Lied sum goldnen Rebensaft. Ne 
ANG Der Freude war’s geweiht. In heitrer Kraft S 
! Klangs su mir: „Wem der große Wurf gelungen!“ N 


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Gin Lied von Schiller! Und ich summte leis 
Die Verse mit su echter Freundjchaft Preis. 
Tur wie sie „wer ein holdes Weib errungen...“ 
Tun jauchsten, dacht’ ich an das Grab am Rhein, 
(Drin sie des Dichters Weib ein fl senkten ein... 
Wek [chlug mein Ders, und meine Lippen bebten... 
(Wie auch die Töne Jubelnd mich umfchwebten, 
Ich mußt’ in Tränen fehweigen... Manchen Tag 
Tach diesem sah ich Schillers Sarkophag 
In Weimars Fürftengruft, dicht vor der Stadt: 
In meinem Werkbuch lag ein welkes Blatt 
Vom Friedhof Bonns. Das hab’ ich tief bewegt 
Auf seinen fehweren Prunksarg ihm gelegt 
Als fiillen Gruß dem edlen Feuergeifl, 
Der deutjcher Frauen reine Treue preift 
So off in seiner Dichtung, keufch und klar, 
Als Gruß von ihr, die ihm die liebfle war! ... 


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Shr itt. ,.Crianon” aus der Daucrlchen Gießerer, 7 


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0" die vaterlandijde Preffe ging kürzlich ein 
Aufruf zur Beiftener für ein Denfmal des 
Generals Karl von Clauſewitz. Wunderbar er- 
ſcheint e3, daß dies erjt jest, 74 Jahre nad) 
jeinem Zode, geichieht; denn Clauſewitz war uns 
ftreitig einer der bedeutendften Geifter und lauterften 
Charaktere, welche das Vaterland in neuerer Beit 
bejeffen hat. Als Erzicher jeines Volfes find feine 
Berdienfte jehr groß, und fie haben reiche Früchte 
im praftijchen Leben getragen. Ihm gebührt ein 
bedeutender Anteil an den Erfolgen Deutjchlands 
in den legten Kriegen und jomit auch an der 
Wiedergeburt des Reiches. 

Dan könnte ihn in eine Linie mit Roon 
ftellen, fo verichteden auch beide Männer geartet 
find. Roon, Deutſchlands Waffenſchmied, hat das 
materielle Rüftzeug unjerer Giege geichaffen, 
Claufewig zum guten Teil das geiltige. Er 
legte den Grund zu den Anjchauungen vom We- 
fen des Strieges, aus welchen die glänzende Füh— 
rung unjerer Heere hervorgegangen ift. Freilich 
bedurfte e3 nah ihm ned der Schulung des 
Generalftabes und der höheren Befehlshaber durch 
Reyher und Moltle, um feine Lehren praftijch 
nüglich zu machen und ihre Wirkung ins Leben 
der Armee zu übertragen, aber es ijt Clauſewitz' 
Geiſt, welcher das deutjche Feldherrntum bes gro- 
Ben Jahrzehnts durchweht. „Wie Rants PhHilo- 
jophie in Deutichland das Denfen felbft derer 
jcyult, die faum mehr von ihm als fetnen Namen 
fennen, jo beherrſcht Clauſewitz feit dreißig Jah— 
ren die kriegswiſſenſchaftliche Anſchauungsweiſe 
des preußiſchen Heeres" jagt Meerheimb in einer 
trefflichen Studie über das Wirken und die Werfe 
des Generals.*) 

Dennoch ift es erflärlih, daß Claujewig fo 
lange auf fein Denkmal hat warten miijjen. Es 
gibt Männer erften Ranges, denen wir troßdem 
den Titel des „Großen“ nicht beilegen. Wir 
haben ein Gefühl, daB das zu ihrer Eigenart 
nicht recht pafje und daß fie deffen nicht bedürfen. 
Man Hat nur an Guftav Adolph zu denfen. 
Whnliches empfindet man in bezug auf Clanfe- 
wig und fein Denkmal. Er wird auch lange nod, 
wenn nunmehr fein Standbild errichtet werden 
jollte, der großen Mafje wie ein Unbefannter 
erfcheinen. 

Sein Lebenslauf war ein vielbemwegter, und 
dennod) ift er in der Außenwelt nicht bejonders 
hervorgetreten. Seine Zeit fannte ihn wohl 
faum al3 einen ihrer bedeutendjten Männer; 
jeine Tätigkeit, jelbjt im Geräufc des Rrieges, 
war eine zurüdhaltende. Während der Freiheits— 
tämpfe ftand er immerhin fdjon in der zweiten 
Linie der Führer als Chef des Stabes eines 


*) Sarl v. Clauſewitz, Allgem. deutiche Bio- 
graphie 1876. IV. Bd. S. 203. 


Karl von Claulewig. 


Uon 


C. Frhr. v. d. Soltz. 






(Abdruck verboten.) 


felbftändigen Korps, aber man Hat ihn nicht fo 
viel genannt, wie diejenigen, welche fich 1870 und 
1871 in ähnlicher Lage befanden, beijpieläweije 
Bronjart, Verdy, Brandenftein, Voigt3-NhHeb u. 
a. m. Dafür ward ihm das neidenswerte Los 
zu teil, von den ausgezeichnetiten Geiftern feiner 
Epoche ganz bejonders geſchätzt zu werden. 

war Scharnhorft, Gneijenau, Boyen und Stein 
eng verbunden. Auf ihn, wie faum auf einen 
anderen Mann, pabt Schiller? Wort: „Wer den 
Beiten feiner Zeit genug getan, der hat gelebt 
für alle Zeiten.” 

Von fleineren Schriften abgefehen, die er 
zum Teil nod) dazu auf fremde BVeranlafjung 
ichrieb, ift er zu feinen Lebzeiten nicht einmal 
als Schriftſteller an die Offentlichfeit getreten. 
Er verdankt feinen Ruhm nur Hinterlafjenen 
Werken, zumal feinem Hauptwerfe „Vom Kriege“. 
Auch diejes Werk ift unvollendet geblieben; der 
Tod unterbrad) feine Arbeit. Aber jelbit, wenn 
ed ihm vergönnt gemwejen wäre, diejelbe zum Ab⸗ 
ihluß zu bringen, follte fie doch einjtweilen ge- 
heim bleiben. Er wollte unbedingt wahr fein 
fönnen und fid) daher bei feinen Unterfuchungen 
durch feinerlet Riidficht gebunden fühlen. Geine 
Frau ijt es gewejen, durd) welche die Herausgabe 
erfolgte, und die fchöne, von ihr verfaßte Vor- 
rede jagt ung, wie fie dazu fam und wes Geifted 
Kind fie felbjt gewefen ift: 

„Es wird mit Recht befremden, daß eine 
weiblide Hand es wagt, ein Werk von foldem 
Anhalt, wie da3 vorliegende, mit einer Vorrede 
zu begleiten. Für meine Freunde bedarf es hier- 
über feiner Erklärung, aber auch in den Augen 
derer, die mid) nicht kennen, hoffe ich durch die 
einfache Erzählung deifen, was mich dazu ver- 
anlagte, jeden Schein einer Anmaßung von mir 
zu entfernen. 

„Das Werk, dem dieje Zeilen vorangehen 
follen, hat meinen unausſprechlich geliebten, mir 
und dem Baterlande leider zu früh entriffenen 
Mann während der legten zwölf Jahre feines 
Lebens faft ausschliegend beichäftigt. C3 zu voll- 
enden war fein fehnlidjter Wunjch; aber nicht 
feine Abficht, es während jeines Lebens der Welt 
mitzuteilen; und wenn ich mid bemühte, thn 
von diefem BVorjak abzubringen, gab er mir oft, 
halb im Scherz, halb aber auch wohl im Bor- 
gefühl eines frühen Todes, zur Antwort: ‚Du 
jollft es herausgeben‘. Dieje Worte (die mir in 
jenen gliidlicen Tagen oft Tränen entlodten, jo 
wenig id) damals geneigt war, ihnen eine ernjt- 
hafte Bedeutung beizulegen) find es nun, die e3 


mit nad) der Anjicht meiner Freunde zur Pflicht 


madjen, den hinterlafjenen Werfen meines ge- 
liebten Mannes einige Beilen vorauszuſchicken; 
und wenn man aud) hierüber verichiedener Mei- 
nung fein fann, jo wird man doch das Gefühl 


326 


gewiß nicht mißdeuten, das mic) veranlapt hat, 
die Schüchternheit zu überwinden, welche einer 
Frau jedes auch nod) jo untergeordnete Auftreten 
der Art jo jehr erichwert. 

„Es veriteht jich von jelbit, daß ich dabei 
auch nicht die entferntejte Abſicht haben fann, 
mich al3 die eigentliche Herausgeberin des Wertes 
zu betrachten, das weit über meinem Horizont 
liegt. Nur als eine teilnehmende Begleiterin will 
id) demfelben bei feinem Eintritt in die Welt 
zur Eeite ftehen. Dieſe Stelle darf ich wohl in 
Anſpruch nehmen, da mir auch bei jeiner Ent- 
jtehung und Ausbildung eine ähnliche vergönnt 
wurde. Wer unſere glüdjelige Ehe gefannt hat 
und weiß, wie wir alles miteinander teilten, nicht 
allein Freude und Leid, jondern aud) jede Bee 
ihäftigung, jedes Intereſſe des täglidyen Lebens: 
der wird begreifen, daß eine Arbeit diejer Art 
meinen geliebten Dann nicht beicyäftigen fonnte, 
ohne aud) mir genau befannt gu fein. Es fann 
aljo aud) niemand fo wie id) Zeugnis geben von 
dem Eifer, von der Liebe, mit der er fic) ihr 
widmete, von den Hoffnungen, Die er damit ver- 
band, fowie von der Art und dem Seitpuntt 
ihres. Entftehens. Gein fo reich begabter Geift 
Br von früher Jugend an das Bedürfnis nach 

iht und Wahrheit empfunden, und fo vieljeitig 
er aud) gebildet war, hatte fic) fein Nachdenken 
dod) hauptjächlich auf die Kriegswiſſenſchaften 
gerichtet, welchen fein Beruf ihn widmete und 
die von jo groper Nichtigkeit für dad Wohl der 
Staaten find.“ 

Dann folgt in Kürze die Entjtchungsgeichichte 
des ganzen Werkes 

Bei dem völligen Verzicht auf Tagesruhm 
ift Clauſewitz fid) doch ohne Zweifel des inneren 
Wertes wohl bewußt gewejen. Er vertraute 
darauf, daß die Nachwelt ihn anerfennen werde. 
Ceine Abjiht war es, für den Feldherrn und 
Staat3mann zu jchreiben und ihnen das wahre 
Wejen des Krieges in voller Klarheit darzulegen. 
Dadurch hoffte er, „in ihren Köpfen manchen 
galtentniff auszubügeln”. Gein Biel war aljo 
ein fehr hohes. 

Dod) wenden wir uns zunäch]t feinen dupe- 
ren Lebensjchidjalen zu. 

Claujewig ftammt aus feinen Verhaltnifjen. 
Gein Pater, in der Jugend Offizier, bekleidete 
jpäter einen Bolten am Steueramte Burg. Er 
a 300 Taler Gehalt und jechs Kinder. Biel 
onnte er für deren Bildung natürlich nicht tun. 
Aber er ift ein tüchtiger Mann gewejen, der fie 
gut erzogen hat. Bon vier Söhnen fehrten drei 
mit dem eifernen Kreuze erster Nlaffe und dem 
Orden pour le merite geichmücdt aus den Fret- 
heitstriegen zurüd und brachten es zum General. 

Karl, der jüngſte der Brüder, tft am 1. Sunt 
1780 geboren und trat mit zwölf Sahren ſchon 
al Junker in die Armee, unt jofort die Rhein— 
feldziige mitzumachen. Er muß von zartem 
Körperbau geweſen fein, denn man nahm ihm 
für gewöhnlich auf den Weärichen die Fahne, die 
er zu tragen hatte, ab, umd nur, wenn es durch 
eine Urtichaft ging, wurde Dieje ihm wieder 
zurüdgegeben. Oft hat er ſich im jpäteren Leben 
deſſen erinnert, welches Auneben dann der Knabe 
mit ſeiner ſchweren Laſt bei den Einwohnern 


C. Frhr. v. d. Goltz: 


erregte. Das wichtigſte Ereignis, welchem er 
beiwohnte, war die Wiedereroberung des von den 
Franzoſen genommenen Mainz durch den General 
von Kalckreuth am 22. Juli 1793. Noch nicht 
fünfzehn Jahre alt, wurde er zum Leutnant be— 
fördert. Dann folate der Friede zu Bajel und 
die Riidfehr jeines Regiments, Prinz Ferdinand, 
in die Garnijon Neuruppin. Tort begann er 
fogleid) zu arbeiten, um die Lüden in jeiner 
Bildung augsufiillen, und er ift ein Autodidakt 
im beiten Ginne des Wortes geworden. Nach 
bejtandener Prüfung ward er jogar an die 1801 
von Echarnhorft gegründete Kriegsichyule in Berlin 
berufen. Damit begann für in eine ſchwere 
Beit; feine Armut brachte ihm manche Verlegen- 
heit, und bald verzweifelte er fogar daran, den 
Vorträgen folgen zu fünnen. Es fehlte ihm nod 
zu vieles an elementarem Willen. Nahe joll er 
daran gemwejen fein, den ganzen Verſuch auf- 
zugeben; da wurde Scharnhorjt auf den jungen 
begabten Offizier aufmerffam, nahm fich feiner 
an und ermutigte ihn, in feinem Beftreben zu 
beharren. Scharnhorſt ijt der Water und der 
Freund jeines Geiftes geworden, wie er jelbft 
jagt. Die Vorlejungen fanden nur in den Mor- 
genftunden im königlichen Schloß ftatt, und es 
blieb den Offizieren viel freie Beit für eigene 
Studien. Clauſewitz machte fi) died gu nuße, 
um. Profeffor Kieſewetters Vortrag über Logif zu 
hören, und daher wohl ftammt feine ftreng 
logiiche Methode und jeine dialektiiche Cchärfe. 

Scharnhorſt empfahl ihn in der Folge als 
Adjutanten für den Pringen Auguft von Preußen, 
und es ift gewiß ein gutes Zeichen für die viel 
geichmähte Zeit vor Jena, daß der unbemittelte 
Offizier, dem feine vornehme Fürſprache zur 
Ceite ftand, wirflich Diefe Stelle erhielt. Als 
Stabskapitän begleitete er den Prinzen 1806 ins 
veld, im jtillen ſchon verlobt mit jeiner ſpäte— 
ren Gattin, der Gräfin Marie von Brühl. Cs 
war ein Glück für ihn, eine Lebensgefährtin zu 
finden, die feiner in allen Stüden würdig war, 
und der gegenüber er fich über jedes Thema 
rüchaltlos ausiprechen fonnte in dem Berwußt- 
jein, immer ein volles Verſtändnis gu finden. 
Seinem erſten heimlichen Briefiwechjel mit ihr 
verdanken wir daher Schon eine Reihe wertvoller 
Urteile und Betrachtungen. Doc jenden wir als 
eine Probe jeiner Schreibweije ein Stiid aus der 
Schilderung de Marſches der Armee voraus, 
welche er zu Gerbitädt in der Grafichaft Mans— 
feld am 18. Eeptember niederichrieb: 

„Es ift wirklich ein recht äjthetiicher Cin- 
drud, den das Borüberziehen eines Kriegshaufens 
macht; wobei man nur nicht an unjre Revue 
denfen mug. Hier find eS nicht, wie dort, fteife 
Truppenlinien, die fic) dem Auge darbicten, jon- 
dern man untericheidet in den geöffneten Reihen 
nod) das Individuum in feiner Eigentümlichkeit, 
und e3 herricht neben der ruhig fortichreitenden 
Bewegung viel Mannigfaltigteit und Ausdruck 
des Lebens. Seder leuchtet mit feiner Rüſtung 
einzeln durch Die grünen Zweige des jungen 
Waldes, und wenn ſchon der Mann dem Auge 
entichwunden tit, bligt noch jeine Waffe durch Die 
Wolfe von Staub, die ſich hoch über Dem Rande 
Des Tales erhebt und dem Entfernten des vere 


Karl von 


borgenen Heeres Bug verfündet. Selbſt die 
Mühjeligfeit, die aus der Anftrengung fpricht, 
wenn fi die Reihen mit ihrem Geihüg und 
Gepäd langjam den Berg hinauf ziehen, gibt 
einen glüdlichen Zug in dem Bilde. Die Menge 
der Yudividuen, welche jelbjt ein Heiner Kriegs— 
haufe dem Auge darftellt, verbunden zu einer 
langen, mithevollen gemeinſchaftlichen Reiſe, um 
endlich auf dem Schauplatze von tauſend Lebens— 
gefahren anzukommen, der große und heilige 
Zweck, dem ſie alle folgen, legt diefem Bilde in 
meiner Seele eine Bedeutung unter, die mic) tief 
ergreift.” 

In jenen Briefen fteht aud) das merfiviirdige 
Wort: „Des Krieges bedarf mein Vaterland und 
— tein ausgeſprochen — der Krieg allein fann 
mid) zum glüdlichen Ziele führen,“ ebenjo dag 
befannte Urteil über des großen Friedrich Ver⸗ 
halten bei Leuthen: „er war entſchloſſen, alles 
zu verlieren oder alles wiederzugewinnen, wie 
ein verzweifelter Spieler und — daß unſre Staats- 
männer es ſich wohl merken möchten! — in die— 
ſem leidenſchaftlichen Mute, der nichts iſt, als der 
Inſtinkt einer kräftigen Natur — liegt die höchſte 
Weisheit. Die ruhigfte Überlegung des glangend- 
jten Kopfes Tann, entfernt von jeder Gefahr und 
jedem Teidenichaftlichen Antriebe auf fein anderes 
Rejultat fommen.” — Cine herrliche Lehre für 
jeden Feldherrn, der berufen ift, im Kriege unter 
drohenden Umſtänden zu handeln. 

Bon der Trefflichfeit der preußiichen Armee 
war Clauſewitz ebenfo überzeugt, wie alle feine 
Beitgenojfen. Er befürchtete allein Unheil von 
den im Hauptquartier herrichenden, jedes kräftige 
Handeln hemmenden Konvenienz-Rüdlichten, hoffte 
jedod), bag Scharnhorſt auch dieje überwinden 
werde. Er bezeichnete den Augenblid des Kriegs— 
ausbruchs als einen jehr beneidenswerten für den 
un Breußen. Die Donnerichläge von Jena 
und Auerftädt trafen auch ihn unvermutet; dod) 
verlor er weder die Haltung noch jemals die 
Hoffnung auf eine beifere Zukunft. Mit dem 
Grenadier-Bataillorı des Prinzen Auguft mußte 
er nach tapferem Widerftande auf dem Riidgug 
in der Nähe von Prenzlau an den Uderjümpfen 
vor weit überlegener franzöfiicher Kavallerie fapt- 
tulieren. Den Prinzen begleitete er auch in die 
Gefangenſchaft nad) Frankreich, und die nun fol» 
gende Beit war für ihn wohl die jchmwerite jenes 

ebens, da er untätig den letzten Wnftrenqungen 
feines Baterlandes, das Schidjal des Krieges zu 
wenden, gujehen mußte. „le Rechte, welche 
der Ausländer mit in den Schoß fremder Na⸗ 
tionen trägt, nimmt er aus dem Schabe öffent— 
liher Achtung feines eigenen Volfes. Wo Ddieje 
vernichtet ijt, find alle jeine Anſprüche ungültige 
Papiermünze“ — fchreibt er das eine Mal nieder, 
und das andere, al3 Die preußiichen Truppen bis 
in den duferften Winkel der Monarchie guriic- 
gedrängt waren: „Ein jpurlos Dajein iſt mein 

Leben! Ein Mann ohne Vaterland — entjep- 
liher Gedanke!“*) Wber trogdem hob fic) feine 


*) Rückhaltlos eröffnet er fic) feiner Braut, 
die ihn mit den Worten der Etauffacherin daran 
gemahnt hatte: „Sch bin Dein treues Weib, und 
meine Hälfte fordr’ ich Deines Grams.” 


Clauſewitz. 327 
ſtolze Seele immer wieder empor: „Verzweifelt 
nicht an eurem Schickſale, das iſt: Ehret Euch 


ſelbſt!“ ruft er den Deutichen al3 Mahnung zu, 
und fein Selbftvertrauen läßt ihn zum erften- 
mal die eigene Bedeutung für die Führung des 
Krieges erfennen und ihr einen beftimmten Wus- 
drud geben. Er fiirdtete den Frieden und ver- 
glih ibn dem Ecjlafe eines Menjchen, der in 
Gefahr ift, vor erjtarrender Kälte das Leben zu 
verlieren. Er begeiftert fic) für einen ere 
zweiflungsfampf und die Anwendung äußerjter 
Mittel, als er hört, daß unter der Zuftimmung 
des gejamten Volkes, der Frieden von Tilfit 
geichloffen werden fol. „Mit Peitjchenhieben 
würde id) das träge Tier aufregen — ſchreibt 
er — und die Kette zeriprengen lehren, die e3 
fid) feig und furchtſam Hat anlegen laſſen.“ Getne 
Hoffnung baute er gang auf Scharnhorft und 
jehnte fich mit allen Gajern feines Herzens danach, 
diefem von ihm fo hoch verehrten Manne bei 
dem Reformwerk zur Seite zu ftehen; denn er 
bejorgte, daß diejenigen, welche zunächſt um ihn 
waren, ihm nicht jo von Herzen ergeben jeien, 
wie er jelbit. 

Erft nad gehnmonatiger Gefangenschaft 
erfüllte fid) fein Wunſch. Er eilte nad) Königs- 
berg, wo damals die Männer verjammelt waren, 
welche zuerjt die Hand an die Wiederanfridtung 
des Staates legten. Im Jahre 1809 vertaufdte 
er feine Adjutantenftellung mit derjenigen eines 
Bureauchefs bei Scharnhorft, deffen volles Ver- 
trauen er fchnell gewann und der fid) oft darüber 
geäußert hat, daß Klaujewig für ihn dad jchnellite 
Verſtändnis befejjen habe. Wud) nad) Scharn- 
horft3 Riidtritt im Jahre 1810 blieb er ihm 
nahe, wurde aber zugleich alg Lehrer an die all- 
gemeine Kriegsjchule berufen. In demjelben 
Sahre noch fonnte er fich mit feiner Geliebten 
vermählen, die ingwijdjen eine glühende Berehre- 
tin Steind geworden war und an der Neform- 
arbeit den regften Anteil nahm. Trop der 
Unruhe der Beit und feiner vielfachen dienit- 
liden Bejchäftigungen ward es Claujewig dod) 
möglic), nod) weiter an jeiner geiftigen Qervoll- 
fommmung zu arbeiten und namentlich Kieje- 
wetters Vorlejungen wieder zu hören. Daneben 
wurde ihm der wichtige Ruf zuteil, bem damals 
fünfzehnjährigen Kronprinzen Unterricht über das 
Kriegswejen zu erteilen. Dte von ihm für diejen 
Unterricht aufgestellte und von dem General von 
Gaudy geprüfte überficht, ſowie ein kurzer Auſſatz 
über Die wichtigften Grundſätze der Kriegführung, 
den er niederjchrieb, ala er infolge der politischen 
Ereignifje feine Lehrtätigkeit abbredjen mußte, 
geben die befte Überfjicht über feine Lehre. Wel- 
cher Geist diefelbe durchwehte, laſſen am jchnelliten 
die Schlußworte erfennen, mit denen er fic an 
jeinen Ecyüler, den Rronpringen, wendete: „re 
gend ein großes Gefühl muß die großen Kräfte 
de3 Heldherrn beleben, jet e3 der Ehrgeiz wie in 
Cäjar, der Hak des Feindes wie in Hannibal, 
der Stolz eines glorreichen Unterganges wie in 
Friedrich dem Großen.” 

„einen Ste Ihr Herz einer ſolchen Emp- 
findung! Geten Sie kühn und verichlagen in 
Ihren Entwürfen, feit und beharrlich in der Aus— 
führung, entichlofjen, einen glorreichen Untergang 


328 


zu finden, und das Schidjal wird die Strahlenfrone 
auf Shr jugendliches Haupt drüden, die eine Bierde 
des Fürften ift, deren Licht das Bild Bhrer Züge 
in die Bruft der fpäteften Entel tragen wird!” 
Als der Krieg zwiichen Frankreich und Ruß- 
land im Sabre 1812 drohte, verließ Claufewig, 
mit einer Reihe ihm befreundeter und naheftehen- 
der Männer, den preußiichen Dienft, um nicht 
an der Geite der Bedrüder jeines Vaterfandes 
zu tämpfen. Qn flammenden Worten jchrieb er 
damals ein Belenntnis nieder, das zu feiner und 
feiner Gefinnungsgenofjen Rechtfertigung dienen 
jollte. Boll patriotiiher Glut wendete er fic) 
gegen die Männer, die der Ergebung in Napo- 
leon Willen damals das Wort redeten, und 
feuert fein Wolf zur Erhebung und zum mann- 
haften Widerftande an. Gleich danach aber folgt 
die fühle und jachfundige Berechnung der Mittel, 
welche zum Widerftande vorhanden waren, und 
ein Nachweis, daß diejer keineswegs jo ausfidts- 
103 fet, al allgemein angenommen wurde. Go 
hat das Feuer feines Geiſtes niemals die Hare 
Tätigkeit feines Verftandes beeinträchtigt. „Ich 
glaube und befenne, dah ein Volk nicht3 höher 
zu achten hat, al3 die Würde und Freiheit feines 
Daſeins!“ Diefe denfwiirdiqen Worte, welche an 
Fichtes Reden an die deutiche Nation erinnern, 
ftehen in jener Schrift. Deren Verdfjentlidung 
wurde auf einen Zeitpunkt verjdoben, zu weldyem 
fie ber Regierung feine Verlegenheiten mehr be- 
reiten konnte. Gie ift dann Später unterblieben. *) 
Claujewig wendete fid) zunächſt nad) Wilna, 
wo er mit Freunden und Gefinnungsgenofjen 
ufammentraf. Er erhielt eine Unftellung in der 
eutich -rujjiichen Legion. Da diefe aber nod 
nicht aufgejtellt war, fo teilte man ihn bem Ge- 
neral von Phull zu, welcher den Kaijer Aleran- 
der I. als Berater ins Feld begleitete. Phull 
galt allgemein als ein Genie, wenn aud) als ein 
etwas wunderlides. Er war ein Mann von 
vielem Berftand und Bildung, aber ohne alle 
materiellen Senntniffe. Gein Leben war da3 
eines Gelehrten, der von den Erſcheinungen de3 
täglichen Lebens nichts weiß. Julius Cajar und 
Friedrich der Große waren feine Lieblingshelden, 
und er hatte fic) in ein unfruchtbares Grübeln 
über ihre Kriegskunſt verloren, die ihn faft aus- 
ſchließlich beichäftigte. Den Crjchetnungen der 
neueren Kriege hatte er nur geringe Aufmerk— 
ſamkeit geſchenkt umd fic) felbft ein ſehr einfeitiges 
und dürftiges Kriegsſyſtem ausgetliigelt, welches 
— wie Claujewig jagt — „tveder einer philojo- 
phifden Unterſuchung, nod) einer hiftoriichen Ver— 
gleidjung ftichhalten konnte”. Qroßden war er 
„ein Feind gewöhnlicher Vhilifterei, Oberflächlich- 
teit, Ecjiefheit und Schwäche; und die bittere 
Sronie, nut welder er fi) gegen dieje Fehler 
des großen Haufens erklärte, war e8 hauptſäch— 
lid), welche ihm das Anjchen von großer Gee 
nialität und Rraft gab”. Wie viele Leute feines 
Echlages hatte er jich in eine Sroßartigfeit der 
Anſicht und in eine Stärke des Entichlufjes Hin» 
einphantajiert, die ihm durchaus nicht natürlich 
waren. Dies aber wurde um jo gefährlicher, als 
er leicht den Kopf verlor, und bei jeinem immer 





*) Abgedrudt in Perg, Leben Gneiſenaus. 


©. Sehr. v. d. Golf: 


auf bas Große gerichteten Blid oft vom Fleinften 
Widerftand der wirflichen Welt überwältigt wurde. 
Männer wie Phull find bas Verhängnis der 
Hauptquartiere, namentlich, wenn fie einem jungen 
Fürften von impulfivem Wefen und lebendiger, 
aber oberfladlicher Wuffaffung der Erjdycinungen 
zur Geite geftellt find. Go fam Clauſewitz, trog 
feiner erft 32 Lebensjahre bei Phull in eine Lage, 
aus der felbjt gereifte Lebenserjahrung fic) nicht 
leicht ohne Schaden hinauszugiehen vermag, und 
ed gelang ihm nod, großen Nugen zu jtiften. 
Phull Hatte den Plan entworfen, daß die rujliiche 
Armee mit ihren Hauptfräften in einem Lager 
von Drifia an der Düna der franzöſiſchen In— 
vaſion Halt gebieten follte. Claujewig überjah 
mit ſcharfem Blid die grundjdpliden Febler, 
welche in diefem Gedanken Tagen. Bis zur Düna 
bin fonnte der Prozeß der Schwächung der fran- 
zöfiichen Armee unmöglich fo weit gediehen fein, 
daß man auf eine glüdliche Abwehr Hoffen durfte. 
Dorthin waren aud die ſeitlich verwendeten 
Streitkräfte nicht heranzuziehen, und vor allen 
Dingen rechnete der Plan nicht mit einem Feinde 
wie Napoleon. Der würde, bevor er das an fich 
nicht günſtig geftaltete Lager angriff, den Strom 
oberhalb überjchritten und der ruffiichen Armee 
am anderen Ufer die rüdmwärtigen Verbindungen 
abgeichnitten haben, fo daß fie voraussichtlich in 
die jchwerfte Kataftrophe verwidelt worden ware. 
Claujewig verftand e8 herbeizuführen, daß man 
ihn vorausjandte, um die Verichangungen zu be- 
fichtigen, und indem er anfcheinend nur Dieje 
jelbjt fritifierte, wußte er des Kaiſers Blid dod) 
jo zu lenken, daß er mit feinem gefunden Ginn 
das Unpraftijche der ganzen dee itberjah. Diefe 
wurde endgültig aufgegeben, und der Kaiſer, all- 
mahlid) an Phulls Talent zweifelhaft geworden, 
verlieh befanntlich das Heer, den Oberbefehl dem 
Grafen Barclay iiberfajjend. Phull war damit 
wieder in fein Fahrwaſſer geraten, denn er fonnte 
fi) auf ironiſche Kritik bejdyrdnfen. Als er im 
Jahre 1795 in Möllendorfd Hauptquartier ge- 
wejen, hatte er erfldrt: „ch befümmere mid) um 
nicht3; denn es geht doch alles gum Teufel.“ Auf 
der Flucht von 1806 nahm er hohnladhend den 
Hut ab und rief: „Adieu, preußiiche Monarchie!“ 
Im November 1812 in Petersburg, als die franzö- 
fiiche Armee bereits ihren Rückzug angetreten hatte, 
äußerte er fic) zu Claujewtp: „Glauben Ste mir, 
aus diejer Sache fann niemals etwas Geſcheites 
beraugfommen.” & blieb ſich alſo immer gleich. 


* 

Claujewif war wohl feit Driffa ein Alp 
von der Seele genommen; feine perſönliche Tätig- 
feit lenfte aber erjt wieder während der Bere 
folgung der ſich auflöfenden aroßen Armee durd) 
die Ruſſen in wichtigere Bahnen ein. Im De- 
zember befand er fic) bei dem rechten Flügel 
unter Mittgenftein, welchem der Auftrag zuteil 
wurde, dent bei Mitau, Riga gegenüber, mit 
dem vereinigten preußtich - franzöfiichen Rorps 
stehen gebliebenen Maridall Macdonald den Rück— 
zug zu verlegen. Macdonald war ohne jede 
Nachricht von der großen Armee, während Yord*) 


* der bekanntlich das preußiſche Kontingent 
befehligte. 


ualıapım-ıpimgpg uoa apıgwag “uryuvisey Fpursdnid 





Karl von 


am 10. Dezember aus Wilna durd) einen Offi- 
zier volle Aufflärung über den wahren Gade 
verhalt erhielt. Aber jein Verhältnis zu Mac- 
Donald war bereits ein fehr jchlechtes, und diejer 
traute jeinen Mitteilungen nicht, fchrieb vielmehr 
an den Herzog von Bajfano und bat um Wus- 
funft, wobei er Vord3 Angaben und die im Korps 
furjierenden Gerüchte als „absurdités“ bezeichnete. 
Bur höchſten eigenen Verwunderung erhielt er 
am 18. einen Befehl zum NRüdzuge und brad 
jofort mit den frangdfijden Truppen und einem 
Teil der Preußen unter Maffenbacdh in der Ridh- 
tung nad) Tilfit auf. Yord mit dem größeren 
Teil der preußiichen Truppen follte ifm auf zwei 
Tagemärſche Abſtand folgen. 

Inzwiſchen war Wittgenſtein, gleichfalls in 

der Richtung auf Tilſit von Oſten her nad) Sa- 
mogitien hereinmarichiert. Zwei fliegende Ko— 
lonnen eilten ihm vorauf, die linke gegen Tilfit, 
die rechte unter dem General Diebitich mehr in 
der Richtung auf Memel. Yhr Schloß fic) Clauje- 
wig an und fam fo dazu, bei der bald darauf 
folgenden Übereinfunft mit General von Vord, 
dem Ausgangspunkte der preußiichen Erhebung 
egen Frankreich, eine Hervorragende Rolle zu 
—53— Diebitſch nahm an, daß Macdonald ſich 
über die Kuriſche Nehrung zurückziehen werde und 
beeilte ſeinen Marſch auf Memel. Unweit vor 
dieſer Stadt erfuhr er, daß Macdonald jetzt erſt 
im Anmarſche von Mitau auf Tilſit ſei. Sofort 
kehrte er um und erfuhr am 25. Dezember in 
dem kleinen Städtchen Koltiniani, welches auf 
Macdonalds Straße lag, daB dieſer bereits vor— 
übergezogen ſei und nur noch die Preußen unter 
Nord zurückgeblieben wären. Ihm gegenüber 
ſtand zunächſt General Kleiſt mit der Avantgarde. 
Bu dieſem wollte Diebitſch Clauſewitz als Parla- 
mentär jenden, der jedody mit rihtigem Taft den 
Auftrag zunädhft ablehnte und den Vorſchlag 
madte, einen national-rujfijchen Offizier zu ente 
jenden, welcher der deutſchen Sprache ebenfo 
mädtig war wie er. 

General von Kleiſt wies den Unterhändler 
ab, fügte aber Hinzu, daß Nord noch am gleichen 
Tage, dem 25., nadfommen werde. Gn der 
Tat traf diefer abends bei Kleiſt ein und erflärte 
fi) zu einer Unterredung bereit. Zum Berftänd- 
ni3 für das nun Folgende gehört Claufewigf’ 
furge meifterhafte Schilderung von Vord3 Cha- 
rafter, weldje an Diejer Stelle in die Gejchichte 
de3 Feldzugs von 1812 eingefügt worden ijt: 

„General Yord war ein Mann von einigen 
50 Jahren, anggezeichnet durch Bravour und 
kriegeriſche Tüchtigfeit. Er hatte in feiner Ju— 
gend in den holländischen Kolonien gedient, ſich 
aljo in der Welt umgejehen und den Blid des 
Geiftes erweitert. Ein heftiger, leidenfchaftlicher 
Wille, den er aber Hinter anjcheinender Kälte, 
ein gewaltiger Ehrgeiz, den er hinter bejtändiger 
Rejignation verbirgt, und ein ftarfer, kühner 
Charakter zeichnen diefen Mann aus. General 
Yorck ift ein redhtichaffener Mann, aber er ift 
finfter, galljüchtig und verftedt und darum ein 
jchlimmer Untergebener. Perſönliche Anhänglich— 
keit tft ihm ziemlid) fremd. Was er tut, tut er 
feine? Rufes willen und weil er von Natur 
tidtig ijt. Das Schlimmfte ift, daß er bei einer 

Velhagen & Klaſings Monatshefte. 


XIX. Jahrg. 1904/1905. II. Bb. 


Claufewig. 329 
Maske von Derbheit und Geradheit im Grunde 
jehr verftedt ijt. Er prablt, wo er wenig Hoff- 
nungen hat, aber noch weit lieber jcheint er eine 
Cache für verloren zu halten, wo er eigentlid) 
wenig Gefahr fiebt.” 

Die Lage war nun fo, daß Diebitſch Mord 
den Riidweg nad) Tilfit fperrte, aber an Kräften 
zu ſchwach war, um ihm denfelben ernftlich gu 
verlegen. Wenn Yord gewollt hätte, würde er 
haben durchbrechen können. Aber dies entſprach 
im Augenblid weder feiner Neigung, noch den 

nterejjen des Baterlandes, wie er fie auffaßte. 

don bei Riga hatte er eine Unterredung mit 
dem dort fommanbdierenden rujfifden General, Gra- 
fen Eſſen, und jpäter mit Paulucct gehabt, durch 
den er Unerbietungen de3 Kaijer3 Wlerander I. für 
Preußen erhielt. Major von Geidlig, den er 
an den König geichidt Hatte, war aber noch nicht 
zurüd, und ß blieb er in Ungewißheit, wie man 
in Berlin dachte. König Friedrich Wilhelm II. 
konnte ihm möglicherweiſe ein eigenmächtiges 
Handeln aufs ſchlimmſte verargen. Leicht war 
es alſo auf keinen Fall, einen Entſchluß zu faſſen. 

Diebitſch ſchlug nun zuerſt eine Art Neutrali— 
tätsvertrag vor, ben Nord zögernd zurückwies, ſo daß 
am Ende nur ein ſtillſchweigender Waffenſtillſtand 
und für Vord ein Marſch nach rechts ſeitwärts 
verabredet wurde, dem ſich Diebitſch dann von 
neuem vorlegen ſollte. Yord äußerte gum Schluß 
der Unterredung: „Ihr habt ja ſo viele ehemals 
preußiſche Offiziere bei Euch, ſchickt mir doch 
künftig einen Polchen, ich habe dann doch mehr 
Zutrauen.” Go durfte nun Claujewif jelbft auf 
die Szene treten, und er übernahm freudig die 
Vermittlerrolle. Spät abends ritt er mit Die- 
bitih nad) Koltiniani guriid, und dieſer fragte 
ihn, was er wohl von Yords Abfichten Hielte und 
wag für eine Art von Mann er fet. Clauſewitz 
fonnte nicht umbin, feinen General, der bisher 
nur ein edles und offenes Benehmen gezeigt 
hatte, vor dem Alten zu warnen. Er fürchtete, 
wie er jelbit jagt, fehr, daß diefer bie Macht be- 
nugen werde, um das fchwache ruſſiſche Häuf- 
lein gu durchbrechen und feinen Weg zu Mace 
donald nach Tiljit fortzufegen. Er empfahl daher 
die höchſte Wachjamfeit, und Diebitſch traf feine 
Borfichtsmaßregeln. Kaum waren beide in einem 
Hauje abgeltiegen und hatten fic) in voller Klei— 
dung auf die Streu niedergelegt, al3 Pijtolen- 
ſchüſſe, und gwar von rüdwärt3 her, durch die 
Nacht erichallten. Einige Minuten hielt das 
Feuern an, und Claujewtg jprang mit dem Ge- 
danken empor: Das ift Word, der uns von hinten 
fiberfallt; du Haft ihn gut erraten. Tatfſächlich 
handelte e8 fich zwar nur um eine Dragoner- 
abteilung Mafjenbach3, weldye den Verjuch machte 
eine Nachricht zu Mord durchsubringen. Dod 
erfuhr man dies damals nocd) nicht. 

Trotzdem Yord an diejer Störung unjchuldig 
getvejen ijt, muß dod) erwähnt werden, daß er 
aud) die Verabredung für den 26. Dezember 
nicht innehielt und ftatt des Seitenmarſches eine 
Bewegung mehr gegen Tilfit hin ausführte, wags 
Diebitjd) doppelt mißtrauiſch machte. Nun folgte 
ſtarkes Parlamentieren, wozu ftet3 Clauſewitz 
gebraucht wurde. Das erfte Mal wollte Nord 
diejen nicht vor ſich laffen und jchalt den Offi- 


99 
Au Keb 


330 


zier der Vorpoften aus, der ihn begleitet hatte. 
Es handelte fick indefien nur um eine Komödie, 
und Vord ſchickte fchlieplich den damals gleichfalls 
ruffifden Oberleutnant Grafen Dohna hinaus, 
der fid) von Riga her bei ihm eingeftellt Hatte. 
Diejer jollte mit Claufewig alle Angelegenheiten 
bejpreden und fonnte nun auch mit voller Be- 
ftimmtheit die Verficherung abgeben, dah Yord 
e8 ehrlich meine, aber gern nod) einige Tage ge- 
winnen rolle, ohne ftehen zu bleiben. Macdonald 
follte feine Bewegung nod) fortjegen, Diebitſch 
aber Deffen Befehle für das preußifche Korps 
abfangen. So konnte der Verſchlagene fic) am 
Ende den Echein geben, als fet er von Macdo- 
nald im Stiche gelajjen worden. Diebitſch vere 
ftand das recht wohl, war aber Words dod) immer 
noch nicht recht gewiß. Wenn diefer ihn allmah- 
lid) big in die Gegend von Tilfit zurüdmand- 
verierte, um fid) dann durc einen Sraftitreich 
von ihm loszumachen, jo hätte Diebitich Teine 
jonderliche Rolle geipielt und wäre wohl gar in 
ein grweibdeutiges Licht gekommen. Diebitſch 
drängte daher und juchte Yord durch wiederholte 
Protelte zu einer Enticheidung zu bringen, wäh. 
rend Diefer befchwichtigte, dabei aber fortdauernd 
gegen Lilfit vorrüdte, jo daß er am 28. jchon 
Wilkiſchken, nur noc) zivei Meilen davon entfernt, 
befegte. Macdonald wartete ingwijdjen mit line 
geduld in Zilfit. 
Um 29. erſchien daher Clauſewitz mit einer 
Art von Ultimatum bei Word, der fic) perſönlich 
in Tauroggen befand, und bradıte zugleich den 
aufgefangenen Brief Macdonalds an Bajjano vont 
10. Dezember mit, in welchem fic) die Worte finden: 
„Enfin la bombe a crevé avec le général Yorck.“ 
Buerft wies Mord den Unterhändler, al3 diejer 
in fein Zimmer trat, barſch zurüd: „Bleibt mir 
vom Leibe, ich will nidjts mehr mit Cud) zu 
tun haben. Eure verdammten Stojafen haben 
einen Boten Macdonald durdgelafjen .. .“ 
Clauſewitz aber verftand es, den Alten zu bee 
ruhigen, er überjah recht wohl, daß diejer im 
Grunde genommen jchon viel zu ftark fompro- 
mittiert war, um noch zurüd zu fünnen. Er bee 
rechnete aud) richtig die Wirkung, welche Mace 
Donalds Worte auf Vord3 Temperament ausüben 
würden. E83 gelang ihm ſchließlich, feine Miſſion 
zu erfüllen und Yords Entſchluß zum Durchbruch) 
zu bringen, was Ddiejer ihm felbjt mit dem be- 
rühmten Wort: „Ihr habt mich“ anfiindigte. 
E3 erfolgte nun die bekannte Verhandlung in 
der Bojcherumger Mühle und der unter dem Na- 
men der Konvention von Tauroggen begriffene 
Vertrag, welder das PYorckſche Korps zunächft 
neutralifierte und den Übertritt Preußens auf 
tujjijche Seite vorbereitete. Die Darjtellung der 
enticheidenden Tage, welche Claufewig in feiner 
Geſchichte des Feldzugs von 1812 in Rußland 
ibt und der wir hier treu gefolgt find, ift in 
ober Grade fpannend und lebensvoll gejchrieben. 
Trotz der Wucht der Umstände, welche auf Yord3 
Entjchluß einwirkten, nennt der Verfaſſer dicjen 
dennoch „eine der kühnſten Handlungen, welche 
in der Gejchichte vorgefommen find“. 
Mit Yord ging Claujewig dann nad) Königs— 
berg und nahm dort den Tebhaftejten Anteil an 
der Erhebung der Proving, die den Anſtoß für 


©. Schr. dv. d. Goltz: 


Preußen und Deutichland gab. Er bearbeitete 
einen Entwurf für die Organifation der Land- 
mehr und des Landfturms, an dem Scharnhorit 
jpdterhin nur wenig zu ändern fand. 

Während des Feldzuges von 1813 bis gum 
Waffenftillitande, der damals ziemlich allgemein 
für den Borboten eines faulen Friedens gehalten 
wurde, befand fi Claufemif im preußijchen 
Hauptquartiere, ohne jedod) die Wiedereinreihung 
in da3 vaterländiiche Heer erlangen zu können, 
ba König Friedrich Wilhelm IL. ihm und feinen 
Genoffen den Übertritt von 1812 nocd) nicht vere 
ziehen hatte. Auf Gneiſenaus Veranlafjung jchrieb 
er die kurze Gejchichte des „Feldzuges von 1813 
bis zum Waffenſtillſtand“, deren Beftimmung ed 
war, die Hoffnung auf einen endlichen Sieg bei 
trdftiger Fortſetzung de3 Krieges im Wolfe gu 
erwecken. 

Niederſchmetternd traf ihn die Nachricht von 
Scharnhorſts Tode, in dem er ſein Vorbild, ſei— 
nen treueſten Berater und ſeinen beiten Freund 
verlor. Der Nachruf, den er ihm widmete, ift 
„ein Biographisches Denkmal von wunderbarer 
Schönheit“.*) Gneifenau, zum Chef des General- 
jtabe8 ernannt, wünjchte Claujewig, trop jeiner 
Sugend, dod) al Generalquartiermeifter im Haupt- 
quartier neben fic) zu jehen, aber Kneſebeck fepte 
Müfflings Ernennung durch, der mit jeiner Nei- 

ung zur Bejonnenheit und Pedanterie Gneijenaus 

euergeift und Blüchers Ungeftüm dämpfen follte. 
Go haben felbft in den Fritijchften Augenbliden 
der Geſchichte perjönliche Rüdjichten immer ihre 
Rolle gefpiclt, und fie werden leider niemals 
ganz auszuschließen fein. 

Claujewig mußte fid) begnügen, im Wall- 
modenjchen Korps, dem die Operationen im nörd- 
lihen Deutichland zufielen, als Chef des General- 
ftabe3 zu dienen und fich dort große Verdienfte 
um das Gefecht an der Göhrde zu erwerben. Im 
Sahre 1814 wurde er wieder ind Hauptquartier 
entjendet, aber erjt nad) dem Frieden in den 
preupijden Dienft zurüd übernommen. Im 
Sahre 1815 war er Chef des Generaljtabes de 
III. Armeeforps unter Thielmann und fodt mit 
diefem bei Liqny und Wawre, fo daß er der 
Schlacht von Waterloo fernblieb, aber durch den 
zähen Widerjtand gegen bas Grouchyſche Korps 
zur napoleont{djen Endfataftrophe beitrug. 

Mit General von Thielmann fehrte er aud 
nad Koblenz in deſſen Hauptquartier zurüd, wo er 
bi8 1818 verblieb. In diefen Fahre traf ihn feine 
Berufung als Direktor an die allgemeine Kriegs- 
ſchule nad) Berlin. Man hätte denken jollen, und 
man hat e8 damal3 ficherlich gedacht, daß dieſes bie 
beite Stellung für einen Claufewiß fet, und Clauſe— 
wit der befte Dann für den ausgewählten Boften. 
Aber die Hofinungen, welche er vielleicht zunächft 
an die neue Verwendung gefniipft hat und welche 
andere davon Hegten, erfüllten fich nicht; dod 
nicht durch feine Schuld, jondern durdh die Eigen- 
tümlichkeiten der Organijation. Der Direktor 
übte nämlich) auf Art und Leitung de3 Unter- 
richt feinen Einfluß aus; dieſer verblieb einer 


*) Auguſt Kluckhorn. Über Karl von Claufe- 
wiß, Feſtrede an der Georg Auguft» Univerfität 
zu Göttingen. 


Karl von Clauſewitz. 


bejonderen Studienfommijjion und ihm dafür 
nur die Verwaltung und die Aufrechterhaltung 
der Disziplin, welche bei der in jener Zeit an 
dem Inſtitut herrichenden afademijden Freiheit 
recht jchwierig war. Dienftlid) erntete er wenig 
mehr alg Verdruß und allerlei ärgerliche Schwie— 
rigfeiten. Trotzdem find die zwölf Jahre feiner 
Direktorftellung durch die Fügung de3 Schickſals 
für thn und das Vaterland zum Gegen geworden; 
denn während derjelben fand er Die Muße, fern 
großes Werk zu bearbeiten und joweit zu führen, 
al3 e3 auf uns iiberfommen tft. 

Daß er dies vermochte, jöhnte ihn auch mit 
der ihm gewordenen Beſtimmung aus, welche 
ihm jonft unmöglich genügen fonnte. „So fret 
er auch von jeder Heinlichen Eitelkeit, von jedem 
unruhigen, egoiftiichen Ehrgeiz war” — fagt jeine 
Frau in der Vorrede — „To fühlte er doch das 
Bedürfnis, wahrhaft niiplich zu fein und die 
Fähigkeiten, mit welchen Gott ihn begabt hatte, 
nicht ungebraudt zu lajjen. Im tätigen Leben 
jtand er nicht an einer Stelle, wo dies Bediirf- 
ni3 Befriedigung finden fonnte, und er machte 
fic) wenig Hoffnung, noch einjt zu einer folder 
zu gelangen; fein ganzes Streben richtete fic) aljo 
auf das Reich der Wiſſenſchaft, und der Mugen, 
den er einjt durch fein Werk zu Stiften hoffte, 
wurde der Zweck feines Lebend. Wenn tropdem 
der Entihluß, dies Werk erft nach feinem Tode 
ericheinen zu lajjen, immer fefter in ihm wurde, 
jo tft dies wohl der bejte Beweis, daß fein eitles 
Verlangen nad) Lob und Anerfenntnis, feine 
Epur irgend einer egoiftiichen Rüdficht dieſem 
edlen Drange nach einer großen und dauernden 
Wirkfamfett beigemiſcht war.” 

„So arbeitete er eifrig fort, bid er im Früh 
jahr 1830 zur Artillerie verſetzt und feine Tätig» 
feit nun auf eine ganz andere Weile und zivar 
in jo hohem Grade in Anſpruch genonmen wurde, 
dah er, wenigſtens fürs erjte, allen fchriftitelle- 
riihen Arbeiten entjagen mußte. Er ordnete 
jeine Papiere, verjiegelte die einzelnen Pakete, 
verjah fie mit Aufichriften und nahin einen weh— 
mütigen Abjchied von diejer ihm jo lichgeworde- 
nen Bejchäftigung. Er wurde im Auguft des- 
jelben Jahres nach Breslau verjeßt, wo er die 
zweite WUrtillerieinjpeftion erhielt, aber fchon im 
Dezember nach Berlin berufen und als Chef de3 
Generaljtabes bei dem Feldmarjchall Grafen von 
Gneifenau (fiir die Dauer des demijelben ver- 
lichenen Oberfommandos) angeftellt. Im März 
1831 begleitete er jeinen verehrten Feldherrn nad) 
Poſen. Als er nach dem jchmerzlichen Verluft 
im November von dort nach Breslau zurückkehrte, 
erheiterte ihn die Hoffnung, fein Werk wieder 
vornehmen und vielleicht im Laufe des Winters 
vollenden zu fünnen. Gott hatte e3 anders ge- 
wollt; er war am 7. November nah) Breslau 
zurüdgefehrtt, am 16. war er nicht mehr, und die 
von jeiner Hand verjiegelten Pakete wurden erit 
nad) feinem Tode eröffnet!” *, — 


*) Claujewig ftarb, wie vor ihm Gneijenau, der 
die vier gum Örenzichuß während de3 polnijch-ruifi- 
ihen Krieges aufgeftellten Armeekorps befehligte, 
an der Cholera. Diefe hielt damals bekanntlich 
ihren erften verheerenden Zug durch Mitteleuropa. 


331 


Abfichtlich find wir hier der Darftellung der 
Herausgeberin gefolgt, weil fi) die Erzählung 
von Clauſewitz' letztem Lebensjahre nicht fiirger 
und wirfungsvoller geben läßt. Gn Pojen hatte 
Clauſewitz als Gneijenaus Stabsdyef die Geele 
des Hauptquartiers gebildet, und Brandt ſpricht in. 
feinen Memoiren voll Bewunderung über die Art 
und Weije, wie er aus den einzelnen Unter- 
nehmungen und Märfchen der zu gleicher Zeit in 
Polen ſich gegenüberjtehenden Hecre feine Folge» 
rungen 30g, die Geichwindigfeit aller Bewegungen 
berechnete und meift mit treffendem Urteil die 
Punkte vorausbeitinmte, wo es zu Entjcheidungen 
fommen würde. „Was jpäter von Hiltorifern 
mühjam herausgeffügelt, von Militärjchriftftellern 
nad langen Studien al3 die Quinteſſenz des 
Wiſſens aufgeftellt ift, erichloß fic) ihm im Augen- 
blide. Das Schickſal hat es ihm leider verjagt, 
in einer höheren Wirkfamfeit jeine Talente zu 
bemweijen, aber ich habe die fejte Überzeugung, er 
würde al3 Ctratege Außerordentliches geleijtet 


aben.” 

9 Die Richtigfett dieſes Schlußurteils von 
Brandt ift vielfach bejtritten worden. General 
Thielmann foll 1815 über Clauſewitz' praktiſche 
Tätigkeit nicht günftig geurteilt haben. Cine 
gewilfe Befangenheit der Truppe gegenüber war 
thm wohl eigen, die Gewohnheit des Kommandos 
fehlte ihm; er mag die Gabe nicht befeffen haben, 
jene mit fich fortzureißen. Cin fo Harer Geift, 
wie er, der ftet3 auf die äußerte Wahrheit in 
Urteil und Entichluß gerichtet war, würde indeflen 
ohne Brweifel, jobald er erjt einige Bett den Be— 
fehl geführt, die beengenden Schranken fiber 
wunden haben, die fein Wejen ihm dabei febte. 
Es hätte ſich wohl noch ein bedeutender Feldherr 
aus ihm entwideln fünnen, wenn bas Schidjal 
e3 gewollt. Auch von Moltke Hat man ja be- 
richtet, daß die direfte Berührung mit der Truppe 
ihm eine gewijfe Verlegenheit bereitete. Dieje 
wäre ficherlich in fiirgefter Friſt gejchwunden, 
wenn das Leben ihn dazu bejtimmt hätte, ein 
Korps oder eine Armee jelbft zu führen, ftatt 
ala Chef bed Generalitabes an der Geite des 
Königs zu ftefen. 

Heute jagt man von Llaufewig gemeinhin, 
daß er Napoleons Kriegführung dem preußiichen 
Heere zugänglich und es damit vertrauter ge- 
macht habe, al3 die Franzoſen ed geworden feten; 
darauf habe zum großen Teil die preußiiche 
Überlegenheit von 1870 beruht. Bis zu einem 
gewiljen Grade ift das richtig. Da Claufemig 
niemal3 ftarrer Theoretifer war, fondern aus der 
lebendigen Anſchauung der ihn begleitenden Cr- 
eignifje jchöpfte, jo wurde Napoleon fein vorziig- 
lichjter Lehrmeiſter; doch hat er fic) nie einjeitig 
und jflavijd) zu deſſen Apoſtel gemacht. Auch 
Friedrich und andere große Feldherrn der neue- 
ren Beit waren jeine Vorbilder. Er lehrte die 
Kriegführung, wie fie fich aus dem allgemeinen 
Entwidlungsgange der Kultur nad) natürlichen 
Bedingungen zu jeiner Beit ergab. 

Ceine hinterlaffenen Werfe erjdienen, von 
Frau von Claujewif mit Hilfe einiger General» 
ftabgoffigiere und Freunde für den Drud vor- 
bereitet, von 1832 an in zehn Bänden, aber in 
unregelmäßiger Folge. Zuerjt famen die beiden 

D+) * 


332 


eriten Bände des rein theoretifchen Werfes vom 
Kriege*); dann folgte eine Gejchichte des Feld- 
ugs von 1796, die den vierten Band bildet, 
pater andere friegshiftoriiche Abhandlungen und 
dann der dritte Band vom Kriege. Claufewip 
jelbit jagt, daß Syſtem in diejer Darftellung auf 
der Oberfläche nicht gu finden fet und daß er 
ftatt eines fertigen Lehrgebäudes zunächlt nichts 
alg Werkſtücke geben könne, die wijjenjchaftliche 
Form liege in dem Beftreben, das Wejen der 
triegerijdjen Erjcheinungen zu erforjden und ihre 
Verbindung mit der Natur der Dinge, aus denen 
fie zufammengefeßt find, zu zeigen. Er betrachtete 
Die erjten ſechs Bücher des Merfes vom Kriege, 
welche fich jchon ins reine gejchrieben vorfanden, 
nod) als eine ziemlich unjörmliche Maſſe, bie 
durchaus noch einmal unıgearbeitet werden follte. 
Das ficbente und achte Bud) ftellen nur Skizzen 
und einige entworfene Stapitel dar, Die „ein 
bloße3 rohes Durcharbeiten durch Die Maffe find.” 

Dann fügt er in einer, im Yahre 1827 
gefd riebenen „Nachricht“ vorahnend hinzu: „Sollte 
mich ein früher Tod in diejer Arbeit unterbrechen, 
fo wird das, twas fic) vorfindet, fretlid) nur eine 
unförmliche Gedanlenmaffe aaa: werden kön⸗ 
nen, die, weil unaufhörlichen 2 Nißverſtändniſſen 
ausgefeßi, zu einer Menge unreifer Kritiken Ver— 
anlaſſung geben wird; denn in dieſen Dingen 
laubt jeder das, was ihm einfällt, indem er die 
Feder ergreift, eben gut genug, um gejagt und 
gedruct zu werden, und hält e3 für ebenjo une 
weifelhaft, als da zweimal zivei gleich vier tft. 

olite er fid) die Mühe geben, wie id), jahre- 
lang über ben Gegenstand nachzudenten und ihn 
immer mit der Kriegsgeſchichte zu vergleichen, jo 
wiirde er freilich mit der Kritif behutjamer fein.“ 

Die adjt Bücher vom Kriege bejchäftigen fich 
im allgemeinen mit Der Strategie oder der Krieg 
führung im großen; dann jchliept fich die jchon 
erwähnte Überſicht über den militäriſchen Unter- 
richt ded Rronpringen und eine Arbeit über 
organijde Einteilung der Etreitfräfte an. Gee 
dacht war von ifm nod) ein gleidwertiges Werk 
über die Taktif oder Gefechtslehre, was vielfad) 
jelbft von feinen Verehrern überjehen wird. Für 
diefe hat er nur die Skizze eines Planes und 
dann einen Leitfaden zur Bearbeitung aufgeftellt. 
Mag aber der große Denker ans diejen Gründen 
fein Werk nur als eine Sammlung nod) nicht 
geordneter Bruchitüde bezeichnet haben; für ung 
findet fid) unendlich viel Darin, und es wird uns 
ichwer, und bas Bollendete vorzuftellen. Cs 
ericheint überhaupt fraglich, ob fein raftlo3 are 
beitender Geift einen Abſchluß, der Dem eigenen 
Wünſchen völlig entiprach, gefunden haben würde, 
aud) wenn ihm ein längeres Leben bejchteden 
gewejen wäre. 

* 
* 

Der Verſuch einer kurzen Inhaltsangabe 
von Clauſewitz' Lehre iſt recht gewagt. Dennoch 
muß den vielen Leſern, die mit ihr noch un— 
bekannt ſind, erläutert werden, worum es ſich 
handelt. Um ihren eigentümlichen Reiz für den 
forjdyenden Geift etnigermapen gu verjtchen, muß 

*) Diejes ift in drei Bände und acht Bücher 
geteilt. 


©. Frhr. v. d. Goltz: 


man aber gunddft in ganz großen Zügen den 
Standpunft Ddaritellen, ae welchem an die 
Kriegswiſſenſchaft vor Clauſewitz befand. 

Sie räumte den geometrifchen Beziehungen 
in der Tätigkeit der Heere und dem Einfluß des 
Geländes einen jehr weiten Spielraum ein. Der 
Krieg wurde darin als etwas vom übrigen Leben 
der Völker völlig Getrenntes und feine Führung 
al3 eine Kunft für fic) betrachtet. Wie im poli- 
tijden Leben zu Ende de3 XVIII. Sahrhunderts 
Die Kriege lediglich als eine Wngelegenheit des 
abjoluten Fürſten betrachtet wurden, welche das 
Volk nichts anginge, jo fah man die Lehre vom 
Kriege aud) für etwas an, was nur der Fadı- 
mani verjtchen könne und was mit den übrigen 
Wiffenfcdhaften nichts gemein habe. Da nun die 
Truppenbewegungen und Kämpfe fich im Grunde 
genommen in einfachen Formen abjpielten, jo 
wurde es verjucht, ihnen gewaltjam einen tieferen 
Snhalt und Zujammenhang zu geben. An fich 
drüdt fid) darin Das lobenswerte Streben aus, 
ſich aus der rohen Empirif älterer Beiten heraus- 
guarbetten, aber der dabei gewählte Weg war 
meist zu einem Irrweg geworden. Dein geome- 
triichen Verhaltnis, in welchem die Linie, mo 
das Heer aufmarjcierte, zu derjenigen ftanb, auf 
der eS dann vorrüden jollte, Die Lage des Ope- 
rationgobjeftes, des Bielpuntte3, zu dieſen Linien, 
die Winkel, welche fie miteinander bildeten, wur— 
den ald bas Entſcheidende bei den Heeres- 
bewegungen bezeichnet. Berge mit ihren Ber- 
giveigungen, Lage von Zälern, follten angeblid) 
ın der innigften Beziehung mit den Truppen— 
bewegungen ftehen. Scherzweiſe hat man es als 
eine Theorie jener Zeit bezeidjnet, daß „das Ba- 
taillon den Berg und der Berg das Bataillon vere 
teidigt". Wan dachte Nic die Truppen gleichjam 
verheiratet mit dem Terrain und überjah die 
natürlichen Bedingungen für Leben und Tätig- 
feit der Heere. Daß beijpielsweije eine Operations- 
linie in dem beiten Winkel zur Operationsbafig, 
dem rechten nämlich, ftehen und dod) gänzlid) 
unbraudybar fein könne, weil der Weg, der dort 
führt, unpajfierbar tft, adjtete die damalige 
Kriegslehre gering. Dah ein Berg, der eine 
ſchöne Aufftellung für ein Truppentorps bildete, 
ohne Bedeutung fet, weil alle großen Heerftraßen 
außer Schußweite an ihm vorüberführten, wurde 
wijjenichaftlich nicht anerfaunt. Mafjenbach, ein 
Hauptvertreter jener älteren Theorie, welche die 
Mathematif als unerläßlihe Grundlage für die 
Tätigfeit des Feldherrn erklärte, ritt nod) am 
Abende der Schlacht von Jena unter den flichen- 
den Truppen umber und verwies fie nad) dem 
Ettersberge bei Weimar, dem er im Frieden eine 
beherrichende Rolle angedichtet hatte und vergaß 
dabei völlig, daß Der geichlagenen Wrmee nicht 
die mindefte Kraft zum Widerjtande mehr inne- 
wohnte. Celbft ein fo bedeutender Mann, wie 
eS Kneſebeck namentlid) in jüngeren Jahren 
augenjcheinlich war, wies nod) turge Beit vor 
Dent miatialidien Kriege, wie er gewiß meinte, 
überzeugend nach, daß Napoleon ein Angriff 
gegen Preußen in der Richtung auf die Elbe 
unmöglich jet; denn dort lagen zwei Heftungen: 
Erfurt und Magdeburg. Jede hatte ihre eigene 
„Wirkungsſphäre“, und der Kaiſer mußte ent» 





Karl von Claufewig. 


weder in die der einen oder der andern hinein- 
geraten. Dann war ifm Halt geboten. Aber 
Napoleon, der große Naturalijt, wußte von Wire 
fungsfphären nichts und ging achtlos an Erfurt 
vorüber. Magdeburg aber fiel faft ohne Wider- 
ftand in feine Hand, weil e8 einen Kommandanten 
befaß, der jeiner Rolle nicht gewachſen war. 

Daß aus einer foldjen Anfchauung vom 
Wefen der Kriegführung, welcher felbjt die beiten 
Köpfe jener Zeit unterworfen waren, nur eine 
recht dürftige Lehre, Die weder den Geiſt erheben 
nod den Charakter ftärfen fann, hervorgehen 
mußte, iff ohne weiteres ar. 

Clauſewitz geht von der Erffärung aus, daß 
der Krieg nichts tft, als die fortgejepte Politik 
mit andern Mitteln. Dadurch ftellt er den Krieg 
mitten in das Leben der Völker und in ihre 
geihichtliche Entwidlung hinein. Go bringt er 
von Haufe aus feine Lehre auf einen fruchtbaren 
Boden. Er nennt den Krieg auch einen Akt des 
Verkehrs der Völker untereinander und fept thn 
in BVergleid) mit dem Handel, der wieder feine 
verwandtichaftlichen Beziehungen mit der Politik 
hat. Wie dieje immer mit unbelannten Gegen» 
wirfungen rechnen muß, von melden fich ein 
Iharfer Kopf wohl ein annähernd richtiges Bild 
machen, fie aber nie völlig vorherjehen fann, fo hat 
aud) die Kriegführung unausgejegt mit dem un- 
abhängigen Willen eines Gegner? zu rechnen, 
deſſen Verhalten man wohl aus feinen perjön- 
liden Eigenichaften, dem Charakter ded Bolkes, 
der Natur des Landes und vielen Nebenumjtänden 
durch Diagnoje ungefähr zu erraten, nie aber 
beitimmt vorauszufagen vermag. Clauſewitz ver- 
wirft daher auc) den viel gebrauchten Vergleich 
der Kriegführung mit dem Schadjfpiel, weil man 
in diefem die Wirkung jeden Buges vorher 
berechnen fann, und läßt dafür den mit dem 
Kartenipiel zu, wo man es mit verdedten Karten 
des andern Spielers zu tun hat. Das Element, 
in dem fic) der Krieg und die Tätigfeit des 
Seldherrn bewegen, ijt aljo die Ungemißheit, und 
Ihon daraus geht hervor, daß die Sträfte des 
Gemütes und des Geiftes hier viel mehr zur 
Geltung fommen, al3 die Kenntnis von mecha- 
nifdjen Regeln und geometrijchen Beziehungen in 
den Truppenberwegungen, oder die einer kom— 
plizierten Geländelehre. 


Am volljtändigjten wird die Politi’ immer - 


ihre Zwecke erreihen, wenn der Feind wehrlos 
gemadt wird und fein entgegenftehender Wille 
ebrocjen ijt. Das geichieht durch den Kampf. 
uf Vernichtung der feindlichen Streitkräfte läuft 
alſo jchließlich alles hinaus, danach muß nun der 
Heerführer ftreben, und nicht nad) forreften Lie 
nien und Winkeln. Go dadjten Friedrich der 
Große, fo Napoleon I., jo aud) Klaujewig, Bliicher 
und Gneifenau und ebenfo bachten die preufi- 
jhen Generale von 1866 und 1870. 

Mean ift verjucht, die Frage zu ftellen, ob 
diefe einfachen Sätze jemals haben verfannt wer- 
den finnen; dod) ift darauf nur gu ertvidern, 
daß beiſpielsweiſe Maſſenbach in einer Lobrede 
auf den Prinzen Heinrid) von Preußen den 
Marihall Berwid als das deal eines Feldherrn 
hinftellte, weil er ohne Echladyt den Sieg ge- 
wonnen. 


333 


An die Grundbegriffe, daß der Krieg nur 
eine StaatSpolitif mit anderen Deitteln fet und 
jih im Element der Ungemwißheit bewegen miiffe, 
anfnüpfend, ſucht Claujewig alle Probleme der 
Kriegführung mit dem Verftande ganz zu durch. 
dringen, fie zu gergliedern und fie ſich ihrem 
inneren Zufammenhange nach zu erflären. Seine 
Natur drängt ihn immer „zum Entwideln und 
Spitematijieren”, niemals aber hat er dabei die 
lebendige Wirklichkeit vergeffen und die Ergebnifje 
feiner Gebdanfenarbeit ſtets forgfam verglichen 
mit der unmittelbaren Anſchauung der Dinge. 
Das prägt fic) deutlich in feiner Vorliebe für den 
friegsgeichichtlichen Beweis feiner Lehren aus. 
Nirgends finden wir in feinen Schriften cine 
unfruchtbare Gedanfenfpieleret, bei der fih, um 
mit feinen eigenen Worten zu reden, „das pro 
et contra im NRaifonnement gegenfeitig jo ver- 
ihlingen, daß nicht einmal, wie bei den beiden 
Lowen, die Schwänze übrig bleiben”. Jedes 
Streben nad) dem Schein großer Gelehrjamteit 
liegt ihm völlig fern, und es ift ein zwar all- 
gemein verbreitetes, aber nur der Unbefanntichaft 
entipringendes Vorurteil, daß Clauſewitz jchwer 
zu verjtehen fet. Wo ihn die unmittelbare An- 
ſchauung über bas Wejen einer Erjcheinung völlig 
ins flare jeßt, fucht er fie nicht erjt aus irgend— 
einem rooms heraus zu erläutern. 

„Unftreitig wäre es ein Fehler,” fagt er, 
„aus den chemijchen Beftandteilen des Weigen- 
forn3 die Geftalt der Whre erforjchen zu wollen, 
die es treibt, ba man nur aufs Feld zu gehen 
braudt, um die Ühren fertig zu fehen. Unter- 
juhung und Beobadhtung, Philofophie und Er- 
fahrung dürfen nie einander veradjten, noch aus- 
ſchließen; fie leiften einander gegenjeitige Bürg- 

a t 4 


Clauſewitz' Lehre befipt den unmiderftehlichen 
Bauber der Friihe, und felbft der Laie lieſt fie 
mit Genuß. Cine wundervolle Sprache zeichnet 
fie aus; denn Glaujewig war, ohne je Haffijche 
Bildung genoffen zu haben, doc) ein Klafliker. 

Freilich erflärt fid) aus feiner Auffaffung 
zugleich, daß fein Bud) das Schidfal vieler bahn- 
brediender Werte gehabt hat, lange Beit mehr 
angeführt als gelejen zu werden. Es bat erſt 
nad) zwanzigjährigem Dafein 1853 eine ziveite 
Auflage erlebt, die auf eine nur recht ſchwache 
erjte folgte. Der Grund mag in der Neuheit 
jeiner Auffaffung und darin gelegen haben, daß 
es zum direkten praftiihen Gebrauche nicht ge- 
eignet tft. Es ift fein Hand- und Nachichlage- 
bud. Clauſewitz zeigt fid) fogar, was bei feinem 
Gyftem der Unterjuchung aller Erjcdeinungen des 
Krieges verftändlich ift, Außerft vorfichtig und 
fparjam in der Aufftellung von Lehrjäßen; nad) 
folden aber verlangt die Menge. 

Den Kampf erklärt er al3 das Abmeffen der 
förperlichen und geiftigen Kräfte vermittelft des 
erfteren. Die Kriegführung, zu welder ſchließlich 
alle Zätigfeiten gehören, die um des Krieges 
willen da find, bejchäftigt fic) mit der Anord- 
nung und Führung des Kampfes, der fich wieder 
in eine Zahl von Gefechten auflöft. Die Gee 
fechte in fic) anzuordnen, ift Gace der Tattik, 
fie unter fid) zum Zwecke des Krieges zu ver- 
binden, Cadje der Strategie. Co wird die Lehre 


334 


von der Kriegführung in ihre beiden großen 
Gruppen geteilt. Pofitive Lehren, gleichſam Re- 
zepte, nad) welchen im Augenblid der Handlung 
zu verfahren wäre, find unmdglid. Moraliſche 
und intelleftuelle Momente wirkten in der friege- 
rischen Zätigleit überall mit und entzichen jich 
der Berechnung. Indeſſen gibt e3 darin Ab- 
ftufungen. Ye tiefer nach unten, defto mehr tritt 
die Rückſicht auf materielle Dinge und auf die 
Kunjtfertigfett in ihrem Gebraudje hervor. Für 
den einzelnen Soldaten reicht es aus, wenn er 
jeine Waffe fennt, fie gut anzumenden weiß und 
Mut befitt. Eine Heine Abteilung fteht fchon 
mit anderen in irgend einem Zujammenhange, 
und ihr Führer wird, um richtig zu handeln, 
Diejen Zuſammenhang begreifen miijjen. Se 
höher hinauf, dejto fdjdrfer tritt dieje Forderung 
hervor. Die geiftige Tätigfeit wird mehr in 
Anfprud) genommen, während die pofitiven Kennt» 
nijje und eigenen ertigfeiten in ihrer Rolle 
zurüdtreten. Der Feldherr endlich handelt außer- 
halb des Geſetzes; bei ihm wirkt jchließlich faft 
nur nod der eigene Genius. Bom Erlernten 
und den Lehren anderer darf er aufs Sclacht- 
feld nur nod) die Übung des Geiftes im richtigen 
Erkennen und Abſchätzen der ihn umgebenden 
Vorgänge mit fid) nehmen. 

Hieraus geht hervor, daß Claujewif’ Lehren 
da, wo fie die Taftif berühren, in vielen Punkten 
wegen der Veränderung des Werfzeuges für da3 
Gefecht von uns umgedacht werden müſſen, wäh- 
tend fie beziiglich der Strategie, ebenjo wie feine 
hiftoriiche Kritit, nod) vollen Wert befißen und 
der Prüfung vom Standpunkt unjerer ker aug 
vollfommen entiprechen. 

Wir halten und deshalb vornehmlich an 
Dieje, und dürfen e3 um fo eher, als die Tattit 
ia nur in dem eriten flizzenhaften Entwurfe 
vorliegt. 

Der Feind ſoll aljo vernichtet werden; un- 
gewiß aber bleibt, auf welche Art er fic) dem 
widerjegen wird. 

Das natürlichfte Mittel gum Bred ift die 
Übermacht an Streitkräften. Die Zahl entjcheidet 
zunächſt, aber fie tft dod) nur ein Faktor von 
vielen. Mancjerlei Umftände und Nebenmwir- 
fungen fommen dazu, wie die Tiichtigteit des 
Heeres, das Gente des Feldherrn ujw. Gie alle 
fünnen mit in die Rechnung geftellt werden, aber 
der Führer vermag fie fic) tm Augenblide nicht 
mehr gu geftalten, wie e8 erwünſcht ift; fie find 
etwas Gegebened. Die Zahl hat er in der Ge— 
walt, jomeit die Kräfte des Staates e8 zulafjen. 
Cie bildet alfo die elementarſte Grundlage für 
den Sieg. Co etnfad) diefer Gag Hingt, ijt er 
dod) — jelbft in den für ein Land gefährlichiten 
Krijen — überjehen worden. Der urjprünglidjite 
und zugleich größte Fehler, der die furdtbare 
Niederlage Preußens im Jahre 1306 verjchuldete, 
war, daß die gejamte Anftrengung, welche der 
Staat gemacht hatte, der Aufgabe, Yranfreid) zu 
widerjtchen, bet meitem nicht angemeffen war. 
In den enticheidenden Oftobertagen an der Saale 
fodten etwa 100000 Mann gegen Napoleon um 
die Exifteng der Monarchie Friedrichs des Großen. 
Zieht man nad) dem Verhältnis der Einwohner» 
zahl die Leiſtung be preußiſchen Staates im 


C. Schr. v. d. Golf: 


Jahre 1813 zum Vergleiche heran, fo Hätte, ftatt 
der Hunderttaujend, das Treifadje auftreten 
fönnen, und damit würde das Schickſal des Feld- 
guges ficherli eine andere Gejtalt gewonnen 
haben. 

Das urjprünglichite Mittel zum Siege wäre 
aljo gefunden, und es ift feine Verwendung zu 
fudjen. Die Kraft de3 Gegners wird im mejent- 
lichen durch feine Hauptarmee dargejtellt, und 
Dieje vernichtet man am beiten in einer Haupt- 
Ihladt. Die Hauptichlacht fteht alfo im Mittel- 

untte der gcfamten friegeriichen Handlung; fie 
ift gleichjam um ihrer felbft willen da und ent- 
jcheidender Sieg der zu erftrebende Zweck. Neben- 
wede, weldje bei den einzelnen Gefechten eine 
olle jpielen fonnen, treten in ihr faft vollfommen 
zurüd. Uber der große Erfolg entjcheidet durch 
jeine Wirkungen zugleich) auch über alle Heinen 
ragen. Bon der Hauptichlacht jagt Clauſewitz: 
„Bier an Diejer Stelle, in diefer Stunde den 
Wegner zu überwinden, ift die Abficht, in welche 
der ganze Kriegsplan mit feinen Fäden zujanı- 
menläuft, alle entfernten Hoffnungen und dunflen 
Borftelungen von der Zukunft fid) zuſam— 
menfinden; e3 tritt bas Schickſal vor ung hin. 
um die Antivort auf die dreifte Frage zu geben. 
— Dies ift die Geiftesfpannung, nicht bloß des 
Seldherrn, jondern feines ganzen Heeres bid zum 
legten Troßknecht hinab.“ 

Die Unordnungen für die Schlacht fchlagen 
zwei Richtungen ein, das erfte Mal, den Erfolg 
überhaupt ficjer zu ftellen, und das zweite, Die 
Folgen des Sieges möglichit bedeutend zu machen. 
Zum erjten find alle Kräfte nach Raum und Beit 
zu vereinigen, d. h. zur gemeinjamen oder doc 
einander unterjtügenden Wirkung zu bringen — 
zum zweiten find fie in der Richtung vorzufüh- 
ren, weldje für den Feind die verderblichfte ift. 
Die feindliche Streitmacht foll aber nicht bloß 
überwunden, jondern fogar zerjtört und ihrer 
Lebensbedingungen beraubt werden. Das gefchicht 
durch Bejegung des feindlichen Landes; denn 
damit endlih fann am ebejten der Wille de3 
Gegner? gebrochen werden. 

Aus der Natur und Geftalt des feindlichen 
Staate3 und den erften Verſammlungsorten feiner 
Heere, die man nad) dem Ne der Straßen ers 
fennen fann, ift e8 meist möglich, die Richtung 
de8 Vorgehens und diejenigen Maßregeln gu er- 
fennen, welche jenen Bedingungen entjprechen. 
Ein Beijpiel wird dies am beiten Harmadhen. 
Im Sahre 1866 fete man die öfterreichiiche 
Armee im jüdlichen Mähren verjammelt voraus, 
während die preußiiche im meiten Bogen an der 
ſchleſiſchen und füchjischen Grenze auseinander- 
gezogen jtand. Bu einheitlicher Wirkung vereinigt, 
hielt man dicje aber im preußifchen Hauptquar— 
tier den Ofterreichern taftijd) überlegen , und jo 
fam alles darauf an, fie in voller Stärke zujam- 
menzubringen, was natiirlid) nur nad) vorwärts 
gejchehen fonnte, wenn man nicht gleid) durd 
einen Rüdzug viel Land preisgeben wollte. Nun 
ließ fid) berechnen, daß felbjt die entfernteiten 
Zeile das nördliche Böhmen zu erreichen vers 
mochten, ehe dort die Ofterreicher in ganzer Starke 
eintreffen fonnten. Go ergab fich als erfter ftra- 
tegiicher Gedanfe die gemeinjame Bewegung der 


Karl von Claujewig. 


preußifchen Heere nach der Gegend von Gitfdin. 
Sm Jahre 1870 war der Norddeutiche Bund und 
nod) mehr gang Deutichland den Franzofen an 
Bahl der Streitfräfte überlegen, und das gab 
jihere Hoffnung auf den Sieg, wenn es jenen 
nidjt glüdte, fid) im Laufe des Krieges erheblich 
zu verjtärfen. Dies konnten jie am ehejten durch 
die reichen Mittel von ‘Baris und der ausgedehn- 
ten Gebiete von Mittel- und Südfrankreich. 
Hieraus folgt der Grundgedanke der deutjchen 
Operationen, die Franzoſen von ihrer Nüdzugs- 
linie auf Paris nad) Norden abzudrängen, und 
er blieb der leitende bid zur Rataftrophe von 
Sedan. Man fieht, daß alfo dunkle Ratjel nicht 
zu löſen find. „So ift denn in der Gtra- 
tegie alles jehr einfach, aber darum nicht auch 
alles jehr leicht. Iſt aus den Verhaltnifjen ded 
Gtaate3 einmal bejtimmt, was der Krieg joll und 
wa3 er fann, jo ijt der Weg dazu leicht gefunden; 
aber Dicjen Weg unverrüct zu verfolgen, den Plan 
durchzuführen, nicht durch taujend Veranlaffungen 
taujendmal davon abgebradjt zu werden, das 
erfordert außer einer großen Stärfe des Charaf- 
ter3 eine große Klarheit und Gicherheit des 
Geiftes; und von tauſend Menjchen, die ausge- 
zeichnet fein können, der eine durch Geift, der 
andere durch Scharflinn, wieder andere durch 
Kühnheit oder durch Willensftärfe, wird vielleicht 
nicht einer die Eigenjchaften in fich vereinigen, 
Die ihn in Der Bahn des Feldherrn über Die 
Linie des Mittelmäßigen erheben.“ 

Alle die moralijdjen Potenzen, die in den 
roßen friegerijden Enticheidungen zur Mitwir- 
ung gelangen, die Kühnheit, die Beharrlichkeit, 
die Überrafchung, die Lift, welche Clauſewitz als 
die ZTajchenjpielerei mit Handlungen bezeichnet, 
zieht er in den Kreis feiner Betrachtungen und 
erwägt ihre Wirkung; denn er fieht fie alle als 
zum Gebiet jeiner Lehre gehörig an. „Die 
Theorie des Krieges,” jagt er, „beichäftigt fic 
war vorzüglid) damit, wie man auf den ent- 
— Punkten ein Übergewicht von phyſi— 
ſchen Kräften und Vorteilen erhalten könne; allein 
wenn dies nicht möglich iſt, ſo lehrt die Theorie 
auch auf die moraliſchen Größen rechnen: auf 
die wahrſcheinlichen Fehler des Feindes, auf den 
Eindruck, welchen ein kühnes Unternehmen macht 
uſw., ja auf unſere eigene Verzweiflung. Dieſes 
alles liegt gar nicht außer dem Gebiete der Kriegs— 
funft und ihrer Theorie, denn diefe ift nichts als 
ein vernünftiges Nachdenken über alle Lagen, in 
welche man im Kriege fommen fann. Die ge- 
fährlichiten diejer Lagen muß man fi) am häu— 
figjten denfen und am beiten darüber mit fid 
einig werden. Das führt zu heroiſchen Ent- 
Ihlüffen aus Gründen der Vernunft.” 

Das Schwierige, bei glüdliher Erfüllung 
aber auch das Glänzendſte, ıft, den großen lei- 
tenden Gedanken in allen einzelnen Anordnungen 

jelbft für das Gefecht aufrecht zu erhalten. Wenn 
fie fid) ihm auch nicht überall vollfommen unter- 
ordnen können, fo joll er doch allerorten durch— 
ſchimmern. Er bejtiinmt jchließlich felbft Die 
vorteilhaften Richtungen für das Vorgehen auf 
dad Schlachtfeld, ſoweit die erfte Rüdficht, näm- 
lid) die Gicherftellung des Gieged überhaupt, e3 
zuläßt. So ift aud) 1870 in den Schlachten von 


335 


deutfcher Seite verfahren worden; durch alle z0g 
jid) wie ein roter Faden das Beitreben, die Fran— 
zojen von ihrer RiidgugSlinie auf Paris nad) 
Norden Hin zurüdzumerfen. Golden Vorſätzen 
bei allen Wechfelfällen des Krieges und gegenüber 
dem Daagrwifdentretenden feindlichen Willen treu 
zu bleiben, macht die Stärke des Charakters im 
Teldherrn aus. Spielt ibm doch auch der Zu- 
fall gar mandjen argen Streich, ohne daß er fich 
beirren lafjen darf. „ES gibt Feine menschliche 
Latigfett, welche mit dem Zufall fo beftändig und 
jo allgemein in Berührung ftünde, als der Krieg. 
Mit dem Zufall aber nimmt bas Ungefähr und 
mit ihm dad Glüd einen großen Pla im 
Kriege ein.” 

Weiterhin Handelt Clauſewitz die einzelnen 
Krieg3mittel, jodann die beiden Hauptformen des 
Krieges: Verteidigung und Angriff, ab, ohne daß 
wir thm in die Einzelheiten folgen können, weil 
dies den für unfere Studie gegebenen Raum weit 
überjchreiten würde. Belannt ift, daß der am 
meiften angefochtene Gag feiner Lehre der ift, 
dap die Verteidigung die ftarfere Form fei, nicht 
der Angriff. Der Widerſpruch gründet fid) in- 
deffen nicht fo fehr darauf, daß man Claufewip’ 
Logit hierbei nicht zu folgen imftande ift, jon- 
dern weil diefer Sat die große Gefahr eines be- 
denflichen Mißverſtändniſſes in ſich birgt. Clauje- 
wig fügt ja auch gleich Hinzu, daß die Verteidi- 

ung den negativen, der Ungriff den pojitiven 
wed verfolge. 

Mit negativen Zwecken aber erreicht man im 
Kriege nichts, und ihnen wird fich nur derjenige 
zuwenden, weldyer den Schreden ohne Ende einem 
Ende mit Schreden den Vorzug gibt. Wir ent- 
ſcheiden uns daher für den Angriff. 


Sn den Abhandlungen über die Kriegsmittel 
zeigt Klaujewig nicht nur den geiftvollen Ana- 
Iytifer, fondern zugleid) den durchaus praftijden 
und erfahrenen Soldaten, Cigenjdaften, welche 
ihm oft beftritten worden find, weil man jeine 
Größe durchweg auf anderen Gebieten fuchte. Wir 
führen nur an, twas er über Entbehrung im 
Kriege fagt. „Wer diefe fümmerliche Ernährung 
des Soldaten ") für eine gleichgültige Sache aus— 
geben will und nur daran denkt, was Friedrich 
der Große mit feinen fo verpflegten Coldaten 
getan Hat, der fieht den Gegenjtand nicht mit 
völliger Unbefangenheit an. Die Kraft, Entbeh- 
rungen zu ertragen, ijt beim Soldaten eine der 
Ihönften Tugenden, und ohne fie gibt e3 fein 
Heer von wahrhaft kriegeriſchem Geijt; aber died 
Entbehren muß voritbergehen, durd) die Gewalt 
der Umſtände geboten, und nicht die Folge eines 
drmlidjen Syſtems oder einer farglichen abjtraften 
Berechnung der Notdurft fein. In diejem Fall 
wird es immer die Kraft des Individuums phy- 
ſiſch und moraliſch ſchwächen. Was Friedrich der 
Große mit ſeinem Kriegsvolk ausgerichtet hat, 
kann uns nicht zum Maßſtab dienen; denn teils 
ſtand ihm dasſelbe Syſtem gegenüber, teils wiſſen 
wir nicht, wie viel mehr er unternommen — 
wenn er ſein Kriegsvolk ſo hätte leben laſſen 


*) Es iſt vorher von dem Heerweſen des 
XVIII. Jahrhunderts die Rede geweſen. 


336 


fönnen, wie Bonaparte das jeinige leben lief, 
fo oft es die Umſtände erlaubten.” 

In der Unmendung der Mittel geht Clauſe— 
wif ftets zunächſt von einem Außerſten aus, er- 
fennt aber dann je nad) den Zwecken de3 Krieges 
verjchiedene Abitufungen in der Kraftäußerung 
an. Qn der a vom Strieg3plan, der 
den ganzen kriegeriſchen Wet wie eine einzelne 
Handlung mit legtem endlichen Zweck zufammen- 
fafjen joll, unter cheibet er zwei Arten, nämlich 
wenn bas Biel die Niedermwerfung des Feindes, 
oder wenn es nur ein beſchränkteres ſein ſoll. 
In dieſer Hinſicht haben ſich die Verhältniſſe ſeit 
ſeiner Zeit geändert und zwar durch die ſtarke 
Ausprägung des Nationalitätsprinzips. Es läßt 
die Völker ſich wie Perſonen fühlen, welche ihre 
Ehre ebenſowenig wie ihren Beſitzſtand zu ver- 
legen erlauben. Das führt am Ende jeden 
Krieg auf ein Wußerfted. Den beiten Beweis 
dafür liefert der gegenwärtige. Für Rußland 
handelt es fi) dabei um ein Gebiet, welches im 
Bergleih zum Ganzen verſchwindend klein iſt, 
und um Intereſſen, welche für die Entwicklung 
des Reiches doch nur von untergeordneter Be— 
deutung ſein können. Trotzdem zwingt das he— 
roiſche Auftreten der Japaner es vorausſichtlich 
bis zum äußerſten, und auch dieſer Krieg kann 
möglicherweiſe erſt mit völliger Erſchöpfung bei— 
der Parteien ſein Ende finden. 

Man wird nun noch immer nicht begreifen 
können, was derjenige, welcher zum Handeln im 
Kriege berufen iſt, nun eigentlich tun ſoll, aber 
das Durchleſen dicker Bände, mechaniſch twiffen- 
ſchaftlicher Kriegsichriften, loft dies Rätſel ebenfo- 
wenig. Es gehört dazu außerdem Die leben- 
dige BVorjtellung von der Natur des Srieges. 
Dieje liefert am eheften die praftiiche Erfahrung, 
oder das aufmerfjame Studium der Kriegs- 
geichichte. Sede praftijde Erfahrung ift einfeitig ; 
die Kriegsgeſchichte wird daneben aljo niemals 
ganz entbehrt werden fünnen. Sie macht aud 
bet uns heutzutage das vornehmite Bildungs- 
mittel für den höheren Truppenführer aus. Clauje. 
wig hat uns jicben Bände mit fricgsgejdidt- 
lichen Studien hinterlafien, auf welchen die Be- 
trachtungen beruhen, die er in den drei eriten 
gibt. Mit jenen jollte deshalb der nicht Cin- 
geweihte aud) beginnen. Gie führen dem Lejer 
far vor Augen, worin in den verichiedenen Krie- 
gen die Urjachen der Stege und Niederlagen zu 
juchen find. Ein Echaß trefiender Bemerkungen 
und getftvoller Anſchauungen liegt Darin geborgen. 
Die ftrategtiche Beleuchtung der Feldzüge verſetzt 
ung oft im eine jürmliche Cpannung; man ficht 
Claujewig durchdringenden Geiſt bet jeiner Arbeit. 
Das wäre vielleicht verſchwunden, wenn er, wie 
beabjichtigt, die legte Zujammenfaffung feiner 
Lehre in kurze Cage nod) hätte ausführen können. 
Geradezu glänzend ift jein Talent in der Schil— 


C. Frhr. v. d. Golk: 


Karl von Claujewig. 


derung der handelnden Perjonen, die ſich plaftijd 
vom allgemeinen Kriegsbilde abheben. Überall 
tritt bad Menfchliche und Mtoralijde hervor. Die 
Macht der Perjönlichfeit im Kriege durchleuchtet 
alle Schilderungen, aber er vergißt nie, dabei 
den inneren Buftand des Heeres, ja des ganzen 
Volles u. a. m. in die Betrachtung zu ziehen, 
und wir können dieje Abhandlung am beiten mit 
feiner Mahnung Schließen: 

, tur wenn Volfsdharafter und Kriegsgewohn⸗ 
ee in beftändiger Wechſelwirkung fid) gegenjeitig 

tragen, darf ein Volf hoffen, einen feften Stand 
er politijdjen Welt zu haben.” 

Geine hinterlajjenen Werke erfchöpfen feine 
ſchriftſtelleriſche Tätigkeit nicht gang; die Schrift 
über Scharnhorft und einige andere fehlen darin. 
Gie finden fi, mindeftend im Auszuge, in feiner 
Lebensjdhilderung von Schwartz.“) Bon großem 
Werte find jeine Briefe. Schon die erften der- 
felben aud dem Jahre 1806 zeigen ung einen 
gereiften Geift, der auf der vollen Höhe der Ente 
widlung fteht. Freytag-Loringhoven hat fid in 
neuerer Bett der verdtenftvollen Wrbeit unter» 
zogen, das Pſychologiſche in Clauſewitz' Kriegs- 
lehre in kurzen Abhandlungen zujammenzuftellen. 
Das tat unjerer Zeit not, welche Gefahr läuft, 
bei ber überwucherung durch eine mächtige Ent- 
widlung der Technik den Kern im Wejen der 
Heerführung entweder zu iiberfehen, oder dod) 
nur durch einen Nebel von Auferlidfeiten un- 
deutlich) zu erbliden.*) 

Claujewif war, wie Meerheimb ihn jchildert, 
von faum mittelgroßer, ſchlanker Figur, dunklen 
Teint und einem jcharf gejchnittenen Geficht. Ym 
Gefprad) belebten und erheiterten fic) die fonft 
ernjten Züge; die geiftreiche Etirn, die tieflie- 
genden Augen und die meift feftqeichloffenen Lip. 
pen erhöhten ben Eindrud der oft ſcharf poin- 
tierten, immer anreqenden Worte. Auch in der 
wiffenichaftlichen Disfujfion, die er liebte, zeigte 
er feine unerbittlihe Logif, den Reichtum an 
Ktenntniffen, die ihm immer bereit lagen, und die 
Idealität feines Geiftes. Die Warme und Güte 
jeines weichen Herzens haben alle, die ihm näher 
geftanden und feinen Verluft lebenslänglich be- 
trauerten, tief empfunden. 

Ob Claujewig ein großer Feldherr hätte 
werden können, mag dabingeftellt bleiben; jeden- 
falls mar er ber größte Er aller 
Beiten, und er hat fein Denkmal reichlich verdient. 


*) Schwartz. Leben de3 Generals Karl von 
Claujewig und der Frau Marie von Claujewig. 
Berlin 1878. 

*) Freiherr von Freytag-Loringhoven, Oberft- 
leutnant und Abteilungschef im Großen Generale 
jtabe. Studien über Claujemig in den Brertel- 
jahrsheften für Truppenführung und Heeresfunde, 
Jahrgang 1904/1905. (©. ©. Mittler & Sohn.) 


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Ein Blick in das Museum zu Schloss Greifenstein. 


Uon 


Alexander Freiherr von Gleicdıen - Rugwurm. 


Mit zwanzig Abbildungen nach Originalaufnahmen, 


riefe und Bilder, Möbel und Andenken, 

die uns aus dem Belit großer Vor- 
fahren überfommen find, bilden ein Ber- 
bindungsglied vom Mtenfd) zum Menfchen 
und lajjen uns in Stunden der Erinnerung 
Den Tag mit feinen Freuden und Leiden 
wieder aufleben. Es ijt ein Gedanke des 
XIX. Jahrhunderts, in würdigen Räumen 
Dinge zu jammeln und aufzujtellen, die als 
Ruhmestempel den einzelnen Kindern und 
Rindestindern von den äußeren Lebens- 
umjtänden vergange- 
ner Gejchlechter er- 
zählen. Den Erin- 
nerungsjtätten Mar- 
bad) und Weimar 
ijt eine ganz intime 
auf dem fränkischen 
Schloß Hinzugejellt 
worden, in Dem 
Schillers jüngſte 
Tochter Emilie, Frei- 
frau von Gleichen- 
Rußwurm den größ- 
ten Teil ihres Le- 
bens zubrachte. 

Sn einem Zim— 
mer, deſſen gemalter 
Plafond voll mytho- 
logiiher Figuren 
uns in Die zimeite 
Hälfte des XVII. 
Sahrhunderts führt, 
ijt alles gejammelt, 


was an Bildern, 
Zeichnungen und 
Gegenftinden aus 


der Scillerepoche im 





Schillerbüfte von Johann Heinrid Danneder. 
Nah dem Leben modelliert im Jahre 1794. 
(Mach einer Aufnahme von Ludwig Schaller in Stuttgart.) 


(Abdrud verboten.) 


Beis der Familie geblieben ijt. Ein Ab- 
guß der Dannederjchen Rolofjalbiijte — ein 
Geſchenk des Künſtlers an Schillers Tochter 
— begrüßt den Eintretenden und erinnert 
uns an das Wort des Bildhauers in fet- 
nem Brief an Freiherrn W. von Wolzogen 
nad) Schillers Tod: „Schiller muß folofjal 
in der Bildhauerei leben, ich will eine Apo- 
theofe.” An der Hauptwand hängt das 
PBaftellgemälde „Mit den leuchtenden Schiller- 
augen“, das Dora Stod, die Schwägerin 
Körners, nach dem 
Sraffichen Olbild 
malte. Es war ein 
Lieblingswunjd) des 
Dichters und jeiner 
Gattin, dies Bild 
zu bejigen, und in 
dem Briefwechſel 
zwiichen Schiller 
und Körner wird 
feiner in den Jah— 
ren 1790 und 1791 
oftmals gedacht. Aber 
der Kauf jcheiterte 
an der Höhe des 
Preijes, und im 
Frühjahr 1795 er- 
freute Dora Stod 
den Dichter mit dem 
twohlgelungenen Pa— 
stell, das feine Kopie, 
fondern eine Neu— 
Ihöpfung des genia- 
len Mädchens war 
und nad) den Wor- 
ten Charlottens das 
Soild in manchem 


338 


wohlgelungenen, inti- 
men Zuge übertraf. „Sie 
zog dies Bild allen an- 
deren vor und hatte es 
in ihrem Schlaffabinett- 
chen über dem Bett“, 
ichrieb Karoline von 
Wolzogen ihrer Nichte 
Emilie. Welch großer 
Unterjchied ijt zwijchen 
dem mächtigen Ausdrud 
auf Diejem Bild und dem 
„Mannheimer Schil— 
fer”, einem Ölbild, von 
welchem fich ein gleiches 
Eremplar im Sciller- 
haus zu Weimar be- 
findet. Auf dieſem 
Portrat ijt der Dichter, 
wie ihn das deutſche 
Volk im Herzen trägt, nicht zu erkennen. 
Beide hängen einander gegenüber, der Dres- 
dener Schiller, der fic), von einem Kreis 
liebender Freunde umgeben, zu klaſſiſcher 
Größe entwidelte, und der Mannheimer 
Dramaturg, aus dem Charlotte von Kalb 
den vornehmen Mann zu bilden begann. 
Hier fehlt dem Ausdrud noch das Natürliche, 
Innerliche der fpäteren Zeit, wir ftehen einem 
fremden, uns wenig verjtändlichen Schiller 
gegenüber. Das Bildträgt auf der Rüdjeite 
die Worte: „Mein Schiller, Mannheim 
1786” und joll, der Familientradition ent- 
jprechend, aus dem Beſitz Charlottes von 
Kalb ftammen. Dieje Überlieferung ijt nicht 


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Karl von Schiller. 
Gemälde von C. Brand. 





Emilie Freifrau von Gleidens 
Rußwurm, geb. von Sdiller. 


Wlerander Freiherr von Gleihen-Rußmwurm: 


erwiejen, aber e3 ijt 
nicht unwahrſcheinlich, 
daß die jchöne Frau 
Das Bild ihres Lieb- 
lings bejaß. 

Der unbekannte Ma- 
fer hat Schiller als un- 
fertigen, jungen Mann, 
Graff und Dora Stod 
haben ihn in feiner 
förperlich beiten Beit 
Dargejtellt, das große 
Dlbild von Ludovica 
Simanowif aus dem 
Jahre 1794 (jest in 
Marbach) zeigt bereits 
Die Spuren ſchwerer 
Krankheit. Nach die- 
jem Bild fertigte die 
Schweiter des Dichters, 
Chrijtophine Reinwald, eine in Tujche aus- 
geführte Zeichnung des Kopfes, zu der 
Schiller jelbjt einige Sigungen gewährte. 
Karoline von Wolzogen fagt in einem 
Brief, dies kleine Porträt dringe tiefer 
in den Charafter des Dichters ein als 
das tüchtige Gemälde der ſchwäbiſchen Ma- 
Ierin, „denn Chriftophine zeichnet mit dem 
Herzen“. ; 

Sie traf die Ahnlichkeit auf ſympathiſche 
Weije und jchuf die reizenden Rinderbilder 
von Ernjt und Karoline, die — mit Blei- 
jtift und Rotel ausgeführt — uns von 
der idyllijden Kinderjtube des Schillerfchen 
Haujes erzählen, deren Harmloje Berichte 











Charlotte Chiller, geb. von Lengefeld. 
Gemalt von Ludovica Simanowitz. 


Schiller-Wndenfen. 


jih überall im fpäteren 
Briefwechjel zwijchen den 
Ehegatten finden. Der äl- 
tejte Sohn Karl ijt als 
ſechzehnjähriger Knabe von 
dem weimariſchen Maler 
C. Brand gemalt: ein 
friſcher Lockenkopf mit glän— 
zenden, braunen Augen, 
der aus dem hohen, wei— 
ßen Kragen heraus keck in 
die Welt ſieht. Auf der 
Rückſeite ſteht von Lot— 
tens Hand: „ſehr ähnlich 
geweſen.“ Von der jüng— 
ſten Tochter Emilie, mei— 
ner Großmutter, der wir 
vor allem die Heraus— 
gabe der Briefe Schillers und Lottes und 
das Werk „Charlotte von Schiller und 
ihre Freunde“ — die Jubelgabe des Jah— 
res 1859 — verdanken, iſt eine Hand— 
zeichnung als jugendſchönes Mädchen mit 
herabwallenden Locken und der hohen 
Taille vom Anfang des XIX. Jahrhun— 
dert3 vorhanden. Ein fpäteres lebensgro- 
Bes Bild aus den vierziger Jahren zeigt fie 
mit ihrem Mann, dem Freiherrn Adalbert 
von Gleichen-Rußwurm und dem jugendlichen 
Sohn zu einer anmutigen Familiengruppe 
vereint. Das Bild des Meininger Hofmalers 
Diet gehört einer vergangenen Kunjtepode 
an, ijt aber in feiner Anordnung jo ge- 
jdhidt und im Ausdruf jo angenehm, daß 
e3 alle Anforderungen erfüllt, die wir an 
ein Porträt unjerer Lieben ftellen. Auch 
die Kleidung aus jener Zeit beginnt nicht 
mehr altmodijd), fondern als Koftiim zu 
wirfen. 

hm gegenüber hängt die Perle der 
Sammlung, das hübjche Bild Charlottens 
von Lengefeld, welches Ludovica Simanowiß 
während des Aufenthalts der Schillerjchen 
Samilie in Ludwigsburg 1794 malte. Die 
zarte Erjcheinung mit dem braunen Loden- 
haar jcheint uns lebendig. Geiftige Anmut 
bligt aus den Augen, und Herzensgüte wirft 
einen Hauch ewiger Jugend auf ihre Züge. 
Bierli unter der Bruſt gefreuzt trägt fie 
ein blaugraues mit feiner Borte verjehenes 
Leibchen, unter dem reich gefältetes weißes 
Gewand fichtbar wird und jich zart um den 
Hals fchließt. Die Tracht vom Ende des 
XVII. Jahrhunderts, von der Unnatur des 





LQottes Silhouette. 


339 


Rokoko befreit ohne die 
übertriebene Nachahmung 
der Untife des Empirejtils 
zu bejigen, war für vor- 
nehme, jchlanfe Gejtalten 
außerordentlih kleidſam 
und verkörperte gewiſſer— 
maßen die zarte Empfind- 
jamfeit und ideale Auf- 
fafjung der Beit. Ein 
anderes Bild der befann- 
ten Malerin zeigt uns 
Schillers jüngſte Schwe- 
jter Manette mit dunklen 
begeijterten Wugen und 
einer reichen braunen 
Lodenfiille, die, das weich 
gezeichnete, ſchwärmeriſche 
Geficht Tieblih umrahmend, bis auf den 
entblößten Hals und das einfach weiße 
Sommergewand herabfällt. 

An einem Sammelrahmen jehen wir 
Das Yugertdbildnis Charlottens von Lenge- 
feld, aus jchwarzem Papier gejchnitten, auf 
grünes geklebt mit herabhängenden Bändern 
und dem jcharf markierten, aber angenehm 
weichen Profil, die Silhouette Goethes, die 
er im Jahre 1782 „in den Zeiten Koch— 
bergs“ — wie die Widmung beſagt — 
dem Fräulein von Lengefeld gejchenft, ein 
wenig jteif, aber charafterijtijd mit der 
wundervollen Hohen Stirn und den jcharf 





Goethe. Silhouette aus dem Jahre 1782. 


340 





Seidene geftidte Brieftafche, das Huldigungsgefagent 
des Körnerſchen Kreijesan Schiller. 


vortretenden Augenbrauen, den Schattenrif 
Schillers mit Zopf und hoher Rofofohals- 
frauje. Wie wenig bedurfte e3, ein Er- 
innerungsblatt herzuftellen, das nur Ron- 
turen fennt, aber gut gejchnitten ein trenes 
Bild der Perjünlichkeit gibt. Die Zeit war 
jich jelbjt des geringen Wertes jolcher Schatten- 
rijje bewußt, hieß doc in Frankreich alles 
Armliche a la silhouette nach dem ſparſamen 
Finanzminiſter dieſes Namens. Die Fleinen 
ſchwarzen Bilder behielten dieje Bezeichnung, 
und man begrüßte damals bejonders herzlich 
den Freund, Der mit der zierlichen Schere 
und dem dunklen Bogen Papier ins Haus 


immer mehr 
zur  feilen 
Sflavin 
reicher und 
mächtiger 
Wollüſt⸗ 
Linge herab— 
würdigt, 
tut es wohl 
wenn ein 
großer 
Mann auf— 
tritt und 
zeigt, was 


Alexander Freiherr von Gleichen--KKußwurm: 


fam — wie etwa heute der 
Amateurphotograph mit ſei— 
ner Maſchine. 

Von künſtleriſchem Wert 
ſind aber die Silberſtiftzeich— 
nungen Dora Stocks, die 
Körner in der berühmten 
Brieftaſche dem Dichter als 
Huldigungsgeſchenk unbe— 
kannter Freunde im Juni 
1784 überſandte. Ein Bild 
liebevoller Begeiſterung 
bleibt das Mäppchen mit 
Ranken und Kränzen, dem 
zierlich aufgeſtickten S und 
dem Sträußchen Vergiß— 
meinnicht, das ein auf— 
genähtes Roſaſeidenbändchen 
zuſammenhält. Ein gutes 
Stück intimer Zeitgeſchichte 
hat Minna Stock mit den 
ſeidenen Fäden in den lich— 
ten Stoff geſtickt, ein blei— 
bendes Merkmal aus der 
Geſchichte des deutſchen 
Idealismus. Die ſtille Ge— 
meinde, die Kunſt, Wahr- 
heit und Schönheit liebt, 
wird der kleinen vergilbten 
Mappe nie vergeſſen mit 
den Zeichnungen Körners, 
Hubers und der reizenden 
Schweſtern Stock und dem 
Briefe, den Körner der 
weihevollen Sendung bei— 
legte und der mit den Wor— 
ten beginnt: „In einer 
Zeit, da die Kunſt ſich 





at — 
os, 
> 
347 WE 


Oy 








Minna Stod. (Aus der Brieftafde.) 


Schiller-Wndenfen. 





Gottfried Körner. 





Dora Sto. 

















Ferdinand Huber. 


Bildniffe der Brieftajde. 


der Menfch auch jebt noc) vermag. Der beſſere 
Teil der Menschheit, den feines Zeitalters efelte 
und der im Gewiihl ausgearteter Gejchöpfe 
nad) Größe jchmachtete, Löjcht feinen Durft, 
fühlt in fic) einen Schwung, der ihn über 
feine Zeitgenofjen erhebt, und Stärkung auf 
der mühevolliten Laufbahn nach einem wür- 
digen Ziele.“ Die Bilder find in der Mappe 
geblieben, der Gedanfe, aus dem heraus fie 
entjtanden, hat in dem deutjchen Volk Wurzel 
gefaßt, und die ideale Gejinnung tit immer 
wieder dDurchgebrochen, drohte fie auch mand 
mal unter dem Einfluß eines zerjegenden 
Geiſtes zu erjtiden. 

Die Zeichnungen 
beider Lotten vor 
mir — Charlotte 
von Stein und Char- 
lotte von Schiller, 
die leßtere im griechi- 
ſchen Faltengewand 
— führen uns mit 
magijcher Gewalt in 
die fleine thiirin- 
giiche Nefidenz, in 
das klaſſiſche Wei— 
mar, in die ehe— 
malige Feſtung des 
deutſchen Idealis— 
mus. Charlotte von 
Stein hat unter Lei- 
tung Des Malerslips 
Die feinen Züge von 
Schillers Gattin ge- 
zeichnet und ihrem 
Bilde etwas von 
einer antiken Briejte- 





Charlotte von Stein. 


rin, vom Geift Sphigenies gegeben. Ein Ver- 
gleich mit anderen Bildern läßt die Ähnlich— 
feit diejes idealijierten Profils erkennen. Das 
Bild von Goethes Freundin hat Dora Stod 
gezeichnet, Der Blick ijt fuchend in die Weite 
gerichtet, und zierlich gelodtes Haar — von 
einem Band durdichlungen — front den 
geiftvollen Kopf. Eine eigne Anziehungs- 
fraft geht von den ammutigen Frauen» 
gejtalten aus, die große Zeiten gleichjam 
umſchweben. 

Aus Schillers Arbeitszimmer ſtammen: 
eine „römiſche Landſchaft“ von Angelika 
Kaufmann, die ſie 
dem Dichter als Zei— 
chen der Freundſchaft 
geſchenkt hatte, eine 
Gouache von J. Chr. 
Reinhart „Taſſos 
Grab“ und ein klei— 
nes Ölgemälde von 
Dalbergs Hand, das 
in feinem altertüm- 
lichen Rähmchen wie 
eine höfliche Phraje 
vergangener eit 
ausfieht. Es ift das 
Hochzeitsgejchent des 

funftfreundlichen 
Priejters, der da- 
mal® Statthalter 
des Kurfürſten von 
Mainz in Erfurt 
war. Schiller jchrieb 
an Körner darüber: 
„Meine Frau und 
Schwägerin hat Dal- 


342 





Charlotte bon Schiller. 
Zeichnung von Charlotte von Stein. 


berg jehr Lieb, fie haben ihn wirklich erobert. 
Er malt gar Schön und erlaubt den beiden, ihn 
malen zu feben. Er legte ein Gemälde an, 
welches auf unjere Heirat bezug hat. Es 
ift ein Hymen, der unjere Namen auf einen 
Baum jchreibt, in der Nähe die Attribute 
des Trauerfpiels und der Gejchidte. Das 
Gemälde ijt Lottchen bejtimmt und in vier- 
zehn Tagen jollen wir’s 
haben.“ Der Brief des 
Koadjutors jelbjt, mit 
Dem er feine Sendung 
begleitete und den Lotte 
Schiller auf die Rück— 
jeite des Bildes Flebte, 
urteilt über Die eigene 
Kunftleiftung: „Meine 
Malerftiimperet ift mir 
jonjt ausruhn und hin- 
tändeln einiger Neben- 
jtunden. Diesmahl ijt 
es mir werth und lieb, 
weil e3 dem erhabenen 
Schiller und feiner 
(iebenswürdigen Gattin 
Freude macht.” Cine 
Miniature des Parijer 
Malers Auguftin — 
ein ſpäteres Geſchenk 





Karoline von Wolzogen, 
geb. von Lengefeld. 


Alerander Freiherr von Gleichen-—Rupwurm: 


des Fürſt-Primas — zeigt die feinen durch— 
geiftigten Züge des Prälaten, den Schiller 
„einen überaus intereffanten Menſchen“ 
nannte, „mit dem man herrlichen Ideen— 
wedjel hat“. Mit Schillers Schwägerin, 
Karoline von Wolzogen, verfnüpften enge 
Freundichaftsbande den Priejter und gaben 
ih in regem Briefwechjel fund. In dem 
Nachlaß Karolinens, deren Schillerbiographie 
zu den gemiitvolliten und ſchönſten Denf- 
malen jener Zeit gehört, befinden fich zahl- 
reiche Vorarbeiten zu einer Lebensbeichreibung 
Dalbergs. Ein Teil derjelben ijt im Archiv 
zu Schloß Greifenftein, ein anderer im 
Schillerhaus zu Marbach. Karoline war 
eine genialifche Frau, deren Lebensanjchau- 
ung in dem Sah gipfelte: „Nur das Na- 
türlihe und Wahre hat ein ewiges, unend- 
liches Intereſſe. Nur die Liebe macht ewig; 
der Egoismus bejchränft auf den Moment.“ 
Dies jteht in einem der lester Briefe an 
ihre Nichte Emilie. Betrachtet man die 
Bilder der Frau von Wolzogen von dem auf- 
gewecten Kinde, das im gejtidten Gammet- 
fojtiim der Nofofozeit auf einem Kiſſen fist 
und das Fingerchen mit der Gebärde in die 
Höhe ftredt, al3 habe es einen Fugen Ge- 
danken gefunden, bis zur reifen Frau, die 
im faijerlihen Paris ihren weiten, reichen 
Horizont gewinnt, jo zeigt fich überall das 
fluge Auge und der WAusdruc des Begehrens 
vom naid findliden „ich will“ bis zum 
refignierten „ich möchte“, das Charles Am— 

bere in feinem jonjt 


etivag verzeichneten 
Porträt der eleganten 
Dame im Empire— 
koſtüm Deutlich) zur 


Darjtellung brachte. 
Ein Paftellbild der 
jugendlichen Frau — 
aus Schiller perfin- 
lidem Beſitz — und 
eine Miniature auf Per- 
gament Der chére mere, 
Das einzige Porträt der 
alten Frau von Lenge- 
feld, führen unjere Er- 
innerung in das Kleine, 
liebliche Rudolſtadt. 
Die verblichenen Züge 
der alten Frau, Die 
jo freundlich unter der 
mächtigen Haube here 


Schiller-Wndenfen. 


oe ' 
= a‘ 
— —— 
ey Op 
— hee | 


Beihnung von Goethe und Schiller. 





vorfieht und in der forreften, Ferzengeraden 
Haltung die Dame des ancien régime er- 
fennen läßt, zeigen den jcharfen Berjtand 
und die große Gutmiiitigfeit, mit denen fie 
in den jehwerften Fallen entjchied. Wiirdig 
und bieder mag das — ftarf nachgedunfelte — 
Bild des Vaters Lengefeld mit Orden und 
Uniform auf die fleine Gejellichaft geblickt 
haben, die fic) im Salon der alten Dame 
über Caglioſtros merfiviirdige Scidjale 
unterhielt und mit Spannung das Ende 
des nie vollendeten ,, Geijterjehers” erwartete. 
Friſch und heiter verkehrte der Erbprinz 
Ludwig Friedrich von Schwarzburg in diejem 
Kreis und nahm fo Tebhaftes Intereſſe an 
Schillers Roman, daß er eine lujtiq an- 
ziehende Zeichnung zu demfelben ausführte, 
die jtet3 einen Chrenplag in Schillers 
Arbeitszimmer behielt. Sie hängt jest einer 
feinen Zeichnung gegenüber, die Goethe 
und Schiller zujammen ausführtn. Die 
einfach fomponierte Landſchaft ijt fein Kunſt— 
werk, aber ein Erinnerungsblatt feltener rt. 

Darunter fteht Lottens Teetiſch — von 
UAngelifa Kaufmann bemalt — und daneben 
der kleine Schreibtiid mit den zierlichen 
Fächern und Käſten, dem Tintenfaß aus 
blauem Glas und der verichloffenen Schreib- 
fafjette mit dem aufgedrudten Namen Char- 
lotte von Lengefeld, im Der fie einft Die 
Briefe des Gatten aufbewahrt. Kleine 
Tijche, der Lehnſtuhl der chere mere, Vaſen 
und Statuetten vervollitändigen das Ge— 
jamtbild. An der Wand unter dem Bilde 
des Dichters — einfach) und jchlicht im 
Gegenfak der mächtigen und unvergeßlichen 
Worte, die an ihm gejchrieben wurden — 
jteht Schillers Schreibtifch, ein braunpolier- 
tes Zylinderbureau mit eingelegtem Stab in 





343 


hellem Holz und Teichten Meſſingbeſchlägen. 
Rollt man den Dedel in die Höhe, jo ſieht 
man Die Mappe aus gelbem PBappdedel und 
zerrijjenem Leder, die mit Tintenfleden und 
verwijchten, faum lejerlichen Worten bedeckt 
ijt. An den oberen Rand fchrieb Schiller 
in feften, charaftervollen Zügen: „Horen— 
exemplar: Goethe, Meyer, Humboldt.“ Die 
übrigen Namen find nicht mehr zu entziffern. 
Bor diejem Tifche ſitzend —wenfe ich mir — 
mag der Dichter den Wusdrucd des Trium- 
phator3 angenommen haben, den ihm Tijch- 
bein in feinem berühmten Gemälde verliehen, 
da mag die Hand mit lebhafter Gebärde 
Haare zu den wirren Locen aufgetürmt, 
da mögen fic) die Brauen über der jcharf- 
geschnittenen Naje zufammengezogen, da mag 
ih das Auge ftarr auf einen Punkt ge- 
richtet haben, al3 wollte es einen flüchtigen 
Gedanken mit feiner Kraft bannen. In 
Tiſchbeins Schiller fiegt ein großer Zug, 
Der dem Dichterfiirjten, den wir bewundern, 
mehr als dem Manne, den wir lieben, an- 
gehört. Erzählungen Lottes zufolge hat der 
Maler dies Bild in römischer Tracht mit 





Teetifh mit Samovar und Taffen aus dem 
Schillerſchen Haus. 


344 


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Ulerander Freiherr von Gleichen--Kußwurm: Schiller-Andenfen. 








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Der Schreibtiſch Schillers, darüber bas Scillerbildni3 von Dora Sto". 
Rechts Friederife von Holleben, links Freiherr H. C. von Gleidhen-Rupwurm, Schillers Freund. 


dem leicht umgeworfenen, blutroten Mantel 
nad) Handzeichnungen gearbeitet, die er von 
Schiller in den verjchiedenjten Stellungen 
aufgenommen hatte. 

In dem Schranf am Ende des Zimmers 
ind die Fleinen Andenken aufbewahrt. Wir 
finden das Stirnband des Dichters, mit dem 
ji) der Leidende die Hammernden Schläfe 
umwand, die goldene Tajchenuhr, eine jilberne 
Klingel, die Heine Landkarte von Frankreich, 
benugt bet den Arbeiten zur Jungfrau von 
Orleans, Schillers Taffe, mit Qnterieurs 
von Chodowiecki geſchmückt, und die befannten, 
heute jehr jeltenen Cottajchen Kartenjpiele, 
deren Bilder den Schillerichen Schaujpielen 


entnommen find. Der Siegelring mit einer 
römifchen Ramee, den der Flüchtling aus 
dem Schwabenland benußte, jo oft er als 
Doktor Ritter jeine Unterjchrift gab, Tiegt 
neben dem Ring mit dem Homerfopf, deffen 
AUbdrud die zärtlichen Briefe des Bräuti- 
gams verichloß. Der Dichter denft in 
jpdterer Heit der glüdlichen Gugendtage, 
wenn er jagt: 


„Zreuer, alter Homer, dir vertrau’ ich das zarte 
Geheimnis; 
Um der Liebenden Glück wijje der Sänger allein.“ 


Bon dem goldenen Grund der Schnupf- 
tabafsdoje, Die immer auf feinem Schreib» 


Lulu von Strauß und Torney: Mutter Erde, 


tijd) ſtand, 
lächelt uns 
die Sil— 
houette der 
jungen 
Frau Hof- 
rätin ent» 
gegen, ein 
angench- 
mes zier— 
liches Bild 
mit einer 
voll- 
erblühten 
Noje an der 
Bruft. 
Außer dem Nedaktionsfiegel der Horen 
mit Der bon einem Lorbeerfrang umgebenen 
einfachen Schrift und dem Lengefeldichen 
Petichaft enthält die Sammlung Bater 
Schillers altertiimliches Siegel, dejjen ein- 
horngejdmiidtes, jpringendes Pferd im Jahr 





Tintenfaß und Mappe 
Lotte. 


345 


1802 in das Wap- 
pen des geadelten 
Sohnes aufgenom- 
men wurde. Das hei» 
lige, römische Reich 
umivand die Krone 
mit einem Lorbeer- 
zweig, um anzu— 
deuten, aus welchem 
Grund dem Dich- 
ter Dicje Auszeich- 





nung zu teil ge 
worden. 
Schillers letzte Schillers Taife. 


D. ieck It. 
Feder, mit der er Bm D. Ehodowiedi gema 


den Monolog der 

Marfa im Demetrius gejchrieben, erweckt 

eine Reihe wehmütiger Gedanken in uns. 
Es gibt eben Dinge, die eine Seele zu 

haben jcheinen, Gegenjtände, die zu ung 

jpredjen, als waren jie gleich uns lebende 

Ween. 





Schillers letzte Feder. 


Mutter Erde. 


Heil’ge Mutter, die uns alle trägt! 

Die der wechselnden Geschlechter Reigen 

Bliihend sah ans Licht des Morgens steigen 

Und die müden Kinder dann im Schweigen, 

Cachelnd ibrer flücht'gen Lust und Klage, 
Still zum Schlafe legt! 


Heil’ge Mutter, die uns alle trägt! 
Neue Jugend strömt durch Deine Glieder, 
Braut des starken Lebens beisst Du wieder, 
Die die Stirn sich kränzt mit blauem Flieder, 
Die des Schleiers grüne Abrenseide 

Um die Schultern schlägt! 


Reil’ge Mutter, die die Müden hegt! 
Über meiner Qual und Wonne Streiten 
Magst Du morgen Deine Schollen breiten, — 
Lass mich beut durch Deinen Sommer schreiten 
Und so viel des süssen Rausches trinken, 

Als das Herz erträgt! 


Velhagen & Klaſings Monatähefte. 


XIX. Sahrg. 1904/1905. 


Lulu von Strauss und Corney. 


II. Bd. 


Sia, 7 \ e 
Syl CNM 
N 27 
9 


~ 


C= P 





IN ERS 






Srühlingswandern. 


Der junge Wind treibt eine Welle 
Lieblidhen Duftes den Berg herauf, 


Und die Wiejen liegen in lachender Helle 
Und die Waſſer glikern wie Silber auf. 


Ceudten und Ruhe ... 


Mit lächelnden Mienen 
Wandern wir fdweigend durd Frieden und Schein, 
Und die feligjten Wünfche fdwirren wie Bienen 
Und faugen in alle Wunder fid ein. 


Julius Börner. 


Mein Frühlingslied. 


heilige Jugend, 

Bleib: mir erhalten! 
Sorgen, ad) bredt mid) 
Nicht allzufrih! 

Laß mich genießen, 
nit nur geitalten, 
Lenz, Deine lachende 
Glückspoeſie! 


Sprach ich im Wald heut: 
„Droſſel, was ſchlägſt Du? 
Blumen, was knoſpet 
Ihr auf einmal?“ — 
„Ward es nicht Frühling? 
Wandrer, was fragſt Du? 
Singſt Du nicht ſelber 
Mit im Choral?“ — 


„Früh ſchon vereinſamt, 
Ad, ihr Viellieben, 

Bin id) der Trübjal 
Einzig vertraut! 

hab’ zuviel Torheit 
Srüher getrieben. 

Halt’ id) die Rof’ nun, 
Sehlt’ mir die Braut!” — 


Spöttelt ein Schnäblein: 
„Shäm Dih, Du Müder! 
Bijt Du nidt jung nod! 
Jugend ift Kraft!” — 
„Ja, daß ich jung bin 
Sühl’ id) nun wieder! 
Schwell’ nur, Du knofpende 
Leidenihaft!” — 


Madden und Blumen 
Sürnen gewißlid) 

Geht man vorüber 
Trüb und allein. — 
Röslein, id) pflük’ Dich, 
Lottchen, ic) küſſ' Did! 
Swei von den Knolpen, 
Srühling, find mein! 


Georg Busse-Palma 


Srühlingsglaube. 


Der Lenz hat neu fid) aufgemadtt, 

Die Anemonen find erwadt, 

Die Amjeln locken und fingen — 
Es ijt das alte Klingen. 


Im Herzen regt ſich's aud) aufs neu, 
Dorbei das Leid, verweht die Reu’, 
Sujubelt’s allem Schönen — 

Es ijt das alte Tönen. 


Wie lang fo drückt mid) Sommers Lajt, 
Und Leid kehrt ein, der bittre Gaft, 
Nad) füßen Hoffnungstagen — 

Es ijt das alte Klagen. 


Und ift’s aud jtets der gleiche Lauf, 
Scließt dod) der Lenz das Herz mir auf; 
Stroh drängt fid)’s ihm entgegen: 
Es ift der alte Segen. 
Luise Glass. 


Singe, Nachtigall 


Die Nadıtigall fingt durd die Blütennadt 
Ihr Lied voll jubelnder Srühlingspradtt. 
Wie filberne Wolken jtehn Büjche und Baume. 
Es gibt eine Seligkeit nadtlider Träume, 
Die wallt wie Weihraud ins weite Al. 
Singe, finge Nadıtigall! — — 


Ein feliger Trojt perlt durdy Deinen Schall! 
Es gibt ein Leiden, es gibt ein Sehnen, 
Das wädjt in der Macht, wie die Länder fid) dehnen 
Unter des Mondlidts flutendem Schwall. 
Singe, finge, Nadıtigall! — 


Trida Schanz. 


Holsteinischer Frühling. 


Wie die hellen Kirſchen blühten 
mit dem holden, reinen Duft — 
Wie die weißen Wölkden glühten 
In der klaren Srühlingsluft — 
Wie der Raud, der matte, blaue, 
Sitternd von der Hütte ftieg, — 


Wie die See, die filbergraue, 
Blinzelnd in der Sonne jhwieg — 
Wie ein Kind, fo jhön und milde 
Mich gejtreichelt janft und wei — — 
Naht ihr wieder, Duftgebilde, 
Aus der Jugend Märchenreich? 
W. v. d. Schulenburg. 


Daheim! 


Die Sonntagsglocken find im Dorf verklungen, 
In meiner Seele klingen leis fie nad, 

Da kommt das Kind des Kajtellans gefprungen: 
„Der Stord baut wieder auf dem Scheunendach!“ 


Wir fuchen ihn, er zieht in großen Kreifen, 
Und feine Sehnjuht hält die Heimat fejt, — 
Mein Glick und id, wir waren aud auf Reifen 
Und fuchen aud) wie er das alte Weft! 


Börries Freiherr von Miindyhausen. 








= EI FRIFOE WENOTLANOT 


Neues vom Bũchertiſch. 


Von 


Carl Buife. 


Isolde Kurz, Neue Gedichte (Stuttgart, J. @. Cotta). — Alberta von Puttkamer, Jenseits 

des Lärms (Berlin, Schuster & Löffler). — Victor Blüthgen, Im Kinderparadiese (Gotha, 5. A. 

Perthes). — Wilhelm Busch, Zu guter Letzt (München, Fr. Bassermann). — Rudolf Presber, 

Dreiklang (Stuttgart, J. @. Lotta). — Bans Müller, Der Garten des Lebens (Stuttgart, J. 6. 
Lotta). — Verschiedenes. 


D* deutſche Lyrif ift das liebliche Wfchenputtel 
des Märchens, an dem der große Strom 
achtlos voriibertreibt, defjen zarte Schönheit und 
geheimnisvolle Macht nur wenige jtaunend und 
für immer gefeffelt erkennen, dad für die Meijten 
im Winkel jteht und mit dem grünen Frühlings» 
rei3 vorlieb nehmen muß, während jeine beiden 
ftolzeren Schweitern mit Perlen und Edeljteinen 
bejchenft werden. Aber das Nichenputtel, über 
dem alle Wipfel fich jegnend fchiitteln, wird jchließ- 
lid) doch die Königin... 

Denn nicht unjer Drama, nicht unjer Epos, 
nicht unfer Roman haben uns eine führende 
Stellung in der Weltliteratur verjchafft. Homer 
und Dante, Shafejpeare und Cervantes, fie ge- 
eet nit uns. Uns aber gehörte Goethe, der 

önigsjohn, der das Ajchenputtel freite, der größte 
Lyrifer nicht nur Deutichlands, jondern der Menjch- 
heit. Durch ihn und jeine Lyrif, die im „Fauſt“ 
ihre Spite Hat, ift uns zuteil geworden, was 
der franzöfiichen Nation verjagt blieb: einen der 
roßen Weltdichter zu jtellen. Das deutjche Volt 
Pat jeinen reinjten und höchſten Wejensausdrud, 
den es Ddidhterifch überhaupt gefunden hat, in der 
Lyrif erfahren. Man ftaunt immer von neuem, 
welche Fülle jchönfter Igrifcher Talente neben dem 
unvergleichlichen Genie Goethes bet uns auftrat. 
Und die Entwidlung bricht nicht ab: nad) furger 
und natürlicher Erihöpfung blüht immer neuer 
Frühling. Niemand, der e3 an ſolchem Reichtum 
mit uns aufnehmen könnte, 

Demgegenüber muß es doppelt auffallen, in 
wie ungiinftiger Stellung fic) gerade die Lyrifer 
in unjerm Baterlande befinden. Sie vor allem 
trifft Freiligraths bitteres Wort: „Des Himmels 


(Abdrud verboten.) 


Prinzen und der Erde Lumpen.“ Bor dreißig 
Sahren hat Paul Henje geklagt, daß ein Mann 
e3 fat unter feiner Würde halte, ein Gedichtbuch 
in die Hand zu nehmen; vor zwanzig Jahren 
defretierten die Üjthetifer der jüngftdeutichen 
Schule, Wilhelm Bölſche voran, daß die Lyrif 
jich definitiv überlebt habe und mehr und mehr 
verſchwinden müſſe; vor einem Jahrzehnt jagte 
dag ſtärkſte Iyrijche Talent der Gegenwart, Detlev 
von Liltencron, in jeiner temperamentvoll über- 
treibenden Weije: „Überreiht man in Deutichland 
einem einen Band Gedichte von fich, jo ift man 
einer Piftolenforderung gewärtig.“ 
Sraglos-haben fich die Verhaltnifje inzwijchen 
ein wenig gebejjert. Aber doch eben nur ein 
wenig. Die Teilnahme breiterer Volksmaſſen, 
die Gunft der Mächtigen blühen unferer Lyrif 
nicht. Klein nur ijt der Kreis ibrer verjtändnis- 
vollen Freunde, die allerdings auch in überftrö- 
mender Liebe für fie leben und jterben. Ich 
jelbjt geftehe, daß ich die größte Durchläuterung, 
Das Heilige Sonntagsheimmeh unvergeplider Le— 
bensitunden Dod) nur durch die Lyrik erfahren 
habe — durd) dieje Kunft, die am wenigften Erd- 
ichwere und Alltagsjtaub mit ſich führt und ich 
auf entbundenen Schwingen jchön und ftill wiegt. 
E3 tut dann doch eben weh, wenn die Schöpfer 
diejer Kunſt fid) bis ans Ende durch Not und 
Sorgen jchlagen müfjen, während der ganze Strom 
des Goldes und der äußeren Ehren jich auf glück— 
lichere Genoffen ergicht. Immer neue reife 
werden für Dramatifer gejchaffen, obſchon jeder 
weiß, daß ein talentvoller und erfolgreicher Dra- 
matifer an und fiir fich über einem Mefte voll 
goldner Eier fitt. An die Lyrik denkt niemand. 


Carl Buffe: Neues vom Büchertiſch. 


Und dod) ift eö feine Übertreibung, daß felbjt 
unfere ftärkften lyriſchen Talente, wenn fie nur 
auf den Lohn ihrer Kunft angerwiejen wären, 
nicht einmal da3 Leben friften könnten. Hier, 
dünkt mich, wäre e3 ein nobile officium, einzu— 
greifen. Nicht die Ehrung joll man den bedeu- 
tenden Dramatifern vorenthalten — gewiß nicht! 
Uber man foll fid) erinnern, daß ihnen mit den 
Schiller-, Goethe», Grillparzer- und fonftigen 
Preiſen materiell nicht gedient ijt, da die be— 
treffenden Summen gegenüber den Erträgnifjen 
des preisgekrönten Stückes lächerlich gering find. 
Mit diejen jelben Summen jedod könnte man 
den beiten Lyrikern der Beit einen bejcheidenen 
Ausgleich jchaffen für das, was ihre Kunſt ihnen 
nad) Lage der Dinge nicht geben kann. 

Dod) das find Träume... Vielleicht ift 
aud alles gut jo, wie es ift. Lyrik, jagt ein 
geiftreiches Wort, fet Gnade, Drama Krajt und 
Roman Gipfleiih. Von der Gnade foll man 
nicht leben wollen. Und Lyrik allein kann, ge- 
rade weil fie Offenbarung ift, ein Leben aud 
nit ausfüllen. Der Nichts - ald - Lyrifer ware 
jenem Menſchen vergleichbar, der die Wochentage 
untätig in der Erwartung de3 Sonntagswunders 
hinbringt. Aber auch hier ift der Sonntag dann 
am jchönjten, wenn man den Alltag rüftig durdh- 
arbeitet bat. Aus fauren Wochen blühn die 
frohen Feſte. 

Manch gutes Versbuch darf ich auch Heut Hier 
nennen, voran die „Neuen Gedichte“ von 
Ifolde Kurz (Stuttgart 1905, %. ©. Cotta). 
Cine helle, aber nicht ſcharfe Klarheit tft in ihnen, 
eine ſchöne Reife und Ruhe. Verfimpfte Schmerzen 
zittern darin nach, Dod) fie haben das echte Herz 
nicht verbittern, die reinen Augen nicht trüben 
fonnen. Im Liede hat auch hier ſich Unruhe zu 
Ruhe gekehrt, hat ewige Sehnſucht Ausweg und 
Erlöſung gefunden. Vor die geſamte Lyrik von 
Iſolde Kurz könnten als Motto die beiden Zeilen 
von Konrad Ferdinand Meyer treten: „Ver— 
icherzte Jugend ift ein Schmerz und einer ew'gen 
Sehnjucht Hort.” Woh! flingen jdin und hell 
aud) andere Saiten, keine aber fo voll und rein. 
Aus Herzenstiefen ringi ſich ihr die Klage, daß 
Gott ihr das Schönſte im Leben, das Feſt im 
Mai, unterſchlagen hätte. Ungenofjen blühte die 
Jugend ihr, und ein verlorene, doc) nie be- 
jejjenes Glüd, eine Schuld, die fie nicht begangen, 
ein Vergangenes, das nie gemwejen, raubt ihr den 
Schlummer. Seltſam fdjaut jehnfüchtige Hoff- 
nung in die Zufunft: nad ihr, wenn das Grab 
fie jdjon hält, wird derjenige fommen, den fie 
in hundert Geftalten gejucht, der fie nie gefannt, 
für den allein ihr Herz doch gefungen hat. Hier 
findet Qjolde Kurz die fchönften Klänge Die 


Sabre gehn: 
„Mädchen, die mit mir zum Tange zogen, 
Wiegen jchon die Kinder ihrer Kinder,“ 


fie aber ift einjam, und das Lämpchen, das in 
ihrem Stamme wandert, das an langer Leiter 
vom Ahn herunter auf ihren Vater fam, das fie 
jelbft noch hell brennend empfing — in ihren 
Händen, mit ihr felbjt, wird es verlöichen. In 
ungeftillter Mutterſehnſucht denft fie dejfen, der 
bet den Ungeborenen jchläft, der feine Ruhe hat, 


349 


weil ihre teten Sehnſuchtsgedanken ihn aus der 
Tiefe gichn — ein Afford, den in der Lyrif 
unjrer Tage auch Agnes Miegel angejdjlagen hat. 
Und in großer Ergebung fingt fie ihr „Unerreid)- 
bar”, das als die Perle des Buches hier jeine 
Stelle finden mag: 


„Richt ereilen 

Kann id) Did) und jagt’ id) Hundert Meilen. 
Vor mir her wie blauer Dunft der Ferne 
Schwebt das Glück und fchwindet in die Sterne. 


Deiner harrend 

Trug id) Gluten, ſaß von Kälte — 
Winter ging und Sommer, wie mein heißes 
Herz ſich ſtill verzehrte, keiner weiß es. 


— Höher klimme! 

Rief's von Gipfeln her mit Deiner Stimme. 
Auf zu Gipfeln trug mich mein Gefieder, 
Hinter Gipfeln ging die Sonne nieder. 


Tief und tiefer 

Sinkt mein Tag, auf ſchnellen Sohlen lief er, 
Schneller noch und weiter lief mein Sehnen, 
Um den Erdball lief's und kehrt' in Tränen. 


Sachte weilen 

Jetzt die Schritte, die Dich nicht ereilen. 
Blaue Fluten glänzen. Sein Getöſe 

Stillt der Stromgott vor des Meeres Größe.“ 


Dieſes wundervolle Gedicht würde vollendet 
ſein, wenn Iſolde Kurz einen mächtigen Ausklang 
dafür gefunden hätte. Aber gerade die Schluß— 
worte find nicht groß und innig genug: fie 
find gedacht, während alles andere gefühlt ijt. 
Die Hile und feierliche Refignation mußte fo 
jchlicht-perfünlich gegeben werden, wie fich alles 
Boraufgehende gibt. Das Bild, das in Konrad 
Ferdinand Meyerſcher Art hier abjdliept, em- 
pfindet man als ftilmidrig, als uberraſchuig: es 
erkältet. 

Iſolde Kurz lebt in Florenz; ſie ſtrebt nach 
klaſſiſcher Reinheit der Linie; ſie preiſt die ewig 
jungen Hellenen. Nach ihrer lyriſchen Form ſteht 
ſie unter den Lebenden wohl Paul Heyſe am 
nächſten, aber ſie akzentuiert kräftiger. Wohl 
trifft man auch in ihren „Neuen Gedichten“ Verſe 
und Strophen, die dem Lyriffenner ſofort ver— 
raten, aus welcher Zeit und Schule die Dichterin 
erwachſen iſt, doch ihr ſtarkes individuelles Fühlen 
hat bis auf einige Reſte die übernommenen For- 
men fich zu eigen gemacht und neu gefüllt. Much 
die jparjame Yurüdhaltung in ihrer Produktion 
mag e3 ihr erleichtert Haben, der oft flachen Glatte 
Heyſeſcher Diktion auszumeichen. Die „Neuen 
Gedichte” rechtfertigen und erhöhen den guten 
Klang ihres Namens. 

Im geraden Gegenja zu Siolde Kurz fteht 
eine Pichterin, der das Eljaß zur zweiten Heimat 
geworden ift: Alberta von Puttfamer. 
Unter dem Titel , Fenfeits des Lärms“ 
hat fie neue Dichtungen veröffentlicht (Berlin, 
Schuſter & Loeffler) und fie „Allen, die Sym- 
pathie für mich haben”, gewidmet. Die Floren- 
tinerin mürde Jolde Widmung niemal3 vor ein 
Buch Stellen. 

Sn jeinem berühmten Briefe vom 23. Auguſt 
1794 hat Schiller an Goethe die Worte geichrieben: 


350 


„Ihr beobadhtender Blid, der fo ftill und rein 
auf den Dingen ruht, jegt Sie nie in Gefahr, 
auf den Abweg zu gerathen, in den ſowohl die 
Spekulation als die willfiirlide und bloß fid) 


jelbft gehorchende Cinbilbungstraft fid) fo leicht 


verirrt.” Und Goethe felbit Hatte im Runft- 
ichaffen drei Stufen unterjdieden. Einfache Natur- 
nachahmung jet die unterfte; höher jchon ftünde 
ed, wenn der Künſtler feine individuelle Auffaj- 
jung in die Dinge übertrage, das Höchſte aber 
wire, wenn man aus den Dingen jelbft das 
Weſentliche herauszuleſen verſtünde. Er hat dieſe 
Stufenfolge kurz bezeichnet als „Einfache Nach— 
ahmung der Natur — Manier — Stil“. 

Nach dieſer Goetheſchen Definition würde 
Alberta von Puttkamer in der Rangordnung weit 
unter Iſolde Kurz ſtehen. Denn dieſe hat Stil, 
während ſie in der Manier ſtecken bleibt. Ich 
rühmte oben ja die helle Klarheit von Iſolde 
Kurz, die reinen, ungetrübten Augen. Kein 
Schmerz, fein Ausgeichloffenfein vom Glüd des 
Lebens hat ihr diefen Blick, „der fo ftill und rein 
auf den Dingen ruht”, geraubt. Sie drängt fic) 
und ihre Stimmung nicht allen anderen auf, 
jondern läßt jedem das Geine. Alberta von 
Puttkamer jedoch jchafft fid) die Welt nad) ihrem 
Bilde. Sie überträgt ihre individuelle Auffaſſun 
in die Dinge, bläft fie jentimentalijch - pathetij 
auf und pußt fie je nad) Laune und Stimmung, 
al wären e3 Puppen. So wird eine Landjdjaft heut 
etwa ,antif’, morgen „heroiſch“ und ein drittes 
Mal irgendivie anders frijiert, und es wird allem 
der Anfchein einer Größe gegeben, die dod) vor 
dem ruhigen Auge nicht Stic halt. Denn der 
anerft geblendete Blid erfennt bald, daß er fid) 
Durd) pruntvolle Dekorationen hat täujchen lafjen, 
und daß all der ‘Brunk dod) armjelig gegen die 
ihöne Mannigfaltigkeit der Natur wirkt. 

Alberta von Puttfamer jagt in dem Cingangs- 
gedicht, nach der Meinung der Leute liebe ſie 
„prächtige Geſänge, Terzinen, Oden, das Sonett 
und Stanzen“, und ſeltener nur gelänge ihr ein 
Lied. Nun aber hätte ihr Muſenkind den juwelen— 
belaſteten Zügel aus der Hand gegeben, hätte die 
reichgeſtickten Kleider abgetan, und in ihr „prächtig 
Weſen“ wäre ein Wandel gekommen; ſchlichte 
Veilchen hätte ſie ſich nun zum Strauß geholt. 
„Vielleicht, daß Euch der ſcheue Duft entzückt!“ 

Aber dieſe „ſchlichten Veilchen“ ſtehen wirk— 
lich nur in der Einleitung. Im Buche ſelbſt 
weichen fie den ſtolzeren Roſen, Lilien, Lorbeer— 
bäumen, Granaten, Narziſſen. Und daneben 
herrſcht eine wilde Verſchwendung von Gold, 
Marmor und Edelſteinen. Diamanten, Türkiſen, 
Rubinen, Amethyſten prunken und prablen, jaipise 
hell find Die Wolfen, bernftetnhell die Reider, 
Mriftalle glänzen, Purpurlinnen und Tigerfelle 
breiten fih, und Marmorhäufer ftehn auf ama- 
ranthenen Fluren. Die Jumelenbilder, und was 
jonft in den pretiöjen Rahmen fällt, zu zählen, 
it faum möglid. ber diejer Prunk ermiidet 
und fangweilt auf die Dauer, bejonders da er 
ſich ftets wiederholt. Große Herren pilegen eins 
facher zu gehen, und die Gold- und Marmor— 
verſchwendung kann nicht über dichteriſche Armut 
täuſchen. Im Grunde gehört auch Alberta von 
Puttkamer, die Motti in drei Sprachen für ihr 


Carl Buſſe: 


Buch braucht und von Hippokrates und Cicero 
über Dante und Goethe bis zu Nietzſche und 
d'Annunzio zitiert, zu jenen Dichterinnen, die 
vor lauter Kunſt und Bildung fein echtes Geſühl 
mehr ſchlicht ausdrücken können und ihr eigenes 
Sc gern a la Hermione von Preuſchen in ben- 
galijche Beleuchtung ſetzen. Nur ift fie weſent— 
lid) geihmadvoller als ihre Schweiter in Apoll 
und poetijd) auch bedeutender. Aber trog aller 
fünftlerifher Eigenjchaften wird ihre Dichtung 
nie ganz lebendig wirken, weil eigentliche Liebe 
ihr fehlt. Sie kann fid nicht hingeben. Sie ift 
zu prätentiös. 

Nach der Falten umelenfette ein mailicher 
Kranz von Taufendfhönchen! Mit dem Porträt 
des Dichters und Zeichnungen von Osfar Pletſch 
find die Kinderlieder und Neime von Viktor 
Blüthgen unter dem Titel , Ym Kinder- 
paradteje” nun endlich gefammelt erjchienen 
(Gotha, F. A. Perthes 1905). Eins oder das 
andere diejer reizend -Tiebenswürdigen Sächelchen 
wird jedem, der dieje Worte lieſt, befannt fein: 
werden doch viele nicht nur in den Sonzertjälen, 
jondern, was mehr heißen will, in den Kinder— 
ftuben gefungen, und ed mag faum eine deutjche 
Anthologie geben, in der nicht dies oder jenes 
zu finden wäre. Stinderlieder zu jchreiben und 
Märchen zu erzählen, ijt eine — * oder viel- 
mehr jeltene Kunft. In dem einen hat Ridjard 
Dehmel, in dem anderen fogar Theodor Storm 
gründlich Danebengehauen. Won der älteren 
Poetengeneration haben in beidem wohl nur 
Richard Leander und Viktor Blüthgen Bleibendes 
lee Denn ihnen jang „noch in benarbter 

ruft das Kind“, und Die offene Innigkeit ihrer 
Ceele erichloß ihnen auch jpäter nod) die Pforten 
des PBaradiejed. Vor allen Irrwegen, die gerade 
hier ſtark begangen werden, hat ihr natürliches 
Empfinden jte bewahrt. Wir haben Poeten, dic 
das Mind jentimental und ſymboliſch nehmen 
und den goldenen Unjchuldsmorgen immer der 
Trübe jpäterer Zeit gegenüberftellen. Wir Haben 
andere, die den Prazeptor nicht vergejfen können 
und ftet3 did aufgejchmierte Moral den fröhlichen 
Kleinen präjentieren. Wir haben Dritte, die wie 
Richard Dehmel fiinftlid) fallen und dadurd) den 
Kindern nahezufommen glauben — ein Erperi- 
ment, dejjen piychologijcher Widerfinn einem vor 
den reinen, gläubigen Augen, die dod) fdon zu 
unterfcheiden wijjen, bald aufgeht. 

Nichts davon hat Viktor Bliithgen mit» 
gemadyt. Er fommt zu unjeren Sieblingen als 
ein großer Epielgefährte, der fic) mit ihnen jagt 
und der mit ihnen lacht, der fdnurrige Reime 
für fie aufretht und fic) jelber gottvoll darüber 
amiijiert, der in der Welt der Rleinen heimiſch 
ift und nichts anderes will, alg fie felber wollen. 
Nicht nur zu ihrem, fondern aud) zu feinem Ver- 
gnügen hat er dieſe entzückenden Lieder gelungen. 
Und wie im XVIII. Jahrhundert der Kinder— 
freund des Cachjen Chrifttan Feliz Weihe die 
Kindheit unendlich vieler nachmaliger Boeten er- 
hellt hat, jo haben aud) die Berslein Viktor 
Blüthgens, der aud ein Sachje ijt, die Frühzeit 
manches jüngeren Pichters jchon begleitet. Dan 
freut fi deiien noch als Erwachjener, denn man 
lerut dann einjehen, weld) Maß von Kunſt dod) 


Neues vom Büchertiſch. 


in Dicjen fcheinbar fo leicht und läjlig hingeplaue 
derten Sächelchen ftedt, bejonders ein wie fein 
auggebildetes Chr fie vorausjegen. Man braucht 
ihnen nicht erft fange Glid auf den Weg zu 
wiinjden: was Flugkraft hat wie fie, fliegt von 
jelber. 

Und nun ein Name, bei dem jedem Deut 
ichen das Herz aufgeht: Wilhelm Bufch. Einer 
der großen Gliidbringer, denen unfere reinfte 
Tantbarfeit gilt. „Zu guter Legt” hat er 
jeine neuefte Eammlung genannt (München, 
Fr. Ballermann), und wir wollen wünjchen und 
hoffen, daß der Prophet fic) diesmal geirrt hat, 
daß er nod) manchen Mteilenftcin paffiert und im 


Wandern dies und jenes noch für und mitnimmt.: 


Seine beiten Werke haben mit wenigen großen 
Schopfungen dieje3 gemein, daß jedes Lebens- 
alter fie mit gleichem Bergnügen, jedes aber jie an- 
ders lieft. Buerft erqdpt man lid) in naiver Freude 
an den luftigen Etreichen und den komiſchen 
Bilden. Dann fängt man die föftliche und ganz 
einzigartige Formung der Verje zu bewundern 
an, und e8 entwidelt fic) gewöhnlich die Bitie- 
rungswut, da die erquidlichen Gentengen von 
Wilhelm Busch in allen Lebenslagen zu gebrauchen 
jind. Und endlich erkennt man, aus wie tiefer 
Welteinficht dieſer befreiende Humor erwachſen 
it und über wie dunkle Gründe und Abgründe 
er als tröftliches Licht wandert. Dann erjt wird 
einem Die Größe des Mannes Har, und hinter 
der fomifchen Maste ficht man das Antlik des 
Weifen, der mit lächelnder Rejignation dem Trei- 
ben dieſer wunderlichen Welt zujchaut. 

Niemals trat das jtärker hervor, als in diejem 
feßten Buche, das nidts von Verholzung des Stils 
und Rraftabnabme erfennen läßt. Eindringlid) 
aug all den fraujen und luſtigen Schnörkeln 
leuchtet daS vanitatum vanitas, und Ergebung 
predigt das frohe Saufelipiel. „Halt Dein Röß— 
lein nur im Zügel — Kommift ja dod) nidjt all» 
zumeit”, heißt es zum Eingang, und ernit tönt 
der Liederchor aus: e3 hätte ihm, erzählt Wil- 
helm Buſch, in einer Stadt, in die er gefommen 
jet, recht qut gefallen, nur müßte jeder, der heut 
eingetroffen wäre, morgen wieder fort Daraus 
und über einen mit Draucrwerden befränzten 
Fluß. Wohl dem, der, in Liebe treu bemwährt, 
getroft hinüberfahre: 


„Zwei Blinde, mid vom Wandern, 
Cah ich am Ufer ftehn, 

Per eine fprach zum andern: 

Leb wohl, auf Wiederjehn.” — 


Jn überreiher Fülle qibt es dazwiſchen die 
echten Bujchiaden, die entweder von einer über- 
wältigenden Genteng auggehen und fie durch ein 
Geſchichtchen illuftrieren, oder umgefehrt aus einem 
dargeftellten Vorgang die „Moral“ ziehn. „Der 
Ruhm, wie alle Schwindelware, Hält jelten über 
taufend Jahre“ oder „Vlugufte, wie fait jede 
Nichte, Weiß wenig von Naturgejchichte” — wer 
fennt den Don nicht, der Hier gepjijfen wird? 
Aber eine fleine Probe von Wilhelm Bujd) wird 
mehr Freude machen, als alle Worte über ihn: 


„Durd das Feld ging die Familie, 
Als mit glüdbegabter Hand 


351 


Sanft errötend Frau Ottilie 
Cine Doppelähre fand. 


Was die alte Cage fiindet, 

Hat fic) öfter jdyon bewährt: 
Dem, der joldje Whren findet, 
Wird ein Doppelglüd beichert. 


Pater Frang blidt jcheu zur Ceite. 
Zwei zu fünf, das ware viel. 
Kinder, fprad) er, aber heute 
Iſt es ungewöhnlich ſchwül.“ 


Wer mit frohem Lächeln über dies ent— 
zückende kleine Ding quittiert, möge daneben 
doch nicht außer acht laſſen, in wie meiſterhafter 
Kürze die Situation gegeben iſt und wie präg— 
nant und glänzend das übrige daraus abgeleitet 
wird. — 

Von jüngeren Poeten, die Gehör verlangen 
und verdienen, fet zuerſt Rudolf Presber ge- 
nannt. Gein neueftes Gedichtbuch Dreiflang “ 
(Stuttgart, $. ©. Cotta) tft ganz dazu angetan, 
fi) das Publifum zu erobern. Es ſchmeichelt 
fic) ein durch zarte, wehträumertiche Klänge, es 
erfriicht durch flotte Schneidigfeit und lebendige 
Sugendfraft, es amüfiert durch luftige Schmänte. 
Auf jeden Ton fann Rudolf Presber jich jtimmen: 
er gibt fic) melandoliih und verjonnen, flott 
und lebensſelig, geiftreich-trontich und derb-hunto- 
riftiih, al Träumer, Weltfind, Spötter. Und 
niemals verjagt jeine reiche frormkunft, fie ſchmiegt 
fid) geradezu virtnos der jeweiligen Stimmung 
an. Man wird in dem ganzen Buche, das eine 
fo große Mannigfaltigfeit aufweilt, fein einziges 
minderwertiged Gedicht treifen, denn jelbjt alle 
jene, die mehr aus einem Formungstriebe, als 
aus innerer Notwendigkeit entiprungen find, haben 
eine fchöne Rundung und find jo Har gejchliffen 
und nuancenreich, daß man fich ihrer freuen fann. 

Allerdings fommt Rudolf Presber dafür auch 
felten oder nie vom Gedicht zum Lede, Das aus 
tiefften Tiefen fteigt. „Die Lieder machten mich, 
nicht ich fie”, konnte Goethe jagen; „es fang bei 
mir.” Hier ift die Poefie Naturmacht, die den 
Dichter befist und in der Gewalt hat. Presber 
jedoch ift niemals dag Gefäß für eine geheimnis« 
volle Kraft, fondern der bewußte Stiinftler, der 
die Voefie fommandiert und eben deshalb Schüp- 
fung für Echöpfung fo jhön und gleichmäßig 
durchbilden fann, während das aufgewühlte Meer 
neben den mwunderzarteften Perlen ja aud) reich- 
lid) Ecetang zutage fördert. Und im Gegenſatz 
zu den reinen, den „Inriichen Lyrifern”, Die in 
wenigen Zeilen Wunder tun und ein höchſtes Gee 
fühl ausdrüden fünnen, braucht Rudolf Presber, 
um feine beiten Fähigkeiten zu berwerjen, immer 
einen größeren Epielraum. Man möchte fait 
jagen, jeine Gedichte feien um fo beijer, je länger 
fie feien. Gleich die Einleitungsepiftel „An Seine 
Hochmohlgeboren“ , der Brief einer gequälten 
Mutter an den Mann, der ihr das legte Kind 
nimmt, ijt ziemlich breit gegeben, aber ganz aus: 
gezeichnet — eine Dichtung, die in ihrer Art ein 
fleineg Meifterftüd ift. Nur wenige verjtehn in 
Berien fo leicht zu plaudern wie Presber; er 
wäre der Mann dazu, poetiiche Erzählungen in 
(yrich- warmer Färbung zu jchaffen. Nur vor 


352 


dem Versfeuilleton müßte er fid) hüten. Es ftedt 
ein Schuß Feuilletonigmus in feiner Begabung, 
den er in ftarfen Dämmen halten muß, der ihn 
zu Wirkungen durch erotijche oder ſonſtwie ver» 
blüffende Reime verführt und dejjen Entwidlung 
gerade feine virtuofe und gejchmeidige Verstunft 
befördern könnte. Mit anderen Worten: Presber 
muß fic) hüten, ein „eleganter“ Lyrifer zu werden. 
Er foll an Storms tiefes Wort denfen, daß man 
unter Umftänden über gar zu glatte Verje die 
Rafpel gehen laffen miiffe. 

Man darf aber von feinem Buche nicht 
fheiden, ohne noch bejonders hervorgehoben zu 
haben, eine wie fympathijde und ritterliche, ge- 
funde und aufrechte Perjönlichkeit fid) darin offen- 
bart. Und neben den fiinjtlerijdhen find e3 be- 
fonder3 dieje menjchlichen Qualitäten, die uns 
den Dichter und jein Werk fo lieb machen. 

Virtuoje Gormfunft zeigt auch ein junger, 
nod nicht 24 jähriger Wiener, Hans Müller, 
der fic) vor einiger Beit durch ein ſchmales Ge- 
dichtbuch „Die Iodende Geige” recht glüdlih in 
die Literatur eingeführt hat. Der Prager Hugo 
Galus war da fein gefährlicher Meifter, und man 
fragte fid) bet aller Anerkennung, was aus einem 
Zweiundzmanzigjährigen werden follte, der ſchon 
jo bid zur Berbrechlichfeit geichliffene und fein- 
pointierte Gedichte fhüfe.. Das Einzige, was 
man diefem Qalente wünſchen konnte, waren 
ftarfe, innere Erlebniffe, ein Durchpflügtwerden 
vom Gchidjal. Aber die ftarfen inneren Erleb- 
niffe fann man nicht beliebig herfommandieren. 
Da ſchlug Hand Müller, fet eS aus einem In— 
ftinft jeiner Natur, fet e8 aus bewußter Erfennt- 
nis Der ihm drohenden Gefahr, einen Weg ein, 
der ihn langjam aud emporführen fann: er ging 
nicht weiter in Süße und Liebenswürdigfeit, jon- 
dern ftellte fein Talent vor höhere Aufgaben. 
Was er jo erreichte, liegt in der biblijden Dich- 
tung „Der Garten des Lebens” vor(Stutt- 
gart, 3. ©. Cotta). Gelbft wenn nicht alles jo 
gelungen wäre, wie e3 ıft, würde man dics Büch— 
lein als ein erfreuliches Zeichen der Selbſtzucht 
begrüßen, die ihren Lohn in fid) trägt. Was 
Schovah in der Didtung Hier zu Adam fagt, 
hat auf den Dichter jelbft Bezug: 


„Willſt Du nur immer durch die Träume fchreiten 
Und Did) der Zukunft nicht entgegenbreiten ? 
Was blüht, vergeht; was ijt, wird wieder fein, 
Und nur, was Du errangit, bleibt ewig Dein. 
Der Wipfel, der Dir jept im Tand geftel, 
Erhöht fic) opfernd ſchon gu edlerm Biel.” 


Bejonders fein und im Gedanten fehr jchön 


der zu Herzen geht und als Offenbarung 


Carl Bufje: Neues vom Büchertifch. 


ift die Abteilung „Der verlaffene Garten“: Eden 
trauert nad) der Vertreibung des Menjdyenpaares, 
weil es fic) nicht mehr verjdenfen fann. Was 
Gott erichuf, ijt aljo gang von Opfermut durd)- 
drungen, daß nur ein frohes Opfern Glüd thm 
letht. Sehr interefjant wird von hier aus Die 
Entwidlung weitergeführt — und Vers für Vers 
geht in einer flingenden Sprache einher, die übri- 
gens fo durchaus modern gehalten ift, daß das 
hin und wieder auftauchende relativijch gebrauchte 
„ſo“ direkt ftilmidrig wirft. Auch den Anfag gu 
einer Beichreibung Gottes (Wugen wie dunfle 
Edelfteine 2c.) würde ich gern vermilfen: felbft 
Klopftod hat hier Feine Lorbeern gepflüdt und 
immer, wenn er dazu Anftalten machte, jein Un- 
vermögen verfichert. Aber das find Kleinigkeiten, 
die kaum erwähnenswert find gegenüber der 
Freude, daß hier jemand an größeren Bielen ge- 
wachſen ift. 

Sch möchte nicht fchließen, ohne mwenigftens 
ein paar Bersbücher, die des Ynterefjes wert find 
und die ber Raum gu wiirdigen verbietet, nod 
zu nennen: da ift ein fcblicdt-fdineds Bud 
von Wilhelm Langewiefde: „Planegg“ 
(Münden, C. H. Bed), ein Dank aus dem Walde, 
einer 
reingeftimmten Menjchenjeele ung mehr gıbt, als 
alfe kunftvolle Artifteniyrit. Da Hat A. 8. T. 
Tielo erzählende Verfe unter dem Titel „Tha- 
natos“ veröffentlicht (Stuttgart, Axel Junder), 
in denen fic) viel Schönes findet. Bon der Rue 
rifden Nehrung und aus Litauen her hat der 
Poet fi) mandjes gute Stüd geholt, aber er ift 
nicht an den engen Boden der Heimat gebunden. 
Die fo kräftig jetzt einjegende Balladendichtung 
hat an ihm einen neuen Vertreter gefunden, der 
in der Erfaffung und Darftellung von Situationen, 
in der gegenftändlihen Schilderung glüdlicher ab- 
fdyneidet alg in der reinen Lyrif, und über den 
Rhythmus aud) zur Melodie fommt. Unter der 
wlagge ,Stiirmifdes Blut“ Hat drittens 
der befannte Mitarbeiter der Münchener „Jugend“ 
A. de Nora hundert Gedidyte gefammelt (Leip- 
ig 1905, 2. Staadmann), und aus Amerifa 
Pel ung ein Deut\dh-Amertfaner namen3 Georg 
Sylvefter Viered ein Hefthen „Gedichte“ 
herüber, nad) der dort beliebten Methode mit 
einer englischen Einleitung — Gedichte, die doch 
wefentlid) den Durchſchnitt defien, was die Deutich- 
Amerifaner als Poeten fonjt leiften, überragen 
und fi) manchmal leidenjchaftlich erheben. 

Damit mag die diesjährige lyriſche Kontroll- 
verjanmlung gejdloffen fein, wenn aud nod 
genug da wären, deren Namensaufruf fich lohnte. 








“WIG ZOfd Ul IYriurabBesdslunysog ‘sade *G “gq uva Beuuan pun uabundeig 
2nisli LIAL UL PLOPMY “fold UOA PIPIPOUL “IEPlLEPIUpesILLIMS 














Ylluitrierte 


Rundicau. 


Franz v. Defregger zum 70. Geburtstag. — Goldreliefs von Benvenuto Bellini im 

Kaiser Friedrichs- Museum zu Berlin. — Moderne Candhaus-Hallen. — Ausstattung eng- 

lisher billiger Bücher. — Korbmöbel der Fabrik von Jul. Mosler-München. — Schmiede- 

eiserne Arbeiten der Berufsschule zu Winterthur. — Wandbrunnen von Walter Rauschild 
und Goldfischbehälter von $. Wernekinck. — Zu unseren Bildern. 


m 30. April feiert Franz Defreqger jeinen 

70. Geburtstag. Yn herzlicher Dankbarkeit 
miiffen wir feiner an diejer Stelle gedenfen. Auch 
wer heute jein Lebenswerk mit anderen Augen 
anjdaut, als die unbedingten Defreggerjdwarmer 
vor zwanzig oder dreißig Jahren, wird, wenn er 
nicht Scheuffappen vor den Augen hat, die emi- 
nente Bedeutung des Meifter3 für jeine Zeit 
würdigen. Man muß ihn mit Knaus und Vautier 
in eine Linie ftellen, die auch ungefähr jeine 
Altersgenoffen find. Sie waren die Pfadfinder 
der malerischen deutſchen Dorfnovelle, waren 





mehr in den Bordergrund rüdt. Dann werden 
Dieje drei großen Genremaler, die größten Deutjch- 
lands, aud) wieder zu neuen und wohlverdienten 
Ehren gelangen. Unter ihnen aber ijt mir Franz 
Defregger jtets als der bedeutendjte, als der 
frijchejte und natürlichjte, als der gejundefte er- 
ichienen. Es ift ja allgemein befannt, daß 
Defregger ein tiroler Bauernjohn ijt; am 30. April 
1835 wurde er zu Dölſach im Pujtertal geboren. 
Von Grund auf lernte er fein Bolf bei der Ar- 
beit und in frohen Stunden fennen. Er hütete 
jelbjt das väterliche Vieh und tat jchwere Feld- 
arbeit, er hat auch noc) nad) des Vaters Tode, 






1858, die Bewirtſchaftung des Hofes übernommen. 
Bon einer Einwirkung künſtleriſcher Vorbilder auf 
den jungen Defregger fann faum die Rede jein, 
auger einigen mäßigen Heiligenbildern und Holz- 
Ichnitten befam er fein Fünftlerifches Erzeugnis zu 
jehen. Defto merfwürdiger ijt e3, daß fich der bild- 
nerijche Trieb doch jhon in ihm regte; früh jchon 
formte er aus tid ee und Brotteig allerlei Fi- 
guren, und jchlieglich wurde der innere Drang jo 
itarf, daß er den Hof verfaufte und zu einem 
Bildhauer in Innsbruck in die Lehre ging. Aber 
die plaftiiche Kunft jagte ihm nicht zu, er wollte, 





Riinjtler von er- mußte malen. Er 
ftaunlihem Kön— 5 ging nah Mün— 
nen, von reicher | hen, nah Ling, 
Erfindungsgabe, j jogar nad aris, 
bon einem quell- ’ - ohne recht vorwärts 
friihen Humor, r ö zu kommen. 
die feit im Heimats- | Mitte der jechziger 
boden wurzelten. " Sahre fand er fein 
Zwei Generationen > % eigentliche GStoff- 
haben fic) ihrer are * ae Tote ebiet, indem et 
Werke erfreut, und * >. — inkehr in das 
das beſte, was ſie ge— oa tee ® * —— Volkstum hielt. 
ſchaffen, wird auch = SS ae Im Atelier Pilo- 
dauernd Beſtand BEER 3 | “Sa u & tys ſchuf er fein 
haben. Ya, wer > RR PS erſtes bejjeres Bild, 
darf fic) vermejjen, — SE den  verwundeten 
heut mit Sicherheit *88 — Wildſchützen, den 
zu behaupten, daß > * jetzt die Stuttgarter 
nicht eine Zeit f x Galerie beſitzt; 
kommen könnte, in eines der nächſten 
der ihre Art, das ‚Speckbacher und 
Stoffliche zu be— jein Sohn“ (im 
handeln, wieder— Ferdinandeum zu 
- fehrte? Vielleicht Innsbruck) erregte 
nicht ganz in der auf der Münchener 
Wnefdotenmanier, Ausftellung des 
nicht ganz unter Sahres 1869 all» 
den Verſchöne— gemeines Aufjehen 
rungsgläjern, mit und begründete ihm 
denen jene * — Ruhm. 
meiſt ſahen, aber either hat er un— 
doch derart, daß seal ake Lise. ermüdlich, und faft 
ihre allgemeine Aufnahme von Hofphotograph Ad. Baumann, Münden.) ausſchließlich, feine 
Richtung wieder tiroler Bauern ge- 


malt, wie fie waren und mie fie jebt find; Bilder 
aus dem Freiheitsfampf jeines heldenmütigen 
Volkes (das beite wohl „Das legte Aufgebot“, 
let in der Wiener Galerie), Genrebilder in reicher 
Ubwedjlung (am befannteften vielleiht , Tang 
auf der Alm”, „Ringkampf“, „Abſchied von der 
GSennerin“, „Jägers Heimkehr“, „Wilderer“, 
„Salontiroler“) und Porträtköpfe von jchmuden 

irolern und Zirolerinnen in. faft allzu großer 
Zahl. „Schmuck“ — das find fie alle. Defregger 
jieht feine Leute nun einmal durchaus als Idealiſt. 
E3 gibt für ihn das Häßliche, Elende, Kiimmer- 
lide nicht im Land Tirol. Wer darf deshalb 


354 Illuſtrierte Rundſchau. 


iſt er auch von keinem 
ſeiner unzähligen Nach— 
ahmer nur annähernd 
erreicht worden. Denn 
keiner von dieſen malte 
ſo aus dem Herzen her— 
aus, wie er — unſer 
verehrter Franz De— 
fregger, dem hoffentlich 
noch eine ſtattliche Reihe 
von Jahren und ein 
frohes Wirken in ſeiner 
pen Kunst bejchieden 
ift. — 

Das neue Sailer 
Friedrichs-Muſeum ge- 
langte fiirglic) in den 
Bejig einiger bejonders 
interefjanter Stüde. Der 





jagen, jeine Tiroler jeien 
niht echt! Echt und 
wahr jind fie unbedingt 
— aber fie find nur 
ein Ausjchnitt aus dem 
VolfStum; das Lebens- 
werf Defreggers, jo um- 
faſſend e8 auf engem 
Gebiete ijt, Jhildert doch 
nicht dies Volfstum in 
jeinem ganzen Umfange. 
Dafür jchildert es frei- 
lic) das, was e3 gibt, 
mit umendlicher Liebe, 
mit einer herzgemwinnen- 
den Miſchung von Ernit 
und Humor. Fn jedem 





Bilde, möchte man jagen, | 
ftedt etwas von dem 

rächtiaen Meniche Goldrelief3 von Benvenuto Cellini. 
peers ſchuf Agi Neuerwerbung des Kaijer Friedrichs-Muſeum in Berlin. 


befannte Sammler Gu- 
jtav Salomon überließ 
ifm nämlich eine Reihe 
von ſechs wundervollen 
Soldreliefs, die dem 
größten Goldjchmied der 
italienischen Renaifjance, 
feinem geringeren als 
Benvenuto Cellini, zu— 
gejdrieben werden. Ym 
allgemeinen ijt der Ken— 
ner von argen Zweifeln 
erfüllt, wenn von einem 
Werk Cellinis die Rede 
ift, Denn über den Ar» 
beiten des Meeifters, 
deſſen Gelbjtbiographie 
uns ja durch Goethe gut 
befannt geworden tft, 
hat geradezu ein Unjtern 
geſchwebt: fie jcheinen 
mit verſchwindenden 
Ausnahmen der Bere 
nichtung anheim gefallen 
Veranda. Bon Louis C. Tiffany. zu fein. Bon dem Bild- 





Illuſtrierte Rundſchau. 































a ; 
ian | 


al | 


Halle des Wohnhanfes 
von Carl Vembé in 
Mainz. Entwurf und De- 
tails bon Emanuel Seidl in 
München in Fihhing mit 
Carl Bembe. 


bauer Cellini fennen 
wir außer zwei Bild» 
nisbüften und einem 
marmornen RKrugifix (im 
Escorial) nur jeinen 
berühmten Perjens in 
der Loggia dei Lanza 
zu Florenz; von jeinen 
Soldichmiedearbeiten tt 
ganz ſicher beglaubigt 
eigentlich nur ein wine 
dervolles Salzfaß in den 
Wiener Raijerlichen 
Sanımlungen ; jehr 
wahrjcheinlich tit aud 
ein föjtliches Schild, das 
Franz 1., für den Cel- 
lint in Bari3 von 1540 
bis 1545 tätig war, an 
König Heinrich VIII. 
ſchenkte und das fich jest 
in Windjor befindet, ein 
Werk jeiner Hand. Was 
jonft auf den Namen 
Gellini getauft wurde, 
ift meist jehr zweifelhaft. 
Jene jechs Goldreliefs 
aber jind gut beglaubigt. 


355 


Sie ftammen nämlich aus der 
Sanımlung Borgheje und ge- 
hörten urſprünglich zu einem 
Schmudichränfchen, das alter 
Überlieferung nad) Baul V. in 
jeiner Jugend bet Cellini be- 
jtellt hat. Mehr fait nod) als 
dieje Tradition ſprechen jedoch 
innere Gründe für Die Urheber- 
ichaft Benvenutos. Die Ge- 
jtalten auf den in Gold getrie- 
benen Reliefs, welche die Gi- 
gantenichlaht, den Tod der 
Niobiden, Perjeus beim Gaft- 
mah! des Bhineus und bacchtiche 
Motive daritellen, entiprechen 
jo durchaus dem Duftus der 
Figuren an dem oben erwähn- 
ten Salzfaß, zeigen diejelben 
fajt überjchlanfen Formen und 
etwas übertriebenen Bewegun— 
gen, daß die beiten Renner 
nicht daran zweifeln, in diejen 
Arbeiten Werfe von Cellini 
jelbjt au jehen. — 

Die „Halle“ hat fich, von 


Halle eines Landhaufes in Handsworth Wood von J Crough und 
E. Butler in Birmingham. Ter Fries von Fred David ftellt Szenen dar aus: 
‚Ihe Hunt of the Peacock". 


356 Illuſtrierte Rundſchau. 





Finnländiſche Halle mit Kamin aus der Villa des Dr. R. ©. 


bei Heljingfors. 


Von den Architekten Gefellius, Lindgren & Caarinen in Helfingfors. 


England fommend, wo fie als faft unentbehrlicher 
Bejtandteil jedes größeren Landhaujes betrachtet 
wird — aber auch dort nur des größeren — 
neuerdings bei uns ftarf eingebürgert. Wir 
glauben daher, denen unjerer Lejer, die an 
den Bau eines eigenen Heims denken, mit une 
jeren Abbildungen, welche einige neuere, muſter— 
gültig durchgebildete Hallen wiedergeben, einen 
Dienjt zu erweiſen; interejfieren werden dieje Ab— 
bildungen ja auch weitere Kreije. Man muß frei- 
lid) daran fefthalten, daß die Halle eine Berech- 
tigung eigentlich nur dann hat, wenn das Haus, 
für das fie geplant tft, in größerem Stil gehalten 
wird. Denn jold eine Halle trägt doch wejentlich 
einen repräjentativen Charakter. Zwingt man fie, 
wie es einzelne deutjche Architekten zu tun lieben, 
in ein fleinereS Haus hinein, jo nimmt fie leicht 
übertrieben viel Naum fort und beengt dadurch 
die Gebrauchsräume oft in unverantwortlicher 
Weije. Für den Baumeister bildet fie allerdings 
ein geradezu verführeriiches Motiv mit ihren 


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TON- 


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LONDON. :J-PFDENT-& Ca 
PHILADELPHIA: BLIPLNCOT TC. — Wan mag wollen 


an guten Bor- 
bildern fehlt 
— wer an Die 
Beſchaffung 
ſolcher Stücke 
ging, wird 
dieſe Erfah: 
rung gemacht 
haben. Sehr 
beliebt ſind 
immer noch 
die Korbmö— 
bel, von denen 
wir auf S. 358 
einige gute 
Beijpiele ge— 
ben: leicht, 
Daher handlich, 
dem Material 
entjprechend, 
gut durchgebil- 


EDITED-BY 
AW-STREANE 
KHL D-DARY 


"4 


—— 


END 


Bild» und Sdrifttitel von „The Book of Psalms“. 


(3. M. Dent & Co., London.) 


Al TRe-BOOK IN 
Ms OF sr ip 
PSALMS 


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luftigen Formen, der meift ficht» 
baren, zu den oberen Etagen 
führenden Treppe und der Wa- 
ferie. Yn Heinen Biller aber 
jollte man fich lieber mit der 
einfacheren Diele begnügen und 
Dieje recht wohnlich ausgeftalten. 
— Qnterefjant ijt auch die von 
uns abgebildete Veranda von 
Tiffany — interejjant jchon 
deshalb, weil fie zeigt, wie die 
Amerikaner flajjiziftijche Formen 
praftijd) zu verwenden wiſſen; 
jehr originell find die Möbel in 
diejer Gartenhalle und in ihrem 
fernigen Aufbau wohl der Nach» 
ahmung wert. Dies um jo 


mehr, al3 es uns für Veran- 
den und Pavillons recht jehr 





Brofdhierter Einband 
in Gold und Not. 
(T. N. Foulis, London.) 


4 J 
a 


u. 


Det in der Form und vor 
allen bequem! Der gute, 
brave Biedermeier-Lehn— 
jtuhl unjerer Großeltern 
fommt bier auch wieder 
zu Ehren, Es war ein 
Danfensivertes Unterneh» 
men Wiener und Mün— 
chener Riinftler — dort 
vor allem Hans Vollmer, 
hier Maximilian P. 
Sänger und Julius 
Mosler — den Korb— 
und Rohrmöbeln Auf— 
merkſamkeit zuzuwenden. 


Ss 
Vi 


oder nicht: wer es ehr- 
Itc) meint, muß unſer 


Englijde Budeinbande: 


Illuſtrierte Rundſchau. 





Kunſtgewerbe immer wieder auf engliſche Vor— 
bilder hinweiſen. Wud) für das Buchgewerbe gilt das. 
Wir bejigen in Deutjchland eine ganze Reihe tert- 
lich vortrefjlich gehaltener „Univerjalbibliothefen“, 


von einem Reichtum und einer Vieljeitigfeit, 
die wir mit Recht ſtolz jein dürfen. 


. 
HAND AND SOUL 
BY D. G. ROSSETTI 
ep EFORE any 
F knowledge of 
(‘Feo painting was 
Wh brought to 
= a Florence, 
A there were 
already pain- 
ters in Lucca, and Pisa, and 
Arezzo, who feared God and 
loved the art. The keen, grave 
workmen from Greece, whose 
trade it was to sell their own 
works in Italy and teach Italians 
to imitate them, had already 
found rivals of the soil with skill 
that could forestall their lessons 
and cheapen their crucifixes and 
addolorati, more years than is 
supposed before the art came 
at all into Florence. The pre- 
eminence to which Cimabue was 
raised at once by his contem- 
poraries, and which he still 
retains to a wide extent even in 
the modern mind, is to be 
accounted for, partly by the'cir- 
cumstances under which he 
arose, and partly by that extra- 
4 





Cine Seite aus „Hand 
and Soul‘ von D. ©. 
Rofetti. 

(T. N. Foulis, London.) 


Da gibt e3 in erfter Linie 
Shafejpeare- Bände, jo 
billig, jo reizvoll — id) 
möchte jagen: jo appe- 
titlih, daß dem Biicher- 
freund das Herz im Leibe 
lacht. Muftergültig find 
die Sirpence - Bändchen 
des Verleger? Heine- 
mann, entzitcend die 40 
Bände „The Temple 
Shakespeare“ von Dent 
& Co., von denen jeder 


auf 
Aber wie 
jieht e3 mit der Aus— 
ftattung aus? Wer 
jtellt gern Reclamhefte 
auf jeinen Bücherbord? 
Wie unjchön find auch 
Die gebundenen Re— 
clambandden! Wie 
wenige billige Klaſſi— 
ferausgaben haben wir, 
die fic) äußerlich gut 
präjentieren? Ganz 
anders jenjeit3 des 
Kanals. Gerade dem 
Minderbegiiterten wer: 
den dort — fait aus- 
jchlieglich gebunden — 
Ausgaben zugänglic) 
gemacht, Die äſthetiſch 
einfach ein Genuß find. 





Othello (William Heinemann, London); 
Stories von Beatrice Clay (J. M. Dent & Co., London); Ivanhoe 


in Leinen 
nur 1sh., 
in Leder 
1 sh. 6 d. 
fojtet. 
Und ähn- 
liche Aus⸗ 
gaben 
gibt es 
viele, gibt 
e3 für Die 
verſchie— 
denſten 
Zweige 
der Lite— 
ratur; 
wunder— 
voll iſt 
z. B. auch 
„The 
Temple 
Bible‘, 
eine 
Samm— 


Sonnets‘ 


Gas. Lipa” 


Chaucers Poems (Mudie, London); 
von WB. Scott (Grant Richards, London.) 


4 J — | RA! 
| (SONNETS (VM 


‘GLOSSARY. KH: 
BY: ISRAEL ELGOLLAIK 





— — BY-3-M-DENT- 

“AND-CO: ALDINGE-HOUSE-WC: MCMII 
Schrifttitelvon ,Shalefpeares 

(3. M. Dent & Co., London). 


lung von 31 Bändchen mit Bruchftiiden aus der 


sO. SO: WE LL DONE. 
ACT: \-SCENE-NV 


INTRODUCTION: &: ‘NOTES 
BY-JOHN-DENNIS 
&-ILLUSTRATIONS-BY 
BYAM-SHAW. _. 





Bild- und Sdrifttitel von Shalefpeares ,Cymbeline”. 
(George Bell & Cons, London.) 











Sluftrierte Rundſchau. 


Korbmöbel. Obere Reibe: Nach Entwürfen von B. Sänger. Mittlere 
Reihe: Entworfen von Julius Mosler. Untere Reihe: Zwei links entwor- 


fen von Hans Vollmer, rechts von Julius Mosler. 


Träger für Beleuhtungstörper. 


Entworjen von U. Meſſer. 


in der Beruisichule für Metallarbeiter 


in Winterthur. 





Sämtlich ausgeführt 


von Julius Mosler Münden, 


heiligen 

Schrift, reid) 
illuftriert, ge- 
ſchmackvoll ge- 
bunden — 

Preis 1 Mark! 
Ein wahrer, 
nod ungeho- 
bener Schatz 
von Anregun— 
gen liegt in 
diejen Büchern 
für unjere 
Verleger — 
und ganz ge- 
wiß aud) ein 
guter Ver- 

Dienft. Wer 
freilich den 

Verſuch jflavi- 
iher Nachah— 
mung machen 
wollte, wiirde 


ihild - Ha- 
lenjee und 
©. Werne: 
find-Char: 
lotten- 
burg: ein 
feiner 
Wand- 
brunmen 
und ein 
allerliebjt 
erfunde- 
ner, zier— 
licher 
Goldfiſch— 
Behälter. 
Beide die— 
nen dem 
fröhlichen, 
überall be— 
lebenden 
Element 
des Wa 





it 
le — 


fehlgreifen. Der Ge— 
ſchmack iſt im einzelnen 
bei uns vielfach andere 
Wege gegangen als bei 
den Engländern; wir 
können uns in ihr ar— 
chaiſtiſches Anſchauungs— 
vermögen nicht recht 
hineindenken, wir em— 
finden in künſtleriſcher 
Beziehung freier, weni— 
ger konſervativ, und das 
iſt ganz gut. Aber die 
allgemeine Richtung iſt 
nachahmungswert. Un— 
ſere Abbildungen ſind — 
wie des beſſeren Verſtänd— 
niſſes halber bemerkt 
werden muß — um et— 
wa die Hälfte verkleinert. 
Wir bringen weiter 
ganz prächtige ſchmiede— 
eiſerne Arbeiten, Tore, 
Türbeſchläge, einen Trä— 
er für Beleuchtungs— 
örper, nach Entwürfen 
von A. Meſſer ausge— 
führt in der Berufsſchule 
für Metallarbeiter zu 
Winterthur. Man kann 
den Schweizern zu dieſen 
reifen und ſchönen Lei— 
ſtungen aufrichtig Glück 
wünſchen. Die Reihe 
unſerer Abbildungen 
ſchließen endlich zwei fa— 
moſe Arbeiten von Hau— 





% 
a =r... 


VBlumenforb. CEntworjen von Hans 


Vollmer: Wien, ausgeführt von Julius 


Mosler-Müncen. 


jers, das wir in Haus 
und Garten noc lange 
nicht genug zu jchäßen 
willen. — 
* * 

König Mai hält end⸗ 
lich wieder Einzug bei 
uns, der ſehnſüchtig er— 
wartete, jubelnd be— 
grüßte. Wie alljährlich 
widmen wir ihm auch 
heuer dies Frühlings- 
heft mit dem reichen 
fünftleriijhen Schmud, 
mit lengfrohen Liedern. 
In einem beſonderen Ar— 
tifel feiert ihn Dr. Send- 
ling nad der fultur- 
geichichtlichen Seite hin; 
der in reichjten Farben 
— fleinen Wundern 
modernjter Illuſtra— 
tionstechnif, nebenbei 
bemerft — prangende 
Beitrag über die pracht- 
volle Nelfenflora nimmt 
auf ihn Bezug; die Bil- 
der Des Heftes find fajt 
ausnahmslos auf ihn 
abgeftimmt, mit Rüd- 
ficht auf ihn ausgemählt. 
Gleich unjer Titelbild, 
ein Werf von Gabriel 
Mar, ijt dem Lenz recht 


Türbefhläge. CEntworfen von U. Meffer. 
Ausgeführt in der Berufsichule für Metallarbeiter 
in Winterthur. 


Sthiftrierte Rundjchau. 








ore ) TY) tt 
is TI 171 74 114 
er T IT| Tel 





Sartenportal. Entworfen von 


U. Meiier. 


Berufsſchule für Metallarbeiter in 
Winterthur. 





Ausgeführt in der 


eigentlich ge- 
weiht. Das 
ihöne Bild 
mit  jeiner 
frohen Far— 
benpracht 
gibt jich da- 
mit als Ge- 
genftüd zu 
dem, Herbſt“ 
desſelben 
Meiſters, mit 
dem wir im 
September 
den Jahr— 
gang eröffne— 
ten; Gabriel 
War, der jest 
im fitnfund- 
jechzigiten 
Lebensjahre 
ſteht, hat fich 
ſeine friſche 
Schaffens- 
fraft in be- 
wunderns- 
wiirdiger 
Weije erhal- 
ten. Früh: 
lingsluft und 
Frühlings- 
liht wehen 








359 


un3 auch aus den far- 
bigen Studien von Prof. 
A. Fink München ent- 
gegen, die in den Tert 
des Romans eingefügt 
jind : oberbayeriſche Mo— 
tive, fein gejehen und vir- 
tuos wiedergegeben. — 
Es ift überhaupt eine 
ereude, die Entwide- 
fung unferer deutjchen 
Landjchaftsfunft in den 
legten Jahrzehnten zu 
überichauen. Wohl auf 
feinem Gebiet der Kunſt 
herrjcht ein gleich ſtar— 
fe3 und gleich erfolg» 
reiches Streben, ein 
leicher Wetteifer. Uns» 
* Landlchafter ſind 
heut, ſeit ſie ſich wieder 
im deutſchen Boden 
feſtwurzelten, ſeit ſie 
wieder wirkliche Hei— 
matskunſt treiben, auch 
von der Gunſt des 
Publikums in ganz an— 
derer Weiſe getragen als 
ehedem. Man hat die 
Landſchaft, die ſo lange 
das Stiefkind in der 





i i EE 


Türfüllung. CEntworfen von U. Meiier. 
Ausgejührt in der Berufsſchule für Metallarbeiter 
in Winterthur. 


360 Illuſtrierte Rundſchau. 


Malerei war, wieder ſchätzen gelernt, man hat 
ſie lieb gewonnen. — Von Arnold Böcklin können 
wir, zwiſchen Seite 264 u. Seite 265 ein Gemälde 
veröffentlichen, das den meiſten unſerer Leſer noch 
nicht bekannt ſein dürfte, ſein ſtimmungsreiches 
Bild: „Sieh, es lacht die Au.“ Das Motiv zu 
dem herrlichen Gemälde, das zwiſchen 1887 und 
1888 entſtanden ijt, jtammt aus der Umgebung 
von Gan Domenico, der florentiner Villa, in der 
der Meiſter jpäter jeine Tage beſchloß. Kaum 
je, jagt F. v. Oftint treffend in feiner ausgezeich- 
neten Böcdlin-Monographie, ijt e3 dem Künſtler 
bejjer al3 auf diejem, in den fröhlichjten Farben 
fachenden Frühlingsbilde gelungen, Durch den Klang 
der Farbe froh und frei zu ftimmen. — Es reiht fich, 
zwiichen Seite 272 und Seite 273, eine Land- 
ſchaft von B. Butterfad in München an: „Der 
Mat tft gefommen” — brillant heben fic) auf 
ihr bejonders die Birfengruppen gegen den dunf- 
len Waldrand ab. — Zwiſchen Seite 312 und 
Ceite 313 ijt ein famos erfaßtes, buntbewegtes 
Bild aus der jchönen Donauftadt eingejchaltet, 





Wandbrunnen mit Fijchbehälter. 
Von Walter Hauſchild-Halenſee. 


das wir dem Wiener H. Tomec verdanfen. 3 
gibt den befannten Blick am Praterjtern wieder; 
im Hintergrund dreht fic) das ungeheure Schaufel- 
rad amerifanischer Provenienz, das jeit Jahren 
eine Hauptluft der flotten Wiener und Wienerin- 
nen ijt. — „Schumannjche Traumerei” taufte F. 
Dorſch jehr anjprechend fein Gemälde, das wir 
zwiichen Sette 336 u. Seite 337 reproduzieren: 
ein Violinvortrag im Freien; andächtig laujdende 
Hörer — das Ganze zart und anmutsvoll und dod) 
von einem fajt wehmütigem Ernit erfüllt. — Ein 
ihönes Lenzbild „gm Mai” von 5. Overbed (zwi— 
ſchen Seite 304 und Seite 305), eine famos wieder- 
gegebene Gruppe blühender Kaſtanien von Schmidt- 
Micheljen (zwiichen Seite 328 und Seite 329) — 
greifbar deutlich erjcheinen die weißen Blüten im 
Grün — reihen ſich an. Bejonders hervorzuheben 
aber bleibt noch die prächtige Echillermedaille von 
Profeffor R. Mayer (zwijchen Seite 352 und Seite 
353). Die bevorjtehende große Schillerfeier, derer 
auc) unjer Heft in Wort und Bild gedachte, wird 
gewig eine jtattliche Zahl Jubiläumsmedaillen 
zeitigen ; ob aber eine zweite an dieje ausgezeichnete 
Arbeit, mit dem ernjtichönen Kopf unferes großen 
Dichters im Avers, dem föftlichen Glodenguß im 
Revers, auch nur entfernt heranreichen wird, ijt 
Goldfiſchbehälter. Bon S. Wernefind-Charlottenburg. jehr zweifelhaft. D. v. Sp. 


— —— et tea a ek atic 











| Nachdruck verboten. Alle Rechte vorbehalten. Zuſchriften an die Redaktion von Velhagen & Klafings Monatsheften, 

Berlin W 50. — Fir die Redaktion verantivortlich: Theodor Hermann Pantenius in Berlin. — Für Ofterreich - Ungarn 

Serausgabe: Frieie & Lang, Wien I. Berantwortlider Medatteur: Carl von Vincenti, Wien III, Richardgaſſe 1. 
Verlag: Velhagen & Klafing in Berlin, Bielefeld, Leipzig, Wien. Trud: fiſcher & Wittig in Leipzig. 











Im Uorraum eines Lübecker Patrizierhauses. 
Gemälde von Prof. Gotthard Kuchl-Dresden. 


ea Velhagen & Klalings wa 


MONATSHEFTE 


Herausgeber: 


Theodor Hermann Pantenius und Hanns von Zobeltiß,. 


XIX. Jahrgang 1904/1905. 


Heft 10, Juni 1905. 


UIIBCER 


Dodi. 


Roman von 
Paul Oskar fdcker. 
(Fortfegung.) 


IIT® Angehörige Hatten fic) auf einen har- 
ten Widerftand von Seiten ihres Mannes 
gefaßt gemacht. Er war ein Trobfopf, ein 
jähzorniger, in feiner Reidenjchaftlichfeit un- 
beredjenbarer Menſch. Bugutrauen war e3 
ifm fdon, daß er Weib und Kind nad- 
reijte, Maria wieder weich machte — es 
war ja ein Unglüd, daß fie ihn liebte, aber 
wie konnte man gegen diefe Schwäche an- 
fampjen ? — oder daß er jchlimmitenfall3 
Dodi gewaltjam oder mit Lift entführte. 
Derlei fam vor, auch heutigentags noch, fo 
abenteuerlich es flang. 

UÜberrajchendermweile ergab fid) Mar 
Dlfer jedoch in alles. Er verließ Europa, 
nachdem er feine Vertretung in dem Schei- 
dungsprozeß dem Kieler Rechtsanwalt Dr. 
Camphöven übertragen hatte. Marias Part 
übernahm natürlich der Juſtizrat Dröfe. 

Einesteil3 verurfachte Olfers' Nicht- 
ericheinen bei dem fogenannten Verſöhnungs— 
termin eine jtarfe Verjchleppung des leidigen 
Prozefies. Der Umstand aber, daß er aus- 
gewandert war, erleichterte wicder der Par— 
tei der Chefrau die Slagebegründung 
wejentlich. 

Das Sclußerfenntni3 ward zu Beginn 
des Jahres 1896 gejprocen. 

Darin wurde Mar Olfer3, ganz nad 
dem Antrag der Hlägerifchen Partei, wegen 
böslichen Verlaſſens für den allein ſchuldigen 

Relhagen & Klafings Monatshejte. 


(Abdruck verboten.) 


Teil erfannt, die Che rechtskräftig gefdieden 
und der Vater des der Che entjproffenen 
Kindes zur Bablung eines jährlichen Er- 
ziehungsgeldes verurteilt. 

Die Beit bis zur Austragung de3 Pro— 
zeſſes verlebte Mia, deren Nerven nod 
immer jtark angegriffen waren, zum größten 
Teil in Heilbddern. Da ihr Tichterchen 
nicht fo Lange der Schule fernbleiben durfte, 
reifte fie meijten3 allein, — dad heißt ge- 
wöhnlich begleitete Elifabeth die Schwägerin 
auf der Hinreife und Ieijtete ihr Dann nod, 
um fie dort „einzurichten“, ein paar Tage 
lang Geſellſchaft. 

Großmama Kaupifd nannte ihre Enkelin 
ihr ,Sorgentind’. Aud Mangelsdorffs 
empfanden die Laft bald recht drüdend. 
Kam jedod im Schoß der Familie das 
Thema zur Sprade, dann meinte der Guftiz- 
rat, der einzige, der der Angelegenheit ob- 
jeftiv gegeniiberjtand: man hätte fie eben 
von früh an jtets al3 unmündiges Sind 
behandelt, fie gefliffentlid) zur Unjelbjtandig- 
feit erzogen, da dürfte man fich nicht wun- 
dern, daß fie jebt nicht ander3 wäre. 

Durch Onkel Dröſe blieb man auch über 
da3 fernere Schidjal von Mar Olfers 
einigermaßen auf dem Laufenden, da ihm 
Dr. Camphiven, durd) den die Erziehungs- 
gelder in BVierteljahrsraten einliefen, per- 
ſönlich befannt war. 


XIX. Jahrg. 1904/1905. II. Bb. 24 


362 


Man war übereingelommen, dieſe Be- 
träge, deren Höhe je nach Olfers’ Einkünften 
ſchwankte, auf ein Sparfaffenbud) der Kreis- 
jparfajfe, das auf Ottiliens Namen aus- 
geitellt war, einzuzahlen. 

Als die Termine mehrmals nicht inne- 
gehalten wurden, der fällige Erziehungs- 
beitrag fic) vielmehr um Wochen, einmal 
jogar um fajt vier Monate verjpätete, lick 
Dröfe an den Kollegen eine Monierung 
ergehen. 

Dr. Camphiven fprad) mit dem Sujtiz- 
rat darauf perſönlich über die Angelegenheit. 

Gein Klient kämpfte mit fchiveren 
Sorgen. Zwar gab fic) Dlfers die red- 
fihjte Mühe, er Hatte. ji) in verhältnis- 
mäßig kurzer Beit auch leidlich eingearbeitet 
auf dem ibm vordem doch völlig fremden 
Gebiet; aber das Hauptübel, woran fein 
Unternehmen franfte, war und blieb diefes: 
die Hausfrau fehlte dem Gejchäft, die weib- 
lide Hand, die bei der Führung eines Hotels 
nun einmal fajt unentbehrlid ijt. Someit 
Camphiven die geichäftlichen Verhaltniffe 
überbliden fonnte, war das, twas er als 
Erziehungsbeitrag für feine Tochter herüber- 
ſchickte, fo giemlich fein ganzer Barüberfchuß. 

Für Alvin war das ein großer Triumph. 
Er hatte jelbit nicht geglaubt, daß die nadte 
Tatſache fo bald und fo prompt feiner 
peſſimiſtiſchen Vorausfage recht geben würde. 

Um andern Tag, einem Sonntag, fam 
es zwifchen den Geſchwiſtern zur Sprad)e. 
E3 war nad) der wie immer jehr üppigen 
Mahlzeit, die man gemeinfam in der Villa 
der Konjulin eingenommen hatte Alwin 
laß im Schaufeljtuhl in dem Heinen Winter- 
garten, in leichten Wölfchen die blauen 
Ringe jeiner Sonntagszigarre in Die 
Luft paffend. Ab und zu nahm er einen 
Schlud des guten Mokka zu fich, der neben 
ihm auf dem Zeitungstischchen ferviert war. 
Mias Tüchterchen promenierte zwiſchen der 
Großmama und der Tante im Garten. Fn 
Gedanken verjunfen jahen fie dem Kinde nad). 

Als der Bruder mit feiner Andeutung 
herauskam, zuckte fie in empfindlichen Schred 
zujammen. „Es geht ihm Schlecht ?” fragte 
fie verwirrt. 

Alwin jeufzte leicht. „ES ift genau fo 
gefommen, wie wirs ihm vorhergejagt 
haben. a Auf die Fanfare die Chamade. “ 

„Aber — er leidet dod) nicht etwa — 
Not?” ſtieß Ste aus. 


Paul Ostar Höder: 


Genugtuung drüdte fid) in ihrer Er- 
regung abfolut nicht aus, eher eine Art 
Angſt, die Alwin fast bedenklich vorfam. Er 
lenfte alfo rafd ein. „Das wohl nicht; 
er muß nur wieder mal mit den Geldern 
im Riidjtand bleiben. Daß er da drüben 
niemals Seide fpinnen wird, das geiteht 
jest freilih aud) fdjon Camphoven ein.“ 

Mia war aufgeftanden. Sie hielt, 
ihrem Bruder das Geſicht abwendend, beide 
Hände an die Kehle. Ihr Bruder beobad)- 
tete fie genau, indem er weiter fchaufelte. 

„Du bift doch ein zu feltjamer Menſch, 
Maria. Sicht Du: Deine erjte Empfin- 
dung ift jeßt gleich wieder Mitleid. Aber 
die Weichheit ift hier wirklid) nicht ange- 
bradt. Denfe lieber daran: was wäre 
aus Dir, was ware aus dem Kind gewor- 
den, wenn Du auf feine Hirnverbrannten 
Ideen eingegangen wärſt.“ 

Jedes harte Wort über ihren Mann 
verletzte ſie auch heute noch ebenſo tief, als 
ob es ihr ſelber galt. „Ach, Alwin, ein 
anderer kann es eben nicht mitfühlen. Er 
hat geirrt, hat ſich verirrt — ja, das ſehe 
id) wohl. Aber Teid tut er mir dod) — 
unjagbar. “ | 

„Leid tut er ung allen, Maria Wir 
hatter ohne Ausnahme viel von ihm ge- 
halten, von jeher. Trotzdem er uns dod) 
wahrlih oft und tief genug gefränft hat. 
Uber gerade weil der Erziehungsbeitrag 
gewiſſermaßen eine Chrenjduld ift, ſiehſt 
Du, empfinden wir es doppelt peinlid). 
Das hätte damals einer von uns aud) nur 
anzudeuten wagen follen: daß er al nicder- 
gebrochene Eriftenz fo bald an unjere Groß- 
mut würde appellieren müjjen!“ 

Mia fdludte und wiirgte. Uber Geld 
jprad) jie fo fchon ungern genug. Der 
überlegene, günnerhaft bemitleidende Ton, 
worin fid) Alwin über die Geldverlegenheit 
ihre Mannes ausließ, demütigte ſie. 
Unfiher brachte fie vor: „Das eine ver- 
ſtehſt Du eben auch nicht, Alwin, dag mir 
der Gedanfe eine Dual ijt — er leidet 
vielleiht Not, während ich Hier im liber- 
fluß fige.” 

yom, Du fändeſt es aljo richtiger, 
wenn Vu Vid) mit der Gropmama ent- 
zweit bätteft — fo daß Lttilie min mit 
Mot litte?“ 

Tiefe Vorftellung entwaffnete fie wieder. 
Sie ftüßte den Kopf in die Hand und weinte. 


Dodi. 


Nun legte Alwin die Zigarre weg und 
trat zu ihr. „Jedenfalls beichäftigit Du 
Dic mehr mit ihm, mit feinem Scidjal, 
al3 er fic) um das Deine fiimmert.” 

Sie wandte ſich haftig um; fragend fah 
fie ihn an. 

„Dröſe hat feinen Rechtsanwalt geftern 
einmal Ddireft gejtellt. Camphöven {dict 
dod) die Mitteilungen hinüber, die Dröfe 
alg Mitvormund ihm über Ottilie zugehen 
läßt. Da interejfierte e8 den Juſtizrat, 
mal zu erfahren, ob jein Klient fid) denn 
gelegentlich aud) nad) Dir erkundigt habe...“ 

„Ad, fprid) dod) nicht — Sprich dod 
nicht darüber!“ unterbrad ihn Mia. Dabei 
ftand aber eine faft angjtvolle Spannung 
in ihren Zügen. 

Alwin fah ihr ernft ins Auge. „Er 
hat — jeitdem er Europa verlaffen hat — 
nod mit feiner Silbe nad) Dir gefragt, 
Maria.“ 

Kopfnidend wiederholte Mia: „Mit — 
feiner — Silbe.” | 

„Ra ja, liebes Rind. Sprechen wir 
aljo nicht weiter darüber. Es regt Did) 
bloß auf. Und es fördert nichts. Aber 
id) meine: wenn jemand leidet, wenn je- 
mand fchwer getroffen und gefrdntt, ja, um 
jein Lebensglück betrogen ijt, — dann bijt 
Du's. Du verdienft Mitleid — nicht er.“ 
Bu Bärtlichkeiten felten geftimmt, nahm er 
nun doc ihre Rechte in feine Hand und 
pätjchelte fie. , Hab’ ich nicht recht, Maria ?“ 

„Ich weiß es nicht!” jagte fie. 

Dann meinte fie wieder. 

Mod) nie war ihr der Bruder fo egpi- 
ftifd, fo graufam erichienen wie heute. Es 
lehnte ich etwas in ihr auf gegen feine 
jatte Behaglichkeit. 

Und doch mußte fie fich felbft einge- 
ftehen, daß feine trodene Rechnung ftimmte. 
Wenn fie nun damals ihrem Manne ge- 
folgt wäre — wie jtiinde e8 Heute um 
Dodis Schidjal? 

Aber dann famen die Zweifel wieder: 
wäre fie mit ihm gegangen, dann wäre es 
vielleicht jo jdlimm gar nicht geworden ? 

Vielleicht — vielleicht! 

aya, das blieb nun ewig eine Hypothefe. 

* * 


* 

Das Frühjahr, nachdem die Scheidung 
ausgefprodjen war, verliebte Mia in Kiel. 
Sie hatte die eigene Wohnung aufgegeben, 
den größten Teil ihrer Einrichtung verkauft 


363 


und wohnte mit ihrem ZTöchterchen bei 
Mangelsdorff3, die bei ihrem Umzug eine 
größere Etage nahmen. 

In den langen Trennungen von ihrem 
Kind Hatte fie oft unfagbar unter der Sehn- 
jucht gelitten. Meift überfiel fie Diejes 
Heimmeh plötzlich, leidenſchaftlich aufwüh- 
lend, wie eine Krankheit. Einmal hatte 
fie deswegen fogar die Kur unterbrochen 
und war mitten im jtrengiten Winter — 
e8 war gerade Weihnacht — in der Heimat 
eingetroffen, bloß um Dodi wieder zu jehen, 
fie zu küſſen, ihr in die Augen bliden zu 
fünnen. 

Die Augen hatte Dodi von ihrer Mutter: 
e3 war diejelbe wunderbare Tiefe des Blicks, 
das Unergründlide der großen Pupillen, 
die. manchmal den ganzen Wugapfel einzu- 
nehmen fchienen, nur noch einen jchmalen 
Rand der dunfelblauen Gris übrig ließen. 
Auch ſonſt glich fie äußerlich der Mama. 
ereilid) war fie nicht blond, fondern fajta- 
nienbraun. Aber fie jchien ihre ſchlanke 
Geftalt, den zarten Teint, das weiche Ge- 
fidjt3oval, das feingejchwungene, nervöſe 
Näschen zu erben. 

Frau Olfers felbjt war noch immer 


Ihön. Es war jedoch eine aparte, ftille 
Schönheit. Zu den Blendern gehörte fie 
nidt. Dazu mangelte ihr’s auch meijtens 


an der geeigneten Toilette. Sie Tleidete 
fic) entichieden viel zu alt. Nach dem Tod 
vom Onkel Studiendireftor behielt fie gleich 
die Trauerffeidung bei, wenn auch mit 
Heinen Dtodififationen. Dodi fonnte fich 
nur noch ganz matt entjinnen, ihre Mama 
je anders als in fchwarzer Gewandung ge- 
fehn zu haben. Aber wenn Mutter und 
Tochter fic) einmal auf der Promenade 
bliden liegen — was freilich felten genug 
vorfam — fo drehte fic) mancher Spazier- 
gänger nad) dem intereffanten Paare um. 
Noch immer befaß Mia ihre mädchenhafte 
Erfdeinung; die paar grauen Fäden, die 
fid) Schon feit ihrem 28. Lebensjahr an den 
Scläfen zeigten, verloren jich unauffällig 
in dem eigenartigen Wfdblond ihres vollen 
Haares. 

Die Ahnlichkeit von Mutter und Tochter 
war aber nur eine äußerliche. In allen 
inneren Eigenſchaften, in Temperament und 
Charakterveranlagung, ſchien Dodi das voll- 
kommene Ebenbild ihres Vaters. Sie war 
nervig, raſſig, unruhig, lebenſprühend: es 

24* 


364 


gehörte die unendlide Canftmut ihrer 
Mutter, gepaart mit der Strenge von Onkel 
Alwin und der zähen Ausdauer von Tante 
Lisbeth, dazu, um alle Regungen des eige- 
nen Willens wieder und immer wieder in 
der Kleinen gu erftiden — oder wenig{ten3 
vorübergehend gu bändigen. 

Dodi war ein jeltfames Rind. Tage- 
lang, oft wochenlang war fie ftil und ge- 
duldig, etwas verjchloffen, aber dod) im 
ganzen leicht lenfbar, wenn man fie zu 
fefjeln, zu interejjieren verftand. Manchmal 
aber — fajt unvermittelt, ganz unerwartet 
— fonnte fie fic) über ein Wort der Tante, 
über eine Arbeit, die fie al3 quälende Ge- 
duldsprobe empfand, derart vom Jähzorn 
Hinreißen laſſen, daß fich über ihre Leiden- 
Ichaftliche Wildheit alle geradezu entjebten. 

Natürlich gab es dann Strafen, harte 
Strafen. Die härteſte war die, daß fie, 
wenn alles verbüßt war, demütig im Bei- 
fein der andern abbitten follte. Das brachte 
fie indeffen nie über fic. War fie ſchon 
längjt wieder gefügig gewefen, Hatte fie 
Schon durch verdoppelte Aufmerkſamkeit, durch 
bejonbder8 munteren Eifer ihren vorherigen 
Ungehorjam wieder wettzumachen gejucht: 
gerade Diefe eine Forderung reizte ihren 
Miderfpruchsgeift aufs neue. 

Sie verfuchten e3 aufjede Weife. Schläge 
follte fie nicht mehr befommen, das war 
gegen Onkel Alwins pädagogiichen Grund- 
fat. Man entzog ihr Lieblingsfpeifen, man gab 
ihr Hausarreft, man tat ihrem Schulmäodel- 
ftolz das Schlimmste an: man fchidte ihre 
feinen Freundinnen, die fie befuchen famen, 
wieder weg. Uber auch das Half nichts. 

War ihre Mama daheim, jo fam es 
zu foldjen Szenen nicht. Dodi liebte ihre 
Mutter fo zärtlich, ja leidenſchaftlich, daß 
jie, fdjon um ihr den Kummer zu erfparen 
(und wohl auc) die Vorwürfe, die ihre 
Mama jonft ihretwegen befam), fic) zu man- 
cherlei beziwang. Mia hielt ihr Tüchterchen 
daher für ein durchaus folgjames Kind, fie 
wunderte fi) darüber, daß während ihrer 
Abweſenheit jtet3 fo viel zu lagen war. 

„Siehft Du, Maria,” fagte Clijabeth, 
„das ift eben ein bejonders haglider Bug 
von Ottilie, daß jie fic) Dann immer zu- 
jammennimmet, um in Deinen Augen nidt 
zu verlieren und lieb Kind zu bleiben. Es 
ipriht fid) darin ein berechnender Charakter 
aus. Sch laſſe mir’! nicht nehmen: es ift 


Raul Ostar Höder: 


ein schlechter Snftinft in dem Rind. Dafür 
fannjt Du nichts, arme Maria. E3 ift ein 
Erbteil.” 

AU das zerrte an Mias Herzen. Sie 
war jo hilflos, körperlich fo matt, feclijd 
jo wund — und das Rind war dod) das 
einzige, was ihren Lebensinhalt ausmachte. 

Geit ihrem letzten Kommen verband fie 
insgeheim auch etwas mit ihrem Töchterchen, 
wovon die andern vorläufig nocd) nichts 
ahnten. 

Einmal, als fie fic) Löfchblätter für 
ihre Schulhefte fuchen follte, fand Dodi in 
Mutter Schreibtiih ein Bild von Vater- 
chen. (Sn der Mangelsdorffihen Wohnung 
exijtierte natürlich fein Porträt von ibm, 
jein Name war in diejen Räumen — twee 
nigitend vor Dodi — auch nie wieder ge- 
nannt worden.) 

Zunächſt war e3 eine Art Schred, was 
jih ihrer bemäcdhtigte. Mit großen, furdht- 
jamen Augen ſah fie um ſich. Ihre Mama 
weilte im Wugenbli€ nicht daheim, ihrer 
bedngftigenden Blutarmut wegen wurden 
ihr alle möglichen Kuren verordnet, augen- 
blidlid) war e3 eine Molfenfur, die jte alle 
Tage zweimal aus dem Haus führte. Un- 
liher langte Dodi nad) dem Bild, wie einen 
Raub nahm fies dann an fic. Sie hatte 
e3 fofort wiedererfannt. Es jtammte aus 
dem Sommer, den fie in Misdroy zugebracht 
hatten. Väterchen trug darauf einen hellen 
Strandanzug und einen Hellen Hut. Dodi 
entjann fic), wie fie damals alle darüber 
gelacht hatten: Bäterchens dunfler Teint, fein 
braune? Haar und fein dunkler, martia- 
liſcher Schnurrbart ſtachen fo jcharf von 
der Hellen Farbe feiner Kleidung ab, Mutti 
hatte fogar gejagt, er fehe auf dem Bilde 
jo jchwarz aus wie ein Mohr. Inzwiſchen 
war die Photographie etivas verblaßt. Dodi 
betrachtete fie ganz verfunfen. Die Augen 
da auf dem Bildchen waren fo luftig und 
übermütig, der Mund war jo |prechend — 
e8 war ihr fogleid), als ob fie Väterchen 
wieder Laden hörte. 

Eine jelige, jelige Kindheitserinnerung 
jtieg in thr auf — und doch war ihr dabei 
namenlos bange. 

Ad — gelacht, jo wirklich herzlich ge- 
lat, wie Väterchen e3 fonnte, hatte hier 
im Haufe in der ganzen, langen, böjen, 
trüben Beit niemand! 


Ein Rud ging plöplich durch ihren 


Dodi. 


Körper — fie fuhr derart zufammen, daß 
fie ein Bittern in den Knieen fühlte — 
denn die Zimmertür öffnete fick), ohne daß 
fie Schritte gehört hatte, und ihre Mutter 
trat ein. 

Mia hatte Hut und Paletot noch nicht 
abgelegt. WIS fie die Kleine am Fenjter 
jah und ihre bleiche, erjchrodene Miene 
gewahrte, fam fie zügernd näher. „Was 
haft Du denn, Ottilie?” fragte fie, als fie 
den geöffneten Schreibtijdfajten und die 
Löſchblätter bemerkte. 

Da das Kind nicht antwortete, auch 
nicht wie fonft ihr entgegenjprang, um fie 
zu begrüßen, fam eine Ahnung über fie. 
Unſicher und haftig durchwühlte fie die Lade. 
As fie die Photographie vermißte, jah fie 
fih unruhig nad) Dodi um. 

Sofort ftürmte das Kind auf fie zu — 
ganz atemlos vor Erregung — und drüdte 
ihr das Bild in die Hand. 

Mia ang fie an fic) und Füßte fie hajtig 
auf beide Augen. Wllein ihr früher bei 
jeder Gelegenheit fo reichlich fließender 
Tränenftrom war wie verjiegt. Sie weinte 
aud) in diejem fchmerzlichen Augenblid nicht 
— Dodi zum Troft, die im Nu an das 
Ichredliche Wort der Tante von dem ſcharfen 
Meffer hatte denfen müfjen, die darum bor 
dem Weinen der Mutter ordentlich zitterte. 

Mia nahm ihr Töchterdhen auf den 
Schoß — es war inzwilchen ſchon ein 
großes Mädel geworden, die Kinderrundheit 
der Glieder, das Poffierlide, Babyhafte, 
das fie nocd im erſten Schuljahr gehabt 
hatte, war längft dahin — und fo jaßen 
fie eine Weile vor dem Schreibtifch eng 
aneinander gefdmiegt, Wange an Wange. 

Sie fiiften einander nicht — es fagte 
aud) feines ein Wort. 

Uber das Bild von Vaterden lag auf 
der Schreibtifchplatte vor ihnen. 

Da Tante Lisbeth das Heimfommen 
der Schwägerin gehört Hatte, fih aud 
darüber munderte, daß die Kleine ihre 
Sculaufgaben fo lange unterbrad), rief fie 
im Rorridor nad ihnen beiden. 

Im erjten Moment zudten fie beide 
gufammen. Aber Mia legte dann keinerlei 
Haft an den Tag — und dabei beruhigte 
ſich auch Dodi wieder. 

Lautlos ließ Mia ihr Töchterchen zu 
Boden, legte das Bildchen in den Kaften, 
ſchloß ab, gab Dodi die Lijdjblatter, darauf 


365 


gingen fie zur Tür. Dodi Hatte bei ihr 
eingehängt, lehnte ihren Kopf an ihren Arm 
und fiigte fie verftohlen auf den Urmel. 

Am Ausgang zögerte Mia. Ein dunkles 
Neuegefühl, defjen fie fid) doch auch wieder 
Ihämte, fämpfte in ihr. 

Sie beugte fic) auf Dodis Kopf, küßte 
fie ins Haar, hielt ihr Geficht aber fo von 
ih abgewandt, daß das Kind fie nicht an- 
jehen fonnte, und jagte leife: „Aber nichts 
vor den andern jagen, Dodi!“ 

Heute hatte fie zum erjtenmal wieder 
wie Väterchen „Dodi“ gefagt. Sonjt nannte 
fie fie wie alle andern „Dttilie”. 

Dodi nidte Stumm. 

Bon da an beitand eine Art Bündnis 
zwiſchen ihnen. 
* £ * 

Es jollte aber nicht von langer Dauer 
jein. Dodi war dod) noch zu Hein, um 
ein Geheimnis bei fich behalten zu können. 
AS man fie zu Oftern photographieren ließ 
— eine Überrafhung für den 73. Geburt3- 
tag von Großmama Kaupiſch — ward über 
ihre legte Aufnahme in Misdroy gefprochen. 
Dabei entfuhr ihr irgendeine unvorfichtige 
Bemerkung über Vaterdens Bild, eine Be- 
merfung, der Tante Lisbeth hernach, als 
fie allein waren, weiter nachforſchte. 

Am felben Abend fam e8 dann zu einent 
langen, erregten, faft geheimnisvollen Ge- 
jprad) zwijchen ihren Angehörigen. 

Dodis Stübchen lag nicht neben dem 
Schlafzimmer ihrer Mutter, die der Siid- 
fonne wegen das Balfonzimmer befommen 
hatte, fondern neben dem Speijezimmer. 
Die Tür von diefem zur Studierftube von 
Onfel Alwin, worin fi) die Familie nad) 
dem Abendbrot metjtens aufhielt, blieb ge- 
wöhnlid offen. Cin paar lautere Sage, 
die Onkel Alwin ſprach, — er bejaß, wenn 
er erregt ward, eine kurze, trodene, dabei 
offiziersmäßig fcharfe Prononzierung — 
wecten Dodi, die jdon im Halbichlaf ge- 
legen hatte. Sie ermunterte fich, denn fie 
vernahm ihren Namen. 

Aber man Hatte wohl Schon gemerkt, 
daß fie fic) rithrte. Raſche, leije Schritte 
näherten fic) — es laujdte jemand ein 
paar Gefunden lang an ihrer Tür — dann 
entfernten fie jich wieder, und die Tür vom 
Nebenzimmer zur Studierftube wurde zu— 
gemad)t. 

Wenige Tage Später — gleich nad) 


366 


Gropmamas Geburtstag — reijte Dodis 
Mutter wieder nach AleranderSbad zu einer 
ſechswöchentlichen Kur. Sie jollte dort die 
Eiſen- und Stahlquelle benugen, um thre 
Blutarmut zu beheben, deren Begleiterjchei- 
nungen — hauptjächlich die oft wochenlang 
anhaltenden Kopfichmerzen — immer un- 
erträgficher wurden. Der Arzt meinte, fie 
müßte jid) befjer und reichlicher bekiftigen. 
Mangelsdorffs boten alles auf, was in ihren 
Kräften ftand, fie forgten auch für fünftliche 
blutbildende Mittel, wie Somatoje und 
Hämatogen. Aber bei den Mahlzeiten 
mußte fie geradezu genötigt werden. Cie 
hätte feinen Appetit, jagte fie dann gewöhn— 
lich, jeder Biljen bliebe ihr im Halſe jteden. 
Alwin blidte oft recht finfter drein. Er 
wußte: fie aß nur deshalb nicht, weil fie 
ih vorftellte, ihr gefdjiedener Gatte litte 
vielleicht Not! 

Dodi hatte eine unbeftimmte Ahnung, 
daß an jenem Abend die Sache mit Bäter- 
chen Bild zur Sprache gefommen fein müßte. 
Die erjten Tage nach Mutterd Wbreije ftand 
jie unter einem bangen Drud. Onfel und 
Tante waren bei Tijd) nod erniter als 
jonjt. Immer fiirdtete fre, nun würde fie 
zur Rede geftellt werden. Die Heimlichfeit 
mit ihrer Mama erichien ihr jchon wie ein 
Berbrehen. Daß ihr ganz allein die Schuld 
an Muttis neuer Erkrankung und breije 
beigemefjen werden würde, das jtand bei 
ihr ſchon feft. 

Eines Nadymittags, als fie mit „Bampa, 
der Negerbraut,“ über den Korridor ging — 
jie wollte fich von der Tante Zeug ausbitten, 
um der jtarf ramponierten Puppe ein neues 
Mäntelchen zu nähen — rief Onfel Alwin, 
der ihre Echritte hörte, aus feinem Zimmer 
nad) ihr. Da der Onkel die Puppe nicht 
leiden konnte, wollte fie fie erjt noch raid) 
fortbringen, dod) da ward Schon ein zweites 
Mal und etwas ungeduldiger nad ihr ge- 
rufen. Alſo trat fie flugs ein. 

Ontel Alvin ſaß am Schreibtiih und 
nidte ihr flüchtig zu, fchrieb aber noc) eine 
Beitlang weiter. 

Nlöplih legte er die Feder hin und 
Itand auf. 

„ottilie, id) habe gehört, daß Tu neue 
lid) im Bimmer Deiner Mama herum- 
geframt und dabei ein altes Bild gefunden 
haft, das Deinen Vater vorjtellt. till, 
verteidige Dich nicht, ich) weiß alles, und 


- geworden. 


Raul Oskar Höder: 


widerjprechen follft Du überhaupt nicht, das 
ziemt fich nicht für ein mohlerzogenes Mäd— 
hen. Es ift Dir befohlen worden, Du 
jolljt zu Deiner Mutter mit feinem Wort 
über Deinen Vater |prechen, vor allem follteit 
Du niemals jagen, Du möchteſt von hier 
fort und zu ihm, oder er jollte herfommen. 
Tante Clijabeth hat Dir erklärt, weshalb 
das bisher unmöglih war. Dein Vater 
hat fid) von Deiner Mutter getrennt, weil 
er allein fein wollte, weil Deine Mutter 
und Du, weil die gute Großmama und wir 
alle ifm läftig waren. Er ift darum aus- 
gewandert. Nah Afrifa — aljo einem 
andern Crbdteile. Du fennft die fünf Erd- 
teile, nit wahr? ... Nun, Ottilie, aber 
trobdem Tante Clijabeth Dir’3 fo ftrenge 
verboten bat, haft Du neulich doch wieder 
davon angefangen — two Du das Bild 
gejehen haft. Still, fein Wort. Du halt 
ed nicht jo jchlimm gemeint, das weiß id). 
Aber Deine Mutter ijt davon wieder krank 
Schwer frank.” 

Er jeufzte und nahm feinen RKneifer 
ab, um ihn mit dem Sue blank zu reiben. 
Dabei jah er, die ohne das Glas ziemlid) 
trüben Augen zujammenpreffend, jie Scharf an. 

„Jetzt bat fich das alles aber ein für 
allemal geändert, Ottilie,“ fuhr er fort. 
„Dein Bater ijt tot. Berftehe mich ganz 
genau, Ottilie: Du Haft feinen Vater mehr. 
Drum ſollſt Du von nun an aud) zu an- 
dern — in der Schule oder fonft — wenn 
fie Did) nad) Deinem Vater fragen, immer 
antworten: ‚Mein Water tft tot!’ Halt 
Du mid) verftanden, Ottilie?” 

Das Kind war fo eingefchüchtert, dab 
e3 nicht3 zu erwidern wagte . 

„sh frage Did, Ottilie, ob Du ver- 
Itanden haft, was id) Dir gejagt habe?” 

Sie ſchluckte und nidte heftig. 

„Antworte mir, Dttilie.“ 

„a,“ hauchte Dodi, zitternd vor Angſt, 
„mein Vater ift tot.“ 

Onfel Alvin war ans Fenjter getreten. 
Er feßte den Kneifer wieder auf und wandte 
fid) nad) dem Kinde um. eine Miene 
war noch immer ernjt und ftreng, aber fein 
Ton flang etwas verſöhnlicher, als er fort- 
fuhr: „Es hat nun aljo gar feinen Zweck 
mehr, Ottilie, Deiner Mutter künftighin noch 
immer in den Ohren zu liegen, ihr ivgend- 
wie das Herz ſchwer zu machen. Nicht 
wahr, das fiehft Du doch ein? Du mußt 


Todt. 


im Gegenteil tun, was in Deinen Kräften 
{teht, damit aud) Deine arme Mama mög- 
lihit bald alles vergipt. Willit Du mir 
das veripredjen, Ottilie?“ 

Wiederum nidte jie. 

„Du ſollſt immer laut antworten, Ot- 
tilie. Alſo anttworte. “ 

Sie jdlucte nocd) einmal. Dann prepte 
jie mühſam Hervor: „Sa — Waterden — 
ijt tot!“ 

Gleich darauf brad) fie in ein bitter- 
liches Weinen aus, preßte ihr Geficht gegen 
die Ruppe und warf fid) mit dem Ellbogen 
gegen den QTürpfoften. So fchmerzlid) 
ichluchzte fie, daß ,, Pampa, die Negerbraut“, 
der eines der Glasaugen längit fehlte, Die 
zudende Bewegung, die durch den ſchlanken 
Körper ihrer kleinen Puppenmutter ging, 
mitmachte. 

Dr. Mangelsdorff hatte ſich mit der 
ganzen männlichen Entjichlofjenheit aus— 
gerüstet gehabt, um mit dicjem furzen, ent- 
Scheidenden Schlag dem „ewigen Hinziehen“, 
der „behutjamen, jentimentalen Letjetreteret”, 
die ihm ein Greuel war und die ihm un- 
gejunder und peinigender für alle Teile 
erihien, ein Ende zu machen. Auf einen 
derartigen Bujammenbrud) der Kleinen war 
er aber dod) nicht gefaßt gewejen. Und es 
meldete fic) in ihm felbft eine ftarfe Rüh— 
rung. So findlich die Boje der Kleinen 
war — Die die Puppe umflammerte, in 
deren Schoß fie ihren Kummer ausweinte 
— ihre Erfchütterung war dod) viel, viel 
größer, als er vorausgeſetzt Hatte. Sie fchien 
eben zu begreifen, daß fi) mit dieſem 
Augenblid etwas in ihrem Leben wandelte. 
So hoffnungsleer, fo bitterlich, jo zerichlagen 
Hang diejes Schluchzen. 

Onkel Alwin fämpfte mit id. Er 
fonnte das Weinen fchließli nicht mehr 
aushalten. Wieder nahm er den Kneifer 
ab und pubte nervös daran herum. Die 
Schwäche, die ihn überwältigen wollte, er- 
ftidte er durch den feiten Gedanfen: er 
erfüllte eine Schwere Mtijfion, die zum Segen 
feiner armen Gchwefter, zu ihrem Seclen- 
frieden und aud) zum Heile des Kindes 
felbjt dringend erforderlic) war. 

„Wir wupten, daß Du jehr traurig 
darüber jein wiirdejt, Ottilie,“ ſagte er 
etwas weicher. „Uber ich Hoffe, dap Did 
Diefes Ereignis nur nod mehr als bisher 
zu uns führen wird. Yd) meine, daß Du 


367 


Dir Mühe geben wirſt, ung allen ein liebes, 
gehorjames Kind zu jein. Nicht wahr, dus 
wirft Du, Dttilie? Denn außer Deiner 
Mutter halt Du von mun an niemand mehr 
alg und. Und Du weißt dod aud, wie 
gut wir’3 mit Dir meinen, wie ?“ 

Er konnte reden, joviel er wollte, da3 
Kind hörte gar nidt. Schließlich tajtete 
Dodi, ohne die Puppe von ihrem Geficht 
zu laffen, nad) der Rocktaſche, die fie aber 
niht fand, darauf nad) der Türklinke. 
Schluchzend ſchob fie fid) Hinaus. 

Die Köchin Stand im Korridor und 
fragte, was ihr denn wäre. Sie wollte fie 
mit jich in die Küche nehmen und ihr irgend 
etwas geben, um jie zu bejchwichtigen, denn 
jie wußte, daß der Herr Doktor das Weinen 
de3 Kindes nicht vertrug. 

Aber Dodi machte jih los und Tief in 
ihr Schlafzimmerchen. 

An , Pampas” Wiege blieb fie stehen, 
ftrid) — jebt mehr wimmernd al3 jchluchzend 
— über das Nödchen der Puppe, das ihre 
Tränen benegt hatten, legte die einäugige 
fleine Negerin in die Kiffen und fanf dabei 
nieder, den Kopf auf die Dede des Puppen- 
bettchens prefjend. 

Sp fauerte fie lange neben der Ichten 
jihtbaren Erinnerung, die ihr an Vaterden 
geblieben war, wie an einem Kleinen Grab- 
hügel. 

Nach Ddiejer Stunde rührte fie feine 
Puppe mehr an. 

Shr Kindertraum war ausgeträumtt. 


Giebentes Kapitel. 

Erſt im Sommer, als fie aus dem Bad 
zurüdfehrte, erfuhr Mia, dab Alwin ihrem 
Gatten, der in der mweiten Welt da draußen 
noch immer in barter Arbeit um feine 
Eriftenz rang, im Herzen ihres Kindes ein 
vorzeitiges Grab bereitet hatte. 

Es fam zu einer lebten verzweiflungs- 
vollen Gegenwehr. Aber e8 war doch nur 
nod) ein Aufzuden. Sie fah fich einer 
geichloffenen Phalanz gegenüber — famt- 
fihe Angehörigen billigen es, daß ihr 
Bruder fid) zu dem jchweren Schritt ent- 
ihhlojien hatte — und vor dem Kinde den 
Bruder Lügen zu trafen, das war dod) 
auch nicht angängig. 

Man juchte fie zu tröjten: fpater ein- 
mal, wenn Lttilie verjtändig genug wäre, 
vielleiht nad) ihrer Konfirmation, könnte 


368 


man ihr ja ruhig die Wahrheit jagen, dann 
würde fie auch gewiß einfeben, daß alles, 
was in Diejer traurigen Angelegenheit ge- 
ichehen war, nur zu ihrem eigenen Bejten 
hätte dienen jollen. Wie die Dinge heute 
ftanden, war e3 jedenfalls beffer, fie glaubte, 
überhaupt feinen Vater mehr zu befigen, 
al3 daß man ihr die betrüblichen Nad)- 
richten hätte geben miiffen, die über ihn 
einliefen. 

Die Ichten drei Vierteljahrsraten waren 
jo minimal ausgefallen, daß man — ehr- 
lide Rednung vorausgejept — jederzeit 
auf einen völligen Zujammenbrud des Unter- 
nehmens gefaßt fein mußte. 

Wollte Mia ein Wort des Bedauerns 
oder des Mitleids äußern, dann hielt man 
ihr immer wieder vor, daß fein unverzeih- 
lider Hochmut, fein Starrjinn weder Be- 
dauern noch Mitleid verdienten. Sie hätte 
unter feinen Umſtänden damals anders 
handeln dürfen: die Tatjachen gäben ihr 
jest ja vollauf recht. Denn wie hätte er 
eine ganze Familie in dem teuren Lande 
erhalten finnen, wo er die Erziehungs- 
beiträge für fein einziges Rind nur fo müh- 
jelig gujammenbradte? Nein, nein, er 
erntete nur, was er gefat hatte: das Scid- 
jal vergalt ihm all das bittere Leid, das 
er jeinem armen Weibe angetan hatte. 

Mia fügte fic) alfo jchlieglich matt und 
verzagt, wenn aud blutenden Herzens, 
darein, daß ihrem Kind der Vater für 
tot galt. 

E3 gingen dann oftmals Wochen ins 
Land, ohne daß jein Name zwischen ihr und 
den Verwandten aud) nur erwähnt ward. 

Und aud) darin entwidelte fich mit der 
Reit ein eigenartige Berhältnis: während 
früher der Takt ihre Angehörigen zurüd- 
gehalten Hatte, über Olfers zu ſprechen — 
jo war e3 jetzt Mia felbft, die den Namen 
ihres Gatten nit mehr auszusprechen 
wagte, als ob ſie's gefliifentlich vermeiden 
müßte, um die anderen nicht zu Fränfen. 

Gejdah e3 dod) einmal, daß fie mit 
einer flüchtigen Wendung daran  jtreifte, 
dann ſah fie ſich jogleid) ſcheu und wie 
ſchuldbewußt um. 

Großmama Kaupiſchs Gefinming gegen 
den trogigen, unbotmäßigen Schwiegerenfel 
ward im Verlauf der Kahre eher nod) 
feindfeliger; bei ihr wirfte die Beit in feiner 
Weiſe lindernd. 


Raul Oskar Höder: 


Daß es mehr als Abneigung, daß ef 
geradezu Haß gewejen war, was die alte 
Dame bis zu ihrem Tode gegen Mar Ol- 
fers erfüllt hatte, das ergab ſich bei der 
Tejtamentseröffnung: fie hatte durd) alle 
möglichen Klauſeln, von denen die Bere 
fügung über ihre Rapitalien abhängig ge- 
madt ward, auc) übers Grab hinaus dafür 
geforgt, daß eine Wiederannäherung des 
gejchiedenen Paares ausgejchlofjen blieb, ja, 
jogar Ottilie ging ihres Erbteils verluftig, 
wenn fie — wie das Teftament ſich aus- 
dritdte — „die häusliche Gemeinjchaft mit 
dem gejchiedenen Gatten ihrer Mutter wie— 
der aufnehmen ſollte“. 

Die Konfulin wurde zu Grabe getragen, 
alg Dodi elfeinhalb Fahre zählte. 

Eine tiefere Beeinfluffung ihres Lebens 
Ihuf der Hintritt der alten Dame nicht. 
Nur die Sonntage erhielten eine Zeitlang 
eine andere Wendung: man verbrachte fie 
das eine Mal bei Mangelsdorff2, das an- 
dere Mal beim Juſtizrat. 

Ein Jahr nad) dem Tode der Grof- 
mama verjammelte man fic) dann aber 
dod) wieder regelmäßig in ihrer Billa 
draußen an der Diijternbroofer Allee. Da 
jih fein Käufer des großen Grundſtücks 
nad) dem Ginn der Erben gefunden hatte, 
jo entjchloß fic) der Juſtizrat dazu, das 
ihm lieb gewordene Haus in Pacht zu 
nehmen. Jeden Sonntag fand aljo bei ihm 
Das gemeinjame Samilienefjen ftatt, zu dem 
nod) ein altes Fräulein Dröfe, eine Coujine 
des Juſtizrats, und ein mit Clijabeth ver- 
wandtes junges Ehepaar, Amtsrichter Noel» 
defe und Frau, zugezogen wurden. 

Bisher war Dodi das einzige Kind in 
der ganzen Verwandt}daft gewejen. Das 
änderte ih nun. Amtsrichters tauften in 
den erjten vier Yahren ihrer Ehe dreimal 
— und nad) mehr als zwölfjähriger Rinder- 
lofigfeit ftellte fi) auch) bei Mangelsdorffs 
ein Erbe ein. 

Der Jubel im Haufe war groß. Man 
bejtaunte den zarten, ſchwächlichen, Fleinen 
Weltbiirger wie ein Wunder. Die Aller- 
glücklichſſe war vielleicht Dodi, die jebt 
endlic) über die Cinfamfeit daheim Hin- 
wegkam. 

Aber der kleine Felix ſchuf eine völlige 
Umwälzung in der bisherigen Bewertung 
der Familienmitglieder. Das merkte Dodi 
bald, ſehr bald: da ſie überall im Wege 


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Der Stallhof zu Dresden. Farbige Zeichnung von Prof. Gotthard Kuebhl-Dresden. 


Dodi. 


war, da fie auch ihr Zimmerchen hergeben 
mußte, das der Amme und dem fFleinen 
Better eingeräumt ward, kurz, da der faum 
mehr erwartete, von jeiner Mutter vergüt- 
terte Spätling nad) jeder Richtung Hin die 
Hauptperfon im Haufe ward. 

Uncigenniigig, anjpruch3los und gefällig, 
wie Mia war, nahm fie an der Huldigung 
für den verzögerten Crben des Haufes 
Mangelsdorff tätigen Anteil. Die Schwä— 
gerin bejtellte Stidereien für das Trage- 
fijjen bei ihr, eine Wiegendede uſw.; auch 
das jpigenreiche Taufkleidchen fam aus Mias 
geichidten Händen. Es gab da bejonders 
mübhjame, aber äußerjt funjtvolle Stiche und 
Mufter, worin Mia Meifterin war. „Tante 
Maria” hieß fie neuerdings. Daß fie für 
ihr eigenes Kind früher niemals folchen 
Lurus hatte treiben dürfen, darüber dachte 
jie jest nicht nad. Es wäre ihr fleinlicd 
vorgefommen. 

Neid oder Eiferfuht kannte aud) Dodi 
nidt. Dazu war ihr der fleine Vetter 
jelbft viel zu lieb — wenn freilich fie ifm 
nur jelten nahe fommen durfte, da die ganze 
Familie ihn wie ein Heiligtum hütete, ihn 
befonders vor ihrer „Wildheit“ fchügen zu 
müjjen glaubte. Aber da fie aud) an ihm 
den erjehnten Spielgefährten nicht befam, 
fühlte jie fich bald noch einjamer als zuvor. 

Der Umstand, daß fie nicht mehr im 
Mittelpunkt des Intereſſes ftand, hatte in- 
dDeffen das eine Gute für fie, daß fie aud 
nicht mehr der Gegenjtand fo ftrenger Auf- 
ſicht war. | 

Das bißchen Freiheit, das man ihr 
ließ, fonnte fie am ungebundenften in den 
Sommerferien genießen, die man nun ziem- 
lid) regelmäßig in Büſum verbradte. Es 
war Dies ein fchmudes Fiſcherdorf mit 
grünem Strand, hohem, grünem Deich 
und vielen Objtgdrten am holjteinischen 
Wattenmeer. 

Dodi teilte mit ihrer Mama das Zim- 
mer im Hotel. Die beiden Stuben, die 
Mangelsdorffs mit Felix und der Bonne 
innehatten, twaren Durch das gemcinjame 
Wohnzimmer davon getrennt. 

So fonnte fie — wenigſtens wahrend 
des Nacmittagsichläfchens, dem fid) alle 
Samilienmitglieder mit großer Andacht hin- 
gaben — meift unbemerft von Hauje fort» 
foutmen. 

Das Seebad bot ihr jonft nicht allzue 


369 


viel. Bum Raltbaden hatte fic) zwar der 
Onkel für feine Perfon auf ärztliches Ge- 
heiß befehrt, für die übrige Familie ver- 
blieb’3 bei den drei warmen Ecebädern per 
Woche VWormittags mußte Dodi zwei 
Stunden fang CEnglifd, Geographie und 
Nechnen repetieren, nad) dem Nachmittags- 
faffee jaß man in den Strandfirben und 
häfelte oder ftidte um die Wette, während 
Onkel Alwin vorlas und der Heine Felix 
in dem Sandhaufen, den man auf den 
grün bewachſenen Strand Hatte fchaffen 
laffen, mit Holzformen fpielte. Der Junge 
war dad Mufter eines artigen Kindes und 
ward der ungeduldigen Ottilie Häufig als 
leuchtendes Beifpiel vorgeführt, weil fie oft 
jo ganz zwecklos aufjprang oder den Faden 
ihrer Hafelet verwirrte, wenn fie mit ihren 
bligenden Wugen einem Trupp anderer 
Mädchen folgte, die zum Tennis gingen, 
oder wenn fie mit heißen Wangen einer 
Schulfreundin nachſah, die am Strande auf 
einem Zweirad fpazieren fuhr. 

Yn der frühen Nachmittagsſtunde, über 
die allein fie verfügen konnte, war e3 im 
ganzen Ort ziemlich ftill. Auch ihre Schul- 
freundin zeigte fih dann nicht am Strand, 
weil in deren Hotel eine andere Eſſenszeit 
üblich war. 

Vom Deich aus gefehen, der den Garten 
vom Strande trennte, jchien das Wafer, 
wenn Blut war, fajt weiß in dem blenden- 
den Sonnenliht, auch der Himmel wirkte 
in. der unbarmberzigen Mittagsglut wie 
ausgebrannt. Man hatte Mühe, die Augen 
offen zu Halten. Faſt noch blendender war’s 
zur Ebbezeit. Dann 340g fid) eine Halbe 
Meile weit der fchiefergraue, von gleic)- 
mäßigen Millen, in denen Pfüben ftanden, 
geitreifte Wattenboden bis zur Flut Hin. 
Milliarden von Kleinen Sonnenrefleren tanz- 
ten auf den feuchten Bahnen. 

Es bildete ein Hauptvergniigen der 
Badegäfte, bloßfüßig auf dem moorigen 
Meeresgrund, joweit er frei lag, fpagieren 
zu gehen. Die Kinder fammelten Mufcheln, 
Rrabben und Tajdhenfrebje, oder wwateten, 
wenn die Flut langjam näher fam, in den 
erjter, jchmalen Gerinfeln, die das Meer 
vorausſchickte, patjchend und den weißen 
Giſcht aufpeitfchend, herum. 

Dodi hatte fi) nie daran beteiligen 
dürfen. Es gab dagegen in gejundheitlicher 
und auch moralijder Hinjicht mancherlei 


370 Raul Ostar Hider: 


einzuwenden; überdies fonnten dic Kleider 
naß werden. Sie follte aud) nad Tijd 
nicht etiva an den Strand. Aber es zwang 
fie doch immer Hin, um den Kindern bei 
ihren ausgelajjenen Spielen zuzujchen. Was 
hätte fie auch jonjt mit der freien Beit 
anfangen follen? Sid an die Turngeräte 
im Garten zu machen, war ihr ein für 
allemal jtreng verboten — Altersgenoſſen 
gab e3 nicht im Hotel. 

Da fie erjt furz vor vier Uhr zur Stelle 
fein mußte, wo fic) die wohlausgeſchlafene 
Familie mit dem weißgekleideten Felir im 
Glaspavillon zufammenfand, um den Kaffee 
zu trinken, jo wagte fie mit der Zeit aud 
größere Spaziergänge. 

Ihr Lieblingsweg war der zu dem 
Heinen Hafen, in dem eine ganze Slotte 
von langen, fajtenformigen Rrabbenbooten 
vor Anfer lag. 

Hier ging es meijtens ziemlich lebhaft 
zu. Bejonders lenkte ihre Aufmerkſamkeit 
eine Gruppe von Jungen auf fich, die bei 
Flut, fofern man ruhigen Landwind hatte, 
im Boot hinausruderten, bei Ebbe aber 
barfiipig auf den Fiſcherbooten herumklet— 
terten und bet ihren wilden Spielen — 
da3 amüjantejte und lebhafteſte war „Sec- 
räuber“ — gelegentlid) aud) ein Stockwerk 
tief auf die weichen Watten hinunterjpran- 
gen. Den Anzügen befam das nicht immer 
vorzüglih — aber die Stimmung war 
äußerſt fidel. 

Die Gejellichaft fete fic) bunt gemijcht 
aus Söhnen von Cinheimijden und Bade- 
yajten gufammen. Zwei der Jungen kannte 
jie aus Kiel, es waren Rloener Kadetten, 
deren Vater Marineoffizier war. Als ihr 
Groppapa noch (ebte, der Studiendireftor, 
waren fie einmal bei der Gropmama zum 
Kaffee eingeladen gewejen. Sie entjann 
ih der enormen Ruchenmengen, die die 
beiden Jungen damals vertilgt und wie fie 
Das ganze Haus auf den Kopf gejtellt Hatten. 
Ans ihr Hatten fie jich nicht viel gemacht, 
erften3, weil fie ein Mädchen war, und 
zweitens, weil fie feine Briefmarfen hatte. 
Sie erfannten fie jest aud gar nicht. 
Dabei merkte Dodi aber dod, dap fie oft 
neugierig zu ihr herüberjahen und vicles, 
was jie jagten, mur deshalb jagten, weil 
jie'g hörte. Wor allem Tprachen die beiden 
Kadetten immer um eine Inance Jchneidiger, 
der ältere von ihnen ſogar etwas näſelnd. 


Um fo natiirlidjer und freier gaben fid 
die anderen. Bejonder3 der eine gefiel ihr, 
der immer der Anführer der Seeräuber 
war. Er mochte gleichaltrig mit dem ältern 
der beiden Ploener jein, war aber größer 
und breitjchultriger als feine Kameraden. 
Zweifellos war er der jtärkite — denn dic 
Überfälle endigten regelmäßig mit einem 
vollen Sieg der Piratenpartei. Er hatte 
hellblondes Haar und feltjam Helle, fait 
wafjerhelle, aber doch fehr Tebhafte und 
ausdrudsvolle Augen. 

Einmal unterlag feine Partei (der Kleine 
Berliner mit der Brille, den er bei der 
Wahl abbefommen Hatte, trug die Schuld 
daran), ſämtliche Seeräuber tourden über- 
wältigt, gefeffelt und unter fcharfer Be- 
wadjung auf der Deidjbdjdung beim Leudt- 
turm gefangen gehalten. Einzig und allein 
Peter Proſchwitz, der Häuptling, wehrte jich 
nod) feiner Haut. 

Zu fünf rüdten fie gegen ihn an — 
er ward mit ihnen trogdem fertig. Als 
Dann neue Verjtärfung vom Wadfommando 
anviidte, mußte er freilich Ferfengeld geben. 
Uber e3 ward eine aufregende Flucht daraus. 
Dodi ftieg im Eifer fogar auf die Bank, 
um den Kampf, der jenjeit des großen 
Krabbenfahns geführt wurde, in allen feinen 
Phaſen zu verfolgen. 

Die Slut war fdjon da und hob die 
ssiicherboote, die bisher unbemwealid im 
Hafenichlamm gelegen hatten. Der Atem 
des Meeres bradjte den fräftigen Hauch 
von Tang und Teer und Krabben zum Land 
herüber. Wuch eine leichte Brije fete ein, 
unter deren Drud der fleine Maſtenwald 
im Hafen zu fnarren und zu ächzen be- 
gann. Auf den Teicht fic) fchaufelnden 
Booten ging die Verfolgungsjagd über 
Bänke und Kajütendächer, über Kilten, dann 
über Gaffer, die ins Nollen gerieten, wobei 
der jüngere der Kadetten Hinfiel und ſich 
die Naſe aufichlug, fo daß das Blut fame. 
Ein joldye3 Ereignis hätte jonft im wildeften 
Getiimmel einen Waffenjtiliftand der ftrei- 
tenden Barteien hervorgerufen — bei dem 
heutigen Gemetzel war der Ehrgeiz zu ftarf 
engagiert. 

Todi empfand die ganze Aufregung der 
abenteuerlichen Flucht mit. Peter Proſch— 
wig fletterte aber auch wie ein Eichhörnchen. 

„Hurra, Peter Proſchwitz!“ jchrien die 
Seerauber am Strande, die nur auf Ehren— 


Todi. 


wort freigegeben worden waren und fid 
ihrem alten Häuptling vor der Entjcheidung 
nicht mehr verdingen durften. 

Aud) Dodi entfuhr plötzlich ein jubeln- 
de3 „Au — famos!“ — als der Gee- 
räuber, um der Gegenpartei wieder zu ent- 
wijden, den nicht unbedenfliden Sprung 
auf das etwas abjeit3 ftehende Boot wagte, 
das fic) unweit von ihrem Beobadtungs- 
pojten befand. Es war wahrhaftig ein 
Meifteriprung: ein anderer hätte fic) dabei 
mindeſtens beide Schienbeine zerichlagen. 

Aber dad Verhängnis nahte jest von 
einer neuen Cette. 

Ein paar ungen von der Partei der 
Seeſoldaten hatten eins der Kleinen Miets— 
boote am Steg freigemadt und waren, 
dem kühnen Piraten unbemerkt, dem großen 
Krabbentahn nahegefonmen, auf defjen jen- 
feitigem Rand Peter Proſchwitz jtand, Die 
Mütze ſchwenkend und jeiner Verfolger 
lachend. Als dieje mit Stangen eine Brüde zum 
Übergang herftellen wollten — den Sprung 
wagte feiner — ftieß er die Stangen immer 
wieder von der Briijtung herunter. Eine 
fiel jogar ins Waffer, was ein großes Gee 
ichrei zur Folge hatte. Inzwiſchen war der 
heimliche Unterftügungstrupp bis dicht zum 
legten Zufluchtsort des großen Seeräubers 
herangerudert. Einer der Schiffsſoldaten 
hatte ein Tau mit einer Schlinge verjehen, 
es follte nad) dem wilden Häuptling als 
Laffo ausgeiworfen werden — as eigent- 
ih) gegen den Brauch zivilifierter Kriegs- 
leute verſtieß. 

Dodi war derart Feuer und Flamme 
für das Gchidjal des kühnen Piraten, daß 
jie, als fies gewahrte, den angjterfüllten 
Warnungsruf ausftieß: „Uber da Hinten 
— da werfen fie ja mit dem Geil nad) 
Dir — da —!" 

Sir eine Sekunde blidte alles erjtaunt 
nad ihr hin. Sie genierte fich jofort und 
jtieg von der Bank hinunter. Wber Peter 
Projchwig. Hatte dank ihrer Warnung die 
Gefahr erfannt. Auf dem Rand de3 Bootes 
weiterlaufend, entwifdjte er dem raffiniert 
geplanten Überfall — lachte nod) einmal 
lujtig auf — und pardauz, lieg er fic 
vom Bugjpriet aus ins Waller plumpfen, 
trogdem er in Stiefeln und Kleidern ftedte. 
Ein paar Augenblide lang blieb er unjicht- 
bar — alles war fprachlo3 —, dann jah 
man ihn der Spige der Leudhtturmmotle 


371 


zujchwimmen, die nad) den Spielregeln für 
neutral galt. 

Pudelnaß, jpudend und fic) jchüttelnd 
fam er dort an — mit Jubel von den 
übrigen Seeräubern empfangen. 

Zwei Tage hintereinander blieb es 
darauf am Hafen mittags ziemlich ftill. 
Einer der Badegäjte, dejjen Söhne fic) an 
dem nicht ganz ungefährlichen Spiel beteiligt 
hatten, war bei dem Hafenpoligijten vor» 
jtellig geworden, der nun, ftatt in der 
„Wirtſchaft zum Anker“, mit bitterböferm 
Gefidht am Leuchtturm jap und den Unfug 
nicht mehr duldete. Auch die beiden Ka— 
Detten Hatten fid) von der Gefellichaft, die 
ihnen gu gemijcht geworden war, zurüd- 
gezogen. Dodi jah jie abends im Garten 
Des Strandhotel3 beim Tennis, woran aud) 
ihre Schulfreundin, die Radjfahrerin, teil- 
nahm. Die fühlte fi) durch die Gegen- 
wart von wirklichen Kadetten aber fo ge- 
hoben, daß fie gar nicht hinſah, als Dodi 
mit ihrer Mama am Gitter voriiberfam. 

Peter Proſchwitz, den fühnen Seeräuber- 
häuptling, traf fie andern Tags wieder, als 
fie gerade auf die Treppe wollte, die vom 
Hotelgarten zum Dei) emporführte. 

* x: 


* 

Er erfannte fie fogleid) und machte ein 
vergnügtes Geficht, wobei er jeine blanten 
Zähne zeigte, die von der braunen Haut 
hell abjtadjen. „Die haben mid) neulich 
aber doch nicht gefriegt, was?” 

Buerft war fie etwas erjdroden. Wie 
er jo oben auf der Treppe ftand, groß, fie 
hod) überragend und breitidultrig, fam er 
ifr jdjon fajt wie ein Herr vor. Wber in 
Ton und Wejen war er dod) noch ganz 
jungenhaft. 

nicht 


„Warum fpielt hr 
fragte fie. 

„Ach, das find ja Memmen. ch fagte, 
wir mollen Boote nehmen und Hinaus- 
rudern und draußen Überfall fpielen, dag 
wäre dod) was, aber fie haben ja Angit 
vor dem Naßwerden.“ 

„Du warft neulid) wie eine Rabe, 
Peter Proihwig. Heißeſt Du fo — oder 
nennen fie Did) blog jo im Spiel immer?” 

„Nein, id) heiße jo. Mein Vater war 
Lotje, der hieß auc) fo. Den Haben fie 
von den Halligen bis zu den leuten frie- 
ſiſchen Inſeln gefannt. Er hat mid) oft 
mitgenommen — au, Du, und da hieß es 


mehr ?“ 


372 


ſich fefthalten, wenn Sturm war. Warit 
Du fchon einmal bei Sturm draußen ?4 

Dodi lehnte am Geländer. Sie war 
ganz glüdlich darüber, daß der große See- 
räuber fie jo freundlid), wenn auch etwas 
herablaffend ins Gefpracd 30g. „O — auf 
dem Wafjer war id) aud) fchon einmal, 
früher, und da hätteft Du die Wellen jehen 
miiffen — fo hoch gingen fie.“ 

„Das it aber noch fein rechter Sturm. 
Dabei pfeift’s ganz anders. Was meinft 
Du, wie das geichleudert wird. Und ein 
Lotjenboot ift fdon ganz ftattlid. Haft 
Du einmal eins gejehen?” 

„Rein, aber auf einem Kriegsſchiff war 
id) fdjon einmal, ja, auf dem Kormoran.“ 

„Der Kormoran ift ein feiner Kreuzer.“ 

„Kennſt Du alle Schiffe?” 

„Bei Namen, ja. Wenn ich groß bin, 
gche ich zur Marine.“ 

„Mein Vater ijt auch bei der Marine 
gewesen.“ 

„Offizier?“ 

„Sa. Uber jest ift er fdjon tot.“ 

„Wie Heißt Shr?” 

„Olfers. So hieß aud) Väterchen. Aber 
jebt mwohnen wir bei Onkel Mangelsdorff, 
Mutter und id. Wohnt Ihr immer hier?“ 

„sh bin nur mit dem Lehrer bier.“ 

„Ganz allein ?” 

„Rein, die Penfton aus Hamburg.” 

„Haft Du Feine Mutter mehr?“ 

Er jchüttelte den Kopf. „Mutter ift 
von ung fortgegangen.” 

„Hortgegangen ?” 

„a. Das heißt, ih war nicht da, wo 
jie fortging. Sch war damals jdon im 
Inſtitut. Sch bin auf der Oberrealfdule. 
Aber ich bleibe nur bi Prima, dann tverde 
ih Seefadett.“ 

„Freuſt Du Dich auf die See?“ 

„Mächtig.“ Er Hatte die Hände in 
den Hojentajden und ftieß mit dem Abſatz 
der beiden Stiefel abmechjelnd immer an 
die obere Stufe. „Die Ploener wollen nicht 
zur Gee. Die find wie die Mädels.“ 

Dodi ward ein wenig rot. „sch fürchte 
mich nicht vor dem Waſſer,“ jagte fie rad. 
„Wenn ich ein Junge ware, ginge id) auc) 
zur See.“ 

„Dann fomm doch einmal mit. Die 
beiden Steens und ih — wir fahren fajt 
alle Tage.“ 


Paul Oskar Höder: 


„Im Boot? Au — gern. Aber zu 
Haufe darf ic) davon nichts jagen.“ 

Er lachte. „Denkſt Du, ich fage alles 
zu Haufe?“ 

„Aber wenn Du wie neulid) jo patjd)- 
nag beimfommit ?” 

nd, id) war im Nu umgezogen — und 
die andern in der Penfion Haben nichts 
verraten.“ 

„Das ift nett von ihnen.” 

„a, fiehft Du, wenn fie’s getan hätten, 
dann hätt’ id) fie mächtig verjohlt.*“ Er 
blidte übers Wajjer Hin. „Willit Du 
gleich ?“ 

„Heute iſt's Schon zu fpät. Ich fann 
nur nad) dem Eſſen, folange fie jchlafen.“ 

„Alſo fomm morgen einmal hin. Ich 
befomme das Boot von unfern Wirtsleuten. 
Das find die, die fie fonft gegen Geld ver- 
mieten. Aber ich befomme es jo, weil fie 
meinen Water nod gefannt haben. Die 
Kadetten würden es nicht fo befommen.” 

„Uber ift e8 aud) Ernit ?“ 

„Wenn Du Schneid halt, komm, dann 
wirst Du ja jehen.“ 


* * 
* 


Die Gebrüder Steen, zwei ftrohblonde 
Burſchen zwijchen dreizehn und fiinfschn, 
offenbar Eingeborene, waren zuerjt durchaus 
nicht damit einveritanden, daß Peter Proſch— 
wis ein Stadtmädel mit an Bord der ‚, Möwe“ 
nehmen wollte. Am Ende fchrie fie, wenn 
man draußen war und das Boot zu ſchau— 
feln begann, und dann wurde ihnen der 
Spaß überhaupt verboten, ein- für allemal, 
bei Hochflut jollten fie jet jo Schon nicht mehr 
hinaus. Aber Projchwig fete mit feinem 
kräftigen Häuptlingswort die Cinladung 
Durd). 

Da die Unterhandlung in Dodis Gegen- 
wart geführt ward, jah fie ein, Dap es an 
Bord galt, allen Mut zufammenzuveißen. 

Cie befam das Ruder, das dem des 
jüngeren Steen entiprad. Anfangs jtellte 
jie fic) ja ein bischen ungejdidt an, aber 
nachdem ſie erft an ein paar Fahrten teil- 
genommen hatte, lernte fie mit dem ſchweren 
Holz ganz leidlich umzugehn. 

Die Partien erjtredten ſich nicht viel 
über ein paar Hundert Meter von der Küjte. 
Die erften Tage traf ſich's gerade fo günftig, 
daß fie mit der Hodfommenden Slut in 
den Hafen zurüdgelangtn. Da war eg, 


Dodi. 


als ob. man in einem reißenden Strom zu 
Tal glitte, 

Dodi,jauchzte ordentlich. 

Ein bißchen Furdht empfand fie ja 
immer, -bejonder3 wenn Wellenichlag war, 


aber fie ‚hätte das nicht um die Welt ver- | 


raten. Sie war zu felig, daß die Jungen 
fie mitnahmen, zu glüdlih darüber, „daß 
überhaupt mal etwas gejchah!“ 

oreilid) mußte fie aud) bart genug ar- 
beiten, um jich das Vergnügen zu verdienen. 
Sie hatte ſchon am zweiten Tag tüchtige 
Blafen an den Händen. Insgeheim war 
jie Stolz darauf — unangenehm war nur 
das eine, daß nachmittags ihre Singer 
immer nod) ein wenig zitterten und daß 
ihre fchwere Plattſtichſtickerei, die fie für 
die Tante anfertigen mußte, nicht recht vor- 
warts fam. Manchmal blieb auch die Stid- 
jeide an der raubgewordenen Innenfläche 
ihrer Hand hängen, und einmal rif fie fid 
bei der Arbeit eine der Blajen auf, jo daß 
das Waſſer auslief. Das tat jchauderhaft 
weh, und merfen lafjen durfte fie fid) dod 
nicht3. Jeden Abend fürchtete fie beim Gute- 
nadtfagen, wenn fie rethum die Hand geben 
mußte, e3 könnte einmal entdedt werden. 
Der Gedanke, daß ihrem wundervollen heim- 
licen Abenteuer dann ein jähes Ende be- 
reitet werden würde, drüdte ihr geradezu 
das Herz ab. 

Bon Tag zu Tag wuchs ihre Leiden- 
Ichaft für Wafer. 

Ihre Kameraden befamen mehr und 
mehr Reſpekt vor ihr. Peter Proſchwitz 
lobte fie oft. Die beiden Cingeborenen 
waren nicht fo flinf mit der Bunge wie er; 
fie jtellten ihr aber gleichfall3 ein freund- 
liches Zeugnis aus, als der große Seeräuber 
fie direft dazu aufforderte. 

„Das ift, weil Du ein Seemann3find 
ijt!” meinte Peter Proſchwitz. 

Große Trübjal jtellte fich bei Dodi ein, 
al3 die Ebbe gerade auf die Mittagsftunde 
fiel — das verſchob fid) ja Tag für Tag 
um fajt eine Stunde — fo daß fie den 
Nuderpartien, die die Knaben erjt gegen 
Abend oder {don am frühen Morgen unter- 
nahmen, fernbleiben mußte. 

Vom Hotelfenjter oder vom Strandkorb 
aus verfolgte fie das Boot dann immer 
Hopfenden Herzend. Es flog und zitterte 
alles an thr, fie Hatte Feine Rube, der 
aden rip ihr, fie gab ganz verkehrte Ant- 


373 


worten. Manchmal drängte fies aufzu- 
jpringen, ji ihrer Mama anguvertrauen 
und fie himmelhoch zu bitten, daß fie fie 
fortliege, nur ein einziges halbes Stiind- 
den lang. 

. Uber das wagte fie doch nicht, denn 
einmal, als die „Möwe“ bei ziemlich ftarfem 
Wellengang draußen vorüberſtrich, ereiferte 
ih Tante Lisbeth: es jei eine unbegreif- 
liche Gewiſſenloſigkeit von den Eltern diejer 
wilden Burjchen, fie bei ſolchem Wetter allein 
im Boot auf die See hinaus zu lafjen. 

Dodi fonnte e3 faum erwarten, bid ihre 
Stunde wieder fchlug. 

Unterdefjen war e8 zwifchen dem See— 
räuber und den beiden Kadetten wieder zur 
Ausföhnung gefommen: deren Tajchengeld 
war zu fnapp, als daß fie fid) ein Boot 
batten mieten finnen. Übrigens rubderten 
fie beide gang flott. Bloß mit ihren 
Uniformen, fo meinte Peter Proſchwitz, 
„hatten fie fich ein bißchen affig’, weil fie 
Rapporte befamen, wenn fie mit rampo- 
nierten Garnituren ins Korps zurückkehrten. 

Anfangs jchien der Verfehrston an Bord 
an feiner Urwüchligfeit einbüßen zu jollen. 
Als Dodi das erite Mal wieder — zient- 
lid) atemlog — zum Hafen gelaufen fam, 
fordial begrüßt vom WPiratenhäuptling, 
wiinjdte der ältere der beiden Kadetten, 
vorgeftellt zu werden. Peter Proſchwitz 
zeigte fid) nicht ganz auf der Höhe, denn 
pliplid) genierte er fid), ftedte die Hände 
in Die Hofentafchen und grinjte. Da fagte 
der Kadett furz und bündig, indem er die 
Haden gujammenjdlug: „Bon Wehrlein 1.” 
Bon Wehrlein I. folgte a tempo. Dodi 
fnidfte darauf — im jelben Augenblid är- 
gerte fie fic) Schon Jchredlich darüber, daß 
fie nicht bloß mit dem Ropfe genidt hatte 
— und fagte ihren Namen.  ,, Anjenehm !“ 
erwiderte der Kadett. 

Nad Erledigung diefer Formalitäten 
war man aber jogleid) gut Freund. Nur 
ftellten fic) die Kadetten mit dem weiblichen 
Bootsgajt auf das in ihren Kreifen bereits 
üblihe „Sie“. 

Halt acht Tage lang währte dieje Selig- 
feit. Alles klappte vorzüglich, Dodi war 
immer rechtzeitig zum Kaffee im Hotel, e3 
wurde nichts entdedt. Einmal, als jtärferer 
Wind war, fuhr aud) der Vater der beiden 
Steen3, ein rotblonder Rede, mit. Um 
dem jungen Volk eine Freude zu bereiten, 


374 


fpannte er das Segel aus, und die „Möwe“ 
lief furrend, ganz zur Seite geneigt, vor 
dem Winde ber. 

Dodi blieb tapfer, während von Wehr- 
fein IL, fpöttifh gemustert von den Ein- 
geborenen, fchon beim erjten Kreuzen — 
als das Boot fic) ächzend nach der andern 
Seite umlegte — dem Gotte Neptun opfern 
mußte. 

Eine Zeitlang hielt fie die Augen ge- 
ſchloſſen. Die jchaufelnde Bewegung, das 
regelmäßige Anjchlagen der Wellen an den 
Kiel, das Hirrende Geräufch, das der Wind 
verurfadte, — all das wedte in ihr die 
Erinnerung an jene mwundervolle Zeit in 
Misdroy. An ihrer Phantafie waren dieje 
Kindheitserlebniffe gewachjen: e3 war ihr fo, 
als hätten fie damals Tage und Nächte auf 
dem Waſſer zugebracht, weit draußen auf 
dem offenen Meere, und ald wäre das da- 
mal3 ein wirklicher, großer Sturm gewejen. 
Und die Sehnſucht erfaßte fie dabei nad 


Väterchen. Auf der Kehle verjpürte fie 
einen Drud; es war ein Gefühl wie 
Heimmeh. 


„Iſt Dir Schlecht ?* fragte Peter Proich- 
wig gutmütig. 

Das fchredte fie aus ihren Erinnerungen 
auf. „Nein, id) dachte nur eben jo an 
früher — two ich mit meinem Papa fuhr.“ 

Bon Wehrlein I. behauptete, fein „alter 
Herr” Habe den ihrigen noch gefannt. „Sie 
ftanden 3ujammen an Bord von Seiner 
Majeität Schiff Undine. Das heißt, mein 
Alter war damals fdon hart am Kapitän- 
leutnant.“ 

Dodi hätte brennend gern noch mehr 
erfahren von Väterchen. Zu Hauje war 
von ihm ja nie wieder die Rede gerwejen. 
Ter Kadett kannte aber nur die paar Daten, 
feine Züge aus feinem Leben. 

Am Tag vor der Abreije der Kadetten 
famen Herr und Frau von Wehrlein felbft 
mit an den Strand, um fic) die maritimen 
Leijtungen ihrer Söhne anzujcehen. Als 
Dic Nuderer landeten, ward Dodi, von deren 
Tapferkeit die Jungen daheim erzählt hatten, 
freundlich von dem Ehepaare begrüßt. 

„Olfers, Olfers! — Ya, wir haben 
eine ganze Menge groper Tage miteinander 
verlebt!” fagte der Offizier. Dabei be- 
mühte er jih, aus Dodis Geſicht irgend 
etwas herauszufinden, das dem alten Nae 
meraden abnelte. 


| 


Raul Osfar Höder: 


„Wann ift denn Dein Rapa geftorben 2” 
fragte Frau von Wehrlein teilnebinend. 

„O, das ift Schon lang!” gab! Dodi be- 
Hommen zurüd. i 

„E3 kann fo fang nicht fein?” meinte 
der Offizier, „ich hab’ doch erſt 'vor Jahr 
und Tag von ihm gehört. — Wann war 
denn das, al8 Dieftelfamp mit dem Blücher 
fam?” fragte er feine Frau. „Der hatte 
ihn dod) noch in Swakopmund aufgejudht.“ 
Dann wandte er fic) wieder dem Kinde zu. 
„Sa, Heine Olfers, da haft Du einen prad- 
tigen, tapferen Papa verloren. Weißt Du, 
daß wir ihn alle fehr Lieb gehabt haben?“ 

Dodi atmete tief die Luft cin. Sie 
war febr, fehr glüdlich über diefe Worte 
— aber pliglid) war ihr's, als fame fie 
ein Weinen an. Das wollte fie jedoch 
unter allen Umftänden zurüdhalten, weil 
man jebt fdjon fo oft über ihre Tapferkeit 
gejprodjen hatte. 

Herr von Webhrlein fagte zu feinen 
Söhnen: „Das war damals beim Scdiff- 
bruch der Undine, Jungens, müßt Shr 
wiffen. Yd) lag ja leider Gottes betäubt 
an Ded, als der fritijde Moment fam, eine 
Rae hatte mid) am Kopf getroffen, und id) 
mußte mid) retten laſſen, ftatt mit retten 
zu können. Aber der Vater von dem Heinen 
Ding, der Unterleutnant Offers, oder hat 
jih damals die Rettungsmedaille am Bande 
verdient. Qa, feht Ihr, und jo ein Mann 
lebt dann in der Geſchichte und im Herzen 
von jedem wadern Deutjchen fort, auch wenn 
den Mann felber Schon das Grab dedt.“ 

Sie blidten alle Dodi an, die das Gee 
licht gejenft Hatte, e8 jeßt aber ftolz und 
voll inniger Dankbarkeit erhob. 

G3 fam zum Abſchied. Die Worte 
über ihren Vater hatten ſich tief in Todis 
Herz eingeprägt. Von nun an zehrte fie 
qewifjermagen daran. Ihre Träume bee 
ichäftigten fic) mit feiner Geftalt. Ste fuchte 
und fuchte, um fich fein Gejicht, feine Augen, 
feine Stimme wieder ins Gedächtnis zurück— 
zurufen. In ihrer Phantafie idealiſierte 
jid) das natiirlid mun alles. Es fam in 
ihr geradezu ein geheimer Kultus für Vä— 
terchen auf. 


* * 
* 


Der letzte Tag vor ihrer Abreiſe nach 
Kiel ſetzte ſo ſtürmiſch ein, daß an eine 
Bootsfahrt nicht zu denken war. Trotzdem 


Dodi. 


fief fie fogleih nad) Tiſch wieder an den 
Hafen. 

Sie traf Peter Projdhwik allein, die 
beiden Steend® waren mit ihrem Vater in 
der Naht auf Filchfang ausgezogen. Es 
tat ihr leid, daß fie die num nicht mehr zu 
feben befam. Uberhaupt war jie recht be- 
drüdt, daß es ans Sceiden ging, daß die 
wundervolle Beit der heimlichen Wildheit 
nun ihren Abichluß fand. 

Der große Seeräuber verftedte feine 
Trauer über die Trennung und das Ende 
der Ferien hinter einer troßigen Knorrig- 
feit. Für ihn war e3 in Hamburg mit 
der goldenen Freiheit gleichfall$ vorbei. 
Hier Hatte fein Lehrer einer Arbeit wegen, 
die er in den Ferien abjchließen wollte, fich 
nicht fo viel um ihn und die andern Pen— 
jiondre gekümmert. Um die Bootsfahrten 
wußte er freilih. Projchwig meinte: das 
gegen hätte er aber nur deshalb nicht ge- 
jagt, weil man nidjt merfen follte, wie 
wafferjdeu er war. Der Piratenhauptling 
fonnte die Lehrer im allgemeinen nicht 
leiden. „Weißt Du,” jagte er, „was fie 
fünnen, Darauf bilden fie fic) madjtig viel 
ein, — und was fie nicht tinnen, das ijt 
in ihren Augen nichts.“ 

Ziemlich herabgejtimmt jtanden fie unten 
auf der Treppe bei der „Möwe“, die fitch 
nit jeder Heranrollenden Welle hob, wobei 
dann die Kette rafjelte und das Wafer, 
dag hHineingefchlagen war, gurgelte Sie 
fonnten e3 beide gar nicht verwinden, daß 
man Dielen letzten jchönen Fetertag jo un- 
genußt hingehen lafjen jollte. In der Ferne 
jtand ein rotbraunes Segel, dad fick) — fo 
winzig e3 war — von dem grauen Himmel 
und dem grauen Waffer fcharf abhob. 

„Da find Steens,” fagte er, danad) 
hinweijend, ohne die Hände aus den Tafchen 
zu nehmen. 

Dodi, der der Wind die Ride um die 
Knie flattern machte, blidte fröftelnd aber 
doch verlangend übers: Waffer Hin. 

„seht braucht man nur nod) zehn Mi- 
nuten zu warten,“ fuhr Peter Proſchwitz 
fort, „dann jegt die Ebbe ein. Da wär's 
dann eine Kleinigkeit. Wenn man Schneid 
hätte.” 

Sie hob fic) auf die Fußipigen und 
blidte über den Steg nach dem Hafenjtrand 
zurüd. „seht tit auch gar niemand ci» 
ter da.” 


375 


Mach einer Heinen Paufe feßte er Hin- 
zu: „Aber ein Segel müßte man haben.” 

Gleich darauf jagen fie, ohne fich weiter 
verabredet zu Haben, auf den Banfen im 
Ihaufelnden Boot und ſchöpften das Waſſer 
aus. Kine eriwartungsvolle Abenteuerluft 
hatte fich ihrer bemächtigt. Beiden fchlug 
laut das Herz dabei. Ymmer wieder jpähte 
eines von ihnen über die Brüde nad) dem 
Strande und nad) den RKrabbenfchiffen. 

„Einmal fuhr ich Schon ganz allein mit 
der Ebbe hinaus,” fagte er, um die eigene 
Aufregung zu beſchwichtigen, „und da ging 
Dir's jo glatt — wie flußabwärt8 — man 
brauchte bloß ein bißchen zu fteuern.” 

Nebenan fchaufelte das Boot vom 
Strandhotel; zu einer langen Rolle ver- 
ihnürt lag darin das Segel quer auf den 
Bänfen. Sie jahen gleichzeitig danad) hin. 

„Was fann da fein!“ meinte der Sce- 
räuber und Bolte eg. 

Als er’s im Boot Hatte, lachten fic 
beide verftedt auf; haſtig nahmen fie ihre 
Plätze ein. 

Eine große Schwierigkeit ergab fich für 
fie, Das Boot, nachdem die Kette gelöft war, 
unverjehrt zwiſchen den Holspfabhlen, auf 
denen die Bootsbriide ftand, hindurch zu 
bugfteren. Das Waffer bildete unter der 
Brüde geradezu Wirbel. Zweimal ward 
da3 Boot im reife Herumgedreht. Bei 
jeinen Bemühungen, es mit dem Ruder von 
dem Iepten Pfahl abzujtoßen, wäre Peter 
Proſchwitz beinahe über Bord geftürzt. 

Als man endlich von den Pfählen [o3- 
gefommen tvar, ging e3 aber genau fo, wie 
der Ceerduber vorausgefagt hatte: in der 
tiefen Sahrrinne, die hüben und drüben 
durch veranferte rote Tonnen und Reifig- 
bündel bezeichnet war, gelangte das Fahr- 
zeug, von der Ebbebewegung geführt, mehr 
gejtogen als getragen, ohne jedes Zutun 
aus dem feinen Hafen und dem Schuß 
der langen Mole ins zyreie. 

Erjt Hier trat der Wind al3 neuer 
waftor Hinzu: trogdem Dodi auf Peters 
Geheiß das Steuer mit aller Gewalt nad) 
lint3 herumlegte, trieb der Wind das Fahr- 
zeug immer wieder flach zur Wellenrichtung 
ab, jo daß es gwijden den Schaumkämmen, 
jtatt fie in ſcharfem Winkel zu Schneiden, 
hin und her ſchwankte. 

eter Proſchwitz rollte die Leinwand 


anf. Auf dem Baud über die Bank rut- 


376 


ſchend, reichte er Dodi die Schnur zu. Sie 
jollte das Segel Hilfen, mährend er es 
unten fejtfnüpfte und in die richtige Stel- 
lung bradhte. 

Es galt einen tüchtigen Kampf. Das 
Wafer jpribte ihnen ind Gefiht — Dodi 
fühlte das Salz auf den Lippen — der 
Wind fuhr ihnen in die Haare. Sie wur- 
den beide von dem Saufen und Klingen, 
Slattern und Ziſchen wie beraujdt. 

Sm Augenblick jedod), da das Segel 
die Ridtung Halb vor dem Winde hatte, 
jtellte jid) Rube ein, und das Boot gewann 
einen regelrechten, flotten auf. 

Dodi wollte ihre Freude äußern, aber 
die Stimme verfagte ihr; fie war von der 
Aufregung — und aud) vom Winde — 
ganz atemlo2. 

Das Boot ftand jo jchräg, daß es mit 
der einen Bordwand fajt die Wafferfläche 
ftreifte. Gleihmäßig hob fic) der Bug, 
wenn eine Welle fam, um darüber hinweg- 
zuturnen und fid) dann wieder zu fenfen. 
as Tempo war wundervoll: man flog 
geradezu. 

Als fie nad) der Landjeite zurüdblidten, 
ward es ihnen für ein paar Gefunden 
bänglid. Die Häufer überm Deich und der 
vieredige, hölzerne Kirchturm waren ganz 
fein geworden. Unbemerft war ihre Aus- 
fahrt auch nicht geblieben. Auf der Leucht- 
turmmole ftand eine Gruppe von Filchers- 
leuten. Man fah winfend oder drohend 
erhobene Arme, hörte Rufen und Pfeifen. 
Aud die Uniform de3 Poliziften erkannten 
jie und ein paar weiße Strandfappen, wie 
die Badegälte fie trugen. 

„Schreien fie nicht?” fragte Dodi. 

Er Hatte es ſchon früher als fie gehört. 
Auch der Scharfe, oft wiederholte Pfiff einer 
Signalpfeife ließ fich gwifden dem Raufchen 
Des Waffers, dem Flattern der Leinwand 
vernehmen. Uber er zwang fic) zu einem 
übermütigen Lachen. 

„Laß fie dod) — die Hafenfiipe!” 
jagte er. 

Das Gewimmel auf der Mole nahm 
fic) jegt nur nod) wie ein Heiner Ameijen- 
haufen aus. Bald erfannte man die Stelle, 
wo Büſum lag, nur nod an dem Xeucht- 
turm. In weiten, unabjehbarem Bogen 
zog fic) nach links und rechts die einen 
Bufen bildende Küſte; geradeaus vor ihnen 
aber lag die offene Sce. 


Paul Oskar Höder: 


Mit glänzenden Augen fah der See- 
räuber, ſtolz über bas gute Gelingen, feine 
Bootsgenoffin an. „Du bilt ein famofes 
Mädel!“ Iobte er. 

Mun ging e3 eine lange, lange Zeit 
immer vorwärts. Gie waren beide voll 
Begeijterung. Manchmal ftieß eines von 
ihnen einen Jauchzer aus. Dann ftimmte 
Das andere ein. Das war dod einmal 
ein Abenteuer — ein richtiges Abenteuer. 
Durftig trant Dodi die Luft, ihre Augen 
blisten, ihre Wangen hatten fich gerötet 
— nur ihre Nafenjpige blieb weiß, im 
Gegenfag zu der des Geeräubers, die fid 
von der Kälte tüchtig rot gefärbt hatte. 

„Steeng werden fic) fchon wundern, 
wenn wir jo anfommen, was?” fragte fie 
in freudiger Erwartung. 

Er dudte den Kopf, um unterm Segel 
übers Waffer Ausihau zu Halten. Er- 
Ihroden wandte er fich dann nach der andern 


Seite. „Du — die find aber gar nicht 
mehr da!“ rief er aus. „Oder ſiehſt Du 
fie ?“ 


Während fie fic) umdrehte, glitt ihr das 
Steuer, Das fie bis jest frampfhaft feft- 
gehalten hatte, aus der Hand. Ym Nu ward 
das Heine Fahrzeug auf die andere Seite 
herumgemworfen, das Segel fchlug Hin und 
her. Mit beiden Händen flammerte ficd 
Dodi an die Bordwände „Es Schlägt um!“ 
ſchrie fie auf. 

Es war ein gefährlicher Moment. Peter 
Proſchwitz zerrte an der Leinwand, um fie 
berunterzureißen. Wher fie flatterte auch 
nod, al3 fie auf der Bank lag, der Wind 
frod darunter und blähte fie auf, trogdem 
Peter Proſchwitz fic) mit feiner ganzen Lait 
Darauflegte. Das Fahrzeug fchwantte be- 
denklich, und mit jeder Woge, die heranrollte, 
drehte e3 fi) um feine Achſe. 

Endlich gelang e3 dem Seeräuber, das 
Segel zufammenzurollen, fo daß der Drud 
des Windes aufhörte. 

Sie fnieten nun. beide im Boot, hüben 
und drüben von dem der Leinwand beraubten 
Heinen Maft. Cin paar Minuten Yang 
lajtete auf beiden die Todesfurdt. 

Wo Büſum lag, das war nicht mehr 
zu erkennen. Leuchttürme gab es in der 
gerne an mehreren Stellen. Mit weit auf- 
geriffenen Augen ftarrten fie übers Waffer. 
Weiter dem Meere zu entdedten fie ein paar 
Silcherboote — vielmehr waren es nur 





Aus dem Arbeitszimmer des Künstlers. Gemälde von Prof. Gotthard Kuebl- Dresden, 


Dodi. 


dunkle Punkte — ob fie näher tamen, ob 
fie fich entfernten, vermodjten fie nicht zu 
erkennen. 

Nun raufchte eine Heine Sturzjee über 
das Boot Hin, das, des Segeldruds beraubt 
und ohne Steuerung, ein Spielzeug für Wind 
und Wellen geworden war. 

Dodi Happerten die Zähne aufeinander. 
Sie wollte fchreien, aber es fam fein Laut 
aus ihrer Kehle. Die Angit fchnürte ihr 
den Hals zu. 

Auch der Seeräuber war fleinlaut ge- 
worden. Der Unfall hatte ihn völlig über- 
raſcht — er mußte fic) die Urſache nod 
immer nicht zu erflären. 

Ym Winde fonnten fie fich nicht ver- 
ſtändigen. Es war, als würde ihnen jedes 
Wort vom Munde tweggerifjen. 

Wohin fie trieben, das ließ ſich gar 
nicht fejtitellen. Bald jchien’8, als ginge es 
dem Lande zu — aber das war ficher eine 
Täufhung, denn man Hatte ja Ebbe — 
bald ſchien's, alg drehte fid) das Boot nur 
immerfort im reife. 

„Das ift jeßt das Ende!” ftieß Dodi 
plößlich hervor. 

Nun brachen fie beide gleichzeitig in 
Weinen aus. 

„Hilfe! — Hilfe!” fchrien fie dann. 

Beim Klang ihrer eigenen Stimmen 
begann e3 ihnen aber nur um fo mehr zu 
grauen. 

Weit und breit graues, gurgelndes, 
raujdendes Waffer mit weißen Schaum- 
kämmen, die brodelnd ſich heranwälzten, dann 
flatjdend auf die Bordwand einfchlugen. 
Dazu der heulende, falte Wind — die übers 
Boot hinhujdenden Schauer. 

Wie lange fie jo, untätig im Boot 
fnieend, auf eine Schidjaldwendung, die 
von außen fommen follte, gewartet Hatten, 
feines wußte es. 

Dodi dadhte an ihre Mutti. Sie jah 
jie ganz deutlih. Aber nicht fo wie fie jest 
war, jondern fo wie in früheren Jahren, ala 
VBäterhen noch bei ne war. Allerlei 
Kleinigkeiten aus dem täglichen Leben jener 
fangentjdwundenen Zeit fielen ihr ein, halb- 
vergeffene Erlebnijje ftanden ihr vor Augen, 
far und deutlih. Dem gab fie fich lange 
hin. Mehr und mehr übermältigte fie dann 
aber wieder die verzmweiflungsvolle Bangig- 
feit vor der nächſten Zukunft. Am meijten 
graute ihr’3 dabei vor Onkel und Tante. 


377 


Gewiß waren fie jet alle ſchon im Glas- 
pavillon verfammelt und warteten auf fie. 
Und plößlic mußte fie an den Tag denfen, 
wo Onkel Alwin fie in feine Studierftube 
gerufen Hatte, um ihr zu jagen, dab Väterchen 
geitorben war. 

Das war nun aljo der Tod —! 

Sie ſchloß die Augen und preßte das 
Geficht in die Hände. 

ayn eter Proſchwitz meldete fich eher 
wieder bas Geemannstind. Er blidte mit 
feinen hellen Augen über die weite, graue 
Slade Hin. Auf feinen braunen Wangen 
perlten noch die Tränen, die fic) mit dem 
Salzwaſſer der überföpfenden Sturzfeen ver- 
mengt hatten. 

„Bir miiffen’s doch wieder mit dem 
Segel verfuchen!” fagte er endlich. 

Dodi nidte. C3 war ihr alles recht, 
was nur Ddiefem entfebliden Hinundher- 
ſchwanken auf dem grauen, focjenden, un- 
barmberzigen Waffer ein Ende bereitete. 

Daf ein Mißlingen des Manövers jest 
fehr gefährlich war, das wußten fie beide. 
E3 jtand fchon eine Menge Waſſer im Boot. 
Legte ſich's zu fehr auf die Geite, dann 
mußte e3 umjchlagen. 

„Ich zieh’ das Segel auf,” fagte Peter 
Proſchwitz, „und fällt das Boot nad) rechts 
ab, dann legſt Du Dich links über.” 

Dreimal flatterte die Leinwand fdon in 
halber Höhe, immer wieder ließ er fie fallen, 
weil der Drud des Windes fofort fo ftarf 
ward, daß das Boot ſich faft ſenkrecht auf- 
ftellte, troßdem Dodi fich beherzt zur Seite 
warf. 

Wieder trieben fie dann eine lange Zeit 
zwecklos, ziello8 weiter — mit bleichen Ge- 
fichtern, großen Augen einander anftarrend. 
Die Finger, die Füße, die im Waffer ftanden, 
waren ihnen beiden ganz erflanımt. 

„Senn Du nur das Steuer erwijchen 
könnteſt,“ jagte Proſchwitz. 

Dodi taſtete hinter ſich. Die Schnur 
war zerriſſen. Aber wenn ſie ſich weit 
genug zurücklegte, konnte ſie den Griff viel— 
leicht doch wieder in ihre Gewalt bekommen. 
Mehrmals haſchte ſie vergeblich danach. Als 
eine Welle den Griff wieder näher an die 
Bordwand brachte, riß ſie ihn an ſich. 

Während Peter Proſchwitz einen erneuten 
Verſuch unternahm, das Segel aufzuziehen, 
gab er ihr Weiſungen, den Griff mehr nach 
rechts oder mehr nach links herumzuführen. 


Velhagen & Klaſings Monatshefte. XIX. Jahrg. 1904/1905. II. Bo 25 


378 


Einmal war es, als jollte das Boot 
fopfiiber von einer Woge hinunter gefchleudert 
werden. Da fchrien fie beide jah auf. 

Uber gleich fpannte fid) das Segel — 
da8 Boot drehte fi noch ein wenig — 
dann ging e8 rudmeife, ziemlich ftart 
Ichlingernd, über die Wellenfamme, unter 
dem mächtigen Drud des Windes ganz fchräg 
auf feiner rechten Kante jtehend. 

„Nicht Loslaffen, nicht loslaſſen!“ fchrie 
Peter Proſchwitz Dodi zu, die fich ganz 
zurücdgelegt hatte, den Steuergriff feitzuhalten. 
Trogdem auf dem Grund viel Waffer ftand, 
ließ er fic) auf alle Viere nieder und langte 
an Dodi vorbei nach dem Steuergriff, den 
er feftband. 

Wo fie Hinfuhren, wußten fie nicht. Sie 
hatten auch feine Ahnung, wie lange fie jeßt 
ihon auf dem Wafer trieben. Es war ihnen 
nur, alg dDdmmerte es fchon. Yn der grauen 
gerne, auf die fie gujtrebten, erhob fich ein 
Leuchtturm, unweit davon ein zweiter. Frei— 
lid) war es nicht jener von Büſum, denn 
der ftand allein. Wber immerhin — man 
hatte jebt doch die offene See Hinter fid 
gelajien. 

Reines von beiden wagte zu fprechen. 
Die größte Angit war gwar von ihren Ge- 
mütern genommen; aber die Aufregung 
zitterte in ihnen noch nad). 

Erit als das Land vor ihnen wud, 
alg fie einen langen dunfelgriinen Deich er- 
fannten, der fid) am Strand entlang hin- 
40g, überwanden fie die lebte Furcht. 

„Das war ein Abenteuer!” fagte der 
Seeräuber mit noch etwas zitternder Stimme. 
„Aber ſchön war’3 dod.” Nach einem Weil- 
chen fepte er Hinzu: „War Dir bange?“ 

Dodi Hatte die Arme über der Bruit 
gefreuzt und hielt mit den najjen, blau- 
gefrorenen Händen ihre Oberarme um- 
flammert. Es war bitter falt auf dem 
Waffer. Sie atmete tief auf. „Um mich 
war mir nicht bange,” fagte fie leife und 
verzagt, von einem Schauer überriejelt, „nur 
um Mutti!“ 

* ” * 

Die Berzweiflung von Dodi8 Mutter 
war grenzenlos, als die Schredensbotichaft 
fie ereilte, daß das Kind draußen auf dem 
Wafer trieb, in einem winzigen Boot Wind 
und Wetter preisgegeben. 

Als Dodi fih nicht zum Kaffee einge- 
jtellt hatte, auch niemand aus dem Hotel 


Paul Oskar Höder: 


Auskunft über fie zu geben wußte, ward 
überall nach ihr gefudt. Man rief im 
Garten, fragte dann in der Nachbarichaft 
des Hotels, ihr Bruder begab fitch zum Strand. 

Am Hafen traf Dr. Mangelsdorff einen 
Hamburger Kollegen, mit dem er an einem 
Bierabend im Strandhotel befannt geworden 
war. Der befand fid) in nicht minderer 
Aufregung. Einer feiner Zöglinge war mit 
der „Möme” Hinausgefahren. Bwar war 
der Junge ein Geemanngtind, war hier zu 
Haufe und wußte leidlid) mit dem Boot 
Beicheid; er war ihm aber ftreng verboten, 
bei Hochflut, gar bei fo unrubiger See wie 
heute, bas Boot zu befteigen. Cin Wort 
gab das andere; Einheimifche famen hinzu, 
aud) der Polizist milchte fic) ind Gefprad. 
Sofort war Dr. Mangelsdorff orientiert. 
Der Zorn, die Empörung darüber, daß Ottilie 
die ganze Beit ihr Vertrauen fo ſchmählich 
mißbraudt, fie fat Tag für Tag hHinter- 
gangen hatte, während fie friedlich jchliefen 
und fie artig im Garten wähnten bei einem 
ruhigen Spiel oder guten Bud, überwog 
bei ihm noch die Sorge um ihr augen- 
blickliches Schickſal. 

So kam es denn zwiſchen den Geſchwiſtern 
des Kindes wegen ſeit langer Beit gum erften- 
mal wieder zu einer heftigen, faft leiden- 
Ichaftliden Szene. 

Mia vertrug jest fein Anflagen, feine 
Vorwiirfe. Sie empfand fie als Graujam- 
keit. Es war ihr, als würde ihr Herz 
zerfleifcht. 

Barhäuptig ftürzte fie aus den Hotel- 
garten und lief am Strand entlang zum 
Hafen. 

Hier hatte fich {chon eine jtattlide Ver- 


‘fammlung zufammengefunden, die den Fall 


beiprad. Mia beichwor die Leute, ihr zu 
helfen. 

Der Leuchtturmmwärter hatte durch das 
Fernrohr das Boot verfolgt und fejtgeftellt, 
daß es zulegt ohne Segel in der Richtung 
auf die füdlihe Hallig zugetrieben war. 
Doc Seit einer Viertelftunde war es feinem 
Gefichtstreis ganz und gar entſchwunden. 

Einer nah dem andern trat an dag 
Fernrohr heran, das auf einem eijernen 
Dreifuß neben dem Leuchtturm ftand, und 
ipähte hinaus. Das Rejultat blieb dasjelbe. 

Mia zitterten die Knie. Sie fant auf 
die Ban’ am Turm. Weinend flehte fie die 
Männer an, ein Boot flottzumacjen und die 


Dodi. 


Kinder Hereinguholen. Cin älterer Ort3- 
einwohner erflarte das Beginnen fiir gänz- 
lid) ausſichtslos in Ddiejem Wugenblid, two 
man dod) nicht den geringften Anhalt für 
die Richtung hätte, nach der das Boot ver- 
ſchlagen worden war. 

Endlich fam Dr. Mangelsdorff hinzu, der 
die Verhandlung von neuem aufnahm. 

Momentan war feine große Auswahl 
an Rettungsmannfdaften vorhanden, denn 
die Mehrzahl der Seetüchtigen befand fic 
auf dem Fiſchfang draußen und war erit 
bei Nacht mit der nächſten Flut zurüd zu 
erwarten. 

Während die drei Leute, die fic) ſchließ— 
lic) bereit erflart Hatten, aufs Geratewohl 
hinauszufahren, trogdem fie felbft an einen 
Erfolg nicht glaubten, ein Boot fegelfertig 
machten, ward ununterbrochen das Fernrohr 
umlagert. 

Die Fifderflottille lag fo weit draußen, 
daß die Fleineren Boote, die bas Segel ein- 
gezogen Hatten, nur als Punkte erkennbar 
waren. Ob einer diefer Puntte die „Möme“ 
vorjtellte, das Tieß fich nicht jagen. 

Ein paar graufame Stunden folgten der 
Abfahrt des Bootes. 

Mia ging am Strand auf und nieder, 
weinend, verzmweifelnd; immer wieder blieb 
jie ftehen und ftarrte übers Waffer bin. 

Andere Badegäfte hatten von dem ver- 
wegenen Streih der Kinder gehört. Sie 
fpradjen die Mutter an. Statt ihre Hoff- 
nung anzufachen, vergrößerten fie aber nur 
ihre Angft durch ungejdidte Fragen, durd) 
Schilderungen ähnlicher Fälle, von denen die 
meiften einen unglüdlichen Verlauf genommen 
Hatten. 

Nichts war für Alwin peinlicher als 
das Bewußtſein, Aufjehen zu erregen. Er 
drang injtändig in feine Schweiter, den 
Strand zu verlaffen, ing Hotel zu gehen 
und dort zu warten. „Du kannſt bier ja 
dod nichts helfen, Maria!” ftellte er ihr 
vor, fic) ſcheu nach den Leuten umfehend, 
von denen fie auf Schritt und Tritt be- 
obachtet wurden. 

, das veritehit Du nicht, Alwin, das 
verjtehjt Du nicht!” fagte fie bloß. 

Und in nod) wachjender Angſt, in ftei- 
gender Verzweiflung nahm fie ihren zived- 
lofen Mari am Strand entlang wieder auf. 

Hernach verfuchte Elifabeth auf fie ein- 
zuwirken. Sie wäre doch die Fran eines See- 


379 


manns gemwejen, fagte jie zur Schwägerin, 
da hätten derlei Aufregungen fte jchließlich 
nie verlaffen können, wenn fie fic) immer 
gleich das Schlimmite Hätte vorftellen wollen. 

Mia war ftchen geblieben. Schlaff hingen 
ihr die Arme hinunter. „Das ift jetzt die 
Strafe!” flüfterte fie wie abwejend vor fid 
hin. „Das ijt jept die Strafe!“ 

Urplöglih war in ihr die Empfindung 
zum Durchbruch gekommen, daß fie ihrem 
Gatten fchreiendes Unrecht angetan, daß fie 
ih an ihm und damit an ihrem Sind 
ſchwer verjiindigt hatte, und daß das Schid- 
jal nun an ihr Rache nehmen wollte. 

Elifabeth war gefranft, Alwin geradezu 
empört über Ddiefe Auslegung. Uber ihre 
weiteren Porjtellungen und Bemühungen 
blieben fruchtlog. Auf eine Bank beim Deich 
warf Mia fic) nieder und fchluchzte Taut. 

.. „Sie fommen! Sie kommen!“ ... 
Als ein Junge aus der Nachbarjchaft, der 
auf der LZeuchtturmmole mit Poſto gefaßt 
hatte, die Meldung brachte, konnte fi Mia 
zunächſt gar nicht erheben. Dr. Mangel?- 
Dorff fragte den Zungen fofort aus. Der 
ward von der ftrengen Miene, die der Fremde 
auffegte, aber derart eingefchüchtert, dab 
beftimmteres aus ihm nicht herauszubringen 
ivar. 

Ihm folgten indes ſchon andere mit der 
freudigen Nachricht. 

Die „Möwe“ war weit vor den Watten 
bei Wejterndeich aufgetaucht, fie Hielt Scharf 
auf den Leuchtturm von Dietenbüttel zu. 
Gliilicherweije Hatten die Inſaſſen des 
Rettungsbootes fie vom Waffer aus gleich- 
falls erjpäht und den Kurs darauf genommen. 
Da fie mit dem Winde fuhren, konnten fie 
die „Möme“ in einer guten Biertelftunde 
erreiht Haben und fie ind GSchlepptau 
nehmen. Yn fpdtejtens einer Stunde waren 
fie dann da. 

Länger hatte die Sache aber nicht dauern 
dürfen, meinten die Einheimifchen, fonft ware 
die Einfahrt der Ebbe wegen unmöglich ge- 
wejen. Übrigens war es binnen jest und 
einer Stunde bei Ddiefem wolfenbededten 
Himmel Schon ftoddunfel draußen. 

In den Hotels Täutete e8 foeben allent- 
halben zum Wbendbrot. Die Senjationsluft 
trieb aber eine große Anzahl Badegäjte an 
den Strand. 

Mangelsdorff3 wurden, als fie zum 
Hafen gelangten, umringt. Die einen bee 

25 * 


380 


glückwünſchten fie, die andern verficherten 
ihnen, fie hätten die artige Kleine einer 
joldjen Unbotmäßigfeit nicht für fähig ge- 
halten. 

Während die beiden Boote ſich näherten, 
tauschten die Umftehenden ihre Meinung aus. 
Die Mehrzahl war für eine tüchtige Tracht 
Prügel, die man den unvernünftigen beiden 
Ausreißern verabfolgen müßte. 

Mia hörte nicht. Zitternd ftand fie auf 
der Briide, angftvoll übers dunkle Waller 
nad den Inſaſſen des Bootes ausjpähend, 
bis fie endlich die dürftige Geftalt ihrer 
barhäuptig und frierend auf der Bank 
hocfenden Dodi erfannt Hatte. 

Als fie ihr Kind, deffen Kleidung vom 
Seewaffer ganz und gar durchnäßt war, 
endlich in den Armen hielt, vergingen ihr 
die Sinne. Man mußte ihr beijpringen, 
jonft wäre fie umgejunfen. 

Cine härtere Strafe als die Todesfurdt, 
die Dodi draußen auf dem Waſſer ausge- 
ftanden hatte, al die Erfchütterung, die ihr 
Rindergemiit jet durchmachte beim Anblid 
ihrer von der Sorge ganz aufgelöften Mutter, 
war wohl faum denkbar. Und am aller- 
tiefiten traf e3 die Kleine, daß ihre Mutter, 
an der fie mit fo leidenjchaftlicher Zärtlich- 
feit bing, bernacd) — während man durch 
den ganzen Ort Spießruten lief — jo fill 
blieb, fajt verftört, daß fie jie nicht fchalt, 
ihr feine Vorwürfe machte, ihr nicht einmal 
eine Strafe anbdrobte. 

Im Hotelzimmer angelangt, umflammerte 
Dodi ihre Mama, unter Schluchzen fiipte 
jie ihre Hände. 

Sie mußte fih dann gleich zu Bett legen. 
Es ward Tee für fie beftellt; fie fonnte aber 
vor Erregung nichts zu fid) nehmen. 

Später verjuchte fie, der Mutter eine 
offene Beidjte abzulegen, über die eriten 
Bootsfahrten, über ihre Freundjdjaft mit 
Peter Proſchwitz, mit den Kadetten, den 
beiden Steend. Aber geordnet vermochte 
fie nicht zu fpredjen; bei der Vorſtellung 
des zuletzt Uberftandenen jchlugen ihr vor 
Furcht immer wieder die Zähne aufeinander. 

Als fie in ihrer Haftigen, nod) immer 
verwirrten Urt auch die Begegnung mit 
dem Vater der Kadetten vorbradjte und die 
Worte von ihm über Vaterden wiederholte, 
jtöhnte Mia auf. 

„Laß jebt! Laß jest!“ wehrte fie ihr, 
jid) mit beiden Händen an den Hals faffend. 


Paul Oskar Hider: 


„Sprich nicht mehr. Ruh’ Dich jet aud. 
Und bete, Dodi. Komm, leg’ die Hände 
zufammen und bete. Gott war bei Dir, 
ſonſt wärſt Du untergegangen — wärſt 
gewiß und wahrhaftig ertrunken.“ 

Das Grauen kam plötzlich wieder über 
Dodi. Sie kniete im Bett und preßte ihren 
zitternden Körper an die Mutter, während 
ſie das Gebet ſprach. 

„Mutti,“ flüſterte ſie dann angſtvoll, 
„ſag' doch, wie war das mit Väterchen? 
War das auch auf der See draußen? Mutti 
— iſt Väterchen — ertrunken?“ 

Mia wollte ihr wieder wehren, aber 
ſie brachte kein Wort heraus. Die Er— 
regung löſte ſich bei ihr in ein faſt kon— 
vulſiviſches Weinen auf. Sie machte ſich 
haſtig von dem Kinde frei und warf ſich 
mit dem Geſicht aufs Kiſſen. Ohne dem 
Kind eine Antwort geben zu können, blieb 
ſie da ganz erſchöpft liegen, bis Eliſabeth 
hereinkam. 

Die Schwägerin holte ſie dann, ohne 
das Kind eines Blickes zu würdigen, von 
Dodis Lager weg. 

* a * 

Mia blieb im Nebenzimmer, weil fie 
in der Zeit bis zum Schlafengehen nicht 
zu weit von Dodi getrennt fein wollte. 
Noch weniger war fie zu bewegen, fic) vor 
den anderen Badegdjten in der Halle zu 
zeigen. Wud) an der allgemeinen Abend- 
tafel im Speifefaal wollte fie nicht teil- 
nehmen. 

Dodi fonnte troß ihrer ftarfen Er- 
Ihöpfung nicht fchlafen. Sie hörte alles, 
was im Nebenzimmer vor fic) ging. Sie 
hörte den Kellner nebenan eintreten und 
den Tee bringen, fie hörte die Mutter auch 
mit leifer Stimme ablehnen, als der Kellner 
nad) weiteren Wiinfden fragte. 

Bon Zeit zu Beit war dann das leiſe 
Klirren de3 Täßchens zu vernehmen, da- 
zwijchen ein behutſames Stuhlrüden, wenn 
die einfam im Zimmer Weilende fich erhob, 
um einen Gang um den Tif) auszuführen. 
Jedesmal näherten ficl dabei die leijen 
Schritte der Tür von Dodis Schlafzinmer. 

Später wurden feftere Schritte auf der 
Treppe, auf dem Rorridor laut: die Diahl- 
zeit unten war beendet, eine Anzahl Bade- 
gäſte holte Hüte, Schal3 und Paletots aus 
den Simmern herunter für einen Spazier- 
gang nad) dem Strand. Mit der Ebbe 


Dodi. 


war e3 auch draußen viel ruhiger geworden; 
nur ab und zu flog irgendwo im Haus 
eine Tür, ein Genfter ins Schloß, und dann 
hörte man’s aud) in der Dfenröhre Elirren 
und heulen. 

Nach einer Weile fam Onkel Alwin an. 
Dodi erfannte ihn am Gang und an jeinen 
immer fnarrenden Gtiefeln. 

Zunächſt befam Dodis Mama Borhal- 
tungen darüber, daß fie feine Abendmahl- 
zeit nehmen wollte. 

„Sie ift das gar nicht wert, das Auf- 
hebens!“ brad) er das Thema dann wie- 
der ab. 

Durd den Türjpalt drang etwas Zi- 
garrendampf. Onkel Alwin fchien rauchend 
auf und ab zu gehen; man hörte immer 
ein paar fcharfe Schritte auf dem Eſtrich, 
darauf ein paar dumpfere auf dem Teppich. 

Dann ftellte fid) auch Tante Elifabeth 
ein. Sie räufperte fid) ſchon auf dem 
Korridor. Mit ihrer etwas fpröden Stimme, 
die feltjam erregend in das gedämpfte, fait 
monotone Gefprad) einfchnitt, berichtete fie 
über den kleinen Felix, den fie ingwifden 
zu Bett gebradht Hatte: wie goldig der 
Burjche doch wäre, was er heute wieder Aller- 
liebjte3 gejagt und getan hätte. Unweſent— 
liche Wortverdrehungen des Kleinen konnte 
fie dutzendmal wiederholen; war fie gut 
gelaunt, jprach fie mit ihrem Mann über- 
haupt nur in der Stammelmanier de3 Kleinen 
Felix. 

Mehr und mehr beängſtigte es Dodi, 
daß Onkel Alwin ſo ſtill war. Er ſchien 
beim Rauchen jetzt zu leſen. Tante Elija- 
beth ftridte: man hörte manchmal das 
Klirren der Nadeln. Ihre Mama fap ge- 
wif in der Ede auf dem Sofa — den 
Kopf zurüdgelehnt, die Augen gejchlofjen. 
Sp fonnte fie neuerdings oft ftundenlang 
Dajiben, faum daß fie fic) rührte. Aber 
Onfel Alwin ärgerte fid) immer darüber, 
wenn fie fid) jo ganz ftill ihren Gedanken 
hingab. Das fchien auch jebt wieder der 
all: er blätterte immer heftiger, räufperte 
jich mißbilligend und ritdte mit jeinem Stuhl. 

Plötzlich Happte er das Burh zu und 
ftand auf. 

Und da brach der Sturm nun endlich 
los, vor dem Dodi jchon die ganze Beit 
über gezittert Hatte. 

Solang Onkel Alwin fprad, fam fein 
anderer zu Wort. Wollte jemand in eine 


381 


jeiner langen, mit viel Schachtelſätzen fon- 
jtruierten Perioden einfallen, dann erhob er 
feine Stimme nicht etwa ftärfer, aber er 
Dehnte die Worte, in denen faft jede Sikbe 
eine befondere Betonung befam. Die Ein- 
würfe feiner Frau bildeten eine Art Echo 
dazu — fie flangen aber immer noch etwas 
Ichriller und ſchärfer. 

Dodi wußte, daß fie da3 meijte davon 
morgen noch einmal zu hören befommen 
würde. Vermutlich diftierte ihr in diefem 
Ichweren Fall der Onkel die Strafe felbft 
zu. Wm meiften graute ihr’ vor der An- 
drohung, die er ihr fchon einmal gemacht 
hatte, daß fie nah Flensburg zu Tante 
Moeldefe, die dort Schulvorfteherin war, in 
Penfion gegeben würde. Cine dauernde 
Trennung von ihrer Mutti, das war das 
furchtbarjte, was fie fid) überhaupt aus- 
denfen fonnte. 

Uber das Geſpräch im Nebenzimmer 
nahm eine ganz, ganz andere Wendung. 
Plötzlich war gar nicht mehr von ihr die 
Rede, fondern von Vaterchen. 

Gie hatte ihre Mama, wenn e3 einmal 
eine Meinungsverichiedenheit gab, bisher 
immer nur ganz müde und vergramt einen 
Einwand erheben hören. Heute aber, bei 
einem Wort, das Onkel Alwin ganz leicht- 
hin, fajt verächtlich vorbrachte — fie ſelbſt 
hatte es nicht verftanden — fuhr fie in 
faft leidenjchaftlicher Erregung auf. Noch 
immer Sprach fie flüfternd, den Ton zurüd- 
haltend, allein doch fo erregt, daß Dodi 
meinte, in den furzen Pauſen ihr Atem- 
holen zu hören. 

Je heftiger, je unregelmäßiger fie ſprach, 
dejto breiter, ruhiger und überlegener ward 
Onkel Alwin Ton, der ihre Rede über- 
tönen, vielmehr erftiden follte. In furgen, 
Icharfen Ynterjeftionen pflichtete Tante Elija- 
beth ihm bei. Wher diesmal drang er nicht 
burd. Dodis Mutter fprach, fid) überjtür- 
send, fo baftig, fo dringlich, als ob fie fid 
mit einem Male einer jchweren Laft ent- 
ledigen müßte. 

Die zitternde, gepreßte, manchmal von 
Schluchzen erjtidte Stimme griff Dodi fo 
ans Herz, daß fie ih in ihrem Bett 
auf die Knie erhob und die Hände im ein- 
ander fchlang, fie gegen den Mund prefferd. 
Da hörte fie denn die Schlußworte, während 
deren Onfel Alwin endlich ſchwieg, ganz 
deutlich. 


382 


„Ihr habt meinen Mann nie verjtanden, 
nie. Weil ihr ihn gehaßt habt, fonntet ihr 
ihn nicht verftehen. Aber ich Hätte den 
Willen haben miiffen, ihn zu verjtehen, aus 
meiner Liebe Heraus zu verftehen. Da 
liegt meine Schuld. Und da liegt aud 
eure Schuld: weil ihr mich gehindert Habt, 
auf die Stimme meine Herzens zu hören.“ 

Dem folgte dann wieder ein langes, 
feifes, fait wimmerndes Weinen. 

„Du wirt dieje Worte noch bereuen, 
Maria,” fagte Onkel Alwin, der auf fnar- 
renden Sohlen etwas rajcher als zuvor auf- 
und niederging. „Wir beide, meine gute 
Clifabeth und ich, wir haben Dir die Hand 
geboten, al Dein Mann Did) ins Elend 
mit fic) reißen wollte — ja, ich fage, ind 
Elend — denn er war ein ffrupellofer 
Ubenteurer, ein wantelmiitiger, der Gelbjt- 
zucht, des Verantwortlichkeitsgefühls ent- 
behrender Menſch. Die Geſchichte gibt mir 
recht: er iſt im Elend untergegangen. Du 
wäreſt mit ihm untergegangen, wenn wir 
Dich nicht auf einen guten Pfad zurüd- 
geführt hätten. Und weil ich in ſeinem 
Kind dieſelbe krankhafte Sucht ins Weite, 
dieſelbe blinde Abenteuerluſt erkenne, darum 
warne ich Dich aus ehrlich beſorgtem, 
brüderlichem Herzen. Hüte Dich, daß Du 
den ſchlechten Inſtinkten, die das Kind von 
ſeinem Vater geerbt hat, freien Lauf läſſeſt. 
Ich ſage Dir: hüte Dich, Maria!“ 

Mit bloßen Füßen ſtand Dodi mitten in 
der Stube im Dunkeln. Sie wußte ſelbſt 
nicht, wie ſie aus dem Bett gekommen war. 

Das Schluchzen, das fic) bei dem ſchreck⸗ 
liden Worten über Väterchen aus ihrer 
Brujt Hatte empordrängen wollen, war von 
der Angſt erftidt worden. 

Xn wirrer Folge hujdten allerlei Bilder 
und Erinnerungen durch ihren Kopf. Eine 
helle, Luftige, fonnige Szene trat ihr vor 
Augen, die jahrelang ihrem Gedächtnis ganz 
entfallen gewejen war: wie Väterchen fie 
beide, fie und Mutti, auf dem Schoß ge- 
habt Hatte, wie er fie beide küßte, wie fie 
ih an ihn fchmiegten, und wie fie fo felig 
waren, fie alle drei... Dad verwirrte fid 


dann wieder mit dem lebten Wbfchied von J 


ihm ... Und dann jah fie das Bild, das 
fie in Mutter Schreibtifch gefunden Hatte, 
und hörte dazu die fchönen, tounderfdinen 
Worte, die Herr von Wehrlein gejproden 
hatte... 


Paul Ostar Höder: 


Eine heiße Welle fdien von ihrem 
pochenden Herzen nad) ihrem Hals, ihren 
Schläfen, ihren Augen zu jagen, und nun 
endlich rang fich’3 in großer Ungft aus ihrer 
eingefchnürten Kehle: „Mutti! — Mutti!“ 

Sofort verjtummte das Geſpräch drinnen. 

Haftige, faft ftürzende Schritte näherten 
ih — die Tür ging auf — Dodi3 Mutter 
blidte verftört ind Dunkle. Taumelnd fam 
die ſchmächtige, weiße Gejtalt auf fie zu, 
flammerte fic) an fie an und ftieß, vom 
Schluchzen unterbroden, aus: „Mutti — 
das ijt dod nicht wahr, was der Onkel 
fagt — Herr von Wehrlein hat doch ge- 
ſagt ... Ach, Mutti, ic) will ja ganz ge- 
wif immer artig fein, nicht mehr wild fein 
— aber Herr von Wehrlein, der hat dod 
von Väterchen gejagt .. .” 

„Stil, Kind, till, Kind!“ webhrte ihre 
Mama flüfternd, fait tonlos. 

„Väterchen fet doch fo Lieb gewejen — 
und fie Hätten ihn alle fo lieb gehabt — 
bei dem Schiffbruch damals, da hätte er 
all den armen ungen geholfen, die fonft 
ertrunfen wären, — und nun jagt der 
Onkel ... Ach, Mutti, liebe, gute Mutti, 
gelt, Bäterchen war tein fchlechter Menſch?!“ 

Onkel Alwin war feiner Schwefter zornig 
gefolgt. Yn der Tür blieb er fteben. „Du 
haft zu fchweigen, Ottilie!” donnerte er los. 
Er war fo aufgeregt, daß er nad) Worten 
judte. „Ein Kind wie Du — das fid 
herumtreibt — auf der See herumtreibt — 
mit dem erftbeften fremden Jungen — das 
verdient Strafe! Weißt Du bas? Ant- 
worte! — Schweig, ich will nichts hören!“ 

„Über Du follft nichts Häßliches über 
Väterchen jagen!” ftieß das Kind zitternd 
hervor. „Väterhen war gut — und fie 
haben ihn alle lieb gehabt — und Mutti 
aud)...“ 

„Ja, wirft Du das Kind nun zum 
Schweigen bringen oder nicht, Maria?“ 
fragte Onkel Alwin fo ftreng er fonnte. 
Elifabeth warf dazmwifchen ein: „Höre, Ma- 
tia, e8 ift wirklich unerhört, wie Du dem 
Kinde diefen Ton durchgehen laſſen fannft!” 

„Schmweig doch, Dodi, ach, ſchweig dod! 
ch — id fann ja nit mehr!" hr 
Töchterchen umfchlungen Haltend,  deffen 
heißes, tränenüberjtrömtes Geficht an ihr 
Kleid prefjend, Tieß fie fic) auf den Bett- 
rand nieder. 

Man vernahm darauf im Nebenzimmer 


Dodi. 


eine Zeitlang nur bas Schluchzen von 
Mutter und Kind. Plötzlich Schoß Elifabeth 
aber auf die gegemüberliegende Tür log, 
denn fie hörte den Kleinen Felix fic) melden. 
„Run bat mir das abfcheuliche Kind wahr- 
haftig den Jungen aufgemedt!“ rief fie 
außer fid), indem fie das Bimmer verließ. 

Cine Weile blieb Onkel Alwin un- 
ſchlüſſig ftehen. Er fühlte, daß er feinen 
jideren Poften vertrat. Aber zurüdnehmen 
wollte er vor dem inde natürlich nichts. 

„Ih will Dttiliend Unart nicht fo 
ſchwer auffaffen,” fagte er, wieder feinen 
überlegenen Ton findend, „weil fie ja offen- 
bar fiebert. Rein Wunder übrigend nad 
fold) einer Unvernunft. Aber ein ander- 
mal, Dttilie, wirft Du in diejer Manier 
nicht mehr zu Deinem Ontel fpreden. Ber- 
ftehjt Du mich?“ 

„Aber — aber Du follft aud nichts 
— nidjt3 Häßliches über Vaterden fagen!” 
ftieB das Kind, von Schluchzen unterbrochen, 
wieder hervor. 

„Stil, Dodi!” flehte die Mutter. 

„Nein, nein, nein, das duld’ ich nicht!“ 

Dem Gymnafiallehrer zudte die Hand. 
Uber er ftedte fie in die Taſche. „Nun, 
Maria, ein nettes Erziehungsrefultat, das 
muß id jagen.“ Er fchüttelte den Kopf 
und wandte fih ab. Die Tür fiel ins 
Schloß — feine fnarrenden Schritte ver- 
Toren fic) darauf im Haufe. 

Den Kopf zwifchen den Händen haltend, 
dann wieder die Hände gegen die Kehle 
prejjend, die fie ebenfo fdmergte, ging Mia 
im Bimmer auf und nieder. In diejem 
Augenbli€ war e3 ihr, als ob fie ihren 
Bruder haßte. Immer wieder fuchte fie 
die Kleine zu bejchwichtigen, wenn die zu 
reden beginnen wollte. Aber endlich drängte 
fie’3 doch zu einem erlöfenden, fie von dem 
quälenden Drud befreienden Wort. „Nein, 
nein, nein, Dodi,” fagte fie in erregtem 
Slüfterton, nach Atem ringend, „Bäterchen 
war fein jchlechter Menjdh. Er hat Did 
immer lieb gehabt — und Deine Mutti 
aud. Nur die andern, die haben ihn nicht 
veritanden, und darum war immer der 
Streit zwijchen ihnen. Uber tapfer und 
gut und ftolz war er. Sehr ſtolz, Dodi. 
Und er ift nur deshalb fo unglüdlich ge- 
worden, weil — weil... Ach, mein Gott, 
Dodi, das verſtehſt Du ja nicht!“ 

Schluchzend brach fie ab. Aber das 


383 


Kind warf fid) in einem plößlichen Anfall 
wilden Ungeftiims, in dem etwas wie Jubel 
lag, auf fie und füßte ihre Hände, nod 
immer tränenüberftrömt, nod) immer am 
ganzen Leib zitternd. 

„Ach fet doch ftill, liebe, Kleine Dodi,“ 
bat Mia flüfternd, „mach' mir bas Herz 
nicht nocd ſchwerer. Willft Du mir denn 
fo wehe tun, fo fcjredlid) wehe?“ 

Mit einemmal hielt die Kleine wie er- 
ftarrt inne. Der Vergleich mit dem fcharfen 
Meſſer, bas fie der armen Mutter in die 
Bruft ftieß, fiel ihr ein, bie fchredliche Vor- 
ftelung, mit der Tante Elifabeth fie ge- 
ängjtigt Hatte, alg fie ihr verbot, zu ihrer 
Mutter aud) nur ein Wort über Väterchen 
zu fagen. Stodend, gleichfalls im Flüfterton, 
offenbarte fie ihr auch dad. 

„Du wildes, Du Jeidenschaftliches Kind 
Du!“ fagte Mia zitternd, ſelbſt voller Angit. 
Dann prefte fie den Kopf ihres Töchterchens 
an fih. „Wir beide, Dodi, wir finnen 
ruhig von ihm fpreden, und wir wollen 
immer nur gut von ihm fprechen, hörſt 
Du? Uber ganz allein wir zwei. Denn 
er hat nur und gehört. Die andern haben 
nidts von ihm wiffen wollen. Werftehft 
Du das, Dodi?” 

„Aber die Kameraden von ihm, Mutti? 
Herr von Wehrlein hat doch gefagt: fein 
Andenken, das würden fie alle immer, immer- 
zu bod) und in Ehren halten. Ya, Mutti, 
gewiß und wahrhaftig, das bat er gejagt.“ 

Mia wwiegte fih mit dem Rinde fanft 
hin und ber. Allmählich fam eine woblige 
Ruhe über fie. Leiſe, faſt geheimnisvoll 
flüfterte fie: „Sa — wer fein Andenken 
hod) und in Ehren Halt, der darf von ihm 
fprehen. Und auf den wollen wir aud 
hören. Sonft auf feinen — auf feinen.“ 

„Mutti — ift Vaterdhen nun wirflid 
draußen auf der Gee geftorben? Sn fo 
einer jtürmifchen, fchauerlichen, ſchwarzen 
Nacht ?” 

„Danach mußt Du nicht fragen, Dodi. 
Das ift zu traurig. Wir haben ihn eben 
verloren, Dodi, für immer verloren.” Gie 
atmete tief auf. „Uber die Erinnerung an 
das, was gut in ihm war, die bleibt und. 
Und die wollen wir immer und ewig in 
Ehren halten, wir zei.“ 

„So — wie feine Kameraden! — Gelt ?“ 

Gie nidte. „Sa. So wie feine Ra- 
meraden.” (Fortfegung folgt.) 











Cokomotivenpfiff. 


Don 


Erich Ritter. 


Wenn’s ftille über den Straßen wird 

Und id) wad) und einfam ins Bud) mid) vertiefe, 
Fliegt oft, wie ein Dogel, zu Nacht verirrt, 

Weit zu mir der Ruf der Lokomotive. 


Dann eilt aus Stadt und Stein und Haus 
Mein ganzes Ferneverlangen hinaus: 

Ob idj)’s wohl je erlangen werde 

Wie er hinfliegen über die Erde? 

Und ob idy, wenn es die Stunde beut, 

So ftürmifyen Mut nod) habe wie heut ? 

D Du heißes Träumen von Frühlingstagen, 
Da der Schnellzug mid) wird in die Ferne tragen, 
An Meere, von füdliyer Sonne befonnt, 

Unter Sterne, die tief unterm Horizont, 

Unter Bäume mit fabelhaften Blättern, 

3u unfern weit entfernten Dettern, 

Wo, andern Geftirnen zugemendet, 

Des Lebens Kreislauf fidy anders vollendet, 
Aundertmal anders. Das will id) mir deuten 
Bei hundert mal hundert verfdjiedenen Leuten. 


Der kann das karge, kurze Leben 

Eben hundertmal durdjleben, 

Wer, mit taufend Dergangenheiten vertraut, 
Die Gegenwart von taufenden fdyaut, 

Und hat dann, nimmt ihn die Nadt in den Schoß, 
Nidjt die eignen paar taufend Tage bloß, 
An denen fooviel Kleinlicykeit klebt, 

Der hat Millionen Tage durdlebdt, 

Und gemonnen alles und alles erfahren, 
Was irgend zu nehmen in den paar Jahren, 
Und geht als einer, der viel vollbracht, 
Dankbar und müde zurück in die Nacht. 


D Du heifer Traum, der beglückt und verwirrt, 
Du Traum voll Weite, Du Traum voll Tiefe, 
Did) trdum’ id), wenn, durch die Nacht verirrt, 
Weither klingt der Ruf der Lokomotive. 


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Am brausenden Wasser zu Danzig. Farbige Zeichnung von Prof. Gotthard Kuehl=Dresden. 











ubb. 1. 


Urfrebs, aud Seeflorpion genannt. 


Rieien der Vorwelf. 


Dr. M. Wilhelm Meyer. 


Mit zwanzig Originalzeichnungen von Wilhelm Kubnert. 


an follte meinen, daß es faum mög- 

lich fei, noch wunderlichere Tierformen 
ji überhaupt auszudenfen, als fie die 
gegenwärtige Natur in ihrer unerjchöpflichen 
Bieljeitigfeit Hervorgebracht hat. Man braucht 
nur den Zoologijden Garten oder ein Natur- 
funde-Mujeum zu durchwandern, um aus 
der Verwunderung deswegen gar nicht heraus- 
jufommen. Aber die Forjcher, welche die 
Erdrinde nad) Reften vorweltlichen Lebens 
durchjuchen, die Paläontologen, haben fo 
abenteuerliche Riejengeftalten, jo fcheußliche 
Ungeheuer aus ihren oft Millionen Jahre 
alten Gräbern wieder ans Licht geholt, daß 
jelbjt die ausbündigſte Phantaſie folde 
Formen nicht erträumen würde Und alle 
füllten jie doch ihren Pla aus in dem 
großen Werdeprozejje der Welt, alle waren 
fie einmal notwendig, aber alle find fie 
auch überholt worden vom Beſſeren, Boll- 
fommeneren, Schöneren. 

Da alle dieſe Ungetüme heute ausge» 
ftorben find, jo müjjen in der heutigen 
Natur die für fie notwendigen Lebensbe- 
dingungen nicht mehr vorhanden fein, und 
daraus fdjon können wir jchließen, daß die 
Natur der Vorwelt, ihre phyfijden und 
klimatiſchen Verhältniſſe weſentlich andere 


(Abdruck verboten.) 


geweſen ſind. Der Erdkörper hat eine Ent— 
wicklung durchgemacht, und den wechſelnden 
phyſiſchen Bedingungen paßte ſich das Leben 
jeweilig an. Es iſt, als ob das Leben ge— 
wiſſermaßen draußen vor den Toren unſerer 
irdiſchen Welt beſtändig auf Einlaß ge— 
wartet und jede Gelegenheit wahrgenommen 
hätte, von ihr Beſitz zu ergreifen. Aber 
erſt nad) und nad traten die phyſiſchen 
Bedingungen zuſammen, welche nötig waren, 
um immer höher organiſierten, das heißt, 
immer anſpruchsvolleren Tieren das Daſein 
möglich zu machen. Sowie dieſe Bedingungen 
erfüllt waren, erſchienen auch die für ſie 
geeigneten Lebeweſen. Als dann die phy— 
ſiſchen Bedingungen ſich änderten, mußten 
die Lebeweſen ſich ihnen wohl oder übel 
anpaſſen, wenn ſie nicht zugrunde gehen 
wollten, und bildeten nur auf dieſe Weiſe, 
der unbedingten Naturnotwendigkeit ge— 
horchend, neue Arten, die ſolange unver— 
änderlich blieben, als es die äußeren Be— 
dingungen waren, unter denen ſie lebten. 
Dieſe Lehre, welche als die von Lamarck 
bezeichnet wird, tritt in einen gewiſſen 
Gegenſatz zu der Idee Darwins von der 
Ausleſe bei der natürlichen Zuchtwahl. Beide 
Urjachen aber entjpringen dem großen Kampfe 


386 


ums Dafein, oder vielmehr dem Kampfe de3 
Befferen mit dem Unvollfommeneren, des 
Guten mit dem Böfen, dem auch das 
Menjchengejchlecht feine ſchöne Entwidlung 
und feine höchjten Triumphe verdankt. Hier 
jegen auch alle ethijchen und religiöfen An- 
Ihauungen ein, die weit entfernt find, im 
Gegenjage zu diejen modernen Entwidlungs- 
prinzipien zu jtehen. 

Ich will nun hier meinen Lejern einige 
Diejer vorweltlichen Ungeheuer vorjtellen, 
und zwar ungefähr in der Reihenfolge ihrer 
Erjcheinungszeiten auf der Erde. Das gibt 


Dr. M. Wilhelm Meyer: Miejen der Borwelt. 


glutflüffigen Meere überdedt geweſen fein, 
und damal® war deshalb jedes Leben auf 
unjerer werdenden Welt noc unmöglich. 
Aber jobald die Abkühlung entjprechend vor- 
gejchritten war, erjchien auch, wie hervor- 
gezaubert aus dem Nichts, das erjte Leben. 
Die Wiſſenſchaft fann bis Heute Feine ge- 
nügende Wusfunft darüber geben, woher e3 
fam. Aber dieſes Leben war zuerjt jehr 
dürftig und unjcheinbar, fo wie es auch auf 
unfjeren erfaltenden Lavafeldern beginnt. 
Dort können fic) zunächjt nur die unver- 
wüſtlichſten Bakterien einniften, die brüh- 





Ubb. 2. Ceratojaurus oder Horneidedfe. 


ung dann zugleich auch einen, wenn aud 
nur ganz flüchtigen Uberblid der Entwid- 
lungsgeſchichte unferes Planeten jelbit. 
Buerft, jo jagt die Schrift, war Die 
Erde wiift und leer; die Wiffenjchaft jest 
nod) hinzu: und heiß. Wenn wir uns ge- 
niigend tief in die Crdfrufte einwühlen, jo 
begegnen wir immer Schichten, die der 
Lava unjerer Vulfane fo ähnlich find, dat 
man ‚annehmen muß, Ddieje „Urgejteine‘ 
waren einmal ebenjo feuerflüjjig, wie Die 
Lava aus den Feuerbergen jtrömt. Die 
ganze Erdoberflähe muß einjt von einem 


(12—15 Meter hod.) 


heißes Waffer und ätzende Säuren nocd 
nicht zu töten vermögen. Dann famen Die 
eriten Pflanzen, Algen und Flechten, Hinzu. 
An den Schichten, die unmittelbar über 
jenem kriſtalliniſchen Urgeftein Liegen, be- 
merft man Spuren diejes erjten Lebens. 
Dann fieht man an den Ablagerungen, 
daß ſich mit Waſſer gefüllte Meeresbeden 
gebildet Hatten, und der ewig finjtere Grund 
Diejer Urmeere bevöffert fic) nun jofort mit 
reichftem Leben. Auch Heute ijt bekanntlich 
Der Meeresgrund, dem man noch vor furzem 
alle Lebensbedingungen abgejprochen hatte, 


Wbb. 3. 


i 
> 
4 
F 
? 
= 
u 








Brontojaurier, bie Donnereidedjen, zwiſchen Sdhadielhalmen. 
(Gejamtlänge bis zu 40 Meter.) 


388 


bi3 in feine legten Tiefen hinein mit einem 
wunderbaren jozujagen noch vorweltlich ge- 
bliebenen Leben erfüllt. Hier auf dem 
Meeresgrunde blieben die phyfijden Bue 
jtande feit den MUrzeiten im Wefentlichen 
diejelben. Das Fältere Waſſer mußte ftets 
zu Boden finfen und bier deshalb die 
erite Lebensmöglichkeit Schaffen, wenn oben 
die Meere vielleicht noch viel zu heiß waren, 
um ein höheres Leben, etwa die Welt der 
Fische, aufzunehmen oder entjtcehen zu Lafjen. 
So blieb aljo die Lebensentwidlung nod) 
auf der Stufe ftehen, die unmittelbar unter 
der der Fiſche liegt, forweit fie fic) den 


Abb. 4. Der Stegoſaurus. 


eigentümlichen Bedingungen der Tieffee an- 
pajjen fonnte. Jene erjten Meere wimmeln 
von twunderlichen Krebstieren, unter denen 
nun bald die erjten Rieſen auftreten. Man 
jehe fic) das in Mbbildung 1 wieder» 
gegebene ungejchlachte Geſchöpf an, das die 
Größe eines Ochjen erreichte. ch möchte 
jold) einem Untier nicht in die Scheren 
geraten, Die jo groß waren wie eine tich- 
tige WBapierfchere. Und es Hat nod 
zwei gewaltige Keulen dazu, mit denen es 
den Gegner niederjtredte, oder auch wohl 
mit einem Schlage des wuchtigen vielge- 
gliederten Schwanzes, wenn die Scheren 


Dr. M. Wilhelm Meyer: 


ihn nicht erfafjen fonnten. An diejem 
Schwanze hatte e8 auferdem noch einen 
großen Stachel, weswegen man das jchred- 
fihe Tier auch einen Seefforpion nannte. 

Dieje Krebſe beherrjdten damals ihre 
Welt. C3 gab feine Gewaltigen mehr über 
ihnen. Kein Wunder, daß fie fich zu jo 
ungeheuerer Größe entwideln fonnten. Als 
aber in den Meeren die Lebensbedingungen 
für Die Fische fich einftellten, da lernten 
die bis dahin an den finsteren Meeresgrund 
gefejjelten Gejchöpfe auch jofort das Schwim- 
men und aus den Krebſen wurden in lang- 
jamem Entwidlungsprozeß Fijche, zuerſt nur 





außen gepanzert, wie e3 die Krebfe waren, 
jpäter mit einem im Innern des Körpers 
liegenden Sfelett ausgejtattet, nachdem fie 
im Schwimmen ficher genug geworden waren, 
um des jchwerfälligen, nur der Defenjive 
dienenden Bangers entbehren zu können. 
Dieje Fiſche gewannen bald die Ober- 
hand durch ihre größere Gewandtheit und 
das größere Gebiet des gejfamten freien 
Meeres, das fie fic) nunmehr erobert hatten. 
Höhere Tierformen als die Fiſche Hat 
bis zur heutigen Zeit das Meer allein über- 
haupt nicht hervorgebracht, denn die Anı- 
phibien, Reptilien oder gar die wenigen 


Riefen der Vorwelt. 389 





— — 

rin ncnı, 

\ — F BER a 
——. Abb. 5. Der Ichthyoſaurus. 
I. 


Cäuger, welde im Meere zu leben ver- feit jenen uralten Zeiten nicht mehr wefente 
mögen, verdanfen doc einer Entwidlung Lich gewachjen ift oder doch Feine neuen 
auf dem Lande ihre Eriftenz und waren felbftindigen Zweige mehr hervorbradte, 
ohne diejes niemal3 entitanden. Da aljo fondern fich durch die Hervorbringung einer 
der Stammbaum des Tierreiches im Meere ganz unerjchöpflichen Fülle von Variationen 


(F .” — 
— 


~ 





Ubb. 6. Der Plefiofaurus. 


390 


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Dr. Mt. Wilhelm Meyer: 





Abb. 7. Fliegender Drade (Pterodactylus). 
(Das Mak unten zeigt die Klafterung des jegt lebenden größten Vogels, des Nondors, an.) 


ähnlicher Formen fozujagen nur im der 
Breite ausdehnte, jo fünnten wir hieraus 
ſchließen, daß auch die phyliichen Verhalt- 
nijje des Meeres feine durchgreifenden Ber- 
änderungen jeither mehr erfahren haben. 
In der Tat, fobald einmal die Erde jich 
foweit abgekühlt Hatte, daß an den Polen 
ji) eine auch noch jo fleine bejtändige Eis— 
haube bilden konnte, jo mußte das Schmelz- 
waſſer von dieſem Polareiſe jofort auf den 
Meeresgrund herabjinfen, wie es auch heute der 
Fall ift, und ihn rings um die Erde mit einer 
Wafjerichicht bededen, die beftandig, jahraus, 
jahrein, an den Polen wie am Aquator und 
durch alle Zeitalter, eine Temperatur nahe 
dem Gefrierpunfte bejigt. Die Verhältniffe 
des Meeresgrundes mußten nun unveränder- 
fiche bleiben, während allerdings die oberen 
Meeresihichten vom Buftande der Atmo- 
iphäre abhängig find, wenngleich in viel 
geringerem Maße als die Landoberfläche, 
denn die Meere find es ja, welche die 
flimatijchen Verhaltnijje auch an ihrer Ober- 
fläche in weiten Grenzen ausgleichen. 

Wir miifjen zum Lande emporfteigen, 
um neuen Entiwidlungsjtufen zu begegnen. 
Buerft war das Leben auf dem Lande nur 
jehr dürftig, felbjt noch zu Zeiten, als das 


De Meeres jchon bis zur Erzeugung der 
Fische gelangt war. Cinesteils mochte e3 
auf den Landjchollen noch zu Heiß fein, 
denn fie Hatten fic) eben erjt aus dem 
glühenden Mutterfchoße der Erde hervor- 
gerungen. Dann lagerte eine dicht mit er- 
ftidenden Diinjten angefüllte Atmojphäre 
über Land und Meer, die dem Lichte der 
Sonne noch feinen Zutritt gewährte. Zu- 
erjt mußten dann die Pflanzen jich riefen- 
haft entwideln, damit fie die Luft reinigten 
von diejen für Die Tierwelt tödlichen Kohlen- 
jdurediinften, Die das aus Lavamafjen auf- 
gebaute Erdreich überall aushaudte. Für 
die Pflanzen dagegen ijt dieje Kohlenſäure 
Nährluft, wie für uns der Sauerftoff. Es 
entjtanden Die riejenhaften Unfrautwälder 
der Steinfohlenzeit. Nur unfcheinbare Tiere 
brachte dieſe Zeit hervor. Meiſt gehörten 
fie der Injektenwelt an, und nur wenige 
molchartige Wejen frodjen in den Sümpfen 
träge umber. 

Nach dieſer allzu üppigen Entfaltung 
der Natur begann fie für eine Weile zu 
erichlaffen. Es folgte das arme Zeitalter 
der ‘Bermformation. Erſt nad) ihm, in der 
nun folgenden Jurazeit, nahm die Tierwelt 
des Landes ihren erjten großen Aufſchwung, 


Riefen der Voriwelt. 


der jogleich der gewaltigite war, der jemals 
eintrat. Nie Hat die Natur wieder auch 
nur annähernd jo ungeheure und zugleich jo 
chrefliche Tierformen auf dem Lande her- 
vorgebraht, wie dieſe Riejenjaurier des 
Sura. Es war dies wohl zu begreifen. 
Das Meer Hatte fich längjt mit wimmeln- 
dem Leben erfüllt, das gegenjeitig einer 
allzu üppigen Entwidlung Schranken ſetzte. 
Die waghalfigften unter den Fijchen, viel- 
leicht auc) nur der bittern Not gehorchend, 
alg ganze Meeresteile auszutrodnen be» 
gannen, Hatten fic) ans Land empor ge- 
wagt und durch die Notwendigkeit der di— 
reften Luftatmung ihre Kiemen in Lungen 
verwandelt. Sie eroberten als Amphibien 
und Reptilien das Land, das überhaupt 
noch feine größeren Tiere beherbergte. Nichts 
hemmte ihre Ausbreitung und ihr, Wad)3- 
tum, denn fie fchwelgten hier im Überfluß. 
Die Erde wimmelte von jcheußlichen Lind- 
wiirmern, und geflügelte Drachen ſchwangen 
ji in Die Lüfte. Im Sclamme ihrer 
Sümpfe verjanfen fie, der mit ihnen ver- 
fteinte, jo daß ihre Rnochengeriijte fich bis 
auf den heutigen Tag über viele Yahrmil- 
tionen hin erhalten haben. Mit Hilfe diejer 


391 


Sfelette und aus den an lebenden Tieren ge- 
wonnenen anatomischen Kenntniffen fest die 
Wiſſenſchaft ihre abenteuerlichen Gejtalten 
wieder zufammen. Namentlich in Wmerifa 
hat man mit den dort für wifjenjchaftliche 
Zwede in faſt unbeſchränktem Maße vor- 
handenen Mitteln für das Nationalmufeum 
in Wajhington die Niejenleiber diejer Un- 
getüme mit wifjenschaftlicher Strenge und 
erdenflichjter Sorgfalt wieder refonjtruiert. 

Uber felbjt mit Hilfe diejer Modelle 
werden wir uns jchwer eine rechte Vor— 
ftellung von der fo völligen VBerjchiedenheit 
de3 Naturbildes dieſer fürchterlichen Zeit 
machen finnen, in der tierische Kolojje von 
der Größe mehrjtöcdiger Häufer in grauen- 
haftem Kampfe einander zerfleifchten. Das 
größte Geſchöpf unter ihnen und aljo aud 
Das größte Tier, das die Welt jemals her- 
vorbradhte, war der Brontojaurus 
(Abb. 3), die Donnernde Eidechje, weil unter 
dem Schritte dieſes Lebendigen Berges die 
Erde gedonnert und gedröhnt haben muß. 
Man hat begreiflicherweije nur immer ein- 
zelne Knochen von ihm gefunden und daraus 
Ichlieglich ein ganzes Tier zufammengeftellt. 
Deshalb bleiben die Angaben über die 





Ubb. 8. Der Urdaeopteriz. Photographie des Exemplars im Mufeum für Naturkunde zu Berlin. 


392 


Gripe desfelben ſchwankend. Daß e3 min- 
deitend 20 Meter lang wurde, ift ficher, 
aus einzelnen Knochen hat man aber jelbft 
bis zu einer Größe von 40 Metern An- 
haltspunkte. 40 Meter! Wir miiffen uns 
eine Borftellung davon zu madjen fuchen. 
Kennen die Lejer den 
großen Sitzungsſaal 
des deutfden Reichs⸗ 
tag3? Nun, fold) ein 
Tierchen mußte fchon 
den Schwanz ein we- 
nig einziehen, um 
darin eben Play zu 
finden. Der größte 
Elefant ift eine Pyg- 
mde gegen fold ein 
Eidechfen - Scheufal; 
man hätte vielleicht 
deren ziwanzig aus 
ihm machen fdnnen. 





Auf Hunderttaufend 
Kilogramm mochte 
man fein Körper- 


gericht ſchätzen, und 
wenn e3 entjprechend 
mehr fraß, wie ein 
Elefant, jo brauchte 
ein einziges Tier wohl 
an 2000 Filogramnı 
Griinzeug zu feiner 
täglihen Nahrung. 
Denn e3 war offenbar 
ein Pflanzenfreſſer. 
Der relativ Heine, —_ _ 

Ihleht mit Bähnen — 
bewaffnete Kopf fpriht 1: 
dafür. Was für eine 
abenteuerliche, für un- 
fere Anſchanungen 
{hier unmögliche Ge- 
ftalt Hatte dieſer 
Fleiſchberg! Der un- 
firmlid) Ddide Leib 


en 


Abb. 9. Gtelett des Dinornis, eines eles 
fantenbeinigen Bogels. 


Dr. M. Wilhelm Meyer: 


weglih war oder wie eine Riefenfdlange 
von fünf bis zehn Metern Länge und bis 
zu einem Meter Dide. An diefem „Schwa- 
nenhalfe” figt dann der „Heine“ Kopf, kaum 
größer als ein ausgewadjener Menjd). 
Hinten am Rumpfe der madtige Schwanz 
ift ebenjo lang wie 
das ganze übrige 
Tier. Diefen Schwanz 
mochte e8 wohl zum 
Rudern gebraudıen, 
und e3 wird deshalb 
gewiß ein ganz ge- 
wandter Schwimmer 
gewefen fein. Oft mag 
der frumme Rüden 
wie eine Kleine Inſel 
aus dem Wafjer her- 
vorgeragt haben, und 
wenn fic) dann ein 
fleineres Geſchöpf 
nichts ahnend auf die- 
ſer Inſel niederließ, 
jo ſchoß der furdt- 
bare Hals der fabel- 
haften Seejchlange mit 
graplidem Schnauben 
aus den Fluten baunı- 
hod) empor, um den 
GStörer mit einem 
Schlage zu zermal- 
men. Am Lande muß 
das Tier indes dod 
recht ſchwerfällig ge- 
wejen fein, wir fünnen 
e3 uns wenigſtens nicht 
vorjtellen, daß folche 
gewaltige Fleiſch⸗ 
maſſen ſchnell beweg- 
lid) geweſen ſein foll- 
ten. Aber malen wir 
uns einmal aus, wir 
begegneten ſolch einem 
Ungetüm im Walde. 


Dr 


=». ı 


wurde getragen von (Das Mah ects zeigt die Höhe eines augewadfee Auf jeinem Wege 
vier ſchwerfälligen DEN /ARORNER ON) würden mächtige 
Beinen. Die Füße Baumftämme wie 


befaßen fünf Beben. Sede Rralle an 
folhem Zeh wurde bis zu einem halben 
Meter lang. Nehmen wir dem Tier Hals 
und Schwanz, fo mochte e8 einem Elefanten 
nidt ganz unähnlich gejehen haben. Nun 
fonımt aber an den Riejenrumpf ein Hals, 
der wie ein ungeheuerer Elefantenrüfjel be- 


Schilf zerfniden, und feine Spuren würden 
denen einer Lawine gleichen. Uber die 
meiften unferer Laubbaume hinweg würde 
e3 an dem langen Halfe feinen Kopf ſchwin— 
gen finnen und, fic) feitbeißend in einem 
derjelben, ihn mit einem Rucke de3 wuch- 
tigen Haljes entwurzeln. Selbjt mindeftens 





Originalzeichnung von Wilhelm Kubnert- Berlin. 


Der Criceratops, die Dreihorneidech[e. 


Riefen der Vorwelt. 


jo groß wie ein Landhaus, das etwa am 
Walde jteht, würde es fic) mit jeinen hun- 
derttaufend SKilogrammen nur ein wenig 
gegen dasjelbe zu lehnen brauchen, um es 
wie ein Kartenhaus umzumerfen. C8 ift doch 
gut, daß Dieje Tiere ausgeftorben find. 
Faſt noch unheimlicder aber ift wohl ein 
anderes Eidechjen-Untier, wenngleich e3 nicht 
ganz jo groß wurde wie die Donner-Eidechje. 
Es ijt der Ceratofaurus (Abb. 2), die 
Horneidechje. Man könnte es beinahe auch 
ein Rieſenkänguruh nennen, gwei- bis drei- 
mal größer als ein Elefant. Wir feben, 
wie es zwei gewaltige Hinterbeine hat, wohl 


393 


Straßen fpagieren gehen finnen, fo wäre 
es ihm einLeichtes, zum Fenfter eines dritten 
Stodwerfes hinaufzureichen, um fitch dort 
einen von uns Menjchlein als bejonderen 
Lederbifjen herauszuholen. Freilich ijt es 
gewiß nicht zweifelhaft, daß der Menich 
ih auch gegen folche Ungetüme hatte zu 
wehren vermocht, und zwar mit der Macht 
jeiner Intelligenz. Insbeſondere diefe Dino- 
jaurier, von denen ich hier zwei Pracht- 
eremplare vorgeführt habe, zeichnen fich durch 
ganz abnorm kleine Gehirne aus, es müfjen 
ihredlih dumme Tiere geweſen fein, die 
nur durch die Ubergewalt ihrer Körpergröße 





Ubb. 10. Seefhlange der Freidezeit. 


den anderen Tieren diefer jchredlichen Beit 


gut dreimal Langer als ein ganzer Menſch, 
die Vorderbeine find dagegen nur ganz Klein, 
zum Gehen jedenfalls nicht geeignet. Das 
\chredlihe Tier ging aljo aufrecht auf den 
Hinterbeinen, wobei es fic) mit dem unge- 
heuren Schweife nod jtügte Wn dem 
furzen Halje ſaß ein großer Kopf mit einem 
fürchterlihen Rachen, ganz mit fpigen Kro— 
fodilzähnen bejeßt. Jn diejem Rachen hätten 
gewiß zwei Menjchen unverjehrt Play finden 
fünnen, aber nicht lange, denn diejes Un- 
qcheuer fraß ganz gewiß Fleiſch. Born 
über der Naſe Hatte es ein großes Horn, 
wie unjer Nashorn, e3 hat davon jeinen 
Namen. Würde fold) ein Kerl in unferen 


Velhagen & Klafings Monatsbhefte. 


XIX. Sabrg. 1904/1905. II. Bb. 


(Gejamtlänge 25 Meter.) 


im Kampfe überlegen blieben. Won den 
ganzen Hunderttaujend Rilo eines Bronto- 
jauru8 fam faum eines auf fein Gehirn. 
Das eines Menjchen wiegt mehr. 

Die Manguruh-WAhnlichfeit diejes Untiers 
macht e3 wahrjcheinlich, daß es auch jprin- 
gen fonnte. Man jtelle fic) nun ein Tier 
vor, zivei- bis dreimal größer als ein Ele- 
fant, das über ein kleines Haus hinweg- 
jpringt auf feine Beute, um fie allein durch 
jein Körpergewicht zu zermalmen. 

Nod) einem andern Wundertiere, das 
man jtüdweife aus feinem jteinernen Sarge 
holte, hat die Wiſſenſchaft feine jcheußliche 
26 


394 


Geftalt wiederzugeben vermocht, jo daß ich 
fie hier vorführen fann. Es ijt der Stego- 
jaurus (Abb. 4). Abermals fehen wir 
einen Riejenleib, wie ihn dieſe Dinofaurier 
alle hatten: Sie müfjen unbegrenzt viel zu 
frefjen gefunden haben. Wieder ein jehr 
kleiner Kopf, diesmal von einem ganz furzen 
Halje getragen. Das Merkwürdigite an 
Diejem Tiere aber ijt die Ausitattung jeines 
Nüdens mit riefigen aufrecht ftehenden 
Matten, deren größte dreiviertel Meter 
maß, und die, wie das Bild zeigt, in dop- 
pelter Reihe über das ganze Tier bis zum 
Schwanze hin angeordnet waren. Die Platten 
waren ziemlich dünn und liefen jcharf zu, 
und am Schwanze gar waren fie zu unge- 
heuren Stacheln bis zu einem Meter Länge 
ausgebildet. Dieſer Schwanz war drei 
Meter lang, und man mag e3 fich vor- 
jtellen, twas für eine fiirchterlide Waffe 
Dieje ungeheuren Dolche waren, wenn jie 
mit wudjtigem Schwunge einem Angreifer 
in den Leib gerannt wurden. Auch die 
den Rücken bejegenden Platten dienten offen- 
bar als eine Wehr gegen jene noch größeren 
Ungeheuer, die mit langen Häljen etiva von 


ubb. 11. 


Das Sivatherium. 


Dr. M. Wilhelm Meyer: 


oben herab fich auf einen jochen Lindwurm 
jtürzten. 

Und nun noch einen diejer fcheußlichen 
Dinofaurier zeige ich dem Lefer, den Tri- 
ceratops, die Dreihorneidehje (Einjchalt- 
bild zw. ©. 392 u. 393), die man faum 
nod) für ein Eidechjentier, für einen Ralt- 
blüter, halten fünnte, jondern viel eher für 
einen Didhäuter. Das Tier hatte zwei un- 
geheure, jcharf zugeipißte, nad) vorn gerich- 
tete Hörner über den Augen und nod) ein 
drittes Horn auf der Naje. Außerdem ging 
nod) ein Rüſſelanſatz von der Oberlippe nad 
unten. Ein großer Halsfragen vollendete 
die abenteuerliche Geftalt des Kopfes. Das 
Tier erreichte doppelte Elefantengröße. 

Unter dieſes Eidechjenvolf der Jurazeit 
gehören auch die allbefannten, nicht nur in 
Stein, fondern felbjt in unjerm Liede durch 
Scheffel verewigten Ichthyoſauren und 
Plejiofauren (Abb. 5). Im Gegenjage 
zu den Gewaltigen des Landes hielten jich 
dieſe meijt im Waffer auf, wie ihre Flofjen- 
flüße dartun. Ichthyoſaurus heißt Fiſch— 
eidechſe; es war ein Untier mit einem Fiſch— 
leib, aber einem ungeheuren Krokodilrachen, 





Rieſen der Vormelt. 


Ubb. 12. Dinocerad. 


oft mit Hunderten von jcharfen Zähnen be- 
jebt. Das Tier Hatte zwei riejige, teller- 
große Augen, und man hat Anhaltspunkte 
namentlich fiir einige feiner Verwandten, 
daß fie außer diejen beiden feitlichen Augen 
noch ein drittes gerade auf der oberen Fläche 
des Schädels bejaßen. Und dieje Augen 
waren wahrjcheinlich ſelbſtleuchtend; weld) 
ein unheimlicher Anblif! Der Plefiojaurus 
(Abb. 6) hatte wieder einen langen Schwanen— 
bald. Die Größe ihrer Verwandten auf 
Dem Lande erreichten diefe Meerbewohner 
nicht. Sie waren vermutlich ihre Borfah- 
ren und bildeten ihre Floſſen erjt allmäh- 
lid) zu Füßen aus, nachdem fie, mehr und 
mehr verdrängt aus dem Meere durch feind- 
jelige Elemente, zunächjt jchwerfällig ans 
Land gefroden waren, wie etwa unjere 
Robben. 

Wie plump uns auch jene Dinojaurier 
de3 Landes erjcheinen mögen, fo hat doch 
bei vielen ihrer Art der Anatom große 
Verwandtidaft mit der Teichtbejchtwingten 
Bögelfchar entdedt. Das Beden dieſer 
Tiere war vogelartig gebaut; aber das 
wichtigite Merkmal war, daß jich ihre riejen- 
haften Beinfnochen als hohl, nicht mit Mark 
ausgefüllt, herausitellten. Es waren rich- 


395 





tige Bogelfnochen. Zunächſt mochte vielleicht 
die Natur in die Notwendigkeit verfegt wor- 
den jein, Das Gewicht diefer Kolofje durch 
Dieje Aushöhlung der Knochen nach Mög- 
lichfeit zu verringern, um fie überhaupt 
nod) auf dem Lande beweglich zu machen. 
Einige aber unter ihnen machten fic nun 
diefe relative Körperleichtigfeit zu Mug, in- 
Dem fie verjuchten zu fliegen. So hatte 
fic) ja auch das Leben von der Fläche des 
Meeresgrundes über den ganzen Raum der 
Meeresbeden ausgebreitet, indem zuerjt einige 
jener Rrebje der Tieffee aus ihrem Schlamme 
emporzufpringen und mit ihrer mächtigen 
Schwanzfloſſe zu rudern begannen. Jetzt 
eroberte fic) das Leben auch die weite 
Atmoſpäre. Wer fic) aber fiihn über feine 
Mitgejchöpfe emporheben will, muß fic auch 
auf einen Sturz gefaßt machen. Deshalb 
fonnte e3 nichts Praftifcheres für die Natur 
geben, falls fie diefe Stufe in die Lüfte 
hinauf erflimmen wollte, al3 den BVerfuch 
mit den Wejen zu machen, die ebenjogut 
auf dem Lande wie im Waſſer leben konnten, 
und fie dann vom Lande her über das 
Waffer hinfliegen laſſen; fie fonnten fic 
dann nicht ſchaden, wenn fie ins Wafer 
zurüdfielen. Go lernten ja auch manche 
26* 


396 





Abb. 13. 


Fiſche fliegen. Den Miejeneidechjen wuchſen 
Slughdute zwiſchen den Vorder- und Hinter- 
beinen: Ein fliegender Drache, wahrhaft 
ichrelih anzujehen, entitand. Um Diefe 
Flughäute möglichjt groß zu machen, wurden 
nicht nur die Vorderbeine, fondern e3 wurde 
aud) noch ein Finger an denjelben gu rie- 
jiger Länge ausgezogen, ähnlich, wie es bei 
unferen Sledermaujen ift. An dem ziemlich 
langen und fehr bemweglichem Halje jaß ein 
enormer Kopf, lang und ſpitz, einem Vogel- 
ichnabel nicht unähnlich, aber der Raden 


Sfelett des Nicfenfaultiers. 





Dr. M. Wilhelm Meyer: 





(Das Mah rechts zeigt die Höhe eines Mannes an.) 


war bei den meijten Arten mit fcharfen 
Bahnen befest. Acht Meter fpannten die 
Icheußlichen Slederhaute diejes Drachen. Bn 
Abbildung 7 ift diejes erfte, Die Luft bewoh— 
nende Tier (wenn man einige im Blatter- 
werk ſchwirrende Inſekten ausnimmt) abge- 
bildet und daneben das Klaftermaß des gegen- 
wärtig größten Fliegers, des Kondor. Überall 
nimmt man wahr, wie die Natur gleich nad) 
ihren erjten Schritt in ein neues Gebiet 
ins Gigantijdhe fich auswächſt und wie erit 
jpdter dann den Bäumen, die in den Him- 


Niejen der Vorzeit. 


mel wachjen wollen, die Kronen mehr und 
mehr bejchnitten werden. Zuerſt ijt eben 
in Dem neuen Gebiete der Kampf ums Da- 
jein noch ein geringer, jpäter wurde den 
Kampfenden immer mehr Terrain genommen, 
und fie mußten fic) einjchränfen, ſowohl an 
Individuenzahl wie an Körpergröße. Da- 
für verfeinerte fich die innere Ausbildung. 

Diejer Pterodaftylus, die Flugeidechie, 
war in allen Elementen zu Haufe Er 
fonnte im Waffer jchwimmen und atmen 
und ans Land friedjen, auch mit feinen 
Krallen, die Flughdute zufammengelegt, auf 
Bäume Flettern, um ji) von ihnen in die 
Luft zu Schwingen oder auf feine Beute 
herabzuftürzen. Wie grauenvoll muß der 
Kampf mit foldem Untier gewejen fein, 
das mit feinen feuchtfalten Drachenhäuten 
jein Opfer umſchlingen mochte, bevor fein 
fürchterlicher Krofodilrahen es zu zer 
fleifchen begann. 

Uber troß diefer Vielfeitigkeit im Kampfe 
mit jeinen ungeheuren Zeitgenoſſen fonnte 
jich diejes Untier nicht erhalten. Seine Art 
hat fich glücklicherweiſe nicht bis auf unjere 
Tage fortgepflanzt. Überhaupt hat fich feiner 
diejer abenteuerlich geformten Dinofaurier 
bis heute erhalten finnen. Sobald die 
echten Vögel und die Säugetiere erjchienen, 
aljo die Warmblüter, zeigten fich felbjt dieje 
ungeheuren Reptilien im Nachteile. In einer 
feinen, jüngjt erichienenen Schrift (Die 
Weltichöpfung: Stuttgart, Verlag des Kos⸗ 
mo8, Preis 1 Mark) 
habe ich als wahr- 
icheinlichen Grund 
dafür den Eintritt 
der Sahreszeiten an- 
gegeben, die fich vor- 
her im Weltbilde 
nod nicht bemerfbar 
machten. Sobald in 
den gemäßigten Bo- 
nen falte Winter 
eintraten, mußten 
die MNeptilien in 
Winterichlaf verfal- 
len. Wher nun ent- 
jtanden gleichzeitig 
Tiere, die aus fich 
jelbjt heraus ihre 
Temperatur weit 
über Der der Um— 


gebung zu erhalten Abb. 14. 


Glyptodon oder Riejengürteltier. 


397 


vermodten, und dicje Tiere, wenngleich 
viel Heiner und ſchwächer als jene Riefen, 
gewannen leicht die Überhand über fie, fo- 
bald die Kälte jenen die Lebenskraft Tähmte. 
Nur in den Tropen erhielten fic) deshalb 
große Reptilien bis auf den heutigen Tag, 
weil fie hier nicht in Winterjchlaf verfallen. 

Der erfte wirkliche Vogel mit Federn 
war indes noch nicht groß, er war etwa 
einem Faſan zu vergleichen. Zwei Erem- 
plare nur hat man verjteint von Ddiejem 
Urchäopterir gefunden; eines davon, das 
Ihönste, befindet fid) im Berliner Natur- 
funde-Mufeum Es ift in Abb. 8 wieder- 
gegeben. Fliegende Vogel find überhaupt 
in der Vorzeit nicht über die Größe der in 
der gegenwärtigen Schöpfung lebenden hinaus- 
gegangen. Es jcheint, daß hier die Natur 
an der Grenze ihrer Möglichkeiten angelangt 
ijt. Aber die Straußvögel waren ehemals 
nod) viel größer al3 heute. Bon ihnen 
miifjen bis fajt in die Gegenwart hinein 
auf Neujeeland noch ganz enorme Crem- 
plare gelebt haben, bis zu vier Metern 
Höhe. Hier haben wir einen jolchen elefanten- 
beinigen Vogel, den Dinornis (Abb. 9), auf 
Neujeeland Moa genannt. Erjt wieder in 
den lebten Sahren Hat man auf jenem 
Stück vorjintflutlicher Erde, das aus der 
Südfee noch Hervorragt, an einer Gtelle 
Knochen von mindeftens fünfhundert Ddiefer 
Riefenvigel aufgefunden.  Cinige meinen, 
es finnten dort wohl jegt noch in bisher 





(3 Meter lang.) 


398 


Dr. M. Wilhelm Meyer: 





Ubb. 15. Das Mammut. 


unzugänglicher Wildnis lebende Moas vor- 
fommen. 

Aber wir miiffen doch noch einmal auf 
vergangene Tage zurüdjichauen. Dener une 
geheuere Fortjchritt in der Entwidlung der 
Tierwelt, der fic) durch das Auftreten der 
Säugetiere fundgab, jener Fortjchritt, der 
auf Koſten der bloßen Ubergewalt der Körper- 
größe Die vollfommenere innere Organijation 
und jchließlih an Stelle der Ausrüftung 
mit Schredlichen Wehr und Waffen im 
blutigen Kampfe um die Herrjchaft die der 
höheren Intelligenz fete, dieſer gewaltige 
Hortjchritt ging parallel und wurde nach 
der vorhin vorgetragenen Anficht hervor- 
gerufen Durch nicht minder gewaltige Um- 
wälzungen der gejamten Erdoberfläche und 
ihrer flimatijden Verhältniſſe. Die Crd- 


oberfläche begann fich wieder zu regen. 
Das Meer gewann wieder die Oberherr- 
Ichaft über fie. Nach der großen Gurazcit 
folgte die der Rreide, gewaltige Meeres- 
ablagerungen, in denen man noch manche 
meerbewohnende Saurier vorfindet, wahr- 
haftige Seejchlangen (Abb. 10). Bis zu 
25 Meter wurden diefe Geſchöpfe lang. 
Es ift nach dem, was ich vorhin über Die 
nahezu unveränderlichen phyſiſchen Verhält— 
nifje des Meeresgrundes jagte, jehr wahr- 
ſcheinlich, daß fich dort jolche Niejentiere noch 
big auf den heutigen Tag erhalten haben 
und daß die immer wieder auftauchenden 
Erzählungen von der Seejchlange zum Teil 
auf Wahrheit beruhen. Manche diefer Scil- 
derungen ftimmen auffällig überein mit dem 
Habitus dieſer Riejenjaurier, wie man ihn 


Riejen der Vorwwelt. 


aus ihren im ver- 
fteinten Meeres— 
ſchlamm der Rreide- 
periode gefundenen 
Sfeletten refon- 
jtruieren fann. 

Auf die Kreide- 
periode folgte Die 
Tertiärzeit. Zu die- 
jer wurde die Haupt- _ 
gebirgsrippe Der 
Erde, die Anden, in 
fiirdterliden vulfa- 
nischen Wehen gebo- 
ven, und aud) die 
Alpen entſtanden. 
Das ganze Bild der 
Erdoberfläche formte 
jih in gewaltigen 
Nevolutionen um. 
Und zu diejer felben 
Beit nun traten auch 
die Säugetiere, die 
böchitentwidelten Wejen der Tierwelt, auf. 
Wieder begegnen wir zuerjt riefigen, unge- 
ihlachten, häßlichen Formen, und fie waren 
auch noch ftarf bewehrt. Man fehe fic 
den Dinoceras (Abb. 12) mit feinen vier 
Hörnern an, denen fich noch zwei riefige 
nad) unten gerichtete Stoßzähne zugejellen. 
Er wurde vier Meter lang, war aljo immer- 
hin größer als ein Elefant. 





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Tun 
N 


wre im > 2 
— - 
Ubb. 16. Kopf des Nilpferdes. 


399 





— 


J — 





Sehr merkwürdig war das Sivatherium 
(Abb. 11), in dejjen Bau man Andeutungen 
an eine ganze Neihe von lebenden Tieren 
findet, al3 ob die Natur aus dieſem erjten 
Berjuch heraus fich nach den verjchiedenjten 
Richtungen hin fpezialifiert habe. Der Körper- 
bau hat Ähnlichkeit mit dem einer großen 
Antilope, Kopf und Schnauze haben, abge- 


— 





Abb. 71. Nashorn. 


400 


fehen von den Hörnern, etwas vom Tapir, 
die großen Hörner erinnern an Büffel oder 
Elen, die eigentümlihe Anordnung und 
Form der Zähne ijt die der Giraffen. 
Screiten wir durch) die Schöpfungs- 
zeitalter der Gegenwart näher und näher, 
jo begegnen uns immer mehr Tierformen, 
die nahe Verwandte in der Gegenwart be- 
igen. In unjerer Abbildung fteht das 
Niejenfaultier (Abb. 13) vor dem Lejer, wie 
e3 im Naturkunde-Mujeum zu Kenjington- 
London aufgejtellt iff. Cs foftete die Kleinig- 
feit von 20000 Marf, um diejes Tier in 
Südamerifa auszugraben und dann in Lon- 
don wieder zufammenzuftellen. Knochen 
Diejer Gejchöpfe find nur in Siidamerifa ge- 


Dr. M. Wilhelm Meyer: Ricjen der Vorrwelt. 


aus den Pampastonen hHervorgräbt. Cs 
wurde damals, vor einigen Hunderttaujend 
Jahren, drei Meter lang; heute leben über 
feinen Gräbern feine Nachfommen, oder dod) 
verwandte Arten, die nur noch einen halben 
Meter mejjen. 

Die Tierwelt jener Diluvialzeit unter- 
ichied fic) dics- und jenfeits des Atlanti- 
{den Ozeans damals mindeftens jo fehr von 
einander wie heute. Man findet bei uns 
feine Sfelette vom Megatherium und vom 
Glyptodon; dagegen erjchienen damals bei 
uns Rieſen, aus denen fic) eben wieder die 
nur auf unjerer Erdhälfte lebenden Formen 
entwidelt haben: das Mammut (Abb. 15), 
der Riefenhirjd, der Höhlenbär, und 





Ubb. 18, 


funden, in Ablagerungen des fogenannten 
Diluviums, de3 ZBeitalters, in welchem fich 
die merkwürdigen Klimajchwanfungen der 
Eiszeiten ereigneten, und die unjerer gegen- 
wärtigen Schöpfungsperiode unmittelbar 
voranging. Im Heimatlande dieſes vor- 
fintflutlichen Miejen und nur in dieſem Lebt 
oder vielmehr vegetiert heute noch jein arm- 
jeliger Epigone, der nur nod 60 cm groß 
wird und, träge an Bäumen hängend, jeinem 
gänzlichen Ausjterben teilmahmlos entgegen- 
ſieht. 

Noch ein anderes Beiſpiel dieſes all— 
mählichen Zuſammenſchrumpfens der Körver— 
größe bietet das Glyptodon (Abb. 14), das 
Rieſengürteltier, deſſen Schuppenpanzer man 


Liwe. 


alle die anderen Vorläufer, welche zum 
Teil unter den das Land mit Totenftarre 
überdedenden Gfletjcherjtrömen der Eiszeiten 
begraben und Darin jo gut fonjerviert wur- 
den, daß man befanntlid) aus dem Eife 
Sibiriens, einem Uberrejte der echten Eis- 
zeit, Mtammutfadaver mit Haut und Haar 
faſt unverjehrt herausgeholt hat. Shr Fleisch 
war nocd) jo frisch, daß die Hunde, welche 
Den Fund gemacht Hatten, jich weidlich an 
ihm Deleftierten. So gut erhalten jind dieje 
Niejentiere, daß unter den Cingeborenen 
Sibiriens die Sage geht, jie lebten über- 
Haupt noch heute unter der Erde wie die 
Mauliwiirfe, und müßten nur jterben, jobald 
ein unglüclicher Zufall fie an die Ober- 


uilssg-Jsaugny WIG I~ uoa Bunuppzeußug “Pjarqualeary 





Wilhelm Langewieihe: Die Freude. 


fläche bringt. Man findet die Kadaver mit 
langen roten Haaren bededt. Die Tiere 
hatten fid) gegen die Kälte durch dieſen 
Pelz geihügt; fie müffen aljo wohl ftändige 
Bewohner der gemäßigten Bone gewejen 
fein. Grft als fie definitiv in die Tropen 
verdrängt wurden, warfen fie den Pelz ab. 
Aud durch die elegant gejchwungenen bis 
zu fieben Meter langen Stoßzähne unter- 
icheiden fie fic) von ihren lebenden Ver— 
wandten; aber wir jehen, wie gering nun 
die Unterfchiede werden, da wir uns der 
Gegenwart immer mehr nähern. Das Ende 
der lebten Eiszeit, welde die Mammute in 
Sibirien begrub, mag nicht viel mehr als 
zehntaufend Jahre Hinter der Gegenwart 
zurüdliegen. 

Noch jünger mögen die Rieſenhirſche 
(Einfhaltbild zw. ©. 400 u. 401) fein, 
weldje man in den irischen Torfmooren 
findet. Hier gelangen wir nun ſchon zu 
den eleganten Formen unjerer modernen 
Tierwelt. Uber das Geweih maß nicht we- 
niger wie vier Meter zwifchen jeinen Enden. 

Dieſes Schöne Tier führt uns völlig zur 
Gegenwart hinüber. Dod, wenn wir ung 
nad) unjerer Wanderung durch die ferniten 
Beitalter der Erdgefchichte in diejer unferer 
heutigen Schöpfung umſehen, wie vielen 


401 


abenteuerlichen, jozujagen vorjintflutlichen Un- 
getümen begegnen wir auch noch in Diejer: 
mutet uns nicht folch ein Nilpferd (Abb. 16) 
mit feinem fcheußlichen, ungeheuern Radjen 
wie ein Geichöpf der Vorwelt an? Oder 
ein Nashorn (Abb. 17) mit feinen Fell- 
lappen, die wie uraltes, verwittertes Ge- 
ftein den Rieſenkörper decken? Mag fein! 
Uber dieje häßlichen, ſchwerfälligen Formen 
find heute doch jehr in der Minderheit. 
Der Mädhtigfte, Kräftigite und Gewandtejte, 
der König unter den Tieren ijt Heute aud) 
der Schönſte, Majeſtätiſchſte unter ihnen, 
der ſtolze Löwe (Abb. 18). Sehe ich ihm 
in fein machtvolles Antlig, in fein ruhig 
ficheres Auge, fo will e3 mir immer er- 
icheinen, al8 gäbe es eine Briide des Ver- 
ftindniffes zwilchen mir und ifm. Man 
fann nicht darüber im Zweifel fein, dab 
man e3 mit einem Wefen von verhältnis- 
mäßig Hoher Intelligenz zu tun bat, mit 
dem ein vernünftiges Wort zu reden ware, 
wenn wir feine Sprache veritänden. Das 
ijt bei fo einem Nilpferd nicht der Fall. 

Mit dem Fortichreiten der Natur zu 
vollfommeneren Organifationen hielt immer 
Schritt ihr Streben zur inneren Vervoll- 
fommnung, zu höherer Intelligenz und zur 
Schönheit. 


Die Freude. 


Das war am roten Kliff auf Split, 

Da hat in 3orn das Meer gebrüllt, 
Mit wilden Wellen, hodgetiirmt, 

Den jtillen, fteilen Strand beftiirmt. 
Und Wolken hingen ſchwarz und ſchwer 
Am Himmel über Land und Meer. 
3m Weiten lag die rote Glut 

Der toten Sonne auf der Slut, 

Und Blige zuckten rajd) und dicht 
Mit gelbem Licht, mit blauem Lidt. 
Wie einer fernen Küjte Rand 
Aufleudtete ein Schein und ſchwand ... 
Wir beide fahen, id) und Du, 
Andadtig diefen Wundern zu, 

Wir jpraden nidt, wir dadten kaum, 
Wir träumten Gottes großen Traum. 
Surük lag Liebe, Luft und Leid 

In Dunkel und Dergeffenheit, 

Und eine Sreude, fremd und groß, 
Ließ lange unfer Herz nicht los 

Und wog in einer Stunde Lauf 
Jahrzehnte Kleiner Sreuden auf... 


Wilhelm Cangewiefde. 





Vom Sdireibftiich und aus dem Hfelier. 
General Skobelew. 


von kigniß, 


General der Infanterie z. D. 


pre: den höheren ruſſiſchen Führern im Kriege 
1877/78 kann General Sfobelew als die glän- 
zendite En eigenartigite Perſönlichkeit bezeichnet 
werden, durch Führereigenſchaften, Kenntnifje und 
Tapferkeit gleich hervorragend. Neben viel Licht 
war bei ihm auch viel Schatten vertreten. Man 
fann bedauern, daß er ftatt des Heldentodes auf 
dem Sdchlachtfelbe in Mtosfau ein jo unjchönes 
Ende fand. 


Michael Dmitriewitſch Stobelem wurde am 


29. September 1844 in Petersburg geboren. Gein 
Vater war Kavallerie -General und machte als 
Kommandeur der kaukaſiſchen Koſakendiviſion den 
türkiſchen Krieg mit. Er ſtarb nach dem Kriege 
am Herzſchlage, nachdem er ein bedeutendes Ver- 
mögen angejammelt hatte. Er galt für einen vor- 
trefflichen, nicht bedeutenden Mtann. Der Groß- 
vater foll Koſak gewejen fein und von der Pike 
auf gedient haben. In den Freiheitstriegen 
1813/14 war er ein renommierter Kofafenregi- 
ment3-Klonmandeur. 

Dank jeiner Mugen und ehrgeizigen Mutter 
erhielt der junge Skobelew eine fehr jorgfältige 
wijjenjchaftliche Bildung, er lernte fertig franzötiich, 
deutſch und engliich fprechen. In den Milttär- 
wijjenfdhajten war er hervorragend bewandert und 
jtudierte unabläjlig bis zu jeinem Tode. Gein 
Seal war Napoleon I. Sein Teidenichaftlich 
unruhiges Leben, mit Neigung zu Trinkgelagen 
und Orgien, beeinträchtigte nicht jeinen militäri» 
ſchen und wiſſenſchaftlichen Eifer, fie ftörten und 
jhwächten keineswegs den ihn bejeclenden glühen- 
den Ehrgeiz. 

Mit 18 Jahren trat Sfobelew als Junker 
in Das vornehmſte Navallerie-Regiment in Peters— 
burg, das Chevaliers-Garderegiment, ein. Er paste 
aber wohl nicht in Dies Milieu, denn er wurde 
zwei Sabre jpäter, zur Zeit des polnischen Auf» 
ftandes, in das Grodno » Hujarenregiment nach 
Warſchau verjegt. Ctwa nad) Beendigung deg 
Aufſtandes erfolgte jene Einberufung in Die 
Meneralitabs » Akademie, deren Kurſus er „mit 
Auszeichnung“ abjolvierte, er wurde daher jo- 
gleich, 1868, in den Generalitab verſeßt. Zunäcit 
Diente er int Stabe des General-Gouvernements 
Turfejtan, dann, 1870, im Kaukaſus, Furze geit 
Darauf bei der 22. Infanterie-Diviſion in Nom: 


gorod. — Im Jahre 1875 machte er im Stabe 


(Abdruck verboten.) 


bes Generals Werewkin den Bug von Orenburg 
nad) Chiwa mit. Bei den Unruhen in Chofand 
und dem zuerjt notwendigen Rüdzuge, fowie bei 
der folgenden Wiedereroberung des Chanats zeich- 
nete er fic) jehr aus. In einem felbjtändig von 
ihm geleiteten Gefechte bei Balyftichi, am 2. März 
1876, zeigte er Führertalent. Die Beltegung 
dDiejer wenig Starken Gegner jollte ihm viele Be— 
fohnungen einbringen, er erhielt den goldenen 
Gabel für Tapferkeit, bas Ofjigiers- und Kom— 
mandeur-Georgenfreuz und wurde kurz nadein- 
ander zum Oberften, zum Generalmajor und zum 
General a la suite des Staijers ernannt. Der 
junge General, von auffallender männlicher 
Schönheit, wurde fchnell populär und auch ver- 
wöhnt. Er jah mit jeinem ajchblonden Bart und 
Haar, fowie mit feinen blauen Augen mehr wie 
ein Germane als wie ein Slawe aus, und hinter 
jeiner ruhigen Eleganz hätte man nicht eine fo 
wilde Leidenichaftlichkeit vermutet. 

Auf Wunjdh jeiner Mutter heiratete er eine 
reihe junge Dame aus guter Familie, die Heirat 
blieb aber ohne Einfluß auf jein Leben, da er 
Die junge Frau gleich nad) der Hochzeit für immer 
verlich. 

Sn den Petersburger Salons, in denen er 
eine große Rolle hätte jpielen können, erjchien er 
nie, er liebte nicht diefe Art von Gefelligfeit, 
welche bejonders in Petersburg viel Anziehen: 
des bietet. 

Der General fehrte bald wieder nad) Zen- 
tralafien zurüd. Ceine Ernennung zum Militär- 
Gouverneur des Chanats Chofand, jegt Bezirk 
Tergana genannt, war nicht gliidlid), denn er 
war für eine joldhe Stelle offenbar zu jung und 
zu wenig vorbereitet. Wiederholte Mißgriffe und 
auch feine afiatiiche Eittenlofigfeit zogen ihm die 
Ungnade des Kaiſers zu, obgleich er einflußreiche 
Gönner am Hofe hatte. Seine Mutter war eine 
nahe Verwandte des in hoher Gunft beim Raijer 
ftchenden Weneral-Wdjutanten Grafen Adlerberg, 
jie fptelte tine große Rolle in der Petersburger 
Geſellſchaft, ihre Tochter war damals, 1876, dic 
erjte Schoͤnheit.*) 

*) Dieje Dame heiratete im Jahre 1878 den 
Prinzen Eugen von Romanowski -Leuchtenberg, 
einen Entel des Kaiſers Nikolaus. 


von Lignig: General Sfobelem. 


Sm Frühjahr 1877 bewarb fic) General 
Skobelew vergeblih um ein Kommando bei der 
Donauarmee und fonnte nur erreichen, daß ihm 
geftattet wurde, im Stabe fetnes Vaters als Dr- 
donnanzoffizier zu bleiben. Yn diefer beicheidenen 
Stellung war er fehr tätig und auch nugbringend. 
Beim Donauübergange funktionierte er als frei« 
williger Crdonnangoffigier beim General Dra- 
gomirow, Ddeffen Divijion die Tete hatte. Bn 
den nächiten Tagen trat er dann durch eine befon- 
dere Leitung jehr hervor. 

Der Mangel an Kavallerie auf dem jenfet- 
tigen Ufer vor Fertigwerden der Brüde wurde 
jehr empfunden, die übergejegten Koſakenpatrouillen 
genügten nicht für die Aufklärung. 

General Skobelew ſchlug vor, einen Teil der 
kaukaſiſchen Rofatendivifion ſchwimmend übergehen 
zu laffen. Der mit einer größeren Anzahl Pferde 
gemachte Verſuch mifgliidte, die Donau war durd) 
Hochwaſſer nahe 1200 Meter breit und ftarf ftrö- 
mend. General Sfobelew ſchwamm aber weiter 
und erreichte tatfächlich bad jenjeitige Ufer, ebenjo 
ein Koſak. Ich fam zu diejer Zeit per Kahn von 
Siftewo zurüd und begegnete dem General einige 
hundert Schritt vom jüdlichen Ufer; er jak in Hemd 
und Unterhojen auf einem hoc) im Waffer auf- 
gerichteten, jcheinbar fehr erichöpften Pferde und 
war ganz allein in dem breiten Strom. Ich for- 
derte den General auf, in meinen Kahn zu fteigen, 
da das Pferd nicht mehr weiter fönne. Cr lehnte 
es ab und rief mir zu, er wolle beweijen, daß 
die ruſſiſche Kavallerie die Donau ſchwimmend 
pajfteren könne. Da ich weiterjahren mußte, 
ihidte ich ihm einen anderen Kahn nad, der ihn 
unmeit des Ufers aufnahm. Das Pferd ſchwamm 
nod) bis ans Ufer und frepierte. Die Leiftung 
des Generals machte einen großen Eindrud, 
wenn fie auch ihren Zweck nicht erreichte, aud) 
nidjt erreichen fonnte. — 

Bei den erfolglojen Angriffen der Ruffen 
auf den von den Türken befeftigten Echipfapaß, 
am 17. Juli von Norden, am 18. von Süden, 
war General Sfobelew zunächſt nicht zur Stelle, 
traf aber dod) nod) jo rechtzeitig ein, daß er am 
19. mit einem Anfanterie-Regiment von Norden 
her einen neuen Verjuch machen konnte. Diefer 
glüdte, denn die Türken waren infolge Bedrohung 
ihrer Rüdzugslinie durch General Gurfo in den 
Frühftunden abgezogen. Als wir mittags mit 
dem General Gurfo Hinaufritten, fanden wir 
General Cfobclew im Bejiß der Pofition und 
der von den Türken zurüdgelajjenen Gejchüte. 

Beim zweiten Angriff auf Plewna, am 
30. Sulit, erbat und erhielt Sfobelew das Kom- 
mando über ein kleines Detachement (ein Ba- 
taillon, eine Kofafenbatterie und einige Eotnien) 
auf dem äußersten linfen Flügel der angreifenden 
beiden Armeelorp3. Glücklicher als die anderen 
Führer, Drang er mit feinen 800 Mann Infan— 
terie big nahe an die Stadt vor und vermochte, 
al3 die beiden Armeeforps gejchlagen und ver- 
folgt zurüdwichen, fein Detachement mit nur ge- 
ringen Xerluften zu retten. Während die Korps- 
fommandeure Baron Krüdener und Fürlt Scha- 
chowskoi für den Mikerfolg in der rujfiihen und 
ausländiihen Preſſe lebhaft frittfiert wurden, 
fand General Sfobelew jdon damals ein über- 


403 


mäßiges Lob. Mit feiner vollendeten Sprach— 
fenntnis war er den Berichterftattern ausländi- 
cher Zeitungen fehr zugänglich. Er hätte aber bei 
jeiner hervorragenden Tüchtigkeit die Unterſtützung 
der Beitungstorrejpondenten nicht nötig gehabt, 
um ein berühmter Mann zu werden. — 

Die Eroberung der Vefeltigung von Lowtſcha 
am 3. September, welche General Gfobelew als 
Unterführer des Fürften Imeretinski mit großem 
Geſchick und glänzender perjönlicher Tapferkeit 
leitete, begründete fein Renommee bei der Donau- 
armee. Sein Erfolg belebte von neuem die Hoff- 
nung, durch gewaltjamen Angriff mit Plewna 
fertig werden zu können, wenn man nur dver- 
ftand, die überlegene Artillerie gründlich auszu- 
nüßen. Bei Lowtida kämpften 56 Gejchüge fünf 
Stunden lang gegen fünf türkische, und der fol- 
gende Sturmangriff der Snfanterie, welchen 
Skobelew anführte, foftete verhältnismäßig ge- 
ringere Opfer, als zweimal vor Plewna. Cin 
wanfendes Bataillon ließ der General in Linie 
aufmarfchieren und im Feuer drei Minuten lang 
Gewehrgriffe machen. Fürft Imeretinski meldete 
nach dem Gefecht über General Stobelew an den 
Oberfommandierenden: „Die Reputation diejes 
durd) militdrifche Fähigkeiten und Tapjertert 
glänzendften Generals tft Eurer Kaijerlichen 
Hoheit und der ganzen Armee jchon jo befannt, 
daB ich nur nod) zu melden habe: den Erfolg 
bet Lowtſcha danfe id) vorwiegend thm.” — 

Es war hiernach erflärlih, daß man Cfo- 
belew bei dem dritten Angriff auf Plewna eine 
hervorragende Rolle zumies, welcher er auch in 
Energie und Tapferkeit gerecht wurde, wenngletd) 
ihm O8man Paſcha mit jeinen Nejerven den end- 
lichen Erfolg wieder entriß. . 

Beim Wnmarjd gegen Plewna führte Ge- 
neral Stobelem die Avantgarde de3 22 Bataillone 
und 102 Geſchütze ftarfen Detachement3 Ymere- 
tingfi und jollte etwa an bderjelben Stelle wie 
beim zweiten Angriff gegen die Stadt und Die 
Rüdzugsitraße der Türken vorgehen. O8man 
PBaicha Hatte feitdem die Befeſtigungen aud) hier 
bedeutend verjtirft und fie in der Flanke durch 
drei neue Werfe bet Kriſchin geſtützt. Fürſt 
Ymeretinsfi wollte diefe Werke mit Artillerie und 
Anfanterie nur bejchäftigen, während Skobelews 
Angriff im Anſchluß an das von Südoſten her 
gegen die Stadt vorgehende IV. Armeekorps ſtatt— 
finden jollte. Weffer wäre es gewejen, die ganze 
Kraft des Ungriffes zunächſt gegen die Werke bei 
Kriſchin zu richten, da mit diejen die die Stadt 
ihügenden Befeltigungen fallen mußten. 

General Stobelew ging während der fünf- 
tägigen Bejchteßung durch die Artillerie mit jeiner 
Anfanterie allmählid) vorwärt® und grub fic) auf 
den flachen Höhen ein. An dem Sturmtage, dem 
41. September, ftellte ihm Fürſt Imeretinski nach 
und nad) feine fämtlichen Truppen zur Verfügung. 
Mit einer legten Rejerbe von 12 Kompanien und 
den Reften der den Tag über engagiert gewejenen 
Bataillone machte er dann ?',5 Uhr nachmittags 
den berühmten Sturm auf die beiden Halbredou- 
ten weftlich der Stadt, welcher unter enormen 
Verluften gelang. Wie mir General Skobelew 
furz darauf felbjt erzählte, glüdte der Angriff 
nur dadurch, daß er eine Batterie auf 300 Schritte 


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heranführte, al3 die Majje der Angreifer in einem 
toten Winkel unterhalb der Werfe liegen blieb 
und nicht weiter vorzubringen gewejen war. ©o- 
bald die erften Granaten in die Bruftwehr ein- 
ihlugen, ohne Schaden anzuridyten, aber mit 
einem gewiljen Effelt, erhob fic) bie gujammen- 
geichofiene, Ddireftton8lo3 gewordene Maſſe der 
Angreifer. Sie ftiirmten die Werke, nachdem 
ihnen die eigenen Granaten den Impuls ver- 
lichen hatten, welchen die Führer nicht mehr zu 
geben vermochten. Skobelew befand fic) auf 
jeinem Schimmel unter den Vorderften, dicht am 
Graben ftürzte das Pferd getroffen nieder, er 
richtete fid) jchnell auf und fprang über ben 
Graben. 

Die Todesveraditung und aud) das Glüd 
des Generals im jchärfiten Feuer hatten bei feinen 
Soldaten die Legende entitehen lafjen, daß ihn 
in Durkeftan jemand von den Kugeln freige- 
iprochen, und daß er von einem Perfer ein Schuß- 
wort für 5000 Rubel gefauft habe. Skobelew 
ließ die Leute bet diefer Vorftelung und ver- 
heimlichte es forgfaltig, alg er von einem Granat- 
jplitter am Rücken verwundet wurde. 

Die genommenen beiden Halbredouten Hatten 
in der Richtung der Flankenwerke feine Bruft- 
wehr und wurden von Diejen fogleich ftarf be- 
jdoffen, fie blieben im Feuer der nad) Norden 
zurüdgegangenen Berteidiger, 
Slanfenfeuer von der Stadt her. General Sto- 
belew begab fich zurüd, um Referven heranzu- 
holen, denn nur mit diejen ließ fic) ein Angriff 
auf die Stadt unternehmen. Fürft Smeretinsti 
hatte aber nicht einen Mann mehr, und das Ober- 
fommando verfügte nach dem fajt überall blutig 
abgejchlagenen Angriffe auf dieſem Flügel über 
nur nod ein QYufanterieregiment, welches aud) 
abgeihidt wurde, aber zu fpat fam. *) $8man 
Paſcha hatte alles herangezogen, was auf den 
verichtedenen Fronten entbehrlid) war, und fonnte 
mit 17 Bataillonen am 12. wiederholt Gegen- 
angriffe machen, die viermal fdetterten, aber das 
fünfte Mal, 5 Uhr nachmittags, gelangen. Es 
blieb dann übrig nur die Tatjache eines heroi- 
ihen Angriffes und einer heroiſchen Verteidigung, 
mit einem Berluft von nahe 8000 Mann, etwa 
48°), der engagiert getvejenen Infanterie. Qn 
ruffijhen und ausländiichen Zeitungen wurde 
von neuem das Lob de3 tapferen Generals ge- 
jungen, welcher einen großen Erfolg errungen 
haben mwürde, wenn er rechtzeitig unterftüßt wor- 
den ware. 

Anfang November, nun endlid) als Kom- 
mandeur der 16. Infanterie - Divifion in einem 
regelrehten Kommandoverhältnis, unternahm 
General Cfobeler auf demjelben Angrifisfelde 
eine ſprungweiſe Vorwartsbewegung gegen die 
Redouten bei Kriſchin, wieder mit viel perjön- 
liher Bravour. Nachdem die Divifion ich Hier 
jomweit feftgejest Hatte, daß die Verbindung nad) 
dem linken Vidufer gededt war, ließ General 
Todleben die weitere Offenjive als ausjichtslog 
etn iteiien. 


D. h. um die Redouten zu retten, es er— 
litt — bei der Tedung des Rückzugs erhebliche 
Verluſte. 


ſowie auch im 


von Lignitz: 


An dem Balkanübergang Anfang Januar 
1878 nahm General Skobelew einen hervorragen- 
den und erfolgreichen, aber auch recht kritiſierten 
Anteil. Mit 22'/, Bataillonen, 14 Geſchützen 
und 4 Kavallerieregimentern paffierte er das ver- 
Ichneite Gebirge weftlid) bes Schipfa und war am 
8. Januar erjt mit feiner Avantgarde auf der 
anderen Geite angefommen, als die öſtliche Ko— 
Ionne dispoſitionsgemäß angriff und mit erheb- 
lichem Berluft guriidgejdlagen wurde. Der Ge- 
neral erklärte mir fpäter feine Baffivität damit, 
daß er die Wahl gehabt habe, mit einigen ganz 
erihöpften Bataillonen anzugreifen und ebenfalls 
einen chef zu risfieren, oder am folgenden Tage 
mit ganzer Kraft einen ficheren Erfolg zu er- 
ringen. Diejen Erfolg erreichte er am 9. Januar, 
indem das Korps Weſſel Paſchas nad) feinem An⸗ 
griff fapitulterte.*) Unrecht war es aber doch, 
die öftliche Kolonne am 8. im Stic) zu laſſen, 
denn die Türken hätten dieſe aufreiben und 
dann nach Süden abmarfdieren fünnen. Über 
den fdjwierigen Valfaniibergang im tiefen Schnee 
äußerte der General, er habe zeitweije die Ope- 
ration für unmöglic gehalten, dann mußte er 
fi) aber jagen: Gurfo ift {don drüben, ihm ift 
e3 ja gelungen! — 

Gleid) nach dem Kriege waren Skobelews 
perjönliche Pläne recht Hochfliegend gewejen. Auf 
Grund jeiner großen Popularität hatte er vor- 
übergehend die Hoffnung, dem Prinzen Alerander 
von Battenberg bet der Shronfandidatur in Bul- 
garien Sonfurrenz maden zu finnen. Die 
deutſche Abftammung diefes von Alerander IL, 
jeinem Onfel, protegierten Prinzen fonnte bei 
Bulgaren und Panjlawiften als ungünftig geltend 
gemacht werden. Einige Monate vor der definitiven 
Wahl des Prinzen zum Fürſten begab jid) Stobelews 
nicht minder ehrgeizige Mlutter mit 50 000 Rubeln 
nad) Bulgarien, angeblic) in Angelegenheiten des 
Roten Kreuzes, tatfählih um für ihren Sohn 
Propaganda zu machen. General Sfobelew hatte 
jeiner Mutter als Begleitung und Schuß einen 
fener früheren Ordonnanz- Offiziere mitgegeben, 
einen wegen hervorragender Tapferkeit mit dent 
Georgenorden deforierten Kojalen. Auf einer 
Nadıtfahrt bei Philippopel ermordete diejer Offi- 
zier Madame Sfobelew mit Hilfe von drei Mon- 
tenegrinern, welche dem Wagen auflauerten und 
den Kutſcher niederjchlugen. Letzterer hatte fic) 
tot gejtellt und gejehen, wie der Offizier die um 
thr Leben flehende Dame über den Kopf hieb. 
Drei Tage darauf wurden die Naubmörder ge- 
fapt und erhielten den verdienten Lohn. — 

Das Expanfionsbediirfnis Rußlands in Zen- 
tralafien Hatte im Jahre 1879 zu einem Konflikt 
mit den nod) unabhängig gebliebenen Athal-Tefe- 
Turkmenen öftlich des Kaſpiſchen Wreeres geführt. 
Nad) einem mipgliidten Vorſtoß des Generals 
Lomakin in dieſem Jahre gegen den bejeftigten 
Hauptort Geok-Tepe wurde General Stobclew 


*) Zu Anfang des Gefechtes wurde Sfobelew3 
bet Lowtſcha und Plewna jehr bewährter Gene- 
ralftabSchef Kuropatfin fchwer verwundet. An 
jeine Stelle trat Graf Keller, welcher als Korps— 
fommandeur am 31. Juli 1904 in der Man— 
dichurei fiel. 


General 


1830 mit einer größeren Expedition betraut, deren 
Biel die völlige Unterwerfung dieſer Turfmenen 
war. Mit reichen Mitteln ausgerüftet und mit 
genügend viel Truppen fonnte es dem in folden 
Kriegszügen reich erfahrenen General nicht ſchwer 
fallen, das von einer hohen Mauer umgebene, 
aber mit jdjlechten Waffen verteidigte Geof-Tepe 
zu erobern. Die furze Belagerung mittels Be- 
Ihießung und Minenangriff endete mit einem 
für die Verteidiger blutigen Sturm am 12. Qa- 
nuar 1881. Gfobelew überließ den Ort mit den 
zahlreich dorthin geflüchteten Frauen drei Tage 
lang der rohen Plünderung durd) feine Soldaten, 
ein bedauerlicher Abſchluß feiner bis dahin fo 
ruhmpollen kriegeriſchen Tätigfeit. 

Kurz vor dem Erfolge war dem Kaifer in 
mehreren Telegrammen die Lage der 7000 Be- 
lagerer als fo bedenklich Hingeftellt worden, daß 
bas Giegestelegramm wie erlöjend wirfte und 
dem Sieger zu gleicher Zeit zwei hohe Auszeich— 
nungen eintrug. — 

Bald nad dem Tode Sailer Wlerander3 II., 
am 13. März 1881, begann die politiiche Tätig- 
feit des zum Kommandeur de3 IV. Armeelorps 
in Minsk ernannten Generals. Die überhand 
nehmende panjlamijtiihe und Ddeutjch-feindliche 
Bewegung zog den fehr populär gewordenen 
Kriegshelden in ihre Sreife, und es ift mohl 
möglich, daß er von einer revolutionären Be- 
wegung eine große, jeinem glühenden Chrgeize 
entjprechende tolle erwartete. Sprach er e8 dod) 
wiederholt und offen aus, daß Napoleon I. fein 
Ideal fet. In Minsk war er nur wenig, öfters 
in Mosfau und viel in Petersburg, wo er nad) 
Dem Tode jeined Vater über ein Haus und ein 
bedeutendes Privatvermögen verfügte. Ju Sa- 
fons erſchien er auch jept nicht. Die Frau des 
Minifters von Giers jah ihn gum erjten Male 
bei der von Paris in Biindnisangelegenheiten 
herübergelommenen Madame Adam, Heraus- 
geberin der „Nouvelle Revue”. Er war umgeben 
von einem Privatjtabe junger Offiziere, welche 
aus der Provinz beurlaubt waren und von ihm 
entjprechende Zulagen erhielten. 

Im Dezember 1881 hatte ich ein Gejpräd) 
mit dem eben von Moskau angefommenen Ge- 
neral, dasjelbe läßt jeinen Ydeengang erkennen. 
Cr beftdtigte zunächſt bas Gerücht, daß er auf 
einige Beit nad Frankreich reijen werde, „da ja 
nichts zu tun fei”, fegte aber glei) darauf mit 
Erregung Hinzu: ‚je dis rien a faire, mais c’est 
vrai que les coups de fusil que l’Autriche donne 
la-bas,*) me retentissent dans le ecceur.“ Er 
führte dann den legten Akſakowſchen**) Artikel 
in der Zeitung „Ruß“ über die Folgen des Ber- 
liner Kongreſſes an, welder Rußland erniedrigt 
habe, er ſtimmte dem Artifel vollftändig bei mit 
dem Hinzufügen, ebenfo fprdde man in Moskau 
bi3 in den legten Traftir***) hinab. Ich unter- 
ließ nicht, zu erwidern, daß die Nachrichten aus 
Dalmatien übertrieben feien und daß Oſterreich 
nicht die Abfiht haben fonne, den Frieden zu 


*) Aufftand der Slawen in Dalmatien. 
**) Der journaliftiihe Führer der Pan- 
flawiften. 
***) Volf3-Speijewirtichaft. 


Skobelew. 


405 


efährden. Der General erwiderte, auch für Rup- 
and fet der Friede wünjchensmwert, aber e8 könne 
zu einem cri de desespoir fommen, gerade bei der 
gegenwärtigen inneren Lage. Das Bolt fühle 
ſich beleidigt Durd) die Politi! der Regierung, 
welde einen zu großen Abftand bilde gegen die 
Politik Wlerander3 I. und des Kaijers Nikolaus. 
„Wir wollen von Europa fonfideriert jein, wie 
damal3” ... „Nehmen Gie und mit umjeren 
Schwächen und Fehlern, wir find einmal fo.“ 
Die gegenwärtige Situation jet jo getänelich, weil 
das Volk fich ftärker fühle als die Regierung, die 
Regierung werde nachhinken müjjen und dann 
Unfinn maden. Den für bas morgende Georgs- 
feft getroffenen Sicherheit3maßregeln, der erheb- 
lichen Reduzierung der Einladungen, dem Aus- 
geben von vorzuzeigenden Cinlapfarten bis an 
die Generaladjutanten legte er mit tadelnden 
Worten eine große Bedeutung bei, in Mo3fau 
habe er Veteranen weinen jehen, die diesmal eine 
Einladung nicht erhalten Hatten. Der deutſche 
Kaijer habe in Straßburg unter Abweijung von 
Sicherheitsmaßregeln gejagt: „Si l'on porte une 
couronne, on doit savoir la porter et la porter 
jusqu’a la fin.“ 

Den Jahrestag der CErjtiirmung von Geof- 
Tepe vermwertete General Stobelew am 12. Ja— 
nuar 1882 zu feiner erjten politifden Rede 
gelegentlic) eines Feſtmahles in einem Hotel gu 
Petersburg. Diejelbe enthielt in folgenden Sätzen 
direfte Schärfen gegen die Deutjdjen und deren 
vermeintlichen jchädlichen Einfluß in Rußland: 

„Unfere Generation Ddurchlebt eine bedeu- 
tung3volle, in der Gefdhichte nod) nie dageweſene 
Beit. Vor einigen Yahrhunderten herrichte in 
internationaler Beziehung das Fauſtrecht. Diejer 
Periode folgte die Zeit der Traftate, wo als 
höchſte Staatsweisheit galt, Verträge der Form 
nad) zu Halten, dem Geifte nach zu bredjen. Das 
ift der Eindrud, den der Einfall in Schlejien 
hervorruft. Unferer Bett war e3 bejchieden, Die 
Erfahrung zu machen, daß der Starkere dem ver- 
meintlicd) Schwächeren gegenüber feine Beziehungen 
auf Blut und Cijen bafiert und daß Gewalt über 
Recht geht. Es ift jehr bedeutungsvoll, daß eine 
ähnliche offizielle Anerkennung der Rechtlofigfert, 
begründet durch Tatjachen, noch nie in der Ge- 
Ichichte vorgefommen ift. Große patriotiiche Ver- 
pflichtungen legt unjer eijernes Zeitalter unjerer 
Generation auf.“ „Außerſtes Mißtrauen 
allem Fremdländiſchen gegenüber, das imſtande 
ſein könnte, legitime hiſtoriſche Ideale des Vater- 
landes zu ſtören, gilt als patriotiſche Pflicht.” ... 
„Die in den letzten Jahren gemachte Erfahrung 
hat uns gelehrt, daß im Fall ein Ruſſe zufanig 
auf den Gedanken kommt, er gehöre dank ſeiner 
Geſchichte einem großen und mächtigen Volke an, 
oder im Fall, was ja ſchrecklich wäre, derſelbe 
Ruſſe daran denkt, daß er eine große Familie 
mit den ſlawiſchen Stämmen bildet, die gegen— 
wärtig unterdrückt und bedrängt werden, daß in 
einem ſolchen Fall in der Mitte unſerer bekann— 
ten, zu Hauſe gezüchteten und ausländiſchen Nicht- 
ſtammesgenoſſen Stimmen des Unwillens und 
des Tadels laut werden, und daß dieſe Herren 
meinen, ein ſolcher Ruſſe befinde ſich nicht unter 
normalen Verhältniſſen, ſondern unter dem Ein— 


406 


jlug irgendwelcher Bachhanalien. Aus diejem 
Grunde bitte ic) mir zu geftatten, den Pofal mit 
Wein gegen ein Glas mit Waffer zu vertaufchen“ 
... Er erinnerte dann in Schmerzengausdrüden 
daran, daß am Mdriatiichen Meere eine Völker⸗ 
ihaft eben um Glauben und Unabhängigfeit 
fämpfe, jein Herz zude frampfhaft gufammen, 
ein großer Troft bleibe der Glaube an die Macht 
des Hiftoriihen Berufs Rußlands. „Meine 
Herren! Yeh bringe aus vollem Herzen die Ge- 
jundheit Geiner Majeſtät des Kaiſers aus!” — 

In der Pctersburger Gejellichaft und bei den 
Gardeoffizieren fand diefe Rede feine Zuftimmung, 
aber im Innern Rußland madte fie dod) Eindrud. 


Etwa zwei Monate darauf folgte in Paris 
eine Anrede an jüdjlawiiche Studenten , welche 
nod) ftdrfer den „Deutichen” als den eigentlichen 
Feind bezeichnete mit einer Wendung, welche auf 
die deutiche Wbjtammung der Dynaſtie hinwies. 
Die Rede hatte mehr in Form einer Unterhaltung 
ftattgefunden und murde von den Studenten in 
einer Faſſung in die Zeitung ,La France” ge- 
bracht, mweldye Skobelew kurz darauf in einem 
Interview als unrichtig bezeichnete. Die Peters- 
burger Beitungen brachten die Rede nicht. Der 
General wurde von feinem Urlaub zurüdberufen 
und vom Saijer unter vier Mugen getadelt. 
Sfobelew ftellte dies aber in Abrede, der Kaiſer 
wire ihm gegenüber „ein guter und gutmütiger 
Herrſcher“ gemejen. 

Bei einer folgenden großen Tauffeierlicjkeit 
am Hoflager in Zarskoje trat der politifche Ge- 
neral faft triumphierend auf, er war fehr entoure, 
fein Anhang und fein Einfluß in Petersburg 
wuchs. Die Frau eines feiner Jugendfreunde 
iprad) in einem Salon ganz offen aus, General 
Sfobelew wolle Diktator der ruſſiſchen Republit 
werden, vor Jahren fei ihm prophezeit worden, 
er werde als jolcher fterben. Es konnte die Be- 
jorgnis ausgejprodjen werden, daß er eines Tages 
mit 200 Offizieren nad) Gatjchina vor das Palais 
des Kaifers reiten werde, um ein Bronunciamento 
nad ſpaniſchem Rezept in Szene zu fepen.*) — 
Es wäre zwedmäßig geweſen, ihn fchleunigft zu 


*) Man glaubte allerdings nicht, daß er dieje 
200 Offiziere in Petersburg finden werde. 


von Lignig: General Sfobelew. 


jeinem Armeeforps nad) Minsk zu fenden, er 
hielt fi aber immer nod in Petersburg auf, aus 
Anlaß von Verhandlungen über zentralafiatiiche 
Angelegenheiten, für weldje er allerdings eine 
Autorität war. 

Ein neuer politiiher Coup mißglüdte ihm. 
Er Hatte fic) bei den Grenadieren zu Pferde in 
Peterhof zum Frühftüd angejagt und wollte dann 
mit allen Offizieren nad) Petersburg reiten zu 
einem Diner in einem Hotel unweit der deutichen 
Botjchaft, bet welder fie vorbeifommen mußten. 
Hier follte eine Demonftration in Szene gefept 
werden. Es war offenbar feine Abficht, eine 
friegerijdje Verwidelung herbeizuführen, in ber 
Hoffnung, dieſe werde die Ausführung feiner 
politifden Pläne möglich machen. General Rojen- 
bad), Chef des Stabes beim Oberfommanbdieren- 
Den bes Militärbezirks, Großfürften Wladimir, 
erbat und erlangte die Erlaubnig, den Mitt zu 
verhindern. Der Kommandeur der Grenadiere 
zu Pferde erhielt noch zur rechten Beit den Be— 
fehl, nad) dem Frühſtück entfprechend langen 
Dienft anzujepen. — 

Am 12. Juni 1832 wurde der den Pan- 
flarvijten jo nahe ftehende Minifter de? Ynnern, 
Graf Ygnatiew, entlaffen, e3 trat hiermit eine 
bedeutende Wendung ein, indem die flawifden 
Utopien von den wohlverſtandenen rein ruffijden 
Intereſſen zurüdgedrängt wurden. 

Am 7. Zuli wurde Petersburg durch die 
Nachricht überrafcht, daß General Sfobelew in 
der Nadıt in Moskau plöglich verftorben fei, und 
zwar in dem übel berüchtigten Hotel Duſaux, 
naddem er mit drei Dirnen deuticher Nationa- 
lität foupiert hatte. Das Plötliche feines Todes 
gab zu myſteriöſen Auslegungen Veranlafjung. 
Die polizeiliche Unterjuchung ergab, daß er nad) 
einer Orgie jchwer betrunfen plöglich verſchieden 
jet an einem Herzſchlage infolge Aderbrud)s. 

Man konnte trauern, daß afiatiihe Cha- 
raftereigenjchaften und Jmmoralität auf Dieje 
glänzende militärijche Ericheinung fo ſtarke Schat- 
ten geworfen hatten. Gein plößliches Ende in 
der Fülle der Kraft und des Übermutes konnte 
ein tragiiches genannt werden. Es war vielleicht 
ein Glüd für das Land, dem er angehörte, jeden- 
fall3 ein großer Verluft für Die Armee, zu deren 
Helden er inımer gerechnet werden wird. 








Dunkle Büjche, alte Bäume, 
Götterjtatuen aus Stein, 

Und das Herz voll banger Träume 
Tritt ein junger Grieche ein. 

Tief in die bekiejten Wege 

Drüct die Sohle fid) im Gehn. 
Bei dem Rojenbujdgehege, 

Dor dem Eros, bleibt er jtehn. 


„Ad!“ jo hebt er feine Klage, 
„Warum quäljt Du mid fo jehr? 
„AU die Unrajt meiner Tage 
„Kommt von Dir, o Eros, her! 
„Seit id) Chloé hier getroffen, 
„Meiner Augen einzige Luft, 
„Streiten Bangen fic) und Hoffen, 
„Tag und Nadıt in meiner Brujt! 


„Manchmal jcheint fie mid) zu fliehen! 
„Mandmal jcheint’s, daß fie mir naht! 
„Oft wollt’ id) jie an mid ziehen. 
»Dod) wer wagt jo kiihne Tat? 
„Immer kurz vor dem Entichlujje 
„Bebt’ id) unruhvoll zurück. 

„Hängt dod) an dem erjten Kujje 
„Meines Lebens ganzes Glüd:! 


„Würde fie mir Böjes jagen, 
„Wär’ ich ein verlor’ner Mann, 
„Während ohne jolhes Wagen 
» Jd) nod) immer hoffen kann! 
„Und fie würde böje werden! 
„Wär’ ihr Herzchen mir geneigt, 
„Hätt’ mit lieblihen Gebärden 
„Sie es dod) gewiß gezeigt! 


Attischer Park. 


„Eros, fag’, was foll id) tuen ? 
vad), das Bejte wär’ fürwahr, 
„Zög' id) fort auf fliidt’gen Schuhen 
„Und entflöhe der Gefahr! 

„Don ihr träumen, für jie beten, 
„Könnt’ id) dann im fernen Land, 
„Ohne dak mid) des Derfdmahten 
„Sam und Sürnen übermannt! 


„Eros, ja! jo werd’ ich weichen! 

„Bleiben nur, wenn dies gefdieht: 

„Daß Dein Bildnis mir zum Seiden 
„Früh von Rojen rings umblüht! 

„Helf wie einjt zur Seit der Däter! 
„Wenn aud) fie mid) liebt, jo jag’s 

„Mir dur Rojen, Wundertäter, 

„Und id) küfj’ fie, und ih wag's!“ — — 





Kaum, daß jein Schritt nod) verklungen, 
Stört ein andrer Sdritt die Ruh’, 

Und dem Lieblingsgott der Jungen 

Eilt ein jchlankes Mädchen zu. 

„Eros, ſüßer Eros, bitte! — 

Sleht jie aus bedrängter Brujt — 
„Warum jtreitet Mädchenjitte 

„Immer dod mit Waddenlujt! ? 


„Wenn id) thn von fern nur jehe, 
„Ad, wie jtürmt dann mein Gefühl! 
„Aber ijt er in der Nähe 

„Muß id) ſchüchtern tun und kühl! 
„Statt ihn 3artlid) fortzuwinken 
„Tiefer in den Laubengang, 

„Laß id) jcheu die Augen jinken 
„Und verberg’ den Überjhwang! 





„Ad, wenn id) ein Mann nur wäre! 
„Er als Mädchen wär’ fdon mein! 
„„Nehmen‘ ijt des Mannes Ehre, 
„Unjre das Genommenfein! 

„Er, der Sieger dod) geblieben 
„Nod in jedem Kämpferipiel: 
„Würde er mid) wirklid lieben, 
„Dräng’ er kühner auf fein diel! 


„Süßer Eros, hab’ Erbarmen! 

„Meld’ ihm, was id leiden muß! 
„Sag: mid fehnt’s nad feinen Armen, 
„Und id dürft’ nad feinem Kuß! 
„Sag: id ließ mid) gerne zwingen! 

, old) ein lieber Swang erfreut. — 
„Rofen, rote Rofen bringen 

„Will id) Dir zum Dank fdon heut!“ 


Und mit feinen, jdhlanken Händen 
Pfliickt fie Rojen ungezählt. 

Jeder Straud) muß feines fpenden 
Und das Schönite wird gewählt. 

Bis von Kränzen und von lojen 
Blüten rings der Stein bedeckt 

Und der Gott aus all den Rofen 
Kaum die edle Stirn nod jtredt!... 


„Töricht war’s, dem Stein zu klagen!" 
Schalt der Jüngling hinterher. 
„Wunder gibt’s nur in den Sagen 
„Und aud) Eros hört nidyt mehr! 


„Dod id will den Gott nicht läftern! 
„Selbft den Donnerer fing er ein! 
„Daß er grad fo Kahl wie gejtern 
„Kann ja aud) ein Seiden fein." 


Durd) des Morgens blaue Klarheit 
Geht er 3ag und hoffensmiid. 
Aber plöglid — ijt es Wahrheit ? 
Iſt's ein Trugbild, das er jieht ? 
Rofen fieht er Eros tragen 

Als Derkünder künft’ger Luft! 
Und Dertrauen ftürmt dem dagen 
Wagemutig durd die Bruft. 


®étter, alles überfhauend, 

Wifjen ftets den reiten Rat. 
„Eros!" jaud3t er, „Dir vertrauend 
„Küff id) fie, fobald fie naht! 
„Was find gegen jie die Sterne, 
„Was“ — — Da ftockt er, bebt und jchweigt: 
Doller Anmut naht von ferne 
Sie, vor der fein Herz ſich neigt! 


Kurz danad) fahn Taubenfdwarme 

Gurrend aus den Lüften gar. 

Bei der kleinen Götterherme 

Stand ein engumfdlungnes Paar. 

Beide küßten fid) und glühten 

In 3u fel’ger Seligkeit, 

Und der Gott hat feine Blüten 

Lächelnd auf ihr Haupt geftreut. ... 
Georg Bufje-Palma. 








Der Schwanenteid von Skanfen. Nach einer Photographie. 





Das Freifuffmuleum Skanien. 


Heinz Grevenitett. 
Mit dreiundzwanzig Abbildungen nach Originalaufnahmen. 


moe Mitjommertage tauchen in 
meiner Erinnerung auf — ferienfeit- 
liche, leuchtende Stodholmer Schlendertage! 
Blaue Seen umfränzen gartenreiche 
Stadteilande mit traulichen, mittelalterlichen 
Gäßchen, aus modernen, ſchmucken Boule- 
vard3 ragen glänzende Paläſte in die flare 
Luft, in zarten Duft gehülltes, walddunfles 
Hügelland jchließt die blaue Ferne ab, eine 
jonntäglih gejtimmte Menge — ſchlanke 
Geftalten mit blonden Köpfen und ftählern 
Ihimmernden Augen — jtrömt zu Wafjer 
und zu Land den bunten Ausſtellungs— 
gebäuden im Tiergarten zu. Der Hauch des 
nahen Meeres jtreicht über die Gnjelftadt, 
mächtige, alte Kirchturmgloden läuten, und 
helle Kinderjtimmen fingen auf einem der 
Boote, die von Ufer 
zu Ufer gleiten, das 
DahlgrenſcheFrühlings— 
lied: „Vären är kommen 
— Der Lenz ijt da!“ 
Sa, Schon lange war 

er da, und ganz Schwe- 
den freute fic) Der 
Sonne, die er bradhte. 
Man war bis zum 
Sahre der Nordijchen | 
Ausjtellung faum auf 
| 

| 

| 





den Gedanken gefom- 
men, daß eine Sommer- 
reife nach den jchwedi- 
ihen Sfären lohnen 
fünnte. Nun ward die 
Nordlandsfahrt — zu— 
mal in Deutichland, 
wo der Raijer jein 
Intereſſe für das Reich 
der Mitternachtsjonne 


Velhagen & Klafings Monatshefte. 


ad 





Dr. Urthur Hagelius, 
ber Schöpfer von GSfanfen. 


XIX. Jahrg. 1904/1905. II. Bb. 


(Ubdrud verboten.) 


fo Iebhaft fundtat — mit einmal Mode. 
Das Schlagwort vom nordijden Venedig, 
vom nordijden Paris tauchte auf. Hun- 
Derttaujende zogen über den Gund, lernten 
die Schweden jchägen und ihre Reſidenz 
lieben, und durchitreiften von Stodholm 
aus das Land der ſchweren Goldähren die 
Kreuz und die Quer, überall froh und gajt- 
lid) aufgenommen. Cine feine Kultur, ein 
tüchtiger Menjchenichlag, eine große In— 
duftrie, Kraft und Intelligenz fand man 
hier allenthalben zu Haufe. 

Die denkwürdigſte Erinnerung bildet 
aber für die meijten Sommergäjte das Frei- 
luftmufeum auf Sfanjen — der Schanze 
— Die den altberühmten, vom Dichter Bell- 
mann vielbejungenen Tiergarten Hoch über- 
ragt. 

Meinen erjten Bejud 
hab’ ich der Inſel in 
fröhlidjter Morgen— 
ftimmung abgejtattet: 
Für alle Welt war da- 
mals Fejttag in Stod- 
holm, ein Kongreß Löfte 
den andern ab, — und 
wir Mitglieder der 
Preſſe-Union, die wir 
die Gajte unjerd vor- 
nehmften Kollegen, des 
König Osfar, waren, 
erlebten wohl die aller- 
jtimmungsreichjte Ta- 
gung. Dichter umd 
Sournalijten, Gelehrte 
und Künftler der ſchwe— 
diſchen Hauptjtadt Lie- 
Ben ſich's angelegen fein, 
uns ihre Heimat zu 

27 





410 


zeigen und verjtehen 
zu lehren. Und nicht 
nur auf Sommer- 
fejten und bei Bane 
fetten — jondern 
auch inmitten Der 
nationalen Arbeit. 
Einer der Liebens- 
würdigſten und ge- 
ichäßtejten Stodhol- 
mer, Dr. Alfred Ha- 
zeliug, [ud uns ein, 
ihn auf Sfanjen zu 
bejuchen, im Schoße 
jeinerSchöpfung, des 
Freiluftmujeums, 

von dem wir jchon 
in der Heimat jo 
mancherlei Wunder- 
fiches gehört hatten, 
und er veriprad), 
jelbjt unfer Führer 
zu fein. — 

Bur Fahrt dahin 
hätte man einen der 
Angflupar, der Heinen Dampfer, benußen 
fünnen, die innerhalb der weitläufigen, durch 
Seen und Kanäle vielfach zerrifienen, höchit 
eigenartigen Stadt von Inſel zu Inſel 
eifen. Aber da gab e8 irgendwo am nörd- 


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Wadhtturm mit Badtern in Landstnchtstradt. 


Heinz Grevenitett: 


fihen Rand des 
£ Tiergartenjee8 ein 
ganz neuartiges Be- 

fürderungsmittel, 
Das wir bei der Ge— 
(egenheit durchaus 
fennen lernen mup- 
ten. Man jtieg nam- 
id am Yordufer 
gegenüber der Aus» 
jtellungsinjel eine 
eiferneTreppe hinan, 
die zu einem Eleinen 
Eiffelturm empor— 
führte, jeßte jich da 
droben in eine Gon- 
del, die an einem 
Drabtjeil hing, — 
und in jaujender 
Fahrt ging’s dann 
hoc) über dem blauen 
See zum jenjeitigen 
Strand hinüber, wo 
Fahnen flatterten, 
Muſikbanden ſpiel— 
ten, wo über einen großartigen, modernen 
Palaſt hinweg, das „Nordiſche Muſeum“, 
der Blick über ein ſeltſames Hügelland hin— 
glitt, darauf ganz fremdartige, ganz aben— 
teuerliche Bauten ſtanden. „Skanſen!“ er— 







— 


* = 





Das Freiluftmuſeum Sfanfen. 


flarte mir der Mann der Schwebegondel 
mit jtolzem Aufleuchten feiner Miene. 

Die Damen, denen es jchwindlig ge- 
worden war, bededten die Augen; fie haben 
das wundervolle Bild, das fich auf der 
originellen Luftfahrt uns darbot, nicht ge- 
jehen. Wir aber werden es immer im Ge- 
dDächtnis behalten. Rund um uns ein 
märchenjchöner Sommertag, zu unſeren 
Füßen eine reiche, charafteriftiiche, mächtig 
aufblühende Stadt, mit allen Zaubern der 
Natur ausgejtattet, Dicht vor uns der Riejen- 
parf mit jeinen uralten Bäumen und bi- 
zarren Baulichkeiten, 
auf den blauen Seen 
das Luftige Hinund- 
her der flinfen, bunt- 
bewimpelten Boote 
und auf allen Wegen 
ein feiertäglich ge- 
ſchmücktes, fröhliches 
Volf mit ftrahlenden 
Heiertagsqefichtern. 

Faſt wollte einen 
ein leichtes Zaudern 
anfommen, alg man 
nad) glüdlicher Lan— 
dung pflichtichuldigft 
dem Rendezvous mit 
dem Herrn Mu— 


jeumspdireftor zu— 
jtrebte. 

Uber es galt ja 
ein „Freiluftmu— ee 
jeum“ zu jeben. TER 
Und bei dieſem m — 


Wort — für die 
meiſten damals erſt 
ein loſer Begriff — 
hob fic) einem fürm- 
lich) Die Brujt, und man atmete die jonne- 
durchleuchtete, ſommerwürzige Meeresluft ein. 

„Sie werden ein großes Kuriojum 
jehen!“ hatte mir einer meiner neuen ſchwe— 
diichen Freunde nod) am Abend zuvor zu- 
gerufen, als wir auf dem altertümlichen 
Marftplak von ,Gamle Stodholm” — dem 
„alten Stodholm“ der Ausjtellungsjtadt — 
bei mandem guten Becher Falten Punſches 
dem Lautenjpiel und den Volksweiſen Sven 
Scholanders bis tief in die helle Sommer- 
nacht hinein laujchten. 

Uber e3 war fein Kuriojum. Cs war 
ein Erlebnis. 


EEE at 





— a ER Be nt F rece : 


Der Nidelharfenihläger. 


411 


Wir haben in Deutjdhland damit be- 
gonnen, unſere zoologijchen und botanischen 
Gärten jo planvoll auszubauen, daß dem 
Sonntagsipaziergänger, der ihre Alleen 
durchiwandert, ein guter Lehritoff jpielend 
and angenehm zugetragen wird. Was Dr. 
Alfred Hazelius auf der großen „Schanze“ 
von Stodholm gejchaffen hat, ijt viel, viel 
umfafjender: jein Werf gibt einen anhei- 
melnden Anfchauungsunterricht in der ge- 
jamten Natur- und WBölferfunde feines 
Heimatlandes in Lücdenlojer Vollſtändigkeit. 
Und dieſes Mujeum ijt heute der Haupt» 
wallfahrtsort der 
StodholmerBürger- 
jchaft, es jteht unter 
Gottes freiem Him- 
mel, es enthält 
feinerlei weißge— 
tünchte Säle, feine 
feierlichen, pedan— 
tiih numerierten 
Glaskäſten: es ijt 
das nationale Leben 
ſelbſt, das hier auf 
einem weiten, ſee— 
umſpülten Hügel— 
eiland in Bauwer— 
ken, in Trachten, in 
Induſtrien und Ge— 
werben dem Be— 
ſchauer vorgeführt 
wird. Von den Ur— 
anfängen ſchwedi— 
ſcher Kultur bis 
zum Zeitalter des 
Dampfpfluges und 
der Turbinen ſtellt 
dieſes „Skanſen“ die 
Entwicklung Schwe— 
dens dar — und alle, auch die entfernteſten 
Gebiete des weiten Landes ſind ſo, wie ſie 
ſich bis auf den heutigen Tag erhalten haben, 
in charakteriſtiſchen Abſchnitten hier wieder— 
gegeben, in Gruppen ihrer Bewohner mit 
allem, was ſie in ihrer Heimat zum Leben 
brauchen. Kein Haustier, kein Hausgerät 
iſt vergeſſen, ſie leben hier inmitten ihres 
gewohnten Milieus, umgeben von derſelben 
Fauna, derſelben Flora. 

Unlängſt iſt Dr. Hazelius geſtorben. 
Sein Werk lebt weiter — dieſes Werk, dem 
ſein ganzes Leben gehörte. 

Ich ſehe ihn noch, den freundlichen Ge— 


2 


<i In 
—— 


412 


Heinz Grevenftett : 


Iehrten mit den bfauen, lieben Mugen und | aus fuchte ich fie zu neuem Leben zu er- 


dem feinen, etwas nervijen Geficht, wie er | weden. 
uns an jenem fejtlichen Morgen durch den | Feine Studentenbarfchaft reichte. 


großen Park führte, da und 
dort jtehen blieb, in feiner 
oft Humorijtiichen Art uns 
auf dies und das aufmerffam 
machte und uns Dabei im 
fröhlichen Plauderton die ein- 
fahe Gejchicte des allmäh- 
lichen Werdens dieſer großen 
Schöpfung erzählte. 

„Meine Sammelwut hat 
ih Schon in meiner Sfuden- 
tenzeit geregt,“ jagte er in 
jeinem etwas fremdflingenden, 
aber ganz geläufigen Deutich. 
„Natürlich fammelte ich feine 
Goldfüchſe. Diefe Gepflogen- 
heit haben die deutjchen jungen Herren ja 
auch nicht. Nein, ich jammelte allerlei bunten 
Krimskrams, der oft genug die helle Lach- 
luft meiner Kommilitonen herausforderte. 
Wenn id) nämlich in Dalefarlien, meiner 
engeren Heimat, wo ich meijtens die Som- 
merferien verbrachte, die malerischen, alten 
Bauerntrachten jah, dann bildete das immer 
mein ganzes Entzüden: die Gewebe, fo ein- 
fach fie fein mochten, die Farben, fo grell 
fie waren, die charakteriftiichen Schürzen 
und Mieder, die Bauernjaden mit den wert- 
vollen Knöpfen, die immer 
den Stolz des Beſitzers | 
ausmadten, der Kopfputz 
der Mädchen und fo noch 
hunderterlei. In jenen 
Kahren neigten fic) ja 
jon, wie allerwärts, fo 
auch bei uns, die Land- 
leute mehr und mehr der 
jtädtischen Kleidung zu. Kam 
ih in den Ferien wieder, 
jo vermißte ich immer öfter 
irgendein charafterijtijches, 
mir lieb gewordenes An— 
denfen an die alte Beit. 
Die biedere Tracht, die die 
Großeltern als Brautleute 
getragen hatten, war fiir 
den jungen Nachwuchs beim 
Tode der Alten wertlos | 
geworden; der bunte, trau» — 
lihe Kram wanderte in 
die Truhe. Nun, und dar- 


X 








Eine Dalekarlierin: 
Kerſtine. 


eget —— 


FERNER, 


Jödde Göljarybd, der Volks— 
jänger. 


Sch faufte auf, zu fo viel meine 


Später 
liehen mir Verwandte tau- 
jend Kronen — für meine 


Verhältniſſe damals ein Elei- 
nes Bermögen, bedenken Sie, 
elfhundert Mark nach Ihrem 
Geld — und die find dann 
das Stammkapital des Nor- 
Dijden Mufeums geworden.“ 
Über die unfagbare Mühe, 
aus diejen winzigen Anfängen 
einer Tradjtenjammlung das 
umfajjende Rieſenwerk zu 
Ichaffen, jprach er nicht. Er 
legte die weitere Entwidlung 
nur in kurzen Umrifjen dar. 
Bon den vielfachen Enttäu- 
ihungen, den bejchwerlichen Wanderfahrten 
und Studienreifen, den Sammler- und 
Beligerforgen, die ihn im Aufundnieder 
des langjamen Werdegangs gewiß jchwer 
genug heimgeſucht hatten, jchiwieg er. 
Beim Sammeln der Trachten war Ha- 
zelius nicht lange jtehen geblieben. Innig 
gejellt mit der Trachtenfunde ift ja die 
Kunde der volfstümlichen Gebräuche, oder 
auch die Kunſt einer beſonderen Webe⸗ oder 
Färbetechnik, ja bis in die tiefſten Schätze 
der Volkspoeſie hinein leuchtet die Kenntnis 
dieſer heimatlichen Über- 
bleibſel aus der guten alten 
Zeit, da der Großvater die 
Großmutter nahm. Zur 
Vervollſtändigung des Bil— 
des, das die Tracht aus 
dieſer und jener Landſchaft 
des Binnenlandes gab, ge— 
hörten daher der Webſtuhl 
oder der Bettſchrank, der 
roh bemalte Milcheimer, der 
Stuhlwagen, ein Bauern— 
linnen, Zinnteller oder höl— 
zerne Suppenteller, eine 
kunſtlos geſchnitzte Truhe 
— ja wohl gar das Stück 
vom Dachfirſt, wo die 
dunkelroten Giebelbalken 
kreuzweis übereinander hin— 
ausragen und mit Drachen— 
köpfen verſehen find. 
Ein enger, kleiner Raum 
mit mehreren Verſchlägen 






an 


Das Freiluftmufeum Sfanjen. 


bildete viele Jahre hindurch das „ſchwe— 
dijch - ethnographifche Kabinett“ des jungen 
Hazelius. Die Menge ahnte noch nichts 
von den Schäßen, die dort aufgejtapelt wa— 
ren. Aber die Kulturhiftorifer, die Ethno- 
logen begannen darauf aufmerfjam zu 
werden. Arthur Hazelius galt in Untver- 
jitätsfreifen bald für einen der beiten und 
gründlichiten Kenner der jfandinavifder 
Natur- und Völkerkunde Stiftungen ver- 
volljtändigten jein Privatmufeum, für das 
er endlich, unterjtüßt durch Fachgenofjen, 


— * 


a 


413 


Dr. Hazelius aber tat da einen bedeut- 
famen Schritt, der in jeinen Freundesfreijen 
zunächit Verblüffung, dann aber in ganz 
Stockholm, danach) in ganz Schweden Be- 
wunderung und Freude hervorrief: er machte 
jeine ingwifchen großartig angemwachjene 
Sammlung der Nation zum Gejchenf. 

Das war vor einem Vierteljahrhundert. 

Schnell vergrößerte fic) das Werk, als 
nun auch reiche ftaatliche Mittel zur Ver- 
fügung ftanden. Ein Neubau um den an- 
dern mußte errichtet werden, um die foloj- 


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Der Karpfenteid. 


ein etwas anjehnlicheres Gebäude zu mieten 
imftande war. 

Damals hatte er ein reicher Mann 
werden finnen; hätte er das Zeug zu einem 
Spefulanten in fich gehabt, es wäre ihm 
jogar leicht geworden, Millionär zu werden. 
Die reichen englifchen Sportsleute, die auf 
ihren achten im Sommer zum Lachsfang 
in den Sfären erjchienen, hörten von der 
originellen Sammlung und begannen den 
jungen Gelehrten mit ftetig jteigenden An— 
geboten zu bedrängen. 


jalen Schäte zu bergen, die Arthur Hazelius 
— er war inzwijchen zum Direktor des 
Nordiichen Muſeums ernannt worden — 
auch jest noch unermüdlich herbeifchaffte. 
Heute fteht auf einer der großen Inſeln 
im Oſten von Stodholm, dicht beim Tier- 
garten, ein großartiges Palais mit jtolzer 
Front, das die hochbedeutende Schöpfung 
des ehemaligen armen Studenten enthält. 

Sein „Sfanjen” aber, das der uner- 
müdliche Hazelius im Jahre 1890 auf dem 
Hügel zwijchen dem Nordiſchen Muſeum, 


414 


Dem Tiergarten und dem Nojental gegründet 
hat, war bis in jeine legten Lebenstage 
jeine Lieblingsihöpfung. 

„sch fagte mir, dieſes Freiluftmujeum 
müßte ein Schweden en miniature werden. 
So könnte es dem Studierenden ebenjo wie 
dem Mann aus dem Volk dienen, um ihnen 
ein anfchauliches Bild der ſchwediſchen Natur 
zu geben, ein Bild vom Leben und Treiben 
der Bewohner zu allen Zeiten und in allen 
Gegenden des Landes, ein Bild der Tier- 
und Pflanzenwelt. Wald, Feld und Wiejen, 
Seen und Feljen follten fie hier finden, in 
jo natürlicher Weije zujammengeitellt, dap 
die Übergänge ganz organijd) und harmo- 
niſch wirken. Und die Haujer und die 
Möbel follten nicht tot dajtehen wie Die 
Modelle und Antiquitäten Hinter den Glas- 
twänden der Mufeen: nein, mein Freiluft- 
muſeum follte belebt fein von fleipigen, 
warmblütigen Menjchen, wie mein ganzes 
Baterland, und fie jollten hier die Trachten, 


die patriardhalijdhen Sitten, die Volksweiſen 


und Tänze der alten Zeit pflegen, jo wie 
fie in Den weltabgejchiedenen Landjchaften 
Da und dort verjtedt noch heute erhalten 
find. Wenn in wenigen Jahrzehnten von 





Tas Lappenlager. 


Heinz Grevenftett : 


den alten Spielen und Tänzen fonjt nur 
eine Sage zu berichten wüßte oder eine 
Note in den Folianten der Kulturhiſtoriker, 
— hier foll eine lebendige Tradition er- 
halten bleiben, die meinen Landsleuten 
immer wieder Runde gibt von dem, was 
Die alles nivellierende Tünche der Großſtädte 
ihnen zu rauben im Begriffe fteht!“ 

Vom Gujtaf BVaja-Weq waren wir 
unter Diejen Gejpraden an einer altertüm- 
fihen Wachtjtube vorbei durch berganitei- 
genden Waldparf zum Rand einer weiten 
Wieſe gelangt. 

Ein zauberiich jchönes Bild erwartete 
uns bier. Und fröhlihe Mufit — ein 
altes ſchwediſches Volkslied, aus ein paar 
hundert jungen Kehlen erilingend, begleitet 
von altnordijden Inſtrumenten, zumal der 
jeltjamen Nidelharfe, die ein fnorriger 
Bauersmann ſchlug — zwang uns in ihren 
Bann. 

Smitten des Wiefenplanes erhob fich 
ein hölzerner Dorf- Tanzplat. Dort drehten 
ih an die fünf Dubend jchmude junge 
Mädchen im Ningipiel und im Bändertanz, 
blonde, blaudugige Schwedinnen in den 
malerischen Trachten aller Landſchaften. Ein 





Das Freiluftmujeum Sfanjen. 





415 








Das Rennticrgehege. 


Sarbenreidhtum, ein Frohſinn, ein Reichtum 
der Linien, ein Wechjel der Gruppen — 
ganz einzig Durch die natürliche Art der 
friichen, jungen Dinger, fich zu geben, der 
jede theatraliiche Boje, jede affektierte Kün— 
itelei fehlte. Am originelliten wirkten die 
Dalefarlierinnen in ihren fpigen, ſchwarzen 
oder weißen Filzmüben. Saft jedes Kirch— 
ipiel im Binnenlande beſitzt jeine bejondere 
Tracht, die jich wenigitens in der Zeichnung, 
der Farbenzujammenjtellung der Schürzen 
oder Dent Arrangement des Haar- oder 
Kopfpuges von der des Nachbarortes unter- 
ſcheidet. 

Die freie, ſelbſtbewußte, ſtolze Art der 
Schwedinnen hat etwas Imponierendes. 
Ein demokratiſcher Zug liegt in ihnen. Die 
jungen Mädchen, die hier an den Feſttagen 
Trachtenumzüge und Tanzſpiele veranſtal— 
teten, waren keine bezahlten Schauſtellerinnen. 
Es befanden ſich darunter junge Damen der 
beſten Geſellſchaft, Lehrerinnen, Studen— 
tinnen, aber auch Verkäuferinnen, weibliche 
Poſtbeamte (die meiſten Poſtſchalter werden 
in Schweden durch Frauen bedient), und 
ſchließlich auch Schulkinder. Nirgends ſonſt 
habe ich eine ſo freie, ſelbſtſichere Vorurteils— 
loſigkeit wieder gefunden. Dr. Hazelius 
machte ſeine Gäſte mit denjenigen jungen 
Schwedinnen bekannt, die eine zweite Sprache 


beherrſchten: zur Seite des verehrten Ge— 
lehrten machte uns von da ab die blonde 
Jugend von Skanſen die Honneurs. 

Ich ſchloß mich Fräulein Kerſtine an. 
Die war auf unſere Gruppe forſch zuge— 
kommen, hatte Damen und Herren kräftig 
die Hand geſchüttelt und begann ſogleich 
flott mit ihren Erklärungen. 

Sie weilte ſchon den ganzen Sommer 
in der Ausſtellung. Man hatte ihr und noch 
fünf anderen Dalekarlierinnen ein ſchmuckes 
Holzhäuschen angewieſen, worin jie mit 
ihrer Lehrerin wohnten, unter deren Leitung 
ſie die verſchiedenen Arten der weiblichen 
Hausinduſtrie ihrer Heimat vorführten. An 
den Feſttagen beteiligten ſie ſich an den 
Tänzen auf dem „Dansplan“ — und ſie 
freuten ſich ſchon alle auf den noch bevor— 
ſtehenden Johannistag, das größte nordiſche 
Sommerfeſt. Da ſollten dann die Tänze 
um die , Majftang” herum ausgeführt wer— 
den, zu Hunderten ſtrömte die Bevölkerung 
aus Dalarne herzu, und gewiß kam der 
König mit ſeinem Hof, und dann würde 
alle Welt den drolligen, alten Jödde Göl— 
jaryd hören wollen, der ein berühmter 
Volksrezitator war. Am ſchönſten ſang er 
die alten Bellmannslieder — oder „Neckens 
Polska“, das berühmte Lied von Af— 
zelius. Und fröhlich und unbefangen 


416 Heinz Grevenftett: 


fummte fie mit ihrer frifchen Stimme 
den Eingang de3 Volfslieds vor fich Hin: 
„Djupt i hafvet pa demantehällen Necken 
hvilav i grönan sal; nattens tärnor spänna 
mörka pellen öfver skog, öfver berg och 
dal.“ hr junges, ftrahlendes Geficht, ihr 
blondes Haar, ihr ftolzes Näschen, der 
frijde Mund mit den weißen Zähnen, dazu 
die Heidjame Tracht, ihr anmutiges, fern- 
gejundes Wejen — fie hätt’ e8 jchon man- 
chem jungen Herzen antun fünnen, das 
fleine Fräulein Kerftine. Aber das ver- 
trauensvoll Zutuliche und Familiäre, das 
der Berfehr hier oben auf Sfanjen an fic 





wie’S dann weitergegangen fein mag, Das 
ftimmungsvolle, alte Lied, das die Sage 
von König Äügirs Töchtern befingt. 

Auf Schritt und Tritt gab’s nun zu 
Ihauen und zu bewundern. Scheinbar 
jelbftverftändlich, jedenfalls ganz ungefünitelt, 
reihte fich eins ans andere: und doc lag 
in jedem, auch dem unjcheinbariten Detail, 
ein wohlüberlegter Plan. Am Teich befin- 
det fic) ein Gehege für die nordijden 
Schwimmovögel, die Mömwen, Schwäne und 
Eidergänje. Das Felsgeitein, das die Eider- 
gänje umflattern, die Kleine Inſel Dffer- 
Holmen, trägt ein paar lappländijche Gigen. 





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Wohnzimmer im Hauje aus Mora. 


hatte, bejaß eine haarfcharfe Grenze, eine 
Grenze, die nur der Takt empfindet, für 
die es feine gejchriebenen oder gejprochenen 
Geſetze gibt. Wir mußten ihr, al’ unjere 
ſchwediſchen RNenntniffe zufammenwerfend, 
das Lied vom Ned ins Deutjche überjegen, 
und während wir am Schwanenteich ent- 
lang zogen, dem reizenden, Eleinen See in- 
mitten der Schanze, von lichtgrünen Birken 
umftanden, fangen wir nach ihrer Melodie 
fröhlih mit: „Auf dem Demantfels in 
Meereswogen ruht” der Neck im grünen 
Saal; einen Schleier till die Elfen zogen 
über Wald und Berg und Tal...“ Und 


Auch das Gebüſch, das die großen Käfige 
der wilden Bögel umrahmt — Schneetauben, 
Auerwild, Birkhiihner, See- und Königs- 
adler — ſchließt jich im Charakter der 
rauhen Natur des Nordens an. Bis es 
ji dann zum Baldurshain verdichtet, wo 
die beiden Bärengrotten liegen. Malnt- 
berget, ein Erzberg, ijt auf dem Weg zu 
den Bären zu überjchreiten. Große Erz 
blöfe — Gijen, Silber und Kupfer — 
find aus den bedeutenditen Gruben Schwe— 
Dens dahin geichafft worden. Felſig wird's 
am Nordrand von Sfanfen. An Füchſen 
vorbei — auch dem feltenen Schwarzfuchs 


‘aiqdesBojodg aaula (peu pıaıyıaaıuım UL! Udrfurys uoa PrayuaurmmMs 139g 








Das Freiluftmujeum Sfanjen. 


begegnen wir — an Wölfen 
und Vielfraßen vorbei gelan- 
gen wir bis zu einer Lapp- 
landerhiitte, aus dem äußerften 
Norden hierher verpflanzt. 
Der Charafter der Landichaft 
täuscht hier mit großer Runft 
die Nähe des arftifden Gee 
biet3 vor. Kein Baum, fein 
Strauch Scheint fortzufommen, 
Das graue Felsgejtein gibt 
der Landichaft einen tief me- 
lancholiſchen Zug. Eine Kleine 
Strede weit geben uns Die 
gutmütigen, nur auf den 
Wolf drejfierten Lapplander- 
hunde das Geleite, als wir uns ſüdweſt— 
lid) wenden, um zum Lappenlager zu ge- 
langen. Die aus Renntierfellen oder gro- 
bem Balfenwerf hergeftellten Nomaden- 
zelte find von wirfliden Lappländern 
und deren Familien, ihren Renntieren 
und Hunden bewohnt. CEs find zutrauliche 
Leutchen, die fic) mit bäuerijchen Schniv- 
arbeiten bejchäftigen, fich überhaupt ganz 
gelehrig zeigen. In dem dicht dabei be- 
findlichen Renntiergehege zeigt uns Kerſtine 





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Bäuerinnen aus Mora. 


ihren Liebling, ein befonders jchmucdes, 
weißes Renntier. Es fommt auf ihren 
Locruf auch jofort an die Planfe heran 
und beginnt den Lederbifien — ein Stüd 
Schwarzbrot — fdmagend zu verzehren. 

Auf den breiten Wegen, die den Hügel 
umziehen — bald durh Wald und Feld 
führend, bald an felfigem Gejtade entlang 
oder durch Dorfanlagen, von denen jeder 
Mauerjtein, jeder Giebelbalfen, jede Stall- 
tür einem charafteriftiihen Bau weit da 








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Wohnung des reihen Bergmanns Hinderniffen aus Väſtmanland. 


418 


drinnen im Reich entjtammt — ijt es immer 
belebter geworden. Überall miſchen jich die 
malerischen Bolfstrachten in das Gewithl. 
Rerjtine taufcht Grüße aus mit ihren Land3- 
leuten — die und jene muß näherfommen 
und jid) in ihrem Sonntagsftaat betrachten 
lajjen. Das gejchieht alles jo fret und 
harmlos, fo ſelbſtverſtändlich, und dabei 
mit einem jolchen Eifer, den Damen die 
Art des bei der Arbeit verwendeten Stichs 
oder einer bejonderen Stiderei, beizubringen, 
daß man miteinander gut Freund geworden 
ijt, noch bevor der erjte Rundgang um die 
originelle Schanze fein Ende erreicht hat. 





Heinz Grevenjtett: 


ihrem Nachtlager brennt — mir jehen das 
primitive Hausgerät, das den einzigen Beſitz 
der Leute bildet, beim Eintreten in das aus 
der Einjamfeit hierher verpflanzte, armjelige 
Heim. Als geiftige Brüde dient die Be- 
dürfnislofigkeit Ddiejer WArmften zur Wande- 
rung in ältejte Zeiten, jchließlich in Urzeiten. 
Bei einer alten Steinmeßwerkitatt jtoßen 


wir auf große Schleifjteine und Handmüh- 


fen aus der Steinzeit. Auch Brangern und 
Opferfticden, fowie Meilenjteinen aus friihe- 
ren Sahrhunderten begegnen wir auf unjerer 
Wanderung. 

Se mehr wir uns dann aber wieder 


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Wohnftube im Haus aus Blefinge. 


Die Hauptfehenswiirdigfeiten folgen aber 
jest erſt. 

Über einen ländlichen Kirchhof mit alter- 
tümlichen Grabjteinen und Denfmalern — 
der einzigen Nachbildung auf Sfanjen neben 
dem benachbarten Häsjöjtapeln, dem jpigen, 
hölzernen, mit Schindeln gededten Glocen- 
turm, dejjen Original in Jamtland jteht, — 
führt ung Rerjtine nach Tjärdalen zu einer 
Teerbrennerei. Hier befommen wir in einer 
halb unterirdisch gelegenen Steinhütte aus 
Halland und einer Köhlerhütte einen Ein- 
bli in das Leben der in halber Wildnis 
lebenden Waldarbeiter. Das Stodfeuer an 


dem feitlihen Mittelpunkt von Skanſen 
nähern, dem Tanzplag, von dem noch immer 
die charafteriftifden, nordijden Weijen in 
den hellen Sommerjonntag flingen, dejto 
belebter, dejto wohlhäbiger wird die Szenerie. 

Wo immer in schwedischen Landen ein 
ichöner, alter Bauernhof, der für die länd- 
liche Baufunjt Charafteriftijches bot, dem Ab- 
bruch verfallen war, da hatte fich jchon jeit 
Jahrzehnten jtets Alfred Hazelius einge- 
funden, um fic) in den Bejig des Grund- 
ſtücks zu bringen. Genau jo wie es am 
Fjord oder im Walde ftand, am Seeufer 
oder im Gebirge droben, jo erhebt es jich 


Das Freilujtmujeum Sfanjen. 


jegt im der mit feinftem Taft J 


in innige Übereinftimmung 
gebrachten neuen Landichaft 
auf Skanſen. Meorajtuga, 
das Häuschen aus Mora, 
Dalarne und die Nyggäs- 
ftuga aus Halland, find mit 
Die bedeutenditen Schäge Ddie- 
jes Mufeums. Sie find bis 
zum legten Möbeljtüd und 
Hausgerät volljtändig dem 
neuen Grund und Boden ein- 
verleibt und jtehen da, als ob 
fie Schon jahrhundertelang hier 
ftiindDen. Jedes Stübchen ift 
hier ein Muſeum fiir fich. 
Da fehlt weder die ſchwere 
Truhe für die Ausjtattung 
der Haustochter, noch der 
Humpen des Hausherren, die 
farbigen Webereien der Bäuerin. Auch 
die im Zeitgeſchmack möblierte Wohnung 
eines Bergmanns, des reichen Hindernijjen 
und jeiner Frau Maria, von der Grenze 
zwijchen Vajtenanland und Dalarne, ijt bis 
ins fleinjte erhalten. An vielen Stellen 
hat die Hand des ehemaligen Beſitzers jelbjt 
mitgeordnet. Ym Original jteht am Wald- 
rand auch der Gartenpavillon des Theo- 
jophen Swedenborg, des „Geijterjehers und 





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Gartenhaus des Geifterfehers Swebdenborg. 


Chwärmers“, wie Kant ihn nannte. Wie- 
der nimmt uns ein jchattiges Waldtal auf, 
in dejjen laujchigem Grund ein paar dunkle, 
verjchwiegene Seen liegen, und wir erreichen 
DOftorpsgärden. Das ijt nicht weniger als 
ein ganzer Bauernhof, jo wie ihn Hazelius 
aus der Landichaft Halland übernommen 
hat: ein vierediger Hof mit ftrohgededtem 
Bauernhaus, ein wahres Juwel in feiner 
Stileinheit. Cinjame Waldwege führen von 





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Bauernhof aus der Landſchaft Blefinge. 


420 Heinz Grevenftett : 


dem jonnigen Bauerngärtchen durch dunkeln 


Forſt aufs Feld hinaus. Yn Gehegen fin- 


den wir da Rehe und Clentiere. Und noch | 
ein Stück weiter — wieder mehr dem | 


Mittelpunkt zu — jtoßen wir auf eine norr- 


ländiſche Sennhütte, bei der fic) ein voll- | 
ſtändiger Ruhjtall befindet, Ziegen grafen | 
dabei, gotlandijde Pony, die Arishirfche | 


haben hier ihr Gehege, und als Wahrzeichen 


dient Diefem malerijchen Landſchaftsausſchnitt 


der hochragende Glodenturm Hellejtadftapeln, 


der aus Öftergotland Hierher gebracht wor- | 


den ilt. 

Aus Hftergotland ftammt auch das Mo- 
dell der Vorratsfammer von Björkoif, des 
älteften hölzernen Gebäudes von Schweden; 
uralte landwirtfchaftliche Geräte befinden 
jih darin, der Dreſchklotz mit Göpel, höl— 
gerne Pflüge uſw. 

Ein einziger Tag genügt nicht, um das 
reihe und foftbare Material aller Zeiten 
zu überbliden, das bier in organischer, 
icheinbar jo funft- und mühelojer Weije mit 
verjchwenderijcher Hand ausgejtreut ijt. Bei 
jeder Wegbiegung ftößt man auf neue Über- 
rafchungen. Hier ftehen noch Kirchboote 
aus Dalarne, ferner j jene —— Boote 
für die Stromſchnellen in 
Nordſchweden, dort Wagen » 
und Schlitten aus den ver- ; 
jchiedenjten Perioden, auch 
der Reihtum an Tieren ijt 
noch lange nicht erjchöpft. 

Aber was das Studium 
dicker Folianten und um- 
ſtändlicher Neijebejchrei- 
bungen nie und nimmer 
zumwege bringen fann, das 
gibt ein einziger Orien- 
tierungsjpaziergang, den 
man mit hellen Augen 
Durch dieſesFreiluftmuſeum 
ausführt: ein plaftijches, 
unvergeplides Bild des 
ſchwediſchen  Volfslebens, 
wie es fid) im Wechjel 
der Fahrhunderte in Wald 
und Feld entwidelt hat 
und wie man’s, zumal in 
den von der Kultur am 
wenigiten berührten Teilen 
der Provinz, nur auf müh- 
jamen Reifen weitab der 





großen Heerſtraße noch) Glodenturm aus Öftergdtland. 











Ut hweditae Volts. 
bräucde: Die Glüdbringerin. 


heute anzutreffen vermag. 

Für den Abſchluß unferer 
Wanderung Hatte fich 
Rerjtine den „Bredablid“ 
vorbehalten. Won dieſem 
Ausfichtsturm follten wir 
noch einmal das gejamte 
Gelände überbliden. Neben 
dem impojanten Bauwerk, 
das fic) auf dem höchſten 
Punkt der Schanze erhebt, 
gab's allerlei Erfrifchungen, 
von jungen Mädchen in 
Nationaltracht gleich Ker- 
jtine gereicht. Entjftammen 
diefe Aufiwärterinnen auch 
einfacheren Verhältniſſen, 
alg die Pflegebefohlenen 
der Handarbeitsichulen, jo 
ind fie doch keineswegs 
mit unjeren Rellnerinnen 
auf eine Stufe zu ftellen, 
3. B. nehmen fie von 
niemand ein Trinkgeld 
an — ebenjowenig wie 


Das Freiluftmufeum Sfanjen. 


das in hiftorifchen Kojtiimen der Zeit Guftav 
Adolfs und Karls XII. den Dienft ver- 
jehende Warterperfonal des übrigen Mu- 
feums. 

Rerjtine brachte uns noch bi zur Platt- 
form des Ausjichtsturmes, dann verabfdjie- 
dete fie fich Herzlich und unbefangen, fo 
wie fie zu uns gejtoßen war, mit Hände- 
drud von einem jeden. 

Die Begeijterung aller Bejucher — aud 
derjenigen, die mit einiger Sfepfi den 


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421 


Alles junge Volk fliegt hinter dem Renn- 
tier in der leichten Pulka auf dem ge- 
frorenen Schnee dahin — oder die Sol— 
Daten, aus der Stodholmer Garnijon drüben, 
bauen Schnee- und Eisfejtungen und er- 
ftiirmen fie. — Diejen Herbjt werde id) 
zum erjtenmal bier in Stodholm verleben. 
Davon Hat man mir jchon viel Schönes 
erzählt. Allerorten brennen dann immer 
die Teertonnen — und ein Feuerwerk Loft 
das andere ab!“ 





Ulte Vollsfpiele auf Stanjen. 


Rundgang begonnen hatten — war fie fchon 
gewohnt. „ES ift ja der Lieblingsaufent- 
halt nicht nur der Stodholmer, fondern 
auch aller Fremden geworden, fo kurze Zeit 
e3 erjt bejteht, unjer Freiluftmufeum !“ 
meinte fie. „Und Sie mitfjen micht glau- 
ben, daß es nur an den jchönen Sommer- 
tagen jo bejucht ijt wie heute. Ym Winter 
gibt’3 oft Tage, an denen zehntaufend Gajte 
auf Skanjen jind. Am Weihnachtstag be- 
ſonders.“ 

„Aber dann haben Sie hier doch Schnee?“ 
fragte einer der Fremden. 

„Gewiß. Und dann iſt's erſt recht luſtig. 


Es lag eine kindliche Freude in ihrem 
hübſchen, ſtrahlenden Geſichtchen. 

Munter ſchritt ſie von dannen. Wir 
ſahen dem friſchen, unverbildeten Geſchöpf, 
das, aus ſeiner Waldeinſamkeit hierher ver— 
pflanzt, etwas von der Urwüchſigkeit ſeiner 
Heimat hier ausbreitete, noch lange nach. 
Ihre originelle, ſpitze, ſchwarze Filzmütze 
war in dem Gewühl der Sonntagsſpazier— 
gänger noch bis zum Rand de3 Baldurhaines 
zu verfolgen. Dort wandte fie fic) noch 
einmal um und winkte uns mit ihren hellen, 
ftahlblauen Augen einen lebten Gruß zu: 
„Fare well!“ 





422 


Unter uns war 
Schweigen entjtanden. 
Das unvergleichlic) 
ihöne Bild, das die 
Nundficht hier oben 
bot, feſſelte alle 
Sinne. 

Es war aber aud 
ein Mittjommertag, 
wie fie uns in Deutjch- 
(and nur jelten be- 
ichieden find. Und 
alles, was das Felt- 
programm fiir den 
Reft Ddiejes Tages 
nod) bot, ward 
Daher von den meijten gejchwänzt. Zum 
Sonnenuntergang fand fich hier oben eine 
fröhliche, gut zufammenjtimmende Verjamme- 


fung ein. Dr. Alfred Hazelius jaß mitten 
unter uns. 
Da erzählte er noch manches von 


jeinen Fahrten über Land, jeinen Kleinen 


Bärenzwinger. 






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Schlitten mit Lappländerhunden., 





Heinz Grevenftett: Das Freiluftmujeum Skanſen. 


Abenteuern, feinen Hoffnungen und Ent- 
wiirfen für Die immer vreichere, immer 
vollitändigere Ausgejtaltung jeines Freiluft- 
mujeums Und voll Stolz jprad er von 
jeinem Sohn, der einftmals nach jeinem 
Tod fein Nachfolger in dem  verantwor- 
tungsreihen Amt der Leitung von Sfan- 
Jen werden follte. Nafcher, als 
geahnt, fam diefer Tag der Ab- 
löſung. Und Dr. Hazelius junior 
hat jeinem großen Vorgänger nur 
Ehre gemacht. Aber vor fnapp 
einem Vierteljahr Hat auch ihn, 
den ungen, der unerbittliche Sen- 
jenmann von Ddiejer Welt abge- 
rufen. 

Die Sonne ftand tief — und 
jajt im Norden. Unter uns wogte 
noch der fejtliche Werfehr in der 
hellen, lauen Sommernadt. Man 
hatte die Bogenlampen angezündet, 
aber e3 blieb um dieſe Jahreszeit 
jelbjt in der furzen jonnenlofen Zeit 
— den Stunden vor Mitternacht 
bis früh um zwei Uhr — ja immer 
noch jo hell, dat man unterm lichten 
Nachthimmel leſen konnte. Kerjtine 
und ihre Freundinnen weilten längjt 
daheim. Aber durch die geheim- 
nigvollen Waldwege des Baldur- 
Haines Lujtwandelten noch allerlei 
Pärchen. Muſik Hang aus den 
großen Etabliſſements des Tier- 
gartens heritber — von Haffelbacen 
und Tivoli. Der breite, tiefdunkle 
Mälarjee jenjeits der Inſelſtadt, 
deren Silhouette jich haarjcharf gegen 
Den Nachthimmel abhob, bildete den 





Karl Johnſen: Heddy Holden. 423 





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Norrländiſche Sennhütte. 


einzigen Punkt der Ruhe. Sonſt deutete Bekanntſchaft den Höhepunkt unſerer feſt— 

nichts darauf hin, daß es ſchon wieder frohen Ferientagung bildete. 

zum neuen Tage ging. Er, der Gefeierte, ſtand mitten unter 
Wir feierten Alfred Hazelius, den uns, beſcheiden abwehrend, aber mit einem 

Schöpfer von Skanſen, und ſein Werk, deſſen glücklichen Lächeln, das ſeine Züge verklärte. 


heddy Holden. 


Uon 


Karl Johnien. 


Ih ftand an der Ejje, am flammenden Herd Da jchlug ich im dSorn, daß der Hammer zerjpellt’ 

Und habe die Gluten, das Feuer genährt, Und löjchte die Gluten und 30g in die Welt — 

Da jah ich Dein Antlig, von Slammen umloht, In die Welt, in die Weite, ins Morgenrot — 

Heddn Holden, mein Leben, Heddy Holden, heddy Holden, mein Leben, Heddy Holden, 
mein Tod. mein Tod. 


Und als ich den Hammer am Amboß ſchwang, Ylun [odert’s nod um mich, wie Slammen und 


Da raunte dazwijden ein liebliher Klang — Brand — 

Dein Kidhern, Dein Caden in Slammen und? O hätt’ id) den Hammer, die Bälge zur Hand! 
Schlot — Wer löjcht meine Liebe, 3erjchlägt meine Not? — 

Heddn Holden, mein Leben, Heddy Holden, Heddy Holden, mein Leben, Heddy Holden, 
mein Tod! mein Tod? 


Swperuup, 


Novelle. 


Wie bift Du jeßt fo unerreihbar weit! 
Einſt hab’ ich täglich Did) gefehen; 
Dod hajt Du nie nad mir gefragt, 
Ein fremder Mann ſah'ſt Du mid gehen. 
Du batejt im Dorübergehn mid nur, nod Nachricht 

Dir zu geben, 
Und erft durdy meine Briefe trat 
3d in Dein ausgefülltes Leben. 
Inmitten Deiner lauten Welt 
Siel dann ein Blatt zu Deinen Süßen, 
Don fern, mit fremdem Duft getränkt 
Und heiß von ungefehenen Küjjen. 
Hobjt Du es auf? — Id weiß es nidt! 
Dielleiht haft Du es kaum gelefen; 
Denn eine Antwort ward mir nie — 
Die eine Antwort wär’ gemefen. 
Dod) id) ſchrieb fort, durd) Jahre lang! 
Nuglos, daß id) die Bogen zähle! 
Don Liebe ftand in keinem Brief ein Wort, 
Dod jeder war ein Seten meiner Seele. 
Geliebte Srau! Das Schreiben war mein Troft, 
Dein Schweigen konnt’ es dod) nidt ganz entwerten. 
Ins Blaue jhidt’ id) fie hinein, 
Die Antwortlojen, Unbegehrten. 
Bis dann der Sufall mir verriet — 
Durd einen Dritten und nad langen Jahren! 
Er wußte felber nit, was er gejagt, 
Durd) ein zufällig Wort hab’ idy’s erfahren. 
Im Lauf der Rede warf er’s hin — 
Ein ruhig’ Antlig hielt th ihm entgegen — 
Und dann erfuhr id), daß Du dod 
Dem Sauber meiner Briefe unterlegen. 

6. Red. 





-llegusgo 19,1 UL ZUL2G usa zug “ıyayımıad 








Cisgang. 
Roman von 
Carl Manfred Kyber. 
I. 


RB muß wirklich einmal lernen, fic) zu 
fügen!" jagte Tante Malwine und 
fdjob oftentativ und geräufchvoll ihren Teller 
beijeite. Bejagte Hella erflarte darauf, daß 
fie feinen Braten mehr efjen könne, ſtützte 
den Kopf in die Hände und begann zu 
weinen, halb trogig und Halb unglüdlich, 
aber jedenfallg mit einem fehr reichlichen 
und andauernden Tränenerguß. Hella war 
ein Hübjches junges Mädchen von achtzehn 
Sahren, defjen gejunder, wenn auch biegjam 
graziöfer Körperbau eigentiimlid) mit dem 
zarten nervöſen Geficht, der madonnen- 
haften Haartradt und "den tiefliegenden, 
blauen und etwas fieberhaften Augen fon- 
traftierte. Das Merkwürdigſte an diejem 
Gejicht war der Ausdrud desfelben: es war, 
al3 ob aus der Uberfiille goldener Haare 
und aus vollen Formen und gefunden 
Farben ländlicher Schönheit etwas hervor- 
Tugte, was nicht gang gu der phyfiichen 
Perſönlichkeit und den Verhaltniffen ihrer 
Umgebung zu paſſen fdien, zum mindejten 
etwas, was al3 perfinlides Moment der 
Unruhe in gejunder Gleichmäßigkeit erjchien 
und alles, was Kraft war, einer intenjiven 
Sunerlidfeit unterstellte Und alles in 
allem war fie, obgleich jehr ſchön, weniger 
fin wie interefjant. Hella wußte weder 
daß jie Schön, nod) daß fie intereffant war. 
Cie wußte nur immer jehr gut, was fie 
wollte, und diesmal wollte fie zu Haufe 
bleiben und nicht zu Bärenburgs fahren 
auf3 Nahbargut zum Ball und Gartenfeft, 
zur Beier der Kohannisnadt. Die Ein- 
ladung dazu hatte jie eben befommen, 3u- 
gleih mit ihrer Mutter und Tante Mal- 
wine, der einzigen Tante ihres jugendlichen 
Dajeing, die aber diefen Beruf voll und 
ganz auszufüllen bemüht war. Hellas 
Mutter war eine feine ariftofratifche Dame, 
mit jtreng abgegrenzten, kühlen Umgangs- 
formen, bei deren forcierter Betonung man 

Belhagen & Klaſings Monatsheite. 


XIX. Jahrg. 1904/1905. II. Vd. 


(Ubdrud verboten.) 


das Gefühl haben konnte, als wären fie an 
Stelle getreten von etivad anderem, was 
jene Frau gefucht und nie gefunden hatte. 
Sie jtammte aus einer alten Watrizier- 
familie einer nordifhen Hanfaftadt und 
hatte al3 ganz junges Mädchen einen Ber- 
wandten gleichen Standes geheiratet, der 
fie aus dem bunten gejellfchaftlichen Treiben 
ihrer Familie hinaus auf feine einjfame 
Scholle nahm, auf jenes weltentlegene, Kleine, 
nordifde Rittergut, mit dem fein Stamm 
feit über einem Jahrhundert in traditioneller 
Gleidhmagigteit verwachlen war. Und Herr 
und Frau Herborg lebten lange Yahre lang 
zufammen und waren beide gejchmadvoll 
und gut genug erzogen, um nebeneinander 
Her zu [eben und fic) eigentlid) in nichts 
zu begegnen, al in der ausgejprochenen 
Averfion gegen alles, was pübelhaft und 
ohne Formen war. Was eigentlid) Frau 
Herborg geſucht und nicht gefunden hatte, 
hat fie niemals jemand gejagt, aud nicht 
ihrem Manne, der nicht allzulange nad) 
Hellas Geburt an einem heftigen Fieber 
geftorben war. Seitdem lebte Grau Herborg 
noch ftiller und zurüdgezogener, und außer 
ihr, Hella und dem Gutsperfonal fam faum 
jemals eine Menjchenfeele in die einjamen 
Tore von Neuhof. Das war Hellas Mutter, 
und Hella ftand fich gut mit ihr, fo ungefähr, 
wie man fich mit einem guten Befannten fteht, 
den man gerne mag und den man jchon lange 
fennt, fo lange, al3 man fic) erinnern fann. 
Wud) jet legte Frau Herborg beruhigend die 
Ichmale weiße Hand auf den Goldjcheitel 
ihrer Tochter und fuchte ihr das Weinen 
auszureden. 

„Ich hätte nichts dagegen,“ fügte ſie 
hinzu, „wenn Hella zu Hauſe bliebe. Die 
Nächte ſind oft noch kühl und man kann 
ſich leicht erfalten, wenn Bärenburgs aud) 
nicht weit wohnen, fo daß fie zeitig zurüd 
fein fann. Es ijt die Poejte der Johannis— 
28 


426 


nadt, Malwine, da muß man manches nad 
fehn, und wenn Hella fie nun lieber zu 
Haufe genießen will...“ 

„Segen die Sohannisnaht habe id 
gar nichts," jagte Tante Malmwine fcharf 
und prononciert, „aber ebenfogut weiß ich, 
daß ein junges Mädchen unter feinesgleichen 
gehört. Dies ewige Träumen, das fich ſelbſt 
genug ift, ift ungejund und führt zu 
nists Gutem. Natürlich müßteft Du mit, 
um das Rind etwas zu überwachen. Es 
wird getanzt, e3 find Mannsperfonen da, 
und Mannsperjonen find mir ein Greuel. 
Ich bin gottlob alt genug, um das zu wiffen 
und habe meine Gründe dafür! Und ich 
gehe natürlich nicht mit, und das ift auch 
etwas ganz anderes! Aber Hella muß doch 
einmal heraus und ein bißchen jehen, wie 
das Leben ijt. Das ift unbedingt erforder- 
lid. Sie fteht fo Schon immer alles mit 
eigenen Augen an und anders, als e3 ijt!” 
rau Herborg lächelte etwas fpöttiih und 
ſchwieg, Hella jchluchzte mit Aufbietung 
aller Kräfte in ihr Taſchentuch und erklärte 
nochmals, daß fie ganz gewiß feinen Braten 
mehr ejjen finne. Tante Malwine aber 
fuhr in gejteigerter Erregung fort: „Sch 
babe natürlich feine Urſache, Euch meine 
Anficht aufzudrängen,“ fagte fie und fchidte 
fid) an, mit jungfräulich ftrengen Händen 
die Kompottſchüſſeln vom Tijche zu nehmen. 
„SH fage fo etwas nur, weil ich’3 für 
meine Pilicht halte, und ich bin im Pflicht- 
gefühl erzogen. Am übrigen braudt Ahr 
Euh nidt an mich zu Halten, fonbdern 
fünnt Onfel Wilhelm fragen, wenn er zum 
Kaffee kommt.“ 

Nach diejen bedeutjamen Worten ver- 
ſchwand unter Tante Malwines Händen mit 
gefährlichem Gerdufd das ganze Service der 
Mittagstafel und machte allmählich den flei- 
nen, graziös behäbigen, altmodischen Moffa- 
tafjen Play, die in ihrer freundlichen Behag- 
lichkeit gar wenig in die gereizte Stimmung 
Der drei jeltjam verjchiedenen Perfönlichkeiten 
paßten. Und nun wartete man in begreif- 
licher Spannung auf Onfel Wilhelm, der 
das Ichte Wort in diefer hochwichtigen An- 
gelegenheit ſprechen ſollte. Onkel Wilhelm 
kam jeden Tag, pünktlich fünf Minuten 
nach halb drei Uhr; ſechs Minuten nach 
halb drei brachte Tante Malwine die Kaffee— 
kanne auf den Tiſch. Onkel Wilhelm war 


ein Vetter von Tante Malwine und Frau 


Carl Manfred Kyber: 


Herborg, der ſchon ſeit Jahren und ſolange 
man zurückdenken konnte, als Paſtor auf 
dem nah gelegenen Pfarrhof lebte, recht 
friedlich und beſchaulich mit einer alten, 
wunderlichen Wirtſchafterin zuſammen, am 
Sonntag ſeine Predigt hielt und mit liebe— 
vollem Eifer Cochinchinahühner züchtete. 
Jetzt war es fünf Minuten über halb drei, 
und alſo kam Onkel Wilhelm. Er ſtieg 
vorſichtig die Stufen der Freitreppe zur 
Veranda herauf, als ob ſie von Porzellan 
wären, lächelte freundlich zu den Damen 
herüber, wobei er etwas verlegen huſtete 
und ſich mit einem rotgetupften Taſchen— 
tuche echauffiert übers Geſicht fuhr. Dann 
legte er ſeinen Überzieher, Hut und Rock 
ab und zwar auf den Stuhl, auf den er 
dieſe Sachen ſtets zu legen pflegte, nämlich 
auf den dritten rechts vom Eingang. Dann 
ſagte er: „Du geſtatteſt doch, liebe Clo- 
nore,” und fegte fich cin Käpſel auf, das 
er mit merfli jahrelanger Übung aus 
den Falten des Überziehers hervorholte. 
Dann erft begrüßte er die Damen, d. 5. 
Hella und ihre Mutter, denn Tante Mal- 
wine war zur allgemeinen Erleichterung 
verſchwunden, um nad) dem Kaffee zu fehen. 
Onkel Wilhelm fete fich, fah forgfältig nad), 
ob Taſſe und Teller grade ftanden und 
im gewohnten Wbftand von feinen Blak. 
Dann jog er die Uhr und feufzte erleichtert; 
ja, e8 war fünf Minuten nad) halb drei! 
Onkel Wilhelm ahnte aud) nicht im ent- 
fernteften, daß hier eben eine jo erbitterte 
Schlacht gefchlagen worden war, er jah 
weder Hellas verweinte Augen, noch die 
Icharfen Züge in den Mundwinfeln jeiner 
Coufine. Onkel Wilhelm gehörte zu den 
Menichen, die faft nie etwas merken, am 
allerwenigiten das, was offenkundig. ift. 

„a, ja,“ fagte er harmlos, „meinen 
Hühnern geht’s redht gut. Heute früh 
find wieder zwölf Kücken angefommen. 
Ganz gelb, ja — guten Tag, meine liebe 
Malwine! Ya, ich erzählte chen, dah heute 
früh wieder zwölf Küden bet mir anges 
fommen find. Ganz gelb, ja. Die rechten 
Kinder ihrer Mutter. Du kennſt dod) die 
Henne mit den Hellen Fleden auf dem 
linfen Schulterblatt .. .” 

Aber Tante Mtalwine interefjierte fid 
nicht für die Riiden. Sie fagte fteif und 
fühl: „Guten Fag, lieber Wilhelm,“ und 
goß mit dem Ausdruck einer Morne den 


Eisgang. | 


Kaffee ein, denn e3 war fechs Minuten 
nad) halb drei. Es herrſchte eine peinliche 
Stille. Tante Malwinens Erjcheinen hatte 
erneute Gewitterluft in die fdjon fo ſchwer 
heimgejuchte Samilientafel gebradt. Nur 
Onkel Wilhelm merfte von alledem nichts. 
Er dadhte an feine Cochinchinahühner, Hatte 
Das angenehme Gefühl, die friedliche Stim- 
mung einer Häuslichkeit jo recht von Herzen 
zu genießen, und trank behaglich eine halbe 
Taffe Kaffee aus, worauf Hella ihm mehr 
gewohnheitsgemäß als aufmerfjam mieder 
cingoB. Ontel Wilhelm trank ftets nur 
eine halbe Taſſe, dann mußte ihm nad)- 
gegofjen werden, und dieſes alfo ergänzte 
Quantum nahm er dann ohne weitere Maß- 
nahmen zu fic. Mehr oder weniger als 
anderthalb Taſſen zu trinfen oder gar in 
andrer Anordnung und Reihenfolge hätte 
Onkel Wilhelm mit dem Aufgeben feiner 
Perſönlichkeit gleich erachtet. Onfel Wilhelm 
merkte aljo immer nod) nidjts. Er fühlte 
jih jehr wohl und wollte nur, ohne fid 
etwas dabei zu denfen, der, wie er annahm, 
allgemein gemütlichen Stimmung auch äußer- 
lid) durch eine gemütliche Unterhaltung mehr 
Leben verleihen. 

„Bei Barenburgs ijt ja Ball,“ fagte 
er, indem er einen Schlud aus der nad 
gefüllten Taſſe nahm und alle Tijd 
genofjen der Reihe nach mit ftrahlend zu- 
friedenem Lächeln anſah. Tante Malwine 
huſtete ſchickſalsſchwer und fagte jpig: „Wir 
willen das bereits, wir haben natürlich aud) 
Einladungen erhalten, mein Lieber Wilhelm.“ 

‚Mein lieber Wilhelm‘ wurde geradezu 
mit gefährliher Schwüle ausgefproden. 
Frau Herborg lächelte etwas müde und er- 
geben, Hella aber begann mit erneuter 
Graft ihre Tränen fließen zu lafjen. 

„Ah Gott, ad) Gott,” fchluchzte fie, 
nad) Onkel Wilhelm, e3 ijt ja fo fchredlich, 
jo ſchrecklich!“ 

Onkel Wilhelm fand nichts Schredliches 
dabei, er begriff überhaupt beim beiten 
Willen nidjt, was er angerichtet hatte. 
Und wie immer in Momenten gemütlicher 
Erregung, fuhr er mit der Hand in die 
rechte Rodtajde, wo er ftets Pfeffermins- 
plätzchen bet fic) trug, Bolte fic) eines 

heraus und verjpeifte e8 ratlos und gee 
Danfenjchiwer. 

„sa, was foll denn das eigentlich alles 

bedeuten?“ fragte er fchließlih, fic) auf- 


427 


raffend, und fchludte energisch den letzten 
Reit des Pfeffermingplagdens herunter. 

„Bir haben aud) eine Einladung zu 
Bärenburg3 erhalten,” jagte Frau Herborg, 
„aber Hella will nicht Hingeben, und 
id) denfe aud, daß jie ruhig zu Haufe 
bleiben finnte, wenn fie nun mal feine 
Luſt Hat.“ 

„Aber natürlich,” fagte Onkel Wilhelm 
und freute fic), daß die Gade fo einfadh 
lag. „Warum fol Hella nicht dableiben? 
Es wird gewiß bei Bärenburgs jehr Hübjch 
fein, Sohannisnaht zu Haufe Hat aber 
auch einen ganz eigenen Retz.“ 

„Es ift nidts als Laune,“ bemerfte 
Tante Malwine mit mefferfcharfer Stimme 
und rührte nervös in ihrem Kaffee herum, 
obgleich fie ihn „grundſätzlich“ ohne Zuder 
tranf und alfo eigentlich nicht zu ver- 
rühren hatte. 

„sa Dod, es ift fchließlich alles ein 
Hein wenig Laune,” fagte Onkel Wil- 
Helm fchon etwas verjchüchtert, „aber das 
iſt dod) Stimmungsjadhe in diefem alle, 
und wenn fie nun mal die Stille eier zu 
Haufe vorzieht, das macht dod) nichts. Bu 
Sohannis Tann man ganz gut abjagen, 
der eignen Leute wegen, und überhaupt — 
ich verftehe nit...” — 

„Du verftehft manches nicht, mein Lieber 
Wilhelm.” — 

„Über es wird ja getanzt werden bei 
Bärenburgs, e3 find Männer da, natürlich, 
und Du bift doch fonjt fo gegen Männer 
eingenommen,“ fagte Onfel Wilhelm und 
freute fic) über feinen guten Einfall. 
Tante Malvine räujperte jich gereizt und 
war eben im Begriff, eine genaue Dar- 
fegung ihrer jämtliden Grundſätze von 
allen Geſichtspunkten aus über den fchul- 
digen Onkel Wilhelm ergehen zu lafjen, als 
Hellas Geduld rip, da ihr offenbar der 


* Tränenftrom verfagte. Sie ftieß die Kaffee- 


tafje von fih, daß fie Hirrend mit der 
Tante Malminens follidierte, warf den 
Ihönen Blondfopf trogig zurüd, und das 
Nervöfe in ihren Zügen vertiefte fid) fo 
merflih, daß das zarte Geficht etwas Halt- 
lojes, fajt elementar Wildes befam. 

„sh Tann das nicht mehr aushalten,“ 
rief jie Teidenschaftlih, „immer dasjelbe: 
da3 fol id) und das foll ih nicht und 
eigentlih Toll ich gar nichts! Höchſtens 
ftill halten und das tun, was andere wollen, 


28+ 


428 


und anders fein als ic) bin. Sch benehme 
mid) fdjon möglid) genug, aber wenn id 
immer nur nad außen da fein foll und 
gar nicht für mid, dann pfeife ich über- 
haupt auf den ganzen dden Sram!“ 

Ein erneuter Tränenftrom befchloß diefe 
Worte. Tante Malwine faß wie zu Cis 
erftarrt. Keine Miene verzog fich in ihrem 
Geficht, bas wie lauter petrefatt gewordene 
Grundfäge ausfah. Frau Herborg fagte 
verweiſend: 

„Mein liebes Kind, man ſagt weder: 
‚oder Kram‘, nocd) iſt man überhaupt fo auf- 
geregt.“ Dabei beugte fie fich aber fo tief 
auf ihre Raffeetaffe herab, daß man nicht 
recht erkennen fonnte, wie ihr Verweis ge- 
meint war. Onfel Wilhelm aber abnte 
Schlimmes nach diefem Ausbruch, und nad 
dem er noch ſchnell und mit einem gewilfen 
leidenfchaftliden Clan ein Pfeffermiinsplag- 
chen verſchluckt hatte, verfuchte er jeine Nichte 
etwas zu verteidigen. 

„Man muß das Madden aber wirklich 
nicht fo reizen,“ fagte er, faft entjegt über 
feine eigene Kühnheit und trank mit einem 
fcheuen Geitenblid auf Tante Malwine den 
Reft feines Kaffees aus. 

Tante Malwine aber erflärte, heijer vor 
Erregung: „Ich dente, nach diefem ‚Uus- 
bruch‘ werdet Shr e3 wohl auch für felbit- 
verjtändlich Halten, daß hier etwas gefchehen 
mug. Wir haben ja eben klar gejchen, wohin 
diejes in fic) felbft vergraben führt, es ift 
geradezu gefährlihd. Nicht nur ungejund, 
direkt gefährlih. Noch neulich) wollte Hella 
nicht, daß eine ganz alte, verfallene Garten- 
bant repariert wurde, fie hätte fich fo dran 
gewöhnt und fo weiter. Was foll denn 
das heißen? Und fo ijt’s in allem!” — 

Die allgemeine Spannung hatte mit 
diefen Worten eine folche Höhe erreicht, 
daß Frau Herborg fich entichloß, vermittelnd 
einzugreifen. 

„Du täteft mir diesmal wirklich einen 
Gefallen, mein liebes Kind, wenn Du Hin- 
gehen wollteft. Ich fomme ja auch mit, 
und wir beide werden jchon ganz vergniigt 
fein, nicht wahr?“ 

Hella nidte gebrochen und refigniert, 
machte aber Feine Einwände mehr, da fie 
jelbft das Gefühl Hatte, etwas zu weit gee 
gangen zu fein. Und während Onfel Wil- 
helm feiner Nichte auch gutmütig zuredete 
und fogar verjprad), mit ihr zu tanzen, 


Carl Manfred Kyber: 


machte Tante Malwine ein Geficht, als ob 
fi ein Glorienfdein auf ihr mißveritan- 
Denes Haupt herniederjenkte. Die ſchwierige 
drage war nun endgültig erledigt, denn 
rau Herborg ftand vom Tijde auf, ver- 
abjchiedete fi) von Onfel Wilhelm, viel- 
leicht etwas herzlicher als jonft, nidte Tante 
Malwine und Hella zu und zog fich zurüd, 
um ihre gewohnte Mittagsruhe zu halten. 
Onkel Wilhelm wollte Tante Malwine 
augenfdeinlid) auch nicht weiter reizen, ihr 
firchliches ober weltliches Ich von fich zu 
geben, und empfahl fic) etwas eiliger als 
fonft. Er fchüttelte Tante Malwine ſehr 
intenfiv und etwas haftig die Hand, fo wie 
es Menfchen zu machen pflegen, zwiſchen 
denen eben etwas vorgefallen ift, twas fie 
offiziell als erledigt betrachten. Dann 30g 
er feinen Überzicher wieder an, während 
Tante Malwine ergeben lächelte und ihm 
beim Unterbringen des Käpſels und bei der 
übrigen komplizierten Toilette behilflich war. 
Onkel Wilhelm bedankte fich mehrfach etwas 
nervös, wedelte dabei mit feinem rotge- 
tupften Tafchentuh und wollte fich eben 
auch noch von Hella verabjchieden, als diefe 
plößlich erklärte, daß fie mitfommen wolle. 

„SH dadıte, Du wollteft Hausarbeiten 
machen,“ fagte Tante Malwine, und e3 
40g wie ein eifiger Hauch durch die warme 
Sommerluft. Aber Hella war geladen. 

„Keine Spur,“ fagte fie fred, „id 
fomme vor dem Abendbrot nicht wieder.“ 

Onkel Wilhelm Haftete mit fieberhafter 
Eile nach der Gartentiir, da er eine neue 
Rataftrophe befürchtete, bet der er dieſes Mal 
wirflid) nicht Hätte an Hellas Seite fein 
fönnen, obwohl er fie im Stillen betwunderte. 
Gr war eben die erjten Schritte auf der 
Landftrake gegangen und hatte gerade ein 
Piefferminzplägchen forgenvoll aus ber 
Tafche feines Überziehers hervorgezogen, als 
Hella neben ihm auftauchte und ihn, nun 
wieder vergniigt, anlachte. 

„Du gebhft alfo doch mit?” fragte Onfel 
Wilhelm etwas ängſtlich und jchludte mit 
ſcheuen Geitenbliden fein Pfefferminzpläß- 
chen hinunter. 

„Aber natürlich,” fagte Hella fidel, „ich 
freue mid) gräßlich!“ Onkel Wilhelm freute 
fi) auch, um fo mehr, als fie {don ein gutes 
Stii€ vom Haufe entfernt waren und ein 
Eingreifen von feiten Tante Malwines nicht 
mehr zu befürchten war. 


Cisgang. 


„übrigens,“ fagte Hella, „ich bin Dir 
ichredfih dankbar, Onfel Wilhelm, daß Du 
Tante Malwine auch mal twas gejagt und 
mich etwas in Schub genommen haft.“ 

„Bitte, bitte, mein liebes Kind,“ meinte 
Onkel Wilhelm freundlich, fühlte fic) aber 
nun doch veranlaßt, Hellas refpeftwidrige 
Anfihten etwas zu dämpfen. 

„Du mußt aber aud) nicht zu fchroff 
gegen Tante Malmine fein,“ jagte er vor- 
fihtig, „Tante Malwine ift dod) an fid 
jehr gut, meint e3 ja auch fo fehr gut, und 
aud) mit Dir, ja — überhaupt —“ und 
Onkel Wilhelm fchludte verlegen. 

„Zante Malwine ijt efelhaft,“ erklärte 
Hella aufs allerbeftimmtefte und jchüttelte 
fih die Haare aus dem Geſicht. Onkel 
Wilhelm befchleunigte feine Schritte und 
wifdte fi) unruhig mit dem Tajchentuch 
übers Gefiht, um nicht näher auf Hellas 
rigorofen Richterfpruch eingehen zu müjfen. 
Onfel Wilhelm war überhaupt nicht für 
Erziehung. Er liebte Ruhe und Frieden 
über alle8 und ftand derartigen Walküren 
der Tugenden und Grundſätze, wie Tante 
Malwine, ebenfo fremd wie hilflos gegen- 
über. Hella Hatte ihrerjeit3 auch das Gee 
fühl, daß man diefem Gegenjtande — Tante 
Malwine war für fie ein Gegenftand — 
fdjon zu viel fojtbare Beit geopfert hatte, 
und nahm fic) vor, fiir heute endgültig da- 
mit abzufchließen.  Wenigitens bis zum 
Abendbrot, two fie todjicher ihre Schelte 
wegen der eigenmächtigen Entfernung und 
ihrer Flucht vor der Hausarbeit zu erwarten 
Hatte. 

„Ich will Deine Kücken jehen, Ontel 
Wilhelm,” fagte fie etwas unvermittelt und 
energiſch. 

„Ach, ja, die Kücken, die neuen —“ Onkel 
Wilhelm lächelte beglückt, und vor ſeinem 
geiſtigen Auge entrollten ſich wieder all die 
Herrlichkeiten einer Cochinchinazucht. 

„Ja, die neuen Kücken, die gelben,“ 
wiederholte Hella und freute ſich, daß ſich 
Onkel Wilhelm freute und daß er ſo bereit— 
willig von ſeiner Pädagogik abließ und auf 
ein andres Gebiet überging. 

„Ja, meine Cochinchinahühner,“ ſagte 
Onkel Wilhelm, „die haben mir ſchon über 
manche ſchwere Stunde im Leben hinweg— 
geholfen.“ 

„Ich glaube auch, daß das Leben ſehr, 
ſehr ſchwer ſein kann —“ Hellas Geſicht 


429 


bekam einen eigentümlichen, hartnäckig ftar- 
ren Zug. 

„Aber, liebes Rind,” ſagte Onkel Wil- 
helm ganz erſchreckt und ſah ſeine ſchöne 
Nichte etwas verſtändnislos an. 

„Ja, das glaube ich ganz beſtimmt und 
ich habe ſehr viel darüber nachgedacht. 
Weißt Du, beſonders ſo im Winter. Wenn 
alles gefroren iſt und der Schnee fällt drauf 
und man ſieht gar nichts als eben nur 
Schnee, dann habe ich immer gewünſcht, 
der Frühling möchte mit einemmal durch— 
brechen, in einer Nacht, mit Sturm und 
Wind und Regen, ſo daß alles kaput geht! 
Und ſo möchte ich auch das Leben haben! 
Und das iſt, glaub' ich, das Schwere 
daran, daß es eben auch nicht geht, ſondern 
ebenſo langſam oder noch viel, viel lang- 
famer und langweilige. Dies darf man 
nidjt und das darf man nicht, und id 
möchte doch fo gerne einmal alles dürfen! 
Weißt Du, ganz fo Ieben, wie ich’3 mir 
denfe. Wie im Märchen, wie ein Wunder 
müßte e3 kommen, wie ein großes Wunder, 
und alles müßte fo fein, wie ich's mir 
immer denke, die Baume und der Fluß und 
überhaupt alles, weißt Du — fo anders 
eben, wie jonft ...“ 

Onkel Wilhelm Huftete erregt und fah 
ebenjo entjegt wie ratlos aus. Er war fo 
verblüfft, daß er nicht einmal daran dachte, 
ein Pfeffermingplagden zu fic) zu nehmen, 
wie fonft in Momenten gemütlicher Cre 
regung. Aber Hella achtete weder auf Onkel 
Wilhelms warnenden Huften, noch auf jonft 
etwas, e8 fdjien, al3 ob fie einfach mit fid 
jelber durchginge. 

„Berrüdt möchte ich einmal fein,” rief 
fie impulfiv, „mit Leib und Seele verrüdt!“ 
Und dabei zudte es fieberhaft um ihren 
Mund, und die tiefblauen Augen befamen 
einen fchieferfarbenen Glanz, als ob fid) 
Heine Lichter drin feſtgeſetzt hätten. 

Onkel Wilhelm war faffungslos. „Aber 
das ift ja ſchrecklich,“ fagte er mit etwas 
unfiderm Vorwurf, „wie kommſt Du nur 
auf jolhe Gedanken, Kind! Die mußt Du 
Dir aus dem Sinne fchlagen und überhaupt 
nicht fo viel grübeln und denfen über 
Gadjen, in denen wir armen Menfchen- 
finder nun doch einmal nicht weiter fommen 
können.“ 

Im ſtillen aber nahm er ſich vor, mit 
ſeiner Couſine ein ernſtes Wort zu ſprechen, 


430 


daß dieſe immermwährende Cinjamfeit für 
ihr Kind nicht tauge. Dem Gefprad der 
beiden wurde aber jet ein Ende gemacht, 
da fie aus der waldumgebenen Landitrage 
heraustraten und vor ihnen das Paftorat 
lag mit feinem roten Biegeldad) und weiß 
getünchten Mauern, an denen fich die grünen 
Regenrinnen in langen, fteifen Linien hin- 
zogen. Aus dem grünen Bufchwerf des 
Hofes hervor lugte ein Feines, hiittenartiges 
Bauwerk, das Hühnerhaus, deſſen einfeitig 
{drag abfallendes Dad) Onkel Wilhelm im 
vorigen Sommer eigenhändig fiidengelb an- 
gejtrichen hatte. Sie waren an der Garten- 
tür angelangt, und Onkel Wilhelm Tieß 
Hella mit ritterlicher Selbtverjtändlichkeit 
vorangehen, wobei er fte ermahnte, nur 
ja nidjt auf irgendein Codindinabubn zu 
treten, das eventuell durch Färbung oder 
Größenverhältmiffe nicht gleich erkennbar 
fein könne. Diefe Mahnung richtete Onkel 
Wilhelm mit unermüdlicher Negelmäßigfeit 
an jeden Bejucder und aud) an foldje, die 
tiglid) ind Haus zu kommen pflegten. Aber 
Hella trat auf Feine Hühner, obgleich fort- 
während dicfe Lebeweſen in allen Größen 
und Farbentönen über den Weg liefen. Und 
jest fam man auf den eigentlichen Hühner- 
hof und an die Stätte des letzten freudigen 
Samiliencreigniffes. Onkel Wilhelm öffnete 
andachtsvoll ein kleines Gitter und zeigte 
Hella die zwölf gelben Küden, die ſich etwas 
regello$ unter den Flügeln ihrer Frau Mama 
zulammendrängten. 

„Wie gelb fie find!” fagte Onfel Wil- 
Helm leiſe. „Nur eins Hat Helle Slee auf 
dem Hinten Sculterblatt — ganz die 
Mutter.” 

Hella fonnte die behauptete Familien— 
ähnlichkeit nicht feititellen, ftimmte aber be- 
geiltert bei, murmelte etwas vom Cpicle 
der Natur und fand im übrigen die Kücken 
wirklich fehr nicdlid. Bloß die Henne fah 
etwas dumm aus, dachte fie, ſagte aber 
natürlid nichts; erftens Onkel Wilhelms 
wegen, und dann war e3 ja auch ein Codjin- 
chinahuhn. Ta fam Onkel Wilhelms alte 
Wirtſchafterin über den Hof gegangen, eine 
Yerjon, von deren unfomplizierter Beſchaffen— 
heit man fi) auf den erſten Augenschein 
jofort überzeugen konnte: jehr viel Herzens— 
güte und ſehr wenig BWerjtand, alles in 
allem eigentlich mur ein glänzendes, votes 
Geſicht mit kaum ſichtbaren, wenn aber ftcht- 


Carl Manfred Kyber: 


bar, ausdrucksloſen Augen und von einem 
Kopftuch verhüllt, deſſen weißgeſtärkte, brett— 
artige Fläche mit giftgrünen Elefanten be— 
druckt war. 

„Ach Gott, das gnädige Fräulein!“ rief 
ſie und zupfte verlegen und erfreut an den 
Dolchſpitzenenden des Elefantentuches. „Da 
will ich aber auch gleich Kaffee kochen.“ 
Und von dieſem Kaffeegedanken erfüllt, der 
ihren Verſtand fürs erſte ganz in Anſpruch 
nahm, eilte ſie ins Haus zurück. 

„Ach ja, Kaffee,“ ſagte Hella angenehm 
berührt und offenbar erleichtert, daß die 
Kücken nun erledigt wären und ſie keine 
weiteren Familienähnlichkeiten mehr zu finden 
brauchte. Onkel Wilhelm war weniger er— 
freut, die jüngſte Cochinchinageneration ſchon 
wieder verlaſſen zu müſſen. Aber er ſah 
ein, daß eine gewiſſe Kaffeeberechtigung vor- 
lag, um fo mehr, als die etwas dünn klin— 
gende Glode feines naheliegenden ärmlichen 
Rirdleins die Welperftunde verkündigte. 
Und fo flop er mit einem wehmütigen 
Blid auf feine Küden die Kleine Gittertür, 
und beide gingen ind Haus hinein — der 
alte Mann mit feinem Frieden und feiner 
wunderlidjen Hühnerliebe und feine jugend» 
{chine Nichte, in deren Gecle auch allerlei 
Wunderlidjes fchlummerte, aber nichts, was 
jenen Wunderlichfeiten des Friedens ver— 
wandt war. Und doch waren die beiden 
Guperlid) und innerlicd) verwandt und, was 
nod) viel mehr ift und noch viel jeltener 
vorfommt: fie waren beide Menjchen. Nur 
Menjchen mit einer andern Welt. Vielleicht 
aud) aus einer andern Welt — das aber 
weiß niemand zu jagen und das mußte 
aud) Onkel Wilhelm nicht, der jich heute 
vielleicht mehr denn je damit beichäftigte, 
ob feine Nichte cinft den wunderlichen 
Frieden finden würde, den er jelbjt gefunden. 


I. 

Das Abendeilen verlief jtil und ohne 
Die erwartcte Schelte, denn Tante Malwine 
jaß wie verjteinert bei Tiſche und ermahnte 
Hella nicht einmal, langiamer zu efjen und 
nicht jo viel Zuder in den Tee zu tum. 
Es war ein bedenkliches Zeichen für Tante 
Malwinens Scelenzujtand, dap fie Heute 
joqar auf dieſe ihr gewohnten und Lied 
gewordenen Ermahnungen verzichtete. Aber 
Hella bemerfte das kaum, ſie war merfe 
würdig müde, und während jie fonjt nod) 


Eisgang. 


ſtets mit einem Buch oder einer Handarbeit 
ſitzen blieb und als letzte die Lampe löſchte 
und das Zimmer verließ, ging ſie heute 
gleichzeitig mit den andern ſchlafen. Sie 
vergaß fogar ihre Obliegenheit, die Lampe 
zu löjchen, und Tante Malwine bejorgte 
da3 an ihrer Stelle, ohne ein Wort zu 
fagen, und mit einer Miene, al3 mache es 
ihr Vergnügen, dem armen Petroleum das 
Feuer zu erftiden. Und Hella ging in ihr 
Bimmer, die fchmale Stiege in den eriten 
Stod hinauf, wo ihr Heines Heiligtum lag. 
Es war ein mäßig großes, wenn auch ge- 
räumiges Gemacd mit unregelmäßigen Wän- 
den, an denen man deutlich erkennen konnte, 
wie viel vor langen Zeiten ſchon an diejem 
Haus gebaut und verbaut worden war. 
Ein etwas gedrüdt ausjehendes Fenjter mit 
tiefer, erferartig angelegter Fenſterniſche ge- 
währte einen Ausblid in den ſtark verwwil- 
derten Barf, durch den im Mondlicht wie 
ein filbernes Band ein breiter Flug mit 
felfig zerflüfteten Ufern bindurchjchimmerte. 
Das Merfwiirdige an Ddiefem enter war, 
daß es jedem fofort guerft auffiel, forwie 
er ind Bimmer trat, obgleid) man nidt 
recht verjtehen konnte, was an dem plumpen 
Fenſterkreuz oder den halb erblindeten Sdjei- 
ben jo Auffallendes oder gar Angiehendes 
war. Ob's an der twunderliden Form des 
Zimmers lag, oder ob die tiefe, jchwer- 
fällige Senfternifche es fo bervortreten Tieß 
— jedenfallg war’3 merkwürdig und ſah 
fajt aus, als gehörte dag Fenjter nicht zur 
Stube, Sondern führte ein felbjtandiges, 
perjönliche8 Dafein mit allerlei feltjamen 
Wunderlichfeiten, die fid) wie Spinnweb 
hin und ber zogen, vom Boden bid zum 
Fenſterkreuz und bis zu den rojtigen Angeln, 
die nadıt3 im Winde wimmerten und jtöhn- 
ten. Und dieſe Fenfternijde war Hellas 
Heiligtum, in das fie auch jet, wie jtet3 
vor dem Schlafengehen, Hineinging und, fid 
langjam die Haare löſend, Hinunterjchaute 
in den Park, in Ddefjen vielvergzweigtem 
Blättergewirr das Mondlicht jeltfam un- 
fidjere Gebilde ſchuf. Bon fern Her rief 
ein Käuzchen dur die Luft, durch die 
dunklen Baumfronen fegte leije der Wind 
und verfing fic) flülternd in den Mauer- 
fpalten des alten Haufe. C3 war Die 
Stille der Sommernacht, die jdrwiile Stille, 
die man zu hören glaubt und die man 
faft körperlich fühlt und die einen mit 


431 


taufend Augen anzufchauen fdjeint, daß 
einem Halb heimlich, Halb unheimlich ahnt, 
man fei nicht mehr allein mit ſich felber. 
Hella Iehnte fic) Halb ausgezogen mit offe- 
nem Haar zum Fenfter hinaus und atmete 
mit tiefen Zügen den warmen, feuchten 
Erdgeruch ein, der mit leichten, grauen 
Nebeln aus der Tiefe des Parks empor- 
ftieg. Hella Tiebte e3, wenn die Erde 
dampfte, e3 gab für fie nichts Schineres, 
wie friſch gepflügte Schollen, die eben die 
Pflugſchar aufgeriffen. Sie ſchwärmte für 
alles, was Erde war, fo fehr, daß fait 
alles Natürliche bei ihr perjönliche Empfin- 
dung auslöjte und ihrer eigenen Welt zu 
eigen ſchien. Gelbjt ihre reich entwickelte 
Phantaſie ftand ftreng im Banne jener Erd- 
verwandtichaft und blieb bei aller Aufnahme- 
fähigkeit all dem andern fremd und kühl 
gegenüber, was fie nidjt mit dem Leben 
der Scholle verbinden fonnte. Und fo ftand 
fie als urfpriinglid) finnliche Natur allem 
Uberjinnliden, der Religion, den traditio- 
nellen Grundfäßen und allem fulturell Gee 
gebenen fühl gegenüber. Es war fein fri- 
voles Nefüfieren, eher eine Ratlofigfeit, die 
aber dod) ein Ablehnen in ſich ſchloß; in 
der Weife, wie man etwas ablehnt, was 
man nicht nötig hat, ohne fic) viel damit 
zu beichäftigen, ob es einem bewußt ange- 
nehm oder unangenehm ift. Und heute 
empfand fie das alles ftärfer denn je 
und vielleicht fogar zum erften Male be- 
wußter und deutlicher, al3 es früher ge- 
wejen war. Und wie fie halb müde, halb 
aufgeregt und mit aufgelöften Haaren in 
den mondhellen Park Hinabjah, da fragte 
fie fich zum erjten Dale, two fie denn eigent- 
fih zu Haufe fei, und ob es überhaupt ein 
Zuhaufe gabe. War es hier, wo ihre Mutter 
herum ging und mit ihren abgegrenzten 
Formen gleichfam der ganzen Gegenwart 
und Zukunft mit einem gejellichaftlichen 
Lächeln gegeniiberftand? Nein, gleichmäßige 
Güte war feine Heimat und ruhige Sicher- 
heit noch fein Zuhauſe, in das man fid 
jubelnd verfriechen fonnte, tief und warm, 
fo daß man nicht3 mehr jah und hörte, fo 
wie e3 Kinder bei Geipenftergefhichten tun 
mögen. Bon Tante Malwine ganz abge- 
jehen, deren jungfräulich gefteigerte Tugend 
mit ihren ewig rotierenden Grundſätzen im 
nidts mit Hellas Charakter verwandt war, 
am allerwenigiten wohl mit der Vorliebe 


432 


für Erdgeruch und frifch gepflügte Schollen, 
die eben die Pflugſchar aufgerijjen. Daß 
Tugend meift nicht3 weiter ijt als eine aus 
der Not gemachte Tugend, das wußte Hella 
nidt. Oder war man bei Onkel Wilhelm 
zu Haufe, bei feinen Cochindinahiihnern und 
ihrem kückengelb gejtrichenen Dad), mo alles 
Sonne und Freundlichkeit und Sonntag3- 
frieden Hatte, während Onfel Wilhelm feine 
Pfeife rauchte oder Pfefferminzplägchen 
ap? Aber ob das wirklich ein , Bubauje” 
war? Sie glaubte e8 nicht, wenn fie daran 
dachte, wie merkwürdig Onkel Wilhelms 
harmlofes Geficht manchmal ausjehen konnte, 
wenn er das verblichene Farbenband aus 
feiner Studienzeit betrachtete, Das über feinem 
altväteriichen Arbeitstifch hing. Und daneben 
waren ein paar Bhotographien in ovalen, 
ſchwarzem Rahmen, und die jah Onkel Wil- 
helm dann aud) immer fehr lange an, fehr 
forgfältig und genau der Reihe nad. Und 
dann ab Onkel Wilhelm ein Pfefferminz- 
plagden und fah ganz anders dabei aus, 
als er fonft ausjah. Nein, in jenem Pfarr- 
haus war Hella aud) nicht zu Hauje, wo 
Dntel Wilhelm lebte mit jetnen Küden und 
feinem wunderliden Sonntagsfrieden, in 
deffen Stille das dünn klingende Kirchglöd- 
fein fo müde Herüberläutete. Aber wo war 
fie zu Haufe? Hella wußte e3 felber nicht. 
Gie wußte nur, daß fie müde war. Und 
das fam ihr jo plötzlich und unerwartet, 
daß fie faft heftig das Fenfter Schloß, fic 
ganz mechanisch und gedanfenlos ausfleidete 
und fic) fröjtelnd ins Bett legte, indem ein 
ungejunder Schauer ihren fonjt jo gefunden 
Körper durdjlog. Sie hörte nur leije von 
ferne, Halb träumend und halb wachend, 
wie die Wellen des Fluffes hinter dem Park 
eintönig ans zerflüftete Ufer jchlugen. Wie 


ein Wiegenlied Hang e3, Teife und immer 


Ieifer und dod) fo verhalten unruhig, daß 
Hella unwillfiirlid) daran dachte, wie jener 
Stille Fluß im Vorfrühling feine eilige Dede 
brad) und mit brüllend wilden Jubel feine 
Feſſeln ftromabwärts trieb und mit fid 
fortriß, was an feinen Ufern hing, Baume 
und Buſchwerk brad) und alles mit gelbem 
Gand und aufgerijjener Erde in feinen gur— 
gelnden Abgrund zog! Da hätte fie immer 
dabei fein mögen, mitten im taumeltollen 
Treiben drin, jo daß ihr der Sturmmvind 
die Haare aus dem Geſicht peitjchte und 
der warme Tauregen ihren jungen Körper 


Carl Manfred Kyber: 


Ihlug — gwifden gefällten Bäumen und 
gebrochenem Buſchwerk, aufgeriffener Erde 
und gurgelndem Wajjer mitten in fiebernder 
Vorfriihlingsnadht, auf lauter krachenden 
Eisihollen !! 

Uber e3 war ja Sommer und draußen 
blühte der lieder in fchweren, weichen 
Blütendolden, der Fluß war ruhig und die 
Nacht war mondhell, ſtill und fricdlid) — 
Hella war müde, müde. Und dann jchlic 
Hella ein. 

III. 

Tante Malwine war früh in die Stadt 
gefahren, um Einkäufe zu machen, und Frau 
Herborg und Hella faßen allein am Kaffee— 
tijd. Der große Neufundländer, der in 
Tante Maltwinens Anwesenheit ausfchließlich 
auf den Hof angerwicfen war, fam auf die 
Beranda, trank drei Teller Mild aus, 
die ifm Hella vorgejcht Hatte, legte fich 
Dann bequem, alle Biere augftredend Hin 
und genoß in ticfen Wtemzügen den 
Srieden von Tante Ntalwinens Abwejen- 
heit. Wber nicht nur der Hund war ein 
erflärter Freund Ddiefer Stadteinfäufe, es 
herrichte heute überhaupt eine angenehmere 
Stimmung bei Tifche. Frau Herborg war 
ihrer Schweiter an fic) ja dankbar, daß fie 
jidy mit ihrer ganzen, in der Verwandtſchaft 
jo gefürdhteten Energie de Haushaltes und 
der Beauffidjtiquug der Gutsverwaltung 
angenommen hatte. Das war damals, als 
rau Herborgs Mann ftarb und fie felbft 
zu alledem wohl zu müde gewejen ware, 
müde vielleicht weniger durch diefe plößlich 
eingetretene Schidjal3veränderung, al3 müde 
durch ihre Ehe. Tante Malwine war eben 
troß all ihrer unbequemen Eigenjchaften in 
Dicjem alle unentbehrlih. Und Frau Her- 
borg war von je her Hug genug geweſen, 
das eingujchen, obwohl fie ebenfalls Klug 
genug war, zu bemerfen, daß die herrfdy- 
füchtige Natur ihrer Schweſter fic) mehr 
Rechte animate, al3 angenehm und gee 
Ichmadvoll war. Aber Frau Herborg war 
eben müde und wenn man mipde ijt, will 
man Ruhe haben. Am meijten genoß Hella 
die Abweſenheit Tante Malwinens, fie jchlief 
Dann länger als fonft, nahm dreimal jo 
viel Zuder in den Kaffee, als Tante Mal- 
wine erlaubte, und fühlte fi) bei diefen 
Exzeſſen ihrer Mutter bedeutend näher als 
im forreften Tageslauf unter Tante Male 
winens Heiligenjchein. Die alte Wirte 


Eisgang. 433 


ſchafterin, die ſchon ſeit undenklichen Zeiten 
bei Herborgs diente und eigentlich bereits 
mehr den Eindruck eines Inventarſtückes wie 
den einer Perſönlichkeit machte, kam auf 
bie Veranda heraus und räumte den Kaffee- 
tijd ab. Sie hatte ein ernites und etwas 
unbemwegliches Geficht, ein Geficht, daS aus— 
fah, al3 wäre e3 mit den Jahren jtehen ge- 
blieben, aber von durchaus ſympathiſchem 
Charakter, zu dem fich heute noch ein jonn- 
täglic) zufriedener Ausdrud gejellte, der 
feinen Grund wohl aud) in Tante Mal- 
winens Stadteinfäufen hatte. Frau Herborg 
nidte ihr freunbdlid) zu; Hella erfundigte 
fih bet ihr, ganz gegen Tante Malwinens 
Vorichriften, was e3 heute zu Mittag gabe, 
und war angenehm überrajcht, dunkle An- 
deutungen über ein drittes Gericht mit Crd- 
beerjauce zu vernehmen. Der Neufundländer 
wedelte lebhaft mit dem Schwanze, bejaß 
aber augenscheinlich infolge der zu fich ge- 
nommenen drei Teller Milch nicht mehr die 
moralifche Kraft, fic) zu erheben und feiner 
Freude deutlicheren Ausdrud zu geben. Die 
Wirtichafterin ftrich ihm Leife über den Kopf, 
trug dad Kaffeegefhirr in die Küche und 
machte fid) dort daran, ihre Verjpredhungen 
bezüglich des dritten Gericht3 mit der Erd- 
beerjauce zu erfüllen. 

„Mama,“ fagte Hella plöglich und twand 
etwas verlegen die Hände unter dem Tiſch, 
„biſt Du eigentlih immer fo gemwejen, fo 
— fo ruhig?” Frau Herborg jah erftaunt 
auf. „Aber Liebes Kind, wie meinft Du 
dag?” — „Na ja, fo wie Du jebt biſt, 
Du bift doch immer fo ruhig Biſt Du 
früher aud) fo gewefen?” — „Aber Hella, 
warn denn?” — „AB Du ein Mädchen 
warit, Mama.” — Frau Herborg ließ ihre 
Handarbeit finfen und ſah beinahe erichroden 
in das aufgeregte Geſicht ihrer Tochter. 
„Natürlich war ich anders,” jagte fie lang- 
fam und vorfichtig überlegend, „jeder Menſch 
ift heute anders, al8 er früher war, man 
verändert fid) eben mit der Zeit, zum Teil 
wenigftens, in Diejem oder jenem.” — „Ich 
glaube, ich werde mich nie verändern“, erffärte 
Hella und jah nachdenklich und faft düjter 
in ihren Schoß, indent fie die feinen Augen- 
brauen nervös zujammenzog. „Doc, 
Hella, Du wirft Dich auch verändern,” er- 
widerte Frau Herborg freundlich, „das bringt 
das Leben Schon mit fich, das ift nun mal 
fo. Wenn id) dran denfe, was Du für ein 


wildes Kleines Mädel warf. Du wälzteſt 
Did) am liebſten auf der Erde herum und 
famft immer mit befdmubten Kleidern und 
zerzauften Haaren zu Tiſch — und jet 
bijt Du doch auch anders und fo mwohler- 
zogen, daß ich fehr zufrieden mit Dir bin, 
mein Kind.“ 

Frau Herborg reichte ihrer Tochter 
freundlich die Hand hin. Hella ergriff fie 
impulfiv. „Sch wollte, Mama, ic) fünnte 
nod) heute fo fein, wie damald. Ich muy 
mid) immer zufammennehmen, daß ich’s nicht 
bin. Sch möchte fo furchtbar gerne, und e3 
itt fo ſcheußlich, wenn man dann nicht 
fann. Uber man darf ja nicht, man muß 
immer ruhig fein, jchredlic ruhig!” Frau 
Herborg fagte gar nichts, fie 30g ihr Kind 
nur enger an Sich, und e3 war, als ob fid 
unlichtbare Fäden um beide Frauengeftalten 
Ihlangen, das feine Band des gleichen 
Blutes und gleichen Geelenlebens. Auch 
Hella fühlte das, wenn auch nur unbewußt 
und undeutlich, und dieje unklare Empfin- 
dung löſte in ihr ein grenzenlofes Ver— 
trauen zu ihrer Mutter aus. C3 war der 
Bauber der Stunde, daß fie fo viel fagte, 
was fie jonft faum gejagt hätte ,, Weipt 
Du, Mama,” fuhr fie fieberhaft aufgeregt 
fort, „wenn’3 jo regnet und ftiirmt und 
an den Läden rüttelt, und ich nicht hinaus 
darf, dann möchte ich hinaus, ganz nadt, 
wenn’s aud) noch fo falt iff — und möchte 
ganz, ganz nap werden und durd) Wind und 
Wetter laufen und dann möchte id) mid, 
wenn’s aufhört, auf die Erde legen und von 
der Sonne trodnen lafjfen, fo warm und 
fo — weipt Du — eigentlid) möcht' id) 
überhaupt ganz fo leben, wie’3 die Urmen- 
Ihen taten. Natürlich aud) nicht jo wie 
die, fo ftumpfjinnig, wie Onkel Wilhelm 
jagt, jondern, weißt Du, eben anders, ganz 
bewußt, fo zum Genieper — —“ 

rau Herborg war blaß geworden und 
jah ftarr über ihre Tochter hinweg, ind Leerc. 

„Mama, warum tun wir’s nur nicht? 
Warum leben wir jo blödfinnig, wie dic 
Puppen und tun, alS ob wir gar feinen 
Körper hätten und find fo furchtbar ver- 
nünftig und dürfen nicht? tun, twas dod) 
jedes Tier darf?!" Und Hella jchluchzte 
nervös auf, während ihr die Mutter zärt- 
lid) beruhigend die heigen Wangen Streichelte. 
„Es find eben nicht alle fo, wie wir, Hella. 
Die allerwenigften find fo, und darum 


454 


müffen wir ruhig werden und wir werden's 
aud, ganz gewiß. Sch bin aud ruhig ge- 
worden. Und nun fomm, und quäl Did) 
nidjt mehr damit, hört Du? Die Welt 
ijt trogdem ſehr Schön, bejonder3 wenn man, 
wie Du, achtzehn Jahr alt ift und das 
Leben vor fid) hat... .“” Aber Hella 
ihüttelte ungeduldig den Kopf, dann fab 
fie ihre Mutter fehr weich und fait bittend 
an» „Mama,“ jagte fie Ieife, „jei nicht 
böfe, wenn id) Dich fowas frage. Bit Du 
mit Papa gliidlid) geweſen?“ Frau Her- 
borg zudte nervös zufammen, Hatte aber 
bereits wieder ihre ganze Haltung getvonnen. 
„Dein Papa war jehr gut und fehr vor- 
nehm,“ ermwiderte fie ernjt und ruhig, „er 
war aud) nicht fo, wie das alles, was Du 
jagtejt, aber Papa war febr gut, und id 
bab’ ihn Lieb gehabt.” — „Es muß {din 
fein, wenn man jemand lieb Hat,” fagte 
Hella langſam, „aber er müßte auch fo 
fein, wie man jelber ift....“ und dann, 
ganz pliglid) und unvermittelt faßte fie die 
Hände der Mutter und fragte impulfiv, 
beinahe angftvol: „Mama, haft Du mid 
lieb?“ Frau Herborg fagte gar nidts, 
aber es zudte jo feltfam um ihre Lippen. 
Sie zog die Tochter eng, ganz eng an fid 
und küßte fi. — — 

Da Hang auf der Landitraße Hufſchlag 
und Wagenrollen, und gleich darauf Hielt 
eine Feine elegante Equipage, mit zivei 
braunen Pferden bejpannt, an der Freitreppe 
von Neuhof. Die Damen fabhen eritaunt 
auf, und Frau Herborg erfannte in einem 
der beiden ausfteigenden Herren den jungen 
Herrn v. Barenburg. Auch Hella erkannte 
ihren Better — Die Bärenburg3 waren 
weitläufig mit Herborgs verwandt und 
jtandDen in ſehr herzlihen Familienbe— 
zichungen, wenn fie auch feit dem Tode 
des Gutsherrn von Neuhof einen nur fpär- 
lichen Berfehr unterhielten. Befonders der 
junge Herr v. Bärenburg war lange nicht 
Dagemwejen, da er auf der landwirtichaftlichen 
Hochſchule in Berlin ftudierte, d. 5. Kolle- 
giengelder zahlte und fid) in einer Stadt 
mit dem erwähnten Bildungsinftitut befand. 
Es war cine fchlanfe, elegante Erſcheinung 
mit einem arroganten, ziemlich ausdruds- 
(ofen Geſicht; jedenfall3 fah man ihm in 
orm und Bewequngen die gute Familie 
an, wie er den Damen die Hand küßte und 
ihnen dann feinen Begleiter vorjtellte. 


Carl Manfred Kyber: 


„Mein Freund und CStudiengenoffe, 
Crid) Ruhland — übrigens, Tante Eleo- 
nore,” fügte er Hinzu, ,ift Erich ein ent- 
fernter Verwandter von und. Du weißt 
Dod, eine Herborg heiratete einmal einen 
Ruland... .“ 

„sa, id) erinnere mich,” fagte Frau 
Herborg fühl und bat die Herren höflich 
Pla zu nehmen. „E3 freut mich fehr, Sie 
fennen zu lernen, Herr Ruland,” fügte fie 
ebenjo liebenswürdig, wie referviert Hinzu. 
„Seit dem traurigen Gall, wo Ihre beiden 
Eltern fo ſchnell bHintereinander ftarben, 
habe ich nur wenig von Ihnen gehört. Gie 
jtudieren jet mit meinem Neffen zuſammen, 
das ift ja fehr hübſch, daß Sie fic) fo ge- 
troffen haben.” 

„Sehr Tiebenswürdig, gnädige Frau,“ 
fagte Grid) Ruland und machte eine Ver- 
beugung, die mehr etwas eingeübt als 
ſelbſtverſtändlich ausſah. „Wirft Du nicht 
ausjpannen lafjen, Fri?” wandte fid) Frau 
Herborg an ihren Neffen, „ich hoffe dod, 
daß Shr zu Tijd bleibt — nicht wahr, 
Herr Ruland, Sie machen und das Vere 
guiigen?” Herr Ruland fah etwas ratlos 
aus, aber Herr bv. Bärenburg enthob ihn 
diefer fchwierigen Situation und fagte 
Danfend ab. Sie hätten nur mal vorfprechen 
wollen, da fie in der Nähe waren, und er 
fpegiell hätte fi) das Vergnügen nicht ver- 
jagen finnen, Tante und Coufine in Neu- 
hof zu begrüßen, noch bevor das Gartenfeft 
ftattfande. rau Herborg lächelte liebens- 
würdig, und die beiden bejprachen eingehender 
das bevorjtchende Ereignis, wobei Fri v. 
Bärenburg nicht ohne Humor fchilderte, wie 
bei jo hochwichtigen Vorbereitungen fogar 
der Sohn des Haujes in ganz unbverant- 
wortlider Weije herangezogen würde. Hella 
fühlte fic) verpflichtet, fich etwas mit Herrn 
Ruland zu bejchäftigen. | 

„Studieren Sie jhon lange in Berlin, 
Herr Ruland?” fragte jie fonventionell. 


„Jawohl, gnädige® Fräulein, {don 
mehrere Gare. Sch werde diejen Herbit 
fertig.“ 


„Werden Sie dann Berlin nicht ſehr ver- 
mifjem oder gedenken Cie dort zu bleiben? 
Es muß doch jehr interefjant fein.“ 

„sh möchte mid) nad) Beendigung 
meines Studiums Hier in der Gegend an- 
faufen. Ich Halte ſehr viel von den biefigen 
Bodenverhältniffen, und gwar michte ich ein 


Cisgang. 


möglichſt großes Rittergut befißen, da meine 
landwirtichaftliden Pläne große Verhaltnifje 
borausjeßen.” Er jagte das ohne jede Spur 
von PBrahlerei, in rein fachlichen Tone und 
aus wirklichem ſachlichen Yntereffe heraus. 
Hella berührte dad ſympathiſch, überhaupt 
war er ihr angenehmer, wenn er fprad), 
weil der etwas edige Charakter feiner Er- 
jcheinung mehr zurüdtrat und feine praf- 
tijde, wein auch etwas nüchtern einfeitige 
Intelligenz vorteilhaft zur Geltung fam. 
Und er erzählte ihr eifrig von feinen Ab- 
fidjten, von technifchen Neuerungen und 
ihren mutmapliden Erfolgen, und Hella 
hörte ifm zu, weniger auf das adjtend, 
was er jagte, als auf die Art und Weije, 
wie er feine Ideen entwidelte, und nicht 
zum mindejten auf feine ganze äußere Er- 
fheinung. Erich Ruland war ein auffallend 
hübſcher Menſch, von fraftiger, übermittel- 
großer Figur, die mehr Kraft als Bieg- 
jamfeit zeigte, mit einem flugen, etwas 
eigenfinnigen Gelicht, dem das ſchwarze 
Haar und der etwas heraufgedrehte Schnurr- 
bart einen fehr ausdrudsvollen energijchen 
Charakter verlieh. Und da demfelben aud 
eine gewiffe Güte nicht abzufprechen var, 
jo war feine Crjdeinung entjchieden fehr 
fompathijd) und Hella durch ihre gejunde 
Sicherheit jehr angenehm, obgleich fie aud 
alg abjolute Dame e3 etwas jtörend emp- 
fand, daß ihn bas jedem Menjchen aus 
guter Familie fo felbftverftindlidje Je ne 
sais quoi fehlte, das der Bibel mit neidijdjem 
Vergniigen alg Decadence bezeichnet. Aber 
jie hörte ihm aufmerfjam zu, wie er feine 
Theorien entwidelte, und empfand beinahe 
ein Gefühl des Bedauerns, als fid) Frik 
v. Bärenburg jet erhob und fic) die Herren 
verabichiedeten. Sie reichte Erich Ruland 
die Hand und fagte freundlich: „Auf Wieder- 
ſehen.“ 

Als die beiden Herren wieder neben— 
einander im Wagen ſaßen, der ſchnell über 
die ſtaubige Landſtraße dahinrollte, ſagte 
Erich Ruland mit einer bei ſeiner Ruhe 
faſt enthuſiaſtiſch wirkenden Plötzlichkeit: 
„Du, das iſt aber ein patent hübſches 
Mädel, Deine Couſine!“ 

„Die alte Dame iſt auch nicht übel, 
Du mußt ſie Dir mal näher anſehen.“ 

Das war ihr pſychologiſcher Eindruck 
von dieſen beiden Frauen. Und ſie waren 
„Weiberkenner“, wie ſie ſelbſt immer ſag— 


435 


ten. Und ſie kamen ſich ſehr männlich 
dabei vor. 
IV. 

Wagen um Wagen war bei den Bären- 
burg3 vorgefahren, elegante und einfachere 
Cquipagen, je nach den Mitteln ihrer Be- 
figer. Ein Teil war fdon morgens oder 
gar am Tage vorher eingetroffen, und alle 
nur im Gutshauſe befindlichen Bimmer 
waren bejegt mit denen, die weiter wohnten 
und für Die eine Fahrt am Fefttage jelbit 
zu anftrengend gewefen wäre. Überall 
herrfchte Leben und Laden, und unter den 
zahlreih Erfchienenen, die die gaftlichen 
Räume füllten, befand fic) auch faft alles, 
was dharafterijtijd) war für die ganze 
Gegend und was aus diefem oder jenem 
Grunde eine Rolle fpieltee Da war Frau 
v. Halden mit ihren fünf Töchtern, die 
ebenjo unverheiratet wie ſchön waren und 
immer und bei jeder Gelegenheit von ihrem 
großen Familienſilberſchatz ſprachen, den fie 
natürli auf eine Bank zur Aufbewahrung 
gegeben hätten, aus Furcht vor Dieben — 
jie waren dod) fo alleinftehend und mie 
leicht konnte eingebrochen werden. Und fo 
lag ſchon alles jeit Jahren auf der Bank; 
hätte jemand diefe Bank entdeden wollen, 
jo ware e8 freilich vergeblicheg Bemühen 
geivejen. „Lieber mit den einfachjten Gabeln 
und Meſſern effen, als fich fol ciner 
Eventualität ausſetzen, daß all das alte 
{dine Familiengut gejtohlen würde!” jagte 
Frau v. Halden auch jet und wandte ihr 
blajjes etwas ängftliches und immer forgen- 
volles Gefiht dem alten Herrn v. Bären- 
burg zu. „Uber natiirlid), meine befte 
gnädige Brau!” ermiderte der alte Herr 
verbindlich und verjuchte fehr begeiftert dabei 
auszufehen, obwohl er die Geichichte ſchon 
unzählige Male gehört hatte. Die Gage 
vom Haldenſchen Samilienfilberjdak war 
mehr wie befannt. Der alte Herr v. Bären- 
burg war ein ftattlider Mann mit grauen 
Haaren, dem man in Haltung und Spred)- 
weife noch ftarf feine frühere militärifche 
Laufbahn anmerfte. Der ftrenge, fajt etwas 
ftarre Ausdruck feines Gefidjts wurde fym- 
pathijd) gemildert durch einen Zug von 
großer Güte, der unverkennbar darin lag 
und fic) bejonders deutlich zeigte, wenn er 
mit jemand fprad. So auch jest, als er 
Brau von Halden mit ritterliden Artigfeiten 
überfchüttete, jo daß es faft den Anjchein 


436 


hatte, al3 wollte er feine beſondere Artig- 
feit gerade dicfer Grau zeigen, deren ganzes 
Leben aus der einen großen Gorge be- 
ftanden Hatte, fid) und ihre fünf Töchter 
auf eigner Scholle und halbwegs ſtandes— 
gemäß über Waffer zu Halten. Und Herr 
v. Bärenburg Hatte vor diefem Verzweif— 
Iung3fampf das Gefühl, das jeder Kavalier 
dabei hat: Hut ab! 

Herr Meyer, der hier vor einigen Jah— 
ren ein großes verfrachtes Rittergut gefauft 
hatte, empfand augenjcheinlicd) weniger da- 
bei, al3 er fid) jekt näherte und irgend- 
einen Wi machte, den er jchon lange vor- 
bereitet hatte und der merklich kühl auf- 
genommen wurde. Herr Meyer war ane 
fänglich gejchnitten worden, feine Bejuche 
wurden, trogdem er vierjpännig fuhr, aller- 
jeitS iiberjehen. Seitdem er aber mit der 
Beit die Hypothefen der umliegenden Güter 
zum Teil an fich gebracht hatte, fehlte er bei 
feiner größeren Feitlichfeit. Er war durd 
eigene Kraft und durch günstige Mehlpreife 
reid) geworden. — Wud) die Herborgs 
waren da, außer Tante Maltvine, die, ohne 
auf den geringften Widerjtand zu ftoßen, 
fategorifd) erklärt Hatte, daß fie derartige 
Feſte grundfäglih nicht mitmade. Frau 
Herborg unterhielt fid) mit Frau v. Bären- 
burg, einer ſchönen, aber nicht gerade geift- 
reihen Dame, bei der man außerdem aud 
die Güte vermißte, die ihren Mann fo 
ſympathiſch und angenehm madjte. Augen- 
blilich beklagte fie fic) über die Unguver- 
laffigfeit der Dienjtboten, wobei ihre beiden 
hübſchen und immer etwas belanglos lächeln- 
den Töchter fefundierten. Der junge Fritz 
v. Bärenburg machte dem jüngjten Fraulein 
v. Halden unterdejjen mit unermüdlicher 
Energie den Hof: er ſchwärmte nämlich 
für fie und behauptete ftet3, fie hätte fo 
etwas, man müßte jelbjt nicht, mas. Er 
war eben ein „Weiberfenner”. 

Hella Stand etwas abjeit3 neben Erich 
Ruland, der fic) fo bald al nur irgend 
möglich, an fie gemacht hatte und angelegent- 
lid) auf fie einfprad), von praftijder und 
theoretischer Randwirtihaft und zum mei» 
ten von ſich felbjt. Hella hatte Ddiejelbe 
angenehme Empfindung, ihn jprechen zu 
hören, wie bei feinem erjten Beſuch auf 
Neuhof, im übrigen aber war jie nod 
ganz in Anſpruch genommen von all dem 
Neuen, von dem ganzen Lujtigen Leber und 


Carl Manfred Kyber: 


von dem Laden und Stinmmengewirr in 
den lichterfüllten Galen. Es ging ihr alles 
jo in eins gufammen, daß fie fic) nicht 
recht Ddurchfinden fonnte und nur bie 
und da undeutli ein befanntes Gejicdt 
auftaudjen und wieder verjchwinden fab. 
Bon fern Her, aus der andern Ede de3 
Gaale3, hörte fie mal die Stimme ihrer 
Mutter, dann fam Onkel Wilhelm vorbei 
und nidte ihr freundlich zu, und fie hörte, 
wie er einem alten Dragoneroberjt mit 
liebevoller Ausdauer etwas von einem 
Codjindinafiiden erzählte. Aber e3 ging 
alles jo fchnell vorüber, wie im Kreijellauf, 
und fie hatte das Gefühl, daß fich’s ihr im 
Kopf drehte vor lauter Licht und Laden 
und Leben. Das war zu Tifd) ſchon ähn- 
lid) gewefen, aber jet wurde e3 immer 
jtärfer, daß ihr fajt unangenehm ſchwindlig 
wurde, fo fchön ihr auch jonjt das bunte 
Treiben erfchien. Und fo war fie froh, als 
Frau dv. Bärenburg ihre Gajte jebt auf- 
forderte, auf die Veranda Hherauszutreten, 
wo nad) alter Eitte die Knechte und Mägde 
des Guts in langem Zuge fingend anfamen, 
um der Herrichaft die üblichen Kränze zur 
Yohannisnadt zu bringen. Alles grup- 
pierte fic) draußen, jo weit der Platz reichte, 
auf der Veranda und auf den Stufen der 
breiten und fchon recht ſchadhaften Frei- 
treppe, von der bei fold) jtarfer Inanſpruch— 
nahme bier und dort mal ein Stüd ab- 
brödelte, dad man dann diskret mit dem 
Fuße beifeite ſchob. Sm Park flammten, 
ein? nad) dem andern, Kleine Lidter auf, 
bis nad) einigen Störungen eine etwas 
dürftige, aber gutgemeinte Jllumination zu- 
flande fam, die mit großer Begeifterung 
aufgenommen wurde, befonders als fic) der 
allgemein beliebte alte Herr v. Bärenburg 
al3 genialer Urheber diejer Idee entpuppte. 
Im Hintergrunde des Hofes fah man lange 
Tiiche, mit Tannengrün geichmüdt, große 
Bierfäffer und ähnlicdye Vorbereitungen für 
die Gefindefeier. Auch zwei Teertonnen 
wurden jest angezündet und beleuchteten 
alles mit ihren unruhig zudenden Slammen: 
die Gutsherrſchaft und ihre Gajte auf der 
Sreitreppe und davor die vielen Knechte und 
Mägde, die ihre alt Hergebradten Yo- 
hannislieder fangen, während in den derben 
Händen der jungen Bauerdirnen die großen 
Stränge rafdhelten, die jie aus wilden Blumen 
und Wald- und Wicjenfraut gemwunden 


Cisgang. 


hatten. Es war die richtige Kohannisnadt, 
die Stimmung von de3 Jahres erfter Mahd. 

Al Frau dv. Bärenburg jest vortrat, 
um den der Gutsfrau beitimmten Kranz 
entgegenzunehmen, da wurde es ganz ftill 
im Iuftigen Kreis der vielen, vielen Menjchen, 
und e3 war, als ob alle die verjchiedenen 
Perjönlichkeiten in dieſem Wugenblid das 
gleiche fühlten: das Altgewohnte und Alt- 
hergebradjte, daS man von Kindheit an 
fennt, das fo ijt, wie's eben zu Haufe 
ift. Und das war allen diefen Menfchen 
das gleide. Nur Herr Meyer murmelte 
etwas verlegen: „Ach, ach, wie traditionell! 
Sehr hübſch, ſehr hübſch!“ und fpielte da- 
bei mit feiner großen Uhrfette, die er teils 
eigner Kraft, teild den günftigen Mehlpreijen 
zu verdanken Hatte. — Und dann befamen 
aud) alle die anderen Kränze, die jungen 
Damen behielten die ihren jogar auf dem 
Kopf, was etwas phantaftifch, aber der 
Sohannisnacht jedenfalls ſehr entiprechend 
ausjah. Die Knete und Mägde gingen 
lachend und fcherzend zu den fejtlih für 
fie hergerichteten Nebengebäuden, während 
Damen und Herren fic) wieder ins Guts. 
Haus verfügten, two ein gemietetes klei— 
nes Ordhejter einen Walzer intonierte, 
mit ebenfoviel Energie und Liebe zur Sache, 
alg mangelndem mufifalijden Gefühl. Das 
ftörte aber niemand, und die Yugend gab 
fig) mit wirflidem und echtem BVergniigen 
dem Tanze Hin, während fich die alten Herren 
ganz in's Spielzimmer zurüdzogen, um fid 
an den Rartentifd) zu fegen oder in Rube 
und Frieden eine Bigarre zu rauchen und 
über Politif, Jagd und Pferde zu jpredjen. 
Auch den älteren Damen war es allmählich 
zu Heiß und wild im Tangfaal geworden, 
fie promenierten in den anliegenden Ge- 
mächern herum, tranfen Tee und afen be- 
legte Brötchen und warfen nur ab und zu 
einen mütterlic) beforgten oder tantenhaft 
unterjuchenden Blid in das bunte Getriebe. 

Hella tanzte unermüdlich, ohne Auf- 
hören, bald mit dieſem, bald mit jenem, 
und mußte jelber faum, mit wem. Es war 
der ausfchliegliche Genuß der Gadhe jelbit, 
der fie ganz in feinen Bann gezogen. Dieje 
rhythmijde Bewegung, die dod) bei aller 
Harmonie etwas Tolles haben fonnte, reizte 
fie auf und löſte das Elementare ihrer 
Natur fajt bis zur Wildheit aus. Sie gab 
fic) ganz dem unbefannten finnverwirrenden 


437 


Rauſch Hin, und es war fein Wunder, daß 
ihr's an Tänzern nicht fehlte, denn fie fah 
wunderihön aus mit ihrem erhigten, auf- 
geregten Geficht und den feltjamen Augen, 
die jo bachantifch leuchteten und fo eigen- 
artig mit den weißen Yasminbliiten in 
ihrem Kranze fontraftierten, den fie im 
goldnen Haare trug. Gebt endlich konnte 
jie nicht mehr, fie fühlte felbjt, wie müde 
fie war, rein förperlich, und dazu hatte fie 
Dasjelbe intenfive Gefühl von Schwindel, 
nod) viel, viel ftärker, al8 im Anfang. Yn 
ihren Schläfen hämmerte es fieberhaft, und 
ihr felbjt, der immer Gefunden, fam es 
vor, alg fei fie nervös, Haltlos nervös. Da 
trat plöglid Erich Ruland auf fie zu und 
bat um einen Tanz. Gie hatte jchon 
wiederholt an diefen Abend mit ihm ge- 
tanzt und hätte ihm ganz gut abjagen 
fönnen und wollte e8 eigentlich auch. Aber 
dann war's ihr, als ob fie gern feine 
Stimme hören wollte und ihr’s unangenehm 
gemwejen wäre, wenn er wieder fortgehen 
würde; und zu alledem hatte fie ein fait 
zwingende3 Gefühl, fic) auf feinen Arm 
jftügen zu müjjen, weil ihr fo fdwinbdlig 
war und fie fic) jo merfwiirdig unficher 
fühlte Und fo nidte fie und ftand auf. 
Er führte fie von neuem in die bunte 
Tänzerſchar hinein, und fie überließ fid 
willenlos jeiner Führung. 

Lachende Paare tanzten an ihnen vorbei, 
und Hella fchien’3, al3 nähme die Reife fein 
Ende. Halb im Traum hörte fie die gleich- 
mäßige rhythmiſche Mufit und das leije, 
monotone Schleifen der Füße, und abgeriffene 
Cage Hangen im halblauten Stimmengewirr 
an ihr Ohr. Sie tanzte mechaniſch und 
lehnte fic) Schwer und müde auf den Arm 
ihres Tänzers, der ernfter ausfah als fonft 
und mit beinahe ftarrem Ausdrud das 
{chine Mädchen vor fich betrachtete. 

„SH fann nicht mehr,” fagte Hella 
plöglid, „id möchte hinaus an die Luft!“ 
E3 lag etwas Angftliches, fait Hilflofes in 
ihrer Stimme Erich Ruland antwortete 
nicht, er preßte fchiveigend den Arm des 
Mädchens enger an fih und führte fie durch 
da3 leuchtende, lachende Gewirr hindurd) 
an die Slastür, die aus dem Balljaal in 
den Bark hinausführte Mit nervöfer Haft 
fudjte er die Klinke und ftieß die Tür auf, 
die ich ächzend in den Angeln drehte und 
leife Elirrend wieder zufchlug. Die beiden 


438 


traten ins Freie. Gm Bark war's dunkel, 
nur hier und dort flammten vereinzelt 
fleine Lämpchen, die Reſte der Illumination, 
und fchemenhaft, in der ſchwachen Beleud)- 
tung faum erfennbar, promenierten Damen 
und Herren an ihnen vorbei, die aud) die 
Schwüle des Tangfaales verlafien hatten, 
um Luft zu jchöpfen. Hella Hing immer 
nod) feft und wie gebannt am Arm ihres 
Begleiters, und Erih Ruland führte fie 
Schnell, fait gewaltjam, an den einjamen 
Spaziergängern und den unruhig fladernden 
Lichtern vorbei in einen dunklen Geiten- 
weg bes Parkes. Durch die Baumfronen 
wehte leije dey Nachtwind, und die Brweige 
rafdelten und regten fic), al3 ob fie lebten. 
Der Kies Inirfchte unter den Füßen der 
beiden, die mit fieberhafter Eile weiter. 
gingen, al3 fet etwas hinter ihnen, dem fie 
entjliehen müßten. Und dag empfanden fie 
beide, died Gefühl der Flucht, des Sich-Ver- 
bergen, ohne ſich flar zu werden, etwas 
wie Verbindendes und Gemeinjames diefe 
rein nervije Vorjtellung hat. Und fo famen 
fie, ohne c3 zu merken, ganz weit und tief 
in den Park hinein, bis fid) Hella fchließlich 
auf eine Steinbanf jeßte, die halb verfallen 
und mit Moos bewad)jen, am Wege ftand. 
Hätte fie gefehen, wie bleid) und ernft der 
Mann neben ihr war, fie ware wohl um- 
gefehrt oder hätte zum mindeften durch 
eine gejellfchaftliche Konverjation die ge- 
fährliche Stimmung bejeitigt, denn Hella 
war ein fehr kluges Mädchen und hatte 
bei aller Wiloheit ihrer Natur die felbjt- 
verjtändliche Sicherheit der Dame. Aber 
fie merkte nicht® davon, fie war ganz mit 
fich bejchäftigt und ahnte gar nicht, wie ſehr 
fie grade dadurch fich mit dem andern be- 
ſchäftigte. Sie gab fid) ganz ihrer Stim- 
mung bin und mußte nicht, daß der Mann, 
der in fieberhafter Aufregung neben ihr 
jtand und fie wie Hypnotifiert betrachtete, 
ja in einer ganz ähnlichen Stimmung mar. 

Die gleiche Stimmung im gleichen Augen- 
blid, dad war's, was als ein unfichtbares 
Drittes bei den beiden jungen Menfchen- 
findern Stand, und fie fic) einander ver- 
wandt machte und fie durch feine Selbft- 
verjtändlichfeit vergefjen Lieb, wie wenig 
jclbftverftdnbdlich dieje Situation war. Uber 
die gejchorene Wfaszienhede hinweg, die den 
Barf an diejer Stelle begrenzte, wehte der 
Nachtwind den Geruch von friſchgemähtem 


Carl Manfred Kyber: 


Gras herüber, jenen intenfiven Heugerud), 
der fo gefund beraufchend ijt und fo ſcharf 
und frdftig, wie der Elingende Genjenflang 
der erften Mtahd. Es war ganz ftill um 
fie herum, nur leife, faum vernehmbar, 
hörte man abgerifjene rhythmijche Sage der 
Mufit, fernher vom Gutshaufe herüber- 
getragen. Gonft war e3 ftill, ganz ftill. 
Der Wind ging leife durch die Baum- 
fronen, die Blätter raufchten und flüjterten 
heimlid), ein fleiner, blühender Linden- 
zweig löſte jih vom Aft und fiel langſam 
Durch die Luft zu Hellas Füßen. Und es 
twar, al3 fame durch Ddiefe zaghafte Be- 
wegung wieder Leben in all das Lautlojc, 
al ging ein erjter tiefer Atemzug durch die 
verhaltene Stille. Hella bewegte fich etwas 
unrubig und fühlte pliglid) die Kälte der 
Steinbanf, auf der fie jap. Eric) Ruland 
aber hob den blühenden kleinen Lindengweig 
vom Boden auf und legte ihn vorlichtig 
und mit zitternden Händen in Hellas Schoß. 
Das Mädchen jah auf und ihre Blide be- 
gegneten fich mit denen des jungen Menjchen 
— nur einige wenige Cefunden, aber Se- 
funden, die all ihre Nerven fiebern machten 
und ihr das Blut im tolljten Taumel durd) 
die Adern jagten. Da legte Crid) Ruland 
den Arm um Hella Herborg, und fie lehnte 
fich feft an ihn an mit dem ganzen, jungen 
lebendigen Körper und ließ fid) von ihm 
fiiffen, daß ihr die Wangen brannten wie 
im Feuer und der Jasminkranz ihr. im 
goldnen Haar zerdrüdt wurde „Du — 
Du!” Und um fie beide herum die nädt- 
liche Stille und der kräftige, fcharfe Heu- 
geruch, der immer voller und beraufchender 
über die Afazienhede hereinflutete. — Erite 
Mahd! — — — Da Hang lautes Lachen 
zu ihnen herüber und Stimmengewirr, und 
Schritte famen, nicht weit von den beiden, 
die große Allee herauf. Hella fprang auf 
und machte fic) aus Erich Rulands Armen 
108, faft energifd. „Wir miijjen zurück!“ 
jtieß fie hervor und rang mühjlam nad) 
Atem. Und dann, gleihjam um ihrer 
eigenen Willenlofigfeit Herr zu werden, 
ging fie mit eiligen, beinahe laufenden 
Schritten den dunfeln, fdmalen Parkweg 
zurüd, den fie gefommen waren. Erich 
Ruland, der guerjt etwas ratlos jtehen ge- 
blieben war, bejann fic) ſchnell auf fid 
felbjt und war mit ein paar Gagen 
an der Seite des Mädchene Und nun, 


Eisgang. 


wo er ſich wieder hatte, ſprach er ganz 
ruhig und in feiner ſachlichen, etwas nüch— 
ternen Art und Weiſe auf Hella ein: daß 
es doch alles ſehr ſchön wäre und daß er 
ihr dankbar, namenlos dankbar und daß 
er ſie lieb hätte und ſie nun verlobt wären 
und ſich heiraten würden. Und Hella 
wurde auch ruhiger und verlangſamte ihre 
Schritte und hörte zu und ſagte zu allem 
was er ſagte, ja, obwohl fie es kaum ver- 
ftand. Und fie verjprad, erjt in den 
nächften Tagen mit der Mutter zu fprechen, 
furz bevor er feinen Abſchiedsbeſuch machen 
wollte, um wieder nach Berlin zu fahren. 
Denn er mußte doc) nad) Berlin, das war 
für ihn ganz felbjtverftändlid), er wollte 
jein Studium beenden und alles richtig 
und gründlich zum Abſchluß bringen. Das 
wollte er jo wie jo und nun erft recht. 

Dann entwidelte er jeine Bufunfts- 
plane weiter und Hella hörte zu, das heißt 
lie hörte eigentlich faum, was er fagte, 
jondern jie hörte nur feine Stimme und 
dachte dabei an die fteinerne Bank und die 
gejhorene Wfazienhede und an den Heinen 
blühenden Lindenziweig Und fo waren fie 
allmählich wieder ganz nah am Gutshauſe 
angelangt uud faben ſchon die tangenden 
Paare durch die Glastür und hörten deutlich 
die Mtujif, die in etwas fchrillen Tönen 
einen rajenden Galopp fpielte. Da lente 
fi Hella noch einmal an Grid) Ruland an: 
„Du, gib mir nod) einen Rub!” fagte fie 
verhalten und mit mühjamer Beherrfchung. 
Der Mann hatte fid) jo in feine Zukunfts- 
pläne Hineingeredet und Hineingedacht, daß 
er nicht mehr im Zauber des Augenblids 
ftand. Und ohne Hellas Tiefe zu ahnen 
oder gar felbft zu bejiten, fand er’3 nur 
riejig nett von ihr und füßte fie unterm 
dunklen Schatten eines großen Baumes 
nod) einmal fehr herzlich und vielleicht ein 
ganz Fein wenig nachſichtig. Dieje Nach— 
fidt war ihm jelber unbewußt in diejem 
Augenblid, obwohl er fonft ganz bewußt 
alg , Mann” und ,, Weiberfenner” fid) allem 
Semininen jehr überlegen glaubte. Auch 
Hella wußte natürlich nicht, wie nahe ihre 
tiefe, reihe grauenjeele eben mit jenem 
Starrjinn in Berührung gefommen war, 
der eine unüberbrüdbare Grenze zieht 
zwiichen der Welt einer wirklichen Frau 
und derjenigen der Männer, die felbft bei 
aller Fähigkeit für ihr Gad, jeclijd) zu 


439 


gering und befanglo3 find, um andere Pfade 
zu gehen, als die ausgetretenen und ge- 
wohnten Hleingeiltiger Bequemlichkeit. 
Beide traten ins Haus und gingen 
etwas ojtentativ formell auseinander. Aber 
niemand bemerkte da3, denn der Tanz 
war nod) im Gange, und mir wenige 
zeigten Luft, die Schöne Fejtlidfeit zu 
beenden, che das Morgengrauen anbrad). 
E3 waren eben Nordländer mit jenem 
gründlichen, wenn auch felten zutage tre- 
tenden Temperament des Nordens — und 
man war's gewohnt, zu tanzen, zu trin- 
fen und zu lachen bis die erjten Gonnen- 
ftrablen durch die Senfler Hufchten, über 
den ftaubigen Boden des Ballfaals, über 
leere Flafchenreihen und die Scherben zer- 
fprungener Becher. Uber einige brachen 
Dod) Schon auf, die näher wohnten und ihr 
Haus nod) vor den erjten Morgenstunden 
erreihen fonnten. Auch Frau Herborg 
hatte Weifung gegeben, ihren Wagen vor- 
fahren zu lafjen, und nad) herzlichem Ab— 
jhied von den Bürenburgs feßte fie fic 
mit Hella und Onkel Wilhelm, der den 
gleihen Weg Hatte, hinein. Die Pferde 
zogen an, der Kies fnirfchte unter den 
Nädern, nod fdnell wurden Grüße Hin 
und ber getauscht, und aud) Hella nidte 
troß aller Müdigkeit, die fie jet ganz über- 
wältigt hatte, freundlid) herüber, da Crid) 
Ruland auf der Freitreppe ftand und dem 
Wagen nachſah. Und dann fam eine jtarfe 
Biegung des Weges und das Haus der 
Barenburgs war den Bliden der Fort- 
fahrenden entzogen. Hella lehnte fich in 
die Polfter gurii und überließ fich ihren 
Gedanken, mehr medjanifd) und unmill- 
fürlid, al3 befonders intenfiv und be- 
abſichtigt. Nach aller Aufregung und allem 
Taumel und all der phyfifden und jeeli- 
ſchen Inanspruchnahme überfam fie auf dem 
weichen, Ieije federnden Wagenfi und bei 
dem gleihmäßigen Hufihlag und Wagen- 
rollen ein Gefühl von Ruhe und Behaglid)- 
feit, Da etwas unendlich Wohltuendes hatte; 
förperlicd mwenigitens, ihre Gedanken waren 
immer nod) mit all dem, twas vorgefallen 
war, bejdaftigt. Brau Herborg lehnte miide 
in Der Wagenede und fah nur dazwischen 
etwas ernjt und forichend ihre Tochter an, 
Der jie etwas Außergewöhnliche angumerfen 
glaubte mit dem ganzen feinen Inſtinkt einer 
vornehmen Frau, die ebenjoviel Geift und 


440 


Ceele, als LebenSerfahrung beſitzt. Unb fo 
war fie nicht unnervös, weil fie merkte, daß 
Hella bei aller fcheinbaren Rube nervös 
war. Nur Onkel Wilhelm merkte wie immer 
von alledem nichts. Er fagte, daß Hella 
jehr hübſch ausfähe, und erzählte unauf- 
hörlih von dem alten Dragoneroberft, der 
bei aller Rauheit foviel liebevolles Yntereffe 
für feine Rüden gezeigt hätte. Onkel Wil- 
helm hatte feine Ahnung, daß der Dragoner- 
oberjt zur felben Beit zum alten Herrn von 
Bärenburg fagte: „Weißt Du, mein lieber 
Bärenburg, wenn ich den alten, guten Paſtor 
nicht fo ſcheußlich gern hätte, dann hätt’ 
ich's nicht ausgehalten, Du fannft mir’ 
glauben. Der Menſch ſprach in einemfort 
von Rüden, die faum zu fehen oder faum 
geboren find. Sträflicher Blödſinn!“ Aber 
Onkel Wilhelm mußte das nicht, er war 
fehr zufrieden und animiert und fprad) immer 
weiter, bid er fchließli an der Tür des 
Paſtorats abgejegt wurde und im Blatter- 
grün feine Gartens verjdwand, aus dem 
im Mondlicht das füdengelbe Dad) der Codjin- 
chinafamilien geijterbaft hervorleuchtete. 
Nur wenige Wugenblide fpäter hielt der 
Wagen an der Vorfahrt von Neuhof. Die 
beiden Damen trennten fi glei), um 
Ichlafen zu gehen: Frau Herborg füßte 
ihre Tochter beim Gutenachtjagen fehr herz- 
lich und hielt fie länger im Arm als fonft 
und fie fah etwas traurig und febr, febr 
abgejpanut und müde dabei aus. Aber 
feine von den beiden Frauen fprad ein 


Julius Havemann: Heideflange. 


Wort. — Hella 30g fic) oben in ihrer Stube 
gleid) aus und legte fic) zu Bett. Aber 
fie fonnte nicht recht einschlafen, und allerlei 
Gedanken verfolgten fie in unrubiger Reihen- 
folge, ohne daß fie fich jelbjt far murde, 
ob e3 glückliche waren oder unglüdliche. 
Denn dazu war fie rein förperlich zu müde. 
Sie badte nur immer daran, daß Crid 
Ruland doch eigentlich fehr Hübjch fet und 
daß er eine Stimme hätte, die fie gern 
mochte, und daß es fchön war, den eigenen 
warmen Körper an einen andern warmen 
zu lehnen und diefes andern heiße Atem- 
züge zu fühlen. Und an den Heinen 
blühenden Lindengweig dachte fie, der ihr 
zu Füßen gefallen war und dann auf ihrem 
Schoße lag, und an den ftarfen, ſcharfen Heu- 
geruch, der alle Kraft fo aufreizte und dod 
jo willenlo8 machte, fo feltjam und fo merf- 
würdig willenfo8.... Schon halb im 
Schlafe hörte fie, wie draußen die Stalltür 
aufging und die Arbeitspferde herausgefiihrt 
wurden und ihr harter Hufidlag auf dem 
Pflaſter bes Hofe Hang; fie hörte die 
Mägde lachen und die Knechte ihre Senfen 
dengeln, bis die Erntewagen mit dumpfem 
Näderrollen davon fuhren, in den jungen 
Tag hinein. — Es war ja die Beit der 
erjten Mahd! 

Und dann fchlief Hella endlich, endlich 
ein. Und durch ihr ftilles, Heines Mädchen- 
zimmer frod) langjam und taftend an den 
Wänden entlang das kühle, fröftelnde Morgen- 
grauen. Echluß folgt.) 


Heideklänge. 


Am Horizonte ſchimmern 
Die Segel wie gebannt, 
Die blauen Lüfte flimmern 
Und driicken auf das Land. 


Ringsum von Heideblüten 

Ein honigjüßer Haud). 

Zwei Kinder feh’ ich hüten 

Schafe im Mittagsraud). 

Guck, Sieken! raunt das Jünglein. 
Sie fährt zurück erſchreckt, 

Weil ſich ein Cidedsziinglein 

Shr ſpitz entgegenreckt. 


Dann treibt’s die Kleine heftig, 
Was in der Sauft zu fdau’n. 
Shr Singer möcht' geſchäftig 
Dem Ding die Kehle krau’n. 
Und immer näher drüdt fid 
Slachszopf zum flachſ'gen Haar, 
Und immer tiefer bückt fid 
Sandwärts das emf’ge Paar, 
Und immer leijer werden 

Und heimlider die dwet. 
Heermann, im Aug’ die Herden, 
Sigt ernjt und jchwarz dabei. 


Und wo aus rotem Kraute 
Der Hornklee goldner fieht, 
Erklingt mit vollerm Laute 
Der Grillen Heimatlied. 


Julius Havemann 





Gemalde von BH. Fenner-Behmer. 


Aus der Sommertfrif{ce. 




















Tilgerzug. 


Benares. 


Meine Wallfahrt nach dem indischen Olymp. 


Uon 


Ernit v. Helfe-Wartegg. 


Mit zehn Originalaufnahmen. 


N“ alte Wunderland Indien ift durch 
ein gräßliches Erdbeben, das verwiiftend 
über einen großen Teil der Halbinfel hin- 
ging, wieder einmal in den Vordergrund 
des Intereſſes gerüdt worden. Wann frei- 
lid) finnte dies Intereſſe je erlöfchen? Un- 
zählige Anfnüpfungspuntte bejtehen ja zwi— 
jhen uns und der Rrone des britischen 
Kolonialbejiges, die verjchiedenften Beziehun- 
gen kommerzieller, politijcher, wiljenfchaftlich 
allgemein fultureller Natur. Immer wie- 
der folgen wir daher gern den Wanderungs- 
ihilderungen dur Indiens Länder und 
Städte. 

Sede der großen Religionen der Menich- 
beit hat ihre heiligen Stätten und Wall- 
fahrtsorte, die feit alten Seiten verehrt 


(Ubdrud verboten.) 


und von Pilgern befucht werden. Seine 
aber dürfte fic) ähnlicher Heiligkeit und 
ähnlichen Bejuches erfreuen wie Benareg, 
das Meffa und Mom der Hindus. Be- 
nares ijt eben nicht nur der Sif der 
Religionsftifter gewejen, wie die heiligen 
Stätten anderer Religionen, Benares ijt jeit 
undenfliden Zeiten felbjt der Cis der in- 
diichen Götter, ein Olymp, wo neben Siwa 
und Viſchnu noch eine ganze Menge ande- 
rer von den Hindus angebeteter überirdifcher 
Weſen thronen. Keine Großitadt der Erde 
fann fich eines höheren Alters rühmen wie 
Benares, das ſchon zur Beit Babylons, 
Ninivehs und der altägyptiichen Städte be- 
ftanden hat. Aber während von diejen nur 
mehr Ruinen vorhanden find, ijt Benares 


BVelhagen & Klafings Monatshefte. XIX. Jahrg. 1904/1905. II. Bd. 29 


442 


heute nod) ebenjo blühend und groß wie 
vor Sahrtaujenden. Der Überlieferung nad) 
joll König Salomon mit Benares Handels- 
beziehungen unterhalten haben, und einer 
der Weifen aus dem Morgenlande, welcher 
dem göttlichen Jeſuskinde Gejchenfe nach 
Jeruſalem brachte, foll ein Raja aus Bena- 
re3 gewejen jein. Die Gewander des Ulyſſes, 
welche in dem neunzehnten Buche der Ddyjjee 
in jo anjchaulicher Weije bejchrieben werden, 
dürften auch in Benares angefertigt worden 
jein, Denn noch heute findet man fie auf 
den dortigen Märkten in ganz denjelben 
Formen und Farben. Durch all die Jahr— 
taujende hindurch predigten Brahminen in 
allen Teilen des indiſchen Dreihundertmillio- 
nen-Neiches die uralten Lehren der Veddas 
und die Heiligkeit von Benares; durch all die 
Sahrtaujende jtrömten unaufhörlih Scharen 
unzähliger Pilger nach dieſem bejuchtejten 
Wallfahrtsorte der Erde, um den Göttern zu 
opfern und in den Gewäſſern des heiligen 
Ganges zu baden — ja nicht nur das, jondern 
auch zu fterben und in den Fluten ihr Grab 
zu finden. Nichts verleiht nad) dem Glau- 
ben der Hindus größere Heiligkeit, als von 
dem heiligen Ganges als Leiche hinaus» 
geführt zu werden ing weite Meer. Noch vor 
einigen Jahrzehnten begegnete jedes nad) 
Ralfutta fahrende Schiff auf dem Strom 
Dugenden Ddiejer grauenhaften Opfer des 
indiichen Aberglaubens. Seither ijt diefes 
Herabſchwemmen der verjtorbenen Hindus 





Balajtfront am Ganges. 


Ernjt v. Heffe- Wartegg: 


wohl verboten worden, dafür werden fie in 
Benares an den Ufern des heiligen Stro- 
mes verbrannt und die Uberrejte in Die 
gluten geworfen. 

Benares ijt aber nicht nur der Olymp 
und das Meffa der Hindus, vor zweiein— 
halb Sahrtaufenden wurde e8 auch zu dem 
Meffa einer zweiten großen Religion des 
Ditens, nämlich des Buddhismus. Hier 
predigte Buddha zuerjt feine Lehren, von 
bier aus jandte er feine Apojtel nach allen 
Teilen Wiens, und der Reihe nach befehrten 
ih Die Bewohner von Tibet, Nepal, Siam, 
Birma, China, Japan, Ceylon zu feinem 
Glauben, fajt die Hälfte der gefamten Menjch- 
heit. Rings um Benares liegt das heilige 
Land der Buddhiften; dort befindet fic) die 
Geburts- und Todesftdtte ihres Griinders, 
dort erheben fic) heute nod) Buddbhiften- 
tempel, die aus der Beit feiner perjünlichen 
Wirkſamkeit jtammen. 

Sreilid) ijt im Laufe der Beiten der 
buddhiſtiſche Glaube in vielen Landern, vor 
allem in Indien felbjt, in die Brüche ge- 
gangen und ebenjo ift die uralte Hindu- 
religion zum frafjejten Götzendienſt aus- 
geartet, aber das hat der Heiligkeit von 
Benares feinen Abbruch tun finnen. Im 
Gegenteile, die Stadt hat dadurch nur ge- 
wonnen. Früher waren nad den Lehren 
der Veddas die Götter überall und all- 
gegenwärtig, feit aber die Götter zu Gößen 
und Fetiſchen herabgelunfen find, die in 
Benares haufen, fu- 
chen die Hindus ihre 
Götzen und Fetifde 
in Diefem Olymp am 
Gangesftrom auf, um 
durch Ddieje Pilger- 
fahrt allein all ihrer 





Sünden Teig zu 
werden. 
Pilger aller Kajten 


und Stände, jeden 
Alters, jeder Gegend, 
von den Hängen Af- 
qhaniftan3 und vom 
Bundjab bis nad 
dem fernen Travan- 
core an der Süd— 
jpige des Reiches; 
von Den höchſten 
Landesfiirften herab 
bis zu den ärmiten 


Benares. 





443 





Badende Frauen. 


Bettlern und Fafiren — wohin id) in 
Indien fam, überall fand id) Pilger nad) 
Benares; in den GEijenbahnzügen vor- 
nehme Reidje, die mit einem Troß von 
Dienern in der erjten Klafje reijten, auf 
den Straßen Scharen von Wanderern, an 
ihren eigentiimliden Schulterjtangen erfenn- 
bar, an denen ihre wenigen Habjeligfeiten, 
in Bündel gejchnürt, herabbaumelten. An 
beiden Enden der Tragftangen jtedten, nad) 
aufwärts gerichtet und fich zu einen Bogen 
vereinigend, Büjchel langer Pfauenfedern, um 
die böfen Geifter zu verjcheuchen, welche die 
Luft durchziehen. Hunderte von Meilen weit 
wandern Dicje Scharen über die ftaubigen 
Straßen, den tropijchen Gluten der Sonne 
ausgejeßt, nach dem einen Ziele ihrer Lebens- 
wünſche, nach Benares, Männer und Frauen 
und Kinder, vornehmlich aber Greije. Faft 
fünnen fie fich faum vorwärts jchleppen, aber 
der Wunjch, in Benares ihr Leben zu be- 
ichliegen, gibt ihnen Kraft und Ausdauer. 
Und jollten fie die Ufer des heiligen Ganges 
nicht erreichen, dann werden ihre Söhne die 
entjeelten Körper oder doch deren Ajche weiter- 
tragen zu Ddiejem Styx der Brahminen! 


Wie überjelig fie fich aber fühlen miiffen, 
wenn fie Das große, einzige Benares wirf- 
lid) erreichen, das fonnte ich an meinen 
eigenen Gefühlen ermejjen, als ich an einem 
jonnigen Januarmorgen das twunderbare 
Städtebild vor Augen hatte. Fürwahr, die 
Götter, die hier thronen, hätten feinen Ort 
jo feltjam, jo malerijd), jo einzig in der 
Welt finden fonnen. Cin breiter Strom 
mit blaugrünen Fluten, Die, aus den unzu— 
gänglichen, Himmelanjtrebenden Cisabgriin- 
den des Himalaya jtammend, dem fernen 
Golf von Bengalen zueilen. Uber dem 
Strombett ein Höhenzug, von den Ufern 
auf dreißig bis vierzig Meter emporjteigend, 
in der Form einer Sichel jih um den 
Strom legend, vier Kilometer lang. Oben 
auf Diejen hohen Ufern und auf dem janf- 
ten Abhang jelbjt in Terrafjfen bi zu dem 
Strom herabjteigend, Palaſt an Palaſt, 
Tempel an Tempel, mit Bajtionen und 
fteinernen Strebepfeilern, mit Torbauten, 
Balkonen, Pavillons, Erfern, mit ſchweben— 
den Gärten und weiten Steintreppen in un- 
abjehbarer Folge; jeder Palaſt, jeder Tempel 
in fremdartiger, malerischer Architektur, ein 

cs ae 


444 


Ernjt v. Hejje- Wartegg: 








Badeſzene. 


Gemiſch aller Bauſtile des prunkvollen 
Orients, überhöht von hohen, ſchlanken Mi— 
narets, von jfulpturenbedecten Pyramiden 
und Türmen, von goldſtrotzenden Domen 
in allen Größen und Formen. Jeder dieſer 
nach vielen Hunderten zählenden Bauten in 
Rot oder Gelb oder Weiß, von verſchiedener 
Höhe, der eine auf ungeheuren Grundmauern 
direkt vom Fluſſe aufſteigend, der nächſte 
ein Konglomerat von hinter- und über— 
einander geſetzten grotesken Bauten und ver— 
ſchieden geſtellten Faſſaden, verſchieden hohen 
Stockwerken, jedes einzelne mit Balkonen, 
Galerien, Veranden oder langen Reihen 
vergitterter Fenſtervorſprünge. Alles, alles, 
jede Terraſſe, jeder Balkon, jedes Fenſter 
möglichſt gegen den Fluß gerichtet, den 
heiligen, ſündenvergebenden, ſegenſpendenden 
Ganges. Zwiſchen dieſem maleriſchen Gewirr 
von grotesken oder formenſchönen, buntfarbi— 
gen, ſteinernen Bauten, dem Werke unzähli— 
ger Generationen, zeigen ſich grüne Baum— 
fronen, blühende Garten auf Terraſſen, 
gegen den Fluß abfallend, der jogar an 
jeinen unmittelbaren Ufern, auf den unab- 
fehbaren Neihen von Treppenfluchten Tem— 
pelhen und Heiligenjchreine aufzumeijen 
hat, ein Tribut nicht nur für die Götter, 
jondern auc) fiir die blaugrünen, rajd 
dahin eilenden Fluten, welche dieje Stein- 
treppen bejpülen. In der Mitte diejes 
merfiwiürdigiten und großartigiten Städte- 
bildes des indijchen Kaiſerreiches erhebt fich 


an der höchiten Stelle 
im jeltjamen Gegen- 
jay zu all den Hindu- 
Tempeln, den Fürjten- 
paläjten und Bilger- 
häujern eine Mojchee 
Muhammeds mit 
mächtigen, ernſten, 
perjijden Balladen 
und jchlanfen, him— 
melanjtrebenden Mi— 
narets, dasgrößte und 
impojantejte Bauwerk 
der heiligen Stadt. 
Aber diejes Städte: 
bild ijt es nicht allein, 
Das auf den Bejchauer 
einen jo tiefen, ganz 
unauslöfchlichen Ein- 
druck bervorbringt; 
den höchiten Reiz, die 
tieffte Ergriffenheit empfindet der mit all 
jeinem Denfen und Fühlen vollitändig ge- 
fejfelte Bejchauer durch die Menjdhenmengen, 
welche die Ufer des Ganges und die Fluten 
jelbjt beleben. Es kann feine interejjantere 
Stromfahrt geben, als jene auf einem der 
eigenartigen indijchen Boote, gerudert von 
braunen, jtummen, halbnadten Ruderern, an 
der heiligen Stadt Benares entlang, dann 
wieder zurüd und immer wieder auf und ab. 
Sie ijt wie eine Fahrt dur das ganze 
indische Reich, eine Fahrt durch das bewegte 
abwechjlungsreihe Wolfsleben, durch das 
innerjte Seelenleben des zweitgrößten Vol— 
fe3 der Erde, eine Fahrt von der Geburt 
bis zum Tode und über den Tod hinaus. 
Monate find vergangen, jeit ich in Benares 
geweilt, und ich habe jeither viele andere 
Städte bejucht, aber die Bilder, die ich dort 
gejehen, haben jich jo tief eingeprägt, daß, 
während ich dieje Zeilen zu Papier bringe, 
jede kleinſte Szene mir flar vor Augen 
liegt mit all ihren Ginzelnheiten. Ach 
habe die Empfindung, als finnten dieje 
Bilder zeitlebens in mir nicht erblafjen. 
Wer die Taujende und Abertaujende 
von Andächtigen auf den zum Strome hinab- 
führenden Treppen, auf den langen in den 
Strom hineinragenden Brüden und im Waffer 
jelbjt beobachtet hat, der wird gewiß auf 
den Gedanken fommen, dak unter all den 
vielen Göttern des Hinduglaubens feiner 
jo verehrt und angebetet wird, wie der 


Benares. 


Fluß felbjt, und daß die Pilger nicht nach 
Benares fommen, um den Göttern in den 
Tempel oben zu opfern, jondern dem hei- 
ligen Waffer, das unten an ihnen vorüber- 
raujcht. Yn der Tat ijt den Hindus in ihrer 
ganzen Religion nichts jo teuer wie Diejer 
myjteridje Ganges. Das Cisfeld hoch oben 
im Himalaya, in welchem der Strom geboren 
wird, ijt der fünfte Kopf ihres Hauptgottes 
Siwa, und jein zweieinhalbtaujend Kilo- 
meter langer Lauf wird durch den Wuf- 
enthalt zahlreicher anderer Götter und He- 
roen gebeiligt. Das den Göttern gefälligite 
Werf ijt die jechs Jahre mwährende Wall- 
fahrt von der Quelle des Ganges bis zu 
jeiner fernen Mündung und wieder zurid 
zur Quelle. Unzählig find auf diejem 
Stromlauf die Orte, wo ſich zu gemiljen 
Zeiten im Jahre Hunderttaujende von Bil- 
gern verjammeln. Gn Benares aber find 
Dieje Pilger das ganze Jahr über vorhan- 
den. Haben fie Benares und dort das 
Pilgerhaus ihres Stammes erreiht, dann 
gilt ihr erjter Gang dem Strome. Von 


445 


meinem Boote aus fah ich fie ſcharenweiſe 
die langen Treppenfluchten, nicht weniger 
als fünfzig nebeneinander, herabwandern ; 
jede Stufe ijt des Morgens und Abends 
mit diejen malerischen Gejtalten bededt; in 
die buntejten Tücher, rot, hellgelb, hellgrün, 
weiß und hellblau gehüllt, verleihen fie dem 
großartigen Bilde Leben, Farbe, Bewegung. 
Seder einzelne der Andächtigen trägt ein oder 
zwei runde glänzende Meflinggefäße, auf 
welche die hellicheinende Sonne jtrahlende 
Lichter aufjegt. Unten angelangt, legen fie 
ihre bunten Tücher ab, und mit dem Aus- 
druck höchſter Seligfeit tauchen fie in die füh- 
len Fluten; fie jpielen mit dem Waffer und 
liebfojen es, fie lafjen es langjam durch 
die Finger gleiten aus einer Hand in die 
andere, fie jchlürfen es zwijchen den Zähnen 
durch, fie benegen fich feierlich Stirn und 
Schläfen, fie halten die mit Waſſer gefüllten 
hohlen Hände, Gebete murmelnd, gegen die 
Sonnenjcheibe, fie jchöpfen es, bis zu den 
Hüften im Wajjer jtehend, mit ihren Me— 
tallgefäßen und lafjen es langjam wie koſt— 








Verbrennungsplaß für die Hindus. 


446 


oa 4 z 
er 
2 
eer 


. re, 


Ernjt v. Hejje- Wartegg: 





Tempelam Gangesufer. (Der Rauch ftammt von Leichenverbrennungen her.) 


bare Berlenjchnüre wieder zurüdfliegen. 
Mit welcher Wonne, welchem jeligen Ent- 
züden tauchen fie endlich in die fiinden- 
reinigenden, erlöjenden Fluten! Stunden- 
lang bleiben fie unten, im Winter zeit- 
weilig vor Kälte zitternd, und doch in 
religidjer Verzüfung, einer dicht an den 
anderen gedrängt; jedes verfügbare Plätzchen 
ift bejeßt. Auf manchen bejonders heiligen 
Ghats — fo heißen die Treppenfluchten — 
bilden diefe halbnackten Gejtalten Gruppen, 
die den Predigten eines heiligen Brahminen 
faujden, an anderen Stellen trocnen fie 
ji) unter riefigen runden Strohjchirmen 
oder breiten ihre bunten Badetücher zum 
Trodnen aus; zwijchen ihnen ziehen ganze 
Scharen neuer Anktümmlinge, ein ewiges 
Drängen und Kommen und Gehen, ein Ans 
und Wusleiden und Tauchen von Taujen- 
den andächtiger Menjchen. Auf den Treppen 
ftehen und figen gelehrte Prediger und 
Wjfeten, nadte, mit Erde und Kuhdünger 
bededte Fakire, Kranke, ausjägige Bettler; 
wandern heilige Kühe und Stiere umber, 


ihlafen Hunde, fliegen Tauben, Krähen, 
Falken und Papageien von einem Tempel- 
chen zum anderen, Flettern vielleicht auc) 
heilige langgeſchwänzte Affen flinf umber; 
zwijchendurch laſſen fid) mächtige Fürjten 
und Fürftinnen in fojtbaren Palankins zum 
Bade Herabtragen. Und mährend Ddieje 
Taufende ihre nadten Glieder durch das 
Wafjer heiligen, Kranke, Ausfäßige und 
Gejunde untereinander, während fie diejes 
von Taufenden benugte Waffer jchlürfen 
und freudig erregt ihre Gebete murmeln, 
werden mitten unter ihnen die Toten ver- 
brannt und ihre Ajche, ihre verfohlten Gee 
beine werden in dasjelbe Wafjer geworfen! 
Un zwei Stellen zwijchen den monumen- 
talen Treppen liegt das fteile Flupufer 
brah; hoch oben zwijchen den Palajten 
jind ganze Berge von Holzjcheiten aufgehäuft, 
unten nahe dem Wafer find Scheiterhaufen 
errichtet, von denen Dichte Rauchwolfen 
zum Himmel jteigen. Unaufhörlich tragen 
Manner unheimliche Lajten hierher, die 
Leichen der Verftorbenen, umbiillt von dün— 


Benares. 


nen Geweben; ſorgſam legen ſie die toten 
Körper in das ſeichte Uferwaſſer, oder doch 
auf den Strand derart, daß die heiligen 
Fluten zum mindeſten die Füße beſpülen. 
In der Zwiſchenzeit wird ein kniehoher 
Scheiterhaufen aufgeſchichtet, die Leiche von 
den Hinterbliebenen ſtumm darauf gelegt, 
darüber kommen noch einige Scheite Holz 
und etwas getrockneter Kuhdünger. Dann 
wird an einem oben brennenden heiligen 
Feuer ein Span entzündet und der Scheiter- 
haufen damit an den vier Eden angejtedt. 
Bald prafjelt e3, die Flammen fchlagen 
hod) auf, und in dem dichten Rauch ent- 
ihmwindet die Leiche dem Anblid der Hinter- 
bliebenen auf Nimmermwiederfehen. Zwei 
Stunden jpäter ift nicht3 davon übrig als 
ein Haufen Aſche und ein paar ſchwarze 
Knochenreſte, und dieje werden den Fluten 
übergeben, um von ihnen herabgetragen zu 
werden auf demfelben Wege zum Meer, 
auf welchem jeit Jahrtaufenden ungezählte 
Millionen verjtorbener Hindus ins Nichts 
gewandert find. Auf beiden Verbrennungs- 
plägen brennen und praffeln unaufhörlich 
einige Sceiterhaufen und jenden unjaglic 
widerliche Gerüche in die Luft; unaufhörlich 
fommen neue Leichen, erjchallt das fchmerz- 
lide Klagen und Yammern eines hinter- 
lafjenen Gatten, verwaifter Kinder, aber 
wer beachtet e8? Die Badenden kümmern 
ih nicht darum, für fie hat der Tod feine 
Schreden, im Gegenteil, der Tod an den 
Ufern des heiligen Ganges ift ja das Höchite, 
was der gläubige Hindu erjtrebt. Kommen 
Doc) die Alten, die 
Schwerkranken, Da- 


447 


bräuche ein Ende bereitete. Heute aber 
noch ftehen auf den Treppen in großer 
Bahl die Denkfteine, welche den unglüdlichen 
Dpfern des fanatiihen Glaubens gejest 
wurden. Ganz fonnte diejer bis auf den 
heutigen Tag nicht eingedämmt werden, 
denn immer nod hört man von Frauen, 
die ſich heimlich neben der Leiche ihres 
Gatten jelbjt einen Scheiterhaufen bauten, 
ihn entzündeten und fich in Die verzehrenden 
Flammen ftellten, um zu Wide zu verbren- 
nen! Welche Macht des Glaubens! Wel- 
cher Heroismus! Und welcher Wahnwitz! 

Bon diejen traurigen abjtoßenden Sze- 
nen, welche fich mitten in das jonft fo an- 
ziehende Getriebe der gläubigen Hindus auf 
den Treppen des Ganges drängen, fielen 
meine Blice auf die herrlichen Paläſte, die, 
über den Treppen fich erhebend, ihre maje- 
ftatijdhen Fronten dem Fluſſe zumenden. 
Eine ganze Reihe mächtiger Hindufürften 
hat fie gebaut, denn die Maharajas und 
Könige und Rajas betrachten es gewifjer- 
maßen als ihre Pflicht, im heiligen Benares 
einen Balaft zu bejigen, wohin fie fi ein- 
mal, wenn die Lajt ihrer Sünden zu groß 
geworden ijt, zurüdziehen können, und wo die 
Greije, die Kranken und Sterbenden aus 
ihren Familien in der unmittelbaren Nähe 
de3 Ganges Unterkunft finden. Welch prach- 
tige Paläjte bejigen beijpielsweije der Ma- 
haraja von Seypore, der König von Nepal, 
der Fürſt von Udaipur, der Maharaja von 
Benares und jener von Nagpor! Auch der 
mächtige Maharaja von Gwalior, aus der 





binfiechenden zu 
Taufenden nad) Be- 
nared, um dort in 
den Bilgerhäufern 
ihren Tod zu erivar- 
ten, ihre Erlöfung. 

Auf diejen bei- 
den Verbrennungs- 
ghat3 wurden aud) 
die Witwen der 
Berjtorbenen Ieben- 
dig verbrannt, bis 
vor einigen Jahr— 
zehnten der Macht- 
jprud) der Regic- 
rung diejem grauen» 
hajtejten aller Ge- 





Talaft am Gangesufer. 


448 


berühmten Familie der Scindia, hat fic 
bier an den Ufern einen Palajt erbaut, der 
an Pracht alle übertreffen jollte. Millionen 
wurden dafür verausgabt, aber die weichen 
Sand- und Lehmufer gaben unter dem un- 
geheuren Drud der Steinmafjen nach, und 
langjam finft der Palaſt in die Fluten. 
Die gewaltigen Mauern haben fich, vielfach 
geboriten, zur Seite gelegt, die Steintreppen 
ind in ihre Quadern zerfallen, aber dar- 
über hinweg wogt das bunte, farbenpräch- 
tige Gedränge der Pilger in ununterbroche- 
nem Strom. 

Die unteren Räume der Palajte, im 
Sommer troß ihrer Höhe von dem ange- 
ihwollenen Ganges überflutet, dienen in 
der trodenen Beit den Pilgern aus jenen 
Staaten al3 Unterkunft, deren Fürften fie 
gebaut haben. Bon ihren weitgeöffneten 
Toren wogt der Menjchenjtrom unaufhörlich 
herab zu dem Stromufer und nach dem 
Bade hinauf in die Stadt, um dort Die 


Runde der Tempel und heiligen Stätten zu 


machen. Benares Hat nicht weniger als 


wi 


— — ——— — — 


Die Dächer des goldenen Tempels. 





Ernjt v. Hejje - Wartegg: 


fünfzehnhundert Hindutempel und Schreine 
der verjchiedensten Größen aufzuweiſen, dazu 
an Dreihundert muhammedanische Mojcheen! 
Aber während fi) am Wajjer wirklich er- 
hebende Szenen von demutsvollem Glauben 
und Frömmigkeit abjpielen, wird der jchöne 
Eindrud in der Tempeljtadt oben durch den 
frajjejten Gößendienst, die ſchmutzigſten Fe- 
tiichopfer wieder verzerrt, in den Staub 
gezogen. Die Gäßchen find fo eng, Die 
Tempel und WBilgerhäufer, Bajare und 
Wohnhäuſer jo dicht aneinander gebaut, daß 
an manchen Stellen faum zwei Menjchen 
einander ausweichen können. In Diejes 
jtet3 gedrängt volle Gebäudegewirre dringt 
niemals ein Sonnenftrahl, es herrjden 
dort ewige Dämmerung, Feuchtigkeit, 
Schmuß und Geſtank von den verwejenden 
Blumenopfern, den Abfällen der frei um- 
Herwandernden heiligen Rinder, dem fau- 
(enden Wafjer, welches die Gläubigen nach 
dem Bade in ihren Metallgefäßen mit 
heraufichleppen, um damit ihre jteinernen 
und metallenen Gigen zu begieBen, von 
Butter, Ol und Farben, mit 

— denen ſie dieſe Götzen ein— 
ſchmieren, um ihnen damit 
zu opfern. Durch dieſes 
Gewirr zwiſchen andächti— 
gen Pilgern einherwandernd, 
ſieht man an jeder Straßen— 
ecke ein derartig verſchmier— 
tes plumpes Götzenbild grin- 
ſen, blickt man in dunkle, 
nur durch rauchende Ol— 
lampen dämmerig beleuchtete 
Räume, wo im Hintergrund 
irgend eine ſteinerne Fratze, 
in Menſchengeſtalt mit meh— 
reren Armen oder Beinen, 
mit Elefantenkopf oder gar 
ein ſteinerner Affe als Hei— 
ligtum aufgeſtellt iſt, mit 
einem Brahminen zur Seite, 
welcher die Opfergaben der 
fortwährend ein- und aus— 
ſtrömenden Pilger in Em— 
pfang nimmt. Auf dem mit 
Waſſer und Ol bededten 
Boden liegen haufenweiſe 
verwelkte und friſche Blü— 
ten, den Götzen geopfert, 
dazwiſchen Reiskörner, Ku— 
chen, Süßigkeiten; zwiſchen 


Benares. 


den Pilgern wandert 
ruhig irgend ein wei— 
Bes Rind umber, die 
Schnauze auf dem 
Boden, um dieſe den 
Göttern geopferten 
Lecereten aufzufrej- 
jen; in jedem Haufe 
beinahe befindet fic) 
das Sinnbild des 
ichredlichen heiligen 
Siwa, und ringsum 
in Den zahlreichen 
Staufläden werden ab- 
itoßende Skulpturen 
obizönjter Art, dazu 
andere Götzenbilder 
alg Amuletts, den 
Pilgern feilgeboten. 

Die den Hindus 
heiligite Stätte von 
Benares, ja von ganz Indien, ijt aber der 
berühmte Goldene Tempel, nach jeinem mit 
Goldplatten belegten Turme und der ebenjo 
geſchmückten Kuppel benannt. In jeinem 
dunklen Innern thront das Standbild des 
vornehmiten Hindugottes, Siwa, auf einer 
Nachbildung des Kailafa, des jagenhaften 
Berges des Nordens. Kein Andersgläubiger 
alg nur ein Hindu darf Ddieje gerweihte 
Stätte betreten, aber jchon ein Blick durd 
das Tor in das übelriechende, mit Prieſtern, 
Pilgern und heiligen Rindern dicht gedrängte 
Innere verleidet dem Europäer den Wunjch 
dazu. Bor dem Tempel in einem Eleinen 
Hofe ijt der Sammelplatz der Fafire, 
nacter, efelerregender Menjchen mit lang 
herabfallendem wirren Haar, den Körper 
eingerieben mit Aiche und Kuhdünger. Sie 
bilden eigene Sekten mit verjchiedenen efel- 
haften Gebräuchen von Blut, Wollujt, Völ— 
lerei, Trunfenheit und Orgien; die Einen 
ichneiden jic) mit Meſſern Wunden, peini- 
gen und fafteien fich, Hungern oder nähren 
jih von Erfrementen; andere fißen tags 
und nachts über, jahrein jahraus auf 
Latten, gejpidt mit fpigen Nägeln, oder 
jtehen mit gefriimmten Gliedmaßen oder 
erhobenen Händen unbeweglid), bis ihre 
Glieder die Musfeln verlieren und ftarr 
werden. Derlei Bejtien in Menſchengeſtalt 
— ein anderer Name fann diejen jchauder- 
haften Geichöpfen wohl nicht gegeben wer- 
den — find in Benares nicht nur im Vor— 


449 





Fakire. 


hof des heiligen Tempels, ſondern überall, 
in den Gäßchen, in Niſchen, auf freien 
Plätzen, an den Hausmauern zu finden. 
Niemand vertreibt ſie, denn ſie werden als 
heilig angeſehen. Für jene unter ihnen, 
welche ſich nur als Erwerbszweig einem 
ſolch widerlichen Leben hingeben, iſt der 
Vorhof zum Goldenen Tempel der belieb— 
teſte Standort, denn dort ſind die Almoſen 
der gläubigen Pilger am reichlichſten. Be— 
findet ſich doch hier unter einer Säulenhalle 
die Gyan Kup, d. h. die Quelle der Weis— 
heit. In den tiefen Brunnen wurde vor 
Zeiten einmal ein beſonders heiliges Stand— 
bild Siwas verſenkt, und ſeither wird der 
Brunnen als die beliebteſte Reſidenz dieſes 
Gottes angeſehen. Er war bei meinem 
Beſuche ſo von Pilgern umdrängt, daß ich 
gar nicht an den Rand des Brunnens ge— 
langen fonnte. Ein Brahmine löffelte un— 
ausgeſetzt das faule, ſtinkende Waſſer aus 
dem Brunnen in die dargereichten Pilger— 
gefäße, das die Pilger mit Gier in ihre 
Kehlen goſſen. 

Von den Hunderten anderer Tempel, 
welche dieſen Wohnort Siwas umgeben, iſt 
keiner ſehenswert, den Tempel der Anapura, 
der Göttin des Reichtums, ausgenommen, 
der mit den zarteſten Steinſkulpturen buch— 
ſtäblich bedeckt iſt. Aber die Annäherung 
wird durch zahlloſe Bettler unmöglich ge— 
macht, welche Anapura als ihre Schutz— 
göttin verehren. Nahebei ſteht der Schun— 





Fakir. 


kareſchwarſchrein, gewöhnlich von ganzen 
Gruppen von Frauen umgeben, welche den 
Götzen um männliche Nachkommenſchaft 
anflehen. — Bei dem von Jay Sing, dem 
Maharaja von Jeypore erbauten Palaſt, 
befindet ſich ein Schrein des Regengottes. 
In Zeiten der Trockenheit wird er von den 
Pilgern mit Waſſer begoſſen, um ihn an ſeine 
Pflicht zu erinnern, oder von den Brahminen 
kopfüber in einen Waſſertümpel geſtürzt. Auch 
Viſchnu, neben Siwa der beliebteſte Hindu— 
gott, hat in Benares ſeine Tempel, und ſein 
Hauptſitz iſt der Manikarnika, „der Brun— 
nen der Heilung“, den er mit eigenen Hän— 
den gegraben und mit Schweißtropfen von 
ſeinem Körper gefüllt haben ſoll. Er iſt ein 
kleines Baſſin, etwa meterhoch mit Waſſer 
gefüllt, in welchem Kranke baden und ihre 
Wunden waſchen. Das Waſſer wird aber 
auch von Tauſenden geſunder Pilger zum 
Baden benutzt, und das darauf folgende 
Trinken der verpeſteten, von Schmutz dick— 


Agnes Harder: Narziſſen. 


flüſſigen Jauche ge— 
nügt, um ſie für 
Lebenszeit von allen 
Sünden zu reinigen. 

Benares iſt mit 
vielen Hunderten der— 
artiger Tempel gefüllt, 
die alle von den Pil— 
gern zu beſtimmten 
Zwecken beſucht wer— 
den, ſogar die ſchreck— 
liche Durga, die blut— 
dürſtige Göttin der 
Zerſtörung, hat ihren 
eignen Tempel. Als ich 
die weiten Marmor— 
hallen betrat, ſprangen 
unzählige wilde Affen, 
welche den Tempel 
bevölkern, davon. In 
der Vorhalle aber 
wurde eben einem Ziegenbock von dem funk— 
tionierenden Brahminen mit einem Schwert— 
ſtreich der Kopf abgeſchlagen, das tägliche 
Opfer für die ſchreckliche Göttin, die im 
Inneren des Tempels, ein Halsband von 
Totenſchädeln tragend, thront. Es iſt noch 
gar nicht lange her, daß an Stelle der Tier— 
opfer Menſchenopfer dargebracht wurden! 

Seit Jahren haben die Regierung, die 
chriſtlichen Miſſionen und ſogar eingeborene 
Fürſten durch Errichtung von Schulen, die 
Organiſierung einer Stadtbehörde und Po— 
lizei verſucht, etwas Licht in den finſteren 
Aberglauben und ſchreckenerregenden Götzen— 
dienſt zu bringen, der in Benares ſeinen 
vornehmſten Sitz hat, aber es geht nur 
langſam vorwärts, und die Szenen, die ich 
in dieſer am Fluſſe ſo herrlichen, im In— 
nern ſo unſeligen und verderbten heiligen 
Stadt geſehen habe, werden gewiß auch noch 
in ähnlicher Weiſe Generationen nachfolgen— 
der Touriſten zu ſehen bekommen. 


Narzissen. 


Bleiche Siinderinnen sind Narzissen, 

Die das Haupt in Reue senken müssen. 
Ihrer feinen Lippen rote Säume 

Mabnen an die Nacht der heissen Träume, 
Strömen ihren Duft in leisem Schauern 
Hin wie endlos sehnendes Bedauern — 
Und vergessen doch, die schlanken, süssen, 
Nicht das kurze @lück in langem Büssen. 


Agnes Barder. 





Drei Regenten des 


nD“ englifche Befigungen ftehen feit einem 
oder zwei Jahrachnten in dem Mittel- 
punkt der weltpolitifchen Qntereffen Groß- 
britannieng:  Giidafrifa, Agypten und 
Sndien. Sie gehören zu den wichtigften 
Teilen des britiichen Weltreichs; Englands 
Weltjtellung hängt wirtjchaftlich wie politifch 
nicht wenig von ihrer Erhaltung ab, und 
an allen drei Punkten war oder jchien 
Englands Stellung durch andere Mächte 
mehr oder weniger bedroht und gefährdet. 

Die drei Männer, die die englijche 
PBolitif in jenen Ländern in letter Zeit 
leiteten oder nod) leiten — Lord Cromer, 
Lord Milner und Lord Curzon — ge 
hören zu den widhtigiten Perjönlichkeiten 
des politifchen Englandg. Bei der unge- 
heuren Ausdehnung des britijden Reiches, 
das über alle Kontinente und Meere zerftreut 
ift, muß feine Regierung natürlich in hohem 
Grade dezentralifiert fein. Die Kolonien, die 
bas Recht der Celbitregierung befiten — 
Kanada, Australien, Neufeeland und das 
Kapland — find in ihrer Politi von dem 
Mutterland tatjächlich fait ganz unabhängig. 
Aud) in den anderen Kolonien und Befigungen 
Großbritanniens ijt die Stellung der Gou- 
verneure und der fonjtigen Vertreter des 
englifden Staats fehr felbjtandig gegenüber 
dem Kabinett in London. Die politifchen 
und wirtichaftlihen Probleme in den ein- 
zelnen Teilen des Reiches find fo zahlreich 
und verjchiedenartig, erfordern fo viel per- 
jinlidhe und lokale Renntnijje, daß die 
Minifter in London notwendig einen großen 
Teil der Entjcheidungen den an Ort und 
Stelle befindliden Behörden überlafien 
müffen. 

Wie fic) in der englischen Diplomatie 
die Tradition ausgebildet hat, daß die Ver- 
treter der Regierung im Auslande eine 
weit größere Selbjtändigkeit befiken, als 


britiihen Welfreidis. 


Uon 


Dr. Sans Plehn. 


(Whdrud verboten.) 


e3 etwa in Deutichland der Fall ift, fo 
aud) in der Kolonialverwaltung. Dieje Tra- 
dition ftammt nod) aus der Beit, wo e3 
feine Dampfichiffe, Cijenbahnen und Tele- 
graphen gab, wo die Vertreter der Regic- 
rung im Wuslande, zumal die, welche mit 
weniger zivilifierten Bölfern zu tun hatten, 
im weſentlichen auf die eigene Initiative 
angewiejen fein mußten. Sn der Kolonial- 
verwaltung konnte eine folche Tradition fic 
um fo eher entwideln, als das Kolonialamıt 
das ganze XIX. Kahrhundert hindurch eins 
der unbedeutenditen Portefeuilles war. 
Chamberlain ift der erfte englifde Kolonial- 
fefretär gewefen, der zugleich ein bedeutender 
Staatsmann war. Uber auch er hat, obwohl 
er eine einheitliche Kolonialpolitik nach großen 
Geſichtspunkten eingeleitet hat, nicht den 
Verſuch gemadt, die Kolonialverwaltung zu 
zentralijieren. Was aber feine Verwaltung 
des Kolonialamts auszeichnet, ijt die Wuse 
wahl der Perfonen, die an die verant- 
wortungsreichſten Bolten gejchidt wurden. 

Die große Politif war im XIX. Jahr- 
hundert im wejentlichen die europäiſche 
PBolitif. Die Kolonialpolitit lag großenteils 
noch außerhalb der allgemeinen politischen 
Probleme. Seitdem aber Anfang der adht- 
ziger Sabre Frankreich jein überjeeifches 
Kolonialreich ausbaute, Deutjchland in die 
Reihe der Kolonialmächte eintrat, und 
vollends feitdem die Bereinigten Staaten 
ihre bisherige Siolierung aufgaben, feit 
Sapan fic) zu einer neuen Weltmacht ent- 
widelte, jeitdem find die Folonialpolitiichen 
Wrobleme mit den europdijden Fragen zu 
einer zufammenhängenden Weltpoliti€ ge- 
worden. Yn der Crfenntnis diejer Ent- 
widlungstendenzen wählte fih Chamberlain, 
alg im Jahre 1895 die unioniftijde Partei 
zur Regierung fam, gerade das vernad)- 
läffigte Rofonialamt zu ſeinem minijteriellen 


452 


Wirkungsfreis aus, um eine Kolonialpolitif 
im weltpolitijden Sinne zu beginnen. 

Die Brennpunfte der großen Politik 
liegen Heute nicht mehr allein in Europa, 
jondern ganz wejentlic, auch in den übrigen 
Kontinenten. Ganz befonders gilt das für 
England, deſſen Bejigungen von allen 
Meeren bejpült werden. Zwar werden die 
politifchen Enticheidungen letzten Endes nad) 
wie vor in Downing-Street getroffen, aber 
die politische Schwerfraft hat fid) doch be- 
merflid) von dem Mittelpiintt an die Peri- 
pherie des Reiches verjchoben. Dadurch ge- 
winnen die Posten an der Peripherie, und 
zumal jene drei in Rapftadt, Kairo und 
Ralfutta, eine erhöhte Bedeutung; und in 
den drei Männern, die jene verantwortung3- 
vollen Stellungen beffeiden, verfürpert fich 
ein weſentlicher Teil der imperialiftischen 
Politi’ England2. 

Bon dieſen drei Männern ijt Lord 
Cromer der ältefte und bei weitem am 


längiten auf feinen Boften. Yn den Dar⸗ 


ftellungen von General Gordons unglüd- 
lider Expedition nad) dem Sudan (1884) 
begegnet man oft dem Namen des englijchen 
Gefchaftstragers in Kairo: Evelyn Baring. 
Eben das ijt Lord Cromer, der unter diefem 
Namen 1862 zum Peer von England 
gemacht wurde. Die Barings ftammen 
aus Deutfdland. Johann Waring, ein 
Geiftlider in Bremen, wanderte 1697 nad 
England aus. Evelyn Baring ijt fein 
direfter Nachfomme. Er wurde 1841 ge- 
boren, fam früh auf die Militärfchule nach 
Woolwid) und verließ fie, 18 Jahre alt, 
alg Leutnant der Artillerie. Cr fam in ber 
Welt umber, hatte Kommandos in Korfu 
und Samaifa. Dann veröffentlichte er ein 
paar militäriihe Schriften, u. a. eine über 
das Kriegsſpiel in Deutfchland, deffen Ein- 
führung er empfahl. Die große Chance 
jeines Lebens fam, al8 ein andrer Baring, 
der als Lord Jtorthbroof zum Peer ernannt 
war, im Sabre 1873 Vizekönig von Andien 
wurde Der fchlug feinem Better vor, ihn 
alg fein Privatfetretär zu begleiten. Das 
Amt des Privatſekretärs ijt in England 
häufig der Beginn einer bedeutenden Lauf- 
bahn. Eine dreijährige Tätigkeit in Indien, 
in der unmittelbaren Umgebung des Vize— 
königs, im Mittelpunkt der Gejchäfte, führte 
den Offizier in die Verwaltung und nament— 


Dr. Hans Plehn: 


lid) in das Finanzwefen ein. Er bewährte 
ih in feinem neuen Wirfungsfreije, fo dap 
ifn die englifhe Regierung 1877 nad) 
Hgypten fchidte, als Vertreter bei der 
neuen ägyptifchen Schuldenverwaltung. Von 
da an ging Barings Karriere rajch vorwärts. 
Drei Jahre fpäter wurde der 39 jährige 
Artilleriemajor Finangminijter von Indien 
und wieder nach drei Jahren Generalfonjul 
in Kairo. Diefen Poften bekleidet er nun 
ſeit 21 Sahren. 

Lord Cromer3 Stellung in Ägypten ijt 
eine der anomaljten, die jich denfen laſſen. 
Dem Namen nad) ijt er Generalfonful und 
bevollmächtigter Agent der britifden Regie- 
rung am Hofe des Khedive. Aber feine 
Stellung ijt fehr verjchieden von der, die 
die Generalfonfuln der anderen Mächte in 
Kairo einnehmen. Der Suzerän von Ägypten 
ift der Sultan, der nominelle Herricher ijt 
der Khedive ; aber die tatsächliche Regierung3- 
gewalt liegt bet dem englijden Agenten. 
Der Steht zu dem Khedive in einem ähn- 
fihen Verhältnis, was politifche Macht und 
Einfluß betrifft, wie der englijde Minifter- 
präjident zum Könige. 

Die Einmijchung der europäiichen Mächte 
in die dgyptijden Angelegenheiten begann 
1877. Nicht lange vorher hatte der Khedive 
der Hohen Pforte das Recht abgepreßt, ohne 
ihre Genehmigung Staatsjchulden aufzu- 
nehmen. Dies Recht wurde ihm verhängnis- 
voll, in wenigen Jahren ftand Ägypten vor 
dem Bankrott. Am Yahre 1875 veräußerte der 
Khedive feinen Aktienbefig am Suez-Kanal. 
Disraeli erwarb ihn für 80 Millionen Mark 
für die englijche Regierung, und legte damit 
den Grundftein zu dem englijden Einfluß 
in Ägypten. Für den Mhedive war jene 
Sunme nur ein kurzer Notbehelf. Schließlic) 
wurden die europäilchen Gläubiger unruhig 
und verlangten eine Sntervention. Ym Fabre 
1877 wurde eine internationale Rommiffion 
zur Schuldenverwaltung eingejept. Zwei 
Sabre fpäter taten England und Frantreid) 
einen zweiten Schritt; fie ließen den twider- 
jpenjtigen Khedive, den fein Entgegentommen 
reute, abjegen und ernannten zwei Öeneral- 
fontrolleure der gejamten Verwaltung, 
einen Engländer und einen Franzoſen, 
mit ungemein ausgedehnten Vollmachten. 
Beide Male war Baring der Vertreter der 
englitchen Regierung. Gegen den fremden 
Einfluß erhob fich in Agypten eine nationale 


Drei Regenten ded 


Reaktion. C3 fam zur offenen Revolution ; 
und während Franfreid, nad) dem Sturze 
Gambetta3, fid) zurüdzog, wurde Alerandria 
von englischen Kriegsichiffen bombarbdiert. 
Das gejhah, während Baring in Indien 
war. Als er in der neuen Stellung als 
Generalfonjul zurücdfehrte, fand er die Bue 
ſtände völlig verändert. Die franzöfiich- 
engliiche Doppelherrichaft Hatte aufgehört, 
der Khedive, von den Aufjtändijchen ent» 
thront, war durch die englischen Waffen 
wieder eingefebt worden, eine englijche 
Armee ftand in Kairo. England hielt da3 
Land offupiert, e3 war die alleinige Vor— 
macht in Ägypten geworden. 

Cin Riidjdlag erfolgte, als im Sudan 
der Aufitand des Mahdi ausbrad. Die 
Unternehmung Gordons mißlang, der General 
jelbft fiel in Khartum, die Provinzen gingen 
Agypten verloren. Gladſtones ägyptijche 
Politi war inkonjequent und widerſpruchs— 
voll gewejen; er ſchwankte beitändig, ob er 
Das Land aufgeben oder die Offupation 
fortjegen wollte. Auch fein Nachfolger, Lord 
Calisbury, hat mehrfach die Abficht fund- 
gegeben, fobald e8 tunlich wäre, Agypten 
zu räumen. Wber e3 erjchien nie tunlich. 
Und feitdem die imperialiftiiche Richtung in 
der englischen Politif zur Herrſchaft fam, 
war es mit.allen Räumungsgedanfen vorbei. 
Im vorigen Yahre hat auch Frankreich feinen 
langjährigen Widerjpruch zurüdgezogen und 
ih, gegen die Abfindung in Marokko, 
welche ja in den letzten Wochen fo viel 
Staub aufwirbelte, mit der dauernden OF- 
fupation ausgejöhnt. 

An jener Politif hat Baring feinen 
weſentlichen Anteil gehabt. Weder in der 
Gordonſchen Tragödie noc) in der Frage der 
Räumung Agyytens trat fein politijcher 
Einfluß irgendwie ftarf hervor. Er hatte 
in Dicjen Dingen feine eigene Politik, die 
er dem englischen Kabinett hätte aufdrängen 
wollen, jondern vollzog lediglich die Auf- 
träge, die ihm von Downing- Street zu— 
gingen. Die Sphäre, wo er jelbitändig 
handelte, und wo er fich ausgezeichnet Hat, 
war nicht Die äußere Politif, fondern die 
innere Verwaltung Agyptens. C3 wächſt 
der Menſch mit feinen größern Sweden. 
Baring hatte feine Tätigfeit ganz twejentlid 
alg Finanzmann begonnen; er entwidelte 
ih zum Staatsmann im weitelten Sinne 
des Wort. Die Ordnung der agtyptijden 


britiichen Weltreichs. 453 
Finanzen war und blieb die Grundlage 
feiner Arbeit. Aber Hieraus entiprangen 
neue Biel. Um die Finanzen zu heben, 
war e3 nötig, die wirtjchaftliche Lage des 
Landes zu verbeffern. Die ungiinftigen 
wirtichaftlichen Verhältnifje wiederum waren 
nicht zum wenigiten die Folgen einer un- 
fähigen und nach orientalifcher Art forrum- 
pierten Verwaltung. So erwuchjen aus der 
Finanzpolitik wirtichaftspolitiihe Aufgaben 
und weiter die Reform der Verwaltung, 
zumal des Steuerweſens, der Juſtiz und 
der Polizei. , 

Natürlich festen die Agypter, zumal: 
der Khedive und feine Beamten, allen 
Neformverfuchen einen hartnddigen Wider- 
jtand entgegen. Allein der Generalkonſul 
wußte den zu überwinden. Energie und 
Geduld, Kenntnis und Veriidfidtigung der 
Natur der Drientalen führten zum Biele, 
ohne daß ernftliche Konflikte ausbrachen. 
Sreilih wurde die Diplomatie Barings 
wirkſam unterjtüßt durch die Macht, die 
Hinter ihm ftand. Er jelbjt war Mitglied 
des Agyptijden Minijterratt. Die Unter- 
ſtaatsſekretäre der Finanzen, der öffentlichen 
Arbeiten, der Cijenbahnen, des Sanitäts- 
Departements, der Generalfteuerdireftor — 
Pojten, die zum größten Teil erft unter 
Barings Einfluß gejdaffen wurden — find 
Engländer. Die Polizei fteht unter einem 
englifchen Chef, der Sirdar der ägyptischen 
Armee und ein beträchtlicher Teil der Dffi- 
ziere find Engländer; und endlich ftehen 
die englifchen Offupationstruppen zu jeiner 
Berfügung. 

Das gab Baring den notwendigen Rüd- 
halt. Er fete durch, daß die Verwaltung 
in ähnlicher Weije europäifiert wurde mie 
die indische ; Die ägyptifchen Beamten wurden 
von den Engländern in Schule und Zudt 
genommen, die einzelnen Beriwaltungsziveige 
reformiert. Hand in Hand damit gingen 
die Beitrebungen, die wirtichaftlichen Kräfte 
des Landes, die unter Dem Drud und der 
Korruption des orientalijden Regiments 
niedergehalten und verfümmert waren, zu 
entfalten. Bahnen wurden gebaut, mit 
Öffentlichen Mitteln großartige Bewäfjerungs- 
anlagen gemacht, Aderbau uud Gewerbe 
nach jeder Richtung unterjtügt. Der wirt- 
Ichaftlihe Aufihwung, den Agypten in 
den Testen zwei Jahrzehnten genommen 
hat, die Steigerung de3 englifden Handels, 


454 


die Befeftigung des politifden Einfluffes 
Englands find ganz wefentlid) das Werk 
Lord Cromers. 

Die Wiedereroberung des Sudans 
(1896—99), wird man faum als einen 
Erfolg feiner Politif anjehen dürfen. Der 
frühere Offizier hat fih in Agypten aus- 
{lieblid den Werfen des Friedens ge- 
widmet. Eine gewinnende Perjinlichfeit, 
von auperordentlider Arbeitsfraft und viel- 
feitigen nterefjen, fo wird er uns ge 
Ihildert; licbenSwiirdig mit einem Anfluge 
ſoldatiſcher Derbheit. Er ift auch ein großer 
Literaturfreund; vor zwei Jahren hat er ein 
Bändchen Uberjegungen aus der griechifchen 
Anthologie herausgegeben. 

* % 


* 

Wie Lord Cromer, fo ift aud) Lord 
Milner Halbdeutfcher Herkunft. Sein Vater 
war Deutjcher, feine Mutter Engländerin. 
Alfred Milner war in Deutjchland geboren, 
wuchs aber in England auf; die Eltern 
ftarben früh, und fdon auf der Schule 
wurde er vollitändig zum Engländer. Geine 
Univerfitätsfreunde erfuhren von feiner 
deutfchen Abjtammung erjt, als die liberale 
Prefje während des Burenfriegs darauf 
hinwies. Alfred Milner ijt 1854 geboren. 
Seine Univerfitatsjahre fielen in die Anfänge 
der imperialijtijden Bewegung. Im Fabre 
1867 war Charles Dilfes berühmtes Buch: 
„Srößer-Britannien“ erjdjienen, das erjte 
Beiden, daß in der jungen Generation eine 
Reaktion gegen die bisherige Kolonialınüdig- 
feit begann. Befonder3 auf den Univerjitäten 
fanden die neuen Gedanken Anklang, und 
Milner war in dem Orforder Debattierflub ein 
unermüdlicher Werber für den Ymperialismus. 
Nach Beendigung feiner Studien wurde er 
Advofat. Aber es war ihm wie fo vielen 
anderen nur um den Titel eines Barrifters 
zu tun, der ihm eine gejellichaftliche Stellung 
gab. Er hat nie praftiziert, jondern jtürzte 
fih in die Rolitil. Er wurde Journaliſt; 
ein Verjud), ins Parlament zu kommen, 
mißlang, dann aber machte ihn Mr. (jest 
Lord) Gojchen, der 1887 Finanzminijter 
wurde, zu feinem SGrivatfefretdr. Damit 
begann auch feine Beamtenlaufbahn. Zwei 
Jahre jpäter wurde er als Unterjtaatsjefretär 
der Finanzen nach Agypten gejchidt, wo er 
in die ausgezeichnete Schule. Lord Cromers 
fain. Dort blieb er bis 1892; die Ergeb- 
nijje jeiner Erfahrungen und Studien legte 


Dr. Hans Plehn: 


er in feinem Buch: „England in Ägypten“ 
nieder, Das ſoeben in elfter Auflage er- 
Ihienen und noch heute das befte Werk 
über den Gegenfiand ift. Gm Yabre 1892 
wurde ihm ein Poſten in dem englifchen 
Sinangminifterium übertragen, der etwa dem 
eines Minifterialdireftorß bei ung entjpricht. 

Im Jahre 1897 legte der bisherige 
Generalgouverneur von Südafrika fein Amt 
nieder. Zwei Fabre vorher hatte Dr. Yame- 
jon jeinen berüchtigten Cinbrud) in den 
Trandvaal unternommen, die Beziehungen 
zwilhen Buren und Cnglandern waren 
immer gejpannter geworden, und in Doton- 
ing- Street wußte man wohl, wieviel von 
der Wahl des neuen Generalgouverneurs ab- 
hing. Unabhängig voneinander, famen Lord 
Salisburyg und Mr. Chamberlain zu dem- 
jelben Ergebnid. Die Szene fol fid) 
folgendermaßen zugetragen haben. Der 
Kolonialſekretär fam zum Miinifterpräfidenten 
und jagte: 

„Ich Habe jemand für Giidafrifa ge- 
funden.“ 

„Ich auch,” ertviderte Lord Salisbury. 

Mr. Chamberlain madjte ein erftauntes 
Geſicht und fagte dann: „Mein Mann ift 
Milner,” und der Premier antwortete: 
„Meiner aud).“ 

Milner übernahm nidjt nur das reprä- 
fentative Amt eines Gouverneurs der Kap- 
folonie, fondern wurde zugleich Bevoll- 
mächtigter (High Commiffioner) der englifchen 
Negierung für alle jüdafrilanifchen Be— 
figungen. Dazu gehörten Natal, Bechuana- 
Swaziland, Nhodefien und — der Transvaal. 
Denn der Tranm oaal jtand nad) den Ver— 
trägen bon 1881 und 1884 in einem 
gewijjen Abhängigkeitsverhältnig von Eng- 
land, die Engländer beanfpruchten Die 
Suzeränität über die Nepubli. Wäre 
Transvaal ein völlig felbftandiger Staat 
geweſen, jo hätte man Milner vermutlich 
al3 englischen Gefandten nad) Pretoria ge- 
jchidt; bei dem „Vaſallenſtaat“ aber unter- 
hielt England feinen Refidenten.  Diefe 
Berhältnilje Hatten zur Folge, daß die 
füdafrifanische Politif Englands nicht von 
dem Auswärtigen Ant, jondern vom Kolo- 
nialanıt, nit von Lord Salisbury, fon- 
dern von Mr. Chamberlain geleitet wurde. 

Die Frage der Abhängigkeit oder Selb- 
ftandigfcit de8 Transvaal ftand im Mittel- 
punkt des ganzen Streits. Die Auslegung 


Drei Regenten bes 


der früheren Verträge war zweifelhaft, und 
jedenfall3 hatte die englifde Regierung von 
1884 an, bi8 Chamberlain 1895 das 
Kolonialamt übernahm, aus feiner Ober- 
hoheit feine nennenswerten Stonjequenzen 
gezogen. Chamberlain aber verfolgte das 
beftimmte Biel, die englijden Anjprüche auf 
die Suzeränität auf alle Galle zu ver- 
wirklichen. 

Die englische Politi€ in Siidafrifa hatte 
das ganze Jahrhundert lang zwiſchen zwei 
Polen geſchwankt. Freilid) das Londoner 
Kolonialamt war in feiner Pafftvitat und 
Untätigfeit Tonjequent geblieben. Aber die 
Gouverneure verfolgten bald eine Politik 
der Ausdehnung, bald eine Politif des 
Stillftandes und Zurückweichens. Der legte 
Erpanfionspolitifer war Sir Bartle Frere 
gewejen, der 1877 den Transvaal annef- 
tierte; aber nad) dem Gefecht von Majuba 
fam wieder der Rüdjchlag, und die Offu- 
pation wurde aufgegeben. Schon damals 
hatte Gir Garnett (jet Lord) Wolſeley, 
der die englifchen Truppen befehligte, nad) 
London gejchrieben: die neuen Gold- und 
Diamantenfunde, die man im Transvaal 
gemacht hatte, würden zweifellos eine große 
Zahl engliicher Auswanderer anziehen, in 
furzer Zeit würden diefe die Buren an Kopf— 
zahl übertreffen, und damit die friedliche 
Annerion des Burenftaats einleiten. Und 
in der Tat, die Einwanderung jchwoll 
mädtig an, und die Bahl der Uitlanders 
wuchs bedrohlid). Damals trat Cecil Rhodes 
auf die politijde Bühne Als Leiter der 
Chartered Compagny und als Yremicr- 
minifter der Rapfolonie verfolgte er die 
entjchiedenste Crpanjionspolitif. Cr offupierte 
alles freie Land, das die Burenjtaaten im 
Weften, Often und Norden begrenzte, fo 
Dap fie eine Enklave im britijden Gebiet 
wurden. 

Chamberlain hatte fchon einmal, bald 
nachdem er das Kolonialamt übernommen, 
dem Prajidenten Krüger mit dem Sriege 
gedroht; bie Verkehrspolitik, die oie Trans— 
vaalregierung nad) der Eröffnung der 
Delagoabahn verfolgte, gab den Anlaß. 
Damals fügte fic) der Prajident dem Ulti- 
matum der engliihen Regierung. Seve 
wurde die Uitlanderjrage zur Einmiſchung 
benußt, die ja and) die Gelegenheitsurjadye 
der Yamefon-Raid gegeben hatte. 

Hreilih war nach dem Jameſon-Raid 


britifchen Weltreichs. 


455 


eine dreijährige Paufe in dem diplomatischen 
Federkriege eingetreten. Chamberlain Freunde 
pflegen zu fagen, der Kolonialjefretär habe 
dem Prajidenten eine Gnadenfrift gewährt, 
damit er aus eigenem Entſchluß den Uit- 
lander3 die politiichen Rechte verleihen 
finnte, die die englische Regierung von ihm 
forderte. In Wahrheit aber hatte der da- 
malige britijche Generalgouverneur fich den 
Weifungen Chamberlains widerjeßt. Cr 
weigerte fid), bei der politijden Spannung, 
die Der Raid erzeugte, mit dem Prafidenten 
über die Witlanderfrage zu unterhandeln. 

Sm Friihjahre 1897 fam Milner nad) 
Südafrika. Als er England verlieh, fagte 
er zu jeinen näheren Freunden, ein Jahr 
wolle er darauf verwenden, um die Dinge 
in Rube zu ftudieren. Und e3 dauerte in 
der Tat jo lange, bid er aus feiner an- 
fänglihen Meferve heraustrat. Bon da ab 
gab e3 in feiner Politik freilich fein 
Schwanken mehr. Imperialiſt von Haufe 
aus, hatte er die Lage mit den Augen von 
Cecil RHode3 anjehen lernen. Ganz Giid- 
afrifa jollte englijd) werden. Die beiden 
Wegner, mit denen der englijdhe Ymperia- 
lismus zu rechnen Hatte, waren die Kap— 
holländer und der Transvaalftaat. Wenn 
die Burenrepublif unschädlich gemacht wäre, 
jo würden die Kapholländer von felbft Rube 
halten. Das Mittel, die Buren matt zu 
jepen, follte eine friedliche Revolution in 
Transvaal fein, indem die Vitlander in 
Mafjen in den Untertanenverband aufge- 
nommen wurden und politische Rechte er- 
hielten. Die befannte Majjenpetition, dic 
20000 Uitlander in Yohannesburg an die 
Königin Wiktoria richteten, wurde von 
Milner aufs entichiedenste unterjtüßt. Die 
diplomatifchen Noten Chamberlaind wurden 
ſchärfer und jchärfer; die englifche Regierung 
wollte ihren Untertanen zu ihren „natür- 
lichen“ Rechten verhelfen, zu Rechten, die 
darauf Hinausliefen, daß die Witlander 
formell aus dem britifchen Staatsverbande 
ausjdicden! In dem ganzen Streit ver- 
folgte Milner die Taktik, den nationalen 
Gegenjay zwiichen Engländern und Buren 
völlig zu ignorieren und nur die freiheit- 
lichen Smititutionen Englands gegenüber dem 
„reaktionären“ Burenregiment auszufpielen, 
das der Arbeiterklaſſe das Wahlrecht 
vorenthiclt. 

Man wird die Politik Milners und 


456 


die Chamberlain jchwerfih auseinander 
halten fünnen. Ohne den Nüdhalt, den er 
an Chamberlain hatte, wäre Milner3 Politik 
unmöglich qewejen. Wnderfeits hatte Cham- 
berlain jeine Biele gegen den Widerjtand 
von Milners Vorgänger nicht durchjegen 
fünnen. Ob beide Männer Ichon früh mit 
der Möglichkeit eines Krieges gerechnet Haben, 
ijt Schwer zu jagen; jedenfall3 Haben fie 
die Widerftandsfraft der Buren ungeheuer 
unterichägt. Am Juni 1899 fakte man in 
London den Krieg, wenn aud nur als eine 
ziemlich entfernte Möglichkeit, ind Wuge; 
für den Fall wurde damals Sir R. Buller 
mit dem Oberfommando betraut. Es ſcheint 
aber, daß in jener Beit Milner — ob auf 
eigene Hand, weiß man nidjt — eine zweite 
Auflage des Jameſon-Raids geplant Hat. 
Wie General Butler vor anderthalb Jahren 
vor der Burenfriegs-Kommijjion ausjagte, 
beitand im uni 1899 die Abjicht, von 
Tult aus einen erneuten Einbruch in den 
Burenftaat zu verjuden. Gegen 1400 Mann 
hatten fi) gufammengejdart; eine Anzahl 
von Denen, die an dem Unternehmen 
Samejons beteiligt waren, tauchten wieder 
auf der Bildflähe auf. Milner forderte 
General Butler, der damals die britischen 
Truppen in Südafrika befehligte, auf, die 
Freiſchärler mit Waffen zu verjchen. Butler 
wies das zurüd, weil die Lente nicht unter 
jeinem Befchle jtinden. Darauf befahl 
Milner ihm, mehr Truppen an der Grenze 
des Transvaals zu fongentrieren; der 
General Ichnte es ebenfalls ab, fagte dann 
aber zu, fall3 er einen Ichriftlichen Befehl 
erbielte. Aber das geichah nicht. 

Als Milner im Sommer 1901, nocd 
während des Krieges, auf einen furgen 
Urlaub nad London fam, wurde ihm ein 
Empfang zuteil, wie dem größten nationalen 
Helden. Die Minifter empfingen ihn an der 
Bahn und begleiteten ihn durch die Dichte, 
zujubelnde Volksmenge nad dem Schlop, 
wo König Eduard ihn feierlich zum Peer 
ernannte. Nach dem Friedensjchlug wurde 
Yord Milner, während er High Commiffioner 
für Siidafrifa blieb, Gouverneur der beiden 
neuen Kolonien, Lranje und Transvaal, 
die ſeine Politik dem britischen Neiche einge» 
bracht bat, und er hat fich jeitdem bemüht, 
Die wirtjchaftlichen und politifchen Verhält— 
nie zu Fomolidieren. Eins jeer Mittel 
dazu war die Einführung chineftiicher Kulis. 


Dr. Hans Plehn: 


Bor kurzem ijt er von feinem Poſten zu- 

rückgetreten, die politijche Karriere des fünfzig- 

jährigen Mannes wird aber damit jchwerlid) 

abgejchlojfen jein. 
* * 

Lord Curzon, der Vizekönig von Indien, 
iſt 1859 geboren. Er iſt der Sohn Lord 
Scarsdales, der zugleich ein reicher Grund— 
herr und Geiſtlicher iſt. Der Sohn wurde 
in Eton und Oxford, den ariſtokratiſchen 
Pflanzſtätten der engliſchen Politiker erzogen. 
In Orford zeichnete er ſich ebenſo aus wie 
Milner; beide trugen mehrere akademiſche 
Preiſe davon, und beide führten ein Semeſter 
lang den Vorſitz des Oxforder Debattierklubs. 
George Curzon war, wie viele junge Leute 
ſeiner Klaſſe, für die politiſche Laufbahn 
beſtimmt. Mit 26 Jahren wurde er zweiter 
Privatſekretär Lord Salisburys, des Premier- 
miniſters. Im Jahre darauf, 1886, kam 
er ins Parlament, dem er bis 1898 an— 
gehörte. Er ſaß auf der konſervativen Seite 
und erwarb ſich bald den Ruf einer tüchtigen 
parlamentariſchen Kampfnatur. In dem 
erſten Miniſterium Lord Salisburys war 
er 1891—92 Unterſtaatsſekretär fiir Indien, 
in dem zweiten Minijterium von 1895—98 
Unterftaatsjefretär des Auswärtigen. In— 
zwijchen madjte er große Reifen. Buerjt 
bejuchte er Das vorderafiatiiche Gebiet Ruf- 
lands und veröffentlichte 1889 fein erſtes 
Bud: „Rußland in Mittelaſien“. Daraufhin 
{dite ihn die „Times“ als Spezialbericht- 
erjtatter nach Perjien und Afghaniftan. Er 
bejuchte den perjiichen und den afghanischen 
Hof, und der verftorbene Emir Abdur 
Rahman erwähnt ihn in feiner Selbitbio- 
graphie. „Er ift ein fehr Iuftiger, febr 
fleipiger, gutunterrichteter, erfahrener und 
ehrgeiziger Mann,“ fchreibt der Emir. „Er 
war witzig und voll von Humor, und wir 
fachten oft über feine amüſanten Geſchichten. 
Obwohl fein Beſuch nur ein privater und 
freundlicher war, fo bejpraden wir doch alle 
wichtigen Angelegenheiten meiner Regierung. 
Namentlid unterhielten wir uns über Die 
Ferteidigung der Nordiweitgrenze von Af- 
ghaniſtan und über meine Nachfolgerſchaft 
auf dem Throne.” Ein Bud) über „Berfien 
und Das perlische Problem“ war die Frucht 
dieſer Reiſe. Dann folgte ein drittes Bud 
über den „Fernen Oſten“. 

Äußerſt charakteriftiich ijt die Widmung 
dieſes legten Buches.  Curzon widmet 3 





Bäuerin mit Kind. Gemälde von Wilhelm Leibl. 


Drei Regenten des 


„denen, die da glauben, daß das britiſche 
Reich das größte Werkzeug der Vorjehung 
für das Gute ijt, das je die Welt gejehen 
hat, und denen, die mit dem Verfaſſer der 
Meinung find, daß fein Werk in dem 
fernen Ojten nod) nicht vollendet ijt’. Die 
Überzeugung, daß die Engländer das aus— 
erwählte Volk jeien, verbindet fic) hier mit 
den imperialiftiichen Gedanfen und Plänen. 

Curzon war erft 39 Sabre alt, als er 
1898 zum Bizefünig von Indien ernannt 
wurde. Cein Wahl madte Aufjehen; cher 
e3 wurde anerfannt, daß felten ein Vige- 
finig nad) Indien gegangen ware, der 
theoretiſch wie praftifch eine fo vortrefjliche 
Vorbereitung beſeſſen hätte. Beſonders ftolz 
auf jeine Ernennung waren die Amerikaner, 
denn jeine Gattin ift eine gefeierte amerifa- 
nijde Schönheit; fie ijt eine geborne Leiter, 
die Sdhwefter von Joſef Leiter, der im 
Sommer 1898 Durch jeine riefenhaften 
Weizentpefulationen in Chicago befannt ge— 
worden ijt. Aber der Titel einer Vizekönigin, 
den ihr ihre Landsleute zu geben pflegen, 
fommt .ihr nicht zu; fie ift einfach Lady 
Curzon, denn ihr Gatte erhielt bei feiner 
Ernennung den Titel: Lord Curzon von 
Kedlejton. 

„ Lord Curzon ging mit flaren und be- 
ftimmten politijden Bielen nah Indien. 
Sein Ehrgeiz bejchränfte fid) nicht darauf, 
der oberfte Verwaltungsbeamte des Kaifer- 
reih® zu fein, fondern eine großzügige 
vorder- und mittelafiatijche Politik zu führen. 
Borher war die engliiche Rolitif in Fndien 
ebenfo jchwanfend getwejen wie die in Süd— 
afrifa. Auf einen Vertreter der , Vorwarts- 
politif” pflegte ein Anhänger des „elose 
border system“ zu folgen, der es fic) zur 
Pfliht machte, fid) niht um die Dinge 
jenjeit3 der indischen Grenzen zu kümmern. 
Für dieſe Wuffaffung war Lord Curzon 
natürlich nicht zu haben. Der fpringende 
Punkt feiner Politik ift das Verhältnis zu 
Rupland. Yndien zu fichern, fagte er, ift 
die erfte Pflidjt Großbritanniens. Er hatte 
das Vordringen des rujfijden Einfluffes in 
Turkeſtan felbjt in feinem Bud) gejdildert ; 
jeitdem war diejer Einfluß immer weiter 
vorgejchritten bis an die Grenzen Afganiftan3 
und über die perlifche Grenze hinüber. Der 
geſchickten ruffifden Finanzpolitik gelang es, 
den neuen Shah Muzzafereddin erjt finan- 
ziell und dann kommerziell und politiich in 


VBelhagen & Kafings Monatöhefte. XIX. Jahrg. 1904/1905, II. Bo. 


britiichen Weltreichs. 457 
Abhängigkeit zu bringen. Dieſe Politik 
wurde mit Erfolg fortgejept, als England 
während des Burenfrieges die Hände gebun- 
den waren. Zugleich begann der ruffifde 
Einfluß nad) Tibet hinüberzugreifen. 

Solange der Krieg in Südafrika dauerte, 
bejaß Lord Curzon nad) außen hin feine 
Bemwegungsfreiheit. Hatte er doch einen 
Teil der indischen Truppen auf den Kriegs— 
Ihaupfa abgeben miijjen. Cr widmete fid 
inneren Reformen, Tieß einen frifden Quft- 
zug in die angloindifche Bureaufratie hincin- 
jtrimen und Hat auf vielen Gebieten der 
Verwaltung Verbefjerungen eingeführt oder 
angeregt. Zugleich aber bereitete er fein 
Syſtem der Verteidigung Indiens vor. Bur 
Bereinfahung und zur größeren Sdlag- 
fertigfeit der Verwaltung ſchuf er im Nord- 
weiten eine neue Grengproving und legte 
den Grund zu einer Neuverteilung Der 
Garnijonen, um im Rriegsfall in furzer 
Friſt eine anfehnlide Armee über die Grenze 
werfen zu finnen. Nachdem in Südafrika 
Friede gejchloffen war, erhielt er in Lord 
Kitchener einen militärischen Oberbefehlshaber, 
Der die Reform der indischen Armee jofort 
mit gewohnter Energie in Angriff nahm. 
Viele Millionen find verausgabt worden, 
unt den jebigen Verteidigungszujtand Indiens 
zu ermöglichen; die englijde Regierung in 
Indien ijt ja abjolut und Hat mit einer par- 
lamentarifden Oppofition nicht zu rechnen. 
Seit dem Friedensſchluß aber Hat Lord 
Curzon aud) nad) außen hin freie Hand be- 
fommen. Ende des Sahres 1902 unternahm 
er eine Fahrt in den Perfijden Golf, um 
dort an der Küfte das Preitige Englands 
zu erneuern. Ym vorigen Jahre fand die 
Expedition nach Tibet Statt, um den ruffi- 
{den Einfluß, foweit er fich dort feitgefeßt 
haben jollte, auszurotten. In Perjien gelang 
e3, einen günjtigen HandelSvertrag zu er- 
wirfen; man tritt der ruffischen Bolitif mit 
ihren eigenen Methoden entgegen, indem 
neue Konſulate gefchaffen und handelspoli- 
tijdje Miffionen ausgefandt werden. End- 
lid) find aud) mit dem neuen Emir von 
Afghaniſtan diplomatische Beziehungen ein- 
geleitet worden. Wie Rußland den Buren- 
frieg ausnügte, jo jest England den oft- 
afiatiichen Grieg. Bor etwa einem Jahre: 
harafterifierte Lord Curzon feine Politik 
in dem indijchen Reichsrat folgendermaßen: 
„Die europäiſchen Großmächte entwideln ſich 
30 


458 


zu aſiatiſchen Großmächten. .. Yndien wird 
durch jeine Lage mehr und mehr in den 
Bordergrund der internationalen Politik ge- 
Ihoben. Es wird mehr und mehr die ftrate- 
giiche Grenze des britischen Reiches werden.“ 

Das Amt des indijden Vizelönigs pflegt 
fünf Jahre zu dauern. Die Frift lief im 


vorigen Jahre ab, aber Lord Curzon Hat 
das Amt zum zweiten Male übernommen. 
Ein Beweis, wie hod in Downing - Street 
feine politiichen Fähigkeiten gejchäßt werden. 
Nach dem Ablauf der zweiten Amtsperiode 


U. 8. T. Tielo: Waldweg. 


wird Lord Curzon 49 Jahre alt fein, und 
bei jeinem Charakter und Temperament ijt 
nicht anzunehmen, daß er fic) alsdann zur 
Ruhe jegen wird. Lord Curzon ift fein 
englijder, fondern ein irländiicher Beer. 
Als folder gehört er nicht dem Oberhaufe 
an, fondern ijt für das Unterhaus wählbar; 
fowie Lord Palmerjtone, der Lange Jahre 
Premierminister und Führer des Unterhaufes 
war, ein irischer Peer gewejen ijt. Und 
aud) in Lord Curzon fehen manche einen 
fünftigen Bremierminifter. 





Waldweg. 


A. K. T. Cielo. 


Sreund, hier ijt’s, wo wir mit jungen, 
Srohen Süßen längs der Saat 







Einjt durd) Moos und Laub gefprungen, 
Hier erglänzt der grüne Pfad. 


Und mit Dijtelköpfen warfen 
Wir uns dort — — der Silberlaut 
Don der Grillen feinen Harfen 
Klingt nod) im erwärmten Kraut. 


Und beglücte Kinder ſaugen 
Wie einft wir den herben Haud 
Hoher Tannen — Pfauenaugen 
Blinken nod) am Brombeerftraud). 


Und nod fteht wie in Gedanken 
In der Lichtung Dammerflor, 
Unfer Reh — es hebt den jchlanken, 
Braungeäugten Kopf empor. 


Sieh, und an des Rehes Rüden 
Eine Lichtgejtalt fid) Iehnt: 

Unfer Marden voll Entzüden 
Die verträumten Glieder dehnt. 


Ta, das Marden ijt’s! Wir dämmen 


Wort und Schritt: 


©, fliehe nicht! — 


Tiefes Blau aus Waldnadt - Stämmen 
Rändert jelig fein Geſicht ... 





Neues pom Bũchertiſch. 


Jon 


Carl Bulle. 


(Abdrud verboten.) 


Wilhelm von Polenz, Glückliche Menschen (Berlin 1905, 3. Fontane & Lo.). — Ottomar 
Enking, Patriarh Mahnke (Dresden 1905, Carl Reissner). — Rudolf Herzog, Das Lebenslied 
(Stuttgart 1905, J. 6. Eotta). — Bermann Anders Krüger, Gottfried Kämpfer (Hamburg, 


Alfred Janssen). — Fritz von Ostini, 


H® Wilhelm von Polenz im November 1903 
pliglid) dahinging, fonnte man mit einiger 
Überraſchung erleben, wie ftart fein Tod allgemein 
wirfte und empfunden ward. Denn um den 
Lebenden war c3 eigentlid) immer ziemlich ftill 
gewejen. Man hatte mit großer Hochachtung von 
ihm geiprochen, Doch ohne jede helle Begeifterung. 
Erit jeit jeinem frühen Hinjcheiden wird er mehr 
und mehr in den Vordergrund gerüdt und in 
überrajchend zahlreichen Aufiägen oder gar Büchern 
als derjenige Erzähler gefeiert, Der Den deutichen 
Roman wieder zu einem Gipfelpunft hatte führen 
fünnen. Und jein bedeutendites Werf, den 
„Büttnerbauer“, hat fein Geringerer als Zoljtoi 
ein „wahrhaft künſtleriſches Meiſterſtück“ genannt, 
und Theodor Fontane ſoll es neben, ja über 
Freytags „Soll und Haben“ geſtellt haben. Dem 
gegenüber blieb es auffällig, daß das Publikum 
ſich verhältnismäßig kühl verhielt. Aber man 
braucht den Dichter vielleicht nur näher zu cha- 
rafterijieren, um die Gründe dafür zu finden. 
Wilhelm von Poleng war durchaus fein ge- 
borener Künftler. Er gehörte zu den jchweren, 
zähen, norddeutihen Bauernnaturen, die langjam 
in Gang fommen, die jehr jpät reifen, die durch 
viele Saudwege miifjen, um den rechten Pfad zu 
jinden. Er jelbit hat es danfbar gepriejen, daß 
er fo jpät und langiam fertig ward. Er hat fick 
überall umgetan, iff taljchen Propheten gefolgt, 
ift Hier und dort in die Srre gegangen, bis er 
ſchließlich fic) jelbft fand, das Bäuriiche in fich, 
das Heimatliche. Wir haben genau die gleiche 
CEntwidlung bei Karl Jmmermann, der in unjerer 
Literatur fein ndchfter Verwandter ijt. Ihr ſpä— 
tes Reifwerden als bejonderen Borzug zu preijen, 
wie e3 oft geichah, ijt töricht. Gerade dies be- 
weift, wie wenig geborene Poeten fie maren. 
Man fann aus der Gejchidjte unjerer Dichtung 
faft ala Gejeg ableiten, daß beinah jämtliche Dich- 
ter mit dem erften Wurf jchon fich verraten: der 
Lowe braucht noch nicht ausgewachſen gu fein, 
aber die Löwenklauen und die Yöwennatur fpürt 
man. Was die geborenen Roeten inftinftiv er- 
fühlen, den Weg nämlich, den fie zu gehen haben 
und den fie aus dem Drang ihrer Natur heraus 
beichreiten, haben ſich Polenz jowoh! wie Jmmer- 
mann erft lange gejucht, haben fie fic) erarbeitet. 
Schon daraus fann man auf einen Mangel an 


Arme Seelen (Stuttgart 1905, Ad. Bonz & Go.). 


infttnftivem Gefühl, an Urjprünglichkeit Schließen. 
Und bei beiden verrät er fic) auch deutlid) in 
den Werfen. Es ift etwas Nüchternes, mand)- 
mal direkt Kahles darın. Das Weiche, Weibliche, 
Das dazutreten muß, das erft die Fülle und Run- 
Dung jchafft, das Urichöpferiiche fehlt. Smmer- 
mann flagt oft über die „Dürre de3 Gemüts“: 
jein Verjtand ift auf Koften der Phantafie ein- 
jeitig drejliert. Polenz tft ähnlich nüchtern. Bei- 
den mangelt jeder Iyriiche Unterton. Das Herbe, 
Männliche, Harte, Edige kriegen fie glänzend 
heraus: Jinmermanns Dorfichulze, Polenz' Bütt⸗ 
nerbauer ſind die Beweiſe dafür. In dieſer Linie 
liegen ihre höchſten Leiſtungen. Aber gegenüber 
den Männern treten ihre Frauengeſtalten ſehr 
zurück. Polenz iſt in der Schilderung erſter 
Liebe, im leidenſchaftlichen Naturlaut ganz ohn— 
mächtig. Damit iſt ſchon geſagt, daß er nichts 
weniger als ein Lyriker iſt. Das ſchwache Ge— 
dichtbuch, das man aus feinem Nachlaß heraus— 
gab, hat das unnötigerweiſe noch beſtätigt. 
Immermanns Verſe ſind ebenſowenig glücklich: 
man merkt auch ihnen Reflexion und Reimnot an. 

Dieſe Naturen, deren Energie ſtärker iſt als 
ihr natürliches Talent, deren Perſönlichkeit be— 
deutender iſt als ihre Kunſt, haben auch nie ein 
rein poetiſches Ziel. Sie gehen ſtets von der 
ethiſchen Idee aus; ſie haben immer eine gewiſſe 
Tendenz; ſie ſind Kultur- und Sittenſchilderer; 
ſie halten der Zeit einen Spiegel vor und gehen 
ihren großen Fragen mit dem ganzen Ernſt, der 
ſie auszeichnet, zu Leibe. Die religiöſen und 
ſozialen Kämpfe ihrer Tage haben ſowohl Immer— 
mann wie Polenz darzuſtellen verſucht. Beiden 
iſt charakteriſtiſcherweiſe vor allem ein bäu— 
riſches Kultur- und Sittenbild gelungen, denn 
beide treffen ſich auch darin, daß ſie nach langem 
Irren den ſtarken tonfervativen Zug in fid ent. 
decken — jenen volfsfonjervativen Zug, der fic 
wohl mit reformatorijchen Beftrebungen verträgt. 
Denn das reformatorijde Streben ift beiden 
duperft wichtig. Immermann, der nicht Ar und 
Halm bejag, reformierte das Theater, obwohl er 
jelber nur gerade jo viel Dramatiker war wie 
Polenz; Diejen führten ſoziale Tendenzen ins 
Land der Zukunft, nach Amerika, denn als Cohn 
einer ſpäteren Zeit wußte er wohl, daß thm das 
blope Immermannſche Wettern gegen die Ma— 

30* 


460 


fdjinen und für den Pflug nichts helfen konnte. 
Wang nationale Perfönlichkeiten, echte Naturen 
voller Ehrlichkeit und Strenge, ftehen fie beide 
da: nidjt eigentlid) auf das Tichteriiche geftellt, 
jondern es gleidjjam nur als Ausdrudsform be- 
nugend. Und ein tragijcer Zufall wollte es, daß 
der Tod fie beide im blühendften Mannesalter 
dahinraffte. 

Aus dem Nachlaß von Wilhelm von Polenz 
ift nun ein Roman , Glidlide Menſchen“ 
veröffentliht worden (Berlin 1905, F. Fontane 
& Co.), an dem der Dichter nod) wenige Monate 
vor feinem Tode gearbeitet hat. Cine Heine 
Notiz, die wehmütig jtimmen fann, bejagt, daß 
er mitten im Werke die endgültige Ausführung 
abbredjen mußte. Die geplante Weiterentiwicd- 
lung und der Abichluß find nach dem „jorgfältig 
ſtizzierten Entwurfe“ wiedergegeben. Co hat 
man ein giemlid) genaues Bild deſſen, was der 
Erzähler wollte. Und wenn man dad Bid) ge— 
Tejen hat, wird man fic) der Erkenntnis, daß Po— 
lenz feine Höhe hinter jich hatte, nicht entziehen 
föünnen. Man hat ja vor jeinem Grabe ebenjo 
wie vor dem Immermanns Die Frage aufge» 
worfen, wie viel er mit fic) genommen und um 
wieviel uns Zurückbleibende der Tod betrogen 
Hat. Aber felbjt feine wärmſten Verehrer gaben 
zu, daß die legten Werke des Dichters gegenüber 
dem „Biüttnerbauer” und allenfall3 dem „Graben— 
häger“ einen merhvürdig ftarfen Abfall bedeute» 
ten. Auch dieſe auffallende Ungleichmäßigkeit 
des Schaffens iſt das charakteriſtiſche Merkmal 
ſolcher Naturen. Sie ſtürzen ſofort matt und 
ſchwunglos zur Erde, wenn die Idee ſie nicht 
mehr trägt oder ſie in ihr beirrt werden, wäh— 
rend das natürliche Talent die urſprünglichen 
Poeten ſelbſt dann noch wenigſtens in der 
Schwebe erhält. 

Schwunglos ſind auch die „Glücklichen Men— 
ſchen“. Der Roman iſt — wie das bei Polenz 
ſtets der Fall war — ſehr breit angelegt. Er 
iſt, und auch darin gleicht er ſeinen Vorgängern, 
ſehr ſachlich und nüchtern geſchrieben, in einem 
klaren, ehrlichen Stil, der gar keine Mätzchen 
kennt, doch auch keine künſtleriſchen Feinheiten. 
Man braucht ſich nur die Bilder und bildlichen 
Ausdrücke einmal genauer anzuſehen: es ſind die 
alten bekannten, die jeden Durchſchnittsroman 
auch ſchmücken. Da wirken ein paar junge Mäd— 
chen „unter anderen modiſcheren Damen wie Feld— 
blumen, die ſich in die Blütenpracht eines Ge— 
wãchs hauſes verirrt haben“; da wird die Heldin 
„von ihrem langen, vollen Haar wie von einem 
dunklen Mantel bekleidet“. Da wirft der Früh— 
ling den altbewährten „lichten Brautſchleier“ über 
die ganze Welt, und was dergleichen Reminis— 
zenzen mehr ſind! Ich wette, wenn man Polenz 
dergleichen vorgeworfen hätte, er hätte es nicht 
verſtanden. Denn das waren ihm alles Neben— 
ſächlichkeiten, und er hätte auf die Idee des 
Buches und die Charaktere verwieſen. Mit Recht: 
denn beides iſt für den Wert des Romans wich— 
tiger. Mit Unrecht: denn in einem lebendigen 
Kunſtwerk iſt nichts nebenſächlich, und da ſich in 
dem „Stil“ eines Buches die Perſönlichkeit deut— 
lich offenbart, ſo laſſen ſich aus der Benutzung 
alter Cliſchées Rückſchlüſſe ziehen, die and) von 


Carl Bujje: 


mandjen gedanflidjen  Trivialititen beſtätigt 
werden. 

Im Mittelpunkt der „Glüdlichen Menjchen” 
fteht ein Held, der ein zweiter Poleng tft: nad) 
Irrungen und Wirrungen fit er fonjervativ und 
gefeſtigt auf dem Gut feiner Vater, ein tüchtiger, 
firebender Menſch. Um ihn herum in breiter 
Entfaltung der Adel des Kreiſes, darunter ein 
feines und intereflantes Geſchöpf, Anne - Marie 
von Pleſſow, das er endlich heiratet. E3 dauert 
— wie man aus dem Entwurf jieht — lange, 
ehe die beiden den tieferen Ginn der Ehe ver- 
ftehen, ehe fie begreifen lernen, daß e3 „fein voll- 
fommenes Aufgehen zweier Menichen ineinander“ 
gibt, fondern nur ein Anziehen, Abſtoßen, Wieder- 
finden. Da die wichtiaften Partien, bejonders 
die Entwidlung des interejlanten Frauencharaf- 
ters, nicht ausgeführt find, Täßt fich über die 
Charaftere ſchwer reden. Sb gerade Polenz, der 
Die Männer ftet3 gliidlicher herausgebracht hat, 
die Anne-Marie von Pleſſow bis zum Schluſſe 
lebendig in der Hand behalten hätte, wäre eine 
zweite rage. Cine rage, die nun für immer 
ohne Antwort bleibt. — 

Seinem innerften Wejen nad) fonfervativ- 
bodenjtändig ift aud) der Schleswig-Holſteiner 
Dttomar Enfing, der fic) vor einiger Beit 
mit jeiner „zamilie B. C. Behm” den Kranz 
holte. Der Erfolg de3 prächtigen Buches hat den 
Erzähler dazu verführt, auf demjelben Ader, der 
jo gute Frucht getragen, gleid) nod) einmal zu 
ernten. Aber eS ift eine alte Erfahrung, dat; 
fold) eine zweite Ernte hinter der erften immer 
zurücbleibt und nit viel mehr als eine Nac)- 
Iefe darſtellt. 

Enfing hat den beiden Romanen nachträglicd) 
den Obertitel „Leute von Koggenſtedt“ gegeben. 
Auf den erjten Teil „Tamilie P. C. Behm“ 
folgt der zweite „Batriarh Mahnke“ (Dres 
den 1905, Carl Reisner). Wichtiger wäre aud) 
hier „Familie W. E. Mahnke“ gewefer. Man 
wird dadurch, ob man will oder nicht, zu einem 
Vergleiche herausgefordert, der für den zweiten 
Teil nicht günftig ausfällt. Die Turmuhr von 
St. Anſchar ſchlägt wieder, nur hört man fie 
diesmal nicht im Kramladden von P. C. Behm, 
fondern im Nolonialwarengeidhajt von Woldemar 
Elias Mahnte. Die eigentliche Handlung ift aud 
hier an die Rinder des Geſchäftsinhabers geknüpft, 
aber fie fommt weit weniger in Betradt, weil 
wir dieſe Kinder nicht genügend kennen und nur 
der Vater uns interejjiert. Was fchon in der 
„gamilie P. C. Behm” Ieije auffiel, daß das 
Milieu, das Nebenbei am meisten wärmte, jo 
daß die eigentliche Heldin in ftcter Gefahr jchwebte, 
von anderen überſtrahlt zu werden, iſt hier ge— 
ſteigert der Fall. Denn diejenigen, die allein 
handeln, die vor uns ihr Schickſal erleben, das 
ſind Charlotte und ihre Brüder. Aber alles 
Intereſſe lenkt ſich trotzdem von ihnen ab zu den 
anderen, die doch nur Zuſchauer ſind, zu ihrem 
Vater und feinen Freunden. Mus dem Stoggene 
ftedt de3 erjten Teils kennt man Dieje Freunde 
ja, wenn fie auch andere Namen trugen. 

Tas Bedenflichite ift aber, daß die „Familie 
P. C. Behm" viel herzlicher und echter ift, als 
der „Patriarch Mahnke“, daß in Diejem zweiten 


Neues vom Büchertiſch. 


Teil fid) Schon Züge von Unedjtheit zeigen. Was 
dort natürlich gewachjen war, ift hier künſtlich 
gewollt. E3 war gerade fo ſchön, dak Enfing 
das Kleinbürgertum mit fo vieler Liebe zeichnete 
— mit einer Liebe, die den Humor gebar. An 
jeinem neuen Opus fehlt ihm zwar beides auch 
nicht, aber er ift jchon viel bewußter, unterftreicht 
ftärfer, gibt fic) überlegener und kommt jo doch 
ihon der Karikatur ein wenig näher, da er die 
Linien einesteild verjchärft, anderenteil3 feinen 
Geftalten bei weitem nicht den früheren Nuancen» 
reichtum mitgibt. Man mag jede Figur mit einer 
ähnlichen de3 älteren Buches vergleichen, ~ und 
man wird niemals in Zweifel fein, welche leben- 
diger ijt. Oder man ftelle Szenen gegeneinander: 
etwa den Tod Behms und den Tod Mahnkes. 
Wie viel Schöner ijt erftere! Gar nicht zu reden 
von dem Ausflug, den Behms Tochter mit dem 
Arzte, und dem Ausflug, den Charlotte Mahnke 
mit den Kindern unternimmt. Gerade Ddiejer 
„Kinderipaziergang” hat für mein Gefühl etwas 
jüßlich Geziertes und Dutriertes. 

Nein, es ift Diesmal kein Meifterfhuß! Doch 
aber bat natürlich aud) dieſes Buch erquidliche 
Ceiten. Meier, der junge Mann im Ntolonial- 
warengeichäft, Meier mit der Freimartenfamme 
hing, Meier mit den roten Händen und dem 
treuen Herzen wird uns ein Freund, und Auguſt 
Schlegel, der die Toajte halt und von allen Haus- 
hälterinnen geheiratet gu werden fürchtet, wird 
e3 gleicherweiſe. Mod) prächtiger tft der Heine 
Dienftmrann Biel, der ,, Prehfident vun de Swiens— 
kaſſ'“, mit jeinem Anliegen, daß der Nachtwächter 
um der Ruhe feiner Schweine willen das Tuten 
unterlajfen folle. Da ftedt erlöjender Humor, 
und man fragt viel danad), ob das luſtige An- 
hängfel nidt eigentlich) überflüſſig ift! 

Mad) den beiden norddeutidy gearteten Er- 
zählern ein rheinifdjes Blut: Rudolf Herzog. 
(Einer, der fein Rublitum im Salopp nimmt, der 
den „Schwung“ heraus hat, dejjen flotte Romane 
allbeliebt find. Won jedem können gleich) ein 
paar Auflagen erjcheinen, und bei jedem unter» 
halt man fid ausgezeichnet. Da iſt helle Lebens— 
bejahung, da ſind vernünftige Anſichten, eine 
ſtetig foriſchreitende, ſſannende Handlung, „be— 
friedigende“ Schlüſſe, nette Menſchen — und 
dazu liegt über dem Ganzen immer noch jener 
literariſche Timbre, den die üblichen Unterhal— 
tungsromane nicht haben. Es iſt alſo eigentlich 
für jeden Geſchmack geſorgt. 

Rudolf Herzogs neueſte Schöpfung heißt 
„Das Lebenslied“ (Ctuttgart, %. ©. Cotta 
1905). Die vorhergehende: „Die vom Nieder— 
rhein“. Beide haben begeiſterte Bewunderer und 
Leſer gefunden; beide ſind auch nach dem gleichen 
Rezept gearbeitet. Als Hintergrund immer eine 
weſtdeutſche Stadt mit ihren charakteriſtiſchen Merk— 
malen und Sehenswürdigkeiten. Diesmal iſt es 
Frankfurt a. M.; das vorige Wal war es Düſſel— 
dorf. Düſſeldorf natürlich mit dem Rhein und 
dem Malkaſten, Frankfurt mit dem Goethehaus, 
mit Sachſenhäuſer Apfelweinkneipen, dem alt— 
frankfurter Patriziat, dem Konſervatorium und 
den herüberwinkenden Taunusbergen. In den 
Rahmen dann hineingeſtellt ein paar gemütliche 
Originale mit Lokalfärbung, weiter eine fidele 


461 
Künſtlergeſellſchaft, Maler oder Muſiker. Auch 
das Liebespaar wird ſchon präſentiert. „Sie“ 


eine geniale Sängerin. Aber mehrere hundert 
Seiten müſſen beide erſt auf Umwegen ſich läu— 
tern, ehe ſie ſich zuletzt finden. Dafür erhalten 
zum Schluſſe auch noch alle ſonſtigen Tugenden 
ihren ausgiebigen Lohn. 

Mit glänzender Technik, mit virtuoſer Ge- 
ſchicklichkeit iſt das alles gegeben. Man muß nur 
einmal zufehen, wie da die Szenen wechjeln, wie 
hier die flotte Fröhlichkeit, dort eine ernjte Note 
anflingt, rte hübjche Naturfchilderungen dazwiſchen 
eingejtreut find, befannte Lieder als Leitmotive 
benugt werden, auf Rointen, die doch wiederum 
nicht gar zu fdjarf gegeben find, hingearbeitet 
wird. Rudolf Herzog fann alles: er fann derb, 
flott, luſtig, geijtreich, fentimental, tragijch, finnig 
und weiß Gott was fein. Und alles madıt er 
ſehr hübſch. Er fchreibt gleichzeitig für die Leth- 
bibliothef und für die Literatur. Das deal, 
dem er nachjtrebt, ift eine Miſchung von Marlitt 
und Gudermann. Gein Fad): der zeitgemäß zu- 
geſtutzte Familienblattroman. Die ,,Gartenlaube” 
hat mit gutem Blid jofort fein Wejentliches er- 
fannt und ihn herangezogen. 

Man muß das jo jcharf hervorheben, um 
feine Verwirrung auffommen zu lafjen. Denn 
nicht nur ein großer Teil des Publifums, fondern 
aud) der Kritik will in Herzog einen bedeutenden 
modernen Nomandidhter jehen. Und dem mödjte 
id) mit aller Bejtimmtheit entgegentreten. Das 
„Moderne“ an ihm ift äußerlich. Er ift im 
Grunde der begabte Epigone. Eine leichte, frohe, 
rheintide Natur ohne jede originelle Note. Wo. 
hin man blidt, glänzende, fchillernde Oberfläche. 
Mein Charafter, der nicht ein paar individuelle 
Züge hätte, feine Szene, die fic) nicht durch ir- 
gend eine Wendung über das durchjchnittliche 
Niveau erhöbe, feine Naturjchilderung, die nicht 
hier und da durch eine eigentümliche Nuance er- 
freute. Dies alles in Ehren — aber wo, frage 
ic), ift ein einziger Charafter, der tiefer gefaßt 
wäre und wie ein Baum aus dem Boden wüchſe, 
wo cine einzige Szene, Die bid zum Grunde die 
Etimmung ausichöpfte, wo eine einzige Schilde- 
rung, die den Schöpfer verricte und nicht nur den 
begabten und gejchmadvollen Menſchen? Danadı 
jucht man vergebend. Und deshalb meine ich, 
daß Rudolf Herzog für die Literatur nicht in 
Betradt kommt. Er ift fajt ohne Zwijchenftation 
bei der Routine angelangt, und man vergißt bei 
jeinen Büchern genau fo wenig, daß man eben 
„Romane“ vor jih hat, wie man vor gewifjen 
Echaujptelen vergift, daß uns darineben , Theater” 
borgemadt wird. 

In vielen Heinen Zügen prägt fid) Diejes 
„Romanhafte“ oder meinetwegen auch Theater— 
mäßige aus. Da ſitzt jemand am Klavier und 
ſpricht vor ſich hin: „Helga Nuntius“. Und 
plötzlich: „War ihm ein Zauberwort über die 
Lippen getreten? Die Tür tat ſich auf, und auf 
der Schwelle ſtand die Gerufene.“ Oder man 
ſehe ſich einmal an, wie Richard Marſchall Helga 
nad) Hauſe bringt (Seite 252), wie Helga die 
Wohnung ihres Gatten verläßt (Seite 290 f.) — 
alles Theater, Theater! Mit der flotten Fixig— 
keit, die keine Hexerei iſt, wird ein orthodoxer 


462 


Paſtor im Handumdrehen befehrt, wird jede Schwie— 
rigfeit flott genommen, und unter dem Hip hip 
hurra des dankbaren Publitums geht der glüd- 
lihe Steeple chaje- Reiter Rudolf Herzog als 
Sieger durchs Ziel. 

Manchmal, weniger im einzelnen, al3 in 
Ton und Art des Ganzen, erinnert er auch an 
Adolf Wilbrandt. Wud) er hat den „Schwung 
der fliegenden Kravatte“, die Wusrufungsgcidjen, 
den Clan, und aud) er redet ein wenig zu viel. 

Dies ungefähr wäre vom ftreng literarischen 
Standpunft über Rudolf Herzog und fein „Lebens— 
lied” zu jagen. Gang anders fällt das Urteil natitr- 
lic) aus, wenn man den Maßſtab nicht der „hohen“, 
sondern der Unterhaltungsliteratur entlehnt. Dann 
wird man des Buches froh werden können. Denn 
e3 beweijt von neuem das ftarfe, natürlide Fa— 
buliertalent jeines Verfaſſers, e3 überragt durch 
die Flottheit der Darftellung den Durchſchnitt 
des Gebotenen, es zeugt von gejunder Lebens- 
auffaffung, und es fünnte jogar, da es durch jeine 
Unterhaltungseigenfchaften in Kreije dringt, die 
für Die eigentliche Höhere Literatur fein Verjtänd- 
nis bejigen, vermittelnd und bodenbereitend wir- 
fen. Man wird einem folchen Talente woh! fagen 
müjjen, wo feine Stelle ijt, aber man wird es 
an Diefer Stelle gewiß hochſchätzen. Wir 
haben doch wahrhaftig unter der Unzahl von 
Erzählern wenig genug, deren Bücher man ohne 
Bedenten jenen breiten Volksſchichten empfehlen 
fann, die vor allem Unterhaltung fuchen und 
denen etwa Kellerſche Novellen zu langweilig find. 
Nirgends kann die Kluft zwiſchen Literatur» und 
Publifumsiwer’ größer fein als bet uns: nur 
ungeheuer jelten fällt beides einmal gujantmen. 
Ta ijt Rudolf Herzog einer der Vermittler... 

Sehaltreicher als die bisher genannten Werke 
ift der , Herrnbhutijde Bubenroman” Gottfried 
Kämpfer“ von Hermann Anders Krüger 
(Hamburg, Alfred Ganfjen). Er trägt die hübjche 
Zueignung: „Zen deutfden Jungen und ihren 
Edyulmeijtern gewidmet von einem, der beides 
war”, und wenn auch die deutjchen Jungen ſich 
für die Lektüre bedanken dürften, den DdDeutichen 
Schulmeiſtern und den Eltern wüßt ich wirklich 
nichts Beſſeres zu empfehlen, als dieſes Buch. 
Warm gemacht und bezwungen legt man es aus 
der Hand. 

Wie Otto Ernſt in dem kürzlich hier ange— 
zeigten „Aasmus Semper“, behandelt Hermann 
Anders Krüger in „Gottfried Kämpfer“ — der 
Name tft deutjam — die Entwicdlungsgeichichte 
eines Knaben. Beides find biographiihe Ro— 
mane, ähnlich im Thema, grumdverichieden in 
ihrer Art. Otto Ernit plaubert, Kriiger erzählt, 
Otto Ernjt läßt gleichjam farbige Erinnerungs— 
bilder vorüberhujchen, Krüger geht jchwerfälliger 
vor, mit breiter Grümdlichfeit. Den „Asmus 
Semper” Tieft man ebenjo leicht und fchnell, wie 
at „Gottfried Kämpfer” Schwer und langjam. 

Ra, th kann mir wohl denfen, daß viele diefen 
Buberroman ſchon nach den erſten Kapiteln aus 
der Hand legen, weil ſie das Marſchtempo gar 
zu bedächtig dünkt. 

Dieſer „Gottfried Kämpfer“ it ein ganz 
deutſches Buch — deutſch auch in ſeinen Män— 
geln. Es herrſcht ja in der ganzen Welt eine 


Carl Buſſe: Neues vom Büchertiſch. 


Stimme darüber, daß die Langeweile der deut— 
ſchen Romane immer im Verhältnis zu ihrem 
Werte ſtehe, ſo zwar, daß der beſte auch der 
langweiligſte ſei. Und daß in dieſer Anſicht nicht 
nur ein Körnchen, ſondern ein gehöriges Korn 
Wahrheit ſteckt, wird jeder, der ſich von äſthetiſcher 
Heuchelei frei weiß, beſtätigen. Georg Brandes 
hat unſeren Erzählern oft den Vorwurf gemacht, 
daß ſie ihre Romane ſtets viel zu breit anlegen, 
anders ausgedrückt, daß der dichteriſche Reichtum 
nicht von der ſtrengen Künſtlerhand genügend 
gebändigt wird. Allerdings tritt darin eben eine 
ſpezifiſch nationale Eigentümlichkeit zutage: die 
ſprichwörtliche deutſche Gründlichkeit. Wie gründ— 
lich auch Hermann Anders Krüger zu Werke geht, 
lehrt ein Blick in ſein Buch: er braucht über 
500 enggedruckte Seiten dazu, um ſeinen Helden, 
deſſen Biographie vorläufig damit abſchließt, bis 
zum Abiturienteneramen zu führen. Und wenn 
ich im Geijte nocd) einmal alles überjchlage und 
hin und her blättre, jo meine ic), daß es Flug 
und fegensreid) wäre, wenn and) diejer Wald 
mit liebevoller Gorgfalt durchforftet und gelichtet 
würde. Vielleicht ein Fünftel könnte fortfallen, 
ohne daß der Charakter des Buches zerftört würde. 
Es gibt bejonders viele landichaftliche und andere 
Schilderungen, die eine Kürzung oder gar Wus- 
ichaltung vertrügen, und nad alter Erfahrung 
ift jedes Streichen, das nicht jchadet, ein künſt— 
lerijcher Nugen. Gerade von diejem Buche fage 
ich das, weil es dadurd) den Weg viel leichter 
auch zu denjenigen fände, die fid) jeiner breiten 
Umſtändlichkeit jept verichließen und denen da— 
durh ein großer und nachhaltiger Eindrud ver- 
loren geht. 

Ein großer und nachhaltiger Eindrud —! 
Nicht in erfter Linie ein didjterifcher, ſondern 
ein Starker moralijder, wie er fic) aus guten 
Biographien ergibt. Jedes mit folder Ehrlich⸗ 
feit eingefangene Stüd Menſchenleben Hat dieſe 
zwingende Straft. „Gottfried Kämpfer”, der 
Borfteherjohn aus Herrenfeld, hat fie aud. Man 
fühlt, das ift feine Romanfigur. Man fühlt, 
das ift ein Belenntnis, ein Sid)» Rechenjchaft- 
Ablegen über fich jelbft. Man fühlt die Not- 
wendigtcit des Werkes. Unwillkürlich vergleicht 
man tie eigene Knabens und Schulzeit mit der 
Wottfrieds, und obwohl dieſes herrnhutijde 
Gemeindefind in einem ung ganz fremden Rahmen 
ftcht, ift jeine Art und Entiwidlung doch typiſch 
für die des richtigen Ddeutjchen Buben. Ge» 
rade deshalb, glaube ich, fann jeder aus dieſem 
Buche fo viel Gewinn ziehen, voran Eltern und 
Lehrer. Was fid) an pädagogiichen Lehren da 
zwanglos ergibt, ſcheint mir vortrefflich, und mit 
dem in ſeinem Gerechtigfeitsgefühl getroffenen 
Gottfried leiden wir jelber in der Erinnerung 
mit, da gerade Darin ein von Natur gutgeartetes 
Kind ant jchwerjten verlegt werden kann und 
jedes mehr oder minder einmal jo getroffen ward. 

Ait durch dieſes Typische der Geſtalt oder noch 
mehr der Entwidlung unjer Interejje Schon gebun— 
den, fo wird es auf Der anderen Seite noch gefteigert 
durch den Cinblicf, den wir in die Bräuche, Eine 
richtungen und Unterrichtsanftalten der Herrne 
huter tun. Wer fich einmal durd) Bingendorf3s 
UND jeiner Genoſſen geistliche Lteder und Sdhriften 


orig Erdner: Letzte Lebensfunfe. 


hat Hindurcharbeiten müſſen, wie ich es leider 
tun mußte, hat eine gewiſſe inſtinttive Abneigung 
gegen die „Erweckten“, und da die Herrnhuter 
auch ſonſt vielfach in einem ganz falſchen pietiſti— 
ſchen Geruch ſtehen, ſo iſt es ein doppeltes Ver— 
dienſt Krügers, die irrtümlichen Vorſtellungen 
reftifiziert zu haben. Wenn das Bild, das er 
von den Schulen entwirft, echt ijt und nicht viel- 
leicht etwas zu jehr von der Erinnerung verflärt, 
jo find unjere üblichen Gymnajien dagegen aller- 
dings die gräßlichiten Schablonierungsanftalten. 

Mehr, als e3 fonft meine Art wt, hab’ id) 
bisher von dem Inhalt, dem Schalt des Romans 
qejprodjen. Ich habe den vorwiegend perjönlich- 
jittlidjen Eindrud betont, den er hinterläßt. Ich 
hätte nun noch über das eigentlidy Dichterijche 
zu reden. Da darf man dem Buche wohl das 
qute Lob geben, dab Suhalt und Form fic) einen 
und deden. Dieſer bivgraphiihe Roman ijt 
jachlidh) und nüchtern, Dod) mit großer Wärme 
geihrieben, eine ehrliche, tüchtige, mit allem 
Können der Berjönlichkeit geleiftete, unendlich 
jolide und gediegene Arbeit. Er ijt nicht das 
Werf von Monaten, joudern das Werk von Jah— 
ren. Ein Werf der Vertiefung, bas auch wieder 
Bertiefung fordert. Hermann Anders Sriiger 
hat in jeiner Art gar nichts Glangendes. Er 
hat auch feine Spestalitat. Er erreicht auch im 
eigentlich Tichterischen nirgends einen bejonderen 
Wipfel: der eine würde die Charaktere, der an- 
dere die Naturjchilderungen, der dritte die Stim- 
mungen, der vierte dies und der fünfte jenes ohne 
Trage glangender Herausgeholt haben. Um nur 
eins aufzugreifen: twas hätte ein anders ange- 
legter Boet allein aus der Sterbeizene des fiid- 
deutichen Pajftorenjohnes gemacht! Das hätte 
erichütternd und groß werden müjjen! Bei Krüger 
bleibt e3 in der Tonlage des Ganzen. Er über- 
ichreitet niemals eine gewijfe Höhe. Tas macht 
das Buch wiederum fehr einheitlich und gleich- 
mäßig. Und es widerjpricht dem nicht, daß es 
fit) dod nad dem breiten Anfang langſam 
jtetgert. 

Noch einmal zufammengefaßt: ein gutes und 
tüchtiges, grundehrliches und ganz deutiches Buch, 
aug dem man viel mitnimmt. Sch geftehe, dab 
id) es für möglich halte, daß Hermann Anders 
Krüger damit überhaupt fein Bejtes gegeben hat. 


463 


Wenn man das, was ich über ihn gejagt habe, 
mit den Worten vergleicht, die ich oben über 
Polenz ſprach, jo wird man eine gewilje Ver— 
wandtichaft heraugertennen. Wid) Krüger jcheint 
Reidenichaft zu fehlen, der Iyrijche Naturlaut, Das 
würde fich offenbaren, ſowie er jeinen „Gottfried 
Stampfer” weiterführte. Ich hatte beim Lejen 
manchmal das Gefühl, als wäre diejer herrn- 
hutiihe Bubenroman nicht ein, fondern das 
Bucy des Dichters und ſtärker alg der Dichter 
jelbft. Jedenfalls ein Buch, vor dem man freit- 
dig falutieren muß und vor dem man doppelt 
empfindet, wie nichtig Dagegen eigentlich die mehr 
oder minder quten , Romane” a la Rudolf Here 
3098 „Lebenslied“ find. 

Für Diejenigen, die leichtere Leftiire lieben, 
jet nod) ein neucs Werfchen von Fritz von 
Oftint genannt, dem wohlbefannten „Bieder- 
meier mit ei“: dreißig Geſchichten und Echnurren, 
Die nad) der eriten den Gejamttitel „Arme 
Seelen” tragen (Stuttgart 1905, u. Bonz 
& Co.) Es find Kinder der Stunde, die da 
gejammelt find, Feuilletons, von einem geift- 
reihen und weltgewandten Manne gejchrieben, 
dem die tragiiche Mtiene nicht jo wohl anfteht 
wie Die heitere. Befonders Diejenigen fleinen 
Skizzen, die jatirisch gefärbt find, feſſeln und er- 
freuen, und man fpiirt mit Vergnügen das feine 
Cala auf der Bunge. Brot des Lebens ift das 
natürlich nicht und joll es nicht jein, aber gerade, 
während ich dieſes Büchlein las, fiel mir ein 
Wort von Theodor Fontane ein, der fic) Moritz 
Neder gegenüber einmal über die Wiener Yeuille- 
toniften auslieg. Er hat dieje Leute jehr geichägt 
und hat fic) jelbft gefragt, ob folch ein geift- 
reiches Feuilleton, das einen Tag lang das Publi- 
fum entzüde, nicht mehr wert jei, alg ein „Co- 
Tumbus", der allenfalls vor einem gähnend leeren 
Haufe dreimal aufgeführt würde. Er hat die 
aufgeworjene Frage mit ja beantwortet. Und 
hat hinzugefügt, daß von den Werfen, die jähr- 
lid) der „großen“ Literatur dienen wollen, eigent- 
lid) 9°/,00 „Columbus“ jeien. 

Er war ein großer Steptifer, dieſer Theodor 
Fontane, und er hing aud) den Mantel gar zu 
jehr nad) dem Wind — der Brief ging eben 
aud) an einen Wiener —, aber hat er wirklich 
ganz unrecht? 


Letzte Lebenskunst. 


Wir Stolzen, die am Leben leiden, 

Der armen Kunft uns tief bewußt: 
Galt’ es vom Leben heut’ zu jcheiden, 

Wir preßten’s heiß an unfre Brujt. 
Mit all dem unerfüllten Hoffen, 

Mit Sdhuld und Qual: Es ijt uns wert! 
Und wo’s am hart’ften uns getroffen, 

Da hat’s am reidjten uns bejchert. 
Ihm dankend warm die Hand zu drücken 

Sür all das Weh, für all den Scein, 
Und jtraff zu wenden dann den Riicken, 

Laßt unfrer Künjte legte fein! 


Sri Erdner. 


Ylluitrierte 


Rundichau. 


Lonstantin Meunier 7. — Neuerwerbungen der Berliner Nationalgalerie. — Möbelausstellung bei 
A. $. Ball-Berlin. — Zwei neue Münchener Kaufhauser. — Aus der Sammlung des Herrn Dr. v. 
Pannwitz-München. — Zu unseren Bildern. 


Faſt vierundſiebzig Jahre alt — er wurde am 
12. April 1831 in der Brüſſeler Vorſtadt 
Etterbeck geboren — iſt Conſtantin Meunier, der 
rößte belgiſche und einer der größten aller Bild— 
** der Gegenwart, am 4. April d. J. in ſeiner 
Heimatjtadt gejtorben. Wir haben zwar jchon 
vor Jahren, im 17. Jahrgang, Band I, eine aus- 
führlihe Würdigung des Lebenswerkes Meuniers 
aus der Feder von Dr. Walther Genjel gebracht, 
die noch einmal nachzulejen wir jchon wegen der 
dem Artikel beigegebenen reichen Illuſtration 
unferen älteren Xejern nahelegen möchten; die 
Bedeutung des Meijters für die gejamte Plaftif 
unjerer Beit, ja für die Kunft überhaupt ift aber 
jo groß, daß wir an Diejer Stelle jeiner doch 
nod einmal gedenfen müſſen. Denn es ift 
nicht damit getan, daß man fic mit Meunier 
abfindet, indem man ihn, wie dies vielfach ge- 
jcieht, einfach Fatalogifiert, indem man ihn zu 
dem großen Franzojen Millet heranrüdt und 
jagt: wie Millet den jchwerarbeitenden franzöji- 
ihen Bauern in das Stoffgebiet der Malerei 
aufnahm, jo Meunier den belgischen Yndujtrie- 
arbeiter in das Gebiet der Blaftif. 
dentung liegt vielmehr aud) darin, daß er der 
Bildhauerfunft überhaupt neue Wege gemiejen 
hat. Bor ihm fam die plaftiiche Darftellung 
eines Menjchen in der Kleidung unjerer Tage 





Seine Bes. 


— id) möchte den Ausdrud „modern“ vermeiden, 
weil er gu Mißverjtändnifjen führen könnte — 
im beiten Fall auf eine Art von Kompromiß 
hinaus; das Bildwerf gab entweder die menſch— 
liche Geftalt entfleidet in ihrer natürlichen Schön- 
heit wieder, oder im Faltenwurf antifer Gewan- 
dung, oder aber es fämpfte in einem jchweren 
Ringen mit der Ungunft unjerer jepigen Klei— 
dung — um e8 ganz brutal auszudrüden: der 
Bildhauer wußte fic) felten oder nie mit der Hofe 
und dem Rod abzufinden. Meunier hat erft 
gezeigt, daß jene Ungunjt doch nur eine jchein- 
bare ijt. Seine fcblichten Arbeitergejtalten be- 
weifen, daß aud) Roc, Hemd und Hoje durchaus 
danfbare Vorwürfe bieten, wenn der Bildner fie 
nur zu behandeln weiß. Vielleicht gelang dies 
Meunier, weil ihn jein Weg über die Malerei 
zur Plaſtik führte. Er hat zwar als Bildhauer 
begonnen, alg Schüler von Fraifin, des einft 
vielbewunderten Schöpfer® des Denfmals von 
Egmont und Horn in Briiffel, aber er wurde 
bald zur Malerei hinübergezogen, und er wurde 
fünfzig Jahre alt, ehe er wieder von diejer los— 
fam und in der Bildhauerfunft fein eigentliches 
Element Har erfannte. Der Zufall führte ihn 
damals nad) der Borinage, dem belgijchen Berg- 
werfs- und Hiüttendiftrift. Die Grubenarbeiter 
und Hammerjchmiede, die Puddler und Laftträger 





Conftantin Meunier in feinem AUtelicr. 


Illuſtrierte Rundſchau. 


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X ~*~ 
3 4 


Km Garten. Gemälde von Erasmus Engert. 


in der Dutzendware, die mit jogenannten jchönen 
Menjchenformen jpielt. Cs fann gar nicht genug 
betont werden: Meunier war gewiß ein über- 
zeugter Realiſt, aber er juchte nie die Darjtellung 
des Häßlichen — im Gegenteil! E3 fag ihm auch 


manngleben, 
Erntebild. — 


tionalgalerie 





zweite aus dem Berg- 


Die Berliner Na- 
ijt in 


aufrichtige Bewunderung 
für Die Arbeit und dieje 
Arbeiter — niemals eine 
Tendenz. Damit ftimmt 
aud), daß das mächtige 
Werf, an dem er in 
den legten Jahren jeines 
Lebens tätig war und das 
er fajt vollendet hinter- 
lafjen hat, eine großartige 
Verherrlidung der Ar- 
beit ift. Eine ganz ideal 
gedachte Gruppe, welche 
die Fruchtbarkeit in den 
®ejtalten eines Säers, ei- 
nes Erntearbeiters, einer 
Mutter mit ihrem Kinde 
an der Brujt Ddarftellt, 
frönt dies Denfmal, das 
an dem Unterbau große 
Reliefs jchmüden: das 
Löſchen einer Schiffs— 
ladung, eine Szene aus 
einer Glashütte, eine 


ein 


ganz fern, durch ſeine Schöpfungen im ſozialiſti— 
ſchen Sinne wirken, Mitleid mit den ſchwer ar— 
beitenden Klaſſen erwecken zu wollen. Ich kann 
aus ihnen nichts anderes herausleſen, als eine 


letzter Zeit beſonders 
glücklich mit ihren 
Neuerwerbungen ge— 
weſen. Sie erhielt von 








Relief an der Luitpoldſtraße des Warenhauſes Tietz. 


Bekrönungsfigur 
vom mittleren Giebel 
des Kaufhauſes Ober— 

pollinger. 


lebenden Künſtlern u. a. zwei bril- 
lante Tierbilder von Frenzel und 
— bejonders ſchön — von Binnen, 
eine jehr anjprechende Plaſtik von 
Starfundeinen impofanten Bron- 
zelömwen von Gaul, dem Berliner 
Tierbildner, der fich den Bejten 
aller Zeiten anzureihen jcheint, und 
eine Rodinjche Arbeit. Von älte- 
ren Meiltern faufte die Galerie 
die 1876 in Florenz entjtandene 
Wrablequng Bödlins, ein Werf, 
das einſt — es ijt noch gar nicht jo 


Illuſtrierte Rundſchau. 





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467 






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Kaufhaus Hermann Tich in Münden. 


fange her! — von der Münchener Ausjtellung 
zurüdgemwiejen wurde und das nun als eine 
der reifiten Schöpfungen des verjtorbenen Meifters 
angejprodjen wird. Bilder haben nod) mehr als 
Bücher „ihre Schidjale”. Sehr interefjant find 
einige andere Erwerbungen, von denen wir Ab— 
bildungen bringen fönnen. Da ift zunächit ein 
famojer Leibl „Bäuerin mit Kind“, ungemein 


| 


harakterijtiih für des Riinftlers Eigenart. Da 
ijt ferner eine Reiterjzene von Hans v. Marées 
„Wachthaltende Kürajjiere”; Marees, der Früh. 
verjtorbene, tft viel verfannt, er ijt dann wohl 
auch von gewiſſer Seite iiberjchigt worden, aber 
er bleibt ein Künftler, der jeiner Zeit voran war 
und dejjen Werfe den Kunftfreund jtets aufs neue 
feffeln. Wie fein ift auch auf diefem Bilde die 





Kaufhaus Oberpollinger in Münden. 


fi 

. 

u 
v 





Herrenzimmer. 


Landſchaft, wie prächtig find die Figuren in fie 
hineingeftellt. — Bon %. ©. Waldmiiller, dem 
längjt halbvergejjenen Wiener Genremaler und 
Landichafter (1792—1865), wurden vier Bilder 
angefauft, darunter eine prächtige Yandjchaft aus 
dem Wienerwald und ein famos-behagliches Bild- 
nis „Frau und Tochter”. Auch einem anderen 
mit Unrecht ver- 
gefjenen Wiener 
wurde die Na— 
tionalgalerie ge- 
recht: Erasmus 
Engert (geboren 
1769); ſeine 
„rau tm Gare 
ten“ erinnert ein 
wenig an den 
föftlihen Spitz— 
weg. Einjeitig- 
feit, da3 Bevor. 
zugen einer 

Richtung wird 
man Diesmal 
Herrn v. Tſchudi, 
dem Leiter der 
Nationalgalerie, 
ſicher nicht vor— 
werfen können. 

Die Möbel— 
fabrik U.S. Ball 
it Berlin W., 
Botsdameritr., 
hat dur Prof. 
Alfr. Grenander 
eine recht um— 
fangreiche, viel» 
jeitige und ins» 


Entworien von Prof. Wilfred Grenander:- Berlin. 
Ausgeführt von U. ©. Ball» Berlin. 


Bejellihaftszimmer mit Bibliothek. 
WUusgeführt von U. ©. 


Illuſtrierte Rundſchau. 


tereſſante WWus- 
ſtellung neuer 
Bimmereinrid)- 
tungen zujame 
menjtellenlajien. 
Es find teils 
Arbeiten des 
genannten Herr 
jelbjt — bejon- 
ders bemerfens- 
wert das Here 
renzimmer —, 
teil Arbeiten 
ausmwärtiger 
Deutjcher Riinjt- 
ler, unter denen 
ich Prof. Obrich⸗ 
Darmſtadt mit 
einem feinen, 
weſentlich in 
Weiß gehaltenen 
Eckzimmer und 
dem Damen— 
ſalon von Erich 
RKleinhempel- 
Dresden den 
Preis zuerfen- 
nen möchte. 
Außerdem aber 
Arbeiten nach 
Entwürfen einiger befannter Ausländer. Madin- 
tojh- Glasgow tft durch ein Eßzimmer vertreten, 
das — eine fo hohe Meinung ich jonft vor dem 
originellen Schotten habe — mir etwas ftarf 
gejucht erjcheint; Walton- London erjcheint mit 
einem Gejellihaftszimmer (und Bibliothek), das 
von einem ficheren Gefühl für Wohnlichkeit und 





Entworfen von Georg Walton- London. 
Ball» Berlin. 


— 


Sluftrierte Rundſchau. 469 


mg > oe Bae — | fiirlid) lediglich 
| nach der praftt- 
ichen Seite Hin 
fejtgelegt wurden, 
die ja naturgemap 
für ſolche Bau— 
lichkeiten auf den 
Pfeilerbau hin— 
drängt. Die Kom— 
miſſion beſtand 
vielmehr darauf, 
daß ſich die Faſ— 
ſaden in Das 
architektoniſche 
Geſamtbild der 
Umgebung hin— 
einpaſſen müßten, 
und ſie ſetzte ihren 
Willen durch. Die 
Löſung iſt in 
beiden Fällen 
außerordentlich 
glücklich. Sie 
| war leichter bet 
| dem einen Bau, 
—— Tes der fic) Dem 
Speiſezimmer. CEntworfen von Ch. Madintojh- Glasgow. f 
— Ausgeführt nt U. ©. Ball» Berlin. P Fig rong 
wo Alt-München 
Komfort ſpricht; Weftmann-Stodholm endlich mit | aljo nicht in Betracht fam; ungleich jchwieriger 
einem ganz prächtigen Früh— 
ſtückszimmer von wuchtiger Ein- 
fachheit. — 

Wenn der Wertheim » Bau, 
ben wir jüngjt an diejer Stelle 
wiirdigten, für Berlin ein Er- 
eignis geworden ijt, an dem 
man immer auf neue — wie 
man fonft auch zur Frage der 
Warenhäuser ftehen mag — jeine 
helle Freude haben fann, fo 
find e3 für München auch zwei 
neue Kaufhaus-Paläſte, Die 
neben dem viel bemwunderten, 
viel angefochtenen Rathausbau 
im Vordergrund des Intereſſes 
ftehen. Beide Bauten wurden 
von der befannten Firma Heil- 
mann & Littmann entworfen 
und ausgeführt, die in einer 
Heinen Denkſchrift ihre Abjichten 
und deren Verwirklichung jehr 
inftruftiv Schildern ; Interejjenten 
wird das reich illuftrierte Heft 
gewiß gern zur Einficht überlafjen. 

orweg bemerft, hat mich eine 
Tatjache gefreut, um die man 
München an vielen Orten be- 
neiden könnte. Es bejteht dort, 
was mir neu war, eine „Künjtler- 
fommijjion”, die bei großen 
Neubauten ein Wort mitzujpre- 
chen hat und bei diejen Bauten 
jehr energijch ihre Anjichten ver- 
treten hat. Ihr iſt es zu ver- 
danken, wenn die Faſſaden der 








— — Frühſtückszimmer. Entworfen von C. Weſtmann-Stocholm. 
beiden Rieſenhäuſer nicht will— Ausgeführt von U. ©. Ball- Berlin. 


470 Illuſtrierte Rundſchau. 





Innenraum aus dem Hauje vo. Bannwip. 


mann & Littmann in ausgezeichneter Weije Rat 
geichaffen, indem fie den Bau äußerlich dreiteilig 
gliederten und jedem Teil einen fteilen Giebel 
gaben. Sehr jdin find auch die Lichthöfe beider 
Häuſer, die bet diejen Warenhaus-Palajten jtet3 
eine bejondere Rolle fpielen, jehr hübſch die 





Gotiſches Etui in Kofferform. 
Leder mit filbernen Beichlägen, wahriceinlih zur Auf: 
nabme eines Brautgeichents beitimmt. 
Franzöſiſche Arbeit bes AV. Jahrhunderts. 


bei dem zweiten, wo es fih um ein Baumerf 
handelte, Das an Stelle des alten Hotels Ober- 
pollinger in der Neuhaujer Straße dicht am 
Ktarlstor trat, um eine Gegend, Die heute 
zwar zu den michtigiten VBerfehrszentren der 
Stadt gehört, die aber baulich noch ein alter- 
tümliches Gepräge trägt, das unter allen Um— 





= : ; ; Majolifaplatte. Caftell Durante. 
ftänden erhalten bleiben joll. Hier haben Heil- Erſte Hälfte des XVI. Jahrhunderts. Durdymeffer 30 cm. 





Der heilige Florian. : 
Gotiſche Holsitulptur. Schwaäbiſche Und weiter 
Arbeit. 



















Franzöſiſche Arbeit XVIII. Jahrh. 


Illuſtrierte Rundſchau. 471 


Treppenanla— 
gen. — 

Eine der in— 
tereſſanteſten 
deutſchen Pri— 
vatſammlun— 
gen iſt die des 
Herrn Dr. v. 
Pannwitz in 
München. Sie 
iſt vor allem 
in denkbar 

ausgeſpro⸗ 
chenſter Weiſe 

Privat— 
Sammlung. 
Iſt es einmal 
deshalb, weil 
Der WBeſitzer 
ganz nach ſei— 
nem Geſchmack 
ſammelte ohne 
Rückſicht auf 
jede Schablone 
und deshalb 
ganz unbeengt. 


XV. Jahrh. Höhe 117 cm. deshalb, weil 


er ſei— 
ne 
Schä⸗ 
Be nie 
als 
eine 
Art 
klei— 
nerer 
Mu— 
ſeum— 
ſamm— 
lung 
be⸗ 


Diana. Marmor. 





NO) — 
— aa a VA 
A see EEE 


Tapijferie- Bild. Franzöſiſche oder flandr. Urbeit. 
Beit Louis XIV. 





Borzellan-Hähne. Modelliert von Herold-Meißen. 
Höhe 20 cm. 


trachtet hat, jondern fie in vorhan- 
dene Wohnräume einfügte, gu deren 
Schmud jie beitragen jollten. Darüber 
hinaus hat ein aufßergemwöhnlicher 
Feinſinn und jenes echte Sammler- 
gefühl, das fic) nicht erlernen läßt, 
das angeboren jein muß, bei dem 
Sujammentragen der Sammlung ent» 
ſchieden dahin mitgewirkt, dad in fie faſt 
ausſchließlich ganz erlejene Einzelftüce 
aufgenommen wurden; Mlinderwer- 





Porzellanvajen mit blauem Fond. 
Meigen, Unjang des XVIII. Jahrhunderts. Höhe 33 cm. 





Illuſtrierte Rundſchau. 


Porzellan: Tänzerin Camargo. 


Nad) Lancret. 


tiges iſt in ihr überhaupt kaum vorhanden. Die 


Frankenthal. 


Höhe 23 cm. 


. r N 
ar. ER a. | 


Porzellan: Rojfjebandiger. 
Meigen. Höhe 32 cm. 


Verfügung ftellte, auf einige wenige ganz er- 


Sammlung umfaßt im wejentlichen die Kunſt leſene Stüde bejchränfen, die aber doch den 


und vor allem das Kunftgewerbe vom XV. bis 


XVII. Jahrhundert; in» 
nerhalb diejes weiten Ge- 
bietes, in über 500 Nunt- 
mern, Gegenjtände aus 
Edelmetall, Kupfer und 
Bronze, mailarbeiten, 
Holajfulpturen, Plaſtiken 
in Marmor und Elfenbein, 
Möbel, Ölgemälde, Glas 
und Glasgemälde, Tertil- 
arbeiten, Muſikinſtru— 
mente, Majolifen, Fayen— 
cen und vor allem Por— 
zellane; leßtere in geradezu 
einziger Bieljeitigfeit und 
Schönheit, bejonder3 in 
figuralen Stüden. Ein 
großer, höchſt opulenter 
Katalog — in feiner Art 
ein Meifterwerf — er- 
leihtert die Überficht 
(München, Verlag von 
Hugo Helbing). Wir 
müjjen uns leider ja aus 
räumlichen Gründen hier 
in unjeren Abbildungen, 
zu denen uns der Herr Be- 
jiger in liebenswürdigſter 
. Weije die Vorlagen zur 








Gotiſches Prunfgefähß in Silber. 


Teilweife gegofjen und zifeliert. 


Spanijche Arbeit. 


XV. Jahrhundert. 


Charakter der ganzen wundervollen Sammlung 


gut wiedergeben. — 

Auf den reichen bild- 
liden Schmud unſeres 
Heftes fann ich diesmal 
leider nur in aller Kürze 
eingehen. Ganz bejonders 
hinweijen möchte ich aber 
doc) auf die Herrliche Land- 
ſchaft von Profefjor H. von 
Bollmann- Karlsruhe und 
dann auf die famojen Ge- 
mälde und Zeichnungen 
des Dresdener Meijters 
Profeſſor Gotthard Kuehl, 
die wir farbig reprodu— 
zieren konnten. Es iſt 
eine Friſche und Anſchau— 
lichkeit, dazu eine lichte 
Farbenharmonie in dieſen 
Blättern, die immer aufs 
neue entzückt. Zumal das 
Lübecker Interieur — Lü— 
beck iſt die Heimatſtadt des 
im Jahre 1851 geborenen 
Künſtlers — und dann die 
jo eigen anheimelnde Par— 
tie aus dem Dresdener 
Schloß ſind kleine Perlen 
unſerer modernen Kunſt. 


Vachdruck verboten. Alle Rechte vorbehalten. Zuſchriften an die Redaktion von Velhagen & Klaſings Monatsheften, 
Berlin W 50. — Für die Redaktion verantwortlich: Theodor Hermann Pantenius in Berlin. — Für Öfterreich - Ungarn 


Herausgabe: Friele & Lang, Wien I. Verantwortlicher Redafteur: Carl von Vincenti, Wien III, Richardgafie 1. 
Verlag: Velhagen & Klaling in Berlin, Bielefeld, Leipzig, Wien. Trud: Fiicher & Wittig in Leipzig. 








Waldesdunkel. Ölftudie von Kans am Ende in Worpswede. 


ea Velhagen & Klalings © 


MONATSHEFTE 


Serausgeber: 


Theodor Hermann Pantenius und Hanns von Zobeltiß. 


XIX. Jahrgang 1904/1905. 


Heft 11, Juli 1905. 


UIIBCER 


Dodi. 


Roman von 
Paul Oskar Söcker. 
(Sortfegung.) 


Achtes Kapitel. 


us der Heinen Dodi war ein großer, 

ſchmächtiger Badfifch geworden. Ihre 
Glieder waren etwas lang geraten, fie machte 
eine Zeit durch, wo fie nicht wußte, wohin 
mit Armen und Beinen, wo fie fid) mand- 
mal felbft zur Laft fiel. Die Verwandten 
fanden fie ungraziös und jungenhaft in 
ihrem Ausfehn, ihrem Wefen, ganz im 
Gegenjag zum Kleinen Feliz, der mit feinen 
langen, blonden Loden und feinem weichen, 
ftubenbleichen Gefichtchen faft für ein Mäd- 
den hätte gelten finnen. Wie eine Er- 
Yöfung begrüßte ſie's, als endlich ihre halb- 
langen Rode verlängert wurden, fo daß fie 
nur nod) fubfrei ging und man nicht immerfort 
ihren Gang fritifieren fonnte. Go tempe- 
ramentvoll, fo frijd und natürlich fie auc 
jept nod) in allen Lebensäußerungen blieb, 
mit ihrer körperlichen Weiterentwidlung regte 
fich die weibliche Eitelfeit in ihr, der Schön- 
heitsſinn, auch die erfte tiefere, mädchenhafte 
Scheu oder Scham meldete fic) und gab 
ihren Bewegungen ein gewiſſes Maß, ihrer 
Haltung eine gewifje Anmut. 

Der Spiegel fagte ihr dann and, daß 
fie den Vergleich mit ihren Schulfreundinnen 
nicht zu jcheuen brauchte. Und nicht zuleßt 
war es ab und zu ein Halb veritohlener, 
lieber, freundlicher Blid der Mutter, den 
fie fid) auf ihre Weife deutete. 


(Mbdrud verboten.) 


Erſt ſchüchtern, dann beherzter Hatte 
Mia begonnen, fich dem Einfluß der Schwä- 
gerin wenigſtens infomweit zu entziehen, als 
Dodis Toilette in Betradht fam. Damit 
hatte bas abfcheuliche Raffeebraun endgültig 
ausgejpielt. Cin Feittag war es für Dodi, 
alg fie endlich einen jahrelang gehegten 
Lieblingswunſch erfüllt fah: fie befam ihr 
erjte3 Matroſenkleid. Verwöhnt ward fie 
im übrigen nit. Cin Heiner Pub wirkte 
bei ihr nur aparter al8 bei andern, weil 
eben ihr ganzes, Heine Perfönchen apart 
war. Bor allem waren e3 die großen, 
dunfelbewimperten, tiefblauen Augen — fie 
ähnelten mehr und mehr denen ihrer Mutter 
— die ihrem Gefiht das Charafteriftiiche 
gaben. 

Yn dem niidjtern-forreften Haushalt 
der Mangelsdorff3 war und blieb fie jeden- 
fall3 ein fremder Vogel. 

Dodi ließ fih — von plößlichen, Heinen 
Unfällen burſchikoſer Wildheit abgejehen — 
im ganzen leicht Ienfen. Seit jenem Abend 
in Büſum war e3 auch nie wieder zu einer 
offenbaren Unbotmäßigfeit gegen Onfel und 
Tante gefommen. Aber innigere Beziehungen 
bildeten fic) gwifden ihr und den Ver— 
wandten nicht heraus. 

Um fo zärtlider war bas Verhältnis 
bon der Tochter zur Mutter. 


BVelhagen & Mafings Monatshefte. XIX. Jahrg. 1904/1905. II. Bb. 31 


474 


Neuerdings mijchte fich ein gewiffer 
drolliger Bug darein. Denn manchmal 
hatte e3 geradezu den Anjchein, als bemut- 
terte Dodi ihre Mama. 

Auf ihre eigene Gefjundheitspflege Tegte 
Mia nad wie vor herzlich wenig Wert. 
G8 erichien ihr fo läftig, fo überflüjjig und 
wejenlos, für ihren Körper forgen zu jollen. 
Bis endlid) die Vernadhlaffigung ihr einen 
Migräncanfall eintrug, bei dem fick) ihr 
Gefidjt vor Schmerz verzerrte. Dodi nahm 
fi der Gace dann mit Hummoriftifcher 
Strenge an. Denn erinnerte man ibre 
Mama nit piinttlid) zur Stunde, jo ver- 
gap ſie's ganz einfach), ihre Medizin, ihre 
Pillen zu nehmen. Dodi quirlte die So— 
matofe in die Mild und trug fie ihr nad), 
nicht ruhend, als bis der letzte Tropfen ge- 
trunfen war, und aßen fie einmal allein, 
während Onfel und Tante ausgebeten wa- 
ren, dann gab e3 drollige, Heine Kämpfe, 


denn ihre Mama fagte immer, fie wäre ſchon 


fatt, wenn fie fid) nur zu Tiſch ſetzte. 

Mangelhafte Ernährung, Schlaflofigfeit, 
wenig Bewegung, Gleichgültigkeit gegen das 
Uupenleben machten Mia mit der Zeit über- 
zart und immer anfälligr. Was ihren 
Tag im wefentliden ausfüllte, das waren 
ein paar Spaziergänge mit Dodi, viel funft- 
volle, mühjame Handarbeiten, während ihre 
Tochter in der Schule fab, und des Abends, 
wenn Dodi im Bett lag, ernite, fchwere 
Reftiire, die fie oft noch ſpät nad) Mitter- 
nadıt beichäftigte. 

Die Blutleere ihres durchgeiftigten Ge- 
fidts in Verbindung mit der feierlichen 
ſchwarzen Kleidung — hauptjadlid aber 
der fanfte, rührend-hilflofe, ſchwermütige 
und Dabei fo gütige Wusdrud ihrer großen 
dunfelblaucn Augen — gab ihrer Erjcei- 
nung etwas Atherifches. 

Dodi mar ungemein ſtolz auf ihre 
Mama. Keine größere Freude gab es für 
fie, ald wenn Mutti fie von der Schule 
abbolte, oder wenn fie bei fonnigem Wetter 
mitjammen ihre Heine Promenade madjten. 
Ihre Mama hatte etwas fo Mädchenhaftes 
mit ihrer fchlanfen Geftalt, ihrem feinen 
Geliht, daß fie fdjon ein paarmal gefragt 
worden war, ob die junge Dame ihre ältere 
Schmeiter ware. 

Das berichtete fie ihrer Mutter dann 
mit leuchtenden Augen und fiipte fie ganz 
verlicht ab. 


Paul Osfar Höder: 


Wher fo gern fie’3 hörte, wenn man 
ihre Mama Hübih fand — fie konnte aud 
mädtig eiferfüchtig fein. 

Als fie’s im Winter vor der Konfir- 
mandenlehre bei Onkel und Tante durd- 
fepte, daß fie Schlittiduh Laufen durfte — 
ihrer Mama Hatte e8 der Doktor ebenfalls 
verordnet, fie war aber nicht dazu zu be- 
wegen — holte ihre Mutti fie öfters von 
der Eisbahn ab. 

Und da taudte nun immer häufiger 
ein Herr auf, der aud) manchmal Onfel 
und Tante bejuchen fam, der jih auf dem 
Heimweg an fie anfhloß und eine Art 
hatte, ihrer Mama Komplimente zu machen, 
die fie geradezu verdroß. 

Auch gegen fie felbft war er ja immer 
jehr freundlich, auf dem Eis fuhr er jogar 
mit ihr und bradte ihr das Holländern 
bet, — aber fie fonnte ihn trogdem nicht 
leiden. 

Onfel Alwin machte ihr Vorhaltungen, 
daß fie'3 feinem Freunde gegenüber an der 
nötigen Freundlichkeit fehlen ließe. C3 wäre 
ein Univerfitätsprofeffor, Doktor Lange hieße 
er, der eine jehr angejehene Stellung unter 
den jüngeren Gelehrten einnähme, fagte er. 
Er fuchte ihr fogar ein wenig zu jchmeicheln, 
indem er ihr zu bedenfen gab: fie würde 
doch bald eine junge Dame, im übernädjiten 
Winter follte fie Tanzitunde befommen, da 
dürfte fie fic) doch nicht mehr wie ein un» 
geſchicktes Schulmädchen benehmen. hr 
instinktiver Widerwille gegen den Fremden 
fteigerte fic) danach nur, vielleicht gerade, 
weil Onkel Alwin ihm eine jo große Wid)- 
tigkeit beimaß. 

Einmal, während ihre Mutter der Blut- 
armut wegen ihre alljährlihe Badefur im 
Fichtelgebirge gebrauchte, brachte eine Schul- 
freundin auf: gewiß würde fic) ihre Mama 
nod) einmal verbeiraten. 

Darüber war Dodi fo entfegt, daß fie 
ein paar Tage lang faum efjen fonnte. 

Um Angelegenheiten ded Gemüts küm— 
merten fid) Onfel und Tante wenig. Aber 
in geſundheitlicher Hinficht legten fie eine 
faft übergroße Angftlichfeit an den Tag. 
Beionders Tante Lisbeth unterzog fie ſogleich 
einem eingehenden Berhör. 

Allein über das, was fie beivegte, hatte 
fie feiner Menſchenſeele auch nur eine leije 
Undentung machen können. 

Seit Mtutters Abreife war Doktor Lange 


Dodt. 


nicht mehr zu Beſuch gelommen. Scheinbar 
ganz Harmloz fragte Dodi einmal beim 
UAbendejjen nad) ihm. Da hieß e3, er machte 
eine Studienreife. Vorausfichtlich würde er 
auf der Rückfahrt über Bayreuth kommen 
—- und dann vielleiht aud) ihre Mama in 
Wlerandersbad befuchen. 
Dodi wäre vor Schred beinahe die 
Gabel, die fie in der Hand hielt, entfallen. 
Lange, lange blieb fie an diefem Abend 
wach im Bett liegen. Cine vergweiflungs- 
volle Unruhe zitterte in ihr. 
* * 


Tatjadhlid glaubte man in der Vere 
wandtſchaft jchon feit einiger Zeit, Profeſſor 
Ranges Bewerbung um Maria Olfers hätte 
Ausficht. 

Brofeffor Lange war nur wenig über 
vierzig Sabre alt, paßte mithin den Jahren 
nach vortrefflid) zu Maria, die joeben dod 
auch ſchon in ihr dreiunddreißigites Lcbens- 
jahr eingetreten war. Gegen feine Perſon 
und feine Stellung — er hatte al3 Kirchen- 
hiftorifer einen guten Ruf — auch gegen 
feine Familie Tieß fic) abfolut nicht3 ein- 
wenden. Er hatte fompathifche Umgangs- 
formen, zeigte wärmjte Zuneigung für Ot- 
tilie: eine bejjere Verjorgung für die zweite 
Hälfte ihres Lebens fonnte fic) Maria aljo 
faum wünjchen. Die Verwandten unter- 
ftiipten die Bewerbung fdon deshalb, weil 
damit die Brüde, die zu den tragifchen Be- 
gebenheiten ihrer erften Che zurüdreichte, 
endgültig abgebrochen ward. Da Doktor 
ange feinem alten Studienfreund Mangels- 
dorff angedeutet Hatte, daß er bereit jein 
würde, Dttilie zu adoptieren, fo verſchwand 
dann auch der allen verhaßte Name Offers 
ein- für allemal aus ihrem reife. 

Indeſſen hatte die Bewerbung noch feine 
nennenswerten ortfdritte gemacht, als 
Mia von ihrer Badereife zurückkehrte. Nach 
wie vor zeigte fie Dem Profeffor ein freund- 
liches, ja herzliches Wejen, e8 beftand fogar 
etwas wie Kameradſchaft zwiſchen ihnen, 
denn fie Hatte wohl erfannt, daß fie feit 
der Trennung von ihren Gatten geijtig 
ftehen geblieben war, daß daher der Ber- 
fehr mit dem flugen, tiefgründig gebildeten 
Manne von großem Vorteil für fie fein 
fönnte, — aber dngftlid) wich fie aus, fo 
oft der Profeffor von folchen Abjtechern in 
die abjtraften Gcbiete zum Erdboden zu- 
rüdfehrte. 


475 


„Mimoſe“ — nannte der Brofeffor fie 
einmal lächelnd. 

Bei einer andern Frau in ihren Jahren 
hätte es wie fchlecht angebrachte Kofetterie 
wirken finnen. Mit ihrer mädchenhaften 
Erjcheinung, den feinen Zügen ihres blaffen 
Geſichts, dem feltfam weltentrüdten Aus- 
drud ihres Blids ftimmte die gewiffe Scheu 
und Sprödigfeit aber vollfommen überein. 

Mangelsdorffs taten alles, was in ihren 
Kräften ftand, um aus den beiden möglichſt 
bald ein Paar zu machen. Vielleicht taten 


fie fogar zu viel. Denn Mia merkte die 


Ubjiht und ward verftimmt. Befonders 
alg dann auch die ganze übrige Vertwandt- 
Ihaft begann, ein bißchen mitzufuppeln. 

Bei Mangelsdorff3 fprad auch ein per- 
fünlider Grund mit. Mias Bruder, der 
im legten Februar Oberlchrer geworden 
war, follte nach Berlin verjegt werden. Die 
Ungelegenheit war lange in der Schwebe 
gewejen. Ziemlich unerwartet traf ihn nun 
die Nachricht, daß feine Berufung fdjon für 
ben bevorjtehenden Herbjt in Augficht ge- 
nommen War. 

Trotzdem er die BVerfebung als Aus- 
zeichnung auffajjen mußte, brachte fie doch 
allerlei Störungen der bisherigen Gemiit- 
lichfeit mit fic), vor allem die Trennung 
von dem großen Werwandtentreife. Auch 
liebte Doktor Mangelsdorff Berlin ganz und 
gar nicht. Am menigiten fagte ihm der 
Gedanke zu, in eine Berliner Mietskaſerne 
ziehen zu jollen. Won einer Fahrt nad 
der Reichshauptitadt tam er dann mit dem 
feiten Entſchluß zurüd, in Groß-Lichterfelde, 
einem der weitlichen Villenvororte, fid) an- 
zufaufen. Es Iodte ihn da ein Kleines 
Landhaus, das einen befonders großen 
Garten hatte. Da der Fleine Felix jehr 
blak und ſchwächlich war, Iegte er auf einen 
Garten ſtarkes Gewidt. Das Haus war 
aber nur ein Einfamilienhaus, und wenn 
Maria mit ihrer Tochter mitziehen wollte, 
fonnte e8 nicht in Betracht kommen. 

Die ganze Berwandtichaft intereffierte 
fih natürlich für Ddiefen Plan. Er ward 
gelegentlid) aud) in der Gegenwart des 
Profeſſors bejproden. Lange war neuer- 
dings ein häufiger Gaft. Und unternahm 
man einen gemeinfamen Ausflug, jo fehlte 
er ebenjowenig. 

Während das Für und Wider des Villen- 
anfauf3 erörtert ward, fühlte Mia die for- 

31* 


476 


ſchenden Blide aller Verwandten auf fic 
ruben. Cin wohlwollendes Schmunzeln lag 
in den meiften Gefichtern. Es war gar 
nicht, al3 ob ſich's nur um eine fo äußer- 
lide Gace wie die Enticheidung in einer 
Wohnungsangelegenheit handelte. 

Das ahnte fogar Dodi. Und fie litt 
darunter, obgleich fie von allem, was dabei 
in Frage fam, nod kaum die Hälfte begriff. 
Nod inniger al3 früher Hammerte fie fid 
an ihre Mama an. Üungſtlich forfdjte fie 
oft in ihren Zügen, und wohl hundertmal 


drängte fic) ihr eine Frage auf die Bunge. 


Uber fie auszusprechen, dazu fand fie dod 
nicht den Mut. 

Doktor Mangelsdorff Hatte die Grund- 
ftüdspläne mitgebradt. In Gedanken mö— 
blierte Elifabeth fchon. Immer wieder ergab 
fih’3, daß man mit dem Raum nidt aus- 
fam, wenn für die Schwägerin und deren 
Tochter zwei Bimmer abgingen. 

„Sie hätten fidy wohl fehr über den 
Ihönen Garten gefreut, Ottilie?” fragte der 
Profefjor, der fic) bie redlidfte Mühe gab, 
der Eleinen Olferd etwas näher zu fommen, 
ohne den rechten Ton finden zu können. 
„Dder möchten Sie Lieber in Riel bleiben ?“ 

Bu einer Antwort fam e3 nicht, denn 
Onkel Alwin mifchte fih, fordial lächelnd, 
ein: als guter Hausfreund brauche er die 
fleine Ottilie doch noch nicht Sie zu nennen. 

Der Profeffor ward ein wenig rot. 
oragend jah er Mia an. „Sie geitatten 
e3, gnädige Frau?” Ladelnd fuhr er fort: 
„Freilich ftehe ich bei dem Fleinen Fräulein 
nicht fonderlid) in Gnaden. Wie, Dttilie?” 

„Sie ijt mandmal ’ne rechte fleine 
Kragbürfte!” fcherzte der Oberlehrer. 

„UÜbrigens gibt e8 hier in Kiel auch 
ganz reizende, Heine Landhausden mit 
wunderfchönen Gärten, Ottilie,“ jagte der 
PBrofeffor, „in denen Mädeld wie Du 
Tennis fpielen finnen. Und Kiel ift nun 
Dod) einmal Deine Heimat, nicht?" Etwas 
unfider fuhr er ihr mit der Hand übers 
Haar. „Bitte nun Deine Mama recht 
ſchön, daß fie lieber hier bleibt.” 

„Bei den ewigen Verfebungen,” warf 
Alwin ein, „kann fich der deutiche Beamte 
den Luxus einer engeren Heimat faum mehr 
geftatten. “ 

Der Profeffor hatte Dodis Arm in den 
feinen genommen. Lachend rief er: „Bitte 
ſehr, wir zwei find hier Eingeborene. Was, 


Paul Ostar Höder: 


Ottilie? Wir machen eine Verfchmörung, 
laffen Ontel und Tante Mangelsdorff allein 
nad) Groß - Lichterfelde pilgern und bilden 
bier fo eine Art Rütlibund!* 

E3 war eine lebhafte, faſt {uftige Stim- 
mung aufgefommen. Dodi fah, daß der 
Profefjor die andere Hand ihrer Mama 
hingehalten Hatte, den übrigen Anweſenden 
unbemerft. Als ob fie fie vor einer dunfeln 
Gefahr ſchützen müßte, rif fie fid) vom Pro- 
feſſor los und eilte zu ihr, fic) an ihren 
Arm anflammernd. 

Während dieſer fleinen Szene hatte 
Mia, teilZ aus Gene, teils vor Erregung, 
fein Wort einzumerfen vermodt. Es bot 
fic) dem Profefjor dann anderen Tags eine 
Gelegenheit, in dem fo Halb im Scherz auf- 
genommenen Thema fortzufahren. 

Schon lange mar eine gemeinfame 
Dampferpartie verabredet worden. Immer 
wieder hatte man fie verfchoben, weil Felix 


‚den Schnupfen oder der Quftigrat einen 


Termin hatte, weil Clifabeth Grobreine- 
madjen abhalten mußte, oder weil e3 in 
der zahlreichen Samilie des inzwijchen zum 
Landgerichtsrat befürderten Vetters Noeldeke 
irgendeine Störung gab. 

Dodi konnte fic) nod) immer herzhaft 
wie ein rechtes Rind freuen, wenn einmal 
ein folches Ereignis in Ausficht jtand. Und 
gewöhnlich ftedte ihre temperamentvolle 
Fröhlichfeit die andern ein bißchen an. 
Saß fie unterwegs neben ihrer Mutter, dann 
füßte fie fie oft veritohlen auf den Armel, 
ganz felig in ihrer Dankbarkeit. 

Diesmal aber trennte Tante Lisbeth fie 
von ihrer Mama. Während der ganzen 
Fahrt über die Föhrde mußte fie auf dem 
riidwartigen Verded bei den beiden Bonnen, 
bei Felix und den andern Kindern bleiben, 
während ihre Mama droben auf der Kapi- 
tinsbriide nehen dem Profeſſor ftand. Dodi 
hatte für nichts Augen und Ginn, weder 
für den Rriegshafen, noch für die Schwimm- 
bods, weder für die in unendlicher Beile 
am Ufer fic) bHinziehenden Marinewerfe, 
nod) für die wundervollen Färbungen der 
in der erften Gerbjtpradt ftehenden Laub- 
walder, an denen das Dampfboot vorüber- 
glitt: unverwandt klammerte fih ihr Blid 
an die Schlanke, ſchwarze Geftalt, die hid 
droben auf der Brüde fo Har und fcharf 
umrifien von dem blauen Marinehinter- 
grund abhob. 


Dodi. 


„sch muß doch ein fchlechterer Menſch 
fein, als ich’S fo bisher bei mir gedacht 
habe,” jagte der Profeſſor mit einem etwas 
melancholijden Lächeln zu Mia. C3 war im 
Gejpräch über den gejtrigen Heinen Vorfall 
“mit ihrer ftiirmijden Tochter. 

Sragend jah fie ihn an. Er fuhr fort: 
„Man behauptet, Kinder hätten ein jo 
feines Gefühl dafür: wer es gut mit ihnen 
meint und wer nicht.“ 

„Dttilie ift ein ganz feltjames Kind. 
Mangelsdorffs nennen jie verſchloſſen, un— 


477 


jie Hinzu: „Weil Sie ihr etwas nehmen 
wollen.“ Er wollte etwas etniwerfen, aber 
jie wehrte ihm: „Es ijt doch fo natitrlic 
— fo menſchlich — daß fie fich dagegen 
auflehnt, daß fie mit ihren jchwachen, zit- 
ternden Händchen das Leßte fejthalten möchte, 
was ihre Kindheit ihr gibt. Und wenn es 
nur ein Name iff — eine Erinnerung.” 
Mit ihren großen, jchwärmerifchen Augen 
jah jie über das blaue Wajjer hin. Es 
lag noch joviel Jugend in ihr, joviel mäd- 
chenhafte Zartheit. Er fonnte den Blid 


Aus unserer Studienmappe: 

















| 





Wuf der Landſtraße. Olftudie von Hans am Ende in Worpswede. 


zugänglich; aber e3 gibt fein zärtlicheres, 
liebebedürftigereg Gemüt als das ihre.“ 
„Es ift wahrhaftig, als ob fie bei mir 
feindfelige Abfichten witterte. Und die hab’ 
ih dod) ganz und gar nicht. Sch möchte 
mir im Gegenteil doch ihre allerwärmite 
Freundſchaft ſichern.“ Er jah Mia mit einem 
langen Blick forjchend an. „Können Sie 
mir feinen Rat geben, wie das fleine Herz 
zu gewinnen ijt? Und — wollen Sie?“ 
Sie jeufzte. „Vielleicht meinen Sie's 
wirflid) nicht fo gut mit ifr — als Sie 
glauben.” Nach einer fleinen Weile feßte 


nicht von ihr wenden. Ym Anfang ihres 
Verfehrs hatte der Gedanke, daß fie ein 
Ihon halberwachjenes Kind beſaß, ihn oft- 
mals geradezu abgejtoßen. Cs hatte für 
ihn jtarfer Selbjtüberwindung bedurft, fich 
mit ihrem Chejchicjal abzufinden. Set 
war e3 gerade der Zug mütterlicher Hin- 
gebung, der ihrem fonft jo Hilflofen Weſen 
in jeiner Schätzung eine befondere Weihe gab. 

„Slauben Sie aber nicht, Frau Ma- 
ria,“ jagte er etwas leifer als zuvor, „daß 
ein jenjibles Kind wie Dttilie es mit der 
Beit dann auch ſchon mitempfinden müßte, 


478 


wenn aus der Stillen, duldenden, fajt ver- 
grämten Mutter wieder eine junge, glüd- 
lide Frau würde?“ 

In nervöſer Erregung preßte Maria 
die Finger ineinander. Dann jchüttelte fie 
mit Schmerzlichem Ausdrud den Kopf. „Eine 
Stau, die ihr Leben jo mit Meinen und 
Sichabhärmen hingebracht hat, die hat das 
Glücklichſein wohl verlernt.“ 

„Berlernt?” Er lachte fie leiſe aus 
und Ichnte ſich, ihr das Geficht zuwendend, 
auf die Briijtung; wie unwillkürlich fam 
dabei feine Rechte mit dem jchmalen, fdwar- 
zen Handſchuh in Berührung, der ihm die 
Wärme ihres Bluts vermittelte. „Mehr 
alg das Halbe Leben fteht ja noch vor 
Ihnen, Frau Maria. Das ijt viel Zeit, 
um ein paar Yahre der Tränen und der 
Trauer zu überwinden — zu vergefjen.“ 

„Überwinden fann man e3 vielleicht. 
Bergefien nie.“ 

„Haben Sie denn je verjudjt, zu ver- 
gejjen 2” 

„Ich weiß nicht.“ 

„Sie müßten fic) vor allem aud) äufer- 
lid) [oslijen von dem, was Sie tagaug, 
tagein an Ihr Unglüd erinnert.” 

Erihroden fa fie ihn an. 
Kind und ich find unzertrennlich.“ 

„Das meinte ich nicht, Frau Maria. 
Ich dachte nur jo an das einjame und 
recht freudeleere Dajein, das Sie im Haufe 
Ihres Bruders führen.“ 

„sh verlange nichts mehr vom Leben 
— gar nidts mehr — wenn nur dies eine, 
einzige Glück mit mir fortlebt.“ 

„Ich würde e3 Ihnen nicht verfiimmern, 
rau Maria, — als reifer Mann, der ſich 
Dod nicht nur in ein hübſches Geſicht ver- 
liebt hat, jondern der den ganzen Menjchen 
liebt — jo wie das Sdhidfal ihn Hat wer- 
den laſſen.“ 

Er jagte das langjam, aber in herzlicher 
Schlichtheit, dabei jelbjt ein wenig ergriffen 
von Dem, was er jagte. Es lag eine Sin- 
nigfeit in feinem Weſen, die ihr Schon immer 
wohlgetan hatte. Er war ganz anders als 
ihr Bruder, viel freier und größer, and) 
in jeiner Zärtlichkeit nicht fo egoiſtiſch, jo 
tyrant) ch. 

„Was cine Mutter für ihr Rind emp- 
findet, Das fann fein anderes Weſen auf 
der Welt nachfühlen!“ fagte jie Leite. 


„Mein 


Paul Oskar Höder: 


„Slauben Sie — der eigene Vater 
fünnte es?“ 

„Es muß wohl nidjt fein,” gab fie 
ſeufzend zu. 

„Aber die Liebe, die hr Kind für 
feine Mutter empfindet, die Fönnte ich ſchon 
nachfühlen — und ich würde fie rejpeftieren. 
Weil ich ja auch meine eigene Mutter bis 
zu ihren Ießten Atemzug vergöttert babe, 
Frau Maria. Und weil die Mutter Ihres 
Kindes die erite Grau ijt — in meinem 
ganzen Leben, Maria, — die id) mit all 
dem, was gut in mir ift, liebe.“ 

In Miad Augen war das Wafer ge- 
treten. „Vielleicht ijt es unrecht, daß 
id) das anhöre.“ Sie fühlte feine Hand 
auf der ihren, wollte fie ihm entziehen, 
aber fügte fic) dann doc) dem Leijen Zwang. 

„sh bin ja fein Wildfang, der Sie 
trunfen reden könnte,“ fagte er lächelnd. 
„Ich hoffe im Gegenteil, daß die Beit, die 
Cammlung, die innere Ruhe — und da3 
bipden Welt- und Menjchenfenntnig, das 
Sie fi) doch Schwer genug errungen haben 
— bei meiner Werbung mithelfen wird.“ 

„ah — in der Stille fommen dann 
nur die Zweifel — und die Gewiffensbifjc.” 

„Ihre Mutterpflicht follte den eriten 
Rang in Ihrem Herzen einnehmen — nad) 
wie vor. Denn id) würde doch jelbft mit- 
leiden, wenn ich Sie oder Shr Kind leiden 
jibe. Glücklich fein ijt — glücklich machen. 
Und ein Rind wie Ottilie glüdlich zu 
machen, ihr Fleines Kinderherz, das in der 
Einſamkeit fdon fo viel zu dulden gehabt 
hat, fo recht mit Glüd zu verwöhnen, — 
das trüge doch fchon den Lohn in fid 
jelbjt. Meinen Sie nicht auch?“ 

Sie meinte nun ftill vor fi hin. „Ja 
— das trüge den Lohn in fic) felbjt!“ 
füfterte fie. 

* 
* 

Draußen in irgendeinem der hübjchen 
Ausflugsorte wurde gemeinfam der Kaffee 
genommen. Danach ſchickte man die Kinder 
mit den Bonnen auf den GSpielplag; die 
andern machten eine Promenade in den 
Waldparf, der ſich am Ufer Hinzog. 

Dodi ward nod) nicht zu den Erwad)- 
jenen gezählt. Sie war recht unglüdfich 
darüber. Tante Lisbeth fand ihre Nichte 
heute unausjtehlih. Sie bemerkte e3 fehr 
ungnädig, daß Ottilic, ftatt den Kindern 
Spiele anzugeben, immer wieder auf dent 


Todt. 


Weg swifden den bunten Bierftrauchern er- 
jdjien und mit ängjtlichen Augen den Paaren 
nachfah, die fic) wie eine lang auseinander 
gezogene Prozejiion über die ſchmalen Pfade 
des Laubwaldes bewegten und auf dem etwas 
hügeligen Gelände ihren Bliden ab und zu 
völlig entzogen wurden. Bei aller Farben- 
pradt hatte das Tandichaftliche Bild etwas 
überaus Melandolijdhes für Dodi. Aud) 
das Lachen der Kinder konnte fie aus ihrer 
jeltjamen Stimmung nicht Herausreifen. 
Hörte fie die Erwadjjenen drüben einmal 
lebhafter jprechen, dann rief fie Tanggezogen, 
aber nicht fo beherzt als ſonſt: „Ha—lo!“ 
Aber es antivortete niemand. Mia hörte 
e3 wohl gar nidt. Darauf Taufchte fie 
wieder dem NRaujchen de3 Herbjtwindes, der 
dann und twann ein goldenes Blatt von 
den Zweigen löjte, das langjam neben ihr 
zum Boden niederjdhwebte. 

Endlid) gab der Dampfer das Abfahrts- 
zeihen, und alles febte fic) in Bewegung. 
Auf dem Weg zur Landungsitelle hörte 
Dodi die Tante fehr eindringlid), aber im 
Slüfterton auf ihre Mama einreden. Als 
jie dazuftieß, fi) an den Arm ihrer Mutter 
hängend, ward fie von der Tante weg- 
geihidt. Es war ihr indefjen nicht ent- 
gangen, daß von ihr in Verbindung mit 
den andern Tags beginnenden Herbftferien 
Die Rede gewejen war. Gie hatte ftarkes 
Herzklopfen. 

Auf dem Dampfer nahm ihre Mama, 
die jebt viel lebhafter war al3 ſonſt, viel- 
leiht auch nur nervöfer, fie dann einmal 
beijeite. Es handelte fic) um einen Reije- 
plan. Die Verivandten hatten in der nächjten 
Zeit ſchon allerlei mit den Borbereitungen 
für den Umzug zu tun — aud) mit den 
vielen Abendgejellichaften zum Abichied, 
denen Lodi ja dod) noch nicht beimohnen 
durfte — aljo war verabredet worden, daß 
lie die Herbitferien diesmal bei der Tante 
Noeldefe in Flensburg verlieben follte, die 
jie Schon mehrfach eingeladen hatte. Die 
Zandgerichtsrätin fuhr am Sonnabend jo 
wie fo nad Flensburg; fie wollte fo gut 
jein, ihr Nichtchen mitzunehmen. 

Eine Trennung von ihrer Mutter entp- 
fand Dodi geradezu als Strafe. 

„Wirt Doch lieb dort fein?” fragte 
Mia ihr Töchterchen. Cie nahm jie zärt- 
lid) um den Naden, aber ihre Stimme war 
unficher, fie jal ihr auch nicht ins Wage. 


479 


Es war Dodi nicht möglich, irgend 
etwas darauf zu jagen. Das ängitliche 
Zittern meldete tid) in ihr wieder. Warum 
aing ihre Mama auf den Borjchlag von 
Onfel und Tante ein? Warum fträubte 
jie fic) nicht, fie von fic) zu laſſen — ge- 
rade jest? 

Als Abſchied genommen wurde und fie 
Dem Profefjor, der fehr freundlich) zu ihr 
jprad), die Hand geben jollte, foftete ſie's 
eine fichtliche Überwindung. 

An diefem Abend und am folgenden 
Morgen fuchte fie die Gelegenheit zu er- 
hajchen, einmal ein Bierteljtindchen mit 
ihrer Mama allein zu fein. Aber Tante 
Lisbeth bejchäftigte fie fortgcjebt, jo daß e3 
zu feiner Aussprache fam. Was fie ihrer 
Mama hätte jagen wollen, wußte jie ſelbſt 
nicht. Gegen die wachjende Angjt, die fid) 
ihrer bemächtigt hatte, fonnte fie jedod) 
faum mehr anfampfen. 

Beim Mittageffen ward genau durd- 
gefprochen, was fie einpaden jollte, Tante 
Lisbeth fam dann felbjt, um ihr Köfferchen 
zu beaugenjcheinigen und ihr beim Ber- 
Ichnüren des Kartons zu helfen, worin fie 
das Gonntagsfleid mitnahm. 

Auch der Nachmittag, auch der Abend 
verging, ohne daß Tante Lisbeth fie mit 
ihrer Mama allein gelajjen hatte. Schließ- 
ih fam’3 zum Gutenachtſagen. Trotzdem 
fie Schon im fünfzehnten Sahre ftand, mußte 
Dodi doch immer nod eine Stunde früher 
zu Bett gehen als die Crwadjenen. Langer 
als fonjt hielt Mia die Hand ihres Töch- 
terchens fejt. Plötzlich jagte fie, als ob fie 
einen ſchweren Entſchluß gefaßt hatte: „Sa, 
Dttilie, und hernach fomme id) aud) nod 
die neue Friſur ausprobieren, Du 
weißt.“ 

Dodi nidte nur. Sie wollte um alles 
in der Welt vor der Tante nicht verraten, 
wie aufgeregt fie ivar. 

Eine aus Oſterreich gefommene Schul- 
freundin bon Dodi hatte in der Ib kürzlich 
einen wahren Sturm der Begeilterung mit 
ihrer Defregger- Frifur hervorgerufen. Auch 
Dodi hatte ihre Mama himmelhoch gebeten, 
jie Defregger- Zöpfe — oder gar eine Ste- 
fanie-Rrone — tragen zu laſſen. Aber 
die Feine Requng der Eitelfeit war es jest 
nicht, was ihr das Blut jo plötzlich in die 
Wangen trieb. 

Wahrend ihre Mama ihr bas Tange, 


480 


volle, faftanienbraune Haar in mehrere 
Zöpfe flocht, ſaß Dodi till vor ihr; fie 
plauderte nicht, rührte fic) faum, fah aud) 
nicht einmal in den Spiegel. 

Aud Mia vermied es zunädhit, ihrem 
Bli€ etwa im Spiegel zu begegnen. „Was 
für dichtes Haar Du Haft, Mädel. 
Weißt Du, die erjten paar Mal mußt Du 
Dir dort von Tantes Mädchen helfen lafjen. 
Allein bringst Du’s gar nicht zurecht.” So 
plauderte fie Scheinbar unbefangen. Aber 
mit ihren Gedanken war fie nicht dabei. 
Sie fuchte nad) einem Ubergang, um Dodi 
heute in alles einzumeihen. Mit ihren Ver 
wandten hatte fie darüber {chon langatmige 
Debatten gehabt. Daß jemand anders als 
jie jelbft ihrem Kind die erite Mitteilung 
über die Trennung der Eltern, über die 
Auswanderung des Vaters, der nur halb 
verichollen, nicht geftorben war, machte, da3 
wollte fie unter feinen Umständen zugeben. 
Und doc fand fie, jo fehr fie fic) quälte, 
feinen Anfang, um ihr Herz zu entlaiten. 

„Wirſt Du dort denn Heimmeh haben, 
Dodi?” fragte Mia nach einer Pauſe etwas 
leijer, von dem Schweigen ihres Töchterchens 
nod) mehr beunruhigt. 

Dodi nidte nur. Wiederum gab’3 dar- 
auf eine Pauſe. Plötzlich aber warf fie fid 
herum und pregte ihre Geſicht gegen Mut- 
ters Schulter. 

„Mutti,” ſtieß fie aus, nur flüjternd, 
aber in großer Erregung, „ich weiß, fie 
Idhiden mich) bloß weg, weil — weil... 
Ach, Mutti, id) hab’ ja ſolche Angit!“ 

„Angft? Wovor denn Angſt, Kind?” 
fragte Mia, jelbjt mit merklich zitternder 
Stimme. 

„ach, Mutti — Herr Profeſſor Lange 
— nicht wahr, das ijt e3 doch — den 
jolljt Du heiraten! Und mich jchiden fie 
bloß weg, damit ich nicht da bin! — Ad, 
id) geb’ Did) dod) nicht her! Mutti, fie 
dürfen Did) mir doch nicht wegnehmen! 
Nein, nein, fie dürfen nicht!“ 

Mia war fo zujanmengefahren, daß fie 
faum sprechen fonnte. Erregt machte fie 
ih aus ihrer Umarmung frei. „Kind —!“ 
wehrte fie ihr. Haſtig erhob fie fid) — 
unſchlüſſig blieb fie dann dicht bet ihr 
ftehen. Schred und auch eine gewiife Scham 
kämpften in ihr. 

Angitlich folgte Dodis Blicf jeder ihrer 
Bewegungen. 


Paul Oskar Höcker: Todt. 


„Wie biſt Du nur — darauf gekom— 
men?“ fragte Mia nach kurzem Schweigen. 

„Sie haben es in der Schule geſagt 
— ja, weil Du noch ſo jung wärſt — 
und die Mama von Eggebrechts hat ſich 
auch noch einmal verheiratet, und da haben 
Lena und Willi einen Stiefpapa bekommen, 
den jie aber nicht leiden können, weil — 
weil ... Ach, und er ſieht Dich immer fo 
an — und das foll er nit! Sch bin ja 
jo ungliidlid) darüber, Mutti, ach, liebe, 
liebe, liebe Mutti!” 

Bufammenhanglos, fich überftürzend fam 
da3 von ihren Lippen. Sie warf fid 
Ihluchzend bei ihrer Mutter nieder, die fid) 
erihöpft auf die Polfterban€ beim Fenfter 
gejegt Hatte, und wiihlte ihr Gejicht in die 
Falten ihres Rleides, fie Teidenfchaftlich 
umflammernd. 

„Mädel — Mädel!” flülterte Mia ab- 
wehrend. Mit unficherer Hand fuhr fie 
über dad loje, braune Haar ihres Kinder. 
Dann pätjchelte fie Dodi auf die fic) erit 
wenig rundenden Schultern. Sie war aber 
ganz ratlos. Auf einen jolchen Verzweif— 
lungsausbruch war fie nicht vorbereitet ge- 
weſen. In einer ungewiſſen Sorge laujdte 
fie nad) dem Rorridor. Sie fühlte fic 
immer und ewig in Abhängigkeit von AL- 
win und Clifabeth, auch wenn fie nicht 
dabei waren. 

„Sag dock, Mutti, ift e8 wahr?“ 
fragte Dodi endlich, indem fie an der Geftalt 
ihrer Mama den Oberkörper aufrichtete, 
aber Auf den Knieen neben ihr liegen blieb. 


Mia Hatte die Hände erhoben und hielt 
fie nun gegen ihre Rehle gepreBt, die fie 
ihmerzte. „Sa, Dodi,” Hauchte fie Hin, 
„es ift wahr. Still, ftill, ich werde Dir 
alles jagen. Profeſſor Lange hat mich ge- 
beten, feine Grau zu werden. Und er hat 
gefagt, er wollte Did) fo Lieb haben — 
wie wenn Du — wie wenn er...” Ein 
plögliches Bittern machte ihr’3 unmöglich, 
weiterzuiprechen. Shr Kind hatte den Kopf 
aufgerichtet. Mit ihren großen, erfchrodenen, 
flehenden Augen ftarrte Dodi fie an. 

„Mutti — id) — id) Hafje ihn!“ ftieß 
fie leidenſchaftlich aus. „Sch fann ihn nicht 
ſehen —!“ 

„Weshalb dem? Rind —! 
ruhige Vic) Doc! 
gegen ibn?“ 


So bee 
Was Haft Du denn 





Im Moor. LCiftudie von Hans am Ende in Worpswere. 


Raul Osfar Hider: Dodi. 


„Er itt Schlecht, Mutti! 
wahrhaftig, er ijt schlecht!“ 

„Wie fannjt Du das nur jagen?!“ 

„Er will Dic) mir fortnehmen! Ya 
— mir und — — und Bäterchen!“ 

Nun ließ fie das Wntlig wieder in den 
Schoß ihrer Mutter fallen, ganz erjchiittert, 
ganz in Tränen aufgelöft. 

„Ah, Dodi — was Du in mir auf 
wühlſt — wie weh Du mir tuft!“ 

„Sei mir doch nicht böſe, liebe, Liebe 
Mutti, fet mir nicht böje! Ich fann dod 
nicht anders. Und wenn id) mir fo vor- 
tele .. . Lena und Willi miiffen aud 
Baterden zu ihrem neuen Papa jagen. 
Uber das ift doch gar nicht ihr Väterchen. 
Und fie haben fo geweint — aber zu Haufe 
dürfen fie gar nicht mehr von ihrem wirf- 
liden Papa fpredjen ... Weißt Du, aber 
die haben dod) wenigjtens jein Grab, wo 
jie Hingehn finnen. Ya, von der Schule 
aus — da gehn fie nämlich heimlich immer 
zum Friedhof — einmal war ich auch mit 
— und da beten fie und Sprechen mit ihrem 
Väterchen ... Aber ich weiß dod) gar nicht 
einmal, wo Bäterchen gejtorben ijt, und wo 
fein Grab ijt. Onkel Alwin jagt nur 
immer: jchweig! — wenn id) ihn frage. 
Und Du wüßteſt e3 aud) nicht, jagt die 
Tante. Ya — und wenn ich nun einen 
andern apa befommen foll — dann fann 
id) ja nicht einmal dahin gehn, wo Vater- 
den begraben liegt, und mit ihm jprechen 
jo wie Lena und Willi... Ah, Mutti, 
Mutti, laß doch den böjen, den garftigen 
Profeffor nicht zu uns fommen!” 

Un Mias Herzen riß und zerrte es. 
Das Entjegen Dodis — mehr noch ihre 
zärtliche, sabe Anhänglichkeit an ihren Vater, 
die leidenfchaftliche Liebe, die fid) in dem 
fraujen, findlidjen Gejtammel verriet — 
brachte fie nun mit einem Male zur Be- 
jinnung. 

Wohin war fie geraten? Wie war e3 
nur möglich gewejen, daß fie die Annähe- 
rung des Fremden auch nur einen Wugen- 
blid lang geduldet hatte? 

„Um Himmels willen — ſchweig!“ fiel 
Mia ganz erjchüttert ein, alg das Kind in 
jeinem wirren, teils flüfternd, teil unter 
Schluchzen vorgeitoßenen Bitten und Betteln 
fortfahren wollte. 

Wie Schuß juchend vor einer fremden 
Gewalt, die fie hatte trennen wollen, jchlang 


Gewiß und 


483 


jie plößlich beide Arme um Dodi und 30g 
jie zu fic) Halb auf ihren Scoß. 

Aneinander geflammert, Wange an 
Wange, beide die Augen jchließend, als ob 
jie fo die Gefahr, die fid) vor ihnen auf- 
getan hatte, nicht mehr zu jehen braudten, 
verharrten fie eine Weile fchweigend. 

Als Dodi fid) endlich rührte, um der 
Mutter forfdend ins Auge zu jehen, be- 
ſchwichtigte Mia fie flüfternd. ,Bleib’ fo 
jigen, Dodi, — fomm, fo — ganz nahe 
bei mir! Wir werden uns nie, nie, nie 
voneinander trennen! Still, ftill, Du folljt 
feine Wngjt mehr haben! Auch dem Pro— 
fefjor werde ich das jagen: daß wir zwei 
immer betjammen bleiben wollen. Und — 
allein.“ 

„Mutti —!" Sie rief e3 faft jauchzend. 

Mia fiipte und ftreichelte ihre Tochter. 
„sa — wir zwei ganz allein,” fagte fie 
noch einmal. 

„Dann gehn wir auch nicht mit Onkel 
und Tante nad) Groß-Lichterfelde ?” 

„Rein.“ 

„Das ift ganz gewiß?“ 

„Während Du in Flensburg bijt, werde 
ih mit ihnen jprehen. Wenn Du dann 
zurüdfommit, ift alles gefchehen.” - 

„And werden wir bier bleiben — bier 
in Riel?” Einige Unruhe lag in der Frage 
noch immer: lebte hier doch der Profeffor 
Lange! 

Sie wiegte fic) mit ihrer Tochter, die 
ih immer inniger an fie flammerte, fanft 
bin und ber. Dabei küßte fie fie Ieife auf 
den Naden. „Nein, nein, wir ziehen aud 
von Kiel weg. Bleib nur jtill und brav 
die paar Tage dort, Dodi. Denn Du 
weißt ja, id) hab's immer fo fchwer mit 
Oufel und Tante... Aber einen ſchönen, 
wunderſchönen Plan hab’ ich, Dodi!“ 

„Sag, Mutti, ad) bitte — bitte!” 

„Wenn Du aus der Schule fommit, 
dann jolljt Du dod) ein Jahr lang nad) 
der franzöfiichen Schweiz, der Sprache 
wegen, nidjt wahr? Da werde ich ihnen 
nun jagen: Du gehit jet ſchon, ja, gleich 
Anfang Oftober, wenn Onkel und Tante 
nad) Berlin ziehen.“ 

„Aber Du, Mutti?!” 

„sh gehe mit, Dodi. Ya, wir gehen 
beide gujammen. Yad Laufanne, was 
meinft Du? Oder Montreur?” 

Nun fam eS wieder zu einer langen, 


484 


ftiirmijden Umarmung. Darauf gingen fie, 
ji umjchlungen haltend, übers Zimmer. 
An Dodis fleinem ZToilettentifch hielten jie 
wieder inne. Unwillfürlih fuhr Mia in 
der unterbrochenen Arbeit fort. Die neue 
Haartradht mit den rund um den Wirbel 
gelegten Zöpfen nahm Dodi den Findlichen 
Ausdruck, ließ fie Schon viel weiblicher er- 
icheinen, aber es gefiel ihnen beiden. Wenn 
fic) beim Ausprobieren ihre Blide im Spie- 
gel trafen, fo nidten fie einander zu. 
„Mutti,“ fagte Dodi plöglich fliifternd, 


Raul Osfar Hider: 


„So — wie Bäterchen war!” wieder. 
holte Mia fajt tonlos. Dann jeufzte fie. 
„Ja, weißt Du denn, Dodi, wie Väterchen 
war?” fragte fie mit einem jchmerzlichen 
Lächeln. 

Ihre Tochter nickte heftig. Dann tauſchte 
ſie plötzlich den Platz, ſetzte ſich dicht neben 
ſie, umſchlang ihren Hals und preßte ihre 
Wange gegen die ihre. „Ich kann mich 


noch ſo genau — aber ſo genau, ſag' ich 
Dir! — an früher erinnern. An alles, 
Mutti. An faſt alles. Beſonders wenn 


Aus unserer Studienmappe: 





























Worpsweder Gehöft. Olftudie von Hans am Ende. 


indem fie ein wenig jcheu nach dem ore 
ridor laufchte, „ih Freue mich, daß wir 
von Onfel und Tante fortfommen!” 

Darauf wupte Mia nicht recht etwas 
zu erwidern. Es Hujchte nur wieder ein 
Schatten über ihre Züge. 

Dodi hielt die Hände vor den Spiegel, 
damit fie Darin feinen vorwurfsvollen Blid 
jah. „Nein, fet nicht böje, Mutti, daß ich das 
lage. Weißt Du, jest fann ich auch ſchon ganz 
gut verjtehen, daß Vaterchen fich mit Onfel 
nicht jo recht gejtanden hat. Wirklich, Mutti. 
Weit Du — jo wie Väterchen war!“ 


Bäterchen ’mal jo luſtig war. Und weift 
Du, das hab’ ich auch nie wieder ver- 
gejjen fünnen, was Herr von Webhrlein 
damals über ihn gejagt hat. Crinnerjt 
Du Did) noch?“ 

„Gewiß erinnere ich mich,“ jagte Mia, 
in Gedanken verjunfen. 

„ah — und dagegen nun der Onfel 
oder der Profejjor oder jonft jemand, irgend 
jemand auf der ganzen weiten Welt —! 
Weißt Du, Väterchen war jo ganz bejonders, 
jo ganz anders alg Onfel. Größer, meine 
id), jo in allem. Hab’ ich recht, Mutti?“ 


Dodi. 


Ein feltjamer Schmerz padte Mia wie— 
der in der Kehle an. „Ka, Dodi,” flüfterte 
fie, „den Bug ins Große hatte er —!” 

„Ach, Mutti, müßt Ihr Euch lieb gehabt 
haben! — Gag’ mir doch einmal alles, 
Mutti. Sa? Ganz von Anfang an. Wie 
Ihr Euch fennen gelernt Habt — und dann 
jpdter. Wud) das aus dem Korps nod 
einmal. Qa? Oder wie ihr durd) Nor- 
wegen gereift ſeid ... Mutti, und ift das 
denn wahr, was Onkel Alwin damal3 ge- 
jagt Hat: daß e8 Väterchen fo jchlecht ge- 
gangen ift? Iſt bas denn wahr, daß er 
daß er im Elend untergegangen ijt?” 

Unter einem Aufjtöhnen erhob fid) Mia 
und ging, die Stirn zwifchen den Händen 
baltend, übers Zimmer. Jetzt hielt fie den 
Augenblid für gefommen, ihrer Tochter die 
volle Wahrheit zu jagen. „Du ahnt nicht, 
Dodi,” begann fie unter Herzflopfen, „wie 
ſchwer, wie furchtbar ſchwer unfre Ehe war. 
Gerade weil Dein Vater fo ftürmiich war 
— Weißt Du, er wollte nur droben Ieben, 
im Sturm, auf der Höhe... Und ich war 
jo ängjtlich, fo fcheu, ein Talmenſch!“ 

„Rein, Mutti, das glaub’ ich nicht!“ 
rief Dodi, die ihr gefolgt war und fie 
wieder umjdlang. „Du bift ja fo Lieb, fo 
berzensgut. Das ift auch groß, Mutti.“ 

Mia rang nad Luft. So wie fie an- 
gefegt Hatte, fand fie nicht weiter. Und 
zu einem anderen Cingang fehlte ihr 
der Mut. 

Wieder bettelte Dodi: „Du kannſt mir 
jet alles jagen, Mutti. Ach hab fo viel, 
jo viel an Väterchen wieder denken miiffen. 
Weißt Du, weil ich immer fo fchredfiche 
Angſt davor gehabt hab’, daß der Pro- 
feffor .. .” 

nd laß dod, laß doch!” wehrte Mia 
ganz erichöpft. 

Nein, gerade jet konnte fie mit Dodi 
nicht darüber fprechen. Gerade jest nicht, 
wo das Kind injtinktiv die Gefahr heraus- 
gefühlt Hatte, die dem Herzen ihrer Mutter 
drohte, wo eine geheimnisvolle Macht Worte 
auf die Lippen ihres Kindes geführt Hatte, 
die das Bild des Verjdhollenen wieder fo 
lebendig, fo zwingend — falt warnend — 
vor ihrer Seele hatte erjtehen lafien. 

Gerwaltjam wollte fie fic) davon los— 
ringen. 

Mein, nein, e3 traf fie ja feine Schuld 
am Unglüd ihres Gatten. 





Sie hatte ihm 


485 


ganz und gar ihr Leben gewidmet. Er 
bejaß ihre Treue fogar heute noch, wo das 
Geſetz fie gefchieden hatte, er follte fie immer 
bejigen. Sie hätte ihn ja auch damals in 
der Not nicht verlajjen, wenn nidt — 
wenn nit ... 

Ein Heftiges Schluchzen unterbrach ihre 
Gedanfenfette. Sie warf fih auf Dobis 
Bett. Stöhnend blieb fie mit dem Geficht 
auf dem Kiffen Liegen. 

Kr Kind ftand ratlos dabei, fie bit- 
tend, fie beſchwörend. 

Als Mia fi) endlich wieder aufrichtete, 
hatte fie nur noch die dunkle Empfindung: 
daß fie fich verteidigen müßte. Verteidigen 
gegen eine Anklage, die niemand gegen fie 
erhoben Hatte. Die fie nur in der eigenen 
Brut vernahm. 

Wirr blidte fie um fid. 

Nein, fie konnte und fie durfte e3 dem 
Kind heute nicht fagen. 

Nie wäre fie weniger imjtande gewefen, 
fih zu verteidigen, als gerade heute. 

... Nachdem fie Dodi unter vielen, 
fajt leidenſchaftlichen Küffen Gutenadt ge- 
ſagt Hatte, ging fie leife in ihr Bimmer 
und ſchrieh. Auf den Fußſpitzen begab fie 
fih darauf zur Küche. Kleines der Mädchen 
war da. Gie öffnete die Flurtür. Ein 
falter Zugwind traf fi. Das Gas brannte 
— alfo war die Haustür noch nicht ge- 
ſchloſſen. 

Sie lauſchte nach der Wohnung zurück, 
dann huſchte fie blitzſchnell die Treppe Hin- 
unter und eilte über die Straße. Eine 
Sekunde lang hielt ſie am Briefkaſten inne, 
dann warf ſie das Schreiben hinein. 

Fröſtelnd kehrte ſie ins Haus zurück. 

Sie wartete in der Küchentür, bis ihr 
Atem ſich beruhigt hatte, dann verfügte ſie 
ſich in Alwins Zimmer, ſtill ihre Lektüre 
wieder aufnehmend. 

Was geſchehen war, erfuhren die Ver- 
wandten erjt zwei Tage fpdter, als Pro- 
feffor Zange fein Ausbleiben von der Kleinen 
Abendgefellichaft, die Mangel3dorff3 gaben, 
mit ein paar Reilen entjchuldigte. 

Frau Olfers Hatte ihm endgültig ab- 
gefchrieben. 


Neuntes Kapitel. 


Bur Bahn durfte Mia ihr Töchterchen 
nicht begleiten, denn fie hatte fic) den Abend 
zuvor Stark erfältet. Da der Medizinalrat 


486 


gerade vorſprach — die alte Hausfitte be- 
ftand bei Mangelsdorff3 nocd) immer — fo 
ward ihm die Patientin fofort zugeführt. 

„Sie find das reine Tragantpüppchen!“ 
icherzte er. „Man müßte Sie in Watte 
wideln oder in einen Glaskaſten fteden!“ 
Und darauf erließ er die Mia Schon fattfam 
befannten Verordnungen: über Macht einen 
Priesnitz um den Hals, gurgeln, Diät Halten. 

Bejorgniserregender fand er ihre Ner- 
bofität, bie von der Starken Blutarmut her- 
jtammte. 

Da weder die Eifenpräparate nod die 
Stahlbäder, weder Mild) noch die eifen- 
haltigen Gemüſe, noch Somatoje bei ihr 
anfchlagen wollten, gab er ſchließlich dem 
Dberlehrer recht: e3 taugte eben nicht, wenn 
fo ein hübjches, junges Weib ein einjames 
Witwendaſein führte. 

Durch feine Brille jah er fie verfhmißt 
pon der Seite an und fagte: „Tja, Kleine 
Frau, ih würde Bonen fchon ein Rezept 
verfchreiben können, um Ihnen aus all der 
Mijére Herauszuhelfen. Aber Sie machen 
einem ja gleich ein fo böſes Geficht, wenn 
man bloß darauf anfpielt.” 

Mia feufgte nur. Sie war Ddiefes 
Themas fo müde. Und es erbitterte jie, 
daß ihre Verwandten fic) jest gar fchon 
Hinter den alten Hausarzt zu fteden fchienen. 

Die Verhältniffe hier im Haus waren 
ihr unerträglich geworden. Daß ihr Ent- 
ſchluß, fic) für den nächſten Winter mit 
Dodi allein einzurichten, vorher noch zu 
einem ſchweren Kampfe führen würde, das 
wußte fie. Aber diesmal mußte fie ftarf 
bleiben: fie empfand die bevormundende 
Fürſorge, die zärtlich - beforgte Liebe ihrer 
Verwandten jet geradezu als Tyrannei. 

Gelegenheit zur Ausſprache fand fid 
zunächjt noch nicht. Wenn Clijabeth Abend- 
gajte bei fid) fah, dann war den Tag zu- 
vor und den Tag danach Großreinemadjen 
im Haufe — ein Wajd-, Pub- und Scheuer- 
fejt von folcher Bedeutung für die Haus- 
frau und alle Hausgenofjen, daß dahinter 
alle anderen Snterejjen zurüctreten mußten. 

In dem Dabei üblihen Zugwind er- 
fältete fih Mia aufs neue. Das gab ihr 
am darauffolgenden Mittwoch aber wenig- 
ften3 einen Vorwand, die Einladung zum 
Gymnafialdireftor, einem Wetter Langes, 
den fie dort unter Umftanden getroffen haben 
würde, ausichlagen zu fonnen. 


Paul Osfar Höder: 


Man verfammelte fid) bei Alwins bis. 
herigem Chef ſchon um fünf Uhr zum Tee. 
Bor dem Abendbrot wurde gewöhnlich mufi- 
ziert. Gegen zehn Uhr fand die Gejellig- 
feit meift ihr Ende. 

Immerhin war e8 Mia eine Wobltat, 
einmal ein paar Stunden fo ganz für fid 
zu haben. 

Nachdem Clijabeth wie ftet3 der Schwä- 
gerin, fowie dem fleinen Feliz, der Bonne 
und der Ridin nod ein paar Dugend 
Verhaltungsmapregeln gegeben und mit ihrem 
Mann die Wohnung verlaffen hatte, ließ 
ih Mia in ihrem Zimmer am Schreibtifch 
nieder, um Dodis hübſchen Brief, der fo 
{rif und frei und ungefünftelt fang, jo 
ganz ihr Ebenbild war, ausführlich zu be- 
antworten. Sie fand, daß diefer fchriftliche 
Gedanfenaustaujd ihr das Kind geradezu 
noch näher bradjte al3 die mündliche Aus— 
ſprache. Sie war dod) ſchon eine ganze 


Heine Perjon, ihre Dodi, das verjtändige, 


junge Weib regte fic) in ihr. Das ſprach 
ih in vielen, warm und natürlich empfun- 
denen Wendungen ihrer Briefe aus. 

Sie hatte ſich in ihrem Rimmer ein- 
heizen Lafjen, weil der Septemberwind recht 
garjtig durch die Fugen der Fenfter herein- 
pfiff. Nun war’s behaglih am Schreibtilch, 
jie blieb zunächſt auch ziemlich ungejtört, 
nur der Heine Feliz fam von Beit zu Zeit 
in die Tür, um die Tante zu fragen, warn 
fie denn mit ihm fpielen würde, feine Mama 
hätte e8 ihm doch verfprochen. 

Uber kurz vor ſechs Uhr Flingelte es. 

Sie fiirchtete fdjon, der Profeſſor finnte 
fic) melden lafjen. 

„Halt Du nicht gefagt, Unna, daß die 
Herrichaften ausgegangen find?” fragte fie, 
alZ das Mädchen die Karte brachte. 

„sa, aber der Herr wollte gerade die 
gnädige Frau felbft fprechen.” 

„Mich?!“ Verwundert lad Mia den 
Namen. „Gamphöven, Rechtsanwalt" — 
Itand auf der Vifitenfarte. Perjönlich kannte 
jie Den Herrn jedenfalls nicht. Aber plöß- 
lid) Hob fie in leichtem Echred den Kopf. 
Sie entjann fich des Namens. Haftig blidte 
fie an ihrem Kleid hinab und Strich fich 
medanijd die paar fraufen Löckchen aus 
der Stirn. „Ich laſſe bitten.“ 

„Sol id) den Herrn in den Salon 
führen? Dort ift aber nicht geheizt.* 

Mia nidte flüchtig. 


Dodt. 


Als fie den Befuch über den Rorridor 
fommen und nebenan in den Salon ein- 
treten hörte, fragte fie fi: wäre es nicht 
angebradjter, den frembden Anwalt an den 
Suftizrat zu verweilen? 

Warum empfing fie ihn denn eigentlich? 

Unſchlüſſig blieb fie wieder ftehen. Mit 
nervöjer Hand blätterte fie in ihrer Schreib- 
mappe. Schließlich gab fie fic) aber doch 
einen innerliden Rud und trat in den 
Salon ein. 

Camphiven verbeugte fid) höflich) und 
dankte fofort ausdrüdli dafür, daß die 
gnädige Frau fic) nicht Hatte verleugnen 
laſſen. 

„Sie erleidtern mir meine Aufgabe 
dadurch wejentlich,“ fuhr er fort, auf eine 
Bewegung von ihr fich fegend, ohne indefjen 
Den Hut aus der Hand zu lajien. „Yon 
meinem Bureau aus und jchriftlich Hätte 
ih mid) nur an den Suftigrat Dröſe wen- 
den fünnen. Ein paar private Worte tun 
aber vielleiht mehr in der heiflen Ange— 
legenheit. Es Handelt fid) um die Anfrage, 
gnädige Brau, ob Sie bereit find, Ihrer 
Tochter DOttilie zu geftatten, daß fie ihren 
Vater im Krankenhaus zu Bremen aufjucht.” 

Mia jah ihn ganz ftarr an, ohne zu- 
nächſt zu verjtehen. Sie mußte fich feinen 
legten Gag eine Weile überlegen, bevor fie 
darauf überhaupt etwas erwidern FTonnte. 
Der Schreck war ihr in die Glieder ge- 
fahren. Auch ihre Stimme war unjicher, 
alg fie fragte: „Sm Krankenhaus — zu 
Bremen? Alſo weilt mein Mann — mein 
geichiedener Mann — in Europa? Und 
— — er ijt krank?“ 

„Wie id) dem Juftigrat fdon im Mai 
mitgeteilt habe, ift Olfers feit feinem zweiten 
wieberanfall faft arbeitsunfähig gemejen. 
Das war aud) der Grund, weshalb die 
legten beiden Raten des Erziehungsbeitrags 
für feine Tochter jo minimal ausfielen.“ 

„Mber das Geld — über das Geld, 
bitte, nicht!” fiel Mia, der für eine Se- 
funde das Blut in die blafien Wangen 
trat, Haftig ein. „Das Gejchäftliche Hat 
mir Onfel Dröje abgenommen gehabt — 
und id) darf nidt ...“ Gequalt brad) fie 
ab. Ihre nächte Frage brachte aber fofort 
einen Widerfprud) zu dem, was fie gefagt 
hatte. „ES ift ihm aljo — dauernd Schlecht 
ergangen?” jtieß fie hervor. 

Camphöven merkte den Widerfprud 


487 


natiirlid) heraus. In feinem erniten Ge- 
fiht zeigte fic) jedoch nicht die geringite 
Beränderung. „Leider, gnädige Frau. Eine 
Konkurrenz, die mit bedeutenderem Kapital 
arbeitete, hatte fich neben ihm aufgetan und 
entzog ifm den Hauptverdienit. Ym lebten 
Sahre Iebte er nur von der Hand in den 
Mund. Nun famen auch noch die beiden 
Tieberanfälle dazu —“ 

„Sieberanfälle — oh — das Klima ift 
alſo Dod) — jehr gefährlih?" fragte fie 
Ihludend, nur um nicht Still zuzuhören. 
Dabei war fie erjtaunt über den fremden 
Klang ihrer Stimme. 

„Olfers bat fic) in den letzten Jah— 
ren, al3 jo alles über ihm zujammen- 
zubredhen drohte, wohl nicht mehr genug 
geichont. Oberftabsarzt Moldenhauer — Sie 
fennen ihn wohl, wenigftens dem Namen 
nah — der im vorigen Winter mit der 
Regierungsfommiffion drüben war und Ol- 
fer3 gejehen hat, der fagte mir fchon zu 
Dftern: wenn Offers einem dritten Fieber- 
anfall nicht ausmwiche, fo wäre er ein ficherer 
Todesfandidat. “ 

Nun fuhr Mia fchrekhaft empor. „Und 
er liegt jest im Krankenhaus ?“ 

Aud Camphiven erhob fid. „Sa, 
gnädige Frau. Während wir hier Sommer 
hatten, war drüben die große Regenperiode. 
In deren Verlauf meldeten fic) bei Olfers 
die Anzeichen eines neuen Anfalls. Da 
mußte er Hals über Kopf die Kolonie ver- 
lafjen. Sch erfuhr es jelbjt erit vor zehn 
Tagen, als der ‚Woermann‘ landete. Hätten 
mid) nicht wichtige Termine hier feitgehalten, 
jo wäre ich gleich zu ihm gefahren. Geftern 
abend erhielt ich aber ein Telegramm von 
ihm, da3 mich veranlaßte, jofort hingureifen. “ 

„Sie haben ihn gejehen — geſprochen?“ 

Camphiven bejahte. „Heute früh. Er 
fieht natürlich mijerabel aus. Gelbe Ge- 
fihtsfarbe — tiefliegende Augen — dabei 
enorm abgemagert. €3 war nicht eben er- 
freulihd. Natürlih ijt feine Stimmung 
ſtark deprimiert.“ 

„Er glaubt — daß er wird fterben 
müſſen?!“ 

„Ja, gnädige Frau. Der Arzt macht 
ihm zwar Hoffnung, aber es iſt ihm doch 
nach Abſchiednehmen zumute. Drum bat 
er mich, von der Bahn aus direkt hierher 
zu gehen und darum zu bitten, daß man 
ihm ſein Töchterchen ſchickt. Er wollte ihr 


488 


wenigftens nod) einmal die Hand drüden, 
fagte er.“ 

Mia hatte fid) abgewandt. Sie ver- 
mochte fi) faum auf den Füßen zu halten. 
Die Kniee zitterten ihr. Un den rud- 
weifen Bewegungen ihrer Schultern merkte 
der Rechtsanwalt, daß ein innerlides 
Schluchzen fie fchüttelte. 

„Wie die Verhältniffe liegen, brauchen 
weder Sie felbft, gnadige Grau, nod) die 
übrigen Verwandten Yhrer Tochter fich der 
Sorge hinzugeben, daß Olfers fic) etwa zu 
bitteren Worten würde hinreißen lafjen. Er 
ift fehr matt, das fortgefebte Fiebern hat 
ihn fehr geſchwächt. Wenn Gie feinem 
Erſuchen ftattgeben, fo foll darin durchaus 
feine Verfdiebung Ihres Rechtsſtandpunktes 
erblidt werden. Ein richterliches Crfennt- 
nis zu erlangen, das ihm das Recht ein- 
räumt, fein Rind zu fehen, dazu mangelt 
vielleicht die Beit. Deshalb wählt er die 
orm der Bitte.” 


Bon den Tebten Ausführungen hörte . 


Mia Schon gar nichts mehr. Wirre Ge- 
danken, Hitige Vorjtellungen jagten durd 
ihr Hirn. So nüchtern und forreft Die 
Gprade bes Fremden war — aus den 
paar Andeutungen, die er über die Begeg- 
nung gemacht hatte, geftaltete ihre Phan- 
tafie fofort ein quälendes Bild: fie fab 
ihren Gatten mit dem Tode ringen, die 
Hände nah ihr ausftreden, fie hörte ihn 
nah Dodi rufen —! 

Haftig atmend, nervös die Finger in- 
einander preffend, blidte fie endlich wie— 
der auf. 

„Meine Tochter ift augenblidlid nicht 
hier; fie ift feit Montag in Flensburg. 
Aber ich werde fie gleich zurüdholen, um 
fie Hinzubringen.* Plötzlich fah fie dem 
Beſuch mit großen Augen angftvoll forfdend 
ind Gefiht. Etwas gedämpfter, nod un- 
fiderer als zuvor, fuhr fie dann fort: „Hat 
er denn — and) nach mir gefragt?“ 

Camphiven hob bedauernd die Schulter 
und ließ fie wieder finfen. „Gnädige Frau, 
Ihr Rechtsbeiftand fonnte mir fpäterhin den 
Vorwurf machen, daß ich über meine Be- 
fugnijje Hinausgegangen ware, wenn ich auf 
diefes neue Thema einginge. Dankbar ware 
id) Ihnen, wenn Sie mir eine bejtimmte 
Ausjage über Ihre Abfichten machen woll- 
ten, damit id) meinem Klienten heute nod 
telegraphijd) Nachricht geben kann.“ 


Paul Ostar Höder: 


„Sie finnen ihm die Nachricht geben, 
daß ihm im Lauf des morgigen Tages unfer 
Kind gebracht werden wird.” 

Mod immer rang fie mit fih. Als 
der Rechtsanwalt fich Höflich verbeugte und 
zur Zür ging, hielt fie ihn mit einem halb- 
lauten, ängjtlihen Aufichrei zurüd. 

„Sehen Sie fo nit. Sagen Sie mir 
das eine einzige Wort. Hier unter vier 
Augen. Es fol fonft niemand davon er- 
fahren.” 

Die junge Frau tat ihm faft leid. Aber 
rein menſchlich Hatte er ihr Verhalten gegen 
feinen Klienten ftet3 verurteilt. Er empfand 
Daher dod) eine gewiſſe Genugtuung, ihr 
fagen zu können, daß Offers auch heute, 
wo er jhon ans Sterbenmiifjen glaubte, 
mit feiner Silbe nad) ihr gefragt Hatte. 

„In der Befprechung, die id) mit dem 

Rranfen hatte, war nur von feiner Tochter 
die Rede, gnädige Frau,” fagte er ruhig. 
Stumm nidte Mia darauf. 
Der Rechtsanwalt ging. Mia Hörte, 
daß das Mädchen, das ingwifden im Kor- 
ridor Licht gemacht Hatte, aus ber Küche 
hingufam, um dem Fremben beim Anziehen 
des Paletot3 zu helfen. Sie vernahm das 
leihte Klappern im Garbderobenftänder, als 
der Beſuch jeinen Schirm herausholte. Dar- 
auf fchloß fic) die Entreetür hinter ihm. 


* * 
* 


Aus ihrer Erſtarrung ſchreckte Mia erſt 
auf, als die Tür von ihrem Stübchen ſich 
öffnete und der kleine Felix ſich etwas 
weinerlich in den Salon ſchob. Ob die 
Tante noch immer nicht mit ihm ſpielen 
komme? fragte er. 

Mechaniſch bejahte ſie. Als ſie aus 
dem ungeheizten Raum in das bedeutend 
wärmere Nebenzimmer eintrat, überrieſelte 
ſie ein heftiger Froſtſchauer. Ihre Blicke 
irrten über den geöffneten Schreibtiſch, die 
ausgebreiteten Papiere. Sie erinnerte ſich, 
daß ſie an Dodi hatte ſchreiben wollen. 

Plötzlich fiel ihr's mit ungeheurer Schwere 
auf die Seele: Dodi wußte ja gar nicht, 
daß ihr Vater noch am Leben war! Alwin 
hatte dem Kinde ja geſagt, er wäre längſt, 
längſt geſtorben! 

Eine ohnmächtige Verzweiflung erfüllte 
ſie. Sie war ſo unſelbſtändig, ſo hilflos, 
daß ſie unwillkürlich ein paar Schritte weit 
auf das Zimmer ihres Bruders losging, 








Auguft Rodin. Aufnahme von Eduard Steichen in New York. 
Uon der Internationalen Ausftellung künjtlerifcher Photograpbien, Berlin 1905. 


Dodi. 


al3 ware für fie auch in dieſer Lage nur bei 
ihm Rat zu holen. 

Uber Alwin war ja nicht daheim. 

„Zante Maria — mann fpielft Du 
nun mit mir?” quälte der unge fie 
auf3 neue. 

„Laß mich, Felix, lap mid) —!“ Sie 
ftürmte nad) dem Korridor. Dort rief fie 
nad der Bonne. „Anna, Du mußt fchnell 
zum Seren laufen — er ijt in der Ge- 
jellfchaft beim Direftor — ich gebe Dir 
eine geile mit...“ 

Doch noch während fie fprad, verwarf 
fie den Plan wieder. Nein, Hier mußte 
Dröfe Helfend eingreifen. Sie wollte felbft 
zu ihm gehen und ihm die Angelegenheit 
vortragen. Vielleicht nahm er ihr die Fahrt 
zu Dodi, die erfte, fchwerfte Ausfprache mit 
dem Ginde ab. 

Bei der Vorftellung bes Schredens, der 
die arme Kleine erfafjen würde, wenn fie 
von ihrem Vater hörte, lief wieder ein Hit- 
tern über fie Hin. Sie taftete nad dem 
nächſten Stuhl und jegte fid. 

„Sol ih aljo gehen, gnädige Frau?” 
fragte die Bonne „Es ift nur, weil Feltz 
um balb fieben Uhr fein Whendbrot haben 
muß und Rofa einkaufen gegangen ijt —“ 

„Nein, nein, bleiben Sie, ich gehe 
ſelbſt!“ Mia war jchon auf dem Weg 
zum Schranf, aus dem fie Hut und Wetter- 
tape herausholte. 

Das verjtörte Wejen von „Tante Maria“ 
— wie man fie fordial im Haus bezeich- 
nete — machte die Bonne angftlid. „Es 
regnet aber doch fo ſtark!“ wandte fie ein. 
Sie bradte dann wenigjtens Schirm und 
Gummifdhube. Mia tajtete mit den Füßen 
nad) den Galojden. Da fie in der Er- 
regung damit nicht zurechtkam, Tieß fie fie 
jtehen. „Den Schirm, guädige Frau!” rief 
die Bonne dann, ihr nod) bis ins Treppen- 
haus folgend. 

Das Wetter war mijerabel. Der Wind 
pfiff Mia um die Ohren, ftric) an ihrem 
heißen Geficht, ihrem heißen Hal3 entlang 
und madte fie frijteln. Wn den Eden 
mußte fie gegen den Wind geradezu an- 
fämpfen, um vorwärt3zufonmen. Yn dich- 
ten Schauern prafjelte der Regen auf die 
dunfelnde Allee, die jeBt ganz menjchenleer 
war. Da und dort brad) ein morjcher At 
in den Baummwipfeln, der Wind rollte ihn 
dann eine Strede weit über das aufge- 


Velhagen & Klaſings Monatshefte. KIX. Jahrg. 1904/1905. I. Bd. 


489 


weidhte Erdreich Hin. Mia neigte den Kopf 
ganz zur rechten Schulter, der aufgelpannte 
Schirm wirkte wie ein Segel, das der Wind 
vor fich hertrieb. Ihr Kleid troff, als fie 
zur Villa gelangte. 

„Sit fo etwas erhört!” rief der Juſtiz-⸗ 
rat aus, der fofort auf die Diele heraus- 
fam, al3 er die Stimme feiner Nichte er- 
fannte. „Bei foldem Wetter —!“ 

„SH Habe dringlih mit Ihnen zu 
fpredjen, Onkel Dröfe!” 

„Konnten Sie denn niemand zu mir 
ſchicken? Was iſt's denn? Nachricht von 
Httilie?” Nun fah er die Traufe, die von 
ihrem Schirm fam. „Ja — Schwerebrett 
— gibt's in diefem Neft denn feine Stadt- 
drojdfen für folche Vifiten ?“ 

Sie ließ fich ausfchelten, ließ fic) von 
der Wirtichafterin Schirm, Hut und Um- 
hang abnehmen. Die Stüge wollte ihr 
aud einen anderen Rod und trodene 
Strümpfe geben, aber fie wehrte unge- 
buldig: „Ah, das ift ja alles Nebenfache 
— lafjen Sie mid) nur —!” 

Endlih war fie mit Dröfe in deſſen 
warmer Studierftube allein — dem großen 
Edzimmer, in dem fie von der Großmama 
mit Mar Olfers verlobt worden war — 
und da fam e3 nun in überjtürzter, un- 
flarer, atemlofer, oft unterbrochener Rede 
von ihren Lippen, nein, aus ihrer gepreß- 
ten Bruft, was fie erlebt hatte. 

Der Fuftigrat blieb ganz fühl und un- 
gerührt. Wielleicht hoffte er gerade dadurch 
das feelifche Gleichgewicht der aufgeregten 
jungen Frau am erjten wiederherzuftellen. 

Als fie Schließlich ihre Bitte vorbrachte, 
er möchte doch fogleid) im Kursbuch nad 
fehen, wann der nächſte Bug nad Flens- 
burg ging, fchüttelte er ärgerlich den Kopf. 

„Run, nun, nicht gleich fo ſtürmiſch, 
junge Frau! Das geht doch nicht fo Holter- 
dipolter über fämtliche Inſtanzen hinweg!“ 

„Beiter Ontel Dröfe, das ift bier feine 
Nechtöfrage — das ijt eine Gemiitsange- 
legenheit. Hier darf nur die Empfindung 
fpredjen. Und die fagt: man muß ihm 
das Rind Hinbringen. Ya, man muß. 
Troß allem, was geichehen ijt. Alfo tun 
Sie mir die Liebe an — helfen Sie mir!” 

„Sie find ja ganz rabiat! — Und 
was fagt denn Alwin dazu?“ 

„Mangelsdorff3 waren nicht daheim. 
Drum bin ich ja fo ratlos. Wd, id er- 
32 


490 


trüge den Gedanken nicht, er finnte jter- 
ben, ohne daß ich ihm diefe einzige, Tebte 
Bitte erfüllen jollte.” 

„Es ftirbt fi) nicht jo rafd, Kleine 
Frau. Borldufig Haben wir dod nod 
nicht3 Greifbares, nicht wahr? Camphiven 
arbeitet zumeilen Start in Gefühlsduſelei. 
Darauf fünnen wir ung aber nicht einlaffen. 
Bor allem fommen Sie ’mal zur Rube. 
Hier — Pla genommen — Schmwerebrett, 
madjen Sie mid) nicht böfe! Was foll dieſe 
Aufregung? Damit fördert und Hart man 
bod) nichts!“ 

„sh kann nicht ruhig fein. Ich zittere 
am ganzen Leib. Sehen Sie wenigſtens 
nad, wann der nädjite Zug geht. Vielleicht 
verfäume ich jonjt die Gelegenheit. Und 
Dodi muß doch erfahren... Ach, mein 
Gott, ic) dachte, Sie würden mir helfen, 
ftatt deffen quälen Sie mid nur.“ 

„Bitte, ich quale Sie nit. Ich helfe 
Ihnen auch ficher. Aber zunächſt helfe id 
Shnen überlegen. Bejtes Kind, ja, jagen 
Sie: wie finnen Sie denn daran DdDenfen, 
Shr Mädel einer folhen Erichütterung aus- 
zufeßen ?” 

„Wir find e8 Dodi fdulbig — und 
ihm — fie in einer foldjen Stunde jue 
fammen zu führen.“ 

„Schuldig? So. Wo fteht denn das? 
Im richterlichen Erkenntnis heißt es ...“ 

„Hier — in meiner Bruft jteht es!“ 
ftieg Mia nad) Atem ringend aus. Und 
nun brad) fic) endlich ein erjchütterndes 
Weinen Bahn. 

„Ra ja, da haben wir die Beicherung. 
‚sn meiner Bruft fteht es! — Zum Kudud, 
das ijt ja eine Phraſe. Nehmen Sie fid 
bor Hhiterie in acht, Sie Kleine Grau. Es 
gibt nur Recht und Unrecht, damit Holla. 
Und das Recht, Ottilie zu jehen, muß dem 
Herrn erjt gugefprodjen werden durch ein 
ſchriftliches richterliches Urteil.“ 

„Ich fenne dad Gejehbuh nit. Ich 
ſpreche nur bon meiner natürlichen Pflicht 
alg Weib — als Mutter.“ 

„Herr meines Lebens, was jo ein paar 
rührende Worte nicht alles zumege bringen. 
Das eine in Parentheſe, Brau Maria: 
Pflichten alS fein Weib gibt e3 für Sie 
nit mehr. Denn nad) dem Budhftaben 
des Gejebes find Sie feit fieben Jahren 
jeglicher Gemeinschaft mit ihm enthoben.“ 

nid, wozu das jegt — wozu das jebt?“ 


Paul Oskar Hider: 


Der Yuftigrat machte einen erregten 
Gang über Bimmer. Plötzlich blieb er 
jteben. „Wiffen Sie denn überhaupt, wie 
Herr Olfers diefe fieben Jahre über gelebt 
hat? Wie, wo, mit wen, in twelder 
Weije, he?“ 

Stumm fragend fah fie ihn an. 

„Bielleicht hat fid) Herr Olfers wieder 
verheiratet.“ 

„Wieder verheiratet ?“ 

„Run, das ware doch möglih? Das 
Recht dazu Hatte er. Alfo könnte e3 an 
feinem Kranfenbett unter Umftänden zu einer 
fehr unangenehmen Begegnung kommen. 
Ganz allein fdon für Dttiliee Und was 
nun gar Sie felbjt anbetrifft... at er 
denn nad) Yhnen perfönlich gefragt?“ 


„Nein. E3 war nur von Dodi Die 
Rede. “ | 
„Run alfo. Nun alfo. Shr Kleinen 


Frauen jeid immer gleich fo unlogifdh. Da 
wird nichts überlegt — menn bloß irgend- 
wer die Gemiitsflappe aufmadt — und e3 
fol gleich alles Hals über Kopf gehen.“ 

„Ja — aber was raten Sie nun aljo?” 

„Abwarten, rate ich.“ 

Sie tat ein paar Schritte, dann hielt 
fie wieder tiefaufatmend inne. „Nein, war- 
ten fann ich nicht.” Jn neuer Sorge feßte 
fie Hinzu: „Und er vielleicht auch nicht.“ 

„Das ließe ſich ja feititellen.“ 

„Wenn Sie Camphiven feinen Glauben 
ſchenken —!“ 

„Man müßte eben zunächſt einmal den 
Vorſtand des Krankenhauſes um einen Be— 
richt erſuchen.“ 

Mias Stimmbänder Hatten mehr und 
mehr nadgelaffen; ihr Ton Hang jest gan; 
heifer, es verurfadte ihr aud) Mühe zu 
Iprechen. 

„Das fehlte noch, daß Sie uns ernit- 
fih trant werden, Heine Frau!” polterte 
der Auftizrat. „Zunächſt trinfen Sie ein 
Glas Portwein.” Er flingelte. „Oder ijt 
vielleicht jchon der Tee fertig?“ fragte er 
die Wirtjchafterin, die gleich darauf eintrat. 

Als Mia fich jträubte, irgend etwas zu 
nehmen, trug er dem Hausfräulein auf, 
Ichleunigft eine Drojchke herbeiholen zu Laffer. 

„Eiskalte Hände haben Sie, und Shr Ge- 
ficht glüht! Nun aber mit Dampf nad) Haufe. 
Stille, ftille, feine Widerrede, Sie haben 
jest bloß zu parieren. — Und bringen Sie 
dem Frauchen meinen Pelz, Fräulein! -— 


Dodi. 


Na ja, das gibt nun bombenficher wieder 
'ne Mandelentzündung. Logik, Logif! Wann 
werdet Ihr Frauenzimmerchen Logit lernen!” 

Knapp eine Piertelftunde fpäter faß 
Mia im Wagen neben dem Juſtizrat. Gie 
weinte vor Froft, vor Aufregung, ihre 
Zähne ſchlugen mehrmals aufeinander, Die 
Beihmwichtigungsverfuche des alten Herrn 
hörte jie faum mehr. 

Sn der Mangelsdorffihen Wohnung 
angelangt ſchickte Dröfe fofort die Bonne, 
die den Heinen Felix ingwijden zu Bett 
gebracht Hatte, zum Gymnafialdirettor: ent- 
weder der Oberlehrer oder feine Frau möch⸗ 
ten ungejäumt nad) Haufe fommen. 

Mia hatte fih in ihrem Bimmer auf 
die Chaifelongue gejebt, ganz in fich zu- 
jammengedudt. Gie rithrte faum die Hand, 
als die Köchin, die auf das Geheiß des 
Suftizrats rafd) Kleider und Wäfche hervor- 
geſucht Hatte, ihr beim Umziehen behilflich 
jein wollte. 

Hernah durdgog ihren Körper aber 
Dod) ein behagliches Gefühl. Als Onkel 
Dröſe wieder eintrat, zeigte fie fich feinen 
Borftellungen auch eher zugängig. 


Beide Mangelsdorffs ließen nicht lange’ 


auf fid) tvarten. Der Juſtizrat fing fie 
im Rorridor ab. Jedes Wort, das fie 
draußen jpradjen, hörte man in Mias 
Zimmer. Cie verzog die Stirn fchmerz- 
Haft — die fcharfen Ausdrücke, die Alwin 
in jeiner ärgerlichen Erregung gebrauchte, 
taten ihr geradezu fürperlich webe. 

Dann ging die Debatte von neuem los. 

Auch der Oberlehrer ftellte fid) durchaus 
auf den Rechtsſtandpunkt. 

„Ich frage Did, Mia, was hat fich 
denn mit einem Male geändert? Krank 
war Olfers in diefen fieben Jahren fchon 
mehrmals. Er ging Dich nichts mehr an, 
alfo erfuhrft Du's nicht. Deine Leiden 
während Ddiejer fieben Sabre bildeten ein 
fortgejegte® Martyrium. Hat er je fein 
Bedauern darüber geäußert? C3 beftand 
fein anderer Verkehr zwischen Euch als der 
finanzielle. Und der war prefär genug. 
Was kann Dich alfo Heute veranlafjen, fo- 
fort feinem erjten Ruf Folge zu leiften? Hat 
er Dic) nicht böswillig verlafjen? Sit er 
nidt der allein fchuldige Teil an Eurer 
Trennung? Gage mir nur das eine: ift 
er heute weniger jchuldig al3 damalg — 
bloß, weil er erkrankt ijt?” 


491 


„Ihr feid fo graufam, fo unbarmberzig 
graufam — und fühlt gar nicht, wie grau- 
jam hr feid! — Das fann mir eben fein 
Mann nadempfinden.” 

Nun mijdte fih auch Elifabeth ein, da 
die beiden Herren fich achjelzudend nad) 
ihr umtvanbdten. 

„SH — als Frau — veritehe e3 nod 
weniger, Mia, will id) Dir nur fagen. Ich 
finde, daß eine Frau wie Du fi nicht fo 
wegwerfen dürfte.“ 

„Wegwerfen?!" Mia war zujammen- 
gefahren. „Sch Habe meine PBiliht mit 
Süßen getreten — und jet, wo id) das 
nächſte Gebot der Menfchenliebe erfüllen 
will, weil mein Gewifjen mich endlich dazu 
treibt, jegt fprecht ihr von Wegwerfen ?” 

„Wann Halt Du Deine Piliht mit 
Füßen getreten?” fragte Alwin. „Bitte — 
Das wäre ja auch ein Vorwurf gegen uns!“ 

„Das Weib fol Vater und Mutter 
verlafjen und dem Manne ihrer Wahl an- 
bangen ... Über ich habe ihn verlaflen, 
in der Not verlafjen, weil ich zu feige 
war...” 

„Maria!“ 

Weinend, unartifuliert noch einzelne 
Silben vorjtoßend, da ihre Stimme fajt 
verjagte, warf fie fic) mit beiden Armen 
auf den Tifh, ihren Kopf zwiichen den 
Händen Haltend. 

Sie jchrieben ihre Eraltation einem 
Fieberzuftand zu. Alwin fiindigte ihr fait 
drohend an, daß er Sofort den Medizinal- 
rat fommen lafjen würde. 

„Haben wir das um Dich verdient, 
Maria? Die Sorge um Dich und Dein 
Kind Hat mid) und meine gute Clijabeth 
immer auf dem Poften gefunden. Nicht 
wahr, das mußt Du doch zugeben? Sch 
will Dir nicht vorhalten, wie unjere Che 
unter der Laft diefer Verantwortung von 
Anfang an gelitten hat, denn was wir ge- 
tan haben, haben wir aus Pflidtgefiihl, 
aus Liebe zu Dir getan. Aber das ein- 
zige bißchen Dank könnten wir nun von 
Dir erwarten: dak Du uns wenigſtens 
vertrauft!” 

„Laßt mein Rind gu mir fommen — 
ich halte es fonft nicht aus!“ 

Die Herren befpraden fih. Schließlich 
jagte Alwin: „Gut. Ottilie fol kommen. 
Und e3 foll ihr freigejtellt werden, ob fie 
ihren Vater jehen will oder nicht.“ 

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„Dodi — liebt ihren Vater!" jagte Dia. 

„Weil fie die Wahrheit noch nicht weiß. 
Weil fie bid zur Stunde noch feine Ahnung 
Davon hat, daß ihr Vater fie gewiſſenlos 
mit fid) in dasjelbe Elend jchleppen wollte, 
in dem er jebt niedergebrochen if. Das 
Ydealbild, das ihr gutgläubiger Kindesfinn 
fic) von ihrem Vater ausgemalt Hat, diefer 
{dine Wahn wird dann ganz von felbjt 
hinjinfen — wird binfinfen miiffen.“ 

„Ihr wollt Schlecht von ihm fpredjen —!” 
rief Mia angftvoll, die Verwandten mit 
flehenden Augen anblidend. „Uber das 
dürft Ihr nicht — und das wird fie felbjt 
nicht dulden!“ 

„Deine Tochter wird von uns nichts 
als die nadte Tatfache hören — fo wie 
dad Gericht fie feftgeftellt hat. Bu färben 
brauchen wir wahrlich nichts. Aber id 
bin nicht im Zweifel darüber, auf welche 
Seite fie fic) jchlagen wird. Gie fann 
ihrem Vater nicht verzeihen — wenn fie 
ihre Mutter wirklich aufrichtig liebt!“ 

Der Zuftizrat gab ihm im mejentlichen 
recht; er meinte aber, daß man Ottilie doch 
nur im Falle der Not jest jchon vor eine 
derartige Alternative ftellen dürfte Mit 
ihren fünfzehn Jahren wäre fie doch immer 
nod ein Kind. Ob diefer Fall vorläge, 
da3 würde er nun auf dem denkbar Fürzeften 
Meg in Erfahrung zu bringen fuchen. 

„Der Worte find genug gemechfelt,” 
jchnitt er die weitere Unterhandlung ab, 
„kurz und gut, ich fahre morgen felbft nach 
Bremen, um mit Olfers zu fprechen!“ 

Mangelsdorff3 jahen ihn faft erfchroden 
an — über Mind Antlit huſchte ein Hel- 
lerer Schein. 

„sit es Ihnen fo recht, Frau Mar